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Durch Nationalerziehung zu Demokratie und Frieden

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Giuseppe Mazzini ist vor allem bekannt als « Täter » des 19. Jahrhunderts. Doch auch als Denker nahm er massgeblich Einfluss : In seinen Texten analysiert er die Entwicklungen seiner Zeit und setzt sich in Briefen mit den prominenten Denkern der internationalen politischen Szene aus­ einander. Selbst mit dem Ziel eines republikanischen italienischen Nationalstaates angetreten, denkt er die Nation als Teil einer Nationen­ gemeinschaft, den Menschen als Teil der Menschheit. Die Lektüre seines Werkes zeigt, wie innovativ seine Ansätze etwa zur Gleichstellung der Geschlechter oder zur internationalen Kooperation sind. Sich mit Mazzini als Denker auseinanderzusetzen, verhilft nicht nur zu einem besseren Verständnis der politischen Ideen des 19. Jahrhunderts. Seine Analysen sind auch im Hinblick auf heutige Debatten höchst aktuell.

Catherine Buchmüller-Codoni studierte Philosophie und französische Literatur- und Sprachwissenschaft in Zürich und war als wissenschaftliche Assistentin im Fachbereich Ethik und politische Philosophie in Freiburg i. Üe. tätig, wo sie auch ihre Arbeit zu Giuseppe Mazzini verfasste.

www.schwabe.ch

Catherine Buchmüller-Codoni

Durch Nationalerziehung zu Demokratie und Frieden Giuseppe Mazzini : Eine europäische Stimme aus dem 19. Jahrhundert

Durch Nationalerziehung zu Demokratie und Frieden

Catherine Buchmüller-Codoni

Durch National­erziehung zu Demokratie und Frieden Giuseppe Mazzini: Eine europäische Stimme aus dem 19. Jahrhundert


Catherine BuchmĂźller-Codoni

Durch Nationalerziehung zu Demokratie und Frieden Giuseppe Mazzini: Eine europäische Stimme aus dem 19. Jahrhundert

Schwabe Verlag


Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.

Erschienen 2020 im Schwabe Verlag Basel Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0) Korrektorat: Monika Paff, Langenfeld Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4082-0 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4184-1 DOI 10.24894/978-3-7965-4184-1 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Einleitung oder der „Fall“ Mazzini . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

15

1 Kapitel: Mit Nationalität gegen Nationalismus . . . . . . . . . . . . . . . . .

33

1.1

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

33

1.2

Nation und Volk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

35

1.3

Nation und Vaterland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

40

1.4

Nation, Rasse und nationaler Charakter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

44

1.5

Nation, Rasse und Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

54

1.6

Nation und Erinnerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

61

1.7

Nationalität und Nationalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

67

1.8

Nationalität und Nationalismus: Begriffe und Missverständnisse .

78

1.9

Kosmopolitismus und Menschheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

90

1.10 Kosmopolitismus und Sozialismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

95

1.11 Internationale Beziehungen: Gedanken zu Krieg und Frieden . . . 102 1.12 Internationale Beziehungen: Gedanken zum Kolonialismus . . . . . 117 2 Kapitel: Republik und Demokratie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

2.1

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

2.2

Mazzini über Demokratie und Republik bis 1837 . . . . . . . . . . . . . . 123


6

Inhalt

2.3

Mazzini und Guizot . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135

2.4

Mazzini und die Thoughts upon Democracy . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150

2.5

Vereinigungen und Vereine oder der Konflikt mit Marx und Engels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158

2.6

Die Thoughts upon Democracy in Europe: Demokratische Tendenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167

2.7

Thoughts upon Democracy in Europe: Mazzini über Bentham und die Frühsozialisten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180

2.8

Thoughts upon Democracy in Europe: Mazzini über den Kommunismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192

2.9

Mazzini und Demokratie nach den Thoughts upon Democracy in Europe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205

2.10 Mazzinis Engagement für die Gleichstellung der Frauen . . . . . . . . 216 3 Erziehung und Arbeiterschaft: Mazzinis Mission für die Menschheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229

3.1

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229

3.2

Erziehung als Nationalerziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236

