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Aufklärung über Religion

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RELIGION

Mit « Sinn und Geschmack für das Unendliche » versuchte Friedrich Schleiermacher, den « Gebildeten unter ihren Verächtern » die Religion schmackhaft zu machen. Unter dieser Prämisse möchten die vorliegenden literarischen Untersuchungen Kernbestände religiöser Phänomene wie Glauben und Wissen, Gefühl und Verstand, Liebe und Krieg, Tod und Jenseits, Schuld und Sühne, Heil und Unheil sowie einige säkulare Transformationen und Substitute erschließen.

AUFKLÄRUNG ÜBER

AUFKLÄRUNG ÜBER RELIGION

HANS-GEORG POTT

AUFKLÄRUNG ÜBER

RELIGION

Hans-Georg Pott hat Germanistik und Philosophie in Berlin ( FU ), Mainz und Düsseldorf studiert. Vor seinem Ruhestand war er 1983–2011 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Düsseldorf.

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HANS-GEORG POTT

Literarische Perspektiven


Hans-Georg Pott

Aufklärung über Religion Literarische Perspektiven

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag Berlin GmbH Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Caspar David Friedrich. Der Mönch am Meer. Öl auf Leinwand. 110 × 171,5 cm. Berlin. Alte Nationalgalerie. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7574-0056-9 ISBN eBook (PDF) 978-3-7574-0057-6 DOI 10.31267/978-3-7574-0057-6 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabeverlag.de www.schwabeverlag.de


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Erstes Kapitel: Cœur et raison

I.

Jean Paul: Aufklärung über Religion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

19

II.

Friedrich Spee und die Mystik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

39

III.

Herzstrahlen. Zur Lyrik Friedrich von Spees und Josef von Eichendorffs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

59

Waldeinsamkeit. Paradigma einer Daseinsmetapher bei Eichendorff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

77

Schleiermachers Reden über Religion / Hölderlins Religionsfragment und Anmerkungen zum Empedokles-Projekt .

95

Die Logik des Herzens und die Theomorphie Max Schelers . . . .

111

IV. V. VI.

Zweites Kapitel: Heilige, Märtyrer und Dämonen

VII.

Vom Krieg gegen die Muslime und die Frau. Zeitgemäße Betrachtungen zu Ludwig Tiecks Trauerspiel Leben und Tod der heiligen Genoveva (1799) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

131

Heiliger Krieg, Charisma und Märtyrertum in Schillers romantischer Tragödie Die Jungfrau von Orleans . . . . . . . . . . . .

143

IX.

Das Dämonische bei Goethe und Eichendorff . . . . . . . . . . . . . . .

175

X.

Über das religiöse Genie. Die Heilige Ottilie in Goethes Wahlverwandtschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

193

Die Erwählten. Zur medialen Produktion von Heiligen und Thomas Manns Der Erwählte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

217

VIII.

XI.


6

Inhalt

Drittes Kapitel: Tod und Jenseits

XII. XIII.

Das Ich und der Tod. Zur biographisch-testamentarischen Form des Romans bei Jean Paul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

237

Tod und Jenseits nach der Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

249

Viertes Kapitel: Transformationen / Substitute

XIV.

Am Anfang war das Wort. Aspekte einer ‹Religion› der Sprache bei Novalis und Heidegger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

275

XV.

Das Erhabene und die Moderne bei Jean Paul . . . . . . . . . . . . . . .

291

XVI.

Heil-Kur-Orte. Über den Humor bei Jean Paul und Hermann Hesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

305

XVII. Neue Apostel des Heils um 1900 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 XVIII. Verantwortung und Schicksal. Zu Gerhart Hauptmanns Atriden-Tetralogie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337 XIX.

Poetischer Nihilismus: Jean Paul und Wolfgang Hilbig . . . . . . .

351

Fünftes Kapitel: Ausweg

XX.

Den lieben Gott lass ich nur walten. Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

367

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 Personenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 Nachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403


Vorwort

Keine Welt wäre erbärmlicher, als die ich begriffe. (Jean Paul) Der Geist arbeitet sich nur so lange in den Gegenständen herum, solange noch ein Geheimnis, Nichtoffenbares darin ist. (G. W. F. Hegel) Wem eine gewisse religiöse Musikalität eigen ist, Sinn und Geschmack für das Unendliche (Schleiermacher), und wer zugleich versucht, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen, Autoritäten infrage stellt, ich nenne ihn Aufklärer, der wird bestehenden Religionen und gerade derjenigen, mit der er aufgewachsen ist, nicht ohne Ambivalenzen begegnen können. Religiosität, (christlicher) Glaube, Frömmigkeit sind mehr als Theologie zu fassen vermag. Das Göttliche in der ungeheuren Vielfalt seiner Erscheinungen ist seit den Anfängen begreifenden Denkens auch Gegenstand der Kunst – und damit zugleich ein Nährboden für Widersprüche, Unbegreifliches, Unbegriffliches, Transformationen und Metamorphosen; wogegen Dogmatiken, Lehrgebäude, Enzykliken eine Art von ‹Statik› zu errichten versuchen. Zudem gehört Religionskritik in welcher Form auch immer zur Aufklärung seit ihren Anfängen in der Antike – ganz unabhängig von Prozessen der Säkularisierung. An die Gebildeten unter ihren Verächtern: so untertitelt Friedrich Schleiermacher seine Reden über Religion. An die aufgeklärten, religiös musikalischen und unmusikalischen Zeitgenossen möchten meine literarischen Untersuchungen adressiert sein, die versuchen, einige Kernbestandteile religiöser Phänomene in der Literatur der Neuzeit zu erkunden, wie Herz und Verstand, das Unheilvolle, Tod und Jenseits, moderne Substitute des Religiösen, um sie, wer weiß, zu konservieren, zu retten, oder dem weiteren Nachdenken zu empfehlen. Warum Dichtung? Die Antwort muss letztlich


