Susanne Michl, Thomas Beddies, Christian Bonah (Hg.)
SUSANNE MICHL ist Juniorprofessorin für Medical Humanities und Medizinethik an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. THOMAS BEDDIES ist stellvertretender Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. CHRISTIAN BONAH ist Professor for History of Science an der Université de Strasbourg.
ZWANGSVERSETZT – VOM ELSASS AN DIE BERLINER CHARITÉ
Die Aufzeichnungen Adolphe Jungs bieten einen faszinierenden Einblick in die Lebenswelt eines elsässischen Chirurgen während des Zweiten Weltkriegs. Den außerordentlichen Professor aus Straßburg verschlägt es nach dem Zusammenbruch Frankreichs im Sommer 1940 über verschiedene Stationen an die Berliner Charité, wo er bis Kriegsende an der Chirurgischen Universitätsklinik unter der Leitung Ferdinand Sauerbruchs tätig ist. Aus unmittelbarem Erleben berichtet er vom schweren und gefährlichen Arbeitsalltag während des Bombenkriegs und der finalen « Schlacht um Berlin » im Frühjahr 1945. In dieser Zeit lernt der scharfe und distanzierte Beobachter Adolphe Jung Prominente und Würdenträger des «Dritten Reichs» ebenso kennen wie Angehörige der Opposition. Unter Gefahr für Leib und Leben unterstützt er Widerstandsaktivitäten und operiert bis zur Erschöpfung Bombenopfer und verwundete Soldaten. Trotz großer Sorgen um seine Angehörigen im Elsass nimmt er noch Anteil am Schicksal von Kollegen, Zwangsarbeitern, Patienten und den wenigen Vertrauten in der fremden Berliner Umgebung. Zu Pfingsten 1945 macht er sich schließlich mit dem Fahrrad auf die Reise zurück ins Elsass und zu seiner Familie.
Susanne Michl, Thomas Beddies, Christian Bonah (Hg.)
ZWANGSVERSETZT VOM ELSASS AN DIE BERLINER CHARITÉ
Susanne Michl, Thomas Beddies, Christian Bonah (Hg.)
ZWANGSVERSETZT VOM ELSASS AN DIE BERLINER CHARITÉ Die Aufzeichnungen des Chirurgen Adolphe Jung, 1940–1945
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Susanne Michl, Thomas Beddies und Christian Bonah (Hg.)
Zwangsversetzt Vom Elsass an die Berliner CharitÊ Die Aufzeichnungen des Chirurgen Adolphe Jung, 1940–1945 Unter Verwendung des von Marie-Christine Jung transkribierten Textes
Schwabe Verlag
Einige chirurgische Filme von Adolphe Jung werden auf der Begleitwebsite zu diesem Buch zugänglich gemacht: https://medfilm.unistra.fr/wiki/Film_chirurgical_Adolphe_Jung
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Schwabe Verlag Berlin GmbH Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Passbild Adolphe Jungs auf einem Fragebogen des Kurators der Universität Straßburg zur Erfassung der Beschäftigten der Universität vom 27.11.1940 (ADBR, 131 AL 426, No 5) sowie ein Ausschnitt aus dem Manuskript der Aufzeichnungen Adolphe Jungs (Privatbesitz Familie Jung) Übersetzung: Christine & Dr. Radouane Belakhdar Korrektorat: Ruth Vachek, Delmenhorst Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: Schwabe Verlag, Berlin Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7574-0026-2 ISBN eBook (PDF) 978-3-7574-0027-9 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabeverlag.de www.schwabeverlag.de
Inhalt
Vorwort (Frank Jung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Die Aufzeichnungen des Elsässer Chirurgen Adolphe Jung aus den Jahren 1940 bis 1945 (Susanne Michl, Thomas Beddies, Christian Bonah) . . . .
