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Franzosen in Berlin

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Die geistige Präsenz der in großer Zahl nach Preußen geflüchteten französischen Protestanten wurde lange durch die Nationalgeschichtsschreibung verkannt. Die Auswertung des monumentalen Korrespondenznachlasses des Berliner Akademiesekretärs Samuel Formey ist die Grundlage für eine aus den Quellen erarbeitete neue Sicht auf die Wirksamkeit dieser »Franzosen in Berlin«. Formey, der die zweite Generation der Hugenotten in Preußen repräsentiert, war der Propagierung deutscher Philosophie, besonders Christian Wolffs, verschrieben. Seine kritische Haltung gegenüber der französischen Aufklärung war damit vorgegeben. Formeys Auseinandersetzungen mit Voltaire, Diderot und Rousseau sind Konsequenzen dieser Position und integraler Bestandteil der Aufklärung in Preußen. Die Studien zur Formey-­Korrespondenz erhellen die widersprüchliche Vermittlerposition der Réfugiés und ihrer Nachfahren im Preußen des 18. Jahrhunderts.

Martin Fontius ist Romanist und Mitherausgeber des Wörterbuchs Ästhetische Grundbegriffe. Seine Forschungsschwerpunkte sind die französische und die deutsche Aufklärung sowie die Begriffsgeschichte.

FRANZOSEN IN BERLIN

Martin Fontius und Jens Häseler

Martin Fontius und Jens Häseler (Hg.)

FRANZOSEN IN BERLIN

Martin Fontius und Jens Häseler ( Hg. )

Jens Häseler hat als Romanist zur französischen Aufklärung und zur latein­ameri­k anischen Literatur gearbeitet. Beide Herausgeber haben die Arbeiten der Forschungsgruppe »Franzosen in Berlin« am Forschungszentrum Europäische Aufklärung maßgeblich mitbestimmt.

FRANZOSEN IN BERLIN ÜBER RELIGION UND AUFKLÄRUNG IN PREUSSEN Studien zum Nachlass des Akademiesekretärs Samuel Formey

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Martin Fontius und Jens Häseler (Hg.)

Franzosen in Berlin Über Religion und Aufklärung in Preußen Studien zum Nachlass des Akademiesekretärs Samuel Formey

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Schwabe Verlag Berlin GmbH Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Johann David Schleuen, Vorderansicht des Großen Königlichen Stalls 1748, Sitz der Königlichen Akademie der Wissenschaften und der Königlichen Akademie der Künste, Berlin, Unter den Linden. Kupferstich 1748, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Archiv (P/BON-1148) Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7574-0025-5 ISBN eBook (PDF) 978-3-7574-0031-6 DOI 10.31267/978-3-7574-0031-6 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt

Einleitung (Martin Fontius) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Religion und Aufklärung in Preußen: der Beitrag der Hugenotten (Jens Häseler) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Ankunft der Hugenotten vor dem Hintergrund von Unionsgesprächen .

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Die konfessionelle Situation in Brandenburg-Preußen . . . . . . . . . . . . . . .

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»Gelehrtes« Arbeiten am Verhältnis von Religion und Aufklärung in Preußen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Jean Henri Samuel Formey – Brückenbauer der theologischen Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

85

Friedrich II. von Preußen – protestantischer Herrscher und absolutistischer Aufklärer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Prediger der Französischen Kirche in Berlin (Christiane Berkvens-Stevelinck) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Ton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Predigtthemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Von der Seele, die denkt, zum denkenden Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Vernünftiger Mensch und Vernunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Vernunft und Offenbarung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Philosophie und Religion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Hirtenamt und Moral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118


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Inhalt

Theologische und andere Abhandlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 »libertas philosophandi« und »siècle de la philosophie«: Zum geistesgeschichtlichen Standort Formeys (Martin Fontius) . . . . . . . 125

Schwierigkeiten bei der Zuordnung eines Autors . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Formey und Friedrich II. von Preußen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 Begegnungen mit europäischen Berühmtheiten ‒ Maupertuis und Voltaire . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 Die philosophische Grundposition des Akademiesekretärs . . . . . . . . . . . 177 Formeys Beitrag zur theologischen Aufklärung im Protestantismus . . . . 191 Übersetzungen von Schlüsselwerken der deutschen Aufklärung . . . . . . . 200 Der Übersetzer und Propagator Christian Wolffs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 Die Übersetzung Spaldings und die Beziehung zu den Neologen . . . . . . 225 Der Sekretär und der Trennungsprozess zwischen Literatur und Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 Französische Bücher und Buchhändler in Berlin (Christiane Berkvens-Stevelinck) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253

Der Inhalt des Catalogue raisonné von 1754–1755 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 Die Conseils (1746) und der Catalogue raisonné (1754) . . . . . . . . . . . . . 289 Der Beitrag Formeys zum Enzyklopädismus im 18. Jahrhundert (Rolf Geißler) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 Enzyklopädismus im Vorfeld der Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Diskussionen um ein »Dictionnaire philosophique« . . . . . . . . . . . . . . . . . 300 Formeys Entscheidung für die Encyclopédie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 Der universitäre Enzyklopädiebegriff in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . 315


