Die Herausgeber Alexander Brungs Geb. 1966. Studium der Philosophie in Göttingen und Erlangen. Diplôme Européen d’Études Médiévales ( Rom 1995 ). Promotion zu Thomas von Aquin ( Erlangen 1998 ). Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Philosophie an den Universitäten Erlangen (1998 – 2001 ), Freiburg i. Br. ( 2007 – 2010 ) und Zürich ( 2001 – 2018 ). Arbeitsschwerpunkte historisch : Philosophie des Mittelalters und der Antike ; systematisch : Philosophische Anthropologie, Metaphysik und Sprachphilosophie. Georgi Kapriev Geb. 1960. Professor für Geschichte der Philosophie an der St. Kliment Ochridski Universität in Sofia, Bulgarien. Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung und der Andrew W. Mellon-Foundation, des DAAD und KAAD in Köln und Paris. Gastlektor an verschiedenen europäischen Universitäten. Autor mehrerer Werke zur byzantinischen Philosophie und zu ihren Protagonisten. Arbeitsschwerpunkte : byzantinische und lateinische Philosophie des Mittelalters, orthodoxe Theologie, Kultur und Philosophie im 20. und 21. Jahrhundert. Vilem Mudroch Geb. 1953. Studium der Philosophie an der McMaster University ( Hamilton / Ontario, Kanada ) und in Aix-en-Provence. Promotion 1984 in Zürich zu Kants Theorie der physikalischen Gesetze. Von 1985 bis 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der Universität Zürich. Arbeitsschwerpunkte : Philosophie des Mittelalters, insbesondere theoretische Philosophie, Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts ( Mitarbeit am Grundriss-Band 17 / 4, Mitherausgeber der Grundriss-Bände 18 / 1 und 18 / 5 ).
Ueberweg
Mittelalter
Grundriss der Geschichte der Philosophie
Die Philosophie des Mittelalters Band 1
1
Byzanz Judentum Byzanz Judentum
Herausgegeben von Alexander Brungs, Georgi Kapriev und Vilem Mudroch
Die Philosophie des Mittelalters Band 1 Byzanz. Judentum Teil I dieses Bandes behandelt die Charakteristika der Philosophie im Byzantinischen Reich und ihre Entwicklung im Zusammenhang eines mit ihr untrennbar verknüpften religiöskulturellen Gefüges. In bewährtem GrundrissVerfahren werden in konziser Form Leben und Werk jener Gelehrten dargestellt, die diese Entwicklungen vorantrieben. Der Grundriss ist nicht nur chronologisch geordnet, sondern auch nach Sprachen ( Arabisch, Griechisch oder Lateinisch ) und geographischen Regionen, weshalb die Philosophie jüdischer Autoren in unterschiedliche Reihen bzw. Bände fällt. Dem trägt Teil II des Bandes Rechnung, indem er einen Methodengeschichtlichen Aufriss zur Historiographie der Philosophie im Judentum bietet. Dieser ordnet das Schaffen jüdischer Philosophen in ihren geistesgeschichtlichen Kontext ein und reflektiert die « jüdische Philosophie » als Gegenstand sowie den angemessenen Modus ihrer Darstellung. Der Band eröffnet die Reihe Die Philosophie des Mittelalters. Er schliesst nahtlos an den letzten Band von Die Philosophie der Antike an ( Band 5 zur spätantiken Philosophie u.a. im oströmischen Reich ).
GRUNDRISS DER GESCHICHTE DER PHILOSOPHIE BEGRÜNDET VON FRIEDRICH UEBERWEG
VÖLLIG N EU BEA R BEI T ET E AUSGA BE H ER AUSGEGEBEN VON L AU R EN T C E SA LLI U N D GER A L D H A RT U NG
DIE PHILOSOPHIE DES MITTELALTERS BAND 1
BYZANZ JUDENTUM
HERAUSGEGEBEN VON ALEXANDER BRUNGS, GEORGI KAPRIEV UND VILEM MUDROCH
SCHWABE VERLAG
Publiziert mit Unterstützung der Gedächtnisstiftung Paul Schmitt
Grundriss Mittelalter 1
© 2019 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Satz: Schwabe Verlag, Berlin Druck: Hubert & Co., Göttingen Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-2623-7 ISBN E-Book (PDF) 978-3-7965-4065-3 DOI 10.24894/978-3-7965-4065-3 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Verfasst von Tzotcho Boiadjiev, John A. Demetracopoulos, Katerina Ierodiakonou, Georgi Kapriev und Yossef Schwartz
Redaktion in ZĂźrich: Alexander Brungs und Vilem Mudroch
Redaktion im Verlag: Christian Barth
INHALT
Vorwort zur Reihe DIE PHILOSOPHIE DES MITTELALTERS (Ruedi Imbach, Peter Schulthess) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort zu Band 1 (Alexander Brungs, Vilem Mudroch) . . . . . . . . . . . .
XI XXI
Verzeichnis der Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XXVII
TEIL I DIE PHILOSOPHIE IM BYZANTINISCHEN REICH Erstes Kapitel Die byzantinische Kultur und der Philosophiebegriff. Vorbyzantinische Traditionsstränge (4.-6. Jahrhundert) . . . . . . . . . . § 1. Die byzantinische Philosophie im historischen Kontext (Georgi Kapriev) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Zeitrahmen und Grundzüge der byzantinischen Kultur 5. – 2. Der Begriff einer «byzantinischen Philosophie» 7. – 3. Stand der Forschung 10. § 2. Die vorbyzantinische Tradition (4.-6. Jahrhundert) (Georgi Kapriev) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Das 4. Jahrhundert: Athanasios von Alexandrien. Die Kappadokier. Euagrios Pontikos und die Mönchsmystik 13. – 2. Das 5. und 6. Jahrhundert: Leontios von Byzantion. Dionysios Areopagita 18. Zweites Kapitel Von den Anfängen der Philosophie in Byzanz zum Klassizismus (7.-10. Jahrhundert) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . § 3. Anfänge der byzantinischen Philosophie (Georgi Kapriev) . . . . . . . . 1. Maximus Confessor 23. – 2. Johannes von Damaskus 27. – 3. Theodor Abū Qurra 31. – 4. Der Bilderstreit 32. § 4. Byzantinischer Klassizismus (9.-10. Jahrhundert) (Georgi Kapriev) 1. Einleitung 34. – 2. Leon der Philosoph / der Mathematiker 35. – 3. Photios von Konstantinopel 37. – 4. Niketas von Byzanz 45. – 5. Arethas von Kaisareia 46.
