Markus Zimmermann hat in Frankfurt a. M. und Fribourg Theologie studiert und promovierte sowie habilitierte an der Universität Fribourg. Er ist als Lehr- und Forschungsrat und als Titularprofessor an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg tätig.
SCHWABE VERLAG
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ISBN 978-3-7965-4092-9
ISBN 978-3-429-05458-8
DANIEL BOGNER MARKUS ZIMMERMANN ( HG.)
FUNDAMENTE THEOLOGISCHER ETHIK IN POSTKONFESSIO NELLER ZEIT Beiträge zu einer Grundlagendiskussion
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Herausgeber Daniel Bogner hat Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Münster, Fribourg und Paris studiert. Er promovierte in Fundamentaltheologie zu Michel de Certeau und habilitierte sich in Sozialethik zur Theorie der Menschenrechte. Er ist Ordentlicher Professor für Moraltheologie und Ethik an der Universität Fribourg.
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Kann es eine «theologische» Ethik eigentlich geben ? An wen richtet sie sich? Lässt sich gar ein konfessionelles Profil ausmachen ? Der Band dokumentiert eine Grundsatzdiskussion über die Fundamente und Quellen theologischer Ethiken, die heute mehr denn je unter Erklärungszwang stehen. Die Ursachen dafür liegen in gesellschaftlichen Veränderungen – Säkularisierung, Fragmentierung, Individualisierung und Globalisierung –, aber auch in kirchlichen Entwicklungen. In der Folge werden bestimmte « traditionalistische » oder aber « liberale » ethische Positionen konfessions- und manchmal sogar religionsübergreifend vertreten. Innerkonfessionell hingegen führen diese Veränderungen mitunter zu massiven Konflikten. Vor diesem Hintergrund fragen die Autorinnen und Autoren, wie sich Ethik heute noch als eine theologische ausweisen kann und welche Potenziale darin liegen.
STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK 154
SthE
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FUNDAMENTE THEOLOGISCHER ETHIK
HERAUSGEGEBEN VON DANIEL BOGNER UND MARKUS ZIMMERMANN, DEPARTEMENT FÜR MORALTHEOLOGIE UND ETHIK, UNIVERSITÄT FREIBURG I.UE.
BOGNER ZIMMERMANN (HG.)
STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK
studien zur theologischen ethik 154 Herausgegeben von Daniel Bogner und Markus Zimmermann
Da nie l Bogne r / M a r k us Zim me r m a nn ( Hg.)
Fundamente theologischer Ethik in postkonfessioneller Zeit Beiträge zu einer Grundlagendiskussion
Schwabe Verlag, Basel Echter Verlag, WĂźrzburg
Die Druckvorlagen der Textseiten wurden vom Departement für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg i. Üe. zur Verfügung gestellt.
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Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. © 2019 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Gestaltungskonzept Inhalt: Stellwerkost Satz: Ute Heimburger, Université de Fribourg, Departement für Moraltheologie und Ethik, Av. de l’Europe 20, ch-1700 Fribourg Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany isbn Printausgabe 978-3-7965-4092-9 (Schwabe) isbn eBook (pdf) 978-3-7965-4094-3 (Schwabe) DOI 10.24894/978-3-7965-4094-3 (Schwabe) isbn Printausgabe 978-3-429-05458-8 (Echter) issn 0379-2366 (Studien zur theologischen Ethik) Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
INH A LT Daniel Bogner/ Markus Zimmermann
Einleitung
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Kontextualisierung einer Fr age Walter Lesch
Postkonfessionelle Ethik(en) im Kontext von Religion(en). Voraussetzungen – Probleme – Perspektiven
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Adrian Holderegger
40 Jahre Studien zur theologischen Ethik. Kritische Zeitgenossenschaft und wegweisende Klärungen
