CAROLINE ARNI
Im späten 19. Jahrhundert äußerten französische Psychiater eine alarmierende Vermutung : Bei Kindern, die während der preußischen Belagerung und der blutigen Revolten in Paris 1870 / 71 gezeugt worden waren, beobachteten sie gehäuft körperliche und psychische Anomalien. Das ließ aufhorchen : Konnte es sein, dass die turbulenten Ereignisse jener Jahre eine fatale Wirkung in der nachfolgenden Generation entfaltet hatten ? Von dieser medizinhistorischen Episode ausgehend untersucht Caroline Arni die Geschichte der humanwissenschaftlichen Erforschung des Werdens von Menschen. Sie zeigt, wie Physiologen, Mediziner und Psychologen im 19. Jahrhundert das Ungeborene zum «Vorgeburtlichen » erklärten, wie sie im Leben des Fötus Ursprünge kindlicher Eigentümlichkeiten und Anfänge menschlicher Subjektivität suchten und wie sie im Körper der Schwangeren Vergangenheit und Zukunft der Gesellschaft miteinander verschränkten.
CAROLINE ARNI
PRÄNATALE ZEITEN
PRÄNATALE ZEITEN
CAROLINE ARNI
PRÄNATALE ZEITEN Das Ungeborene und die Humanwissenschaften (1800 – 1950 )
DIE AUTORIN Caroline Arni ist Professorin für Allgemeine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Basel.
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Caroline Arni
Pränatale Zeiten Das Ungeborene und die Humanwissenschaften (1800–1950)
Schwabe Verlag
Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2018 Schwabe Verlag Berlin GmbH Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlagabbildung: Adolphe Pinard, Traité du palper abdominal au point de vue obstétrical et de la version par manoeuvres externes, Paris: H. Lauwereyns 1878, S. 138. Zur Verfügung gestellt von der Bibliothèque nationale de France. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Korrektorat: Ruth Vachek, Delmenhorst Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: Schwabe Druckerei, Schwabe AG, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7574-0003-3 ISBN eBook (PDF) 978-3-7574-0012-5 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.de www.schwabeverlag.de
Das Meer ist aufgebraucht nun, es ist rot und fließt in ihren Adern. Unter unseren Füßen ist Boden jetzt und wenn wir aufs Wasser wollen, müssen wir uns ein Schiff bauen. Für Nora, für Julien
Inhalt
Vorwort .................................................................................................
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Anfang ..................................................................................................
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1 Paris 1870/71. Trauma im Mutterleib ......................................
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2 Kinder, fötales Leben, das Pränatale ........................................
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3 Das Ungeborene und die Humanwissenschaften ......................
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Lebewesen ...........................................................................................
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4 Das Leben des Fötus ...............................................................
55
5 Schwangerschaft als Beziehung ...............................................
83
6 Pränatale Gefährdungen .........................................................
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Seelenleben ......................................................................................... 121
7 Wie die Schwangere fühlt ....................................................... 124 8 Ob der Fötus empfindet .......................................................... 142 9 Was die Umwelt vermag ......................................................... 171 Schluss ................................................................................................. 187
10 Zeitenschwelle ........................................................................ 187 11 Menschenkind ....................................................................... 208 Dank ..................................................................................................... 217
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Anmerkungen ...................................................................................... 219 Bibliografie .......................................................................................... 271
