Quels rapports entre médecine et philosophie ? C’est une question qui caractérise la pensée de Friedrich Nietzsche, et qui n’a pas fait véritablement l’objet d’une étude systématique jusqu’à présent. Le volume vise à clarifier et à approfondir la nature, la signification et la fonction de la médecine dans la philosophie de Nietzsche autour de trois axes principaux : (1) philosophie et thérapie, (2) le philosophe comme médecin de la culture, (3) santé, maladie et guérison. Herausgeber / Éditeurs Isabelle Wienand ist Dozentin am Institut für Medizinethik der Universität Basel und Lehrbeauftragte am Departement für Philosophie der Universität Fribourg. Patrick Wotling ist Professor für moderne und zeitgenössische Philosophie an der Universität Reims. Er ist Begründer und Co-Leiter der GIRN ( Internationale Nietzsche-Forschungsgruppe ) sowie Nietzsche-Kommentator und -Übersetzer. Isabelle Wienand est collaboratrice scientifique à l’Institut d’éthique biomédicale de l’Université de Bâle et chargée de cours au département de philosophie de l’Université de Fribourg. Patrick Wotling est professeur de philosophie moderne et contemporaine à l’Université de Reims. Il est fondateur et co-directeur du Groupe international de recherches sur Nietzsche (GIRN) ainsi que spécialiste et traducteur de Nietzsche.
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MEDIZIN IN NIETZSCHES PHILOSOPHIE MÉDECINE DANS LA PHILOSOPHIE DE NIETZSCHE
Wie hängen Medizin und Philosophie zusammen ? Diese Frage durchzieht das Denken von Friedrich Nietzsche – trotzdem ist sie bisher noch nicht systematisch untersucht worden. Die Beiträge dieses Bandes zielen darauf ab, die Bedeutung und die Funktion der Medizin in der Philosophie Nietzsches zu klären bzw. zu vertiefen. Schwerpunkte dabei sind ( 1 ) Philosophie und Therapie, ( 2 ) der Philosoph als Arzt der Kultur und ( 3 ) Gesundheit, Krankheit und Genesung.
ISABELLE WIENAND PATRICK WOTLING ( H G./ É DS.)
DIE FRAGE DER MEDIZIN IN NIETZSCHES PHILOSOPHIE LA QUESTION DE LA MÉDECINE DANS LA PHILOSOPHIE DE NIETZSCHE
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BFN
BEITRÄGE ZU FRIEDRICH NIETZSCHE ANDREAS URS SOMMER ( HG.)
BEITRÄGE ZU FRIEDRICH NIETZSCHE
ISABELLE WIENAND PATRICK WOTLING ( HG./ É DS.)
DIE FRAGE DER MEDIZIN IN NIETZSCHES PHILOSOPHIE LA QUESTION DE LA MÉDECINE DANS LA PHILOSOPHIE DE NIETZSCHE
Beiträge zu Friedrich Nietzsche Quellen, Studien und Texte zu Leben, Werk und Wirkung Friedrich Nietzsches
Andreas Urs Sommer (Hg.)
Band 20
Isabelle Wienand, Patrick Wotling (Hg.) Unter Mitarbeit von Florian Häubi und Philip Mills
Die Frage der Medizin in Nietzsches Philosophie / La question de la médecine dans la philosophie de Nietzsche IX. Internationale GIRN-Tagung / IXe Congrès International du GIRN
Schwabe Verlag
Gedruckt mit grosszügiger Unterstützung von der Elisabeth-Jenny-Stiftung, der französischen Botschaft in der Schweiz und des Institutes für Bio- und Medizinethik, Universität Basel.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-3921-3 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4013-4 DOI 10.24894/978-3-7965-4013-4 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt / Table des matières
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
Avant-propos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
17
Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
25
Remerciements . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
26
I
Nietzsche und die antike Tradition des «philosophischen Arztes» / Nietzsche et la tradition antique du « philosophe médecin »
Céline Denat « Être son propre médecin » : des sources antiques de l’image nietzschéenne du « médecin philosophe » . . . . . . . . . . . . . . . . . .
