Sinnfragen sind aufdringlich. Sie lassen sich weder abweisen noch kleinreden. Tagtäglich müssen Entscheidungen getroffen werden, die nach einer situations- und normgerechten Lösung verlangen. Dabei tauchen auch grundsätzliche, nämlich die eigentlich philosophischen Fragen auf : Wie kann ich ein selbstbestimmtes Leben führen, ohne meine sozialen Verpflichtungen zu vernachlässigen ? Hat der Körper ein Mitspracherecht bei der individuellen Lebensgestaltung ? Welche Rolle spielt das Geschlecht in Bezug auf Strategien zur Konfliktbeseitigung ? Wie sähe eine Welt aus, in der Sinnfragen überflüssig geworden wären ? Annemarie Pieper gibt in ihrem neuen Buch in zwölf Texten Denkanstösse zu diesen und weiteren wichtigen philosophischen Fragen.
Denkanstösse
Annemarie Pieper war von 1981 bis 2001 ordentliche Professorin für Philosophie an der Universität Basel auf dem Lehrstuhl von Karl Jaspers und hat sich in ihrer Forschung vor allem mit der Existenzphilosophie und der philosophischen Ethik auseinandergesetzt. Im Schwabe Verlag erschienen ihr erster Roman « Die Klugscheisser GmbH » sowie die beiden Bände « Ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch » und « Nachgedacht » in der Reihe « Schwabe reflexe ». 2013 erhielt Annemarie Pieper den Preis der Dr. Margrit Egnér-Stiftung.
ANNEMARIE PIEPER
www.schwabe.ch
REFLEXE 68
ANNEMARIE PIEPER
Denkanstösse zu unseren Sinnfragen
REFLEXE
Schwabe reflexe
Band 68
Annemarie Pieper
Denkanstรถsse zu unseren Sinnfragen
Schwabe Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4178-0 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4227-5 DOI 10.24894/978-3-7965-4227-5 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
Selbstbestimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
Lebenskunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
Die Kunst des Führens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
23
Genderprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
35
Das Ich und sein Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
35
Zwischen Vollmond und Sichel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
44
Endlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
53
Der Körper als Störfaktor im Seelenhaushalt . . . . . . . . . . .
53
Schwäche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
63
Sozialtauglichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
73
Verantwortung als soziale Kompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . .
73
Solidarität als Bindeglied zwischen Ich und Wir . . . . . . . . .
83
Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
95
Vorurteile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
95
5
Wissensformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Zukunftsvisionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Wunschlos glßcklich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Träume von einer gerechteren Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
6
Vorwort
Die Themenvorschläge für die in diesem Band versammelten Vorträge wurden in den letzten drei Jahren an mich herangetragen mit der Bitte um eine philosophische Klärung von Fragen, die das Verhältnis des Einzelnen zu sich selbst und den Mitmenschen betreffen. Verbunden war diese Bitte mit dem Wunsch, keinen akademischen Vortrag für Fachkollegen zu halten, sondern in allgemein verständlicher Weise auf die jeweiligen Probleme einzugehen. Die Auswahl und Durchsicht der Texte fiel genau in die Zeit, als das Corona-Virus sich rasant ausbreitete und einen weltweiten Stillstand bewirkte. Angesichts der bedrohlichen Lage rückten fortlaufend aktualisierte Informationen über die mit der Pandemie zusammenhängenden Zahlen und Massnahmen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Zudem kostete die schwierige Neuorganisation des Alltagslebens viel Kraft und drängte frühere Probleme an den Rand. Doch es hat sich gezeigt, dass gerade die Einschränkungen, die zur Eindämmung des Virus notwendig wurden, bewusst gemacht haben, wie stark unser demokratisch verankertes Wertespektrum sich auch in einer Ausnahmesituation bewährt und das kollektive Verhalten prägt. Die auf das Notrecht gestützten massiven politischen Eingriffe in die Grundrechte (wie das Recht auf freie Selbstbestimmung, auf Bewegungs- und Versammlungsfreiheit) wurden zwar gutgeheissen, jedoch nur als vorübergehende Restriktionen, die den ethischen Grundwert der Freiheit nicht aus7
