Die Meisterwerke der Moralistik haben Millionen von Menschen als philosophische Lebensbegleiter gedient. Doch worum geht es in der Moralistik eigentlich ? Die Moralistik befasst sich mit der Natur des Menschen und mit Möglichkeiten kluger, individueller Selbstbehauptung. Sie führt die antiken Ansätze einer philosophischen Klugheitslehre fort und besetzt damit einen in der neuzeitlichen Ethik vernachlässigten Teil der praktischen Philosophie. Ihre Meisterwerke vermitteln uns Menschenkenntnis und soziale Orientierung und stehen uns auf dem Weg eines gelingenden Lebens beratend zur Seite. In ihnen liegt der Ursprung der modernen Philosophie der Lebenskunst. Das Buch stellt sowohl die Entwicklung der Moralistik als auch ihr philosophisches Anliegen anschaulich und gut lesbar dar.
Weltklugheit
Robert Zimmer studierte Philosophie und Anglistik und promovierte mit einer Arbeit über Edmund Burke. Nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten Düsseldorf und Berlin lebt er heute als freier philosophischer Autor und Redakteur des Philosophiemagazins der blaue reiter in Stuttgart.
ROBERT ZIMMER
www.schwabe.ch
REFLEXE 64
ROBERT ZIMMER
Weltklugheit
Die Tradition der europäischen Moralistik REFLEXE
Schwabe reflexe
Band 64
Robert Zimmer
Weltklugheit Die Tradition der europäischen Moralistik
Schwabe Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http:// dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-3825-4 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4125-4 DOI 10.24894/978-3-7965-4125-4 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Kurze Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Moralistik und philosophische Klugheitslehre . . . . . . . . . .
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Die Renaissancemoralistik: della Casa, Castiglione, Guicciardini, Montaigne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Die „Großen Moralisten“ des 17. Jahrhunderts: Gracián, Pascal, La Rochefoucauld und La Bruyère . . . . . . . . . . . . . .
53
Die „Kleinen Moralisten“ des 18. und frühen 19. Jahrhunderts: de Ligne, Vauvenargues, Chamfort, Rivarol, Joubert, Jouffroy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Die Rezeption der Moralistik in der deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts: Schopenhauer, Rée und Nietzsche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Philosophische Außenseiter als Träger der moralistischen Tradition im 20. Jahrhundert: Alain, Valéry, Cioran und Dávila . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Exkurs: Ein moralistischer Blick auf Adornos Minima Moralia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
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Moralistik und Philosophie der Lebenskunst . . . . . . . . . . . . 151 Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
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Kurze Vorbemerkung
Dieses kleine Buch hat einen Vorgänger, der 1999 unter dem Titel Die europäischen Moralisten zur Einführung1 erschien und inzwischen vergriffen ist. Ich hatte damals die von Hugo Friedrich in seinem Montaigne-Buch2 geäußerte Aufforderung aufgegriffen: Wer Entstehung, Charakter und Leistung der Moralisten im vollen Umfang darstellen wollte, müßte bei den oben skizzierten gesellschafts- und staatsgeschichtlichen, theologischen und humanistischen Voraussetzungen beginnen und in eine Analyse von Guicciardini (vor allem der Ricordi), Quevedo, Gracián einmünden, ihr komplexes Menschenbild ergänzen durch die dichterischen Gestaltungen etwa bei Bondello, Cervantes, Shakespeare und in das so erworbene weite Feld europäischer Menschenkunde im höfischen Zeitalter die französischen Moralisten einfügen. Das Unternehmen erforderte ein Buch.3
