SCHWABE VERLAG
ECHTER VERLAG
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ISBN 978-3-7965-4045-5
ISBN 978-3-429-05461-8
KRISTINA KIESLINGER
ETHIK, KONTEMPLATION UND SPIRITUALITÄT Thomas Keatings ‹ Centering Prayer › und dessen Bedeutung für die Theologische Ethik
SCHWABE VERLAG | ECHTER VERLAG
Autorin Kristina Kieslinger hat an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg im Bereich Moraltheologie promoviert und leitet die Arbeitsstelle Theologie und Ethik im Deutschen Caritasverband e. V. in Freiburg i. Br.
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ETHIK, KONTEMPLATION UND SPIRITUALITÄT
Eine Definition von mystischer Erfahrung bildet den Angelpunkt dieser Studie, die das kontemplative Gebet des Centering Prayer von Thomas Keating OCSO kritisch würdigt und weiterentwickelt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Durchdringung der christlichen Berufung der Theologischen Ethik nachdrücklich aufgegeben. Mit Blick auf die Berufung zu einem spirituell-religiösen Leben ist es daher zentral, die Schnittstelle zwischen dem sittlichen Anspruch einer philosophisch und theologisch deutbaren Wirklichkeit und dem eines personalen Gottes zu erforschen. Unter Bezug auf Heinrich Rombach, Karl Rahner und Alfons Auer wird eine Kontemplativ Induzierte Ethik entfaltet, die den Fokus auf die in der Kontemplation gewonnene Einsicht in das ‹je Bessere› des Handelns richtet.
STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK 155
SthE
KRISTINA KIESLINGER
HERAUSGEGEBEN VON DANIEL BOGNER UND MARKUS ZIMMERMANN, DEPARTEMENT FÜR MORALTHEOLOGIE UND ETHIK, UNIVERSITÄT FREIBURG I.UE.
ECHTER VERLAG
STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK
studien zur theologischen ethik 155 Herausgegeben von Daniel Bogner und Markus Zimmermann
K r ist ina K ie sl inge r
Ethik, Kontemplation und Spiritualität Thomas Keatings ‹Centering Prayer› und dessen Bedeutung für die Theologische Ethik
Schwabe Verlag, Basel Echter Verlag, Würzburg
Die Druckvorlagen der Textseiten wurden vom Departement für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg i. Üe. zur Verfügung gestellt.
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Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Gestaltungskonzept Inhalt: Stellwerkost Satz: Ute Heimburger, Université de Fribourg, Departement für Moraltheologie und Ethik, Av. de l’Europe 20, ch- 1700 Fribourg Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany isbn Printausgabe 978-3-7965-4045-5 (Schwabe) isbn eBook (pdf) 978-3-7965-4136-0 (Schwabe) DOI 10.24894/978-3-7965-4136-0 (Schwabe) isbn Printausgabe 978-3-429-05461-8 (Echter) issn 0379-2366 (Studien zur theologischen Ethik) Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
INH A LT Vorwort
13
Einleitung
15
Teil I Vorüberlegungen: Prämissen und Hermeneutik einer Kontemplativ Induzierten Ethik I.1
Prämissen einer Kontemplativ Induzierten Ethik 27 1. Formale Prämissen 1.1 Verhältnis von Vernunft und Offenbarung 1.2 Rolle des Subjekts
27 28 30
2. Materiale Prämissen 2.1 Offenbarung als Trans-zendenz 2.2 Trans-zendenz, Mystische Erfahrung und Struktur
32 33 35
3. Was bedeuten diese Prämissen für Theologie und Theologische Ethik? 37 I.2
I.3
Hermeneutik und Begriffe 41 43 43
1. Problemaufriss: Warum mit kontemplativem Gebet beschäftigen? 1.1 Selbstverständnis und Hermeneutik der Theologischen Ethik 1.2 Forschungsansätze einer Theologie der Spiritualität im Konnex zur Theologischen Ethik 1.3 Auswirkungen auf Hermeneutik und Konzeption einer Kontemplativ Induzierten Ethik
48
2. Definitorischer Knackpunkt: Mystische Erfahrung 2.1 Saskia Wendel 2.2 Michael Rosenberger 2.3 Karl Rahner
51 52 66 78
3. Mystische Erfahrung im Kontext einer Kontemplativ Induzierten Ethik
92
Vorgehensweise: das philosophisch-theologische Bezugssystem
97
1. Heinrich Rombach: Strukturphilosophie
99
45
