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Gottfried Keller

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Die gesammelten Beiträge untersuchen anhand des « Grünen Heinrich », ausgewählter Gedichte sowie des « Martin Salander » wesentliche Aspekte von Gottfried Kellers Werk. Sie verdeutlichen, dass Keller, entgegen der landläufigen Meinung, auch ein « poeta doctus » war: Sein Schreiben speiste sich nicht allein aus Selbsterlebtem, sondern aus einer umfassenden Kenntnis der deutschen sowie der Weltliteratur. Die Essays zeigen, wie lohnend es ist, der Thematisierung des Lesens in Kellers Dichtung nachzugehen. Der Autor untersucht anhand intertextueller Verweise die ausdrücklichen oder impliziten Bezüge zwischen Gelesenem und Erlebtem und zeigt auf, dass und wie Kellers Figuren Mustern folgen, die literarisch vorgegeben sind. Auch in den Gedichten wird erkennbar, dass Persönliches ( « Jung gewohnt, alt getan » ) und Gelesenes (« Rosenglauben », « Sommernacht  » ) Kellers poetisches Schaffen gleichermassen anregte. Karl Pestalozzi studierte an der Universität Zürich, wurde mit einer Arbeit zum jungen Hofmannsthal promoviert und habilitierte sich an der FU Berlin mit Beiträgen zum Motiv der Erhebung in der Lyrik. Bis zu seiner Emeritierung wirkte er an der Universität Basel als Ordinarius für Neuere deutsche Literatur und war auch Rektor. Er ist Mitherausgeber der « Kritischen Gesamtausgabe von Friedrich Nietzsches Werken » (KGW), war Präsident der « Stiftung Nietzsche-Haus in Sils Maria » und präsidierte die « Stiftung für eine Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe » ( HKKA ).

Gottfried Keller

Kursorische Lektüren und Interpretationen

Karl Pestalozzi

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Gottfried Keller Kursorische Lektüren und Interpretationen

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Karl Pestalozzi

Gottfried Keller Kursorische LektĂźren und Interpretationen

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Umschlaggestaltung unter Verwendung eines Aquarells von Gottfried Keller (GKN 67), mit freundlicher Genehmigung der Zentralbibliothek Zürich Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-3916-9 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-3934-3 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Für Julia


Inhalt

Vorwort .....................................................................................

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Der grüne Heinrich .............................................................................

15

Einschiffung ...............................................................................

17

Heinrichs Reise ..........................................................................

43

Grenzübertritt ............................................................................

55

«und es ward in meiner Seele klar» .............................................

69

Die Legende vom Meretlein ........................................................

81

«Mein Vater war ein Bauernsohn». Der grüne Heinrich im Netz der Verwandtschaften ................................................................. 101 Lesen und Erleben ...................................................................... 129 «Blüh’ auf, gefrorner Christ» – Heinrich auf dem Grafenschloss ... 151 Der Grüne Heinrich von Peter Handke aus gelesen ....................... 193 Gedichte ...............................................................................................

211

Gottfried Kellers Ballade Jung gewohnt, alt gethan. Versuch einer Rettung ...................................................................................... 213 Gottfried Kellers Gedicht Rosenglaube ......................................... 221 Gottfried Kellers Gedicht Sommernacht ....................................... 239


8

Inhalt

Martin Salander ..................................................................................

249

Gottfried Kellers Widerruf im Martin Salander ........................... 251 Anhang .................................................................................................

267

Drucknachweise ......................................................................... 269 Verzeichnis der zitierten Literatur ............................................... 271