Quellen ...................................................................................... 271 Literatur ..................................................................................... 281 Internetquellen ........................................................................... 301 Abbildungsverzeichnis ........................................................................ 303 Personenregister ................................................................................ 305
Vorwort
Eher zufällig stieß ich vor gut anderthalb Jahrzehnten auf eine bemerkenswerte medizinhistorische Episode. In den 1880er Jahren hatten französische Psychiater beobachtet, dass Pariser Kinder, die in dem von Belagerung und politischer Revolte geprägten Halbjahr von Herbst 1870 bis Frühling 1871 gezeugt worden waren, überdurchschnittlich oft körperliche Anomalien und Verhaltensauffälligkeiten aufwiesen. Nun stellten die Ärzte sich die Frage, ob nicht neben Mangelernährung und exzessivem Alkoholkonsum auch das Kriegstrauma der Schwangeren eine ganze Kindergeneration in Mitleidenschaft gezogen haben könnte. Ebenso wie Ernährungsdefizite und Giftstoffe könnten auch emotionale Schocks der Schwangeren «fötales Leben» geprägt haben, so ihre Überlegung. Bemerkenswert erschien mir diese Episode, weil hier eine Mutmaßung aus dem späten 19. Jahrhundert zugleich in die Vergangenheit und die Zukunft zu weisen scheint. Auf der einen Seite hallt in ihr die sehr alte Vorstellung nach, dass sich mütterliche Erfahrungen in Gestalt und Gemüt des werdenden Kindes einprägen wie in weiches Wachs. Auf der anderen Seite evoziert sie heute aktuelle Forschungen, die in der pränatalen Prägung besonders mit Blick auf Gesundheit und Krankheit eine Weichenstellung für das ganze Leben vermuten. Vor mir hatte ich also eine Episode aus den 1880er Jahren, in der ein Echo aus der damaligen Vergangenheit anzuklingen und etwas damals noch Zukünftiges antizipiert scheint. Dies ließe sich zunächst einmal als reizvolle List der Geschichte ansehen. Die Historikerin ist aber aufgefordert, in einem Ereignis mehr als Echo und Antizipation freizulegen, ja mehr noch: Sie sollte dieser Beschreibung misstrauen, um sich stattdessen die Frage zu stellen, was an einem Ereignis historisch eigentümlich ist. Die Herausforderung also lautete: Wie lässt sich das, was französische Psychiater im späten 19. Jahrhundert «psychischen Einfluss» nannten, auf die offenbar Jahrhunderte übergreifende Annahme einer plastischen Kraft der Schwangerschaft beziehen
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Vorwort
und zugleich als etwas historisch Spezifisches begreifen? Diese Frage hat es nötig gemacht, eine weitere Frage in ihrer Geschichtlichkeit zu erschließen: Wovon handelten Psychiater im 19. Jahrhundert, wenn sie die Ursprünge der Eigentümlichkeiten einer Generation in fötalem Leben suchten? Damit wiederum war die grundlegende Frage aufgeworfen: Was war das Ungeborene in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts? Das Buch, das aus diesen Fragen entstanden ist, erzählt darum auch zwei Geschichten: Es untersucht erstens die historischen Grundlagen dessen, was heute «fetal programming» oder «developmental origins of health and disease» genannt wird. Anders als oft suggeriert sind heutige Forschungen zu diesem Thema kein schlichtes Wiederaufgreifen einer vormodernen Idee. Vielmehr wurde im Verlauf des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die alte Vorstellung von der mütterlichen Prägung in medizinischen Forschungen als pränataler Einfluss neu artikuliert, der zunächst physiologisch, dann endokrinologisch konzipiert wurde. Zweitens zeigt das Buch, wie der Beginn menschlichen Lebens im 19. Jahrhundert zu einem Thema der entstehenden Humanwissenschaften – namentlich der Physiologie und der Psychologie – wurde. Zur selben Zeit, als die lebenswissenschaftlichen, sprich: embryologischen Forschungen das Ungeborene in Begriffen von «Entwicklung» beschrieben, verfassten es die Wissenschaften vom Menschen ihrerseits in Begriffen des «Vorgeburtlichen». Schwangerschaft wurde zur «pränatalen» Phase im Lebensgang eines Menschen, zu einem zeitlich definierten Abschnitt, dem Leben und Biographie insofern entspringen, als er Grundlagen für alles Weitere legt. Damit wurde auch die