Diesem Unternehmen wollte ich mich widmen und zumindest einen ersten Schritt in diese Richtung gehen. Was ich damals vorlegte, war keine umfassende Studie, sondern lediglich eine Einführung mit dem Ziel, einen ersten Überblick zu vermitteln. An Friedrich anknüpfend war das Buch vornehmlich historisch orientiert: Die geistesgeschichtlichen Wurzeln der Moralistik in der antiken Ethik und im Humanismus sollten offengelegt und die moralistische Tradition sollte in ihrer ganzen Breite dargestellt werden. Dazu gehörte die Einsicht, dass Moralistik eben 7
nicht nur französische Moralistik ist, sondern auch in Italien, Spanien, England und Deutschland ihre Ausprägung fand. Die Moralistik sollte, weit über die Grenzen Frankreichs hinaus, als europäisches Phänomen sichtbar gemacht werden. Wie bei allen Einführungen stellte sich auch hier das Problem der Auswahl. Alle Autoren, die an die Moralistik anknüpfen, einzubeziehen, war von vorneherein unmöglich. Dennoch wurde hier eine große Anzahl von Autoren behandelt, z. T. auch solche, die nur teilweise der Moralistik zuzurechnen sind, wie Cervantes, Quevedo, Swift oder Voltaire. Es ging vor allem darum, dem Leser einen Eindruck von der Breite der Tradition zu vermitteln. Der systematische Aspekt, die Tatsache, dass die Moralistik keine rein literarische Strömung ist, sondern Fragen der praktischen Philosophie aufgreift, die sich von denen der Moralphilosophie im engeren Sinne durchaus unterscheiden, wurde aber sehr wohl angesprochen. Die Moralistik hat sich nie auf deskriptive Aussagen beschränkt und sich immer auf lebenspraktische Aspekte dessen bezogen, was in der Antike das „gute Leben“ hieß. Insbesondere auf die Anknüpfungsmöglichkeiten, die die Moralistik für eine spätestens seit Foucault rehabilitierte Philosophie der Lebenskunst bietet, wurde damals schon hingewiesen. Insgesamt, so formulierte ich mein Projekt, wurde die Moralistik „als neuzeitliches, bis in die Gegenwart reichendes, gesamteuropäisches Phänomen vorgestellt, das sich eigene literarische Darstellungsformen erschließt und sich inhaltlich an verdrängte und verschüttete Fragen der praktischen Philosophie anbindet.“4 Im Laufe der letzten 20 Jahre ist mir zunehmend klar geworden, in welcher Weise genau die Moralistik innerhalb der praktischen Philosophie systematisch zu verorten ist und welche Aspekte des „guten Lebens“ hier angesprochen sind. Moralistik ist, in ihrer klassischen Ausprägung, Klugheitslehre und 8
reflektiert den in der peripatetischen Schule des Aristoteles entwickelten Begriff der phrónesis – zunächst unter den Bedingungen der absolutistischen Hofgesellschaften, später unter den sozialen Bedingungen der Frühmoderne. Es geht um pragmatische Lebensbewältigung in einem vornehmlich urbanen Kontext.5 Die Moralisten binden Klugheit eng an Menschen- und Welterfahrung an. Dabei nehmen sie Formen der anthropologischen, soziologischen und psychologischen Analyse vorweg und liefern unendliches Material für eine Zivilisationstheorie, wie sie z. B. Norbert Elias vorgelegt hat.6 Sie sind aber nicht nur Menschenbeobachter: Sie sind Menschenbeobachter zu einem bestimmten Zweck, nämlich dem des erfolgreichen, gelungenen, klugen Lebens. So wurden moralistische Schriften auch benutzt und gelesen: nicht als Moralpredigten, sondern als Breviere der Weltklugheit. Wer sich den Unterschied an einem Beispiel verdeutlichen möchte, kann dies im Frankreich des 17. Jahrhunderts geradezu idealtypisch am Gegensatz zwischen Bossuet einerseits und La Rochefoucauld und La Bruyère andererseits tun. Es ist diese systematische Einsicht, die die Darstellung