3 5
13
21 23
34
VIII
Inhaltsverzeichnis
Drittes Kapitel Die Philosophie des 11. und 12. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung (Georgi Kapriev) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . § 5. Die theozentrische Denkrichtung (Georgi Kapriev) . . . . . . . . . . . . . . 1. Symeon der Neue Theologe 53. – 2. Niketas Stethatos 56. § 6. Michael Psellos und seine Nachfolger (Katerina Ierodiakonou) . . . . . 1. Michael Psellos 59. – 2. Johannes Italos 64. – 3. Eustratios von Nikaia 67. § 7. Die Aristoteleskommentare und die Proklos-Kritik . . . . . . . . . . . . . . 1. Michael von Ephesos (Katerina Ierodiakonou) 71. – 2. Nikolaos von Methone (Georgi Kapriev) 74. Viertes Kapitel Die Philosophie des 13. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung (Georgi Kapriev) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . § 8. Die Philosophie im Reich von Nikaia (John A. Demetracopoulos) . . 1. Nikephoros Blemmydes 80. – 2. Theodoros II. Laskaris 85. § 9. Der philosophische Streit um die Unionsversuche (Georgi Kapriev) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Johannes XI. Bekkos 91. – 2. Gregorios II. (Georgios von Zypern) 94. § 10. Wichtige Lehrautoritäten, Kommentatoren und Übersetzer . . . . . . . 1. Georgios Akropolites (Georgi Kapriev) 98. – 2. Manuel Holobolos (Georgi Kapriev) 99. – 3. Johannes Pediasimos (Georgi Kapriev) 101. – 4. Georgios Pachymeres (Tzotcho Boiadjiev) 102. – 5. Sophonias (John A. Demetracopoulos) 106. – 6. Manuel-Maximos Planudes (Georgi Kapriev) 108. – 7. Nikephoros Chumnos (Georgi Kapriev) 110. – 8. Theodoros Metochites (John A. Demetracopoulos) 112. – 9. Gregorios Sinaites (Georgi Kapriev) 118. Fünftes Kapitel Die Philosophie des 14. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung (Georgi Kapriev) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . § 11. Der Hesychastenstreit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Barlaam von Kalabrien (John A. Demetracopoulos) 127. – 2. Gregorios Akindynos (Tzotcho Boiadjiev) 133. – 3. Nikephoros Gregoras (Tzotcho Boiadjiev) 137. – 4. Johannes Kyparissiotes (Tzotcho Boiadjiev) 141. – 5. Isaak Argyros (Tzotcho Boiadjiev) 144. – 6. Gregorios Palamas (Georgi Kapriev) 145. – 7. Johannes VI. Kantakuzenos (Georgi Kapriev) 154. – 8. Philotheos Kokkinos (Georgi Kapriev) 156.
49 51 53 59
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Inhaltsverzeichnis
§ 12. Der byzantinische Thomismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Demetrios Kydones (John A. Demetracopoulos) 158. – 2. Prochoros Kydones (John A. Demetracopoulos) 165. – 3. Manuel Kalekas (John A. Demetracopoulos) 168. – 4. Manuel Chrysoloras (Georgi Kapriev) 170. – 5. Maximos Chrysoberges (Georgi Kapriev) 172. – 6. Andreas Chrysoberges (Georgi Kapriev) 173. § 13. Die Antithomisten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Neilos Kabasilas (Georgi Kapriev) 175. – 2. Theophanes von Nikaia (John A. Demetracopoulos) 177. – 3. Joseph Philagrios (Georgi Kapriev) 179. – 4. Kallistos Angelikudes (Georgi Kapriev) 180. – 5. Demetrios Chrysoloras (Georgi Kapriev) 183. – 6. Joseph Bryennios (Georgi Kapriev) 185. § 14. Nikolaos Kabasilas (John A. Demetracopoulos) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Primärliteratur 187. – Leben 188. – Werk, Lehre und Wirkung 189. Sechstes Kapitel Die Philosophie des 15. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung (Georgi Kapriev) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . § 15. Wichtige Lehrautoritäten (Georgi Kapriev) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Johannes Chortasmenos 198. – 2. Markos Eugenikos 198. § 16. Der byzantinische Platonismus (Tzotcho Boiadjiev) . . . . . . . . . . . . . . . 1. Georgios Gemistos Plethon 202. – 2. Bessarion 208. – 3. Michael Apostolios 215. § 17. Der byzantinische Aristotelismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Theodoros Gazes (Tzotcho Boiadjiev) 217. – 2. Andronikos Kallistos (Tzotcho Boiadjiev) 219. – 3. Georgios von Trapezunt (Tzotcho Boiadjiev) 220. – 4. Georgios Amiroutzes (Georgi Kapriev) 222. – 5. Georgios Scholarios (John A. Demetracopoulos) 224. – 6. Matthaios Kamariotes (Tzotcho Boiadjiev) 239. Sekundärliteratur zu Teil I: Philosophie im Byzantinischen Reich Bibliographie [*1-*8] 242. – Allgemeine Literatur [*21-*123] 242. – Anfänge und Byzantinischer Klassizismus [*141-*335] 248. – Philosophie des 11. und 12. Jahrhunderts [*351-*563] 254. – Philosophie des 13. Jahrhunderts [*581-*888] 261. – Philosophie des 14. Jahrhunderts [*901-*1410] 270. – Philosophie des 15. Jahrhunderts [*1421-*1824] 286.