Geburt selbst zum Thema. Als Schwelle, an der das Leben des Fötus aufhört und das des Kindes beginnt, warf sie vor allem diese eine dringliche Frage auf: Wann tritt im humanen Organismus das Psychische in Funktion? Vor oder nach der Geburt? Diese beiden Geschichten sind in einer noch wenig bekannten Forschungspraxis des Beobachtens und Experimentierens miteinander verknüpft, die sich dem Anfang des Menschensubjekts ebenso wie der Prägung des Kindes widmete, indem sie fötales Leben untersuchte. Wie das Ungeborene lebt, was dieses Leben vermag, welche Bedingungen ihm gestellt sind und welche Effekte veränderte Bedingungen zeitigen – diese Fragen wurden in vivo untersucht: an Hühnchen, Tierföten, schwangeren Frauen, menschlichen Aborten und Frühgeburten sowie Neugeborenen. In dieser Forschungs-
Vorwort
praxis und vor jeder Beschreibung trat das Ungeborene als ein «fötales Leben» in Erscheinung, an dem nichts selbstverständlich und alles zu ergründen war: Auf welche ihm eigentümliche Weise es sich vollzieht, wie seine Beziehung zum Körper der Schwangeren beschaffen ist und weshalb es Erfahrungen der Mutter in Eigenschaften des Kindes zu verwandeln vermag. Diese Erforschung des fötalen Lebens, das auch «uterines Leben» genannt wurde, war eine fötale Ökologie und ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Kindes, aber sie war stets auch ein Drittes: Wenn Ärzte und Psychiater sich für pränatale Einflüsse interessierten und Physiologen und Psychologen für den Beginn des Menschensubjekts, dann handelten sie immer auch und grundlegend vom Herkommen des Menschen aus dem Mutterleib. Einige Erläuterungen zur Begrifflichkeit: Die Begriffe «Embryo» und «Fötus» werden in den hier untersuchten Quellen einmal synonym gebraucht, ein andermal schließt das eine das andere als Oberbegriff ein, und schließlich findet sich auch die heute geläufige Systematik, die zwischen dem in Formbildung begriffenen Embryo und dem organisch ausgeformten Fötus unterscheidet. Im Sinn dieser letzteren Systematik verwende ich selbst die beiden Begriffe. Wo es nicht um die körperliche Form, sondern um das «Leben» geht, wird dieses in den Quellen in aller Regel als «fötales» qualifiziert; ich folge dieser Praxis. Der nicht den Quellen entnommene, sondern bisherigen historischen Forschungen zur Geschichte der Schwangerschaft entlehnte Begriff des «Ungeborenen» dient mir dazu, ergebnisoffen danach zu fragen, wie dieses konzipiert wurde, ohne vorweg anzunehmen, dass mit der uns selbstverständlichen wesenhaften Verfassung als Embryo oder Fötus alles gesagt sei. Ein Hinweis schließlich zum Umgang mit fremdsprachigen Zitaten: Falls nicht anders angegeben, stammen Übersetzungen aus französischen und englischen Quellen von mir; deutsche Ausgaben französischer Publikationen werden genutzt, sofern sie nicht lückenhaft oder aus andern Gründen unzureichend sind. Bereits von mir publizierte Aufsätze zu Einzelaspekten des hier behandelten Stoffs finden sich in der Bibliografie.
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Anfang
1 Paris 1870/71. Trauma im Mutterleib Im Mai 1871 wurde in Paris ein Kind gezeugt, das dreizehn Jahre später die Aufmerksamkeit illustrer Mediziner auf sich ziehen sollte. Das Mädchen, so berichtet 1884 der Psychiater Charles Féré, sei «grundsätzlich von zufriedenstellender Konstitution», sein Schädel regelmäßig geformt, wenn auch das Gesicht etwas entstellt von der Narbe einer Hasenscharte. Doch sei es von einem Tick der Augenlider geplagt, spreche nur mit Mühe und leide zeitweilig unter Bettnässerei. Es lese sehr schlecht, schreibe kaum, schlafwandele außerdem, sei von düsterem Gemüt und werde von Schwindelattacken geplagt, derentwegen es alles Mögliche auf den Boden fallen lasse. Eine familiäre Anlage zu diesen Verhaltensauffälligkeiten, notiert Féré, dürfe man ausschließen: Weder in der Familie des Vaters, eines angesehenen Advokaten, noch in derjenigen der Mutter seien Nervenkrankheiten zu verzeichnen, und die drei älteren Geschwister des Mädchens seien unauffällig. Alles weise deshalb darauf hin, dass das Mädchen zu den Kindern gezählt werden müsse, die man im Volksmund «Kinder der Belagerung» (enfants du siège) oder «Kinder der Kommune» (enfants de la Commune) nenne. Seine Zeugung nämlich habe in den bewegten Tagen der umkämpften Pariser Kommune stattgefunden, genauer: in einer frühen Morgenstunde des 2. Mai 1871. Nur eine halbe Stunde später sei ein Trupp der Nationalgarde in die Wohnung des Advokaten eingebrochen, worauf die empfindsame und zu Tode erschrockene Ehefrau sofort habe erbrechen müssen und erst nach einigen Tagen ihren normalen Gemütszustand wiedererlangt habe. Die Familie habe daraufhin Paris verlassen, und die Schwangerschaft sei ohne weitere Komplikationen verlaufen. Es dürfe vermutet werden, schließt Féré, dass die Auffälligkeiten der Tochter in Beziehung stünden zu der «Gemütserschütterung» (choc moral), welche die werdende Mutter zum Zeitpunkt der Empfängnis