der Moralistik in der vorliegenden Schrift leitet und zu einer gewissen Konzentration sowohl in der Auswahl der thematischen Gesichtspunkte als auch der besprochenen Autoren geführt hat. Zum einen wurde der Zusammenhang der Moralistik mit den Klugheitsreflexionen der antiken Ethik schärfer herausgearbeitet; zum anderen ergaben sich aus der systematischen Zuspitzung einige Beschränkungen in der Auswahl der Autoren. Das Bedürfnis, ein möglichst ausgemaltes Überblicksbild über alle Orte der europäischen Moralistik zu geben, trat von daher in den Hintergrund. Deshalb wurde auf die Randbezirke der Moralistik – so vor allem auf die englischen und deutschen Vertreter sowie auf viele „Gelegenheitsmoralisten“ des 20. Jahr9
hunderts – verzichtet. Nicht verzichtet wurde allerdings auf die Darstellung Pascals und Nietzsches, beides Autoren, die zwar auch nur mit einem Bein in der moralistischen Tradition stehen, andererseits aber in dieser Tradition eine mitentscheidende Rolle gespielt haben. Auch wurde anderes, was ich damals übersehen hatte, ergänzt. Dies betrifft im 19. Jahrhundert vor allem das Werk Paul Rées, der, was die Moralistik betrifft, eine wichtige Scharnierrolle zwischen Schopenhauer und Nietzsche spielt, sowie im 20. Jahrhundert den Kolumbianer Nicolás Gómez Dávila, den ich vor 20 Jahren noch nicht kannte. Darüber hinaus habe ich einen Exkurs über ein Buch angefügt, das im deutschsprachigen Raum zu den populärsten und einflussreichsten philosophischen Texten des 20. Jahrhunderts gehört: Adornos Minima Moralia, ein Buch, das eine ganz eigentümliche Beziehung zur Moralistik hat und sozusagen quer aus dieser herausragt. Gelesen wird es in der Regel im Kontext einer ebenso neomarxistisch wie psychoanalytisch durchsetzten und auf die individuelle Existenz applizierten Kapitalismuskritik. Doch Adornos aphoristischer „Versuch, Momente der gemeinsamen Philosophie von subjektiver Erfahrung her darzustellen“,7 und zwar mit ausdrücklichem Bezug zur antiken „Lehre vom richtigen Leben“,8 weist selbst unmissverständlich auch auf die moralistische Tradition. Aufgegriffen wurde dies jedoch bisher kaum. So sollte es erlaubt sein, dieses höchst prominente Werk einmal ganz anders als üblich, nämlich aus moralistischer Perspektive, kurz zu beleuchten.
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Moralistik und philosophische Klugheitslehre
Die europäischen Moralisten sind schon seit mehreren Jahrhunderten ein fester Bestandteil unserer Bildungslandschaft. In Frankreich, dem Land, in dem sich die in Deutschland seit Nietzsche so genannte „Moralistik“ am stärksten und wirkungsvollsten ausgeprägt hat, gehören sie bis heute zur klassischen literarischen und philosophischen Tradition. Autoren wie Montaigne, La Rochefoucauld, La Bruyère oder Chamfort sind nicht nur kanonisiert und werden in Schulen und Universitäten gelesen, sie sind auch ein lebendiger Teil des öffentlichen Diskurses geblieben. Wenn namhafte neuere Philosophen wie Albert Camus über Chamfort oder Roland Barthes über La Bruyère schreiben,9 so ist dies nicht mehr als ein selbstverständlicher Bezug zu einer ungebrochenen geistigen Tradition, die auch in anderen romanischen Ländern wie Italien oder Spanien, aber auch im englischsprachigen Raum weiterhin lebendig ist. Die Moralisten waren jedoch immer mehr als geistiges Erbe und immer mehr als Lesestoff. Als säkulare Lebensbegleiter haben ihre Werke die Rolle religiöser Breviere übernommen. Sie waren kondensierte Welterfahrung, Lebensbegleiter und pointierte Weltorientierung, für manche gewissermaßen lebenslange Freunde. Montaignes Essais, Graciáns Handorakel oder die Aphorismen La Rochefoucaulds stecken bis heute in