29
Florian Häubi Nietzsche und die «medi-cynische» Erkenntnis . . . . . .
49
Marta Faustino Philosophy as therapy: Nietzsche’s revaluation of hellenistic therapeia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
71
Andreas Urs Sommer Nietzsche als Pathologe und Therapeut in Jenseits von Gut und Böse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
91
II
Medizin, Therapie und Gesundheit: kontextuelle Analyse / Médecine, thérapie et santé : analyse contextuelle
Martine Béland « Anéantir l’opéra » pour guérir la musique ? Critique et thérapeutique dans l’esthétique musicale de Nietzsche . . . . 111 Isabelle Wienand L’usage du vocabulaire médical dans Le gai savoir . . 127 Clademir Araldi Die Physiologie, die Medizin und das Problem der Werte in GM I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
6
Inhalt / Table des matières
Scarlett Marton « Je fis de ma volonté de santé, de vivre, ma philosophie… » Nietzsche et le problème de la médecine dans Ecce homo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 III Psychologie und Therapie / Psychologie et thérapie
Emmanuel Salanskis La psycho-diététique de Nietzsche . . . . . . . . . . . . 171 Éric Blondel Dr Sigmund Nietzsche ? Quelques remarques sur les psychologies et les médecines comparées du philosophe médecin Nietzsche et du Dr Freud . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Anne-Gaëlle Argy Le Nietzsche du développement personnel. Enquête . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 IV Physiologie und Nietzsches therapeutisches Projekt / Physiologie et le projet thérapeutique nietzschéen
Laurent Esmez Les métaphores médico-physiologiques de Nietzsche : la question des fonctions organiques . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Wilson Frezzatti La physiopsychologie de Nietzsche : le diagnostic et l’élévation de la culture . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 Ivo da Silva Júnior Saúde, doença e eugenia em Nietzsche . . . . . . . . . . 269 Eduardo Nasser Das europäische Gift: Nietzsche und das Alkoholproblem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 V
Das therapeutische Projekt der Philosophie Nietzsches / Le projet thérapeutique de la philosophie nietzschéenne
Jesús Conill-Sancho La voz del cuerpo sano: Medicina y Educacion . . 309 Alexandre Fillon Le philosophe médecin : une réforme de la praxis philosophique ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 Philip Mills Nietzsche et Wittgenstein, la philosophie comme thérapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347 Patrick Wotling « On ne réfute pas une maladie ». La modélisation médicale et la nature du questionnement philosophique selon Nietzsche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367
Inhalt / Table des matières
Epilog / Épilogue
Andrea Bollinger Basileophobie? Nietzsches Leben und Leiden in Basel, 1869–1879 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 Abkürzungsverzeichnis / Liste des abréviations . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405 Zu den Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407 Présentation des auteurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411
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Vorwort