IX 158
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195 197 198 202
217
242
X
Inhaltsverzeichnis
TEIL II DAS LANGE JÜDISCHE MITTELALTER UND DIE DARSTELLUNG SEINER GESCHICHTE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . § 18. Methodengeschichtlicher Aufriss zur Historiographie der Philosophie im Judentum (Yossef Schwartz) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Primärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Darstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Politische und religiöse Entwicklungen im jüdischen Mittelalter 308. – 2. Die Sprachen der Juden im Mittelalter 311. – 3. Gibt es eine jüdische Philosophie im Mittelalter? 314. – 4. Zentrale Modelle im Rahmen traditioneller Historiographie 318. – 5. Jüdische Philosophien vor und nach der hebräischen Sprachwende. Neue Perspektiven auf zentrale Figuren und Ideen 324. – 6. Das Ende des jüdischen Mittelalters 340. Sekundärliteratur zu Teil II: Das lange jüdische Mittelalter und die Darstellung seiner Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
301
303 303 307
343
Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
359
VORWORT ZUR REIHE DIE PHILOSOPHIE DES MITTELALTERS
Bei der Konzeption der Reihe Die Philosophie des Mittelalters waren die folgenden miteinander zusammenhängenden Fragen leitend, die in der Forschungsliteratur sehr kontrovers diskutiert werden: Gibt es überhaupt eine Philosophie des Mittelalters bzw. eine Philosophie im Mittelalter? Gibt es – im numerischen Sinne – «eine» oder eine einheitliche Philosophie des Mittelalters? Wenn ja, von wann bis wann dauert diese? Dass es im Mittelalter Personen gab, die ihrem Selbstverständnis nach Philosophie betrieben und dass man sich auf die aus der Antike stammenden Lehren mit dem griechischen Lehnwort «philosophia» weiterhin als zu fördernde Autorität oder als zu kritisierende bezog, kann kaum bezweifelt werden. Fragwürdig aber ist «das Mittelalterliche» dieser Philosophie. Besteht das Epochale der Philosophie des Mittelalters in Positionen und Interpretationen eines einheitlichen philosophischen Gehalts (z.B. zum Verhältnis von Philosophie und Theologie, zur Beziehung von Glaube und Vernunft) oder in einer identischen Frage- oder Problemstellung (z.B. zu Gott, Naturrecht, Freiheit, Schöpfung) oder im methodischen Zugriff («Scholastik») während eines bestimmten Zeitraums oder muss gar die Einheit einer historisch-kulturellen Epoche vorausgesetzt werden? Diesbezüglich wurden mannigfache und z.T. widersprechende oder heterogene Konzeptionen einer Einheit und entsprechend der Anfangs- und Endpunkte der Periode oder Epoche der Philosophie des Mittelalters erwogen, vorgeschlagen und diskutiert. Im Grundriss der Geschichte der Philosophie (im Folgenden kurz: Grundriss), in welchem die Geschichte der Philosophie unter Berücksichtigung verschiedener Positionen und Interpretationsansätze unvoreingenommen und ausgewogen dargestellt werden soll, wird die Voraussetzung einer Einheit des Gegenstandes bereits dadurch vermieden, dass die Bände weder inhaltlich noch auf ein Ziel der Entwicklung ausgerichtet, sondern äußerlich, in den neutralen Grenzen von Jahrhunderten, chronologisch gegliedert werden. In dem hier verfolgten Ansatz, der nicht systematisierend oder typisierend Einheiten «konstruiert» und philosophische Vorentscheidungen unkritisch übernimmt, sondern eine Vielfalt zu sichten und Differenzen hervorzuheben sucht, werden die Philosophie/n bzw. die philosophischen Fragestellungen, Gedanken, Meinungen oder Thesen, Argumente und Begriffe deshalb über ihren Inhalt hinaus auch mit den zu ihrem Kontext gehörigen Koordinaten Sprache, (Wirkungs-)Ort/Region, Zeit und Institution vermessen, womit sie dann auch vor einem politischen, ökonomischen, institutionellen oder sozialen Hintergrund thematisiert werden. Dies alles erfolgt in der Überzeugung, dass es kein Philosophieren geben kann, das vollständig kontext- und perspektivenfrei, traditionslos oder sprachungebunden ist. Denn die in der Philosophie tätige Vernunft, verstanden als rein formales Vermögen (logos, ratio), muss sich etwas sagen, (vor)geben lassen oder etwas Gegebenes als Anfängliches voraussetzen (seien dies Natur, Offenbarung, Wissenschaft, Traditionen, Erfahrungsweisen des Lebens oder Überzeugungen) oder sie muss bei einem gemeinsamen
XII
Vorwort zur Reihe Die Philosophie des Mittelalters