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Anfang
erlitten habe, als die Wogen der politischen Ereignisse sich in Gestalt der Nationalgardisten in ihre Wohnung ergossen hatten.1 Charles Féré, der Berichterstatter dieses denkwürdigen Falls, gehört zu einer Handvoll französischer Psychiater aus dem Kreis um Jean-Martin Charcot, die sich in den 1880er-Jahren mit dem Geburtsjahrgang des sogenannten Année terrible befassten: jenen Kindern, die zwischen Herbst 1870 und Frühling 1871 während der preußischen Belagerung von Paris und der anschließenden revolutionären Ereignisse der Pariser Kommune gezeugt und ausgetragen worden waren. Diese Kinder, so hieß es, wiesen unverhältnismäßig viele «Entwicklungsstörungen» (troubles d’évolution) auf.2 Auch Désiré Magloire Bourneville, der am Hospital Bicêtre eine der weltweit ersten kinderpsychiatrischen Abteilungen aufbaute, habe das Phänomen beobachtet, so wussten seine Kollegen zu berichten; seine Bildsammlung kindlicher Geisteskrankheit jedenfalls porträtiert auch das eine oder andere Kind des Schreckensjahres.3 Die maßgebliche Darstellung aber kam von dem Psychiater und Kriminologen Henri Legrand du Saulle. Er war es, der 1884 an der Salpêtrière eine viel beachtete Vorlesung über den «Einfluss der politischen Ereignisse» auf «physische und intellektuelle Anomalien der während der Belagerung von Paris gezeugten Kinder» hielt und damit in der psychiatrischen Diskussion sowohl das Phänomen wie auch den Namen der Enfants du siège als übergreifende Bezeichnung für die ‹Kinder der Belagerung› und die ‹Kinder der Kommune› etablierte.4 Während seiner Tätigkeit am Hospital Bicêtre und in der psychiatrischen Krankenstation der Pariser Polizeipräfektur waren ihm empirisch verwertbare Daten zugefallen, die er in seinem Vortrag resümierte: Von 92 Kindern des fraglichen Jahrgangs seien bei 64 «physische oder geistige Verkrüppelungen» zu beobachten gewesen; namentlich wiesen 35 Kinder «chronische Entzündungen und Geschwulste, fliehende Stirnen, schielende Augen, Epilepsie, Schwerhörigkeit, Stottern, halbseitige Lähmung, Klumpfüße, Inkontinenz und Rachitis» auf, 21 Kinder seien von «intellektuellen Eigenarten» wie «ein eingeschränktes psychisches Vermögen, Trübsinn, Apathie, eine flatterhafte Aufmerksamkeit, eine Halbblödheit und Idiotie» gezeichnet, acht Kinder seien «Egoisten, Perverse, Extravagante, Bösartige, Brutale […] und Obszöne»; die übrigen 28 Kinder seien schwächlich geraten, aber nicht auffällig.5
1 Paris 1870/71. Trauma im Mutterleib
Als Charcot selbst schließlich wenige Jahre später in der Krankengeschichte eines seit Kindestagen kränklichen, in seinen Bewegungen eingeschränkten und nervösen Mannes notierte, dass der «am 13. April 1871 (nach der Belagerung) geborene» Patient «ein, wie man sagt: ‹enfant du siège›» sei, ließ er diesen Hinweis ganz selbstverständlich und ohne weitere Erläuterung fallen.6 Alle diese Ärzte stellten einen Zusammenhang zwischen politischen Ereignissen und kindlichen Anomalien her, von dem in den Straßen der Stadt längst die Rede gewesen war. Schon lange nämlich, so Legrand du Saulle in seinem Vortrag, seien in den Sprechstunden der Kinderärzte Mütter ein- und ausgegangen, die um Ursachenforschung kein Aufheben gemacht hatten: «Monsieur, was wollen Sie; es ist ein Kind der Belagerung.» Und das sei «exakt» und es sei «wahr».7 Was aber hatte diesen Zusammenhang entstehen lassen, den ein lapidarer Muttersatz offenbarte und der die Psychiater veranlasste, bei auffälligen Kindern auf ihr Geburtsdatum zu achten? Legrand du Saulle wusste dazu Genaueres: Während der Belagerung von Paris seien bei diesen Kindern «die innersten Bedingungen des fötalen Lebens» verändert worden. Und genauer: «Vor seiner Geburt unterlag der Fötus fatalen Einflüssen, und deren pathogene Wirkung erstreckte