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Im Gravitationsfeld nachkantischen Denkens: Reinhold und Hölderlin

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Martin Bondeli lehrte als Privatdozent für Philosophie an den Universitäten Bern und Fribourg. Er ist Herausgeber der Gesammelten Schriften Karl Leonhard Reinholds (Schwabe Verlag) und Verfasser mehrerer Bücher zur Philo­sophie Kants und des Deutschen Idealismus. In der Reihe Schwabe reflexe erschien sein Buch Reinhold und Schopenhauer.

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Im Gravitationsfeld nachkantischen Denkens: Reinhold und Hölderlin

Hölderlins philosophische Reflexionen, in denen für ein « Seyn schlechthin » als erstes Prinzip der Philosophie argumentiert wird, werden gemeinhin unter Berücksichtigung von Kant, Fichte, Schiller und Hegel interpretiert. Martin Bondeli dagegen vertritt die Ansicht, dass es für ein angemessenes Verständnis von Hölderlin insbesondere auch das Aufklärungs- und Prinzipiendenken Karl Leonhard Reinholds einzubeziehen gilt. Vieles spricht dafür, dass Hölderlin währ­end seiner Ausbildungsjahre auf Reinholds geschmackstheoretische Bei­­­ träge aufmerksam wurde und im Einklang mit diesen seine Theorie einer Totalvorstellung entwickelte. Hölderlins Betonung der « Rezeptivität des Stoffs », seine Rücksichtnahme auf ein « Factum des Bewußtseins » sowie sein aufkläre­ risches Ideal einer moralisch-ästhetischen und religiösen Gemeinschaft zeu­­gen deutlich davon, dass er mit Reinholds Elementarphilosophie und den Ge­danken seiner Schüler vertraut war.

Martin Bondeli

Im Gravitationsfeld nachkantischen Denkens : Reinhold und Hölderlin

Martin Bondeli

Im Gravitationsfeld nachkantischen Denkens Reinhold und Hölderlin


Martin Bondeli

Im Gravitationsfeld nachkantischen Denkens: Reinhold und Hรถlderlin

Schwabe Verlag


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Peter Copmann: Porträt Karl Leonhard Reinhold, Pastell, 1821 (Wieland-Museum, Biberach). Franz Karl Hiemer: Porträt Friedrich Hölderlin, Pastell und Gouache, um 1792 (Deutsches Literaturarchiv Marbach). Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4042-4 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4095-0 DOI 10.24894/978-3-7965-4095-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

9

1. Die Philosophie Reinholds im Ausgang von Kant und ihr Beitrag zum nachkantischen Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

15

a)

Die einschlägigen Etappen von Reinholds kantischem und elementarphilosophischem Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

20

Der Weg der Kant-Revision. Vervollständigungen und Neuerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

32

Kernpunkte der Kant-Kritik: Vorstellung, freier Wille und ästhetisches Vergnügen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

42

Der Begründer der Elementarphilosophie in der Kritik und im Kontext seines Jenaer Schülerkreises . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

49

Der Übergang zu Fichte und der Aufbruch zu einer neuen Seinsphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

56

2. Hölderlin vor dem Hintergrund der Philosophie Reinholds . . . . .

67

a)

Der Anschluss an eine kantisch-reinholdische Denklage . . . . . . . .

69

b)

Im Einflussbereich eines moralisch-ästhetischen Aufklärungsund Vorstellungsdenkens. Schiller und Reinhold . . . . . . . . . . . . . .

72

c)

Denken im Geiste der Totalvorstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

79

d)

Über Kant und Schiller hinaus – unter Mithilfe Reinholds . . . . . .

85

b) c) d) e)


6

Inhalt

e)

f)

Systemkritik und die Deutung des Absoluten im Spannungsfeld von Faktum des Bewusstseins, absolutem Ich und Sein schlechthin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

94

Unterschiedliche Ansichten zu den Forderungen der Zeit und neue Nähe im Prinzipiendenken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127

Primärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129


Vorwort

Die vorliegende Studie geht auf einen Vortrag zurück, den ich am 28. Oktober 2011 in Bad Homburg an der Tagung «Hölderlin und die Frühromantiker» gehalten habe. Im Zentrum meiner damaligen Überlegungen stand die These über einen naheliegenden Einfluss einschlägiger Denkfiguren des Jenaer Kantianers Karl Leonhard Reinhold auf Friedrich Hölderlins philosophische Versuche von Mitte der 1790er-Jahre. Es ging mir darum zu zeigen, dass Hölderlins Äußerungen über ein in unserem endlichen, reflexiven Denken nicht zu übersteigendes Faktum des Bewusstseins sowie über ein präreflexives Denken, das von einem unteilbaren Sein schlechthin und nicht, wie paradigmatisch in der Wissenschaftslehre Fichtes, von dem absoluten Ich oder Selbstbewusstsein seinen Ausgang nehmen muss, mit Reinholds postkantischen Stellungnahmen zum Bewusstsein als Fundament des gesamten menschlichen Vorstellungsvermögens harmonieren. Ins Blickfeld rückten damit auch die sehr wahrscheinlich durch geschmacks- und urteilstheoretische Lehrstücke Reinholds angeregten Beschäftigungen Hölderlins mit dem Begriff der Totalvorstellung sowie Hölderlins Rezeption von Ansichten des Reinhold-Schülers Niethammer über ein nicht als Grundsatz, sondern als Ideal zu artikulierendes nachkantisches Systemprinzip. Der Befund, dass sich der nach seiner Jenaer Zeit in Kiel lehrende Reinhold unter der Mitwirkung Jacobis und des ehemaligen Tübinger Studenten Bardili einem System des rationalen Realismus zugewandt hat, in dem die Begriffe von Sein und Einheit katexochen an höchster Stelle stehen, diente mir ferner als Anlass, auf einen Vergleich zwischen dem Fundament ebendieses Systems und Hölderlins Grundlegungsgedanken abzuheben. Zu einem späteren Zeitpunkt hatte ich den Vortragstext erneut zur Hand und fasste den Entschluss, ihn nach einer Vertiefung und erweiterten Kontextualisierung der angeschnittenen Themen für eine Veröffentlichung vorzubereiten. Allerdings kam ich sehr bald zu der Überzeugung, dass es


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Vorwort

einer Ausweitung ebenso in der Zusammenstellung der Themenstränge bedarf. Ein besonderes Augenmerk sollte zusätzlich auf Schillers Arbeiten über die ästhetische Erziehung gerichtet werden. Denn diese waren nachweislich nicht nur für das philosophisch-ästhetische Schaffen Hölderlins bedeutsam, sie standen, wie neuere Forschungen im Rahmen der ReinholdEdition ergeben haben, auch in einer Konkurrenz mit Reinholds Beiträgen zu einer dem Bereich des menschlichen Begehrungsvermögens zugehörenden Trieb- und Freiheitslehre. Herausgekommen ist damit ein großenteils neu komponierter und weit umfangreicherer Text. Ein Anreiz, ihn in der nun vorliegenden Fassung zu publizieren, bestand am Ende durchaus auch aufgrund eines Forschungsdesiderats. Es fehlte bisher kaum an Studien, in welchen die Verbindung des Philosophen Hölderlin mit Denkansätzen Hegels, Schellings, Fichtes, Schillers, Spinozas, Jacobis, Rousseaus, Kants und Platons näher beleuchtet wird, jedoch an einer eingehenderen Untersuchung zu Hölderlin und Reinhold. Diese Lücke soll hiermit nun geschlossen werden. Bei der Zusammenführung der Ideenwelten der beiden Hauptakteure war ich darauf bedacht, die für Hölderlin maßgebende Denkformation Reinholds, das heißt Reinholds hauptsächlich in die Jenaer Periode fallendes Lehren und Wirken im Geiste Kants, vorgängig in einem breiten, aufklärerische, moralisch-ästhetische wie auch grundsatz- und systemphilosophische Zugänge umfassenden Spektrum zu präsentieren. Denn nur auf diese Weise erhalten neben den Überschneidungs- und Attraktionspunkten auch die Kontraste und Abstoßungen in der Beziehung Hölderlins zu einer Philosophie im Stile Reinholds das nötige Profil. Im Blick auf Hölderlin habe ich mich auf jene Texte und Dokumente der 1790er-Jahre konzentriert, die als philosophisch oder philosophisch-poetologisch gelten. Es versteht sich, dass sich hiermit eine gewisse Unausgewogenheit im Hölderlin-Porträt ergibt. Bern, Ende Juni 2019