3.3

Bildung und Selbsterziehung: Mazzini und Mill im Vergleich . . . 244

3.4

Gedanken zur praktischen Umsetzung von Erziehung . . . . . . . . . . 258

3.5

Erziehung durch Presse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262

3.6

Vaterland und Familie als Ort der Erziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . 266

3.7

Das (Grund‐)Übel und die Einheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270

3.8

Fortschritt durch Lernen in der Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . 282

3.9

Die Assoziation als Teil des Fortschritts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285

3.10 Genie und Intellekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298 3.11 Literatur, Literaten, Volkserziehung und mutuo insegnamento . . . 310 3.12 Mazzini und die Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321


Inhalt

3.13 Religion und ihre zukĂźnftige Rolle fĂźr die Menschheit . . . . . . . . . 331 3.14 Eigentum, Kapital und Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337 3.15 Mazzini und die Arbeiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345 3.16 Die Schule in London . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360 Schlusswort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 Verzeichnis der zitierten Texte Mazzinis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 Index . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399

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Vorwort

Weshalb Mazzini? Eine Frage, die oft zu hören bekommt, wer sich mit Mazzini im Bereich der politischen Philosophie beschäftigt. Mazzini ist heute ausserhalb Italiens kaum mehr bekannt, und wer ihn kennt, wird in ihm vor allem den geistigen Vater des geeinten Italiens sehen. Das meiste, was über ihn geschrieben wurde, bezieht sich auf seine Rolle für Italien und sein abenteuerliches, umtriebiges und auch tragisches Leben, das er zum grössten Teil im Exil verbringen musste. Könnte es sein, dass er vergessen wurde, weil er nichts hinterlassen hat, was darüber hinaus originell und der Erinnerung wert wäre? Eine Frage, der ich mehr als einmal begegnete. Zusammenfassend soll diese im Schlusswort beantwortet werden. Ganz vergessen wurde Mazzini bis heute nicht, es erscheinen immer wieder Bücher oder Artikel über ihn oder sein Werk, wobei diese oft seine Person oder sein Wirken für Italien ins Zentrum stellen. Sein Denken, seine internationale Bedeutung und seine inhaltliche Auseinandersetzung mit Aktivisten, Politikern und Denkern aus unterschiedlichsten Ländern und politischen Strömungen sind darin nur selten enthalten und so kommt auch sein Einfluss auf europäischer Ebene kaum zur Sprache. Oft konzentrieren sich die Texte stark auf die Person Mazzini, er wird zum Helden stilisiert und damit selbst zum Teil des Kultes und Mythos, auf die er sich für die Einigung Italiens beruft. Verständlich, wenn man das bemerkenswerte Leben des Revolutionärs betrachtet. Die Literatur ist vielfältig, wobei es viele wissenschaftliche Bücher und Texte zu seiner Person gibt, aber auch solche, die keinen wissenschaftlichen Anspruch haben, wie zum Beispiel das vor Kurzem erschienene Buch von Eva Wegensteiner-Prull. (Vgl. Wegensteiner-Prull 2017, S. 7) Aber auch wissenschaftliche Arbeiten sind oft von der Ehrfurcht vor dem Helden geprägt, sprechen vom „Apostel“ oder auch vom „Erzieher“ der italienischen Einheit. (Vgl. Balzani/Varni 1992, S. 193; Calogero 1973, S. 206; S. 218)