Vorwort

I Über den hier gesammelten Arbeiten zu Figuren, Begebenheiten, Themen und Motiven aus Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich (hauptsächlich in dessen erster Fassung) könnte als Motto die folgende Episode stehen. Sie stammt aus Heinrichs Bericht, wie er in seinem Heimatdorf das alte Pfarrhaus erkundet, das sein Onkel gekauft und in welches dieser bäuerliche Elemente so hineingebaut hatte, «daß sich beide Elemente, das junkerhafte und das bäuerliche, verschmolzen und durch wunderliche Thüren und Durchgänge verbanden». Heinrich fährt in seiner Schilderung fort: Unter dem Dache fand ich eine kleine Mansarde, deren Wände mit alten Hirschfängern und Galanteriedegen, sowie mit unbrauchbarem Schießgewehr bedeckt waren; eine überlange spanische Klinge mit herrlich gearbeitetem stählernem Griffe war ein seltenes Prachtstück und mochte schon seltsame Tage gesehen haben. Ein paar Folianten lagen bestäubt in der Ecke, in der Mitte des Zimmers stand ein mit Leder bezogener zerfetzter Lehnstuhl, so daß nur der Don Quixote fehlte, um das Ganze zu einem Bilde zu machen. Übrigens setzte ich mich behaglich hinein und dachte an den guten Herrn, dessen Geschichte ich, unter der Leitung meines ehemaligen Lehrers, aus dem Französischen des Mr. Florian übersetzt hatte.1

Diese Episode dient einerseits, im Kontext des Romans, gewiss dazu, einen weiteren Bereich von Heinrichs breiter, nach dem Ausschluss aus der Schule zwangsweise durch autodidaktische Lektüre erworbener literarischer Bildung zu veranschaulichen. Er ist ein intensiver, ausdauernder Leser, wie etwa auch

Gottfried Keller: Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe. Hg. unter der Leitung von Walter Morgenthaler im Auftrag der Stiftung Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe, Frankfurt a.M., Zürich 1996–2013 (HKKA), Bd. 11, S. 239 f. 1


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Vorwort

die Schilderung seiner Lektüre von Goethes sämtlichen Werken zeigt. Als einem anderen Don Quixote treten für ihn jedoch Literatur und Wirklichkeit grundsätzlich in ein vom üblicherweise angenommenen abweichendes Verhältnis. Die grossen literarischen Werke widerspiegeln für ihn nicht die gängige Wirklichkeit oder einen Ausschnitt aus ihr, sondern erschaffen aus Erinnerungen an Gelesenes eine davon abweichende andere, neue. Diese ist es, auf die Heinrich reagiert, mit der er sich auseinandersetzt. Und wie beim originalen Don Quixote ergeben sich daraus auch für Heinrich oftmals Spannungen und Konflikte mit der für alle übrigen für selbstverständlich geltenden sogenannten «Realität». Heinrichs Jugendgeschichte ist voll davon. Aber auch seltene Glücksmomente können sich, wie zu zeigen sein wird, aus diesem besonderen Verhältnis von Gelesenem und Gelebtem, Poesie und Wirklichkeit, ergeben, wie etwa der gemeinsame stumme Ritt mit Anna durch die Frühlingslandschaft im Anschluss an die «Tell»-Aufführung oder die Szene am Waldsee, nachdem Heinrich Judith aus Ariosts Orlando furioso vorgelesen hat. Damit ist vorerst das Erkenntnisinteresse angedeutet, das, mehr oder minder deutlich, den hier zusammengestellten Arbeiten zum Grünen Heinrich zu Grunde liegt. Anders gesagt: diese wollen zeigen, dass der vielgerühmte Realismus von Kellers grossartigem Roman aus der hiermit zunächst vorläufig skizzierten Spannung erwächst, deren Pole man auch als «lesen» und «erleben» bezeichnen könnte. Dass diese Thematik, die Jean Paul als «natürliche Magie der Einbildungskraft» bezeichnet und beschrieben hat,2 wenn auch natürlich nicht als einzige, in Kellers Roman in unterschiedlichen Ausprägungen gestaltet und erzählt wird, macht m. E. dessen Besonderes aus. Literaturgeschichtlich gesehen ist es jene Spannung, die Gottfried Keller in Jean Paul und Goethe, den beiden ihn am stärksten prägenden Autoren, repräsentiert und gestaltet fand. Es ist nun allerdings nicht so, dass sich die hier zusammengestellten Beiträge alle gleichermassen deutlich dieser Thematik zuordnen liessen. Dazu sind sie zu heterogen, auch was die Anlässe ihrer Entstehung betrifft, die in starkem Masse okkasionell waren. So geht es darin weniger um verschiedene

Jean Paul: Werke. Hg. von Norbert Miller und Gustav Lohmann. München 1959– 1963, Bd. 4, S. 195–205. 2