Einleitung

In der Hoffnung, seinen «Geist wieder zu sammeln und zu kräftigen», habe er sich, so Friedrich Hölderlin am 24. Februar 1796 an Friedrich Immanuel Niethammer, «Kant und Reinhold vorgenommen».1 Es ist dies die einzige Stelle in Hölderlins gesamtem Œuvre, an der man auf den Namen Karl Leonhard Reinholds stößt. Angesichts der damals beachtlichen Ausstrahlungskraft dieses Autors und akademischen Lehrers der neuesten Philosophie fragt man sich, weshalb Hölderlin auf ihn nicht häufiger und ausführlicher Bezug genommen hat. Vielleicht erklärt sich dies dadurch, dass der junge Dichter, Denker und Erzieher in seinem philosophischen Heroengemälde Platon und Kant als die ruhenden Lichtgestalten, Fichte und Schiller als die großen aufstrebenden Köpfe betrachtet wissen wollte. Der scharfsinnig, aber nicht sonderlich energisch wirkende Reinhold konnte darin wohl nicht mehr als eine den Protagonisten zuarbeitende Nebenfigur sein. Gleichwohl hält sich die Verwunderung, deutet doch in der Sache nicht wenig auf eine substanzielle philosophische Verwicklung Hölderlins gerade auch mit Reinhold. Im Tübinger Freundeskreis Hölderlins wurden Reinholds neueste Werke eingehend gelesen, dessen systematische Erträge bald als Einstieg in das Lehrgebäude Kants willkommen geheißen, bald als wenn auch verbesserungsbedürftige, so doch in ihrer Grundtendenz nachahmenswerte Neuschöpfungen eines kantischen Systems der Vernunft eingestuft. Und an der Universität in Jena, wo Hölderlin sich zu eigenen Vorschlägen über das erste und höchste Prinzip im Gang der neuesten spekulativen Entwürfe zur Weltweisheit vorwagte, gehörte die Auseinandersetzung sowohl mit Reinholds Grundsatz- und Systemdenken als auch mit den produktiven und spannungsvollen Beziehungen, in denen dieses zu den kongenialen Systemideen

1

Hölderlin: StA VI, 202 [BA V, 18].


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Einleitung

Fichtes und zu den pädagogisch-ästhetischen Reflexionen Friedrich Schillers stand, zum philosophischen Tagesgeschäft. Folgt man vor dem Hintergrund der in diesen Phasen tonangebenden kantischen und nachkantischen Diskurse den philosophischen und poetologischen Denkpfaden Hölderlins, gewinnt man den Eindruck, dass diese Reinhold-Kontexte denn auch nicht ohne Spuren geblieben sind. Gewisse Verlautbarungen Hölderlins erinnern jedenfalls an Problemfelder und Ideenfiguren, die als typisch für Reinhold gelten können. Reinhold beflügelte mit seiner auf Anwendung bedachten und in den Zeitgeist eingreifenden Fortentwicklung der kritischen Philosophie Kants eine ganze Generation jüngerer Denker, die seit 1789 eine Geistesrevolution und neue Menschheitsepoche herbeisehnten und zu diesem Zwecke für Aufklärung und moralisch-ästhetische Erziehung des Menschen stritten. Mit seiner festeren Fundierung und umfassenderen Systematisierung kantischer Resultate war Reinhold überdies richtungweisend für all jene, die sich Gedanken über ein neues, Kants Lehrgebäude vollendendes oder aufgrund der Setzung neuer Prämissen sogar übersteigendes Paradigma des Philosophierens machten. Unzweifelhaft gilt dies auch im Falle Hölderlins. Während seiner Ausbildungszeit von 1788 bis 1793 zählte Hölderlin mit Hegel, Schelling und anderen vom Aufbruchsgeist ergriffenen Studenten des Tübinger Stifts zu einem Diskussionszirkel, in dem die Philosophien Kants, Reinholds und weiterer Kantianer erwiesenermaßen hoch im Kurs standen.2 Neben aller Faszination für das Programm einer Vollendung und Überbietung Kants war unter den Studierenden die Eingenommenheit für die Überzeugung zu spüren, dass ein auf die Ideen von Freiheit, Moral und unsichtbarer Kirche ausgerichteter Kantianismus die einzig richtige Theorie zur Beförderung einer emanzipatorischen, dem Wohle einer mündigen Menschheit dieAufschlussreiche Einblicke in die Rezeption und Auslegung Kants und Reinholds im Tübinger Kreis um Hölderlin, Hegel und Schelling vermitteln heute zum einen die Studien und Editionen Dieter Henrichs zu Immanuel Carl Diez (siehe vor allem Henrich: Grundlegung aus dem Ich. Erster Band), zum anderen die Forschungen und Editionen von Michael Franz zu Johann Friedrich Flatt und dessen Umfeld (siehe vor allem Flatt: Philosophische Vorlesungen 1790, 57–71). Speziell zur Bedeutung Reinholds für die Tübinger Denklage siehe auch Onnasch: Die Rezeption Reinholds im Tübinger Stift zwischen 1790 und 1792. 2