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Daniel Bogner
Aufruf zum Perspektivwechsel. Was die Missbrauchskrise für die theologische Ethik bedeutet
43
Teil i
Ethik und Bekenntnis
Thomas Laubach
Ent-pörung. Aspekte einer (nicht-)konfessionellen Theologischen Ethik
59
Monika Bobbert
Christliche Ethik und ökumenischer Dialog: Notwendigkeit konfessionsübergreifender ethischer Reflexion statt Austausch über moralische Positionen
75
Christian Polke
Prekäres Ethos – fallible Vernunft. Über das Protestantische einer theologischen Ethik
115
Georg Pfleiderer
Vom Nutzen und Nachteil konfessioneller Profilbildung in der Ethik. Eine protestantisch-theologische Perspektive
135
6
INH A LT
Eberhard Schockenhoff
Auf der Suche nach ökumenischer Gemeinsamkeit und konfessionellem Profil. Zum Standort der theologischen Ethik zwischen den Konfessionen
153
Werner Wolbert
Christliche Individual- und Sozialethik im ökumenischen Gespräch
173
Markus Zimmermann
Christliche Existenz und theologische Ethik. Hans Halters Antwort auf die Frage nach dem christlichen Proprium
181
Teil ii
Streitfall Autonomie
Stephan Goertz
Autonomie und Theologie. Moralische Maßstäbe für die Rede von Gott
199
Andreas Lob-Hüdepohl
‹Dichte Autonomie› – Praktische Selbstbestimmungen als ‹theonome› Manifestationen menschlicher Selbstzweckhaftigkeit und Selbstgesetzlichkeit
229
Heike Baranzke
Autonomie in der Krise. Herausforderungen zwischen transzendentaler Grundlegung und biomedizinischer Anwendung
253
Teil iii
Methoden und Modelle
Konrad Hilpert
Die Unentbehrlichkeit anthropologischer Basisannahmen für die Ethik. Eine Leerstelle als Hinterlassenschaft der Kritik am Naturbegriff
295
Katharina Klöcker
Kasuistik als Königsweg in die Konkretion? Überlegungen zu einer situationsgerechten Ethik
311
7
INH A LT
Hansjörg Schmid
Postsäkularität als Leitperspektive theologischer Sozialethik. Empirische Befunde, hermeneutische Zugänge, interreligiöse Perspektiven
327
Teil iv
Mit der Religion über Religion hinaus
Jochen Sautermeister
Gelingende Identität als Zielperspektive theologischer Ethik
359
Dietmar Mieth
Gefährliche Religion(en). Die Ambivalenz religiöser Narrative und die weitere Entwicklung eines «Weltethos»
377
Jean-Claude Wolf
Gott als moralische Autorität?
399
Jean-Pierre Wils
Die kulturelle Form der Ethik. Ein Konflikt zwischen Universalismus und Partikularismus?
421
Autorinnen und Autoren
433
Studien zur theologischen Ethik
435
EINLEIT UNG Daniel Bogner und Markus Zimmermann Theologische oder religiös-weltanschauliche Ethiken stehen heute zunehmend unter Legitimierungsdruck. Wie ein Blick in einschlägige Ethikhandbücher offenbart, werden theologische Ethikansätze heute in erster Linie als partikulare Theorien mit marginaler Bedeutung für philosophisch-ethisch geprägte Diskurse wahrgenommen. Wünscht ein Herausgeberteam eines Ethikhandbuchs einen kurzen Überblicksbeitrag zur christlichen Ethik, um diesen dann neben ähnlich strukturierten Beiträgen zur islamischen, jüdischen, buddhistischen und agnostischen Ethik einordnen zu können, steht es allerdings vor dem nicht einfach zu lösenden Problem, in jeder der erwähnten religiösen Ethiktraditionen aus einer unübersichtlichen Zahl von Traditionen, konfessionellen Ausprägungen und Meinungsspektren eine sinnvolle Auswahl treffen zu müssen. Seitdem sich die englische Sprache auch in der Ethik als lingua franca etabliert, die Ethik sich in den Anwendungsgebieten profiliert und die ethische Expertise von Angehörigen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen in Anspruch genommen wird, hat die Wahrnehmung und Realität dieser Vielfalt noch einmal exponentiell zugenommen. Der damit angedeutete Legitimierungsdruck gegen außen ist mit einem wachsenden