Ausgangspunkt des Verstehens ansetzen. Selbst ein philosophierender Geist, der sich selbst in seiner Anfänglich- oder Ursprünglichkeit begreifen will, steht auf einem Grund und Gewebe von Tradition (wenn auch einer abzulehnenden), Natur und Sprache, wie z.B. aus der Philosophie der Aufklärung ersichtlich ist: Eine philosophische Aussage oder These, eine Argumentation und ihre Begrifflichkeit liegen nicht einfach objektiv vor, sie sind immer in Sprache gefasst und haben nur schon aus diesem Grunde historische Komponenten. Damit ist aber keineswegs einem schlichten Relativismus oder Historizismus das Wort geredet, sondern es wird lediglich dem konkreten Philosophieren und seinen Bedingungen Rechnung getragen, das als Denken oder Bewusstsein – mit Descartes gesprochen – einerseits Akt (modus cogitandi) einer Person wie auch andererseits Inhalt (realitas objectiva) ist, ohne dass damit aber schon eine Abhängigkeit des einen vom anderen gesetzt wäre. Das Vorgehen im Grundriss ist zwar historisch, aber nicht historizistisch: In einer historischen Rekonstruktion wird versucht, die Texte einer vergangenen Periode der Philosophie in ihrer eigenen Sprache und Terminologie und den Wahrheiten ihrer Zeit zu rekonstruieren. Die Anwendung gegenwärtiger Terme, Begriffe und Überzeugungen wird hingegen vermieden, wodurch sich das historische Vorgehen auch von der rationalen Rekonstruktion unterscheidet. Zu dieser Berücksichtigung der sprachlichen Abhängigkeit des Textes gesellt sich die vom weiteren Kontext: Was verwirklicht ein Autor mit oder beim Verfassen eines Textes? Wie vollzieht er dies, z.B. innerhalb welcher literarischen Gattung? In welchem (institutionellen, personellen, sozialen, historischen und doktrinalen) Umfeld tat er es? In einer historischen Rekonstruktion rekonstruiert man vergangene Texte darüber hinaus nicht nur in ihren eigenen Termen, sondern prüft auch, ob zeitgenössische Standards der Argumentation von den vergangenen abweichen. Der Geschichte der Logik, des Sprachverständnisses und der stärkeren oder schwächeren Bedeutung der Rhetorik muss dabei entsprechend großes Gewicht beigelegt werden. Ebenso versucht man die Darstellung ohne anachronistische Termini wie «Naturwissenschaft» oder «Erkenntnistheorie» und ohne feste Positionsbezeichnungen wie «Averroismus» oder «Nominalismus», die oft polemischer Herkunft sind oder einer doktrinären, früheren oder späteren Problemstellung entstammen, durchzuführen oder letztere dann in ihrer je unterschiedlichen historischen Bedeutung zu verwenden. In solcher Darstellung der Philosophiegeschichte wird ein offener Philosophiebegriff vorausgesetzt, der die historische Bedingtheit und Veränderbarkeit der Philosophie bzw. dessen, was «Philosophie» genannt wird, anerkennt. Dabei soll das Selbstverständnis der Philosophie und des Philosophen bzw. der Philosophin der vergangenen, untersuchten Zeit freigelegt werden, zur Sprache kommen und für die Darstellung leitend sein. In diesem Vorhaben finden – wo dies möglich ist und sinnvoll erscheint – die grundlegenden konzeptionellen Vorgaben für die gesamte Neubearbeitung des Grundrisses Anwendung. Nicht nur die berühmten Autoren, sondern auch die sog. «minores» sollen zu Wort kommen. Ein «treues Miniaturbild», wie Friedrich Ueberweg im Vorwort zum zweiten Teil seines Grundrisses der Geschichte der Philosophie formulierte, ist im Mittelalter besonders auch deshalb angezeigt, weil durch die Curricula, Methoden und «auctoritates» (z.B. Aristoteles als «philoso-
Vorwort zur Reihe Die Philosophie des Mittelalters
XIII
phus») einheitliche Debattenzusammenhänge vorherrschen und sich die Wichtigkeit der Autoren erst dann erschließen lässt, wenn man den umgebenden Diskussionskontext ausreichend kennt. Dabei wird die in den bisherigen Bänden des Grundrisses übliche Einteilung der Darstellung in Schriften, Biographie, Werkbeschreibung, Lehre, Rezeption und Forschungsliteratur berücksichtigt. Die spezifischen historiographischen und methodologischen Aspekte werden ausführlich in den Bandvorworten und allfälligen Kapiteln zum Philosophiebegriff erörtert. *** Es ist angebracht, die Einordnung der mit diesem Band zu eröffnenden Reihe Die Philosophie des Mittelalters in das übergreifende Gesamtvorhaben des Grundrisses kurz zu erörtern. Der letzte Band der Reihe Die Philosophie der Antike (Band 5: Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike, Basel 2018) präsentiert die griechische Philosophie in ihrer Fortführung und Weiterentwicklung bis ins 7. Jahrhundert in den hellenistischen Schulen im römischen Umfeld, im kaiserzeitlichen Aristotelismus, im Neuplatonismus, den Schulen von Athen und Alexandrien, in Verbindung mit den neuen Fragestellungen bei jüdischen Philosophen sowie bei christlichen Autoren in der patristischen Literatur griechischer, lateinischer und syrischer Sprache. Die darin dargestellte kaiserzeitliche und spätantike Fassung der antiken Philosophie ist der gemeinsame Ausgangspunkt philosophischen Denkens in der jüdischen, christlichen und islamischen Tradition. Bildung, Wissenschaft oder Philosophie, die in der Antike als etwas spezifisch Griechisches wahrgenommen wurden, lebten in der islamischen Welt oder in Byzanz nahtloser weiter als in Westeuropa nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches. An diesen Band schließen deshalb zwei Reihen an, welche die lateinische, griechische und arabische Philosophie sowie diejenige jüdischer Autoren thematisieren: Die Reihe Philosophie in der islamischen Welt, bei der schwerlich von «Mittelalter» gesprochen werden kann, thematisiert im Band 1 (8.