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Vorwort

aus meinen Ausführungen selbst erfolgen. Die Sprache des Religiösen, da wo es sich nicht um moralische Vorschriften handelt, gründet im Unbegrifflichen, für das die Metaphorik, die Gleichnisse und narrative Erzählformen zuständig sind, insofern sie ein Sinnganzes (Gott, Unsterblichkeit, Jenseits, Welt, Kosmos u. a.) ‹vorstellt› oder von (wunderbaren) Ereignissen erzählt. Die Wahlverwandtschaft mit der Religion lässt sich mit den Worten des Dichters und Wissenschaftlers Robert Musil treffend benennen: «Dichtung gibt Sinnbilder. Sie ist Sinngebung. Sie ist Ausdeutung des Lebens. Die Realität ist für sie Material. (Aber: Sie gibt auch Vorbilder. Und sie macht Teilvorschläge) […] Sinnvolles Erfassen ist etwas anderes als nüchternes Verstehen. Es ist nicht nur Verstandes-, sondern in erster Linie Gefühlsordnung. Sinngebung ist jedenfalls auch innere Lebensgebung. Ohne Frage, sie ist – was ja auch schon ausgesprochen wurde – mit dem Religiösen verwandt; sie ist ein religiöses Unterfangen ohne Dogmatik, eine empirische Religiösität. Eine fallweise. / Die Lösung solcher Fragen liegt am Ende unendlicher Prozesse.»1 Was immer Religion als historisch gewordene Gestalt in der Vielfalt ihrer Erscheinungen ist; die persönliche, individuelle Frömmigkeit sollte unantastbar sein. Sie ist ein Komplement der Würde des Menschen, die auch ohne Religion unantastbar ist. Sakrale Räume und Institute sind von daher Medien der Frömmigkeit, wie es auch die Natur sein kann. Niemand erhebe sich über ein Muttergottesbild am Wegesrand. Ein gutes altes Wort ist Herzensfrömmigkeit. Kindlicher Glaube mit den schönen Bildern der Geschichten aus dem Neuen Testament, vom Kind in der Krippe und den in biblischen Landen umherziehenden Jesus mit seinen Jüngern, der Menschen heilt, die Aura der biblischen Ortschaften See Genezareth, Bethlehem, Kapernaum, Galiläa: man kann, wenn man als Erwachsener zu einer wie immer bescheidenen Vernunft kommt, die Bilder mit Heilkraft bewahren. Und alle sakralen Räume, Kirchen, Moscheen, Synagogen können ein Gefühl der Geborgenheit, Andacht und Feierlichkeit vermitteln – wie auch immer die Gedanken schweifen und das Gemüt gestimmt ist. Dem gegenüber verblassen alle großspurigen Reden, Ideale, Utopien, Verheißungen und Versprechungen, kurz alle Abstraktionen im Lauf der Zeiten. So schreibt Theodor Fonta-

Musil, Robert: Gesammelte Werke in neun Bänden, hg. von Adolf Frisé, Bd. 7, Hamburg 1978, 970 f. 1


Vorwort

ne: «Hoheitsaufgaben, die doch nicht gelöst werden können, verwirren die Menschheit nur. […] Aber so wie das praktische Leben für den Alltagsgebrauch danach eingerichtet werden soll, gerathen wir in die Nesseln und schreien au.»2 Jedes Religionssystem, wie immer die Botschaft lautet, ist gleich weit von Gott entfernt; nicht jedoch der fromme Glaube eines einzelnen Menschen an einen Gott der Liebe, der Güte und der Gerechtigkeit.