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Vorwort

Dieses Buch soll keine historische Aufarbeitung und keine Heldenverehrung Mazzinis sein. Das Ziel ist es vielmehr, durch eine kritische Lektüre einer Auswahl seiner Texte und einer Vielzahl von Briefen sich seiner Terminologie zu nähern und dadurch seine Position und Meinung nachzuvollziehen, zu hinterfragen und seine internationale, politische, philosophische und pädagogische Bedeutung im 19. Jahrhundert aufgrund seines Denkens und seiner aktiven Rolle in der europäischen Debatte seiner Zeit aufzuzeigen. Wichtig ist dafür auch der historische Hintergrund, da ein Aktivist wie Mazzini nie unabhängig von der ihn umgebenden Aktualität denkt und handelt. Interessant und informativ sind der Austausch und die Freundschaften, die er in verschiedenen Ländern Europas pflegte – manche Freundschaft hielt ein Leben lang – und sein persönliches Umfeld. Bei all der internationalen Vernetzung und den vielen Jahren im Exil wird sich zeigen, dass Mazzini nie „Italien“, seine Herzensangelegenheit, aus dem Blick verliert. Die drei grossen Kapitel widmen sich drei grossen Themen, wobei mit diesen viele kleinere verwoben und sie auch untereinander nicht scharf zu trennen sind. Das Ziel dieser Themenauswahl ist es, Mazzini nicht aus der Sicht unserer Zeit zu lesen, sondern sich bewusst seinem Verständnis von Begriffen und seiner Meinung zu den sozialpolitischen Problemen des 19. Jahrhunderts durch seine Texte und Briefe zu nähern. Dies ermöglicht es, den Gehalt seiner Aussagen zu erkennen und seine Meinung von den Ansichten seiner Zeitgenossen zu unterscheiden. Die hier behandelten Schwerpunkte beinhalten viele Aspekte, die bis heute aktuell und immer wieder umstritten sind. Ein Grund mehr, auf die Ideen eines grossen Denkers des 19. Jahrhunderts zurückzugreifen und zu den Anfängen hitziger Debatten zu diesen Themen zurückzukehren. Zu Beginn geht es im ersten Kapitel um den Gegensatz von Nationalität und Nationalismus, zwei Begriffe, die heute nicht mehr in Mazzinis Sinne verstanden werden. Nationalität und Nationalismus rufen zwangsläufig auch die Frage nach Nation, Volk, nach präpolitischen Faktoren und der gemeinsamen Erinnerung auf den Plan. Mazzini steht vor dem Problem, ein Territorium und darauf lebende Menschen einen zu wollen, die seit langer Zeit keine geographische oder politische Einheit mehr bilden. Er stellt sich hier also dem Thema der Nation im Hinblick auf den Fall Italien, aber auch und gerade im Hinblick auf Nationen im Allgemeinen, und plädiert für Nationalität und gegen die Gefahren des Nationalismus.


Vorwort

Anschliessend stehen im zweiten Kapitel die Begriffe Demokratie und Republik im Zentrum. Deren Verwendung lässt sich anhand einer zeitlichen Abfolge von Texten und Stationen seines Lebens aufzeigen und soll die Frage klären, wie Mazzini Republik und Demokratie verstand und ob er Demokrat war. Dieser Weg durch sein Denken führt zwangsläufig zu einem Thema, das ihm besonders am Herzen lag: die Gleichstellung der Frauen, ein Anliegen, das er mit seinem Freund John Stuart Mill teilt. Wie seine Texte, Briefe und Berichte über sein Leben zeigen, engagiert er sich in vielfältiger Art und Weise für die Gleichstellung der Geschlechter und unterhält sein Leben lang Freundschaften zu Frauen, die sich in der Frauenbewegung, als Journalistinnen oder für Migranten und soziale Themen engagieren. Im dritten und letzten Kapitel geht es um das äusserst vielseitige und umfangreiche Thema der Erziehung, das bei Mazzini sehr viele Facetten hat und dem mit den Doveri dell’uomo auch ein ganzes Buch gewidmet ist. In diesem Kapitel sollen zunächst seine Gedanken zu Bildung und Nationalerziehung reflektiert und zum besseren Verständnis mit denen seines Freundes und Zeitgenossen John Stuart Mill verglichen werden. Im Anschluss interessieren aber auch praktische Aspekte der Bildung, die Mazzini beschreibt, wie seine Ansichten zur praktischen Berufsbildung und insbesondere seine Schule in London, die er mit viel Energie und Herzblut betreibt. Das Thema der Erziehung wird auch zu den Fragen seines Verhältnisses zur Religion, seiner Sicht auf die Kirche und seiner Haltung zum Sozialismus führen. Die Erziehung ist, wie dieser kurze Überblick erahnen lässt, für Mazzini zentral, ragt in alle Gebiete seines Denkens hinein und ist unabdingbar für die erfolgreiche Umsetzung seiner Ideen des politischen und sozialen Zusammenlebens gleichberechtigter Menschen. Die Erziehung nur im Sinne von Bildung und Ausbildung zu behandeln, würde eindeutig zu kurz greifen und Mazzini keineswegs gerecht werden. Am Ende der Arbeit werden die wichtigsten Erkenntnisse aus den drei Kapiteln in einem Schlusswort zusammengestellt, was auch zeigen wird, in welcher Beziehung diese zueinander stehen. Zudem soll im Schlusswort die Frage nach der Bedeutung von Mazzinis Denken beantwortet werden. Sich mit Mazzini auseinanderzusetzen, stellt in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung dar. Seine in der Edizione Nazionale zusammengestellten Werke umfassen hundertzwölf Bände; allein dreissig davon enthalten politische Schriften. Viel Platz nehmen die unzähligen Briefe ein, wobei hier anzu-