Orientierungsbedarf und einer Neuprofilierung konfessionell geprägter Ethiken gegen innen verbunden. Beide Entwicklungen sind nur verständlich aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Kontexte, in denen theologische Ethik heute – im Unterschied zur Situation vor vierzig oder fünfzig Jahren – betrieben wird und sich verständlich und wirksam zu Wort melden will. Beide Herausforderungen, sowohl der Rechtfertigungsdruck als auch die eigenen Profilierungsbestrebungen, bestärken Tendenzen zur Selbstaufklärung, den zyklisch aufkeimenden Klärungsbedarf über die Quellen oder die Fundamente einer theologischen Ethik. Das vierzigjährige Bestehen der «Studien zur theologischen Ethik», in Fachkreisen als «Gelbe Reihe» einschlägig bekannt, sowie das Ausscheiden von Adrian Holderegger als langjährigem Herausgeber der deutschsprachigen Abteilung dieser Buchreihe, gaben Anlass zur Durchführung einer wissenschaftlichen Tagung, an der sich theologische und der Theologie gegenüber aufgeschlossene Ethik-Expertinnen und -Experten den genannten Herausforderungen in ökumenischer Perspektive stellten. Die Beiträge im vorliegenden Sammelband gehen maßgeblich auf diese, im Oktober 2017 an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg/Schweiz unter dem Titel «Fundamente der theologischen Ethik. Zwischen gemeinsamen Anliegen und konfessionellen Profilen» durchgeführte Tagung zurück. Ideen zur Formulierung des Titels entstammten einerseits dem
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stark beachteten Band 72 aus der erwähnten Reihe, einem von Adrian Holderegger im Jahr 1996 unter dem Titel «Fundamente der Theologischen Ethik. Bilanz und Neuansätze» herausgegebenen Sammelband, andererseits dem 500 Jahre zurückliegenden Reformationsbeginn. Die in den hier versammelten Beiträgen dokumentierte Verständigung über die Fundamente und Quellen theologischer Ethiken zeigt zunächst, dass die seit fünfzig Jahren zu registrierenden Suchbewegungen bis heute kein Ende gefunden, sich vielmehr verstärkt haben und zudem pluraler, unübersichtlicher und heterogener geworden sind. Die Ursachen dafür sind mannigfaltig, wesentlich sind einerseits gesellschaftliche Veränderungen, die mit Begriffen wie Säkularisierung, Fragmentierung, Individualisierung und Globalisierung angedeutet werden können; andererseits sind es kirchliche Entwicklungen, die beispielsweise mit dem Verlust konfessioneller Identitäten sowie der Entmachtung und Dekonstruktion institutionell verfasster Religion im Zusammenhang stehen. Gleichzeitig ist die Rede von postsäkularen Strömungen, mit denen ein neu aufkeimendes Interesse an Religion verbunden wird, die sich jedoch nur bedingt soziologisch fassen lassen und welche die massiven Folgen der Säkularisierung und Entkirchlichung offenbar nicht wesentlich beeinflussen (vgl. dazu den Beitrag von Hansjörg Schmid). Alle diese hier nur angedeuteten Veränderungen gehen schließlich so weit, dass bestimmte «traditionalistische» und «liberale» ethische Positionen konfessions- und manchmal sogar religionsübergreifend vertreten werden, während sie mitunter innerkonfessionell zu massiven Konflikten und Spaltungstendenzen beitragen. Inmitten dieser Vorgänge keimt die Idee einer postkonfessionell konzipierten theologischen Ethik: Für den Philosophen und Theologen Walter Lesch aus Louvain-la-Neuve ist die Ethik gar die postkonfessionelle theologische Disziplin par excellence. Daneben gedeiht gleichzeitig – hier im Kontext der Verständigung zwischen Christen und Muslimen – die Idee einer interreligiösen theologischen Ethik, die sich als ihr gemeinsames Leitkriterium auf die Deutung der «Zeichen der Zeit» stützt (Hansjörg Schmid). In der Diskussion über diese neuen