2. Alfons Auer: Autonome Moral
100
3. Karl Rahner: Existentialethik
101
6
INH A LT
Teil II Ausgangspunkt: Das Centering Prayer von Thomas Keating OCSO – Darstellung, Systematisierung und Konsequenzen II.1 Darstellung der Theologie von Thomas Keating mit Fokus auf das Centering Prayer 105 1. Vorbemerkungen zu Person und Quellenlage 1.1 Literatur von Thomas Keating 1.2 Literatur zu Thomas Keating
105 106 109
2. Die Reise auf dem spirituellen Weg – The Spiritual Journey 2.1 Eine Frage mit Folgen 2.2 Der Reinigungsprozess
113 114 116
3. Kontemplation und Centering Prayer: Vermittlung von Erkenntnis und Beziehung 118 3.1 Vorbemerkungen: Spiritualitätsgeschichtliche und -theologische Überlegungen Keatings 118 3.2 Die Methode des Centering Prayer und ihre Auswirkungen im Alltag 125 128 3.3 Dimensionen von Kontemplation und Centering Prayer 3.4 Umgang mit der Wirklichkeit (that which is) und Auflösung von Identifikationen (‹non-possessiveness›) 145 3.5 Zusammenfassung des Keatingschen Kontemplationsverständnisses und systematische Konsequenzen 155 4. Die Trinität: ein Gott in Beziehung 4.1 Gottvater: «abba» – «is-ness» – «one-ing» 4.2 Die Trinität: Beziehungen liebender Selbsthingabe 4.3 Die Inkarnation des göttlichen ‹logos› in Jesus Christus 4.4 An der ‹Schnittstelle› von Gott und Mensch: Die ‹Göttliche Einwohnung›
161 161 164 168
5. Der Mensch: Die Berufung zum «fully human and fully divine» 5.1 ‹Conditio humana› und die menschliche Sünde 5.2 ‹Programme des Glücks›, das Wahre und das Falsche Selbst 5.3 Die ‹göttliche Therapie›: umfassende Heilung von Beziehungen 5.4 Der Transformationsprozess: Richtungswechsel und Verwandlung des innersten Wesens 5.5 Zusammenfassung des Transformationsprozesses
174 174 181 187
170
191 197
INH A LT
II.2 Instrumentarien zur systematischen Erschließung eines Meisters der Kontemplation
7
201
1. Modelle der Mystik
202
2. Strukturphilosophie von Heinrich Rombach
210
3. Anthropologie
213
4. Ethisches Kategoriensystem
227
II.3 Anstöße aus Keatings Centering Prayer: Auf dem Weg zum Entwurf einer Kontemplativ Induzierten Ethik
231
1. Kritische Würdigung des Ansatzes von Thomas Keating 232 2. Formale Anstöße für eine Kontemplativ Induzierte Ethik 238 3. Materiale Anstöße für eine Kontemplativ Induzierte Ethik 241 Teil III Bezugsrahmen: Philosophisch-Theologische Eckdaten einer Kontemplativ Induzierten Ethik III.1 Heinrich Rombachs Strukturphilosophie: Ontologische Anstöße
247 247
1. Darstellung des Ansatzes 1.1 Rombachs Denkrahmen – Geschichtlichkeit: Substanz – System – Struktur 1.2 Strukturontologie: Von der Differenzenontologie zur radikal-ontologischen Ontologie 1.3 Strukturphänomenologie: Von der transzendentalen Phänomenologie zur «Phänopraxie» 1.4 Strukturanthropologie 1.5 Strukturethik
263 268 278
2. Würdigung des Ansatzes
289
247 252
3. Dialog zwischen mystischer Erfahrung und Heinrich Rombachs Strukturphilosophie
295
4. Konsequenzen für eine Kontemplativ Induzierte Ethik
299
III.2 Alfons Auers Autonome Moral: Gnoseologische Anstöße
303
303 1. Darstellung des Ansatzes 1.1 Formale und inhaltliche Vorbemerkungen zum eigenen Zugang 303 1.2 Formale Prämissen: Erkenntnistheoretischer Ansatz und induktive Methode 306 1.3 Materiale Prämissen einer autonomen Moral im christlichen Kontext 318
8
INH A LT
2. Würdigung des Ansatzes 2.1 Desiderata und Denkanstöße: Kritische Rückfragen an Auer 2.2 Desiderata und Denkanstöße: Kritische Rückfragen von Auer
347 348 354
3. Dialog zwischen Heinrich Rombach und Alfons Auer 3.1 Phänomenologie und Induktion: Bedeutung der Geschichtlichkeit 3.2 Wirklichkeitsverständnis: Vom Verhältnis von Ganzem und Teil und vom Unbedingten im Bedingten 3.3 Das ethische Moment: die Verwirklichung des Humanum
358
360 363
4. Konsequenzen für eine Kontemplativ Induzierte Ethik
366
III.3 Karl Rahners Existentialethik: Kriteriologische Anstöße