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Vorwort

merken ist, dass es sich dabei nur um die erhaltenen Briefe handelt – viele dürften vernichtet worden sein. Ein dritter Teil der Edizione Nazionale beinhaltet Texte zu Literatur, Musik und Kunst, was die Vielseitigkeit von Mazzinis Denken aufzeigt. Was die Bearbeitung des Werkes eines Mazzini, der rastlos und umtriebig die revolutionären Zeiten mitprägen will, anspruchsvoll macht, ist das Fehlen eines oder mehrerer systematischer Texte, die zu bestimmten Zeiten seine Gedanken ordnen und zusammenfassen. Deshalb ist die Auswahl der Texte immer eine willkürliche beziehungsweise unvollständige, denn nur schon alle politischen Texte Mazzinis zu bearbeiten, ist im Rahmen eines Dissertationsprojektes unmöglich. Die Texte Foi et avenir und die Doveri dell’uomo können am ehesten als systematische Bestandsaufnahmen zu bestimmten Zeiten gelesen werden, ansonsten sind seine Texte meist mehr oder weniger spontane Reaktionen auf Ereignisse oder Antworten auf Briefe oder Artikel von anderen Denkern. In dieser Arbeit stehen folglich diese beiden Texte Foi et avenir und die Doveri dell’uomo sowie die in Grossbritannien erschienenen Artikel der Thoughts upon Democracy in Europe im Zentrum. Ergänzt werden sie durch eine Vielzahl von Artikeln, Manifesten und Briefen aus unterschiedlichen Lebensphasen Mazzinis, um ein möglichst vollständiges Bild zu zeichnen. Eine weitere Schwierigkeit bei der Arbeit mit Mazzinis Schriften stellen die unterschiedlichen Versionen seiner Texte dar. Oft kommt es vor, dass ein Text zum Beispiel zuerst auf Französisch publiziert wurde, dann von Mazzini selbst oder einem seiner Freunde ins Italienische übersetzt und erneut veröffentlicht wurde. Das Problem dabei ist, dass diese Übersetzungen je nach Übersetzer und dessen politischer Orientierung mehr oder weniger stark die Aussage der Artikel verändern. Übersetzt Mazzini selbst, ergänzt er sogar ganze Abschnitte und lässt andere Textblöcke weg, publiziert den Text aber unter demselben Titel in einer anderen Sprache. Zudem gilt allgemein, dass Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert kaum unseren heutigen Ansprüchen genügen. Für diese Arbeit wurde deshalb immer die erste publizierte Version der Texte verwendet, ob diese nun auf Französisch, Italienisch oder Englisch erschienen sind. Dafür wurden die verschiedenen Sprachen der Zitate im Text in Kauf genommen und die italienischen Zitate durch eine deutsche Übersetzung ergänzt. Die Hervorhebungen in Zitaten gehen immer auf Maz-