Inhalt

Formey als Vermittler der Encyclopédie und sein Bild in der Öffentlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 Enzyklopädismus und Popularisierung des Wissens – Das Vorhaben einer »Encyclopédie réduite« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 Doch noch eine verkürzte »Encyclopédie«? – Das Dictionnaire instructif . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335 Eine andere Form von Enzyklopädie: der Abrégé de toutes les sciences . . 341 Enzyklopädie als Aufgabe für Akademien? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351 Enzyklopädie contra »Enzyklopädien«: Formeys negative Bilanz . . . . . . 357 Schlussbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 Erziehungsprobleme vor der Entwicklung der Pädagogik (Martin Fontius) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375

Das pädagogische Zeitalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 Die Hauslehrerfunktion in der vordisziplinären Zeit und die privilegierte Stellung des »Collège français« in Berlin . . . . . . . . . . . . . . . 381 Das Problem des Selbststudiums und der Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . 394 Formey als ›praktischer Erzieher‹ und die Funktion privater Erziehungsanstalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408 Zur Auseinandersetzung mit Rousseau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424 Formey als Schulbuchautor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443 Die Integration ins deutsche Geistesleben: Die französische Kolonie in den letzten Jahrzehnten ihrer Existenz (Martin Fontius) 457

Vom Umgang der jungen Elite: Kant, Fichte, Henriette Herz, Schleiermacher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 457 Die Folgen der Öffnung der Kolonie 1751 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 477 Zum politischen Denken und Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486

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Inhalt

AbkĂźrzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 517


Einleitung (Martin Fontius)

Der Intensität, mit der in den letzten Jahrzehnten auf dem Gebiet der französischen Aufklärung für neue Ausgaben der Briefwechsel großer Autoren wie Bayle, Montesquieu, Voltaire, Rousseau und Diderot bzw. für die Sammlung und Herstellung von Briefeditionen zu Gestalten wie D’Alembert, Helvétius, La Beaumelle, Madame de Graffigny oder auch weniger illustrer Geister gearbeitet wird, korrespondiert eine Fülle von entsprechenden Studien und Analysen, für die Christiane Mervaud 1985 mit dem Buch Voltaire et Frédéric II: une dramaturgie des Lumières (1736–1778) neue Maßstäbe gesetzt hat. Wenn nicht alles täuscht, vollzieht sich mit diesen Forschungen jedoch gleichzeitig ein einschneidender Wertewandel. Dass der Herausgeber der Briefe von Voltaire in der renommierten Pléiade-Edition, Frédéric Deloffre, diese zweifellos außergewöhnliche Korrespondenz im Jahre 2003 als »le véritable chef-d’œuvre de l’homme aux mille talents que fut son auteur« 1 bezeichnen kann, wäre zu Beginn des 20. Jahrhunderts undenkbar gewesen. Nicht mehr die Werke selbst, deren Entstehungs- und frühe Wirkungsgeschichte die Briefe ja ursprünglich besser erklären sollten, sondern die Person des Autors scheint immer stärker in den Mittelpunkt des Interesses zu treten. Galten Briefe vor 200 Jahren als »die einzelnen Belege der großen Lebensrechnung, wovon Taten und Schriften die vollen Hauptsummen darstellen«, wie Goethe 1804 in einer Anzeige von Winckelmann-Briefen schrieb,2

1 Frédéric Deloffre im Artikel »Correspondance«, in: Raymond Trousson/Jeroom Vercruysse (éd), Dictionnaire général de Voltaire, Paris 2003, S. 251. 2 Johann Wolfgang Goethe, »Ungedruckte Winckelmannsche Briefe (1804). Vorankündigung des Werkes ›Winckelmann und sein Jahrhundert‹«, in: ders., Kunsttheoreti-


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Einleitung

scheint unsere Zeit inzwischen, als müsse sie die Diagnosen vom »Tod des Autors« wörtlich nehmen, unmittelbare Lebenszeugnisse, wie sie Briefe von Autoren vergangener Zeiten sind, als Dokumente von unvergleichlicher Authentizität zu schätzen. Die folgenden Studien zum Nachlass Formeys, der als Ständiger Sekretär seit 1748 ein halbes Jahrhundert »mit dem glanzvollsten Abschnitt in der Geschichte« 3 der Preußischen Akademie verbunden war, gehören zu dieser breiten Forschungstendenz. Sie unterscheiden sich jedoch durch einige Besonderheiten, die zunächst damit zusammenhängen, dass diese Korrespondenz in der Hauptsache eine passive ist. Von den insgesamt 17.100 erfassten Briefen stammen 1.200 von Formey selbst. Dieses auffällige Verhältnis erscheint nur dann als bedenklich, wenn es mit den umgekehrten Proportionen bei großen Schriftstellern verglichen wird, was nicht legitim ist. Die angemessene Perspektive kann nur sein, dass bei einem Autor, der keine epochemachenden Werke schrieb, von den Zeitgenossen aber durchaus geschätzt war, das sorgfältige Sammeln und Aufbewahren aller an ihn gerichteten Briefe selbst eine Tat ist. Die Preußische Akademie, deren Korrespondenz er führte, hat nach seinem Tod von den Erben zwar die Aushändigung der dienstlichen Korrespondenz verlangt, die Sache dann aber aus den Augen verloren.4 Ohne die Intervention Varnhagens in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts wäre der wertvolle, damals schon lückenhafte Nachlass, über dessen Bedeutung und Schicksale Jens Häselers Einleitung zum Inventaire alphabétique5 informiert hat, wohl vollständig der Zeit zum Opfer gefallen. Was die statistische Aufschlüsselung der Briefe nach Expeditionsorten ans Licht brachte, war eine Überraschung. Formeys Korrespondenz, gerühmt