Erstes Kapitel: Cœur et raison Unter den großen Dichtern und Denkern, die religiöse Musikalität und aufgeklärtes Denken innig verfugen, ragt Jean Paul hervor. Mit dem Humor gewiss; und auch weil er ein bis ins Kitschige reichendes herzliches Sentiment mit dem schärfsten Verstand verbindet. So entfaltet er das Gesamttableau der Themen und Motive zum Thema ‹Aufklärung über Religion› (I). Das erste Kapitel entfaltet die Grundbedingung menschlicher Existenz, den Widerstreit und die Versöhnung von Gefühl und Ratio. Wobei die Gefühle nicht als irrational zu verstehen sind, sondern in ihrer je eigenen Rationalität. So bilden Angst und Wunsch maßgebliche Antriebe des Religiösen. Seelenstimmungen und Spiritualität (der Wunsch nach einer unio) finden in einer durchaus erotischen Sprache der Liebe ihren Ausdruck (II). Verbindendes und Trennendes bei Friedrich Spee und Joseph von Eichendorff erhellen, wie wenig weltabgewandt das Begehren des Göttlichen in poetisch vollendeten Formen sich ausprägt (III). Die Dichtung Josephs von Eichendorff bildet für mich den Höhepunkt einer Versöhnung von religiöser Musikalität mit den Ansprüchen aufgeklärten Denkens. Hans Blumenberg hat in seiner Theorie der Unbegrifflichkeit und der Metaphorologie die Voraussetzungen geschaffen, mit Hilfe derer ich die Daseinsmetapher ‹Waldeinsamkeit› bei Eichendorff untersuche, womit der wohl schönste und überzeugendste (metaphorische) Ort bezeichnet ist, an dem sich religiöse Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte mit einer menschlichen Erlebniswelt begegnen (IV). Religion als eine Sache des Herzens zu erfassen, fällt Dichtern leichter als Denkern. Aber auch bedeutende Denker haben einer ‹Logik des Herzens› Brief vom 12. Aug. 83 aus Norderney an seine Frau Emilie. Zu Fontane siehe XIII. Tod und Jenseits nach der Aufklärung. 2

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Vorwort

die gebührende Beachtung für die Grundlegung des Religiösen im Bereich der Emotionalität geschenkt. An erster Linie ist natürlich an Blaise Pascal zu denken und den großen deutschen Theologen Friedrich Schleiermacher, der das Leitmotiv meiner Abhandlungen stiftet, Sinn und Geschmack für das Unendliche. Die Ausführungen zu Schleiermacher werden mit den ganz ähnlichen Gedanken Hölderlins in seinem Religionsfragment ergänzt. Da für Hölderlin die Religion (die antike und die christliche) ein flüssiges Feuer war, wie die Lava des Ätna, in dem ein meine Arbeit überforderndes, großes Werk geschmiedet wurde, muss ich mich mit wenigen Anmerkungen zum Empedokles begnügen (V). Zu Wort kommt ferner der Philosoph Max Scheler, der von Pascal und wie Schleiermacher von einer teilweise nur angedeuteten, nicht explizit ausgearbeiteten Anthropologie ausgeht, die den Emotionen einen wichtigen und in Bezug auf die Religion fundamentalen Rang einräumt (VI). Diese Denker gehören in eine meines Wissens nicht geschriebene Geschichte und Kritik der emotionalen Vernunft und ‹Logik des Herzens›, die gegen die Intellektualität in der Religion, und der Ethik wäre hinzuzufügen, von der Tatsache ausgehen müsste, dass in einem großen Ausmaß Gefühle, die natürlich immer auch sozial-kulturell ‹codiert› sind, ‹Zustand und Tat› des Menschen bestimmen.3 Die Vernunft, und das gehört zur Aufklärung über Religion, kann allerdings beobachten, auf welche Weise und welche bestimmten Gefühle motivierende und handlungsleitende Relevanz haben und Werte (be)gründen. Wer Aufklärung über Religion sucht, der sollte Vernunft und Ratio als Medien der Aufklärung begreifen und nicht versuchen, die Religion selbst in Rationalität aufzulösen oder gar auf Ethik zu reduzieren. Legt man die Maßstäbe einer rationalistisch-instrumentellen Vernunft zugrunde, so handelt es sich bei der Religion, wie übrigens auch der Dichtung und weiten Teilen des Alltagslebens, um Parallelwelten zum wissenschaftlichen Weltbild. Jene Parallelwelten der Integration von Verstand und Gefühl: sind sie nicht mächtiger und damit ‹realer› als die Welt der wissenschaftlichen Erkenntnis? Ist es nicht die Welt, in der wir ‹wirklich› leben? Hier ist an die Pascalsche Einsicht zu erinnern, dass es nicht nur eine Wahr-

Vgl. Pott, Hans-Georg: Zur philosophischen Anthropologie der Gefühle, in: Knaller, Susanne / Rieger, Rita (Hgg.): Ästhetische Emotionen, Heidelberg 2016, 115–132. 3


Vorwort

heit gibt, sondern (mindestens) immer auch eine andere, durchaus entgegengesetzte. Aufklärung ist nicht ohne Dialektik zu haben.4