Einleitung

nenden Theologie und Religion darstellt. Dabei war es, ehe Fichte 1792 mit dem Versuch einer Critik aller Offenbarung und Kant 1793 mit der Schrift über Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft an die Öffentlichkeit traten, Reinhold, der sich mit vielbeachteten Einlassungen zu einem moralisch-religiösen Kantianismus, der den Ungeist einer überkommenen positiven Religion vertreiben sollte, hervorgetan hatte. Mit den 1786 und 1787 im Teutschen Merkur seines Schwiegervaters Christoph Martin Wieland veröffentlichten und 1790 in einem ersten Band separat neu aufgelegten Briefen über die Kantische Philosophie3 stellte er ein Aufklärungskonzept zur Diskussion, mit dem er dem von Kant skizzierten Ansatz einer neuen Moraltheologie systemische Festigkeit und geschichtsutopische Konturen verlieh. Als Hölderlin sich nach der Tübinger Stiftszeit und der Hauslehrerzeit in Waltershausen Ende 1794 in Jena aufhielt, um an der dortigen Universität und Hochburg des Kantianismus den Gang der nachkantischen Systemphilosophie aus nächster Nähe verfolgen und mitgestalten zu können, befand er sich sodann noch unmittelbarer und umgreifender in einem intellektuellen Milieu, das mit Reinholds aufklärerischem und philosophischem Ideengut imprägniert war. 1787 als Professor der Philosophie nach Jena berufen, trug Reinhold nicht nur zur Etablierung des kantischen Lehrsystems bei, sondern fesselte gleichzeitig das studentische Publikum mit originellen Vorlesungen zu Kants «Kritik der reinen Vernunft», zu Wielands Heldengedicht «Oberon» sowie zu einer am Leitfaden von Johann August Eberhards Theorie der schönen Wissenschaften abgefassten «Ästhetik»4. Vorübergehend in einem Gedankenaustausch mit dem sich für philosophisch-ästhetische und geschichtsphilosophische Fragen erwärmenden Schiller stehend, machte Reinhold sich überdies mit Antrittsreden und Publikationen zum Geschmacksvermögen einen Namen, darunter 1788 und 1789 mit dem mehrteiligen Aufsatz «Ueber die

Zur Entstehungsgeschichte und zur Bedeutung von Reinholds erstem Band der Briefe über die Kantische Philosophie siehe die «Einleitung» in Reinhold: RGS 2/1, VII-LXVI. 4 Zu Reinholds Vorlesungen während der Jenaer Jahre siehe die Übersicht bei E. Fuchs: Reinholds Vorlesungen 1792–1794 über die Kritik der reinen Vernunft und über Logik und Metaphysik: Kollegnachschriften Smidt, Kalmann, Krause, 293–295. 3

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Einleitung

Natur des Vergnügens».5 1789 veröffentlichte er, gleichsam als Krönung seines systematischen Schaffens im Geiste Kants, den Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens.6 Dieses Werk enthielt im zweiten und dritten Buch ein auf einem ersten Grundsatz und einer Reihe von Definitionen zu den Begriffen des Vorstellens und Bewusstseins beruhendes Einheitssystem der theoretischen oder erkennenden sowie der praktischen oder begehrenden Vernunft, das Reinhold ab 1790 zu einem System der gesamten «Philosophie» oder «Wissenschaft» ausweitete und dessen vorstellungstheoretischen Grundlagenteil er fortan als «Elementar-Philosophie» betitelte.7 Mit diesem sowohl den Schul- und Aufklärungszwecken des Jenaer Kantianismus als auch einem innovativen Selbstdenken gerecht werdenden Beitrag zu einer wissenschaftlichen Philosophie war der Grundstein zur nachkantischen Systemphilosophie und damit auch zu den Systemen Fichtes, Schellings und Hegels gelegt. Obschon seit Frühjahr 1794 nicht mehr Reinhold, sondern dessen Lehrstuhlnachfolger Fichte die Jenaer Denkbewegung des Kantianismus anführte, blieb ersterer, der unterdessen eine Professur in Kiel innehatte, an seiner alten Wirkungsstätte als intellektueller Anreger und als Initiator eines der Verankerung kantischer Aufklärungsideen dienenden «moralischen Bundes der Einverstandenen» in guter Erinnerung.8 Mit Hölderlins Freund und philosophischem Mentor Niethammer9 sowie mit Friedrich Carl Forberg dozierten zudem in Jena zwei Schüler Reinholds, die bei allen eigenwilligen Ansichten die wirkungsmächtigen Theoreme ihres Lehrers in Ehren hielten. Aufgrund der Tatsache, dass Fichte mit seinem 1794 bekannt gemachten