sche Schriften und Übersetzungen. Schriften zur Literatur I, Berlin 1970, S. 357 (Berliner Ausgabe, Bd. 17). 3 Werner Krauss, »Ein Akademiesekretär vor 200 Jahren: Samuel Formey«, in: ders., Studien zur deutschen und französischen Aufklärung, Berlin 1963, S. 53. 4 Wolfgang Knobloch, »Der Sekretär der Akademie. Ein Blick auf die archivalische Quellenlage«, in: Jannis Götze/Martin Maiske (Hgg.), Jean Henri Samuel Formey. Wissenschaftsmultiplikator der Berliner Aufklärung, Hannover 2016, S. 26–38. 5 »Introduction«, in: Jens Häseler (éd.), La Correspondance de Jean Henri Samuel Formey (1711–1797): Inventaire alphabétique. Avec la Bibliographie des écrits de Jean Henri Samuel Formey établie par Rolf Geißler, Paris 2003, S. 9–33.


Einleitung

als »une source inégalée pour la connaissance d’une Europe des Lumières francophone hors de France«,6 erwies sich vor allem als eine Quelle deutscher Geschichte. Zwei Drittel aller Sendungen wurden innerhalb der Grenzen des Alten Reiches aufgegeben, obwohl nur vier Prozent in deutscher Sprache verfasst sind. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Inhalt und Frankophonie gibt dem Nachlass ein spezifisches Profil. Der Studienband sucht dem skizzierten Sachverhalt dadurch Rechnung zu tragen, dass er die Person des Adressaten, die Situation der RéfugiésNachkommen und die Ideengeschichte des Jahrhunderts als seine Schwerpunkte betrachtet. Die Person, der eine solche Masse von Nachrichten kommuniziert wurde, war mit ihren eigenen Schriften zu erfassen, und diese waren zu situieren. Und weil auch die gedruckten Arbeiten Formeys außerordentlich umfangreich und mannigfaltig sind und – denkt man an die Rezensionen – wohl nie vollständig erfasst werden können, begegnen sie in den folgenden Studien, nach den wichtigsten Genres unterschieden, je nach ihrer Quantität bald im Panoramablick, bald in Nahaufnahme, hier als Bestandteil der reformierten Predigttradition, dort als Beitrag von Enzyklopädien. Darüber hinaus versteht sich der Band als ein integrierender Bestandteil eines größeren Forschungsprogramms, das einige Jahre am Potsdamer Forschungszentrum Europäische Aufklärung der systematischen Erschließung des Nachlasses gewidmet war. Der erste Band, enthaltend das alphabetische Verzeichnis der Gesamtkorrespondenz sowie eine Bibliographie der Formey’schen Schriften, ist 2003 unter dem Titel La Correspondance de Jean Henri Samuel Formey (1711–1797): inventaire alphabétique in Paris erschienen. Da über 90 Prozent aller Briefe in französischer Sprache geschrieben sind, lag es nahe, auch das Repertorium auf Französisch vorzulegen. Als dritter Bestandteil des Programms befindet sich in Vorbereitung eine »Documentation chronologique générale«, eine chronologisch geordnete Briefauswahl, die knapp den zwanzigsten Teil der Korrespondenz präsentieren wird, allerdings weitgehend nur in Auszügen. Die hier in deutscher Sprache vorgelegten Studien sind somit als das analytische Pendant der beiden anderen

André Bandelier im Artikel »Formey«, in: Raymond Trousson/Frédéric S. Eigeldinger (éd.), Dictionnaire de Jean-Jacques Rousseau, Paris 1996, S. 346. 6