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Mantel- und Rucksacktaschen, sie werden auf Parkbänken und in U-Bahnen konsultiert und sie haben die Philosophie auch zu einem Publikum getragen, das mit terminologisch hochkomplizierten und systematisch angelegten Traktaten der klassischen Philosophie nicht viel anzufangen wusste. Dazu gehört zum einen Erfahrung mit und in der Welt. Moralistische Werke bestechen durch ihren ungeschminkten Realismus und durch die Fülle von konkreten Beispielen, mit denen sie ihre Beobachtungen unterlegen und auf die sie sich stützen. Der Umgang mit einem moralistischen Werk gleicht einem Erfahrungsaustausch zwischen Lebenswelten, deren historische Kostümierung verschieden sein mag, deren Akteur – der Mensch in der sozialen Welt – aber im Grunde derselbe bleibt. Begünstigt wurde dies durch literarische Formen, deren sich die Moralistik nicht nur bedient, sondern die sie maßgeblich selbst entwickelt oder weiterentwickelt hat – darunter insbesondere literarische Kurzformen wie der Essay und der Aphorismus. Sie boten sich für den gebildeten Laien für eine wiederholte und in den Alltag integrierbare Lektüre an. Sie reflektieren aber auch die für Moralisten typische Art der Denkbewegung: Die Moralisten verzichten auf einen theoretischen Rahmen und kristallisieren ihr Beobachtungsmaterial in einer bewusst unsystematischen, aber pointierten und einprägsamen Weise. Ungeachtet der Popularität moralistischer Werke hat die Moralistik als Ganzes im deutschsprachigen Raum wenig Beachtung gefunden: Sie wurde hier nie als Teil der neuzeitlichen Philosophie wahrgenommen, sondern allenfalls als literarische Sonderentwicklung des romanischen Raums marginalisiert. Man drängte sie in eine Nische der romanistischen Literaturwissenschaft ab. Dass die Moralisten auf literarische Darstellungsmittel zurückgriffen und sowohl auf Theoriebil12
dung als auch auf systematische Konsistenz verzichteten, hat außerdem dazu geführt, dass sie von großen Teilen der akademischen Philosophie ignoriert wurden. Die Literarisierung philosophischer Einsichten steht in Deutschland bis heute unter dem Verdacht mangelnder Seriosität. Fehlende Theoriebildung wird mit fehlendem Erkenntniswert identifiziert. Lediglich in der romanistischen Literaturwissenschaft hat die Moralistik seit den Arbeiten von Hugo Friedrich, Gerhard Hess und Fritz Schalk einen festen Platz erobert, ohne dass dort jedoch ihre philosophische Relevanz hinreichend thematisiert worden wäre. Dazu kommt, dass mit dem Gebrauch des Begriffs „Moralist“ im Deutschen Missverständnisse verbunden sind, die verhindert haben, dass die Moralistik mit ihrem eigentlichen Anliegen in das öffentliche Bildungsbewusstsein vordringen konnte. In der deutschen Umgangssprache wird mit „Moralist“ heute häufig derjenige bezeichnet, der es mit moralischen Prinzipien besonders genau nimmt und diese auch in Wort und Schrift vertritt. Auf diese Weise wird die „Moralistik“ fälschlicherweise in die Nähe der Moralphilosophie gerückt. Doch was „les moralistes“, wie man sie seit Amaury Duval und Charles Augustin Sainte-Beuve in Frankreich nennt,10 wirklich im Sinn haben, ist etwas völlig anderes. Die Moralisten haben es nicht mit „Moral“, sondern in einem umfassenden Sinne mit dem Menschen, seiner Natur und seinem Sozialverhalten zu tun. Der Begriff leitet sich direkt von lateinisch „mores“ und französisch „les mœurs“ her; er kann also mit „Sitten“ oder „sozialen Gewohnheiten“ übersetzt werden. Moralische Normen und Verpflichtungen spielen hier keine Rolle. Die Moralisten haben auch keinen wissenschaftlichen Anspruch, obwohl sie immer wieder Erkenntnisse der späteren Anthropologie, Psychologie und Soziologie vorweggenommen haben. Die Moralisten sind Menschen- und Weltbeobachter im umfassenden Sinne. 13