Zweites Kapitel: Heilige, Märtyrer und Dämonen Worte wie Herrgott, Frömmigkeit, Schuld und Sühne, die heute einigermaßen außer Kurs gekommen sind, sind zu befragen und zu bewahren. Wo sie weltlich, politisch, moralisch okkupiert und korrumpiert sind, unterliegen sie der Kritik und gegebenenfalls der Destruktion. Ein Wille zur Macht begleitet die Religionen seit ihren Anfängen; und deshalb muss die aufgeklärte Kritik allen etablierten Religionen gelten. Im Zeitalter der Aufklärung oft zitiert werden die Worte: «tantum religio potuit suadere malorum» (Lukrez, De rerum natura, 1. Buch, Vers 101). Das Unheil der Welt, der Trümmerhaufen der Geschichte, wie ihn Jean Paul und Walter Benjamin beschreiben, ist nicht allein von den Religionen zu verantworten. Religio in dem Zitat mit Vgl. dazu auch die Ausführungen von Charles Taylor zu William James’ The Varieties of Religious Experience (1901/02). Taylor, Charles: Die Formen des Religiösen in der Gegenwart, Frankfurt am Main 2002. Zu Schleiermachers Kritik der Natürlichen Religion oder Vernunftreligion vgl. Wenz, Gunther: Sinn und Geschmack fürs Unendliche, München 1999 (Sitzungsberichte der Bayrischen Akademie der Wissenschaften). Lucien Goldmann hat versucht, Pascal als dialektischen Denker darzustellen, der sowohl die christliche Tradition als auch den Rationalismus der Aufklärung überwindet. Überzeugend ist sein Hinweis auf Goethes ‹Faust-Gestalt›. Goldmann, Lucien: Der verborgene Gott, Frankfurt am Main 1985, insbes. 249–464. Wenn man allerdings wie Richard Dawkins in seinem Bestseller The God Delusion (dt. Der Gotteswahn, Berlin 2007) nur eine Wahrheit gelten lässt, die der naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz, muss man zwangsläufig Atheist sein, denn ‹Gott› lässt sich mit keiner rationalen Methode beweisen. Allerdings ist ihm da beizupflichten, wenn er einige Positivitäten der Religionen als Ideologien entlarvt, indem er sie als ursprünglich nützliche Errungenschaften der Evolution kenntlich macht, wie z. B. den Gehorsam gegenüber Autoritäten (24 f.) oder die «dualistische Illusion» von Geist / Seele und Materie / Körper. Besonders aufschlussreich sind die Ausführungen über die angeborene und die evolutionäre Zweckmäßigkeit von Teleologisierung und Intentionalität als Strukturen unseres Erkennens und Handelns. (Vgl. 252 ff.) Aber selbst wenn ‹alles› in Algorithmen anschreibbar wäre: was würde das beweisen? Vgl. dagegen Dennett, Daniel C.: Darwins Gefährliches Erbe. Die Evolution und der Sinn des Lebens, Hamburg 1997. 4

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Vorwort

Aberglaube zu übersetzen, wie es zu finden ist, gerät zur christlichen Propaganda. Ob heidnische Religionen, die Monotheismen oder welche Gestalten des Religiösen es je gab und gibt: Krieg, Gewalt, Unglück, Leid sind nicht nur nicht verschwunden, sondern auch zum Teil in religio zutiefst verstrickt (VII und VIII). Immer schon haben sich Potentaten samt ihrer Gefolgschaft auf den Gott ihrer Religion berufen. Sie haben ihn für ihre Zwecke eingespannt (instrumentalisiert nennt man das heutzutage). Sofern es sich um Stammes-, Regional-, jedenfalls Partikulargottheiten handelt, ist das verständlich: Mein Gott, unser Gott, nicht der der anderen. Sowie es aber nur einen einzigen Gott gibt, dann ergeben sich Schwierigkeiten, wenn sich monotheistische Mächte feindlich gegenüberstehen, die Gott auf ihrer Seite wähnen oder ihn gegen den Gegner anrufen. Das ist weniger ein Problem für Gott als für einen neutralen Beobachter, der sich fragt, warum Gott wohl die eine der Kriegsparteien bevorzugen soll? Dem aufgeklärten Zeitgenossen bleibt nur zu denken, es handle sich um eine völlig falsche Gottesvorstellung, die hier vorwalte. Gott sei ein Gott der Liebe, und Gott bei Kriegs- und Gewalthandlungen anzurufen sei Blasphemie. Er wird die Ideologisierung der Religionen beklagen, die Theologisierung von Politik, wenn Machtinteressen religiös begründet werden oder Gott als ‹unser Gott› angerufen und inkommodiert wird. Falsche Propheten und ‹falsche› Religionen hat es immer wieder gegeben. Lessings berühmte Ringparabel («Märchen») in Nathan der Weise erklärt letztlich alle drei Ringe / Monotheismen als «nicht echt». Der ursprüngliche Ring (der Grund ihrer jeweiligen Geschichte) ist nicht mehr «erweislich». Man könnte allerdings an die Wahrheit jedes / jeder einzelnen glauben, wenn sie nur vor Gott und den Menschen «angenehm» machten, ihnen also nur Gutes tun würden. Das war und ist bekanntlich nicht der Fall. Da jeder sich selber nur am meisten liebt (seine eigene Religion), sind sie allesamt «betrogene Betrüger». Die crimina der Religionen erklären sich weniger aus der Unvernunft der Menschen als aus ihrer Emotionalität und also Verführbarkeit. Wobei der Missbrauch des Wortes ‹heilig› in der Wortfügung Heiliger Krieg besonders ins Auge sticht. Bellende Wachhunde hat es immer gegeben. Hic sunt daemones. Wo Dämonen sind, da sind die Heiligen nicht fern. Als das Numinose und Dämonische werden in diesem Zusammenhang die Ambivalenzen des Göttlichen zu betrachten sein. Wo Gefahr ist, wächst der Glaube an Rettendes. Wachhunde warnen vor Lug und Trug (IX). Auch wer sich der