hebeln sollten. Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit wurde der moralische Wert der Solidarität den ökonomischen Werten übergeordnet, obwohl immense finanzielle Verluste für Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft zu befürchten waren. Zur Bewältigung der Krise bedarf es einer Neujustierung des gesamten Wertespektrums. Die für die Sicherung der Gesundheit aufgebrachte Solidarität muss nun auch für die Sicherung der Existenzgrundlagen einen Beitrag leisten und dabei sinnvolle Veränderungen auf den Weg bringen. Umstandslos in alte Gewohnheitsmuster zurückzufallen, wäre kontraproduktiv nach den im Lockdown gemachten Erfahrungen: Freiheit, Selbstbestimmung, Führungsqualität, Endlichkeit, Verantwortung, Konsumverhalten, Vorurteile, Zukunft sind Stichwörter, die zum Überdenken des eigenen Lebensentwurfs anregen und dazu auffordern, Modelle einer wünschenswerten Weltgemeinschaft zu entwickeln. Philosophische Überlegungen geben dazu Denkanstösse und Orientierungshilfen. Annemarie Pieper
8
Rheinfelden, im Mai 2020
Selbstbestimmung
Lebenskunst Das Wort Lebenskunst scheint in sich widersprüchlich. Eher ist man geneigt, von einer Überlebenskunst zu sprechen, weil es zum Überleben eigener Anstrengungen, oft sogar heftiger Kämpfe bedarf, wohingegen das Leben als ein natürlicher Prozess gilt, der von selbst, ohne unser Zutun verläuft. Doch bei genauerem Hinsehen bekommt das Leben im Wort Lebenskunst eine andere, eine nichtbiologische Bedeutung. Gemeint ist das von uns selbst in seinem Verlauf geplante und kreativ gestaltete Leben. Zwar gibt es in allen Biographien Wendungen und Brüche, die durch Zufälle oder unerwartete Konstellationen herbeigeführt wurden und die im Lebensplan enthaltenen ursprünglichen Absichten durchkreuzen. Aber gerade dann, wenn wir scheitern, ist Lebenskunst nötig, um einen Weg zu finden, der zurück zum eigenen Sinnentwurf führt und die ungewollten Abweichungen als wichtige Erfahrung darin zu integrieren hilft. Lebenskunst meint ein Können, das man nicht schon von Natur aus beherrscht, sondern das man lernen muss. Man muss lernen, die eigenen Ressourcen – die Begabungen und Talente, die jedes Individuum in sich birgt – zu erkennen und zu entwickeln. Dieser Lernprozess zeigt auch zugleich, und manchmal durchaus schmerzhaft, die Grenzen des eigenen Könnens auf. Wie man mit der Erfahrung umgeht, dass etwas nicht gelingt, 9
was man unbedingt können will, lässt sich am Beispiel des Lebenskünstlers gut illustrieren. Es gehört zum Menschsein, dass man an seine Grenzen geht und diese zu überwinden versucht. Wozu wir fähig sind, finden wir nur heraus, wenn wir unsere physischen, psychischen, emotionalen und affektiven Kräfte bis zum Äussersten testen. Der Lebenskünstler zieht aus diesen Tests die richtigen Schlüsse und vergrössert seine Anstrengungen dort, wo seine individuellen Stärken liegen. Zugleich verzichtet er darauf, Ziele zu verfolgen, für die seine Kräfte nicht ausreichen. Das kann sehr hart sein, denn wir sehen uns ständig im Wettbewerb mit anderen, vergleichen unsere mit deren Leistungen und wollen vieles noch besser können. Aber wer sich darauf versteift, etwas können zu wollen, an dem er immer wieder scheitert oder das er bestenfalls mittelmässig beherrscht, konzentriert seine ganze Kraft auf ein vergebliches Unterfangen, anstatt sie für Ziele einzusetzen, die in seiner Reichweite liegen, und die Wege dorthin zu optimieren. Das Eingeständnis, etwas nicht zu können, obwohl man es wahnsinnig gern könnte, macht frei von dem Zwang, immer wieder gegen den Stachel zu