–10. Jahrhundert, Basel 2012) das Aufkommen der Philosophie im arabisch-islamischen Kontext unter Anknüpfung an und Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie sowie iranischen Denktraditionen, wie sie auf verschiedenen Wegen an die Araber überliefert wurden (§ 1.5). Im folgenden Band 2 dieser Reihe werden über die arabischislamischen Autoren hinaus auch jene jüdischen Autoren behandelt, die in der islamischen Welt lebten und arabischsprachige Werke (meist in hebräischen Lettern) verfassten (§ 11). Was die lateinischsprachige Philosophie betrifft, erstreckt sich die Reihe Die Philosophie des Mittelalters bis an das Ende des 13. Jahrhunderts. Im Fall der Byzantinischen Philosophie reicht die Darstellung bis zum Ende des Byzantinischen Reiches (1453). Für die Philosophie im Judentum kann man je nach Verständnis einer jüdischen Philosophie von einem «langen Mittelalter» sprechen (vgl. dazu Grundriss, Mittelalter I, Vorwort und Teil II). Wenn dieser vorliegenden Reihe eine Region zugeordnet werden müsste, dann wäre es das mittelalterliche Europa, der Erdteil der Christenheit, wie Isidor (Ety-
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Vorwort zur Reihe Die Philosophie des Mittelalters
mologiae VII/6.18; IX.2.37) es fasste, der in den Augen der Kreuzfahrer von der seit dem 7. Jahrhundert im Osten und später im Süden angrenzenden islamischen Welt unterschieden werden kann. Dieses mittelalterliche Europa ist keineswegs bloß das lateinische, sondern umfasst auch – in der Benennung von Enea Silvio Piccolomini, dem späteren Papst Pius II. im 15. Jahrhundert – das «andere Rom» (altera Roma) oder das «andere Auge Europas» (alterum Europe oculum), also Konstantinopel oder Byzanz. Die Darstellung der griechischen Philosophie knüpft also im hier vorliegenden Band 1 (Teil I: Die Philosophie im Byzantinischen Reich. Teil II: Methodengeschichtlicher Aufriss zur Historiographie der Philosophie im Judentum) an das Kapitel 13 des Bandes 5 der Reihe Antike (Philosophie der späteren christlichen Autoren im Osten) an, worin auch schon die frühbyzantinischen Denker zur Sprache kommen. Teil I des Bandes thematisiert die Philosophie im Mittelalter in griechischer Sprache, die vorab im Byzantinischen Reich in Anknüpfung an die klassischen und spätantiken griechischen Philosophen betrieben und weiterentwickelt wurde und sich als ein durchaus beachtenswerter Bestandteil des philosophischen Erbes des Mittelalters erweist. Die Kapitel 7 und 15 des Bandes 5 der Reihe Antike (Philosophie im hellenistischen Judentum; Philosophie im rabbinischen Judentum) bilden einen Anknüpfungspunkt für einen methodengeschichtlichen Aufriss zur Historiographie der Philosophie im Judentum im Europa des Mittelalters, der dem vorliegenden Band beigegeben ist. Während die Darstellung der Bände 2 bis 4 der Reihe Die Philosophie des Mittelalters, also die lateinischsprachige Philosophie, bis zum Ende des 13. Jahrhunderts reicht, erstrecken sich die Darstellungen der Philosophie im Byzantinischen Reich und im Judentum etwas darüber hinaus, weil der übliche Periodisierungsbegriff Mittelalter da nur eingeschränkt anwendbar ist (siehe dazu das Bandvorwort). Die Bände 2 bis 4 der Reihe Die Philosophie des Mittelalters sind der Philosophie in lateinischer Sprache gewidmet. Dort werden aber auch die lateinischen Übersetzungen von islamischen und jüdischen Autoren, wie von Averroes oder Maimonides, und deren Rezeption im lateinischen Abendland berücksichtigt. Die Behandlung dieser Autoren selbst erfolgt im Band 2 der Reihe Philosophie in der islamischen Welt. Band 2 der Reihe Die Philosophie des Mittelalters (7.–11. Jahrhundert) knüpft in der Darstellung der Autoren an das Kapitel 14 (Die Philosophie der späteren lateinischen Autoren am Übergang zum Mittelalter) des Bandes 5 der Reihe Antike an, worin die christlichen Autoren vorgestellt werden. Zu ihnen gehören insbesondere Boethius, Cassiodor und Isidor, Bischof von Sevilla, im ersten Drittel des 7. Jahrhunderts, die in den lateinischen Übersetzungen, Kompendien und Kompilationen das Wissen der klassischen antiken Philosophie ins lateinische Mittelalter überführen und vermitteln. Band 3 (12. Jahrhundert) und Band 4 (13. Jahrhundert, Basel 2017) komplettieren die Reihe Mittelalter. Die Zeit vom 14. bis zum 16. Jahrhundert wird im Rahmen einer eigenen Reihe behandelt. Die Geschichte der Philosophie am Maßstab der Philosophiebegriffe und der philosophischen Interessen und Themen der untersuchten Zeit, nicht an demjenigen einer späteren Zeit oder gar der Gegenwart darzustellen, erfordert, gewisse Themen und Autoren einer früheren Zeit (z.B. Boethius in Grundriss, Antike, V
Vorwort zur Reihe Die Philosophie des Mittelalters
XV