Genau so hat es auch schon Hugo Friedrich in seinem klassischen Montaigne-Buch gesehen. Die Moralistik ist eine, so Friedrich, von den exakten Wissenschaften getrennte und nur zeitlich mit ihnen parallel gehende Strömung, die aus Italien kam und sich über Frankreich, Spanien, England, später auch über Deutschland ausbreitete. Moralistik, das ist etwas, was sehr wenig mit Moral, dagegen sehr viel mit mores zu tun hat, das heißt mit den Lebens- und Seinsweisen des Menschen in ihrer reinen, auch ‚unmoralischen‘ Tatsächlichkeit. Moralisten sind keine Erzieher und keine Ethiker. Sie sind Beobachter, Analytiker und Darsteller des Menschen.11
Klar ist in jedem Fall: Die Moralisten sind wie die neuzeitlichen Wissenschaften erfahrungsorientiert. Die Moralistik entstand auf dem Boden des frühneuzeitlichen Humanismus, in Abkehr von der scholastischen Büchergelehrsamkeit.12 „Es macht einem mehr zu schaffen, die Interpretationen zu interpretieren, als die Sachen, und es gibt mehr Bücher über Bücher als über irgendeinen Gegenstand sonst“,13 beklagte sich schon Montaigne, dessen Essais sich immer wieder der Vielfalt der Erfahrungswelt zuwenden. „Es ist notwendiger, den Menschen zu studieren als die Bücher“,14 schreibt auch La Rochefoucauld in seinen „Nachgelassenen Maximen“. Moralisten beobachten den Menschen in seinen natürlichen Neigungen und in seinem sozialen Rollenverhalten. Sie decken, Jahrhunderte vor der Psychoanalyse, die Selbstschutz- und Selbsttäuschungsstrategien des Menschen auf. Sie sind Entlarver und Desillusionierer, Sezierer unseres Verhaltenskostüms. Nietzsche nannte sie nicht ganz zu Unrecht „Meister der Seelenprüfung“.15 Es ist dies einer der Gründe, warum die Moralisten uns als literarische Lebensbegleiter dienen: Sie vermitteln uns Menschen- und Weltkenntnis. Die Moralisten halten uns den Spie14
gel vor. In ihm erscheint der Mensch nicht als Vernunftwesen, das nach den Sternen des Guten, Wahren und Schönen greift, sondern als ein moralisch durchaus problematisches Mängelwesen: „Man ereifere sich nicht gegen die Menschen“, schreibt deshalb La Bruyère, „wenn man sieht, wie hart, undankbar, ungerecht, stolz, selbstsüchtig und vergeßlich sie sind: so sind sie geschaffen, es ist ihre Natur.“16 Die Moralistik wirft einen realistischen, schonungslosen Blick auf den Menschen, der auch häufig in eine negative Anthropologie münden kann. Weil sie eine, wenn auch verstreute und unsystematische, begrifflich reflektierte Selbstvergewisserung des Menschen ist, ist sie auch immer mehr als „bloße Literatur“. So ist es also durchaus berechtigt, von der Moralistik als einer „Philosophie der menschlichen Dinge“17 zu sprechen, deren Ziel es ist, über „Motive, Bestrebungen und Verhaltensweisen von Menschen, über Realitäten und Möglichkeiten des Lebens“18 zu orientieren. Moralistik ist eine erfahrungsorientierte Selbstvergewisserung des Menschen. Doch mit der erfahrungsorientierten, schonungslosen Analyse des Menschen ist ihre Funktion keineswegs ausgeschöpft. Sie begnügt sich nirgends mit einer Bestandsaufnahme der condition humaine. Dass Moralistik eben keine Moralphilosophie ist und auf den Bezug zu moralischen Normen völlig verzichtet, bedeutet jedoch nicht, dass die Moralistik überhaupt kein normatives Anliegen hat und ganz im deskriptiven Rahmen „anthropologischer Reflexion“19 verbleibt. Ein Blick in die Texte der klassischen Moralistik kann dies sehr schnell bestätigen. Die Moralistik hat sehr wohl einen erzieherischen Impetus und auch einen normativen Bezug. Sie zieht aus ihrer Analyse Konsequenzen in Form von Empfehlungen und Ratschlägen. Die Moralisten formulieren keine moralischen, wohl aber praktische Grundsätze, die auf die Steuerung der Lebensgestaltung 15