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Teile zu verstehen, die sich auf eine ungedruckte Korrespondenz beziehen. Dies ungewöhnliche Verfahren der Erschließung, das in dieser Form wohl noch nicht versucht wurde – numerisch vollständige Erschließung aller Briefe in einem Inventarband, eine repräsentative Auswahl von Briefen als Textgrundlage für weitere Untersuchungen und ein begleitender Studienband als Kommentar zum Ganzen –, war zwangsläufig nicht nur mit beträchtlichem Zeitaufwand verbunden; es ist auch nicht ohne Risiko und trägt in mancher Hinsicht Versuchscharakter. Die Autoren sind sich bewusst, dass ihnen mehr Irrtümer unterlaufen sein mögen, als das üblich ist, wenn man auf der Grundlage von gedruckten Korrespondenzen arbeiten kann, mit gesicherten Texten, erschlossen durch Register zu Personen und Sachen. Weil die Fertigstellung des Bandes sich viel länger hinauszögerte als zunächst angenommen, ist ein Überblick zu Formey als Journalist bereits an anderer Stelle erschienen.7 Drei der früheren Mitarbeiter haben das Erscheinen des Bandes nicht mehr erlebt. Wir bedauern den schmerzlichen Verlust von Rolf Geißler († 2004), Christiane Berkvens-Stevelinck († 2017) und Renate Petermann († 2018). Inzwischen sind einige Teileditionen gedruckt, die bei der Erarbeitung der meisten Kapitel noch nicht zur Verfügung standen. In abgestimmter Kooperation haben Forscher aus den Niederlanden und der Schweiz, mit 739 bzw. 628 die beiden wichtigsten Herkunftsländer nach Frankreich mit 838 Sendungen, zur Erschließungsarbeit ganz wesentlich beigetragen. Geordnet nach dem Erscheinungsjahr seien alle gedruckten Editionen hier genannt: Correspondance passive de Formey. Antoine-Claude Briasson et Nicolas-Charles-Joseph Trublet. Lettres adressées à Jean Henri Samuel Formey (1739– 1770). Textes éd. par Martin Fontius, Rolf Geißler et Jens Häseler, ParisGenève 1996, 440 S.; Lettres d’Elie Luzac à Jean Henri Samuel Formey (1748–1770). Regards sur les coulisses de la librairie hollandaise au XVIIIe siècle, éd. par Hans Bots et Jan Schillings, Paris 2001, 414 S.;8 Lettres de

7 Annett Volmer, »Journalismus und Aufklärung. Jean Henri Samuel Formey und die Entwicklung der Zeitschrift zum Medium der Kritik«, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 9 (2007), S. 101–129. 8 Diese Edition und die hier folgenden Editionen bei Honoré Champion, Paris, in der von Antony McKenna herausgegebenen Reihe: Vie des Huguenots.


Einleitung

l’Angleterre à Jean Henri Samuel Formey à Berlin, de Jean Des Champs, David Durand, Matthieu Maty et d’autres correspondants (1737–1788), éd. par Uta Janssens et Jan Schillings, Paris 2006, 369 S.; Lettres de Genève (1741–1793) à Jean Henri Formey. Edition critique établie par André Bandelier et Frédéric Eigeldinger, Paris 2010, XV, 928 S.; Emer de Vattel à Jean Henri Samuel Formey. Correspondances autour du Droit du gens. Edition critique établie par André Bandelier, Paris 2012, 251 S.9 Die für die Textauswahl notwendige Durchsicht der Originalbriefe, die vielfach erst in eine chronologische Ordnung zu bringen waren, hat für den Berliner Nachlass Formey Renate Petermann in entsagungsvoller Arbeit unternommen. In diesem Zusammenhang hat sie bereits 1985 mit Briefen von Elie Bertrand eine erste Teiledition von Briefen aus dem Nachlass vorgelegt.10 Die von ihr zum Berliner Nachlass Formey erstellten Briefregesten wurden in einem zweiten Schritt der inhaltlichen Briefauswahl zugrunde gelegt. Dabei sind Nachrichten über die Berliner Akademie und ihre Preisfragen, über Wörterbuchprojekte und die Mitarbeit Formeys an der Enzyklopädie, über Zeitschriften sowie alle für die Entwicklung von Wissenschaft und Geistesleben aufschlussreichen Angaben von Anfang an als privilegiert betrachtet worden. Aber auch der Gedankenaustausch der reformierten Pfarrer mit ihrem berühmt gewordenen »Bruder«, Angaben über das Leben der »Kolonie« und über die Schriften Formeys wie das Buchwesen überhaupt sollten angemessen dokumentiert werden, obwohl hier angesichts der Massen an Material die Auswahl sehr viel rigoroser zu handhaben war. Unerwartet reichhaltig flossen schließlich Quellen über die Geschicke von Hauslehrern und Erzieherinnen, ein Thema, für das eine repräsentative Auswahl angestrebt wurde. Relativ früh kristallisierten sich auf diese Weise inhaltliche Schwerpunkte heraus, die weitgehend den verschiedenen Funktionen im

9 Hinzu kommen die nicht monographisch erschienenen Editionen: Hans Bots/Jan Schillings (éd.), »La Correspondance de Pierre Mortier (1704–1754) et Jean Schreuder (+-1715–1778), échangée avec Jean Henri Samuel Formey (1748–1770), journaliste de la Nouvelle Bibliothèque germanique (entre 1749 et 1754)«, in: LIAS 27,2 (2000), S. 229– 276, sowie Jan Schillings (éd.), »La correspondance entre Formey et Marchand (1736– 1749)«, in: LIAS 39 (2012), S. 231–320. 10 Renate Petermann, »Briefe eines Berners [Elie Bertrand, 1753–1766] an J.-H.-S. Formey«, in: Beiträge zur Romanischen Philologie 24 (1985), S. 43–64.