Vorwort

zini oder den jeweiligen Autor zurück, Ausnahmen von dieser Regel sind vermerkt. Um die Orientierung zu erleichtern, geben Fussnoten Aufschluss über den Zeitpunkt und den Ort der ersten Publikation von Mazzinis Texten. Bei wichtigen Texten sind zusätzliche Angaben oder auch Details zur Entstehungsgeschichte vorhanden. Neben der Bibliographie, in der die Bände aus der Edizione Nazionale, aus denen zitiert wurde, aufgelistet sind, sind die in diesem Buch zitierten Texte Mazzinis in einer alphabetisch geordneten, separaten Liste zu finden. Sie stehen dort mit Angaben zum Jahr der Entstehung, der ersten Publikation sowie dem Verweis auf den Band der Edizione Nazionale. Die zusätzlichen Informationen zu den Texten sind in dieser Liste bewusst knapp ausgefallen, da sie in den Fussnoten ausführlich zu finden sind. Zuletzt sollen die zwei deutschen Übersetzungen von Mazzinis Texten erwähnt werden. Bei der einen handelt es sich um die zweibändige Ausgabe von Ludmilla Assing, bei der anderen um den ersten Band von Siegfried Flesch, dessen Projekt es war, weitere Bände mit Übersetzungen zu publizieren (Mazzini 1911a, 1868). Es wurde aber bewusst darauf verzichtet, die Übersetzungen von Assing oder Flesch zu verwenden. Erstens sind darin nur sehr wenige Texte enthalten und zweitens sind die Übersetzungen oft zu unpräzise und genügen den heutigen Ansprüchen an Übersetzungen nicht. Verschiedene Personen haben mich auf dem Weg bis zum Gelingen der vorliegenden Monographie, die im März 2019 von der Philosophischen Fakultät der Universität Fribourg als Dissertation angenommen wurde, unterstützt. Ich danke Markus Alexander Lenz für Korrekturen und Anregungen zu den deutschen Übersetzungen der Zitate aus dem Italienischen und Lukas Grossmann für das kritische Gegenlesen der gesamten Arbeit. Wolfgang Rother danke ich für wertvolle Anregungen und Literaturhinweise. Besonderer Dank gilt meinem Doktorvater Jean-Claude Wolf für die Ermutigung zu diesem Projekt. Seine Kritik und seine Anregungen haben meine Auseinandersetzung mit Mazzini in vielseitiger Art und Weise bereichert. Grosser Dank gilt ausserdem meiner Familie: meiner Mutter Barbara Codoni für ihre stete Unterstützung. Meinen Töchtern Audry und Charline, die unermüdlich für die Aufrechterhaltung meiner Work-Life-Balance gesorgt haben. Der grösste Dank gilt meinem Mann Stefan. Ohne seine Unterstützung und sein Engagement im Hintergrund wäre diese Forschungsarbeit nicht möglich gewesen.

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Einleitung oder der „Fall“ Mazzini

Mazzini der Held, der Revolutionär, der Umstürzler, der Unbequeme, aber auch der Feinsinnige und Melancholische, der Verbannte. Mazzini geniesst je nach Zeit und Umfeld einen sehr unterschiedlichen Ruf. Welche Faktoren zu diesem Ruf beitrugen, soll anhand eines kurzen Überblicks aufgezeigt werden, wobei es nicht das Ziel ist, einen vollständigen Lebenslauf1 zu erstellen. Es geht vielmehr um erste Eindrücke und Zusammenhänge von teilweise internationaler Bedeutung in Mazzinis Leben, die ein Bild seines Bekanntheitsgrades zu seinen Lebzeiten und seines Wesens vermitteln sollen. Weitere Aspekte seines Lebens werden im Laufe der nächsten Kapitel im Zusammenhang mit unterschiedlichen Themen Erwähnung finden. Ich hatte gegen die grössten Feldherrn zu kämpfen; es gelang mir, Kaiser, Könige, einen Zaren, einen Sultan, einen Papst zu einigen. Aber niemand auf Erden hat mir grössere Schwierigkeiten bereitet als ein Schuft von einem Italiener, mager, blass, zerlumpt, aber beredt wie ein Sturm, glühend wie ein Apostel, abgefeimt wie ein Dieb, frech wie ein Komödiant, unermüdlich wie ein Verliebter, und der hiess Mazzini. (Zitiert in: Meier 2005)

Dieses Zitat, das Metternich zugeschrieben wird, zeichnet das furchteinflössende Bild eines ungestümen Revolutionärs. Um nachvollziehen zu können, was Metternich zu einer solchen Beschreibung veranlasst haben mag, bietet es sich an, Mazzinis Stationen im Schweizer Exil zu betrachten. Mazzini hatte einiges unternommen, um Metternichs Unmut in diesem Masse auf sich zu ziehen – allerdings war es nicht seine Absicht gewesen, gerade Metternich zu reizen.