sich bis hin zu Verletzungen des Gehirns.»8 So also fasste Legrand du Saulle den Zusammenhang von politischem Ereignis und kindlicher Anomalie: als pathologischer Effekt eines vorgeburtlichen Geschehens, das in fötales Leben eingegriffen hatte. Und was genau hatte Einfluss genommen? Zwei Faktoren waren derart selbstverständlich, dass der Psychiater mit der Schilderung von Szenerien auskommt: «Was geschieht nun während der Belagerung? Außer Hauses alkoholisiert sich der Mann, während die Frau zu Hause bleibt und hungert; bald tunkt sie ihr Brot in Wein, um dem Fehlen von Esswaren abzuhelfen, und so verfällt sie nach und nach […] den Gewohnheiten der Alkoholikerin.»9 Neben Mangelernährung und Alkoholismus gelte es aber, so Legrand du Saulle weiter, einen dritten Faktor zu beachten: nämlich «diese Gemütsverfassung, in der wir uns alle befunden haben». Denn wenn es sich die Pariser Bevölkerung auch nicht habe anmerken lassen, so habe sie doch vor allem ein «mentales Trauma» (traumatisme moral) erlitten.10 Mit dem Trauma warf Legrand du Saulle einen Wirkungszusammenhang auf, der die an der Salpêtrière versammelte Zuhörerschaft aus Mitarbei-
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Abb. 1:
Fotografisches Porträt eines Knaben im Hospital Bicêtre.
1 Paris 1870/71. Trauma im Mutterleib
tern und Schülern Charcots unmittelbar interessieren musste.11 Zwar verwies der Trauma-Begriff in der zeitgenössischen Medizin – wie es die Begriffstradition wollte – noch mehrheitlich auf die körperliche «Wunde».12 Doch seit den 1870er-Jahren wurde er zunehmend auch auf psychische Erscheinungen angewendet.13 Diese Erweiterung war vor allem von der Schule um Charcot ausgegangen, die nicht nur im Kontext der Erforschung der Hysterie, sondern auch in Reaktion auf die Ereignisse von 1870/71 eine Psychologisierung des Trauma-Begriffs betrieb.14 Mit dem Zusatz moral, der auf Mentales zielte, machte Legrand du Saulle genau dies explizit. Charles Féré, Schüler und enger Mitarbeiter von Charcot und später auch von Legrand du Saulle, knüpfte hier an, als er im Rückgriff auf dessen Vorlesung über die Enfants du siège von der namenlosen Advokatentochter berichtete. Aussagekräftig war ihr Fall deshalb, weil mit ihm eine Traumatisierung der Mutter auf jenen präzise erinnerten choc moral zurückgeführt werden konnte, den die Charcot-Schule für das Verbindungsglied zwischen psychischer Traumatisierung und nachfolgenden Symptomen hielt.15 Außerdem musste in diesem Fall nicht mit einer Vermischung von möglichen Ursachen gerechnet werden: Habe nämlich, so räsoniert Féré, Legrand du Saulles Statistik vor allem Kinder aus den von Mangelernährung und Alkoholismus besonders betroffenen «armen Klassen» erfasst, so könne man mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass bei der aus einem «andern Milieu» stammenden Advokatentochter allein der von einem Schock verursachte «psychische Zustand» (état psychique) der werdenden Mutter ursächlich gewirkt habe.16 In isolierter Form habe man hier den «am wenigsten bekannten» und «interessantesten» Faktor vor sich: den «psychischen Einfluss» (influence psychique).17 Und genau damit sollte sich Féré, der kurz nach der Publikation dieser Fallgeschichte erster Sekretär der 1885 gegründeten Gesellschaft für Psychophysiologie und 1895 Vizepräsident der Gesellschaft für Biologie wurde, während der folgenden fünfzehn Jahre beschäftigen.18 Dieses Buch ist der Versuch zu verstehen, wovon eine Neugier handelte, die sich von kindlicher Anomalie in der Gegenwart auf fötales Leben in der Vergangenheit verweisen ließ: Wie kam es, dass ein Ereignis aus dem Jahr 1871 nicht aufhörte in einem Kind, das im Jahr 1884 zu oft und zu willkürlich mit den Lidern schlug, nicht in die Worte hineinfand und nicht aus dem Traum heraus, das sich dem Heiteren verschloss und dem Taumeln seines
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Körpers nur das Fallenlassen der Dinge entgegenzusetzen hatte? Eine Untersuchung, die bei dieser Frage ihren Ausgang nimmt, wird darauf stoßen, dass die Rede von einem fötalen Leben nicht so selbstverständlich war, wie es heute erscheint. Sie verweist vielmehr auf die historisch besondere Weise, in der die Humanwissenschaften vom ausgehenden 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert das Ungeborene verfasst und die Zeit im Mutterleib auf neuartige Weise begriffen haben.