Die zwanzig Beiträge dieses Bandes beleuchten die vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen der Medizin und Nietzsches Denken. Bei den Beiträgen handelt es sich um Vorträge, die an der GIRN-Tagung mit dem Titel Die Frage der Medizin in Nietzsches Philosophie / La question de la médecine dans la philosophie de Nietzsche in Basel vom 20. bis 22. Juni 2016 gehalten wurden. Die Konferenz stellte die Frage nach der Bedeutung der Medizin in Nietzsches Denken. Zwar wird das Thema in der Nietzsche-Forschung1 breit diskutiert, doch lässt sich beobachten, dass die bisher erschienenen Monographien dieses oft in inhärenter Beziehung zu Nietzsches Moralkritik behandelt haben.2 Des Weiteren wird die Frage nach der Medizin oft aus Sicht eines bestimmten Gedankens behandelt, insbesondere des Gedankens
Unter den zahlreichen, wissenschaftlichen Veröffentlichungen, siehe zum Beispiel: Andreas Urs Sommer «Die Kunst des Pathologisierens: Nietzsche – Wagner – Sokrates – Jesus – Nietzsche», in Nietzsche. Les textes sur Wagner, Céline Denat, Patrick Wotling (Hg.), Reims, Editions et Presses Universitaires de Reims (EPURE), 2015, S. 135–161; Tobias Dahlkvist «Nietzsche and medicine», in Handbuch Nietzsche und die Wissenschaften: Natur, geistes- und sozialwissenschaftliche Kontexte, Helmut Heit, Lisa Heller (Hg.), Berlin/Boston, de Gruyter, 2014, S. 138–154; Gregory Moore «Nietzsche, medicine and meteorology», in Nietzsche and Science, Gregory Moore, Thomas H. Brobjer (Hg.), Aldershot, Ashgate, 2004, S. 71–90; Abraham Olivier «Nietzsche and neurology», NietzscheStudien, Bd. 32, 2003, S. 124–141; Thomas A. Long «Nietzsche’s philosophy of medicine», Nietzsche-Studien, Bd. 19, 1990, S. 112–128; Malcolm Pasley «Nietzsche’s use of medical terms», in Nietzsche, Imagery and Thought: A Collection of Essays, Malcolm Pasley (Hg.), London, Methuen, 1978, S. 123–158. 2 Zu den kürzlich erschienenen Publikationen zählt: Diana Aurenque Die medizinische Moralkritik Friedrich Nietzsches. Genese, Bedeutung und Wirkung, Wiesbaden, Springer, 2018. 1
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Vorwort
der «grossen Gesundheit»3, oder anhand eines Vergleichs zwischen Nietzsche und anderen Autoren4, vor allem Michel Foucault.5 Und schliesslich wird in der Forschung die Medizin in Zusammenhang mit Nietzsches eigener Krankheit thematisiert.6 Alle diese Untersuchungen leisten einen wertvollen Beitrag für weitere Forschungen und so beziehen sich die vorliegenden Beiträge auf die Ergebnisse dieser Arbeiten. Ziel dieser Publikation ist es, die unterschiedlichen Textquellen, Methoden und Interpretationen zusammenzutragen, um die Besonderheiten der therapeutischen Dimension von Nietzsches Philosophie besser erfassen zu können. Die versammelten Aufsätze sind thematisch in fünf Teile geordnet und werden durch einen Epilog abgerundet. Der erste Teil untersucht Nietzsches Philosophie als Anknüpfung an die antike Tradition der Philosophie als Medizin der Seele (I). Der zweite Teil behandelt die Beziehungen zwischen Medizin, Therapie und Gesundheit, und die Beiträge gehen dabei insbesondere auf Textpassagen, Kapitel oder Schriften von Nietzsches Werk ein (II). Der dritte Teil befasst sich mit der Psychologie als bevorzugter Disziplin, um die Frage nach der Gesundheit zu untersuchen (III). Im vierten Teil wird die zentrale Bedeutung des Körpers im Rahmen von Nietzsches therapeutischen Vorhaben erhellt (IV). Die im fünften Teil versammelten Aufsätze stellen allgemein die Frage nach der therapeutischen Dimension von Nietzsches Philosophie (V). Der Band schliesst mit einem Epilog, der sich anhand historischer und kultureller Bezüge auf die Pfade von «Nietzsches Leben und Leiden in Basel» begibt.