zielen und die normalerweise als „Maximen“ bezeichnet werden. Sie gehören zum Kernbestand moralistischer Reflexion und werden deshalb auch immer wieder im Titel genannt, so bei La Rochefoucauld als Reflexionen oder moralische Sentenzen und Maximen, bei Vauvenargues als Reflexionen und Maximen oder bei Chamfort als Maximen und Gedanken. Charaktere und Anekdoten. Maximen sind auf die einzelne Person bezogene Lebensregeln. Kant, der bei solchen Begriffen nie auf eine genaue Definition und systematische Einordnung verzichtet hat, versteht unter einer Maxime „das subjektive Prinzip des Wollens“,20 subjektiv deshalb, weil die Maxime nicht verallgemeinerungsfähig ist und deshalb ihre Geltung unterhalb des von Kant als „objektiv“ verstandenen Moralgesetzes liegt. In der Moralistik haben Maximen einen Status, der über die subjektive Geltung hinausgeht: Sie sind erfahrungsgestützte und geprüfte Handlungsempfehlungen. Maximen sind nicht wie moralische Regeln verpflichtend, sie haben aber durchaus einen, wenn auch schwächeren, normativen und damit handlungsleitenden Anspruch. Ein zentrales Thema dabei ist kluges Sozialverhalten. Die Hofgesellschaft der Renaissance ebenso wie die des Frühabsolutismus verlangte bereits ein strategisches Austarieren der Handlungsmöglichkeiten im Hinblick auf die Durchsetzung eigener Interessen. So empfiehlt Francesco Guicciardini (1483–1540) in seinen im frühen 16. Jahrhundert erschienenen Ricordi: „Sehr vorteilhaft ist es geheim zu halten, was man tut, doch nützlicher aber, auch seine Vorhaben den Freunden soweit wie irgend möglich zu verbergen, denn viele fühlen sich verletzt und mißachtet, wenn man sich weigert, ihnen mitzuteilen, was man treibt.“21 Baltasar Gracián (1601–1658), der große spanische Moralist des 17. Jahrhunderts, versteht sich in seinem von Schopen16
hauer übersetzten Oráculo Manual ebenfalls als Ratgeber in Sachen strategischen Handelns: „Über sein Vorhaben im Ungewissen lassen. Die Verwunderung über das Neue ist schon eine Wertschätzung seines Gelingens. Mit offenen Karten spielen ist weder nützlich noch angenehm“.22 Und an anderer Stelle: „Das, was man tun soll, muß man nicht sagen; was man sagen soll, muß man nicht tun.“23 Zu einer ganz ähnlichen taktischen Vorsicht rät mehr als 100 Jahre später auch Nicolas Chamfort (1741–1794): In der heutigen Gesellschaft – ich spreche immer von der feinen Gesellschaft – scheint es mir unmöglich, daß irgend jemand seine Seele, die verschiedenen Züge seines Charakters und vor allem seiner Schwäche, selbst dem besten Freund offenbaren kann. Man muß in diesen Kreisen die Kunst der Verstellung übersteigern, damit sie als solche nicht mehr durchschaut wird.24
In einem Zeitraum von über 200 Jahren scheinen sich weder die moralistische Blickrichtung noch die moralistischen Verhaltensempfehlungen geändert zu haben. In all diesen Fällen zielen die gegebenen Ratschläge darauf, die individuelle Selbstbehauptung durch eine geschickte und erfolgreiche Sozialtaktik zu sichern. Auch dies hat Hugo Friedrich, der vielleicht bedeutendste deutsche Interpret der Moralistik im 20. Jahrhundert, im Gegensatz zu vielen anderen schon deutlich gesehen: Auf der Grundlage einer analytischen Menschenbeobachtung errichtet die Moralistik aber auch eine bewegliche Kunst der Lebenspraxis. Ihr Ziel ist es, inmitten der gefahrvollen Menschenwelt ein Maximum an Scharfsicht für die Interessenbedrohung des Einzelnen durch die Interessen anderer zu gewinnen, die persönlichen Interessen mit der Vorsicht des Strategen zu steuern und im ganzen das Subjekt vor dem Verlust des Selbstseins zu bewahren.25