359
369
369 1. Darstellung des Ansatzes 371 1.1 Entstehung und Begriffsklärung 1.2 Exerzitien und Wahlzeiten: Rahners Interpretation von Ignatius 374 2. Würdigung des Ansatzes 2.1 Hermeneutische Anstöße 2.2 Erkenntnismäßige Anstöße 2.3 Ontologische Anstöße 2.4 Kriteriologische Anstöße
382 383 384 391 393
3. Dialog zwischen Alfons Auer und Karl Rahner 3.1 Gemeinsame Basis und Gespräch 3.2 Gewinn der beiden Denkformen
397 397 401
4. Konsequenzen für eine Kontemplativ Induzierte Ethik
403
III.4 Zwischenfazit: Angangsweg zu einer Kontemplativ Induzierten Ethik 405 Teil IV Synthese: Entwurf einer Kontemplativ Induzierten Ethik IV.1 Thesen und methodische Konsequenzen einer Kontemplativ Induzierten Ethik
413
IV.2 Methodischer Dreischritt einer Kontemplativ Induzierten Ethik
419
IV.3 Kriterien im Anschluss an Thomas Keating
425
1. Erkenntnis des ‹Wie› des Anspruchs des that which is
426
2. Umsetzung des ‹Wie› des Erkannten
429
INH A LT
IV.4 Leistungen und Grenzen: die Reichweite einer Kontemplativ Induzierten Ethik
9
435
1. Grenzen
435
2. Leistungen
437
Teil V Ergebnis V. The Rest is Silence?
443
Abkürzungsverzeichnis 457 Literatur 459 Studien zur theologischen Ethik
469
In memoriam Father Thomas Keating OCSO (1923–2018)
VORWORT Die vorliegende Arbeit wurde im Herbst 2018 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg als Dissertation angenommen. Ohne die vielfältigen und zahlreichen Hilfestellungen und Ermutigungen lieber Menschen wäre das Beginnen und Gelingen nicht möglich gewesen. Mein erster und herzlicher Dank gilt Prof. em. Dr. Herbert Schlögel, der mich auf die theologisch-ethische ‹Spur› gebracht und mich zur Vertiefung in meinem ‹Herzensfach› ermutigt und unterstützt hat. Frau Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl möchte ich aus tiefstem Herzen danken: Sie war mir nicht nur eine hervorragende Promotionsbetreuerin («Geh in die Bib! Schreib deine Diss!»), sondern stets auch eine wahrhafte Lehrerin und Mentorin. Dass ich mich während der Zeit als Assistentin am Lehrstuhl nicht nur in fachlicher, sondern auch in persönlicher Hinsicht weiterentwickeln konnte, verdanke ich wesentlich ihr! Ebenso möchte ich mich bei Prof. Dr. Michael Rosenberger nicht zuletzt für die Erstellung des Zweitgutachtens vielmals bedanken! Seine Anregungen haben mir zu zahlreichen gedanklichen ‹Durchbrüchen› verholfen und die Arbeit auf ein anderes Niveau gehoben. Die prompten und dabei konstruktiv-fundierten Rückmeldungen waren mir eine große Stütze. Ohne die – gefühlt endlosen – Korrekturschleifen hätte die Arbeit nicht zu einem guten Abschluss finden können: Ganz herzlich bedanke ich mich bei Anett Hohenleitner, Thomas Kieslinger, Simon Menth, Julia Spindler und Tim Zeelen. Alle noch verbleibenden Fehler gehen auf meine Kappe. Mein Dank gilt auch Prof. Dr. Daniel Bogner und Prof. Dr. Markus Zimmermann für die Aufnahme der Arbeit in die Reihe ‹Studien zur theologischen Ethik› und die Anregungen zur Überarbeitung, welche sie noch einmal gewinnen haben lassen. Vielen Dank auch an Ute Heimburger für die stets freundliche und geduldige Betreuung bei der Erstellung der Druckvorlage. Für die Unterstützung durch eine studentische Hilfskraft bin ich der Frauenförderung der KThF Augsburg zu Dank verpflichtet. Für die erhebliche Erleichterung der finanziellen Belastungen, die mit einem solchen Projekt einhergehen, danke ich vielmals dem Bistum Augsburg und dem Deutschen Caritasverband e. V. Ein herzliches ‹Vergelt’s Gott›! Ich danke meinen Eltern, dass sie mich in Zeiten der Verzweiflung immer wieder geerdet haben und für so Vieles mehr! Ein tiefer Dank geht an meinen Bruder Thomas, der mir gezeigt hat, wie man bei aller Verschiedenheit doch eins sein kann. Besonders danke ich und bin dankbar für Daniel, den ich über die Maßen beansprucht habe – ich bin mir sicher, dass es ‹heben› wird.