Für ausführliche Biographien vgl. beispielsweise Mack Smith 1994; Belardelli 2010; Frétigné 2006. 1


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Einleitung oder der „Fall“ Mazzini

Giuseppe Mazzini wurde 1805 in Genua als Sohn des Arztes Giovanni Mazzini und von Maria Drago, einer gläubigen Jansenistin, geboren. Beide Eltern liessen sich von den Prinzipien der Französischen Revolution inspirieren und jakobinische Texte und Pamphlete waren im Hause Mazzini selbstverständlich. Auch erlebte Mazzini als Kind die Diskussionen „italienischer“ Liberaler und Nationaler. Mazzinis Vater hatte 1800 kurz einen Posten in der neu geschaffenen Bonapartistischen Ligurischen Republik inne, weshalb die ganze republikanische Familie Mazzini 1821 bitter enttäuscht war, als diese Republik Teil des Königreichs Piemont wurde. (Vgl. Roberts 1989, S. 1) 1821 war Mazzini bereits Student an der Universität von Genua, las viel von französischen und deutschen Aufklärern und träumte von der italienischen Einheit. Er schloss sich mit anderen Studenten zusammen und wurde ihr Anführer. Bereits 1825 gab es polizeiliche Hinweise auf Mazzini und seine Mazzinianer. (Vgl. Roberts 1989, S. 2) Mazzini trat der Carboneria, den „italienischen“ Geheimbünden, die dem Vorbild der Freimaurer nacheiferten,2 bei und engagierte sich in den Aufständen von 1830, wurde aber im November verhaftet und in Savona inhaftiert. Da gegen ihn keine Beweise gefunden werden konnten, wohl auch, weil der mit der Durchsuchung von Mazzinis Haus beauftragte Polizeikommissar mit einem Freund Mazzinis verwandt war, wurde Mazzini im Januar 1831 freigelassen und konnte wählen, ob er sich an einem Ort ausserhalb und entfernt von Genua und von der Küste niederlassen oder ins Exil gehen wollte. Er wählte das Exil in der Annahme, dass die Revolution bevorstehe und sein Exil nur von kurzer Dauer sein würde. (Vgl. Belardelli 2010, S. 27) Es war aber der Anfang eines jahrzehntelangen und arbeitsreichen Exils. (Vgl. Della Peruta 1974, S. 26) 1831 richtete er sich in Marseille ein. Dort entwickelte er als Gegenstück zur aus seiner Sicht verknöcherten Struktur der in die Bünde der verschiedenen Regionen zerstückelten Carboneria sein Konzept der Giovine Italia. Die neue Organisation sollte Ausdruck der nationalen und demokratischen Erneuerung durch eine junge Generation sein, die unter dem Einfluss der Romantik stand und nicht unter dem Einfluss der napoleonischen Herrschaft gelebt hatte. (Vgl. Della Peruta 1974, S. 59) Die

Die Carboneria wird im Lauf der weiteren Kapitel näher beschrieben. Für ausführliche Informationen vgl. beispielsweise Luzio 1920. 2