§ 187 oder die frühbyzantinischen Denker in Grundriss, Antike, V insbesondere §§ 177-180) im späteren Band nochmals mit Blick auf ihre Rezeption zu behandeln (Boethius im Band 2 der Reihe Die Philosophie des Mittelalters; die frühbyzantinischen Denker in derselben Reihe im Band 1, § 2) oder sogar überhaupt erst im späteren Band darzustellen. So werden antike und spätantike Grammatiker wie Dionysius Thrax, Apollonios Dyskolos, Donat und Priscian, die rein zeitlich in den Band der Reihe Antike gehören, erst im Band 2 der Reihe Die Philosophie des Mittelalters dargestellt, weil die Grammatik in der Spätantike für die Interessen der damaligen Philosophie (z.B. Logik oder (Meta)Physik) wenig bedeutend war. Höchstens waren umgekehrt Themen der Philosophie für die Grammatiker von Interesse wie die Kategorien für die Theorie und die Zahl der Wortarten. Seitens der Philosophie entwickelte sich eine ausgeprägte Beschäftigung mit der Grammatik aus dem logischen Interesse an Syntax und Semantik (insbesondere im 11. und 12. Jahrhundert). Die Grammatik als Wissenschaft (nicht als «ars») wurde ein zentrales Thema der Philosophie im 13. Jahrhundert auch aus ihrem Zusammenhang mit der Metaphysik (vgl. Grundriss, Mittelalter, IV Kap. 9). In einer Gesamtdarstellung der Geschichte der Philosophie, wie sie der Grundriss anstrebt, steht auch die Aufgabe an, die Philosophie einer gewissen Zeit nicht nur nicht aus der Philosophie der Gegenwart heraus, sondern allgemeiner nicht unmittelbar aus der Sicht einer späteren – auch nicht der unmittelbar anschließenden – Zeit und deshalb auch nicht primär oder gar ausschließlich wirkungsgeschichtlich zu betrachten. Im Vorwort zum zweiten Teil (Christliche Philosophie: Erste Periode: Die patristische Philosophie; Zweite Periode: Die scholastische Philosophie) der dritten Auflage formulierte Ueberweg selbst dies schon so: «[Z]umeist […] habe ich den Fehler zu vermeiden gesucht, der in der Auffassung und Darstellung der christlichen Urzeit nicht selten begangen wird, später aufgekommene Gedanken, sei es als Gedanken oder unter der Form von Factis (sic!), antedatirend in die Geschichte selbst hineinzutragen.» Man sollte also durch Präsentation der Grammatiker in der Darstellung der Philosophie der Spätantike nicht ein ausgeprägtes Interesse am dazumaligen Verhältnis von Grammatik einerseits und Philosophie (z.B. Logik oder Metaphysik) andererseits suggerieren. Grammatik war als «ars» ein Teil eines Bildungsprogrammes zur Philosophie, nicht Gegenstand der Philosophie selbst. Ein weiteres Beispiel stellt das römische Recht dar, wie es durch den Erlass des oströmischen Kaisers Justinian 534 (Codex Iustinianus) über Abschriften vom Osten in den Westen (Italien) gelangte und durch zeitgenössische Interpretationen und Gesetze vom 11. bis zum 15. Jahrhundert ergänzt, glossiert und kommentiert wurde. Der Codex Iustinianus, eine Sammlung von Entscheidungen des Kaisers, wurde zusammen mit einer von Justinian in Auftrag gegebenen Kompilation von römischen Juristenschriften, den Digesten oder Pandekten, sowie einem approbierten Elementarlehrbuch für Juristenschulen in Konstantinopel oder Beirut, den Iustiniani Institutiones, und den neuen Gesetzen (Novellae) seit dem 12. Jahrhundert Corpus iuris und seit dem 13. Jahrhundert Corpus iuris civilis genannt. Für die politische Philosophie, welche die Gerechtigkeit untersucht, ist die Rezeptionsgeschichte des Corpus natürlich von großer Bedeutung: Der Terminus «ius» komme, so Isidor, von «iustus»
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Vorwort zur Reihe Die Philosophie des Mittelalters
(V.III.1), und in den Digesten wird die Wissenschaft vom Recht in Bezug zur «wahren Philosophie» gesetzt (D.1.1.1.1.). Nun ist aber die weitere nur schon rechtliche und politische Geschichte und Bedeutung des Corpus iuris nicht nur sehr ungesichert, auch standen der Anwendung des Corpus iuris im Osten wie im Westen verschiedene Hindernisse in der Rechtspraxis entgegen. Zu erwähnen sind lokale Rechtssysteme im Osten und Westen, aber auch sprachliche Probleme, insofern nämlich die Quellen lateinisch waren und erst um 900 ins Griechische übersetzt wurden, wohingegen die «Novellae» griechisch waren. Auch Hindernisse in der politischen Entwicklung, speziell im Westen, wo die Digesten im frühen 7. Jahrhundert in Vergessenheit gerieten, sind hier zu nennen. So erwähnt beispielsweise Isidor von Sevilla die Digesten in seinen Aufzählungen von Rechtssammlungen nicht (Etymologiae, V.I). Für eine Thematisierung derselben in der politischen Philosophie bildete im Westen der sogenannte politische Augustinismus ein Hindernis für die Beschäftigung mit einer normativen Lehre von Recht und Politik: In Augustins wirkungsmächtiger Konzeption der beiden durch Willensrichtungen getrennten Bürgerschaften, der Gemeinschaft derer, die nach dem Fleische leben, der Bösen (civitas terrena, Erdenstaat) einerseits, und der Gemeinschaft der Heiligen, der Auserwählten (civitas Dei, Gottesstaat) andererseits, werden die irdische Ordnung, das Recht und die Politik gewissermaßen entwertet. Zwar zielt der Staat auf Frieden, allerdings bloß als Freiheit vor äußerer Bedrohung, aber nicht auf wahre Gerechtigkeit und den wahren Frieden in Gott. Staat, Gesetz, Recht und Geschichte sind gleichsam etwas Äußerliches; sie zielen nicht auf das Innere des Menschen und dessen Erlösung oder Glück. Wenn rationale Politik nicht der Förderung der menschlichen Vollkommenheit und des menschlichen Glücks dient, wird eine normative Theorie des Politischen unwichtig. Im lateinischen Abendland trat dann erst im ausgehenden 11. Jahrhundert mit dem Auffinden der Digesten bzw. deren Wiederentdeckung eine Wende in der Bedeutung der Rechtssammlung mit der politischen Entwicklung