Vorwort

Facetten eines in sich geschlossenen Keller-Bildes, als um Fragmente, denen oft zufällige Fragen oder Beobachtungen zugrunde liegen, die mir genauer zu verfolgen lohnend erschien. Dass sich der Zeitraum, aus dem diese Beiträge stammen, über meine gesamte akademische Tätigkeit und die Zeit darnach erstreckt, mag sowohl gelegentliche Wiederholungen als auch Widersprüche erklären. Man wird aber wohl auch nicht übersehen, dass mir der Autor des Grünen Heinrich und sein Roman mehr und mehr ans Herz gewachsen sind. Der berühmte «Keller-Ton» schuf sich in mir einen ganz eigenen Resonanzraum, von dem, wie ich hoffe, auch Leserinnen und Leser dieses Buches etwas mitbekommen werden.

II Die hier zusammengestellten Arbeiten entstanden zu ganz unterschiedlichen Zeiten und Anlässen. Am weitesten zurück reicht meine Basler Antrittsvorlesung vom Sommer-Semester 1969 über Martin Salander, in die noch Anregungen eines an der FU Berlin gehaltenen Proseminars einflossen. Auch der kleine Beitrag zur Festschrift von Walter Höllerer über das Gedicht «Jung gewohnt, alt getan» geht auf diese Berliner Zeit zurück. Dass ich 1974 im Titel für meinen Vortrag für das Herbstbott der Zürcher Gottfried KellerGesellschaft Keller und Peter Handke zusammen nannte, sorgte damals bei den Veranstaltern noch für Irritationen. Die Beschäftigung mit dem Grünen Heinrich erhielt eine neue Intensität durch eine zweistündige Semester-Vorlesung über Kellers Roman im Wintersemester 1997–1998 an der Universität Basel. Da lagen auch schon die KellerBücher meiner befreundeten Kollegen Adolf Muschg (1977) und Gerhard Kaiser (1981) vor, die mich zu Zustimmung und Widerspruch anregten. Mein Interesse an Gottfried Keller erhielt dadurch einen neuen Schub, dass ich in das Zustandekommen der Historisch-Kritischen Gottfried KellerAusgabe (HKKA) involviert wurde und deren Werden von Anfang bis Ende (1996–2013) begleiten konnte. Kellers Einzigartigkeit ist mir eigentlich erst dadurch endgültig klar geworden. Diese an seinen Werken, vor allem am Grünen Heinrich, durch genaues Lesen und Wiederlesen aufzuspüren und zu diskutieren, machte ich mir zur Daueraufgabe. Deren Resultate bilden den Kern dieses Sammelbandes.

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Vorwort

Der Umstand, dass es sich dabei um Texte handelt, deren Entstehung z. T. weit zurückliegt, bringt den Nachteil mit sich, dass die seither erschienenen grossen und bedeutenden Hilfsmittel der Keller-Forschung nicht mehr oder höchstens noch sporadisch einbezogen werden konnten. Sie seien hier genannt, um den Leserinnen und Lesern weiterführende Nachforschungen zu ermöglichen. Es sind dies: U. Henry Gerlach: Gottfried Keller-Bibliographie. Tübingen: Niemeyer 2003. Martin Müller: Gottfried Keller. Personenlexikon zu seinem Leben und Werk. Zürich: Chronos 2007. Ursula Amrein (Hg.): Gottfried Keller Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart: Metzler 2016. Als eine Weiterführung des hier Vorgelegten empfiehlt sich der Band, der Beiträge der Dozierenden des Zürcher Deutschen Seminars versammelt: Wolfram Groddeck (Hg.): Der grüne Heinrich. Gottfried Kellers Lebensbuch – neu gelesen. Zürich: Chronos 2009.