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Einleitung

Leben des Akademiesekretärs entsprachen, deren eingehendere Untersuchung sinnvoll schien. Und da das Leben stets unter bestimmten Bedingungen sich vollzieht, durften am Anfang und zum Schluss vorwiegend historische Darstellungskapitel nicht fehlen, in denen die Ausgangskonstellation für die zweite Generation und die veränderten Bedingungen der beiden folgenden Generationen zu skizzieren waren. Mit den inhaltlichen Schwerpunkten sollten zum ersten Male Hauptachsen durch den Urwald dieser riesigen Korrespondenz geschlagen werden, um eine bessere Orientierung zu ermöglichen. Im Ergebnis sind diese »Schneisen« freilich, bezieht man sie gedanklich auf die Masse der jeweils relevanten Dokumente, höchst unterschiedlich ausgefallen, und das bedarf einiger Erläuterungen. Ein Unterschied zeigt sich zunächst bei den benutzten Quellen: Die Kapitel eins bis vier sind überwiegend nach gedruckten Quellen erarbeitet, während die Kapitel fünf bis sieben aus gedruckten und ungedruckten Quellen schöpfen. Das erste Kapitel »Religion und Aufklärung in Preußen: der Beitrag der Hugenotten« betrachtet die Entstehung der Flüchtlingskolonie in Brandenburg-Preußen als Grundlage der in den Folgekapiteln dargestellten Entwicklung. Es orientiert mit der Frage, inwieweit die Einwanderung reformierter Franzosen als Indikator und Faktor für die Veränderung des Verhältnisses von Religion und Politik in Preußen anzusehen ist, auf den Zusammenhang historischer und ideengeschichtlicher Prozesse. Am Beginn des 18. Jahrhunderts führen die konfessionellen und konfessionspolitischen Auseinandersetzungen unmittelbar zur Diskussion des Verhältnisses von Religion und Aufklärung. Die damals in die Debatten der République des lettres eingebrachten Themen – exemplarisch dargestellt sind Arbeiten von Charles Ancillon, Jacques Lenfant und Isaac de Beausobre – erweisen sich als Nährboden für die spezifisch preußische Konstellation von Aufklärungsdenken in der Regierungszeit Friedrichs II. Sie erhellen einen Teil der geistigen »Herkunft« und wissenschaftlichen Überzeugungen der Generation Formeys und ermöglichen ein besseres Verständnis für die Wirkung seiner wissenschaftlichen, kommunikativen und publizistischen Tätigkeit. Die thematische Beschränkung auf »Prediger der Französischen Kirche in Berlin« im zweiten Kapitel war angesichts der 360 Geistlichen unter den Korrespondenten, darunter 233 protestantische Pastoren, dringend geboten, wenn über den Glaubensinhalt etwas Genaueres vermittelt werden sollte, für


Einleitung

den die reformierten Hugenotten in die Emigration gegangen waren. Die Analyse von Predigttexten von Jacques Abbadie, Jacques Lenfant, Isaac de Beausobre und Formey selbst gibt von der Veränderung dieses Genres von der Vertreibung bis zur Jahrhundertmitte ein eindrucksvolles Bild, in dessen Zentrum »le grand Beausobre« steht, dessen Kanzelrhetorik auch den Kronprinzen Friedrich beeindruckte. Aufgeschlagen ist damit ein wichtiges Kapitel aus dem spirituellen Leben der französischen Kolonie, das geprägt wurde von einer Schicht, deren Mitglieder gleichzeitig geistliche Führer und geschichtliche Akteure waren, was in der Geschichte der Intellektuellen selten zusammen begegnet. Zugleich ist eine Forschungslücke geschlossen, da in Walter Wendlands »Studien zum kirchlichen Leben in Berlin um 1700« die Ausarbeitung des Schlusskapitels über die »Französische Kirche« über Vorarbeiten nicht hinausgediehen war.11 ‒ In die Darstellung nicht mehr einbezogen ist die Zäsur des Jahres 1763, als die Pfarrer, wie zuvor schon in Holland und England, auch in Berlin dazu übergingen, ihre Predigten nicht mehr auswendig zu lernen, um sie dann lebendig vorzutragen, sondern nur noch abzulesen. Diese Wandlung hängt sicher auch mit der Nachwuchskrise in der Kolonie zusammen, über die in der Formey-Korrespondenz seit Ausgang der 1750er Jahre geklagt wird.12 In erster Linie aber zogen die Kirchen damit die Konsequenz aus der verlorenen Konkurrenz mit dem Theater, gegen dessen erstes Auftauchen in Berlin 1690 Pietisten wie orthodoxe Lutheraner heftig protestiert hatten. Wie langsam, aber unaufhaltsam der Niedergang der Kolonie in der dritten Generation insgesamt sich vollzog, darauf wirft der Bericht des 1758 in Halberstadt geborenen Samuel Henri Catel ein Schlaglicht, als er 1781 die französische Gemeinde in der Stadt Brandenburg übernahm, in der 50 Jahre zuvor Formeys Laufbahn als Pfarrer begonnen hatte: Der Zustand der Gemeinde sei finanziell gesund, die gute Hälfte nehme am kirchlichen Leben teil, dazu gebe es viele deutsche Zuhö-