Einleitung oder der „Fall“ Mazzini

Giovine Italia brachte in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Partisanen auf die italienische Halbinsel und schmuggelte Propagandaschriften ins Land. Mack Smith bezeichnet sie als die erste politische Partei „Italiens“ mit Programm, Mitgliedschaft, regelmässigen Informationen und einem Kurierdienst zwischen den Regionen, der den Austausch unter den Mitgliedern sicherstellte. Die wachsende Anhängerschaft von Mazzinis Jungem Italien alarmierte sowohl den König Carlo Alberto als auch den österreichischen Minister Metternich. (Vgl. Mack Smith 1994, S. 5–7) Mazzini kam 1833 in die Schweiz, um dort zu leben, nachdem er in Marseille nicht mehr sicher war. (Vgl. Bettone 1995, S. 18) Dieser Aufenthalt als Flüchtling stürzte die Schweiz in ein Dilemma. Mazzinis Geschichte als Asylsuchender spielte sich sowohl vor als auch nach der Gründung des Bundesstaates ab und stellte die Schweiz vor die Herausforderung, ihre Souveränität nach innen und nach aussen zu behaupten. Das Asylrecht in der Schweiz, wie es im 19. Jahrhundert verstanden wurde, beinhaltete im Wesentlichen das Recht der Schweiz, Verfolgten Asyl zu gewähren. Damit konnte die Schweiz Flüchtlingen nach eigenem Ermessen Asyl gewähren und sie der Hoheitsgewalt ihres Heimatstaates entziehen, ohne sich dadurch unzulässig in dessen innere Angelegenheiten einzumischen. Der Staat hatte aber auch das Recht, einem Flüchtling das Asyl zu verweigern. Dies unter anderem, um die Souveränität nach innen, das heisst der Nation als Schweizervolk, zu wahren. (Vgl. Lang 2006, S. 28–29) Im 19. Jahrhundert existierte allerdings keine Regelung des Aufenthaltes für Flüchtlinge im heutigen Sinne. Ausländer, die sich in der Schweiz niederlassen wollten, mussten nachweisen, dass sie den Lebensunterhalt selbständig bestreiten konnten, und konnten dann, solange sie nicht „polizeiauffällig“ wurden, problemlos in der Schweiz leben. In Europa war es auch nicht üblich, bei einem Grenzübertritt Ausweispapiere vorzuweisen. Von Asyl wurde nur dann gesprochen, wenn der Heimatstaat die Auslieferung beantragte und diese Auslieferung verweigert, also Asyl gewährt wurde. Ansonsten stellte sich die Asylfrage nicht. (Vgl. Lang 2006, S. 29–30) Bis zur Gründung des Bundesstaates blieb die Asylgewährung Sache der Kantone. Die Auslieferungsanträge anderer Staaten für Flüchtlinge, gerade politische Flüchtlinge, die die innere Sicherheit dieser Staaten angeblich gefährdeten, wurden allerdings zum Problem. Oft übernahmen es die radikalliberalen oder freisinnigen Kantone wie Solothurn, solche Flüchtlinge auf-

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Einleitung oder der „Fall“ Mazzini

zunehmen. Daraufhin verlangten ausländische Vertreter wie Metternich von der Eidgenossenschaft, gegen solche flüchtlingsfreundlichen Kantone durchzugreifen. Ab 1830 nahm die Zahl von politischen Flüchtlingen in der Schweiz stark zu, unter ihnen viele Deutsche, Polen und „Italiener“. Länder wie Österreich, Deutschland, Russland oder Frankreich sahen in der Schweiz und in den radikalliberalen Kantonen Brandherde der Revolution. Sie argumentierten, die Schweiz verletze mit dem Schutz solcher Flüchtlinge ihre völkerrechtliche Pflicht, Handlungen von Flüchtlingen gegen das Territorium oder die Interessen anderer Staaten zu verhindern und zu bestrafen. Gewisse Kantone ignorierten diese Kritik, was einige Flüchtlinge dazu animierte, ihre Aktivitäten auszuweiten. So organisierte Mazzini beispielsweise seine Spedizione di Savoia und schickte Freikorps über den Genfersee nach Ligurien, um im Königreich Piemont einen Volksaufstand zu provozieren.3 Dieser Versuch schlug fehl, was eine Niederlage für die Giovine Italia bedeutete. Diese Spedizione führte zu weiterem Druck Metternichs unter anderem auf den Kanton Bern, wo Mazzini sich damals aufhielt. Mazzini tauchte unter und fand 1835 in Grenchen Aufnahme.4 (Vgl. Lang 2006, S. 30–31) Metternichs Druck und sein Interesse für Mazzini liessen auch nach Mazzinis Niederlage mit der Spedizione di Savoia nicht nach, denn ihn beschlich bereits damals eine Ahnung, dass Mazzini nicht so leicht aufgeben würde. In einem Brief vom 27. Juni 1834 schreibt Metternich: Quiconque a étudié avec soin le caractère de Mazzini a dû se dire que ce moderne Catilina n’abandonnerait pas la partie, qu’il s’empresserait au contraire de renouer les fils rompus, de rassurer et de réconforter ses nombreux partisans et qu’il ne tarderait pas à se mettre à l’œuvre pour substituer un plan plus pratique à celui qui avait manqué. (Luzio 1920, S. 130)