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Siehe z.B. Didier Raymond (Hg.) Nietzsche ou la grande santé, Paris, L’Harmattan,
1999. Siehe z.B. Anton Neumayr Luther, Wagner, Nietzsche im Spiegel der Medizin, Wien, Pichler, 1999; Günter Gödde Traditionslinien des «Unbewussten»: Schopenhauer – Nietzsche – Freud, Giessen, Psychosozial-Verlag, 2009. 5 Siehe z.B. Orsolya Friedrich, Diana Aurenque, Galia Assadi, Sebastian Schleidgen (Hg.) Nietzsche, Foucault und die Medizin. Philosophische Impulse für die Medizinethik, Bielefeld, Transcript Verlag, 2016. 6 Siehe v. a. Pia Daniela Volz Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit. Eine medizinischbiographische Untersuchung, Würzburg, Königshausen und Neumann, 1990; Mirella Carbone et Joachim Jung (Hg.) Friedrich Nietzsche. Die Kunst der Gesundheit, Freiburg, Verlag Karl Alber, 2014. 4
Vorwort
I Nietzsche und die antike Tradition des «philosophischen Arztes» In ihrem Beitrag «‹Être son propre médecin›: des sources antiques de l’image nietzschéenne du ‹médecin philosophe›» analysiert Céline Denat die Bedeutung des Ausdrucks «médecin philosophe», den Nietzsche im Jahr 1888 häufig benutzt, um seine Aufgabe von den antiken Philosophen zu unterscheiden. Sie zeigt auf, dass für Nietzsche ein richtiger Arzt der Kultur fähig sein muss, seine eigenen Krankheiten zu meistern und zu überwinden. Damit greift Nietzsche eine lange Tradition von Aischylos bis Montaigne auf und will sich als ein Ausnahme-Individuum ausweisen, das «son propre médecin» werden kann. Florian Häubi untersucht in «Nietzsche und die ‹medi-cynische› Erkenntnis» die Beziehung zwischen Medizin und Zynismus in Nietzsches Philosophie. Er zeigt auf, wie sich Nietzsches Denken als Demaskierung der niedrigeren, tierischen Herkunft der moralischen Gefühle und Begriffe in die Tradition des antiken Zynismus einfügt. Anschliessend argumentiert er, inwiefern sich Nietzsche aufgrund seiner Auffassung der Scham von der antiken Tradition unterscheidet. In ihrem Aufsatz «Philosophy as therapy: Nietzsche’s revaluation of hellenistic therapeia» problematisiert Martina Faustino Nietzsches Ambivalenz in Hinsicht auf die antike Konzeption der Philosophie als Therapie. Die Autorin erläutert zum einen den Einfluss der hellenistischen Philosophie auf Nietzsches Vorstellung des Philosophen als Arzt der Kultur und zum anderen Nietzsches Kritik an diesen antiken Philosophen, nämlich dass sie für die zeitgenössische Krankheit verantwortlich sind. Mit dem Versuch, aufzuzeigen, wie aus Nietzsches Sicht eine prophylaktische Philosophie aussehen könnte, schliesst der Aufsatz. In seinem Beitrag «Nietzsche als Pathologe und Therapeut in Jenseits von Gut und Böse» setzt sich Andreas Urs Sommer mit der Figur des Philosophen als Arzt auseinander. Der Autor zeigt, dass in Jenseits von Gut und Böse Nietzsche dem Philosophen, verstanden «als Arzt der Cultur», im Vergleich zur Antike neue Eigenschaften und eine andere Funktion zuschreibt. Zugleich verbindet diese Philosophie der Zukunft die diagnostische Funktion der Philosophie mit deren therapeutischer Funktion.