5 Teutscher Merkur, 1788 IV, 61–79, 144–167; 1789 I, 37–52 (Reinhold: RGS 5/1, 133–170). 6 Reinhold: RGS 1. 7 Siehe Reinhold: Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der Philosophen. Erster Band, 85–86. 8 Zur Organisation und Wirkung dieses 1795 initiierten Bundes siehe: Latomia. 20. Band, 1–16, 132–145; G. W. Fuchs: Karl Leonhard Reinhold – Illuminat und Philosoph, 137–140; Bernecker: Reinhold’s Road to Fichte: The Elementary-Philosophy of 1795/96, 234–238. 9 Zur Freundschaft Hölderlins und Niethammers, die in die Tübinger Stiftszeit zurückreicht, beachte man Henrich: Konstellationen, 135–170.


Einleitung

System der Wissenschaftslehre den Anspruch erhob, die Elementarphilosophie verbessert, gegen skeptizistische Einwände gesichert und damit auf eine höhere Stufe gehoben zu haben, wirkte Reinhold schließlich auch auf dem Königsweg des Jenaer Denkens in mittelbarer Weise fort. Ich möchte mich im Folgenden nicht weiter mit Erwägungen zu Hölderlins spärlicher expliziter Bezugnahme auf Reinhold befassen. Vielmehr will ich die sich in der Sache anzeigenden Reinhold-Hintergründe Hölderlins ausleuchten und den sich andeutenden Einflüssen nachgehen. In einem ersten Teil soll Reinhold zu Wort kommen, genauer: Reinhold in den wesentlichen Aspekten seines Jenaer Denkens und Wirkens und in einigen Facetten seiner späteren Positionierung zur Frage nach dem ersten Prinzip der Philosophie. Es soll hiermit jenes denkerische Profil Reinholds transparent werden, das meines Erachtens für Hölderlin als philosophisch-poetologischen Denker relevant und spannend gewesen sein dürfte. Danach widme ich mich Denkzusammenhängen Hölderlins, die meiner Ansicht nach mit einer unmittelbaren oder mittelbaren Anregung durch Reinhold in Verbindung zu bringen sind.

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1. Die Philosophie Reinholds im Ausgang von Kant und ihr Beitrag zum nachkantischen Denken

Reinholds Weg zur Philosophie Kants nimmt seinen Anfang in der katholischen Aufklärungsbewegung Wiens zur Zeit der Josephinischen Reformen.10 In den 1770er-Jahren trat der junge Reinhold in den Jesuitenorden ein, durchlief, nach dem vorübergehenden päpstlichen Verbot des Ordens, im Kollegium der Barnabiten die Ausbildung zum Priester und wirkte danach an diesem Ort als Lehrer der Philosophie. Gleichzeitig verkehrte er seit den frühen 1780er-Jahren in Literatenzirkeln und im Kreis der illuminatischen Freimaurer. Unter einem Decknamen veröffentlichte er zahlreiche Aufsätze aufklärerischen und theologiekritischen Inhalts. Eigenen Aussagen gemäß waren seiner Hinwendung zu Kant Beschäftigungen mit dem «leibnitzschen Systeme» und mit den Untersuchungen seines «würdigen Gegenspielers Locke» vorangegangen.11 Ebenso der «Humische Skepticism» und der «Spinozismus» sollen damals zu seinen bedeutsamen Inspirationsquellen gezählt haben.12 Wie briefliche Hinweise und diverse Anschlusskontexte im Rahmen seiner späten Abhandlungen zum Wahrheitsbegriff13 verraten, dürfte sich Reinhold während seines vorkantischen Philosophierens zudem wegweisende Einsichten der scholastischen Klassiker, des religiösen Cartesianismus Nicolas Malebranches wie auch des in Wien durch Sigmund von Storchenau vermittelten Wolffianismus angeeignet haben.14

10 Zu Reinholds Wiener Anfängen siehe Lauth: Reinholds Weg durch die Aufklärung; Schaller: Wiener Ouvertüren zur Kantisch-Reinholdischen Philosophie. 11 Siehe Reinhold: RGS 1, 32. 12 Siehe Reinhold: Korrespondenzausgabe, Bd. 1, 268; Bd. 2, 169. 13 Man beachte insbesondere Reinhold: Die alte Frage: Was ist die Wahrheit? 14 Siehe Reinhold: Korrespondenzausgabe, Bd. 1, 159 f.