Vorwort

Wertungen enthält, wird feststellen, dass zum Heiligen und zum Märtyrertum ein gewisser Grad von Entmenschlichung gehören; die Verwandlung von einst Lebendigem in tote Kultobjekte. Das verweist auf die mediale Produktion von Heiligen, die propagandistischen Zwecke und insgesamt auf die gesellschaftliche Funktion von Zeichen und Symbolen. Und werden nicht medial ständig neue Heilige produziert in Kontexten, die Religionssubstitute zu nennen wären? Thomas Mann hat die Thematik ins 20. Jahrhundert transportiert (X und XI).

Drittes Kapitel: Tod und Jenseits Jenseitsvorstellungen gibt es seit dem Anbeginn von Kultur (Grabbeigaben). Die war in den Anfängen bis weit darüber hinaus identisch mit religio. Der Tod ist der Grenzstein, ohne den es kein Jenseits gibt (auch wenn die Toten im Diesseits anwesen). Gleichwohl erscheint heute das Jenseits entleert. Himmel und Hölle, Auferstehung, Jüngstes Gericht und Ewiges Leben haben ihre Relevanz verloren – auch für Christen, die sich um Glaubensinhalte keine Gedanken machen oder mit Glaubensinhalten selektiv umgehen. Dennoch bleibt die Alltagssprache mit Gestalten aus dem Jenseits bebildert: Petrus, der das Wetter macht, Maria hilf, Engel in jedweder Gestalt und Form, oder ein geliebter Abgeschiedener, der aus dem Jenseits herunter (immer von oben) blickt und tröstet. Die ewige Verdammnis jedoch hat ihren Schrecken verloren und damit auch die Hoffnung auf einen privilegierten Zugang zum Himmel; wenn nicht immer schon zweifelhaft war, ob der Gnadenschatz für alle reicht. Die zwangsläufigen Metamorphosen von Tod und Jenseitsglaube bei Jean Paul (XII) und den ‹Kunststücken› neuerer Zeiten (XIII. Botho Strauss, Martin Walser, Günter Grass, Theodor Fontane) kommen im dritten Kapitel zur Sprache.

Viertes Kapitel: Transformationen / Substitute Im Zeitalter der Aufklärung, etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, lässt sich verstärkt beobachten, wie Kernbestände religiösen Denkens in Dichtung und Philosophie transformiert werden. Das betrifft insbesondere die Sprache, die – biblisch betrachtet – am Anfang war oder der Anfang selbst war. Mit

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Vorwort

Hamann und Herder ist die uranfängliche Sprache ‹Poesie›. Damit ist auch der Bereich des Unbewussten, der Träume aufgerufen. Wahrhaft Grund legend als (geheimnisvolle) Sprache der Natur ist sie – spinozistisch gesehen – Sprache Gottes. Novalis ist der große Prophet dieser Sprache (XIV). Jedenfalls ist und bleibt sie Existenzbedingung des Menschseins und allenfalls sekundär Mittel der Kommunikation und Information. Schon vor Nietzsches Verkündigung ‹Gott ist tot› werden das Nichts und der Atheismus Gegenstand des Denkens und Dichtens. Am bekanntesten in der Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei von Jean Paul. Der junge Hegel in Glauben und Wissen beruft sich auf Pascals Pensées (Nr. 441): «la nature est telle qu’elle marque partout un Dieu perdu et dans l’homme et hors de l’homme.» Doch die Idee des Höchsten lebt in vielfältigen Verwandlungen weiter, in der Philosophie als «Metaphysik im Augenblick des Sturzes» (Adorno), oder sie aufersteht «in die heiterste Freiheit ihrer Gestalt»5. Im späten 18. Jahrhundert entwickelt sich die ästhetische Kategorie des Erhabenen zum Statthalter des Unendlichen / Gottes, die Funktionen des Religiösen übernimmt. Das Erhabene wird aber von Jean Paul umgekehrt und humoristisch subvertiert. Humor als das «umgekehrt Erhabene» gerät zum versöhnenden Religionskritiker (und auch Gesellschaftskritiker). Denkt man die Umkehrung (metanoia / μετάνοια, ein altes religiöses Motiv) als Gestus des aufgeklärt und musikalisch Religiösen zu Gott, so erkennt man das Gegenteil einer Unterwerfung, eine Art Rutsch-mir-den-Buckel-herunter, aber wir bleiben in einer Verbindung und meine Richtung ist aufwärts zur Dir hin. Religionen und damit zusammenhängende Gegenstände auf und in den (je eigenen) Kopf gestellt, den Boden der Macht unter ihren Füßen entzogen, ni maître mais dieu – so lassen sich alle Religionen für den aufgeklärten Menschen dem eigenen Sinn und Geschmack vermitteln, der die Töne der religiösen Musik nicht missen mag. Liebevoll werden die Illusionen der menschlichen Willensfreiheit demonstriert und in ein neues Heiliges, das Allgemeinmenschliche, verwandelt. Aus Der Erhabene wird Das Erhabene, der spekulative Karfreitag (Hegel) transformiert das Leiden und Heilsversprechen in heitere Heilslehren von Vegetariern und Naturaposteln, die je