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Vorwort
II Medizin, Therapie und Gesundheit: kontextuelle Analyse Der Beitrag von Martine Béland, «‹Anéantir l’opéra› pour guérir la musique? Critique et thérapeutique dans l’esthétique musicale de Nietzsche», fragt, weshalb Nietzsche in der Verneinung der Oper eine Bedingung für die Genesung der Kultur sieht. Ihre Analyse von §19 aus Die Geburt der Tragödie und des kulturellen Kontextes zu Beginn des Jahres 1870 betont die heilende Wirkung, welche die Musik – im Gegensatz zu Wagners Opern – hat. Martine Béland hebt damit die therapeutische Dimension der ästhetischen Reflexionen des jungen Nietzsche hervor. Isabelle Wienand widmet sich in ihrem Beitrag mit dem Titel «L’usage du vocabulaire médical dans Le gai savoir» dem §120 aus Die fröhliche Wissenschaft. Sie vertritt die These, dass Nietzsches medizinische Semantik eine polemische Dimension – Nietzsche widerspricht einer normativen Konzeption der Gesundheit – und eine philosophische Dimension hat. Im Text «Gesundheit der Seele» beabsichtigt Nietzsche einerseits, dem Individuellen eine epistemologische und ethische Legitimation zuzuschreiben, um die Voraussetzungen und Bedingungen seiner eigenen Gesundheit zu bestimmen, und intendiert andererseits, die Beziehung zwischen Körper und Seele neu zu denken und die Macht der Leidenschaften als conditio humana zu reflektieren. Clademir Araldi konzentriert sich in seinem Beitrag «Die Physiologie, die Medizin und das Problem der Werte in GM I» auf die erste Abhandlung von Zur Genealogie der Moral. Der Autor zeigt auf, wie sich Nietzsche auf die Medizin und Physiologie beruft, um die Kultur des Ressentiments zu kritisieren und zugleich eine Behandlung des Problems des Nihilismus aufzufinden. Scarlett Marton untersucht in ihrem Aufsatz «‹Je fis de ma volonté de santé, de vivre, ma philosophie…› Nietzsche et le problème de la médecine dans Ecce homo», warum sich Nietzsche sowohl als Heiler als auch als Kranker darstellt. Ausgehend vom ersten Kapitel von Ecce homo beleuchtet Scarlett Marton die fundamentale Beziehung zwischen Philosophie und Leben, auf die Nietzsche in dieser ungewöhnlichen Autobiographie immer wieder eingeht.
Vorwort
III Psychologie und Therapie In «La psycho-diététique de Nietzsche» kommentiert Emmanuel Salanskis die Gründe, weshalb Nietzsche die Wirksamkeit seiner Psycho-Diätetik anpreist, und erläutert die zu Grunde liegenden philosophischen Begründungen. Der Autor vertritt die Ansicht, dass Nietzsches Diätetik nicht die üblichen therapeutischen Absichten verfolgt; denn zum einen verschreibt der diätetische Philosoph keine universelle Behandlung und zum anderen bezweckt er nicht die Unterdrückung des Leidens. Die Diät des Philosophen aus Sils Maria kann also, somit schliesst der Autor seinen Aufsatz, dem décadent nicht passen. Éric Blondel greift in seiner Darlegung die Frage nach der begrifflichen Filiation zwischen Nietzsche und Freud und deren jeweiligen medizinischen und psychologischen Ansätzen auf. Nebst dem ähnlichen Vokabular gilt es auch zu verstehen, welche gemeinsame Fragstellung die beiden Autoren verbindet. Der Beitrag «Dr Sigmund Nietzsche? Quelques remarques sur les psychologies et les médecines comparées du philosophe médecin Nietzsche et du Dr Freud» sieht das wesentliche Bindeglied zwischen Nietzsche und Freud in der Philosophie Schopenhauers: für Nietzsche in Bezug auf seine Doktrin und für Freud in Bezug auf seinen Einfluss im Zeitgeist der Epoche. Anne-Gaëlle Argy geht den Gründen nach, weshalb bestimmte Philosophen, und Nietzsche im Besonderen, in zeitgenössischen Publikationen über Persönlichkeitsentwicklung aufgegriffen werden. In ihrem Aufsatz «Le Nietzsche du développement personnel. Enquête» analysiert, wie Begriffe und Argumentationstechniken der Philosophie überarbeitet werden, damit sie als Selbsttherapien allen zur Verfügung sein können. Nebst der Irritation, die eine dekontextualisierte Verwendung bekannter Passagen hervorruft, weist Anne-Gaëlle Argy auf den Widerspruch zwischen diesen übereilten Lesarten und der Tugend des «Wiederkäuens» hin.
IV Physiologie und Nietzsches therapeutisches Projekt Laurent Esmez analysiert die Auswirkung von Nietzsches Aufruf, den Leib zu bedenken, in seinem Aufsatz «Les métaphores médico-physiologiques de Nietzsche: la question des fonctions organiques». Er zeigt, worin das privile-
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