löcken. Es befreit von Frust, Enttäuschung und Unglück, öffnet zugleich den Blick für das, was man kann und durch gezielte Förderung sogar besonders gut kann. Der Lebenskünstler besitzt Augenmass und Urteilskraft, deshalb vermag er nicht nur andere, sondern auch sich selbst richtig einzuschätzen. Dies war ein Grund, warum die grossen Philosophen unserer abendländischen Tradition den Menschen als animal rationale definiert haben, als ein Lebewesen, das zur Vernunft fähig ist und sich bei allem, was es denkt, fühlt, will und tut, seines Verstandes bedient. Die intellektuellen Fähigkeiten tragen dazu bei, das menschliche Leben als ein in sich stimmiges, sinnvolles Ganzes zu gestalten. Der individuelle Selbstentwurf, das persönliche Lebenskonzept, fügt alles Erlebte und Erfahrene 10
in ein Sinnganzes. Ohne den Leitfaden eines durchgehenden Sinns kann das Leben nicht gelingen, denn es zerfiele in zusammenhanglose Bruchstücke, die im Nacheinander der Zeit unverbunden aneinandergereiht wären. Dass das Leben einen Sinn haben muss und dass jeder einzelne Mensch sich nach Massgabe der allgemein als gültig erachteten Normen und Werte als Sinnproduzent zu betätigen hat, ist eine zentrale Forderung unserer Kultur. Vorbild ist dabei in der christlichen Tradition der biblische Schöpfungsmythos, demzufolge Gott die Welt als ein vollauf gelungenes Sinngebilde erschaffen hat. «Siehe, es war gut», stellte er jeweils am Ende des Tages in der Evaluation seines Werks zufrieden fest. Nun hatte Gott ideale Ausgangsbedingungen für seine Kreativität. Zwar erfolgte die Schöpfung aus dem Nichts, Gott konnte also auf keine bereits vorgeformten Materialien zurückgreifen, sondern musste alles aus sich selbst nehmen. Aber der Vorteil bestand darin, dass Gott bei der Gestaltung der Welt absolut frei war und seine Vorstellung des Universums ungehindert eins zu eins umsetzen konnte. Für die Menschen ist dies sehr viel schwieriger. Sie kämpfen mit einem gravierenden Ressourcenmangel, den sie nicht wie ein allmächtiges Wesen einfach mittels ihrer inneren Fülle auszugleichen vermögen. Und sie stossen bei der Umsetzung ihrer Pläne ständig auf zum Teil unüberwindliche Hindernisse. Insbesondere die so genannten Existenzphilosophen, allen voran der französische Nobelpreisträger Albert Camus, hatten deshalb massive Zweifel daran, ob die Menschen überhaupt imstande sind, ein sinnvolles Leben zu führen. Camus bezweifelte nicht, dass unser Sinnanspruch gerechtfertigt ist, dass wir als rationale Wesen also ein Recht auf Sinn haben, aber die Erfahrung, so meinte er, lehrt uns, dass es in einer Welt, aus der die Götter verschwunden sind, keinen vorgegebenen Sinn mehr gibt, der als Vorbild für die menschliche Sinnproduktion die11
nen kann. Wir verlangen nach Sinn und sind mangels Idealen trotzdem gleichsam sinnblind. Das ist absurd, d. h. wider-sinnig. Man entdeckt diese Absurdität laut Camus meistens bei ganz banalen alltäglichen Verrichtungen, die er in seinem Essay Der Mythos des Sisyphos (1942) beschreibt. Plötzlich zerreisst die Kette alltäglicher Gewohnheiten, die uns Halt gegeben haben; es stürzen die Kulissen ein, die uns eine heile Welt vorgegaukelt haben. «Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus – das ist meist ein bequemer Weg. Eines Tages aber erhebt sich das ‹Warum›, und mit diesem Überdruss, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an» (Mythos, 22 f.). Dieser Anfang führt schliesslich zu der Frage, ob sich das Leben überhaupt lohnt, ob nicht der Suizid die logische Konsequenz aus der Einsicht in die Absurdität eines Daseins ist, das immer wieder gegen seine Sinnlosigkeit anrennt und vergeblich versucht, einen dauerhaften, alles umfassenden Sinn in die zersplitterte Lebenswelt zu bringen. Camus hat den Suizid verworfen. Zwar räumt er ein, dass die Selbsttötung als ein letzter verzweifelter Protest gegen eine unerträgliche existentielle Not verstanden werden könne und daher mit dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen vereinbar sei. Damit werde aber die Aussichtslosigkeit aller menschlichen Anstrengungen, dem Leben einen Sinn zu geben, endgültig besiegelt. Stattdessen verweist Camus auf Sisyphos, einen Helden der griechischen Mythologie, der sich unermüdlich mit einem Felsbrocken abschuftet, den er einen Berg hinaufwälzt, wohl darum wissend, dass der Klotz nie oben auf dem Gipfel liegen bleiben, sondern immer wieder ins Tal zurückstürzen wird. Am Beispiel des Sisyphos beschreibt Camus das Schicksal des endlichen, um seine Vergänglichkeit wissenden Individuums, das 12