Hegel, Georg Friedrich Wilhelm: Werke in zwanzig Bänden, Bd. 2, Frankfurt am Main 1970, 432 f.

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Vorwort

ihre sonderbaren Heiligen hervorbringen. Daran lassen sich gegenwärtige Moden und Medienprodukte nach Belieben anschließen; während der Gott der Religionen dogmatisch verknöchert oder homöopathisch verdünnt wird (XV bis XVII). Freilich die Frage, wo war (ist) Gott im Augenblick des menschlichen Sturzes, in Krieg und Verderbnis (einer ‹Pest›, real und metaphorisch), bleibt eine immerwährende Herausforderung. Versuche einer Antwort führen in Abgründe von Schuld und Sühne (Strafe), sofern Gott anrufbar bleibt, oder in die des Nihilismus, eine ausweglose Verstrickung in Lüge und Täuschung (XVIII und XIX).

Fünftes Kapitel: Ausweg Was ist ein Ausweg? Im Extrem: ein Notausgang? Wenn alle Stricke reißen. Wenn nichts mehr geht auf den geraden, normalen Pfaden des Lebens. Nicht die Flucht in Illusionen (Betäubungsmittel, Drogen oder Ideologien); vielleicht aber die ins Imaginäre, Urlaub vom Alltäglichen, Kunst und Kino, Natur und Wunderwelten, in jedem Fall: auf Reisen gehen, das geheimnisvolle Schöne voller Gottvertrauen erleben wie der ‹Taugenichts› des Freiherrn Joseph von Eichendorff (XX).

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Erstes Kapitel: Cœur et raison


I. Jean Paul: Aufklärung über Religion

1. Die Sonne Neben Jean Paul gibt es in der deutschen Literatur nur wenige Nebensterne des Humors. Einer ist Thomas Mann und vor allem sein Roman Felix Krull. Mit einem leuchtenden Umweg, keiner in der Sache, möchte ich einleiten, wie nämlich der unter dem falschen Namen Marquis de Venosta und mit Adelsdiplom versehene Felix im Zug von Paris nach Lissabon jenen merkwürdigen älteren Herren mit dem aus Menschensicht im Tierreich nicht besonders hoch geschätzten Vogelnamen Kuckuck trifft, Professor der Paläontologie und Direktor des Naturhistorischen Museums in Lissabon, der eingeführt wird mit «Sternenaugen»1. Thomas Mann wird nicht müde, immer wieder das Motiv der Sternenaugen aufzurufen, so dass der Leser nicht umhin kommt, in humoristischer Verkleidung ein mit göttlichen Sphären in Verbindung stehendes Menschenwesen zu vermuten, zumal nach dessen längeren Ausführungen über den Boten-Gott Hermes dem glücklichen Helden in einer Replik ein «zum Kuckuck – pardon»2 herausrutscht. Als Paläontologe kennt er jedenfalls den göttlichen Bauplan. Nun, Kuckuck lädt den falschen Marquis in das «Museu Sciencias Naturales» in Lissabon ein und Felix besichtigt die sinn- und lehrreich eingerichtete Ausstellung, von den Vorversuchen des Lebens im Meer bis zum Schimpansen. Auf die Frage wo der Mensch sei, antwortet der Professor: «Im Souterrain […]. Haben Sie hier alles beherzigt, Marquis, so wollen wir herab-

1 Mann, Thomas: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Frankfurt am Main 1965, 202. 2 Ebd. 211.


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Jean Paul: Aufklärung über Religion