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1. Die Philosophie Reinholds im Ausgang von Kant und ihr Beitrag zum nachkantischen Denken

Um die Mitte der 1780er-Jahre verließ Reinhold Wien fluchtartig. Schuld war offenbar ein sich verschärfender Konflikt zwischen seiner Stellung als Priester und seinem Engagement als Freimaurer im Range eines «illuminatus minor». Die genaueren Umstände und Gründe sind bis heute unbekannt. Mithilfe des illuminatischen Netzwerks gelangte Reinhold nach Leipzig. Er besuchte dort Vorlesungen des Philosophen und Arztes Ernst Platner und kam mit dessen anthropologisch-vermögenstheoretischer Spielart der Leibniz’schen und Locke’schen Philosophie in Berührung. Reinhold wird Platner und dessen aphoristische Denkart später einem eklektischen Intervall innerhalb der von Leibniz und Wolff zu Kant führenden Entwicklung der philosophierenden Vernunft zuordnen. Kurze Zeit danach nahm Reinhold die Gelegenheit wahr, seine Existenz im Hause Wielands in Weimar neu aufzubauen. Er wurde Mitarbeiter beim Teutschen Merkur, trat mit der Unterstützung durch den Weimarer Generalsuperintendenten und Oberpfarrer Johann Gottfried Herder zum Protestantismus über und vermählte sich mit einer Tochter Wielands. In Weimar konnte sich Reinhold nun auch öffentlich als Aufklärer und Erneuerer in Szene setzen. Er publizierte im Teutschen Merkur eine Sammlung von «Gedanken über Aufklärung» und nahm damit auf seine Weise zu der damals prominent in der Berlinischen Monatsschrift abgehandelten Frage «Was ist Aufklärung?» Stellung.15 Das Ziel einer aufklärenden Tätigkeit im kulturellen Bereich sollte seines Erachtens darin bestehen, eine Synthese von Verstandesund Herzensbildung zu bewerkstelligen. In diesem Sinne forderte er die Orientierung an einem klassisch-rationalistischen Ideal klarer und deutlicher Begriffe, das zugleich offen für eine Integration sentimentalistischer Ideen der Versinnlichung und Historisierung begrifflichen Denkens sein sollte. Unter dem Einfluss Wielands und Herders verstärkte sich in ihm vorübergehend die Skepsis gegenüber aller einseitigen Verstandesaufklärung und scholastisch anmutenden Vernunftmetaphysik. Reinhold bekundete Sympathien für Herders pointiert an Geschichte, Gefühl und Glauben appellierendes Aufklärungsdenken. Angetrieben durch die Weimarer Förderer, schwang er sich schließlich zu einem Advokaten der metaphysik- und rationalitätskriti-

Siehe Bondeli: The Conception of Enlightenment in Reinholds «Letters on the Kantian Philosophy», 43–44. 15


1. Die Philosophie Reinholds im Ausgang von Kant und ihr Beitrag zum nachkantischen Denken

schen Haltung auf, die Herder in den Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit eingenommen hatte. Er geriet damit unweigerlich in Streit mit den Jenaer Kantianern, ganz besonders aber mit dem in Königsberg ansässigen Kant, der ebendieses Herder’sche Werk zuvor in einer denkwürdigen Rezension vernichtend attackiert hatte.16 Seine Begegnung mit Kant, die unmittelbar auf diese sich anfangs mit verdecktem Visier abspielende Episode folgte, stimmte Reinhold um und führte ihn zu einem folgenreichen Entdeckungs- und Erweckungserlebnis. Kein anderes als das Denken des kritischen Kant schien ihm bei näherem Hinsehen besser geeignet, dem eigenen Bedürfnis einer Vermittlung von rationaler und Gefühlsaufklärung Genüge zu tun. Reinhold wurde schlagartig überzeugter und beherzter Kantianer, vertrat fortan die kritische Lehre ebenso mit dem hierfür nötigen Scharfsinn und systematischen Geschick. Er zog damit umgehend die Aufmerksamkeit der Weimarer und Jenaer Erziehungsbehörden auf sich und eröffnete sich so den Weg zu einer erfolgreichen akademischen Laufbahn. 1787 konnte Reinhold eine Professur für Philosophie in Jena antreten. Er gehörte dort zusammen mit Christian Gottfried Schütz, dem Begründer der Kant-freundlichen Allgemeinen Litteratur-Zeitung, und Carl Christian Erhard Schmid, dem Verfasser des ersten Kant-Lexikons, zu den führenden Kantianern und Aushängeschildern dieser Lehrstätte. Er rekrutierte eine Vielzahl jüngerer Mitstreiter und sah es als eine zentrale Aufgabe, die Kritiker und Gegner Kants in Schach zu halten. In Absprache mit Kant, den Reinhold seit Oktober 1787 brieflich über die neuesten Entwicklungen in Jena und über eigene Pläne auf dem Laufenden hielt,17 betrieb er eine aufsehenerregende Polemik gegen den Neo-Leibnizianer Johann August Eberhard. Mit der Ausarbeitung des eigenen, elementarphilosophischen Systems sah Reinhold sich in einer konsequenten Nachfolge Kants, einer Nachfolge, die ‒ je länger, desto stärker ‒ aber auch mit der Ambition einherging, die kantische Philosophie entscheidend verbessern und