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Moralistik hat es offenbar also auch mit pragmatisch orientiertem Sozialverhalten zu tun. Dabei ist Selbstbehauptung selbst wiederum nur Teil eines umfassenderen Ziels – dem glücklichen und gelungenen Leben. Die Moralistik gibt uns Tipps ‒ so könnte man salopp formulieren –, wie wir unsere Glücksziele mit den sozialen Forderungen der Umwelt vermitteln können. „Es gibt Regeln für das Glück, denn für den Klugen ist nicht alles Zufall. Die Bemühung kann dem Glücke nachhelfen“,26 schreibt Baltasar Gracián in seinem Oráculo Manual. Die Moralisten verbinden ihren Erfahrungsschatz mit Schlussfolgerungen für ein mögliches gelungenes Leben. Dies wird auch bei La Rochefoucauld, dem großen Meister der Aphoristik und messerscharfen Entlarver menschlicher Motive, sichtbar, der sich ebenfalls nicht auf die Analyse menschlichen Verhaltens beschränkt, sondern auch die Folgerungen formuliert, die lebenspraktisch daraus zu ziehen sind: „Um ein großer Mann zu sein“, so lautet z. B. einer seiner aphoristisch gefassten Ratschläge, „muß man sein Glück in seinem ganzen Umfang zu nutzen verstehen.“27 Ganz deutlich wird hier Schopenhauer in dem vielleicht wichtigsten deutschen Beitrag zur Moralistik, den Aphorismen zur Lebensweisheit. „Ich nehme den Begriff der Lebensweisheit hier“, schreibt Schopenhauer, „gänzlich im immanenten Sinne, nämlich in dem der Kunst, das Leben möglichst angenehm und glücklich durchzuführen, die Anleitung zu welcher auch Eudämonologie genannt werden könnte.“28 Die Moralistik übt uns in Sozialtaktik und Unglücksvermeidung ein und ist gerade deshalb ein realistischer Ratgeber in Sachen Glück. Der Breviercharakter moralistischer Literatur erklärt sich auch daraus, dass sie konkrete Lebensberatung jenseits von Theologie und Moral bietet. Mit dem von Schopenhauer angesprochenen Begriff der „Eudämonologie“ sind wir aber auch genau an der Schwelle, an 18
der die Moralistik als eine philosophische Reflexion, als Teil der philosophischen Tradition erkennbar wird. Moralistik gehört in den Rahmen der praktischen Philosophie, aber eben nicht in den Rahmen der Moralphilosophie. Sie ist thematisch Teil dessen, was wir heute als „Philosophie der Lebenskunst“ bezeichnen, eine Reflexion über die Möglichkeit eines glücklichen und gelungenen Lebens. Kant war einer der Ersten, dem auch theoretisch bewusst war, dass philosophische Glückslehre neben der Moralphilosophie einen eigenen systematischen Platz beanspruchen kann: „Es haben schon längst Moralisten eingesehen“, so schreibt er, „daß das Prinzip der Glückseligkeit niemals eine reine Moral, sondern nur eine Klugheitslehre, die sich auf ihren Vorteil versteht, gebe“.29 Die Moralisten haben philosophische Lebenskunst als pragmatische Klugheitslehre betrieben, lange bevor diese zu einem gefragten Artikel auf dem Buchmarkt wurde. Kant hat durch seine Unterscheidung des kategorischen Imperativs von hypothetischen Imperativen den philosophiegeschichtlich einflussreichsten Versuch gemacht, die Beziehung zwischen moralischen Regeln und Klugheitsregeln zu klären. Während der kategorische Imperativ als moralisches Grundgesetz unbedingt und in jedem Fall gilt, können die hypothetischen Imperative ihre Geltung nur in Bezug auf eine Zwecksetzung erlangen. Bei jenem hypothetischen Imperativ, den Kant „assertorisch“ nennt, steht dieser Zweck von vorneherein fest, ist also naturgegeben. Es ist das glückliche, gelungene Leben. Der hypothetisch-assertorische Imperativ dient der Beförderung der „Glückseligkeit“, „die man sicher und a priori bei jedem Menschen voraussetzen kann, weil sie zu seinem Wesen gehört. Nun kann man die Geschicklichkeit in der Wahl der Mittel zu seinem eignen Wohlsein Klugheit im engsten Verstande nennen.“30