Ausrichtungen wurde an der Tagung und wird auch in einer Vielzahl von Beiträgen in diesem Sammelband deutlich, wie wichtig klärende Diskurse über die eigenen, in der Regel stark religiös sowie konfessionell geprägten Selbstverständnisse zur gegenseitigen Verständigung werden. Einerseits werden traditionell bestehende Grenzen überwunden, wird nachgedacht über postkonfessionelle Neuansätze, es wird die Verständigung sogar über Religionsgrenzen hinaus gesucht und auch bereits mit einigem Erfolg praktiziert; andererseits werden Fragen wach, die historisch gewachsene Eigenheiten der jeweiligen konfessionellen Profile betreffen und damit Klärungsbedarf mit sich bringen, der wiederum eine Art Re-Konfessi-
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onalisierung der Diskussionen bewirkt. Offensichtlich sind postkonfessionelle Suchbewegungen einerseits und Vergewisserungen über die je eigenen Quellen und Traditionen andererseits auf dialektische Weise miteinander verknüpft und lassen sich nicht losgelöst voneinander realisieren. Ein gleichsam hausgemachtes Problem vieler theologischer Ethikentwürfe besteht darin, dass die Autorinnen und Autoren kaum aufeinander eingehen bzw. es unterlassen, Bezüge zueinander und den jeweiligen Ethikkonzeptionen herzustellen. Das gilt besonders für Referenzen auf Ethikentwürfe jeweils anderer christlicher Konfessionen oder Religionen. Die Beiträge von Eberhard Schockenhoff und Werner Wolbert heben sich davon ab, indem die katholischen Autoren entgegen allgemeiner Tendenzen das Gegenteil praktizieren und explizit auf protestantische Ethikansätze eingehen. Aber auch hinsichtlich innerkonfessioneller Bezugnahmen lässt sich beobachten, dass immer weniger die Breite der vertretenen Ansätze wahrgenommen wird. Dies erörtert in seinem hier vorgestellten Text Georg Pfleiderer für die protestantische Theologie 1 und entsprechende Klagen in einem autobiographischen Text werden an anderem Ort auch von Josef Römelt für die katholische theologische Ethik thematisiert. 2 Es wäre schön, wenn der vorliegende Band genauso wie die diesem zugrunde liegende Tagung sowie die «Studien zur theologischen Ethik» als gesamte Reihe zu einem verstärkten Interesse aneinander beitragen würden. Im ökumenischen bzw. interreligiösen Gespräch und auf der Suche nach postkonfessionellen Ethikansätzen kann es nicht darum gehen, Differenzen zu leugnen; eine Perspektive besteht vielmehr darin, Unterschiede als einen Reichtum wertzuschätzen, voneinander zu lernen sowie um Verständigung und Gemeinsamkeiten zu ringen. 3 Angesichts von Herausforderungen wie dem Klimawandel, der internationalen Migration sowie genetischer Veränderungen an der menschlichen Keimbahn sind Ideen zur Grundlegung einer postkonfessionellen oder sogar interreligiös angelegten theologischen Ethik – allen Schwierigkeiten und Einwänden zum Trotz – letztlich alternativlos. Die Beiträge dieses Bandes sind in vier Bereiche unterteilt. Das in der Titelgebung ausgedrückte Anliegen soll damit einerseits als Fragestellung rekonstruiert, sodann aber auch explorativ bearbeitet und in ihren Perspektiven über den disziplinarischen «Tellerrand» der theologischen Ethik hinaus erkundet werden. 1 Vgl. als Beleg auch den kürzlich erschienenen Sammelband von M. Roth/M.Held (Hg.), Was ist theologische Ethik? Grundbestimmungen und Grundvorstellungen, Berlin/Boston 2018. 2 Vgl. J. Römelt, Freiheit ist das größte Geschenk Gottes an den Menschen – so sehr, dass er auch ihre Grenzen geborgen hält, in: K. Hilpert (Hg.), Theologische Ethik im Spiegel ihrer Biographie. Stationen und Kontexte, Paderborn 2016, 187–204, 201. 3 Vgl. W. Huber, Im Geist der Freiheit. Für eine Ökumene der Profile, Freiburg i. Br. 2007.