Metternich sollte recht behalten – Mazzini bemühte sich im Anschluss um die Gründung einer Giovine Europa.5

Ausführlicher zur Spedizione di Savoia vgl. beispielsweise Bettone 1995, S. 18–31. Zu Mazzinis Zeit in Grenchen, vgl. Meier 2005 und Haefliger 1926. 5 Ausführliche Informationen zur Giovine Italia und Giovine Europa finden sich z. B. in Della Peruta 2006.

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Einleitung oder der „Fall“ Mazzini

Mazzini tauchte als meist gesuchte Person Europas 1835 in Grenchen unter. Im Mai 1836 fiel der Zürcher Polizei ein Kreisschreiben des Zentralausschusses des revolutionären Jungen Deutschland in die Hände, das zu einer Landeskonferenz am 28. Mai in Bad Grenchen einlud. Daraufhin sah sich der Kanton Solothurn gezwungen, Mazzini und drei weitere Personen auf Druck des Bürgermeisters von Zürich, Johann Jakob Hess, verhaften zu lassen. Hess verlangte vom Kanton Solothurn die Ausweisung der Verschwörer nach Amerika. Die Behörden liessen die Festgenommenen aber nach vierundzwanzig Stunden frei, da keine belastenden Papiere gefunden wurden. Unter dem Jubel der Bevölkerung kamen sie nach Grenchen zurück. Die Solidarität und Begeisterung der Leute basierte vor allem auf den gemeinsamen politischen Überzeugungen. Da Mazzini und seine Gleichgesinnten offensichtlich nicht in der Schweiz waren, um hier eine Ruhestätte zu finden, sondern um ihre Ziele weiterzuverfolgen, wurde ihr Aufenthalt infrage gestellt. Um sie zu schützen und ihnen ein Bleiberecht zu sichern, verlieh die Gemeindeversammlung von Grenchen Mazzini und zwei seiner „italienischen“ Mitstreiter am 12. Juni 1836 das Bürgerrecht. (Vgl. Lang 2006, S. 31– 32; Moser Schmidt 2006, S. 23; Zwygart 1996, S. 196–197) Aufgrund der Bedrohung der öffentlichen Ruhe, die man in den drei Männern sah, hob der Kanton Solothurn diese Einbürgerung allerdings wieder auf – Gemeinden konnten das Bürgerrecht nur nach Einwilligung des Kantons erteilen. Daraufhin tauchten Mazzini und seine Leute im Kanton Solothurn unter. Der Druck aus Frankreich durch den Gesandten Montebello und aus Österreich durch Metternich, dem revolutionären Treiben der Flüchtlinge in der Schweiz ein Ende zu setzen, sowie die Androhung einer Grenzsperre verschärften die Lage. Metternich und die Schweiz stritten in dieser Zeit um die Frage der Neutralität, die auch das Problem des politischen Asyls beinhaltete. Da Österreich starken Druck auf den Kanton Zürich ausübte, blieb Johann Jakob Hess eine der treibenden Kräfte für die Ausweisung der unbequemen Asylsuchenden.6 Am 11. August 1836 beschloss die

6 Mazzini richtete am 27. August 1836 sogar einen Brief an Hess, um ihm seine Beweggründe darzulegen und sich gegen falsche Anschuldigungen zu wehren. Der Brief in französischer Sprache findet sich in voller Länge im Artikel von Zwygart, vgl. Zwygart 1996.

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