steigen.» «Hinauf, wollen Sie sagen»3, wendet der Gast ein. Herab oder hinauf: das ist die Frage. Beim Neandertaler angekommen, verharrt er besonders vor jenem Sonderling, der die Wände einer Felsenhöhle mit Bildern bedeckt («Seine Gesellen betrieben wohl draußen die Jagd in Wirklichkeit, er aber malte sie mit bunten Säften […]») und dem anderen, der «ritzt, was ihm vorschwebt, so gut er kann in einen Stein.»4 Wir sind beim Kulturmenschen, beim Künstler angekommen. Und nun folgt der Textabschnitt, um dessentwillen ich den ganzen Vorspruch gemacht habe. Wir haben nämlich den Anfang der Kultur vor uns, der mit der Religion zu tun hat. Vom Anfang sagt Kuckuck am Beginn ihrer gemeinsamen Zugreise: «Sie sollten den Anfang davon nicht auf die leichte Achsel nehmen, nur weil er eben bloß ein Anfang ist.»5 Neben einer schönen Meereslandschaft mit Fischern, die ihrem «unblutigen, doch auch überlegenen Handwerk» nachgehen, erheben sich Steinsäulen ohne Dach, es war wie ein Säulensaal, nur mit dem Himmel als Decke, und in der Ebene draußen ging eben die Sonne auf, rot flammend hob sie sich über den Weltrand. Im dachlosen Saal aber stand ein Mann von kräftigem Gliederbau und brachte, die Arme erhoben, der aufgehenden Sonne einen Blumenstrauß dar. Hatte man je so etwas gesehen? […] Die rohen Pfeiler waren kein Grund zum Hochmut. Der Fuchsund der Dachsbau und das vorzüglich geflochtene Vogelnetz zeugten sogar von mehr Witz und Kunst. Allein sie waren nichts weiter als zweckmäßig – Schlupf und Brut, darüber ging ihr Sinn nicht hinaus. Mit dem Pfeilerbezirk war es etwas anderes; Schlupf und Brut hatten mit ihm nichts zu tun, sie waren unter seinem Sinn, der, abgelöst von gewitzter Bedürftigkeit, sich aufschwang zu noblem Bedürfnis, – und da hätte wahrhaftig nur sonst in aller Natur jemand kommen sollen und auf den Gedanken verfallen, der wiederkehrenden Sonne einen Blumenstrauß dienstlich zu präsentieren!6

Der Anfang der Kultur, wie er hier dargeboten wird, ein Priester in einem heiligen Steinhain, der Sonne weniger ein Opfer als vielmehr einen Blumen-

3 4 5 6

Ebd. 238. Ebd. 239 f. Ebd. 204. Ebd. 240.


Jean Paul: Aufklärung über Religion

gruß darbringend, ist mit abgründiger Ironie dargestellt; im Keller des Naturhistorischen Museums verbirgt sich ein anderer Anfang der Kultur, beginnt doch Religion nach unserem Verständnis, wie in Stein geritzte Zeugnisse zuhauf beweisen, mit blutigen Opferkulten und dem in Stein gehauenen Gesetzestafeln. Die humoristisch-ironische Schrift von Thomas Mann aber lässt sich so als Aufklärung über Religion begreifen.

2. Das Herz des inneren Menschen Damit bin ich ohne Umschweife bei Jean Paul, der den Ursprung des Menschseins, der mit dem der Kultur und Religion eins ist, in einem ebenso «noblen Bedürfnis» erkennt, nämlich des Herzens: «Der reinste Unterschied des Menschen vom Tiere ist weder Besonnenheit noch Sittlichkeit […], sondern Religion, welche weder Meinung noch bloße Stimmung ist, sondern das Herz des innern Menschen und daher jede erst grundierend.»7 (9/580) Man könnte das gesamte Werk von Jean Paul in meinen Augen als eine einzige große Variation zu dem Thema coeur et raison betrachten, also dem Pascalschen Thema: «Le coeur a ses raison». «Das Herz hat seine Ordnung; der Geist hat die seine […].»8 «Wir erkennen die Wahrheit nicht nur durch die Vernunft, sondern auch durch das Herz; in der Weise des letzteren kennen wir die ersten Prinzipien […].»9 Das bedeutet nicht – in der Metapher des Herzens –, dass die Gefühlswelt auch ein Wort mitzureden hat, wenn der Verstand spricht, oder dass es nur um einen harmonischen Ausgleich geht; sondern die Betonung liegt auf «ses raison». Das besagt: neben der Logik des Intellekts, des kognitiven Vermögens, gibt es eine Logik der Gefühle. Neuerdings spricht man von emotionaler Intelligenz. Die Herzensvernunft erschließt eine eigenständige ‹harte› Realität, die, das hat der große, leider etwas vergessene Philosoph Max Scheler erarbeitet, die Wertsphären sogar

Die Werke Jean Pauls werden zitiert nach: Werke in zwölf Bänden, hg. von Norbert Miller, München/Wien 1975 (=Band/Seitenzahl im Text). 8 Pascal, Blaise: Über die Religion (Pensées), Darmstadt 1987, Nr. 283, 143. 9 Ebd. Nr. 282. 7