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So steht zu Beginn der Versuch einer Kontextualisierung: Was könnte man überhaupt als «Fundament» einer Ethik, noch dazu einer theologischen Ethik bezeichnen? Welchen Veränderungen unterliegt eine solche Rede in «postkonfessioneller» Zeit? Walter Lesch vertritt hierzu eine weitgehende und folgenreiche These, nämlich die von der «Präkonfessionalität» der Ethik. Wenn Ethik, wie er argumentiert, der «Ausdifferenzierung der heute dominierenden Religionssysteme vorausliegt», bietet sie Chancen für Verständigung und Orientierungssuche gerade in weltanschaulich zunehmend disparaten Zeiten. Mit dem Beitrag von Adrian Holderegger, der die Geschichte der «Studien zur theologischen Ethik» (SthE) und deren methodische Grundentscheidungen reflektiert, wird der Blick auf eine für das Verständnis der Disziplin weitere wichtige Frage gelenkt: Sollte man weiterhin zwischen Individualethik und Sozialethik unterscheiden, wie es in der Unterteilung der theologischen Fächer Moraltheologie und Christliche Sozialethik abgebildet wird, oder wäre es nicht angemessen, von der die ethischen Sachfragen einbegreifenden Perspektive einer «theologischen Ethik» zu sprechen? Es wird damit nochmals konkret gemacht, wie sehr die Auseinandersetzungen um Sach- und Methodenfragen, aber auch der grundsätzliche Streit um die Legitimität einer Ethik vor dem Horizont des religiösen Bekenntnisses zu Selbstverständigungsdiskursen in der Disziplin der theologischen Ethik bzw. der Moraltheologie geführt haben und dass diese Fragen nach einer Antwort verlangen. Der Beitrag von Daniel Bogner ergänzt solche Überlegungen und führt sie angesichts der aktuellen Krise der katholischen Kirche weiter: Muss, so lautet die Frage seines Beitrags, das Anliegen einer «Autonomen Moral im christlichen Kontext» nicht seinerseits als Reflex einer bestimmten historischen und epistemologischen Lage gesehen werden und bedarf heute einer Fortentwicklung? Diese Herausforderung macht Bogner an der Missbrauchskrise fest, die unüberhörbar dazu aufruft, die faktischen Verhältnisse der Religionsgemeinschaften zum Gegenstand der theologischen Ethik zu machen und so etwas wie eine Sozialethik des religiösen Gemeinwesens zu entwickeln. Im ersten Hauptteil des Bandes («Ethik und Bekenntnis») geht es um den thematischen Kern der Frage: Welche Rolle spielt eine konfessionelle Dimension für die Ethik – welche Rolle darf sie überhaupt spielen? Dabei lassen sich drei Blickwinkel unterscheiden: In den beiden Beiträgen von Thomas Laubach und Monika Bobbert wird die Ausgangsüberlegung von Walter Lesch aufgegriffen und entfaltet: Eine charakteristisch konfessionell geprägte Ethik dürfte es prinzipiell nicht geben, so die These. Laubach fasst dies in die Aussage von der «a-moralischen Ethik», Bobbert zieht daraus die Konsequenz, dass ein ökumenischer Dialog im strengen Sinne nicht erforderlich ist, so denn Ethik bei ihrer eigenen Sache bleibt.
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Die Beiträge von Christian Polke, Georg Pfleiderer, Eberhard Schockenhoff und Werner Wolbert basieren auf einer anderen Prämisse: Ihr Interesse ist nicht die moraltheoretische Axiomatik, sondern sie beziehen sich auf die faktische Entwicklung ethisch-moralischer Argumentationskulturen und suchen nach dem Einfluss und der expliziten oder impliziten Tragweite einer als konfessionell zu bezeichnenden Prägung. Interessant ist, dass es in allen vier Beiträgen um eine vermeintlich typisch «protestantische» Ethik geht. Christian Polke identifiziert als «protestantische Basismarker» die beiden Kategorien «prekäres Ethos» und «fallible» Vernunft», während Georg Pfleiderer die metaethische Frage in den Raum stellt, was die Ethik «davon hat», wenn sie sich der konfessionellen «Wesensreflexion» widmet. Auch die beiden katholischen Autoren befassen sich mit der protestantischen Tradition: Eberhard Schockenhoff zeichnet in feinen Strichen seine bleibende Bewunderung für die aus dem Protestantismus kommenden Impulse für den ethischen Diskurs nach, hält aber auch nicht mit der kritischen Anfrage hinterm Berg, ob zuletzt nicht innerhalb des Protestantismus ein Bruch mit wesentlichen Quellen einer spezifisch protestantischen Ethik stattgefunden habe. Werner Wolbert wiederum befasst sich in Diskussion mit dem