beharrlich an seinem Sinnanspruch festhält, obwohl es als aufgeklärtes Vernunftwesen an keine transzendente Sinninstanz mehr glaubt, die sich dafür verbürgt, dass letztendlich alles gut ist, was auch immer an Entsetzlichem über die Menschheit hereinbricht. Wir sehen uns heute mehr denn je mit dem Problem des Absurden konfrontiert. Zwar haben wir die Märkte globalisiert, aber von einer Universalisierung der Wertvorstellungen, in denen sich die Sinnerfahrungen einer gelebten solidarischen Mitmenschlichkeit kondensiert haben, kann nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Die in Friedrich Schillers Ode an die Freude anklingende Vision einer friedlichen Weltgemeinschaft mit Familienstrukturen – «Alle Menschen werden Brüder» (resp. Geschwister) – hat sich eher in ihr Gegenteil verkehrt, wie es die Schreckensszenarien der schwarzen Utopien des 20. Jahrhunderts prognostiziert haben: politische Verhältnisse, deren Stabilität sich staatlichem Terror verdankt. Frieden, der durch Unterdrückung der menschlichen Freiheit erreicht wird. Erzeugung normierter, auf die gesellschaftspolitischen Erfordernisse abgerichteter Sklaven, die wie Marionetten agieren, da sie keine Möglichkeit haben, sich dem Zug an ihren Drähten zu widersetzen. Diese Risiken sind uns heute vertraut, sowohl die Gefahren einer zügellosen Freiheit als auch die aus der gewaltsamen Unterdrückung der Freiheit resultierenden Gefahren. Wir wissen einerseits, dass wir die individuelle Freiheit einvernehmlich begrenzen müssen, um zu Sinnvorstellungen zu gelangen, die von möglichst vielen geteilt werden. Andererseits können wir uns nicht mehr umstandslos auf die in unserer abendländischen Tradition gewachsenen humanistischen Werte stützen, insofern diese unter Berufung auf den christlichen Gott für sakrosankt erklärt wurden. Wir wollen ja auch Andersgläubige und Atheisten mit ins Boot holen, das sich daher nicht in reli13
giösen, sondern in ethischen, verallgemeinerungsfähigen Fahrwassern bewegen muss. Von Camus kann man lernen, wie dem Lebenskünstler seine Sinnfindung in einem nichtlinearen, kreisförmigen Zeitmodell gelingt. In linearen Zeitmodellen liegt der Sinn stets am Ende des Weges. Man geht den Weg nicht um des Weges willen, sondern um anzukommen, um das Sinnziel zu erreichen, wenn nicht in diesem Leben, dann nach dem Tod in einem Jenseits, wo man für seine irdischen Bemühungen um Sinn belohnt wird. In einem kreisförmigen Zeitmodell hingegen geht man den Weg nicht mehr um eines im Hier und Jetzt unerreichbaren oder in die ferne Zukunft verschobenen Zieles willen, sondern man geht um jedes geglückten Augenblicks willen. Sisyphos hat das Ziel aufgegeben, den Stein endgültig auf dem Gipfel zu deponieren und damit seine Fron zu beenden. Sein Ziel ist der jeweils nächste Schritt, mit dem er sich an seinem Stein abmüht, ihn stemmt und ein kleines Stück weiterbefördert. Dazu muss er in dem kreisförmigen Auf und Ab seiner Lebensbahn seine Kräfte einteilen, um den Stein möglichst effizient den Berg hinaufzurollen. Und beim Abstieg ins Tal muss Sisyphos sich von der Tortur erholen und für den nächsten Wälzvorgang motivieren. Auf diese Weise nimmt er sein Schicksal in seine Hand. So absurd seine Lebensbedingungen auch sind, die er nicht ändern kann, so selbstbestimmt geht er seinen Weg, und jeder Schritt auf diesem Weg ist seine persönliche Leistung. Es gelingt ihm, den Felsbrocken von der Stelle zu bewegen, immer wieder, und damit erreicht er sein Sinnziel, immer wieder. Das kreisförmige Zeitmodell situiert den Sinn des Lebens also nicht wie das lineare Modell in einer zukünftigen Zeit oder hinter das Ende aller Zeiten, sondern verlagert alle Sinn- und Wertvorstellungen in das Zentrum des Kreises. Im Umkreisen des Mittelpunktes wird dieser Sinn ständig im Hier und Jetzt 14