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Das Elsass nach der erzwungenen Eingliederung in das Deutsche Reich 1940 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Familiengeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Der Weg an die Charité . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Rückkehr und Zeit nach 1945 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Dank der Herausgeber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
39
Die Aufzeichnungen von Adolphe Jung
Straßburg, Pfullendorf, Überlingen, Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
43
Das Drama bahnt sich an . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
43
Die Hoffnung ist für morgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
44
Pfullendorf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Berlin 1942 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Die Sauerbruch-Klinik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Der Bunker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
64
Das medizinische Personal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Margot Sauerbruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
74
Die Sauerbruchschule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Inhalt
Der Krieg in Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Erste Bekanntschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Der Einberufung entkommen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Stätten des Widerstands . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Unter dem Bombenhagel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Die Russen in Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Rückkehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Anhang 1: Zwischen den Fronten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Anhang 2: Verteidigungsschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Clermont-Ferrand (Juni bis Oktober 1940) . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Straßburg (Oktober 1940 bis März 1942) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 Pfullendorf und Berlin (März 1942 bis Mai 1945) . . . . . . . . . . . . 205 Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Quellen und Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Archive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Verwendete Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
Vorwort Frank Jung (Bœrsch/Elsass)
Es war lange nach deinem Tod im Jahr 1992, beim Aufräumen deiner Papiere, als meine Geschwister und ich auf diese Aufzeichnungen stießen: von deiner Hand in engen Zeilen mit Bleistift niedergeschrieben, auf Französisch, in einem kleinen schwarzen Notizbuch und auf vielen losen Seiten. Du erzähltest von den 30 Monaten, die du allein, getrennt von deiner Familie, von Oktober 1942 bis zur Kapitulation im Mai 1945 in Berlin verbringen musstest, und von deiner ereignisreichen Rückkehr durch das zerstörte Deutschland nach Straßburg. Bis dahin wussten wir fast nichts darüber, wie du den Krieg durchlebt hast, außer dass es schmerzhaft war, und dass du nicht viel darüber reden wolltest. Du hast uns gegenüber dieses Dokument nie erwähnt. Aber du hast es auch nicht vernichtet! Wir sind der Meinung, dass du diese posthume Botschaft bewusst hinterlassen hast. Marie-Christine, meine Frau, hat sie in Form gebracht und als Buch für den engen Familienkreis herausgegeben. Jahre sind vergangen. Jetzt wird Europa aufgebaut. Deutschland ist kein Feind mehr. Anders als in den vergangenen 2000 Jahren ist das Elsass kein Streitpunkt mehr zwischen zwei Nachbarn; sie sind nun versöhnt. Die Wahnsinnigen, die Opfer und die Helden jener Epoche sind nicht mehr da. Die Extreme und Leidenschaften dieser Jahre sind vergangen. Vielleicht ist es also an der Zeit, dass wir deine Aufzeichnungen in beiden Sprachen der jüngeren Generation und vor allem den Historikern beider Kulturen weitergeben können und sollten. Damit dieses Zeugnis zeigen kann, dass der einzige Beweggrund, der damals die Menschen guten Willens antrieb, darin bestand, zu überleben und sich gegenseitig in ihren Schwierigkeiten zu helfen, und dass es uns nicht ansteht, die Entscheidungen und Zwänge, zu denen Menschen in dieser schrecklichen Zeit sich genötigt sahen, aus heutiger Sicht zu beurteilen oder gar darüber zu richten.