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In dieser Unterscheidung spiegelt sich Kants Auseinandersetzung mit der Ethik der antiken Philosophie, die sich fast ausnahmslos als Eudämonologie verstand. Aristoteles folgend wurde Glück als das natürliche Ziel menschlichen Handelns angesehen und Ethik als eine Anleitung zur Entwicklung von Tugenden verstanden, die die Persönlichkeit auf die Erreichung dieses Ziels ausrichtete. Die eigentlich moralische Ebene, die auch immer die Haltung berücksichtigt, die ich gegenüber anderen einnehme, war hier nach Kant noch gar nicht erreicht. Schopenhauer ist Kant in dieser Einschätzung gefolgt, obwohl er selbst kein Anhänger des kategorischen Imperativs und der kantischen Pflichtethik war. Doch auch für ihn war die aristotelische Ethik keine Moralphilosophie, sondern eine soziale Klugheits- und Glückslehre: „Der Grundsatz der Nikomachischen Ethik, „in allen Dingen die Mittelstraße zu halten“, so notiert der junge Schopenhauer in seine philosophischen Notizbücher, sei als Moralprinzip untauglich, könne jedoch als „beste Anweisung zu einem glücklichen Leben“31 dienen. Es sind dies hinreichend präzise Hinweise auf die philosophische Tradition, in der die Moralistik steht: Sie nimmt Fragestellungen der Klugheitsreflexion auf, die im Kontext der antiken Eudämonologie entstanden sind. Mit Schopenhauer hat auch die Philosophie in Deutschland, wo die Moralistik ansonsten eher eine marginale Rolle gespielt hat, solche Reflexionen aufgegriffen. Für die Antike bilden allerdings Klugheit, Weisheit, Moral und Glück noch einen untrennbaren Zusammenhang. Doch innerhalb dieses Zusammenhangs sind die Ansätze eines eigenständigen Klugheitsbegriffs schon deutlich erkennbar.32 Klugheit wird dabei sichtbar als die Kompetenz, moralische Tugenden an den sozialen Kontext anzupassen. Dabei führen die Ursprünge des antiken Klugheitsbegriffs, wie Schopenhauer schon sah, auf Aristoteles und die von ihm 20
Das Signet des Schwabe Verlags ist die Druckermarke der 1488 in Basel gegründeten Offizin Petri, des Ursprungs des heutigen Verlagshauses. Das Signet verweist auf die Anfänge des Buchdrucks und stammt aus dem Umkreis von Hans Holbein. Es illustriert die Bibelstelle Jeremia 23,29: «Ist mein Wort nicht wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeisst?»
Die Meisterwerke der Moralistik haben Millionen von Menschen als philosophische Lebensbegleiter gedient. Doch worum geht es in der Moralistik eigentlich ? Die Moralistik befasst sich mit der Natur des Menschen und mit Möglichkeiten kluger, individueller Selbstbehauptung. Sie führt die antiken Ansätze einer philosophischen Klugheitslehre fort und besetzt damit einen in der neuzeitlichen Ethik vernachlässigten Teil der praktischen Philosophie. Ihre Meisterwerke vermitteln uns Menschenkenntnis und soziale Orientierung und stehen uns auf dem Weg eines gelingenden Lebens beratend zur Seite. In ihnen liegt der Ursprung der modernen Philosophie der Lebenskunst. Das Buch stellt sowohl die Entwicklung der Moralistik als auch ihr philosophisches Anliegen anschaulich und gut lesbar dar.
Weltklugheit
Robert Zimmer studierte Philosophie und Anglistik und promovierte mit einer Arbeit über Edmund Burke. Nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten Düsseldorf und Berlin lebt er heute als freier philosophischer Autor und Redakteur des Philosophiemagazins der blaue reiter in Stuttgart.
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