16 Näheres zu Reinholds Verwicklung in die Kant-Herder-Kontroverse siehe bei Bondeli: Von Herder zu Kant, zwischen Kant und Herder, mit Herder gegen Kant – Karl Leonhard Reinhold. 17 Siehe Bondeli: Reinholds Briefwechsel mit Kant.

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1. Die Philosophie Reinholds im Ausgang von Kant und ihr Beitrag zum nachkantischen Denken

so auf eine höhere und letzte Stufe innerhalb des neuesten Entwicklungswegs der philosophierenden Vernunft heben zu können. Gegen Mitte 1794 führte Reinhold seine Lehrtätigkeit und seine publizistischen Aktivitäten an der damals zum dänischen Königreich gehörenden Universität Kiel fort. Nach einer ersten Phase, in der er weiterhin einem Philosophieren im Geiste des kritischen Kant die Treue hielt, folgte ab Ende 1796 eine denkerische Neuorientierung, die unter dem Einfluss Fichtes und Friedrich Heinrich Jacobis stand. Ab 1800 wandte sich Reinhold der Ausarbeitung eines Systems des rationalen Realismus zu, dessen Kerngestalt für ihn schließlich bis zu seinen spätesten, im Zeichen einer sprachphilosophischen und wahrheitstheoretischen Programmatik stehenden Systementwürfen maßgebend bleiben sollte. Diese Neuausrichtung, die erklärtermaßen mit einer pauschalen Abkehr von dem neueren Idealismus und der neueren Subjektphilosophie einherlief, kam einem Bruch mit Kant und dem vorangegangenen eigenen Systemdenken im Geiste Kants gleich. Reinhold sah sich aber nach wie vor, und dies sehr wohl auch während der mit dem Aufklärungsund Revolutionsgeist des späten 18. Jahrhunderts abrechnenden Epoche der europäischen Restauration, einer Form von Aufklärung verpflichtet. Die moralischen und religiösen Leitideen der Ära Kants wurden von ihm nie aufgegeben. Bis an sein Lebensende in Kiel 1823 war Reinhold in dieser Haltung Mitglied und reger Förderer der freimaurerischen Bewegung. Als Reinhold nach Mitte der 1780er-Jahre zur kritischen Philosophie Kants übergegangen war, formulierte er, der geschichtsutopischen Denkperspektive der Illuminaten konform, kein geringeres Aufklärungsziel als die Beförderung eines neuen, kantischen Zeitalters der Freiheit und moralischen Gemeinschaft. Durch eine Anwendung sogenannter kantischer «Resultate» zu den «Grundwahrheiten der Religion und der Moral»18 sollten die hierfür nötigen geistig-kulturellen und sozialen Reformen eingeleitet werden können. Kennzeichnend für Reinholds Aufklärungsstrategie im engeren Sinne war das Bestreben, einem Konglomerat philosophischer Einheitsideen Eingang in die lernwilligen und für Aufklärung empfänglichen Gemüter zu verschaffen. Die an das Ideengut Herders erinnernde Losung einer Sensualisierung abstrakter Begriffe und Verlebendigung trockener Wortzeichen war

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Siehe Reinhold: RGS 1, 34 f.