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Vorwort
Du wurdest 1902 in einem deutschen Elsass geboren, deine Eltern waren zweisprachig. Du hast in Straßburg dein Abitur absolviert und einige Zeit später das Baccalauréat in Französisch. Du wurdest 1939 im französischen Strasbourg Professor für Chirurgie. Du hast im Zweiten Weltkrieg in französischer Uniform gekämpft, bist dann ins Elsass zurückgekehrt und wurdest dort von der deutschen Besatzungsmacht festgehalten. Aus Angst, dass du flüchten würdest, wurde deine Frau gezwungen, sich jede Woche bei der Gestapo zu melden. Du schreibst, dass eine Rückkehr nach «Innerfrankreich» nicht genehmigt wurde, weil die damalige deutsche Reichsuniversität Straßburg dich mit festem Willen in ihre Ränge berufen wollte. Aber dies war vergeblich. Nach kurzer Zeit des Zweifels, weil dir höchste Stellungen versprochen wurden, hast du schließlich konsequent jegliche Stelle an der im Aufbau befindlichen deutschen Institution abgelehnt. Für diese Weigerung wurdest du mit Zwangsversetzung nach Deutschland und Exil bestraft, zuerst in Pfullendorf, dann in Überlingen. Auf Empfehlung deines Mentors René Leriche wurdest du im Oktober 1942 von Professor Ferdinand Sauerbruch an die «Charité» in Berlin gerufen. Du bist erst 1945 nach Frankreich und zu deiner Familie zurückgekommen. Deine Aufzeichnungen, die du Tag für Tag verfasst hast, beschreiben genau, wie der Alltag in diesem großen Krankenhaus aussah, insbesondere in dem Bereich der Chirurgischen Abteilung von Professor Sauerbruch; dort gehörtest du zu seinen engen Mitarbeitern. Nur wenige so direkte Zeugnisse haben so präzise die ambivalente Persönlichkeit dieses hervorragenden Chirurgen, dieses erfinderischen Forschers und dieses autoritären Chefs beschrieben. Du hast ihm trotz allem und ohne Unterwürfigkeit hohen Respekt entgegengebracht, der übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte. Als wenig überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus hat er wahrscheinlich die Augen vor einigen deiner konspirativen fotografischen Aktivitäten verschlossen, die du nachts in deinem Zimmer mit dem Spion Fritz Kolbe, einem Beamten im Außenministerium, und Maria Fritsch, der Sekretärin Sauerbruchs und späteren Ehefrau Kolbes, unter großer Gefahr durchführtest. Diese Aktivitäten im Zusammenhang mit dem französischen Widerstand, den Diensten Winston Churchills in London oder dem Amerikaner Allan Dulles in Bern zeigen deutlich deinen Mut, deine Uneigennützigkeit und deine Verbundenheit mit Frankreich.
Vorwort
Dennoch war nach deiner Rückkehr die Wiederaufnahme im Elsass nicht immer sehr herzlich und freundlich. Wie viele andere kamst du vor ein Comité d’épuration (Entnazifizierungskomitee). Obwohl einige eifrig abrechnen wollten, wurden keine Beschwerden gegen dich aufrechterhalten. Im Gegenteil, du wurdest sofort wieder in die Universität aufgenommen und auch mit dem Kriegsverdienst-Kreuz 1939–45 für deine Haltung während des Konflikts ausgezeichnet. Bis hierhin hattest du auf dem Papier viermal deine Nationalität gewechselt. Die doppelte Kultur ist für dich eine Bereicherung geblieben, mit der sich auch viele Elsässer rühmen können. Sie hat dazu beigetragen, dass dich die französische Regierung zum Vizerektor der neuen internationalen Universität – einem europäischen Pionierprojekt – ernannt hat, die Frankreich in den 1950er Jahren im besetzten Saarland gegründet hat. Das Referendum im Jahr 1956 beendete dieses Abenteuer und wir kehrten dauerhaft ins Elsass zurück. Deine akademische Karriere war noch lange nicht vorbei, doch das ist eine andere Geschichte. Du verdankst dein Überleben unter den Bomben dem Glück. Aber auch deiner Menschlichkeit und deiner Arbeit, die du immer über alle anderen Überlegungen gestellt hast. Du lässt mich heute das Nachwort zu deinem Leben verfassen. Dazu möchte ich deine unerschütterliche Verbundenheit mit Frankreich bezeugen, aber du warst nicht minder stolz auf deine elsässische Kultur, die du nie geleugnet, sondern im Gegenteil, die du an uns weitergegeben hast. In der Familie hast du uns vor allem den Respekt vor allen Menschen gelehrt, die tolerant und ohne Hass, gütig und ohne Rachegeist sowie entschieden in der Verachtung des Kriegs ihren Weg gehen. In der Medizin hast du mir die Verdienste Louis Pasteurs, Marie Curies, Robert Kochs oder Max Plancks (den du kanntest) gleichermaßen vermittelt. In der Intimität der Familie hast du mit gleicher Freude aus den Werken Chateaubriands und Rilkes zitiert, von denen sich mir zwei Verse eingeprägt haben, die du geliebt hast: «Blieben Schönheit und Jugend bestehen und ermüdete niemals das Herz, so würdet ihr den Himmel noch einmal erleben.» (François-René de Chateaubriand [1768–1848]; Erinnerungen von jenseits des Grabes [1848])
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Vorwort
worauf Rilke antwortet: «Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.» (Rainer Maria Rilke [1875–1926] an Franz Xaver Kappus (1903])
Ruhe nun in Frieden. Wir sind stolz auf dich. Frank Jung Chirurg
Dieses Buch wäre nicht ohne Marie-Christine Jung möglich gewesen, die seit 15 Jahren unermüdlich an seiner Zusammenstellung gearbeitet und geforscht hat. Aber auch nicht ohne Pierre-Michel et Catherine, die uns unterstützt haben, Jean-Jérôme, Barbara und Sophie, die uns beraten haben. Und all diejenigen, die meinem Vater unendlich geholfen haben und sich hier selbst wiedererkennen werden.