2 Kinder, fötales Leben, das Pränatale Wissenshistorisches Ereignis und epistemischer Raum
Charles Férés Mutmaßung über die Bedeutung der Gemütserschütterung schwangerer Frauen ist mehr als eine medizinhistorische Anekdote. In der Annahme eines psychischen Einflusses verband sich ein neuartiges humanwissenschaftliches Verständnis des Ungeborenen mit dem zeitgenössischen Interesse an der generationellen Übertragung von Eigenschaften, das seinerseits verschränkt war mit der politischen Sorge um die Kontinuität der Gesellschaft. In diesem Sinn sind die Enfants du siège Ausgangspunkt meiner Untersuchung: als ein wissenshistorisches Ereignis, in dem dieser Zusammenhang in Erscheinung tritt und von dem ausgehend er sich erkunden lässt. Die Kinder des Schreckensjahres 1870/71 sind mir deshalb der rote Faden einer Untersuchung, bei der ich davon ausgehe, dass nichts in und an diesem Zusammenhang selbstverständlich ist – anders gesagt: dass er historisch spezifisch ist. Das heißt nicht, dass ihn nichts verbindet mit dem, was vorher war und nachher kommen sollte. Im Gegenteil. Wenn von gemütserschütterten Schwangeren die Rede ist, die auffällige Kinder zur Welt bringen, dann lässt sich darin das Echo einer sehr alten Idee vernehmen: dass Gleiches durch Gleiches erzeugt werde, weshalb schwangere Frauen, wie man in der Antike wusste, Statuen anschauen und Beerdigungen meiden sollten, auf dass schöne und nicht melancholische Kinder geboren würden.19 Ebenso klingt darin eine heutige Überzeugung an: dass Lebensführung und Lebensbedingungen der schwangeren Frau das Fundament für Gesundheit und Krankheit des
2 Kinder, fötales Leben, das Pränatale
prospektiven Kindes legten und deshalb als dritte merkmalsbildende Kraft neben den Genen und der Erziehung in Rechnung zu stellen seien. Dieses Postulat hat zurzeit Hochkonjunktur. Entscheidend dafür ist, wie die epigenetische Wende in der Biologie den Dualismus von «nature» und «nurture» so aufgebrochen hat, dass umweltbedingten Veränderungen des Organismus zugetraut wird, das genetische Erbgut nicht nur in seiner Aktivität zu regulieren, sondern es auch zu verändern.20 Insofern als der embryofötale Organismus als besonders empfänglich für Umwelteinflüsse gilt, weil er in Entwicklung begriffen ist, verleiht dieser Paradigmawechsel einem medizinisch ausgerichteten Forschungsfeld Auftrieb, das unter dem Begriff der «developmental origins of health and disease» (DOHaD) schon länger mit der Frage befasst ist, wie körperliche und psychische Dispositionen im Mutterleib «programmiert» werden.21 Bei Einflüssen auf die Entwicklung des embryo-fötalen Organismus stellt sich nun auch die Frage, ob sich solche Effekte in dessen prospektiven Nachkommen fortsetzen.22 Diese Schnittstelle von Epigenetik und DOHaD gilt als epochal neue Konstellation, lässt sie doch die Gegenstandsbereiche von Vererbung und Entwicklung ineinanderfallen, die im 20. Jahrhundert durch die disziplinäre Trennung von Genetik und Entwicklungsbiologie weitgehend gegeneinander abgeschottet worden sind. Wenig überraschend finden diese Forschungen fast umgehend Aufnahme in eine auf Optimierung ausgerichtete Ratgeberliteratur, die alles Tun und Lassen und Erfahren schwangerer Frauen dem Wohlergehen des prospektiven Kindes verpflichtet. «Wie die neun Monate vor der Geburt den Rest unseres Lebens prägen», lautet der Titel einer vor einigen Jahren erschienenen populärwissenschaftlichen