11 In der »Nachschrift« versieht er seine Aufgabenstellung, »die von Frankreich und Genf her beeinflußte Theologie der französischen Prediger darzustellen«, mit dem Zusatz: »Bisher ist man dieser Aufgabe nirgends, auch nicht in Murets Buch, näher getreten«. Walter Wendland, »Studien zum kirchlichen Leben in Berlin um 1700«, in: Jahrbuch für Brandenburgische Kirchengeschichte 21 (1926), S. 197. 12 Jean Deschamps an Formey, Londres, 16. 9. 1763 (CV), gedruckt in: Lettres de l’Angleterre, a. a. O., S. 87.

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Einleitung

rer: »Tout le beau monde«.13 Die positiven Nachrichten können das entscheidende Problem jedoch nicht kompensieren: Den fortschreitenden Verlust der Jugend durch deren mangelnde Französischkenntnisse. Von dem im Januar 1781 verstorbenen Amtsvorgänger Durant sei noch der verzweifelte Ausruf im Umlauf, mit dem er die Kinder wegjagte: »Allez aux allemands, vous n’êtes que des bêtes!« 14 Dieser Charles de Durant gehört zu jener Gruppe von Pfarrern bzw. Pfarrerdynastien, von denen jeweils an die 100 oder mehr Briefe an Formey überliefert sind. Wenigstens die Namen dieser ›Säulen‹ des geistigen Kolonielebens seien hier genannt, um eine Vorstellung von den Dimensionen der Korrespondenz der reformierten Geistlichen zu ermöglichen: Bocquet (98), Causse (79), Durant (137), Erman (131), George (156), Hugo (374), Pajon (105), Pelet (104), Theremin (177). Der intensive Gedankenaustausch mit diesen Pfarrern ist für die Haltung Formeys auch als Philosoph schwerlich zu überschätzen, zumal er den Wechsel von der Kanzel auf das philosophische Lehramt am Französischen Gymnasium 1739 nicht als eine Zäsur begriff, sondern als eine weitere »Berufung«, »où il s’agit de poser les fondemens sans lesquels la Religion elle-même coulerait!«, oder konkreter als Auftrag, die künftigen Prediger zu gewöhnen »[…] à allier les lumières de la Raison à celles de la Révélation.« 15 Mit Ausnahme von Jean Pierre Erman, der sich als Historiograph der Hugenotten einen Namen machte und 1786 Akademiemitglied wurde, sind diese Prediger alle vergessen. Man darf davon ausgehen, dass Formeys Korrespondenz mit diesen reformierten Pastoren ein ganz anderes Gesicht hat als der Austausch mit seinen akademischen Kollegen. Doch auch in den langen Sequenzen völlig unbekannter Briefeschreiber können sich die erstaunlichsten Dinge finden, wie bei dem erwähnten Durant, der die 50 Jahre seines aktiven Berufslebens seit 1731 als Pfarrer in Brandenburg verbracht hat, der nie mit einer eigenen Schrift hervorgetreten ist, uns ausschließlich in den 137 Briefen an Formey greifbar ist, wonach er dessen

Samuel Henri Catel an Formey, Brandebourg, 1. 11. 1781 (CV). Ebenda. 15 Formey, Sermons sur divers textes de l’Ecriture Sainte, Berlin 1739, S. 149. Die letzte Predigt der Sammlung, zugleich die Abschiedspredigt von seiner Gemeinde. 13 14


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Zeitschriften gelegentlich mit Rezensionen unterstützte, wie 1761 mit einer scharfen Kritik an Klopstock.16 Es verrät etwas von dem Grade der Vertrautheit mit dem deutschen Geistesleben, wenn dieser Freund Formeys auf die Nachricht, die philosophische Klasse habe sich für die Preisfrage »Über die Evidenz in den metaphysischen Wissenschaften« entschieden, im Dezember 1761 mit der Antwort reagiert: »Je me suis mis dans la tête que le juif Moses remportera le prix de l’Académie«. Als Gründe für diese erstaunliche Prognose führt er an: Il écrit bien, parle métaphysique assez nettement et comme la possédant, il censure selon mon goût les livres dont il fait l’extrait, au moins si ce que j’ai lu est de lui, comme on m’en assure. Il a fait une apologie critique des lettres à Keith et à Maupertuis où il y a de la politesse et de la finesse. De plus Klopstock n’est pas son homme.17