Die Aufzeichnungen des Elsässer Chirurgen Adolphe Jung aus den Jahren 1940 bis 1945 Susanne Michl (Berlin); Thomas Beddies (Berlin); Christian Bonah (Strasbourg)
Bei den schriftlichen Erinnerungen Adolphe Jungs (1902–1992) aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs handelt es sich um das aufschlussreiche und bewegende Zeugnis eines elsässischen Chirurgen, der im Sommer 1940 als Militärarzt in der französischen Armee den Zusammenbruch seiner Heimat ebenso erlebte wie seit Herbst 1942 als Oberarzt an der Berliner Charité den «totalen Krieg» in Deutschland.
Abb. 1: Manuskript der Aufzeichnungen Adolphe Jungs, 1940–1945. Quelle: Privatbesitz Familie Jung.
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Die Aufzeichnungen des Elsässer Chirurgen Adolphe Jung
Abb. 2: Manuskript der Aufzeichnungen Adolphe Jungs, 1940–1945. Quelle: Privatbesitz Familie Jung.
Drei Bezugspunkte gliedern den Raum der Erzählung: Der Text, offenbar verfasst für die Familie, ist zunächst eine durchaus persönliche Angelegenheit; es existiert kein Beweis dafür, dass eine Veröffentlichung vorgesehen war. Über den familiären Zusammenhang hinaus trägt Adolphe Jung als Elsässer aber auch die Geschichte seiner zwischen Frankreich und Deutschland vielfach umkämpften Heimat mit sich, einer traditionsreichen Grenzregion, von der der Straßburger Publizist Frédéric Hoffet (1906–1969) feststellte, dass alles, was darüber «auf beiden Seiten des Rheins gesagt wurde, wahr und falsch ist».1 Schließlich und hauptsächlich beschreibt Jung aus eigener Anschauung das Leben und Wirken des berühmten und umstrittenen deutschen Chirurgen Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) an der Charité während des Zweiten Weltkriegs. Seine Aufzeichnungen vermitteln damit die Beobachtungen und Einschätzungen eines aufmerksam-kritischen französischen Mediziners hinsichtlich seiner elsässischen Heimat unter deutscher Herrschaft sowie der
Die Aufzeichnungen des Elsässer Chirurgen Adolphe Jung
Hauptstadt des Deutschen Reichs im Bombenkrieg und während der finalen «Schlacht um Berlin». Eine bekannte Methode der Sozialwissenschaften variierend, könnte von einer «teilhabenden Beobachtung» der Ereignisse vor allem in Berlin während des Zweiten Weltkriegs aus Sicht dieses gebildeten und fähigen Arztes gesprochen werden. Die Recherchen zur Vorbereitung der vorliegenden Edition führten zu einem weiteren Punkt, der für die Herausgeber zum vielleicht wichtigsten Aspekt der Erzählung geworden ist: Adolphe Jung musste in schwierigen und unsicheren Zeiten weitreichende persönliche, familiäre, berufliche und politische Entscheidungen treffen. Jenseits einfacher Schwarz-Weiß-Malerei verlief sein Weg dabei in einem durch Grautöne geprägten Raum des «Dazwischen». Getrieben von der Sorge um die Familie und dem Wunsch, weiterhin als Chirurg an einer Universitätsklinik tätig sein zu können, suchte er nach Möglichkeiten, sich mit den bestehenden Verhältnissen zu arrangieren, ohne seine Identität als Elsässer und Franzose aufgeben zu müssen. Die Widersprüchlichkeiten und Risiken, die er dafür in Kauf nahm, lassen sich an zwei weit auseinanderliegenden Markierungen verdeutlichen, zwischen denen Jungs Lebensweg in den 1940er-Jahren verlief: Am 27. November 1940 unterzeichnete er das Formular einer obligatorischen