und einem gewissen Wiederaufleben der antiken Poliskultur im Städteleben in Oberitalien ein, wo in Bologna unter Beteiligung von Irnerius eine Artistenschule geschaffen wurde, in der Beamten und Juristen ausgebildet wurden und eine eigentliche Wissenschaft vom Recht entstand. Im Zusammenhang mit der Romidee wurden die Quellen des römischen Rechts wieder interessant für die (z.B. kaiserliche) Herrschaft, für den Handel oder die Eigentumsverhältnisse, und das Corpus iuris wurde dem Rechtsunterricht zugrundegelegt. Zudem entstanden in Anlehnung daran Sammlungen zum Kirchenrecht (Corpus iuris canonici), z.B. um 1140 in Bologna das Decretum Gratiani, das wegen der gesammelten, miteinander konfligierenden Canones auch Concordia discordantium canonum genannt wurde und das prägend für die christlichen Denk- und Lebensverhältnisse war. Beide Corpora wurden nicht nur für Unterricht und Methode (Hermeneutik, Distinktionskunst, «quaestio disputata») an der Universität im Mittelalter bedeutend, sondern z.B. auch für die praktische Philosophie und die ethischen Lebensverhältnisse wie Ehe, Pfründe, Buße etc. Diese Rechtssammlungen werden entsprechend in den Bänden 2 und 3 (§ 34) der Reihe Mittelalter behandelt. ***
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Der hier vorliegende erste Band der Reihe Die Philosophie des Mittelalters behandelt im Teil I die Philosophie oder die Philosophien im Byzantinischen Reich. Dort wurden die Texte der griechischen Philosophie überliefert – die meisten Autoren der griechischen Antike sind in byzantinischen Abschriften erhalten – und in voller Vertrautheit mit der Sprache ohne Übersetzungsschwierigkeit und -differenz direkt zur Kenntnis genommen und philologisch in Editionen, Kommentaren oder Glossen bearbeitet. Zu erwähnen ist z.B. die älteste erhaltene Handschrift des Aristotelischen Organons von Arethas von Kaisareia sowie die von ihm mit Scholien und Konjekturen versehenen Handschriften der Werke Platons. Er glossierte zudem die Kategorien und die Isagoge Porphyrs. Der Band behandelt einerseits die Bewahrung der griechischen Philosophie wie auch die allfällige Weiterentwicklung zu einer mittelalterlichen griechischen oder eigenständigen byzantinischen Philosophie. Andererseits stehen in seinem Fokus die christliche Auseinandersetzung mit dieser Philosophie im Osten und die Frage der Unabhängigkeit bzw. Verschiedenheit der Philosophie/n in Byzanz von den frühen östlichen Vätern oder der Entfaltung des Christentums. Aber auch der Austausch mit und die Abgrenzung von der lateinischen Philosophie im Westen sowie von der arabischen in der islamischen Welt sind wichtige Themen. Dieses Gebiet der Philosophiegeschichte war lange Zeit vernachlässigt, zumal auch die These vertreten wurde, dass es gar keine oder keine eigenständige byzantinische Philosophie gebe und auch wenig Textausgaben zur Verfügung standen. Auch nach intensivierter Forschungsarbeit in den letzten 30 Jahren sind die Fragen nach einer Essenz und Kontinuität «einer einheitlichen» byzantinischen Philosophie, nach der Eingliederung der Philosophie oder Philosophien in die reichhaltige, multiforme intellektuelle Geschichte im Byzantinischen Reich, nach der Abgrenzung der Philosophie von der Theologie und nach der Pluralität der Ansätze derer, die sich «Philosophen» nannten, noch virulent. In vielen Philosophiegeschichten kommt eine Philosophie in Byzanz nicht selbstständig und chronologisch in ganzer Länge oder in einer Gesamtdarstellung vor; vielmehr wird sie stückweise und meist in Abhängigkeit von der lateinischen Philosophie oder nur in ihrer Wirkung auf sie (z.B. byzantinische Aristoteles-Kommentatoren) vorgestellt. Der alte Ueberweg (10. Ausgabe) z.B. berichtet davon in zwei Paragraphen, nämlich zum einen auf 19 Seiten in §17 (Die Griechen des fünften bis achten Jahrhunderts) im Abschnitt Die Patristische Philosophie nach dem Konzil zu Nicäa und zum anderen im lediglich 9 Seiten umfassenden § 32 (Die byzantinische Philosophie im Mittelalter) des Abschnitts Die Frühscholastik. Im vorliegenden Band wird eine Gesamtdarstellung der Philosophie im Byzantinischen Reich versucht. Im Teil II des vorliegenden Bandes gibt Yossef Schwartz eine Übersicht über Philosophie im Judentum in Europa im Rahmen einer Erörterung der methodologischen Schwierigkeiten einer Geschichtsschreibung der Philosophien jüdischer Autoren, die über einen langen Zeitraum in wechselnden Sprachen, polyzentrisch ohne politische Einheit und Territorium, im Exil geographisch zersplittert und kontextuell gebunden, aber durch die gemeinsame Religion verbunden sind. Auch die zeitliche Eingrenzung wird hier gesprengt, insofern das jüdische Mittelalter ein «langes Mittelalter» ist. Die Leitlinien des Grundrisses, nach denen die Phi-