III Was das Zustandekommen dieses Buches betrifft, habe ich an erster Stelle Barbara von Reibnitz zu danken. Ihre spontan bekundete Bereitschaft, mir bei allen nötigen editorischen Schritten behilflich zu sein, hat den vagen Plan einer Zusammenstellung dieser verstreuten Arbeiten zu einem Buch überhaupt erst konkret werden lassen. Sie knüpfte auch die ersten Kontakte mit dem Schwabe-Verlag. Barbara Handwerker liess sich gewinnen, ihre Erfahrungen mit der Buchherstellung allgemein, aber auch ihr ganz persönliches Interesse am Inhalt der aufzunehmenden Texte in den Dienst des Projektes zu stellen, das denn auch unter ihren erfahrenen Händen erstaunlich zügig Gestalt annahm. Ihr sorgfältiges Lesen, aber auch ihre freudige Zustimmung zum Gelesenen haben mir immer wieder Mut gemacht. Walter Morgenthaler, der mir befreundete Herausgeber der HistorischKritischen Gottfried Keller-Ausgabe (HKKA), erklärte sich spontan bereit, die teilweise noch nach der Vorgängerausgabe von Jonas Fränkel zitierten Keller-Zitate zu überprüfen und einheitlich auf die HKKA umzustellen. Auch sonst stand er mir mit Rat und Tat freundschaftlich bei.


Vorwort

Den grössten Anteil am endgültigen Zustandekommen dieses Buches hat jedoch meine liebe Frau, Julia Pestalozzi-Kerpel. Nicht nur, dass sie mich in Perioden des Verzagens dazu ermunterte, dranzubleiben. Ihre ausdauernde Freude am Beheben von Computer- und sonstigen Problemen, ihre Fähigkeit, genau zu lesen und zu fragen, schliesslich ihre organisatorische Umsicht halfen mir über alle auftretenden Schwierigkeiten hinweg; das Ergebnis, wie es nun vorliegt, ist weitgehend auch ihr Werk. Mein Freund CB hat mit seiner mäzenatischen Grossherzigkeit die Drucklegung des Bandes ermöglicht. Schliesslich danke ich dem Schwabe-Verlag dafür, dass er dieses Buch in sein Programm aufgenommen und sorgfältig ausgestaltet hat. Allschwil/Basel, im Herbst 2018 Karl Pestalozzi

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Der grĂźne Heinrich


Einschiffung1

Es gibt wenige Romananfänge, die so offenkundig von einem überlegten Gestaltungswillen zeugen wie derjenige der ersten Fassung des Grünen Heinrich (GH). Umso erstaunlicher ist es, dass dieser Anfang gern als ungeschickt taxiert und bis vor kurzem kaum je eingehend untersucht wurde. Es ist das Verdienst Daniel Rothenbühlers, dieses Manko erkannt und in seiner Dissertation den Romananfang des ersten GH eingehend interpretiert zu haben.2 Dabei konnte er sich an den Untersuchungen zu Romananfängen orientieren, die in der Germanistik ab Mitte der Sechzigerjahre im Umkreis Walter Höllerers aufgekommen waren und Schule gemacht hatten. Hinter Rothenbühlers eingehender Analyse steht die zentrale Einsicht, dass Keller seinen Roman, und besonders den Anfang, bewusst konzipiert hatte, in Kenntnis der einschlägigen Äusserungen und Beispiele Goethes, Jean Pauls und anderer, wie ein Roman zu beginnen habe. Es ist denn auch erstaunlich, wieviel Rothenbühler aus der exakten Lektüre des Romananfangs gewinnen kann.

Die hier vorgelegte Interpretation des Romananfangs geht auf eine Vorlesung über die erste Fassung des Grünen Heinrich zurück, die ich im WS 1997/1998 an der Universität Basel gehalten habe. Auch dabei war es darum gegangen zu zeigen, wie reflektiert Gottfried Keller bei seinem Roman von Beginn an zu Werke ging, wie gegenwärtig ihm dabei die literarische Tradition war, an die er sich anzuschliessen suchte. Entgegen dem landläufigen Keller-Bild, nach dem Keller aus dem Fundus seines durchlebten Lebens seinen Roman fast eruptiv als Autobiographie zu Papier gebracht habe, was manche seiner brieflichen Selbstzeugnisse aus Berlin zu stützen scheinen, tritt uns Keller gerade in diesem Romananfang als eigentlicher poeta doctus entgegen, der sich mit wachem Kunstverstand und auf dem Hintergrund einer umfassenden literarischen Bildung an die Niederschrift seines ersten Romans machte. 2 Daniel Rothenbühler: Der Grüne Heinrich 1854/55. Bern 2002 (= Zürcher Germanistische Studien, Bd. 56). 1