Loyalitätserklärung zur Unterstützung Hitlers und NS-Deutschlands.2 Damit eröffnete sich die Möglichkeit zur Fortsetzung seiner chirurgischen Karriere an der in Gründung befindlichen «Reichsuniversität» Straßburg unter deutscher Vorherrschaft. Für den gestandenen Operateur und außerordentlichen Professor der französischen Medizinischen Fakultät bedeutete dies zunächst aber auch ein mageres Assistentengehalt für die kommissarische Leitung der chirurgischen Abteilung am Bürgerspital in Straßburg. Acht Jahre später, am 12. Januar 1949, wurde ihm das französische Croix de Guerre 1939–45 mit Bronzestern mit der Begründung verliehen, er habe während seines Aufenthaltes in Berlin wertvolle Informationen gesammelt und an «zuständige Behörden des Pariser und alliierten Widerstands weitergeleitet».3 Oberstleutnant Robert Masson (1914–2010), bis 1945 Leiter des Widerstand-Netzwerks SAMSON, bescheinigte Jung bei dieser Gelegenheit eine starke Verbundenheit mit dem freien und demokratischen Frankreich. Zwei bewusst getroffene, nachvollziehbare Entscheidungen – jene, bei Frau und Kindern im deutsch beherrschten Elsass sein zu wollen, und jene, der NSDAP nicht beizutreten und sich der Einvernahme und Kollaboration jenseits seiner beruflichen Tätigkeit möglichst zu widersetzen – ließen Adolphe
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Die Aufzeichnungen des Elsässer Chirurgen Adolphe Jung
Abb. 3:
Verleihung des Croix de Guerre mit Bronzestern, 27. Januar 1945.
Quelle: ADBR, 1558 W385, Nr. 125.
Die Aufzeichnungen des Elsässer Chirurgen Adolphe Jung
Erklärung Robert Massons, bis 1945 Leiter des Widerstandsnetzwerks SAMSON, 5. Juli 1945.
Abb. 4:
Quelle: ADBR, 1558 W385, Nr. 121.
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Die Aufzeichnungen des Elsässer Chirurgen Adolphe Jung
Erklärung der amerikanischen Botschaft in Bern hinsichtlich der Aktivitäten Adolphe Jungs im Widerstandsnetzwerk SAMSON, Bern, 23. Mai 1946.
Abb. 5:
Quelle: ADBR, 1558 W 385, Nr. 9.
Das Elsass nach der erzwungenen Eingliederung in das Deutsche Reich 1940
Jung im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zu einer Persönlichkeit reifen, die dem Widerstand gegen das NS-Regime zugerechnet werden kann und über die der amerikanische Botschafter in der Schweiz schrieb: «Adolphe Jung performed exceedingly useful services to the United States Government during the time he resided in Berlin from 1942 to the end of war in Europe. […] His activities were performed at great personal risk to himself and he undoubtedly contributed greatly toward the liberation of his native France and the successful conclusion of military operations against the enemy.»4 Am Anfang der hier veröffentlichten Aufzeichnungen liegt also eine Weggabelung, vielleicht auch ein Zögern, welcher Weg einzuschlagen sei, und schließlich die Entscheidung, sich nicht in nationalsozialistischen Strukturen zu engagieren. Es brauchte nicht viel mehr, um auf die Seite des Widerstands zu wechseln, aber das brauchte es. Widerstand stellt sich damit weniger als eine Idee oder ein Ideal dar als vielmehr als ein souveräner und couragierter Akt der Grenzziehung. Adolphe Jung legte sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf eine Haltung fest und beschloss, daran auch unter Inkaufnahme persönlicher Nachteile festzuhalten.