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losophiegeschichte nach Sprache, Regionen oder Wirkungsorten und nach absoluter Chronologie geordnet dargestellt wird, ermöglichen im Falle der jüdischen Philosophierenden keine Eingrenzung in ein gesondertes Kapitel «Philosophie im Judentum», sondern erfordern ihre Integration in ein Projekt globaler Philosophiegeschichtsschreibung. Die vorliegende Darstellung der Historiographie hat indes auch die Funktion, den an jüdischen Philosophien Interessierten einen historisch-methodologischen Leitfaden an die Hand zu geben und ihnen die Stellen im Gesamtwerk des Grundrisses anzuzeigen, wo Philosophien jüdischer Autoren dargestellt werden: Die Philosophie im hellenistischen Judentum sowie im rabbinischen Judentum kommen im zweiten und dritten Teilband des Bandes 5 der Reihe Antike (Kap. 7 und 15) zur Darstellung; die jüdischen Philosophen im arabischsprachigen Umfeld (einschliesslich maghrebinischer und jemenitischer Autoren) werden im Band 2 der Reihe Philosophie in der islamischen Welt besprochen; Band 2 der Reihe Mittelalter wird einen Abschnitt über die Beziehung des Philosophierens im christlichen Europa von 600 bis 1100 zu der jüdischen Kultur und den jüdischen Gemeinden in Europa enthalten. In Band 4 der Reihe Mittelalter (§ 7.6) fällt die Rezeption philosophischer Schriften aus dem Judentum in der lateinischen Welt (Isaak Israeli, Avicebron, Abraham ibn Ezra, Abraham ibn Daud, Maimonides und Hillel ben Shmuel ben Elazar aus Verona). Das Wirken der hebräisch schreibenden jüdischen Autoren im späten 12. und 13. Jahrhundert wird im Teil II dieses vorliegenden Bandes kurz thematisiert. Wichtige jüdische Autoren (z.B. Gersonides, Moshe Narboni und Chasdaj Crescas) werden selbst und in ihrer Rezeption im lateinischsprachigen Umfeld in den Bänden zum 14., 15. und 16. Jahrhundert vorgestellt. In der Reihe Die Philosophie des 17. Jahrhunderts kommen das jüdische Denken und die neue Philosophie (Isaac Cardoso) (I § 15) sowie jüdische Denker in Amsterdam und Spinoza (II § 23-24) zur Sprache, in der Reihe Die Philosophie des 18. Jahrhunderts sind es Moses Mendelssohn und die Haskala (V § 18) sowie Salomon Maimon (V § 48.2). *** Mit Blick auf die Bedeutung der Geschichte der Philosophie für die Philosophie überhaupt schließen sich die Herausgeber dieser Reihe mit voller Überzeugung den mittelalterlichen Worten des Archidiakons und Kanonikers von Lincoln, Henry von Huntingdon (ca. 1088–ca. 1156), an, der im Vorwort zu seiner Historia anglorum über die Geschichte im Allgemeinen schrieb: Die Geschichte bringt das Vergangene in den Blick, wie wenn es präsent wäre. Sie spricht für oder gegen etwas sich vorgestelltes Zukünftiges, indem sie dies aus dem Vergangenen beurteilt. Daneben hat das Wissen um frühere Ereignisse diese vorzügliche Mitgift, dass sie selbst die Rohen, Wilden oder Stumpfsinnigen von den vernünftigen am meisten unterscheidet. Denn die Rohen, Menschen und Tiere, wissen nicht, woher sie kommen, wessen Geschlecht oder wessen Herkunft sie sind, sie kennen nicht die Zufälle und vergangenen Geschehnisse ihrer Heimat, und wollen es auch nicht wissen. Unter denen beurteile ich die Menschen in dem (wilden) Zustand als unglücklicher und unheilvoller: Denn was den Tieren aufgrund ihres Geschaffenseins geschieht, kommt diesen aus ihrer eigenen Vernichtung
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oder Vernachlässigung zu. Und was Tiere nicht können, auch wenn sie wollen, das wollen diese nicht, obwohl sie können. Aber genug von diesen, deren Leben und Tod mit der Mitgift des ewigen Vergessens ausgestattet werden soll. (Historia igitur preterita quasi presentia visui representat; futura ex preteritis imaginando diiudicat. Habet quidem et praeter hec illustres transactorum noticia dotes, quod ipsa maxime distinguat a brutis rationalbiles. Bruti namque homines et animalia unde sint nesciunt, genus suum nesciunt, patrie sue casus et gesta nesciunt, immo nec scire volunt. Quorum homines quidem illos infeliciores iudico; quia quod bestiis ex creatione, hoc illis ex propria contingit inanitione, et quod bestie si vellent non possent, hoc illi nolunt cum possint. Sed de his iam transeundum est, quorum mors et vita, sempiterno dotanda est silentio.) (Henry, Archdeacon of Huntingdon, Historia Anglorum. The History of the English People, ed. and tr. D. Greenaway, Oxford 1996, 4)
Wenn wir, wie die Antike und das Mittelalter, die Aufforderung des Orakels zu Delphi: «Erkenne dich selbst» (gnothi sauton, nosce te ipsum) – als Mensch – als Erkenntnisinteresse der Philosophie akzeptieren und den Menschen als gewordenes, historisches Lebewesen verstehen, das aus dem Bewusstsein seiner Geschichte und seiner selbst heraus planen, sich entwerfen und reflektieren kann und muss, dann gehört zum Philosophierenden vernünftigerweise ein Interesse an der Geschichte der Philosophie. Die Herausgeber drücken damit die Hoffnung aus, dass die Reihe Die Philosophie des Mittelalters in diesem Sinne zum aktuellen Philosophieren einen unverwechselbaren Beitrag leisten kann. *** Die Herausgeber der Reihe Die Philosophie des Mittelalters danken dem Herausgeber des Bandes 5 der Reihe Die Philosophie der Antike, Christoph Riedweg, und dem Herausgeber der Reihe Philosophie in der islamischen Welt, Ulrich Rudolph, für die für das Gesamtprojekt notwendige, gute und anregende Zusammenarbeit. Im Dezember 2018
Ruedi Imbach und Peter Schulthess