1. Die Philosophie Reinholds im Ausgang von Kant und ihr Beitrag zum nachkantischen Denken

dabei ebenso gegenwärtig wie das durch Kants Neubestimmung des Verhältnisses von Glauben und Wissen inspirierte Desiderat einer heilsamen Vereinigung von Kopf und Herz. Hinzu kam eine systematologische Einheitsvision, für die Kants Diktum über einen «ewigen Frieden» im Bereich der spekulativen Vernunft19 mitverantwortlich war. Reinhold wurde nicht müde, seiner Zuhörer- und Leserschaft einzuschärfen, dass mit Kants Vernunftkritik die jedem Fortschritt der aufgeklärten Vernunft hinderlichen Parteienkämpfe zwischen Naturalisten und Supernaturalisten, Materialisten und Spiritualisten, Empiristen und Rationalisten, Dogmatikern und Skeptikern, Deterministen und Äquilibristen in einer nicht mehr zu überbietenden Weise auf Fehler und Missverständnisse durchleuchtet worden sind und sich damit endgültig als gegenstandslos erwiesen haben.20 Bestärkt durch das Grundsatzdenken Kants, das ihm auf Aristoteles und Leibniz zurückgehende Begründungstopoi kritisch fortzusetzen schien, ergriff Reinhold schließlich Partei für eine Einheitsidee im Sinne des Ausgangs der Philosophie von einem ersten evidenten Axiom oder Grundsatz. In der Absicht, die Kampffront unter den Kantianern geschlossen zu halten, verlieh er zunehmend der Überzeugung Ausdruck, ein philosophisches System müsse von einem ersten, den Ansprüchen der Allgemeingültigkeit und Allgemeingeltung genügenden Grundsatz ausgehen. Dieser Überzeugung gemäß wurde bei der Vergegenwärtigung kantischer Resultate vornehmlich dort angeknüpft, wo erste Prinzipien wie die Grundsätze der Apperzeption, Gattungsbegriffe wie die an der Spitze der Stufenleiter der Vorstellungsarten stehende «Vorstellung überhaupt (repraesentatio)»21 oder Definitionen zu den Imperativen des Sittengesetzes zur Diskussion standen. Im Blick auf die lehrmäßige Kant-Vermittlung ging die Einheitsidee mit dem Plan einher, die Hauptergebnisse zur theoretischen und praktischen wie schließlich auch zu der absehbar werdenden ästhetischen und teleologischen Vernunftkritik in der Form eines grundsatzphilosophischen Gesamtsystems neu darzustellen. Auch nachdem dieser

Siehe KrV A 777 / B 805. So der Tenor bereits in Reinholds Schreiben von Anfang November 1786 an den Weimarer Regierungsrat Gottlob von Voigt (Reinhold: Korrespondenzausgabe, Bd. 1, 145–157). 21 Siehe KrV A 320 / B 376. 19

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1. Die Philosophie Reinholds im Ausgang von Kant und ihr Beitrag zum nachkantischen Denken

arbeitsintensive Plan zu einer ersten Umsetzung gelangt war, blieb Reinhold der aufklärerische Philosoph, der gegen jede «Plage», welche «die Menschheit zugleich bedrückt und erniedriget»,22 anzukämpfen und so das «Eine, was der Menschheit noth ist»,23 auf den Begriff zu bringen gedachte. Doch ist es nachvollziehbar, dass Reinhold damit mehr und mehr in eine philosophisch-systematische Denkdynamik involviert wurde.

a) Die einschlägigen Etappen von Reinholds kantischem und elementarphilosophischem Denken [G]egenwärtig haben wir ein Evangelium der reinen Vernunft erhalten, welches die Religion durch Vereinigung mit der Moral rettet, indem es den Einzigen Erkenntnißgrund fest setzt, der von Moral zur Religion durch den Weg der Vernunft führt.24

Die um die Mitte der 1780er-Jahre begonnenen Briefe über die Kantische Philosophie entsprangen noch vorwiegend einem aufklärerischen Denkinteresse und handelten über weite Strecken von den reformbedürftigen Zuständen des positiven Rechts und der positiven Theologie sowohl katholischer als auch protestantischer Provenienz. Reinhold erschien in dieser Sammlung von Briefen an einen fiktiven Freund ganz als der Verkünder und Anwalt von Kants moraltheologischen Abschnitten aus der Kritik der reinen Vernunft. Wie er seinem Publikum nahebrachte, ist es eine glückliche Fügung im Gang der neueren Aufklärung, dass sich die beiden «Glaubensartikel» über das «Dasein Gottes» und die «künftige Welt»25 auf der Basis der kantisch verstandenen theoretischen Vernunft als unhaltbar erwiesen haben und durch keine wie auch immer neu unternommenen theoretischen Beweise, sondern nurmehr, wie Kant im Hinblick auf den Gebrauch der praktischen Vernunft aufgezeigt hat, aus Gründen der moralisch-praktischen Vernunft und in der Form von praktischen Postulaten rechtfertigen lassen. Zu assoziieren gilt es nach Reinhold mit diesem Eingriff Kants eine ganze Reihe heil-

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Reinhold: RGS 4, 6. Ebd., 12. Reinhold: RGS 2/1, 120. Siehe KrV A 828–830 / B 856–858.


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Im Gravitationsfeld nachkantischen Denkens: Reinhold und Hölderlin by Schwabe Verlag - Issuu