schwedisch-lutherischen Theologen Carl-Henrik Grenholm mit der Frage nach einem angemessenen Verhältnis von Individual- und Sozialethik, die in den konfessionellen Traditionen durchaus unterschiedlich gewichtet werden. Die Auseinandersetzungen mit den Prägewirkungen protestantischer Herkunft nehmen mit den erwähnten Beiträgen einen breiten Raum ein. Weder die Tagung noch der vorliegende Diskussionsband haben es vermocht, eine ebensolche Perspektive auch für die katholische Tradition zu diskutieren und es wäre wichtig darüber nachzudenken, ob dies reiner Zufall ist oder nicht doch einen Grund in ebendieser Prägung hat. Könnte es sein, dass die auf naturrechtlichen Bahnen aufgegleiste katholische Tradition von Morallehre und Ethik es vermocht hat, sich die Frage nach spezifischen, historisch-kulturellen und damit eben kontingenten Prägekräften lange Zeit, offenbar bis heute, vom Leibe zu halten? Bis tief hinein in die Ausführungen zur «Autonomen Moral» hinein wird man den Eindruck nicht los, das ein ehemaliges Naturrecht beerbendes Vernunftrecht – und neuerdings die Menschenrechtsethik – seien überzeitlich gültige und deshalb kulturell vermeintlich «neutrale» Ansätze, die die Moral leichten Fußes zu ihrem universalistischen Anspruch führen können. Diese Diskussion kann hier nicht geführt werden, aber sie erscheint vor dem Horizont der vorliegenden Debatte dringlicher denn je. Ja, es gibt vielleicht doch so etwas wie eine katholische Prägung der Ethik – für diese Vermutung steht der Beitrag von Markus Zimmermann, der als einziger die Spur aufnimmt und sie – mehr implizit als explizit – am Beispiel der existenzbetonten theologischen Ethik von Hans Halter rekonstruiert. Freilich bleibt am Ende die Frage, ob es denn legi-
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tim ist, eine solche Ethik mit einem konfessionellen «Eigennamen» (katholisch oder protestantisch) zu versehen. Die Fehlbarkeit menschlicher Vernunft, die Vorläufigkeit eines je gelebten Ethos und die existenzial-praktischen Bedingungen für eine erfahrungsgesättigte Moraltheorie können wohl Ferment einer Reflexionspraxis vor dem Hintergrund des biblischen Glaubens sein, aber sie müssen nicht einer einzelnen konfessionellen Herkunft gut geschrieben werden. Im darauf folgenden Teil («Streitfall Autonomie») wird mit der Kategorie der Autonomie eine für die Ethik zentrale Begrifflichkeit genauer beleuchtet, die im Kontext der Theologie sowohl heftigen Widerspruch wie auch lebhafte Aufnahme fand. Stephan Goertz fragt in einem grundständigen Beitrag nach der notwendigen Interdependenz von Autonomie- und Gottesdenken, Andreas Lob-Hüdepohl und Heike Baranzke wenden sich gegen eine pauschale und irreführende Verwendung des ethisch gehaltvollen Begriffs und führen ihn auf seine geltungstheoretische Kernbotschaft und dessen Praxisrelevanz in konkreten Handlungskontexten der Gegenwart zurück. Teil III («Methoden und Modelle») stellt im Anschluss einige Debatten vor, denen theologische Ethik begegnet, wenn sie einerseits epistemologisch nicht abseits stehen, und sich andererseits nicht von ihrem eigenen Traditionsstrom abkoppeln will. Konrad Hilpert reformuliert angesichts der technologisch immens gewachsenen Gestaltungsmöglichkeiten des Menschen die klassische Frage nach der Natur und dem Natürlichen als gegebener Voraussetzung ethischer Reflexion. Katharina Klöcker nimmt die ambivalente katholisch-theologische Erbschaft der Kasuistik auf und diskutiert, ob mit diesem Instrument jene Kontextsensibilität und Situationsangemessenheit zu erreichen ist, die für die Ethik erforderlich ist. Hansjörg Schmid debattiert die Bedingung von Postsäkularität und stellt die Frage, unter welchen Umständen sie geeignet ist, als eine Leitperspektive für die theologische Sozialethik herangezogen zu werden. Diese Frage ist umso dringlicher, als Schmids Interesse einer interreligiös wirksamen Sozialethik gilt. Der Schlussteil dieses Bandes («Mit der Religion über die Religion hinaus») vereint jene Stimmen, die sich nicht primär mit Fragen nach der internen Kohärenz der Fachperspektive befassen, sondern daran interessiert sind, auf deren Basis die Grenzen der Disziplin zu überschreiten oder aber von außen nach Anknüpfungspunkten für diese Fachperspektive zu suchen. So befasst sich Jochen Sautermeister im Dialog mit der Psychologie mit der Frage nach gelingender Identität als einem Zielgut theologischer Ethik. Dietmar Mieth, den man sicherlich als den Nestor des Modells einer (deutschsprachigen) theologischen Ethik an der Universität Freiburg/Schweiz bezeichnen kann und auf dessen Initiative – damals im Jahr 1977 zusammen mit Carlos Josafat Pinto de Oliveira – die Gründung der «Studien zur theologischen Ethik» zurückgeht, knüpft an sein großes Projekt einer narrativen