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Einschiffung

Seine genauen Detailanalysen sind in den allermeisten Fällen überzeugend, so dass deren Ergebnisse im Folgenden vorausgesetzt und dankbar benutzt werden. Ratschläge, das Anfangen betreffend, hatte Keller bei Jean Paul finden können.3 In dessen Vorschule der Ästhetik gibt dieser im § 74 «Regeln und Winke für Romanschreiber». Darin wird das Anfangskapitel als «Allmachtoder Aseität-Kapitel» bezeichnet.4 Der theologische, aus der Patristik stammende Begriff Aseität setzt den Romanautor mit Gott gleich, dessen «Vonsich-her-Sein» keine Vorgeschichte habe, ursachlos sei. So habe es ein Autor in der Hand, anzufangen, wie es seinen erzählerischen Bedürfnissen entspreche. Im Hesperus, den Keller 1843 gelesen hatte, thematisiert Jean Paul zu Beginn des «32. Hundposttages» die verschiedenen bestehenden Möglichkeiten des Anfangens als «vorgefertigte Köpfe».5 Spuren der Hesperus-Lektüre finden sich im Grünen Heinrich auch sonst.

Das erste Kapitel: Die Stadt Kellers dichterischer Gestaltungswille ist offensichtlich vom kritischen Bewusstsein begleitet, dass es auf den Anfang eines Romans als Schwelle von der Realität des Lesers in die Welt der Fiktion entscheidend ankomme. Der erste Satz des Grünen Heinrich thematisiert diesen Übergang im Medium einer geographischen Feststellung, die sich auf die ganze Schweiz bezieht und damit gegenüber der deutschen Leserschaft wie eine Visitenkarte auf die Herkunft des Autors verweist: Zu den schönsten vor Allen in der Schweiz gehören diejenigen Städte, welche an einem See und an einem Flusse zugleich liegen, so, daß sie wie ein weites Thor am

Karl Pestalozzi: Gott und sein Jean Paul – Jean Paul in Gottfried Kellers Roman «Der Grüne Heinrich». In: Markus Bernauer et al. (Hg.): Jean Paul. Dintenuniversum. Schreiben ist Wirklichkeit. Berlin 2013, S. 314–318. 4 Jean Paul: Werke. Hg. von Norbert Miller und Gustav Lohmann. München 1959– 1963. Vorschule der Ästhetik, Bd. 5, S. 263. 5 Vgl. Norbert Miller (Hg.): Romananfänge. Versuch zu einer Poetik des Romans. 12 Essays. Berlin 1965. 3


Einschiffung

Ende des See’s unmittelbar den Fluß aufnehmen, welcher mitten durch sie hin in das Land hinauszieht.6

Damit ist, mit einer leicht poetisierten sachlichen Feststellung, wie sie in einem Reisehandbuch der Zeit stehen könnte, ein Anfang gesetzt. Der Akt des Anfangens selbst ist darin in mehrfacher Weise motivisch versteckt: zum einen in dem Bild der Verengung des Sees zum Fluss, die den erwähnten Städten Zürich, Luzern und Genf sowie Konstanz gemeinsam ist. Das entspricht dem sogenannten Trichteranfang, wie ihn z. B. Jeremias Gotthelf gerne verwendet. Beim Trichteranfang, der ja auch zu einem Initialtopos im Film geworden ist, verengt sich die Totale des Blicks von oben schrittweise, bis dieser beim Schauplatz des Geschehens angekommen ist. Dieser Trichteranfang ist bei Keller in die Horizontale umgelegt und topographisch gemacht als Verengung des Sees zum Fluss. Dazu tritt als weiterer Initialtopos der Vergleich mit dem Tor. Jean Paul spricht im Hesperus vom «Tor des ersten Kapitels».7 Man kann darin auch die Kanalisierung der diffusen Wirklichkeit zum Romangeschehen angedeutet sehen. Topisch ist auch der durch Wortumstellung an den Satzanfang gerückte Superlativ «Zu den schönsten […]». Er hat seine Entsprechung in älteren trivialen Romanen, die mit der Evokation einer besonders ausgezeichneten Landschaft beginnen.8 Der Superlativ enthält einen ersten legitimierenden Hinweis, dass das Folgende etwas Besonderes und damit erzählenswert sei. Aber diese Initialtopoi sind wie gesagt in der landschaftlichen Feststellung zu den drei Städten versteckt. Dies ist in Anbetracht der Entstehungszeit des Romans insofern bemerkenswert, als hier, nur sechs Jahre nach dem Sonderbundskrieg, die damaligen Gegner Zürich und Luzern friedlich nebeneinander genannt sind und ihnen der ursprünglich nur «zugewandte Ort» Genf gleichberechtigt an die Seite gestellt ist. Das Semikolon, mit dem zu Konstanz übergeleitet wird, markiert dagegen gewissermassen die Landesgrenze. Nach dieser einleitenden topographischen und nur implizit auch politischen Feststellung wird der Übergang Gebirge – See – Fluss – Stadt am Bei-