wiederholt und neu erschlossen. Zu jedem Zeitpunkt, der auf der Peripherie des Kreises durchlaufen wird, gelangt vom Zentrum her Sinn in das menschliche Schaffen, ein wiedergeholter, wiederbelebter und doch jeweils neu gestalteter Sinn, der als roter Faden die Kontinuität und den inneren Zusammenhang eines Lebens verbürgt. Das ökonomistische Missverständnis unserer Zeit ist die Folge einer Verwechslung von Qualität und Quantität. Das Kosten-Nutzen-Denken, verbunden mit der Maxime der Profitmaximierung, hat zu der irrigen Annahme geführt, dass der Gewinn und damit der Sinn umso grösser wird, je mehr man die Geschwindigkeit steigert, mit welcher der Mittelpunkt umkreist wird. Je schneller wir unsere Kreise ziehen, desto mehr, so die irrige Annahme, können wir in den Kreis einschliessen und den Umfang des Kreises erweitern. Wer das Tempo nicht mithalten kann oder will, wird von all denen beiseitegestossen, die meinen, das Hamsterrad noch schneller antreiben zu können. Die Folgen dieser unkontrollierten Raserei haben wir in globalen Wirtschaftskrisen erlebt. Der tiefere Grund für das Scheitern unserer Bemühungen um Sinn ist in einem falschen Zeitmanagement zu suchen, das zu einem eindimensionalen Menschenbild geführt hat. Wenn der Mensch, ganzheitlich betrachtet, aus Kopf, Herz, Bauch und Hand besteht, gerät dieses Sinngebilde aus dem Gleichgewicht, sobald einer der Teile verabsolutiert wird. Wo nur der Kopf das Sagen hat, wird die Vernunft terroristisch und unterdrückt die berechtigten Ansprüche von Herz, Bauch und Hand. Intoleranz und Fanatismus sind das Resultat des ideologischen Tunnelblicks. Wo nur auf die Stimme des Herzens gehört wird, kippt das Emotionale in Irrationalität um. Wo allein der Bauch regiert, gewinnt die Gier die Oberhand, die einem masslosen Konsum das Wort redet. Und wo der Hand Priorität zugestan-
15
den wird, setzt die technisch-instrumentelle Vernunft rigoros alles Machbare in die Tat um. Diese Entgleisungen sind in der Tat die Folge eines falschen Zeitmanagements und mangelnder Lebenskunst. Wir leben in einem Geschwindigkeitsrausch. In rasenden Verkehrsmitteln flitzt die Landschaft an uns vorbei, so dass wir ihre Schönheit nicht mehr wahrnehmen. Man hastet mit den anderen mit, versucht noch an Tempo zuzulegen, um sie zu überholen und vor ihnen ans Ziel zu gelangen. Zwischendurch wird einem kurzen Glück nachgejagt, denn zu einem wirklichen, intensiven Genuss reicht die Zeit nicht aus. Dass man nur noch im Zustand des Gehetztseins unterwegs ist, wird zur Gewohnheit beim Essen und Trinken, beim Lieben, bei sportlichen und spielerischen Betätigungen. Aber Geschwindigkeit ist kein Wert an sich. Wir sind es, die darin einen Wert sehen, in der falschen Meinung, je mehr wir in die Zeit hineinpressen können, desto erfüllter sei das Leben. Wenn uns schon nur ein einziges Leben zur Verfügung steht, möchten wir dieses vervielfältigen, anstatt ihm Qualität zu verleihen. Aber wir können die Zeit nicht durch fortgesetzte Beschleunigung überrunden, wir können sie nur anhalten, indem wir alle Hektik und Hast ausschalten. Das Zauberwort für die gleichsam leere Zeit, in der wir zur Besinnung kommen, heisst Musse. Die Musse ist eine Art Auszeit, in welcher die mit der Stoppuhr gemessene Zeit keine Rolle mehr spielt. Die Musse erlaubt ein Heraustreten aus dem Hamsterrad und ein Distanznehmen von der Umtriebigkeit des alltäglichen Lebens. Der Körper kann sich wieder in seinen eigenen Rhythmus einpendeln, und die Atemlosigkeit lässt nach. Vom Diktat der Zeit befreit, gewinnen wir die Herrschaft über unser Leben zurück. Vorausblickend vermögen wir die vor uns liegende, noch unverbrauchte Zeit mit jenen Plänen, Projekten und Zielvorstellungen zu füllen, durch die wir unser Le16