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Ethik an. Er skizziert, wie aus einem offenen Diskurs der Religionen, in dem die herrschenden religiösen Narrative aufgebrochen, hinterfragt und kreativ neu erzählt werden, das gemeinsame Anliegen der Gewaltminimierung verfolgt werden kann. Es ist der fast schon visionäre Entwurf einer «In-Betweenness», der durch die Praxis des wechselseitigen Erzählens gelingt und in welcher sich theologische Ethik gerade darin als wirksam erweist, dass sie in und nicht nur über Religion argumentiert. Die beiden Schlusstexte markieren schließlich das breite Spektrum, das mit der Fragestellung aufgespannt ist. Am Geltungsuniversalismus festzuhalten (Jean Pierre Wils) und gleichzeitig durch den Glauben an einen personalen Gott die Freude an der Erfüllung seiner Gebote lebendig zu erhalten, wie es das biblische Verständnis des Gesetzesbegriffes nahelegt (Jean-Claude Wolf ), könnten eine normativ anspruchsvolle und zugleich theologisch profilierte Perspektive bieten für theologische Ethiken in postkonfessioneller Zeit.
K onte x tualisierung
einer
F r age
P OS TKONFE S SIONELLE E THIK(EN) IM KONTE X T VON RELIGION(EN) VO R AU S SE T Z U N G E N – P R O BL E ME – P E R SP E K T I V E N
Walter Lesch Wenn es aus guten Gründen etwas zu feiern gibt, sollten es die geladenen Gäste vermeiden, Wasser in den Wein zu gießen. 500 Jahre Reformation und 40 Jahre «Studien zur theologischen Ethik» sind je für sich willkommene Anlässe der konstruktiven Rückbesinnung auf einen gemeinsam zurückgelegten Weg. Man muss weder Luther-Kult betreiben noch die Geschichte des Protestantismus 1 insgesamt verherrlichen, um dem Phänomen der im deutschsprachigen Raum gelebten Koexistenz von Katholiken und Protestanten mit Wohlwollen zu begegnen. Ich bin in einer Gegend aufgewachsen (in Duisburg-Rheinhausen, wo sich niederrheinische Mentalität 2 und Ruhrgebietskultur überlappen), in der die Präsenz der jeweils anderen Konfession eine Selbstverständlichkeit war. Der Kultivierung einer katholischen Überheblichkeit war damit ebenso der Nährboden entzogen wie der Kultivierung eines katholischen Minderwertigkeitskomplexes. Während meiner Schulzeit gab es in fast allen Klassen je zur Hälfte evangelische und katholische Schüler. Zwar erinnere ich mich daran, dass ich in den höheren Jahrgangsstufen des Gymnasiums ein wenig neidisch war auf die evangelischen Mitschüler, die aus meiner Sicht einen etwas intelligenteren Religionsunterricht hatten als ich. 3 Doch wenn sie von den Querelen in ihren Gemeinden erzählten und von den weniger gelungenen Momenten der Konfirmationsvorbereitung, relativierte sich der Wunsch, insgeheim lieber Protestant als Katholik sein zu wollen. Mit den Vorteilen eines aufgeklärten Kulturkatholizismus belgischer Färbung lebt es sich ohnehin ganz gut. Solche Erfahrungen schärfen das Bewusstsein für Kontingenz in religiösen Angelegenheiten. Damals noch so genannte «Mischehen» leisteten ihren Beitrag 1 Über dessen Binnendifferenzierung informiert prägnant F. W. Gr af, Der Protestantismus. Geschichte und Gegenwart, München 2006. 2 Bestens repräsentiert durch den Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch (1925-2005), einem in Moers geborenen Protestanten mit einem lebenslangen Interesse an der Komik von Religion. 3 Die katholischen Bistümer (mit Ausnahme des Erzbistums Köln) und die evangelischen Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen haben eine Vereinbarung unterschrieben, wonach ab dem Schuljahr 2018/19 gemeinsamer («konfessionell-kooperativer») Religionsunterricht möglich sein soll, zunächst nur in der Primarstufe und in der Sekundarstufe I. http://www1.wdr.de/ nachrichten/westfalen-lippe/gemeinsamer-religionsunterricht-100.html (09.09.2017). Begründet wird die überraschende Initiative mit der sinkenden Zahl katholischer oder protestantischer Schüler.