Das Elsass nach der erzwungenen Eingliederung in das Deutsche Reich 1940 Die Kriegserklärungen Großbritanniens und Frankreichs am 3. September 1939 markieren das Ende der Beschwichtigungspolitik der europäischen Großmächte als Reaktion auf die Provokationen Hitler-Deutschlands. In Frankreich wurden mit Kriegsbeginn große Teile der Bevölkerung grenznaher Gebiete, auch des Elsass, in das Landesinnere evakuiert. Das Straßburger Bürgerspital, zu diesem Zeitpunkt Arbeitsstätte Adolphe Jungs, wurde ab dem 9. September in ein Sanatorium in Clairvivre (heute ein Ortsteil von Salagnac in der Dordogne) verlagert. Die Medizinische Fakultät war bereits seit dem 24. August 1939 nach Clermont-Ferrand verlegt worden.5 Adolphe Jung wurde mit Kriegsbeginn eingezogen und als médecin-capitaine und Leiter der französischen mobilen chirurgischen Ambulanz 244 eingesetzt. Für seinen «unter schwierigsten Umständen, insbesondere unter dauernden Bombardements, geleisteten Dienst an den Verwundeten» wurde er noch im Zuge der Demobilisierung, am 3. Juli 1940, mit dem Kriegsverdienstkreuz
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Die Aufzeichnungen des Elsässer Chirurgen Adolphe Jung
Adolphe Jung (4. von links) als Médecin Capitaine, Chef de l’Ambulance Chirurgicale Légère, Lunéville 1940.
Abb. 6:
Quelle: Privatbesitz Familie Jung.
ausgezeichnet.6 Die damit verbundene «ehrenvolle Erwähnung» berichtet von Jungs Mut und Besonnenheit, die es ihm ermöglichten, in der direkten militärischen Konfrontation mit der deutschen Armee zahlreiche Verwundete zu retten und den gesamten Tross unbeschädigt zurückzuführen. Nach seiner Entlassung im Juli 1940 meldete er sich bei der Strassburger Medizinischen Fakultät in Clermont-Ferrand zurück und begab sich dann umgehend ins 200 Kilometer westlich gelegene Clairvivre, den Verlegungsort der chirurgischen Klinik. Nach der Niederlage Frankreichs und dem Waffenstillstand von Compiègne vom 22. Juni erfolgte bis Oktober 1940 die von den Deutschen angeordnete Rückverlegung des Bürgerspitals nach Straßburg. In Clairvivre blieb allerdings ein zweites Universitätskrankenhaus, das Flüchtlingskrankenhaus, bestehen und auch die Medizinische Fakultät verblieb bis Ende 1944 in ClermontFerrand. Die von der deutschen Zivilverwaltung angestrebte Rückkehr nach Straßburg wurde von den französischen Fakultätsmitgliedern aus oppositioneller Haltung hintertrieben. Das Funktionieren des Krankenhauses in Clairvivre hätte durch eine zu große Zahl von Abgängen gefährdet werden können.
Das Elsass nach der erzwungenen Eingliederung in das Deutsche Reich 1940
Von den nach Clermont-Ferrand oder Clairvivre ausgewichenen ordentlichen und außerordentlichen Professoren kehrte nur ein Fakultätsmitglied, mit der Zustimmung des Dekans, tatsächlich nach Straßburg zurück: Adolphe Jung.7 Dort hatten am 19. Juni 1940 deutsche Truppen Einzug gehalten. Und bereits einen Tag zuvor hatte Hitler Robert Wagner (1895–1946), einen «alten Kämpfer» und Teilnehmer seines Münchener «Marschs auf die Feldherrnhalle» 1923, der inzwischen zum Gauleiter und Reichsstatthalter in Baden aufgestiegen war, zum Leiter der Zivilverwaltung im Elsass ernannt. Den Besatzungstruppen folgten deutsche Beamte, die die am 16. August 1940 erklärte de facto-Annexion des Elsass administrativ zu vollziehen hatten. Zwar unterblieb die formelle Zusammenführung Badens und des Elsass aus außenpolitischen Gründen; durch die Personalunion und die Tatsache, dass Wagner unmittelbar an Hitler berichtete, ergab sich jedoch eine überaus starke Stellung des Leiters der Zivilverwaltung, zumal beide Gebiete parteiamtlich im neu geschaffenen Gau Baden-Elsass (mit der «Gauhauptstadt» Straßburg) vereinigt wurden und Wagner als «Reichsverteidigungskommissar für den Verteidigungsbezirk Baden und Elsaß» auch die gesamte Zivilverteidigung verantwortete.8 