ben als ein Sinnganzes zu gestalten versuchen. Die Erfahrung hilft uns bei der Organisation frist- und termingerechter Umsetzungsprogramme, denn alles braucht seine Zeit. Selbst Gott benötigte sechs Tage, um die Welt zu erschaffen, und musste sich am siebenten Tag ausruhen, um sein Werk daraufhin zu prüfen, ob es gut gelungen war. Doch anders als Gott können Menschen ihre Zukunft nicht ins vollkommen Leere hinein entwerfen. Zwar ist die Welt nach vorne für alle Individuen in gleicher Weise offen, aber über diese Offenheit kann nicht beliebig verfügt werden, da die naturgegebenen und die sozialen Rahmenbedingungen das Feld möglicher Optionen einschränken. Sie prägen der auf uns zukommenden Zeit vorab eine Struktur auf, die auch unser Handeln bestimmt, noch bevor wir überhaupt darüber nachgedacht haben, was wir konkret tun wollen. Je dichter diese Struktur ist, desto ohnmächtiger fühlt sich der Einzelne, der im Extremfall für sich keinen Handlungsspielraum mehr vorfindet. Für ihn ist die Zeit aus den Fugen, und die alltägliche Erfahrung, dass die Zeit alle Wunden heilt, hat nichts Tröstliches mehr, wenn der Heilungsprozess unabsehbar ist und der Spruch ‹Kommt Zeit, kommt Rat› bloss noch den Status eines uneinlösbaren Versprechens hat. Der angemessene Umgang mit der Zeit verlangt Augenmass und Urteilskraft. Die oft gehörte Forderung, man müsse mit der Zeit gehen, ist deshalb ambivalent. Einerseits soll man möglichst Schritt halten mit den technischen, politischen und sozialen Veränderungen in unserer Lebenswelt. Andererseits möchte man Altgewohntes und lange Bewährtes nicht umstandslos für etwas Neues über Bord werfen, nur weil es innovativ ist. Der Satz «Früher war alles besser» ist zweifellos falsch, wenn die Betonung auf «alles» liegt. Dass früher einiges besser war, ist nicht von der Hand zu weisen, jedenfalls nicht für diejenigen, die das Früher persönlich erlebt haben und mit dem Heute vergleichen können. Wer zum Beispiel in Zeiten ohne 17
Elektronik aufgewachsen ist, reibt sich manchmal verwundert die Augen, wenn er die Leute durch die Stadt rennen oder im Tram sitzen sieht, gebannt auf ihr Smartphone blickend und zu keiner Kommunikation mit anderen Menschen fähig. Dass die Menschen einmal ihr Gehirn in einem kleinen Kästchen in der Jackentasche mit sich trügen, hätten viele sich nicht vorstellen können. Man sollte also nicht unkritisch mit der Zeit gehen. Manchmal ist unzeitgemässe Nachdenklichkeit gefordert, die aus einer Perspektive quer zur Zeit Abstand zur Gegenwart ermöglicht, aus welchem Zusammenhänge überblickbar werden und Konfliktlösungen sich abzuzeichnen beginnen. Damit Entscheidungen nicht zur Unzeit, sondern zur rechten Zeit getroffen werden, muss der Faktor Zeit stets mitbedacht werden, denn das menschliche Leben ist endlich, eingespannt zwischen Geburt und Tod, verstrickt in Zeitverhältnisse, die gleichwohl mit einem unbedingten, überzeitlichen Sinnanspruch verbunden sind und daher ein Moment von Ewigkeit enthalten. Der gelebte Augenblick ist die Fülle der Zeit. Ein Mensch, der am Ende seines Lebens das Zeitliche zu segnen vermag, kann ohne Bedauern Abschied nehmen, da es ihm gelungen ist, der Zeit einen Sinn zu verleihen, der von zeitloser Gültigkeit ist. Doch wie gehen wir in unserem alltäglichen Lebenskontext mit der Zeit um? Wir wissen selbstverständlich, was Zeit ist, weil sich alles, was wir tun, in Zeitverhältnissen abspielt. Der Tag ist unterteilt in Zeitsegmente, die ihrerseits für bestimmte Tätigkeiten vorprogrammiert sind: Zeit zum Aufstehen, Zeit zum Arbeiten, zum Essen, zu kurzen Erholungspausen, Zeit zum Schlafen. Irgendwo dazwischen finden wir vielleicht noch Zeit für einen Kino-, Theater- oder Opernbesuch, Zeit für die Liebe. Aber zu gründlichem Nachdenken reicht die Zeit oft nicht, denn wir haben immer viel zu wenig Zeit. Zeit, obwohl scheinbar im Überfluss vorhanden, ist eine 18