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WA LT ER L E S CH
zur Normalisierung der konfessionellen Landschaft, deren Konfliktpotentiale es vor allem mit rheinländischer Gelassenheit zu entdramatisieren galt. Als ich 1977, dem Gründungsjahr der «Studien zur theologischen Ethik», das Studium der (katholischen) Theologie in Münster begann, waren Kontakte zur EvangelischTheologischen Fakultät nicht außergewöhnlich. An dieser «Schwesterfakultät» habe ich Hebräisch gelernt und – wie später auch in Tübingen – einige unvergessliche Vorlesungen besucht. Damals vertrat ich noch die naive Auffassung, Exegese sei der höchste Ausdruck theologischer Wissenschaftlichkeit und somit die vorrangig anzustrebende Spezialisierung. Mein paralleles Studium der Philosophie und der Romanistik brachte mich auf andere Gedanken und schon 1978, ein Jahr nach dessen Erstveröffentlichung, in Kontakt mit einem für meine Biographie wichtigen gelben Buch: Moral und Erfahrung 4. Hier fand ich ein dynamisches und inspirierendes Denken, das mir erlaubte, unterschiedliche Interessengebiete miteinander zu verknüpfen und Interdisziplinarität zum Leitfaden meiner weiteren Studien zu machen. Ich war fasziniert von der Entdeckung einer theologischen Ethik ohne konfessionellen Jargon und ohne klerikales Gehabe, ein Zugang, der sich elegant auch auf philosophischem und auf sozial- und kulturwissenschaftlichem Terrain bewegte. Man sage also nicht, dass Bücher keinen Einfluss hätten. So gesellte sich Moral und Erfahrung zwanglos zur Münsteraner Pflichtlektüre in der Moraltheologie, Bruno Schüllers Die Begründung sittlicher Urteile, und sorgte dafür, dass mein Weg in die Ethik mehr von einem gelben als von einem roten 5 Faden durchzogen war. Der weitere Verlauf der Geschichte ist, was den persönlichen Werdegang betrifft, die übliche Verkettung glücklicher Umstände, deren nüchterne Einschätzung zu Demut und Dankbarkeit Anlass gibt. Nur ein Detail sei noch erwähnt, weil es einen für mich wichtigen Punkt berührt: der von der Gründungsidee her zweisprachige Charakter der Studien zur theologischen Ethik und Études d’éthique chrétienne. In Fribourg habe ich schon als Student und später als Assistent einen Einblick in die Schwierigkeiten dieses großartigen Ideals bekommen. Allein die unterschiedlichen Adjektive, «theologisch» bzw. «christlich», zur Qualifizierung der Ethik sind aufschlussreich und zeugen von kulturellen und wissenssoziologisch rekonstruierbaren Differenzen, die den Brückenschlag zwischen deutsch- und französischsprachiger Ethik erschweren. 4 D. Mieth, Moral und Erfahrung. Beiträge zur theologisch-ethischen Hermeneutik, Freiburg i. Ue./Freiburg i. Br. 1977. 5 Schüllers 1973 veröffentlichtes Standardwerk erschien 1980 in einer überarbeiteten und erweiterten Neuauflage mit rotem Cover: B. Schüller, Die Begründung sittlicher Urteile. Typen ethischer Argumentation in der Moraltheologie, Düsseldorf 21980, übrigens mit Bezugnahmen auf die inzwischen von D. Mieth in Bewegung gebrachten Diskussionen um die Tugendethik und um die Kategorie der Erfahrung.