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich. Erste Fassung, HKKA 11, S. 15. Jean Paul, Hesperus oder 45 Hundposttage. 2. Hundposttag, Bd. 1, S. 512. 8 Vgl. Karl Markus Michel: «Das Härlein an der Feder. Romananfänge aus der deutschen Trivialliteratur», in: Romananfänge, vgl. Anm. 5, S. 206–272. 6 7

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Einschiffung

spiel Zürichs detailliert dargestellt. Das geschieht, ganz im Sinne von Lessings Laokoon, nicht als statische Schilderung, sondern sukzessive von einer imaginierten Fahrt von Rapperswil nach Baden aus: «Man besteige das Schiff zu Rapperswyl.» Rothenbühler hat differenziert dargelegt, dass und wie diese Fahrt von Rapperswil see- und limmatabwärts nach Baden zugleich eine aufwärts durch die Jahrhunderte ist, beginnend im Mittelalter und endigend mit dem Hinweis auf das neue Lehrerseminar und die sogenannte Spanisch Brötli-Bahn zwischen Zürich und Baden. Diese sukzessive Schilderung von Räumlichem und Zeitlichem wird am Schluss in ein allerdings nicht recht geglücktes, dadurch leicht ironisches, allegorisches Bild einer «persönlichen Schutzgöttin des Landes» zusammengefasst. Rothenbühler deutet sie als Muse. Man kann darin aber auch eine Anspielung auf die etwa gleichzeitig in Mode gekommene allegorische Helvetia-Figur sehen, zu deren Ausstattung regelmässig der Gürtel gehört, wenn auch ohne eine kostbare Rosette wie hier. Helvetia als Muse des Romans – das unterstreicht, dass es sich um einen schweizerischen Roman handelt. Das Aufgebot dichterischer Techniken ist in dieser Schilderung Zürichs grösser als im ersten, feststellenden Satz. Aber die Darstellung zielt noch immer darauf, dem Leser, zumal dem ausländischen, eine objektiv bestehende Wirklichkeit vor Augen zu führen. Es fehlt auch nicht an Andeutungen, die das von Zürich Gesagte zu deutschen Zuständen in Kontrast setzt, so z. B. mit den Anspielungen auf die Nationalversammlung in der Paulskirche. Darauf folgt der für das weitere Verständnis entscheidende Überleitungssatz: Die Zahl dieser Städte aber um eine eingebildete zu vermehren, um in diese, wie in einen Blumenscherben, das grüne Reis der Dichtung zu pflanzen, möchte thunlich sein: indem man durch das angeführte, bestehende Beispiel das Gefühl der Wirklichkeit gewonnen hat, bleibt hinwieder dem Bedürfnisse der Phantasie größerer Spielraum und alles Mißdeuten wird verhütet.9

Das ist gegenüber dem Vorausgegangenen eine Metareflexion über zwei Möglichkeiten von Landschaftsschilderungen. Sie etabliert den Gegensatz von «tatsächlich» und «eingebildet» respektive von «Wirklichkeit» und «Phantasie» und bestimmt das Verhältnis beider zu einander. Der Gegensatz

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HKKA 11, S. 17.


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