Publikation, die ebenso praktische Ratschläge gibt, wie sie die Forschung an der Schnittstelle von DOHaD und Epigenetik für ein breites Publikum aufbereitet.23 Unter allen möglichen Faktoren der Prägung aber fasziniert auch heute der psychische am allermeisten. Ganz besonders gilt das für die Frage, ob die Effekte traumatischer Erfahrungen im Kontext von Krieg, Katastrophen oder Genozid sich über Generationen hinweg fortzusetzen vermögen, indem sie auf den schwangeren Organismus oder aber das elterliche Keimgut einwirken.24 Dass sich Férés Hypothese vom psychischen Einfluss auf eine heutige Forschungskonjunktur beziehen und zugleich in eine longue durée seit der Antike einordnen lässt, birgt eine Herausforderung. Zwei mögliche Weisen,
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diese Hypothese geschichtlich zu behandeln, drängen sich angesichts dieser Konstellation unmittelbar auf, und beide will ich vermeiden. Zum einen legt es die aktuelle Konjunktur des Konzepts der vorgeburtlichen Prägung nahe, in den korrespondierenden Ideen aus der Vergangenheit eine Vorgeschichte zur Gegenwart zu sehen. Die gegenwärtige Konjunktur wäre dann das, was vorangehende Intuitionen in positives Wissen über biologische Vorgänge verwandelt. Und alle früheren Konjunkturen wären irrtumbehaftetes Tasten und Stammeln in einem langen Prozess der Findung von Fakten. Eine solche Erzählung des allmählichen Richtigwerdens von Wissen jedoch nimmt stillschweigend an, dass es immer um dasselbe geht, wenn zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte von vorgeburtlicher Prägung die Rede ist. Die Frage, die diese Erzählung übergeht, lautet: Wovon ist die Rede? Zum anderen verleitet die jahrhundertelange Serie von Konjunkturen der Prägungsidee dazu, ein anderes Immergleiches am Werk zu sehen: die Frage nämlich, wie sich die Eigenschaften eines Menschen erklären. Damit aber ist zugleich zu wenig und zu viel gesagt: zu wenig, weil jede Zeit diese Frage anders formuliert, und zu viel, weil das, was zu erkunden ist, darauf festgelegt wird, Antwort – und als solche Variation in einer Serie von Antworten – zu sein. Eine Geschichte der immerselben Frage kann also ihrerseits diese Frage nicht stellen: Was ist die Frage? Beide Weisen, Férés Hypothese vom psychischen Einfluss auf ihr Vorher und Nachher zu beziehen, setzen in Faktum oder Frage ein Immergleiches voraus. Wenn ich beide vermeiden will, so nicht, weil sie falsch wären. Sondern weil sie der Historisierung Grenzen setzen. Erst wenn mit der Möglichkeit gerechnet wird, dass es nicht immer um dasselbe geht und auf dieselbe Frage geantwortet wird, erst dann gerät das jeweils historisch Spezifische in den Blick, für das ich mich im Fall der Féré’schen Hypothese interessiere. Und erst dieses Spezifische verleiht dem Blick auf eine gegenwärtige Konjunktur historische Tiefenschärfe, indem es die Sinne für historische Differenz schärft. Vor diesem Hintergrund will ich zu dem Ereignisknäuel zurückkehren, aus dem ich meinen roten Faden abzuwickeln begonnen habe. Henri Legrand du Saulle war kein Embryologe und auch kein Frauenarzt. Er war ein auf Kriminalität spezialisierter Psychiater, dem auf der Krankenstation der Polizeipräfektur Kinder begegneten. Hier wurden alle diejenigen hingebracht, die in den Straßen von Paris «außer sich gerieten» – «tout ce qu’il y a de délirant», heißt es in seiner Vorlesung über die Enfants du