Für den Bereich des Gesundheitswesens ernannte Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti (1900–1945) im Oktober 1940 Waldemar Pychlau (Jg. 1887) zum Gauärzteführer, der damit für die Angelegenheiten der Ärztekammer des Elsass, der Berufsverbände und Körperschaften zuständig war. Das Elsass sollte Teil des Großdeutschen Reiches werden. Dafür war es notwendig, umgehend die Rückkehr der im September 1939 evakuierten Bevölkerung, etwa 350.000 Menschen, zu erreichen und die elsässischen Kriegsgefangenen in ihre Heimat zu entlassen.9 Die Rückführungspolitik wurde propagandistisch begleitet: Sonderzüge, Empfangskomitees und Versprechen aller Art wurden den Elsässern geboten, gleichzeitig aber die nicht Anpassungswilligen bedroht und verfolgt. Ab Mitte August 1940 verlangte die Zivilverwaltung von jedem elsässischen Beamten, ausdrücklich seine Loyalität mit Großdeutschland zu erklären, um Amt (und Gehalt) zu behalten. Mittels standardisierter Loyalitätserklärungen sollten sie sich zu den Grundsätzen des nationalsozialistischen Reiches bekennen und «in den aktiven Dienst des Führers» stellen.10 Diese Regelung galt auch für Lehrer und Hochschullehrer, oft verbunden mit einem mehrwöchigen Aufenthalt im Altreich zum Zweck der «Umschulung».11 Am 1. Oktober 1940 gründete Wagner in seinem neuen Machtbereich den «Opferring», ursprünglich eine Unterstützungseinrichtung der NSDAP zur
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Die Aufzeichnungen des Elsässer Chirurgen Adolphe Jung
Sammlung finanzieller Zuwendungen. Im Elsass betreute die Organisation die Rückkehrer, verpflichtete sie auf die nationalsozialistische Sache und überführte sie schließlich in eine Mitgliedschaft in der NSDAP. Nach Angaben des Dekans der Straßburger Medizinischen Fakultät, Johannes Stein (Jg. 1896), betrieb Wagner bereits seit Ende August 1940 auch die Gründung einer «Reichsuniversität» Straßburg.12 Bereits im März 1941 transformierte man das Städtische Krankenhaus zu klinischen Universitätsanstalten; am 23. November 1941 wurde die «Reichsuniversität Straßburg» feierlich eröffnet.13
Familiengeschichte Adolphe Jung wurde am 17. Dezember 1902 in Schiltigheim, einem Vorort Straßburgs, als erster Sohn seines Vaters Adolphe und dessen Frau Emilie, geb. Ruch, geboren.14 Die Familie gehörte zum gehobenen protestantischen Bürgertum. Ursprünglich einfacher Kurzwarenhändler, wurde Jungs Vater 1925 zum Gründer eines großen Warenhauses in Schiltigheim. Adolphes jüngerer Bruder Robert (1904–1982) wurde später Geschäftsführer dieses Unternehmens sowie der Grandes Galeries de Strasbourg (1935). Die Familie wohnte zunächst im bescheideneren Schiltigheim, dann zog Adolphe Jung mit seiner Frau in ein vornehmes Viertel der Neustadt Straßburgs am Rande des Verwaltungs- und Universitätszentrums der in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs neu organisierten Stadt. Adolphe wurde in deutscher Sprache auf dem protestantischen Gymnasium Straßburg unterrichtet. Die Zeit seiner Kindheit nach 1900 und bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs wird von Historikern als die zweite Periode des Elsass unter dem Kaiserreich bezeichnet, weniger geprägt vom preußischen Militarismus als von einer Integration und Regionalisierung des Reichslandes. Dreißig Jahre nach dem französisch-preußischen Friedensvertrag von Frankfurt/M. 1872 und der darauffolgenden Modernisierung der Stadt unter deutschem Einfluss brachte die zweite industrielle Revolution eine weitere Annäherung des Elsass an den Wirtschafts- und Kulturraum des florierenden und aufstrebenden Deutschen Reichs. Die kaufmännische Familie Jung nahm an dieser Entwicklung teil und profitierte auch davon.15 Nach seinem deutschen Abitur 1918 und einem Aufenthalt an der Hochschule für Handel und Industrie in Paris 1919, der dazu diente, den Vorstellungen