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Jean Paul: Aufklärung über Religion

vorrangig konstituiert10, und die für Pascal die ersten Prinzipien erschließt; als da sind: Raum, Zeit, Bewegung, Zahlen und der Glaube als «Gefühl des Herzens». Der Verstand beweist nur im Nachhinein, dass es bestimme Zahlenverhältnisse, Bewegungsgesetze usw. gibt. Das zu erkennen, scheint mir vernünftig und durchaus aufgeklärten Geistes. Eine über sich selbst aufgeklärte Vernunft wäre eine solche, die den Widerstand gegen sich in sich selbst bearbeitet – als Widerstand der Vernunft gegen die Vernunft und dem Gefühl des Menschen im Menschen einen eigenen Realitätswert einräumt; mit Blick auf Jean Paul ist sogar zu sagen, dass dem Verstand, sozusagen der angewandten reinen Vernunft, nur ein sehr eingeschränkter Realitätswert zukommt und dass eine volle Realitätserfassung erst einem liebenden Gemüt und Dichter zugesprochen werden kann, wie folgende Passage aus der Vorschule der Ästhetik beweist: Hat er oder ich z. B. zu sagen: «der Mensch denkt neuerer Zeit nicht dumm, sondern ganz aufgeklärt, liebt aber schlecht»: so muß er [also der Dichter, P.] zuerst den Menschen ins sinnliche Leben übersetzen – also in einen Europäer – noch enger in einen Neunzehnjahrhunderter – und diesen wieder auf ein Land, auf eine Stadt einschränken.– In Paris oder Berlin muß er wieder eine Straße suchen und den Menschen dareinpflanzen. Den zweiten Satz muß er oder ich ebenso organisch beleben, am schnellsten durch eine Allegorie, bis er etwa so glücklich ist, daß er von einem Friedrichstädter sprechen kann, der in einer Taucherglocke bei Licht schreibt und ohne einen Stuben- und Glockenkameraden im kalten Meer und nur durch eine verlängerte Luftröhre seiner Luftröhre mit der Welt im Schiffe verbunden ist. «Und so erleuchtet» schließe der Komiker, «der Friedrichstädter sich allein und sein Papier und verachtet Ungeheuer und Fische um sich her ganz». Das aber ist der obige Satz. (9/140)

Das ist ein Beispiel, das hinreichend seine poetische Verfahrensweise illustriert. Die Allegorie bebildert ja nicht nur einen abstrakten Satz, sondern sie begründet ihn auch. Hier erweist sich schlagend die Erkenntnisfunktion von Dichtung. Denn die Tatsache, dass der aufgeklärte Mensch schlecht liebt (sa-

Scheler, Max: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik (1913). Schelers heute fast vergessenes Verdienst ist es, den Zusammenhang des emotionalen Lebens, vor allem von Liebe und Hass, mit der Wertsphäre aufgewiesen zu haben. Vgl. VI. Die Logik des Herzens und die Theomorphie Max Schelers. 10


Jean Paul: Aufklärung über Religion

gen wir, wenn es ein Mann ist, eine Frau), erklärt sich daraus, dass das Licht der Aufklärung in völliger Isolierung vom lebendigen Leben leuchtet, und es in dieser Lage leicht ist, Ungeheuer (ich übersetze: Frauen) zu verachten. Nur die Liebe oder der Hass lassen den Verstandesmenschen aus seiner Taucherglocke ins Leben heraustreten und ein Leben miterleben und Realität gewinnen. Das «Herz des inneren Menschen» ist zugleich das Herz der Dichtung Jean Pauls und ihr Generalthema: die Liebe.

3. Der religiöse Sinn; das doppelte Licht Ich möchte nun einen historischen Blick ins Zeitalter der Aufklärung werfen, dessen großer humoristischer Dialektiker Jean Paul ist. Seine Levana oder Erziehlehre von 1806 enthält eine explizite Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist. Dessen Diagnose fällt vernichtend aus. Entstanden ist eine Massenkultur des Zorn- und Gierfeuers, in der die Gewalt «die Menschen wie Dunsttropfen ungeheuerer Dampfmaschinen eines Geistes zusammenfügt» (9/570), dem der «heilige des Überirdischen» fehlt: Die Ruinen seines Tempels senken sich immer tiefer in die jetzige Erde. Beten, glaubt man, zieht die Irrlichter des Wahns an sich. Der Sinn und Glaube für das Außerweltliche, der sonst unter den schmutzigsten Zeiten seine Wurzeln forttrieb, gewinnt in reiner Luft keine Früchte. Wenn sonst Religion im Kriege war, so ist jetzo nicht einmal in der Religion mehr Krieg – – aus der Welt wurde uns ein Weltgebäude, aus dem Äther ein Gas, aus Gott eine Kraft, aus der zweiten Welt ein Sarg. (9/570 f.)

Es ist die Luft der Aufklärung, die die Religion kraftlos oder kampflos zurücklässt und das Jenseits entleert. Geblieben sind die elementaren Begierden Hass und Hunger. Endlich hält noch der Geist der Ewigkeit uns unsere Schamlosigkeit vor, womit wir die leidenschaftliche Brunst des Zorn-, des Liebe- und des Gierfeuers, deren sich alle Religionen und die alten Völker und die großen Menschen enthielten oder schämten, als ein Ehrenfeuerwerk in unserem Dunkel spielen lassen; und sagt, daß wir, nur in Haß und Hunger noch lebendig, wie andere zerfallende Leichen eben nur die Zähne unverweslich behalten, die Werkzeuge beides, der Rache und des Genusses. Leidenschaftlichkeit gehört eben recht zum Siechtum der Zeit; nirgends wohnt so

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