Mendelssohn ist 1763 in der Tat der Preisträger geworden. Er war seit November 1760 der Hauptverfasser der »Literaturbriefe«, wo er im 99. und 100. Stück die anstößigsten Gedichte des preußischen Königs souverän rezensiert hat; nur die Klopstock-Kritik geht auf das Konto Lessings. Dass ein obskurer Pastor der französischen Gemeinde in Brandenburg regelmäßig die seit Januar 1759 wöchentlich in Berlin erscheinenden »Literaturbriefe« las, um sich über Neuerscheinungen zu informieren, dass er sich bei anderen Lesern der Stadt nach dem Verfasser erkundigt hatte, weil ihm in dieser ersten Literaturzeitschrift in deutscher Sprache von Rang die weniger polemisch gehaltenen Rezensionen Mendelssohns offenbar aus der Seele gesprochen waren und er deshalb auf »den Juden Moses« als nächsten Preisträger wettet, das lässt sich auch so paraphrasieren: Die französische Sprache ist für diese Predigergeneration noch das selbstverständliche Kommunikationsmedium, und mit kritischer Aufmerksamkeit verfolgen sie die französischen Neuerscheinungen. Hatte bisher schon die in Deutschland hochgehaltene Metaphysik jene Ebene gebildet, auf der sich eine Abgrenzung zu den in Frankreich dominant werdenden religionsfeindlichen »Lumières« und damit ein Identitätswandel der Koloniegeistlichkeit anbahnen musste, rückte das Unternehmen der »Literaturbriefe« mit

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Charles de Durant an Formey, Brandebourg, 7. 9. 1761 (FF). Charles de Durant an Formey, Brandebourg, 6. 12. 1761 (FF).

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seiner bewussten Vermittlung zwischen Gelehrsamkeit und Poesie das aufblühende deutsche Geistesleben in den Blick und ermöglichte nun nach der philosophischen auch die ästhetisch-gefühlsmäßige Assimilation. Der Satz »[E]r kritisiert nach meinem Geschmack« bringt genau das zum Ausdruck. Vielleicht kann man noch einen Schritt weiter gehen und diesem Mendelssohn-Kenner die Anzeige von dessen 1755 anonym erschienenen Philosophischen Gesprächen in Formeys Nouvelle Bibliothèque germanique zuschreiben, während Formeys Rezension der Briefe über die Empfindungen zur gleichen Zeit in der Bibliothèque impartiale erschien. Durants Text, von der Mendelssohn-Forschung bisher übersehen,18 würdigt das Erscheinen des Werkes als Beginn eines Gesinnungswandels gegenüber der verachteten jüdischen Nation. Bisher ganz dem Handel hingegeben und »in einer Art von Sklaverei« lebend, ist das Auftreten eines »génie élevée«, das einmal das Ansehen Spinozas erwerben werde, ein Phänomen der Verheißung. Mit der These, die mit dem Namen von Leibniz verbundene philosophische Hypothese der prästabilierten Harmonie finde sich schon in Spinozas Ethik, sowie der Diagnose, die Verachtung der Metaphysik in Deutschland sei Resultat der Nachahmung der Franzosen, gibt Durant eine genaue Positionsbestimmung des jüdisch-deutschen Philosophen.19 Auch das dritte Kapitel ist das Ergebnis einer außerordentlichen Engführung.20 Vorgesehen war zunächst das Thema »Zwischen Aufklärung und Lumières«, um einmal die spezifische Stellung der Réfugiés-Nachkommen im Spannungsverhältnis zwischen deutscher und französischer Aufklärungsbewegung herauszuarbeiten und zum anderen von der Fülle bisher unbekannter Zeugnisse, die in der Korrespondenz über eine Vielzahl deutscher wie

18 Vgl. Moses Mendelssohn, Gesammelte Schriften. Jubiläumsausgabe, Bd. 22: Dokumente I. Entlegene zeitgenössische Texte zu Moses Mendelssohns Leben und Wirken, bearb. von Michael Albrecht, Stuttgart 1995, S. 18. 19 Nouvelle Bibliothèque germanique 17 (1755) (octobre–décembre), S. 419–430, und Bibliothèque impartiale 12,3 (1755) (octobre–décembre), S. 437. 20 Eine erste Positionsbeschreibung findet sich in: »Zwischen ›libertas philosophandi‹ und ›siècle de la philosophie‹. Zum geistesgeschichtlichen Standort Formeys und der zweiten Generation des Refuge«, in: Michel Delon/Jean Mondot (éd.), L’Allemagne et la France des Lumières. Deutsche und französische Aufklärung. Mélanges offerts à Jochen Schlobach, Paris 2003, S. 45–68.


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französischer Aufklärer enthalten sind, eine Vorstellung zu vermitteln. Davon ist nur der erste Teil eingelöst, konzentriert auf die intellektuelle Biographie des Akademiesekretärs, der wohl als Erster überhaupt den Literaturcharakter der französischen Aufklärung kritisch beobachtet und aus der Sicht der deutschen Philosophie mit begrifflicher Differenzierung darauf reagiert hat. Gleichzeitig hat Formey mit seinen theologischen und moralphilosophischen Arbeiten einen Beitrag zur Entwicklung der deutschen Neologie geleistet, d. h. zur Aufklärung in der protestantischen Theologie, was nicht nur Zeitgenossen wie Jerusalem und Spalding, sondern auch Lessing und Mendelssohn zu würdigen wussten. Er ist damit Vertreter einer besonderen Spezies von Aufklärern, bei der es nicht genügt, bloß die eine Seite (den Kritiker der französischen »philosophes«) zu beleuchten, die andere Seite aber, den Alliierten der deutschen Aufklärer, im Dunkel zu lassen, weil gerade hier der geistige Wurzelboden der Kritik zu suchen ist. Dieser Positionsbestimmung vorangestellt sind drei später geschriebene Abschnitte des Kapitels. Zunächst zur langjährigen, doch von beiden Seiten distanziert-ambivalenten Beziehung zwischen König und Akademiesekretär. Nach zeitgenössischen Quellen folgt dann ein Bild des Akademiepräsidenten Maupertuis, vor dem das von Voltaire der Öffentlichkeit suggerierte und seit langem als historische Wahrheit tradierte sich als haltlos erweist. Nachdem Voltaires Briefe aus Preußen an seine Nichte schon im vorigen Jahrhundert als Falsifikate nachgewiesen wurden, erhält die Stimme Formeys ein ganz neues Gewicht und ist zusammen mit den aus Berlin stammenden Berichten an Haller als historische Hauptquelle anzusehen. Im vierten Kapitel »Französische Bücher und Buchhändler in Berlin« sind zwei Bücher Formeys ausgewertet, die Conseils pour former une bibliothèque peu nombreuse mais choisie von 1746 und der Catalogue raisonné de la librairie d’Etienne de Bourdeaux von 1754/55. Beides sind Auftragswerke, das eine gibt aristokratischen Sammlern in Preußen bzw. Deutschland aktuelle Empfehlungen über 430 Werke, das andere ist ein alphabetisch geordneter Katalog über 2.233 Titel der seit 1749 in Berlin bestehenden Buchhandlung Bourdeaux. Das Buch ist durch knappe Kommentare oder charakteristische Zitate geeignet zum Nachschlagen wie zu fortlaufender Lektüre, wobei der anonym bleibende Formey aus seinen Präferenzen und Aversionen kein Hehl zu machen braucht. Es kennzeichnet die privilegierte Stellung Hollands im Geschäft mit dem französischen Buch, dass 1746 wie

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1754/55 die Hälfte aller Titel von dort stammt, genauso viele wie aus Frankreich selbst. Auch zum Thema »Bücher und Verleger« enthält der Nachlass weitere Quellen. So beauftragten viele Prediger in der Provinz bei Bibliotheksversteigerungen in Berlin ihre früheren Kollegen mit ihren Wünschen, so dass sich Elemente zur Rekonstruktion ihrer Handbibliotheken zusammentragen ließen. Aus dem von preußischen Truppen besetzten Sachsen kam am 19. Juli 1760 die Nachricht von Gottsched, trotz des Krieges und des allgemeinen Elends erlebe der Buchhandel in Leipzig einen Aufschwung.21 Da Gottsched im Hause Breitkopf wohnte, ist diese erstaunliche Mitteilung wohl ernst zu nehmen. Aber auch zur Lage des Verlagswesens in Frankreich gibt es aufschlussreiche Hinweise. So hat der Berliner Verleger Pitra 1767 die gesamte in Paris gedruckte, aber verbotene Auflage der Histoire philosophique de l’homme übernommen und wollte sie als Titelauflage mit einer Widmung an den polnischen König herausbringen. Das Buch bilanziert die große zeitgenössische Diskussion zur Sprachtheorie und Anthropologie. Formey berät Pitra und schreibt die erbetene Widmung. Das Werk erscheint im gleichen Jahr mit der Widmung an den Fürsten Czartoryski.22 Unter dem weit gefassten Stichwort »Enzyklopädismus« sind im fünften Kapitel die verschiedenen Wörterbuchunternehmen untersucht, an denen Formey als Mitarbeiter beteiligt war oder die er als Autor selbst verantwortet hat. Der weit gespannte Bogen reicht dabei von der Pariser Enzyklopädie, dem Hauptwerk der französischen Aufklärung, bis zu einem für ältere Schüler und Jugendliche bestimmten mehrbändigen Abrégé de toutes les sciences. Für eine angemessene Wertung der Formey’schen Beiträge zur großen Enzyklopädie erweist sich als unumgänglich, ihre geistesgeschichtliche Herkunft aus dem Projekt seines »Dictionnaire philosophique« zu würdigen, dem Versuch einer Synthese zwischen der kritischen Wörterbuchtradition im Sinne Bayles und einem philosophischem Denken in Wolff’schen Bahnen, ein Vorhaben, das seine inneren Schwierigkeiten besessen haben muss und abgebrochen wurde, sobald das Projekt einer Enzyklopädie in Frankreich am Horizont auftauchte. Formeys Differenz zu den »Lumières« in Frankreich kommt deutlich in dem positiven Verhältnis zu den »livres classiques« zum Aus-

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Gottsched an Formey, Leipzig, 19. 7. 1760 (CV) Samuel Jean Pitra an Formey, Berlin, 14. 2. 1767 und 17. 2. 1767 (CV).


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