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VORWORT
Meine Gedanken während dieser letzten Schreibarbeiten sind vor allem beim Team von Contemplative Outreach of Colorado, dem ‹staff› des Reatreat House und den Mönchen des St. Benedict’s Monastery, Snowmass (stellvertretend für alle, die mich auf meinem spirituellen Weg begleitet haben). In der Hoffnung, dass die trappistische Gemeinschaft im ‹Sacred Valley› Bestand haben wird und die lebensverändernde Arbeit dort weitergehen kann. Ich denke vor allem an Father Thomas, der mein Leben durch seine Schriften und durch unsere kurzen aber tiefgehenden Begegnungen unendlich bereichert hat. Zum ersten Todestag von Father Thomas Keating OCSO Freiburg i. Br. im Oktober 2019 Kristina Kieslinger
EINLEIT UNG «Theologie ist Biographie» – so der Titel der Autobiographie Herbert Vorgrimlers. 1 Damit bringt er die Einsicht zum Ausdruck, dass das eigene Theologietreiben nicht von den persönlichen Erfahrungen getrennt werden kann und – unter Voraussetzung eines gewissen Reflexionsgrades dieser Verquickung – auch nicht getrennt werden muss. In ähnlicher Weise ist die vorliegende Studie durch den eigenen spirituellen Weg geprägt, der von seinen Anfängen her wesentlich durch die Schriften Thomas Keatings OCSO (1923–2018) angestoßen ist. Auf der Suche nach Orientierung im kontemplativen Prozess sind Keatings Überlegungen einerseits erhellende Stütze im praktischen Vollzug und lösen andererseits – und gewissermaßen gleichursprünglich – tiefgreifende theologische Fragen aus: Wie hängen spiritueller Vollzug und moralisch gutes Handeln zusammen? Welche Auswirkungen hat dies auf das Verhältnis von Theologie der Spiritualität und Theologischer Ethik? Können die Schriften Keatings, welche auf rein formaler Ebene voll sind mit theologisch-ethisch relevanten Begriffen, einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen leisten? Könnte eine Antwort in der unterschiedlichen materialen Füllung von Topoi wie Schuld, Umkehr und Gottesbeziehung liegen? Damit ist ein erster Anfang in Richtung einer komparativen Studie zwischen Themen einer Theologie der Spiritualität und der Theologischen Ethik gemacht, der sich aber nicht als Endpunkt der vorgelegten Studie erweisen wird. Die anfänglichen persönlichen Fragen fließen auf akademischer Seite in einen Arbeitstitel für eine Promotion ein: «Kontemplative Ethik als eine ‹Ethik des Seins in Beziehung› – Anstöße für die heutige Moraltheologie aus Thomas Keatings Centering Prayer». Unter diesem Titel wird das Vorhaben in unterschiedlichen wissenschaftlich-theologischen Kreisen vorgetragen und diskutiert. Die verschiedenen Reaktionen darauf können als zweigeteilt beschrieben werden: Viele DiskutandInnen äußern Skepsis, ob beide Bereiche miteinander vereinbar wären (bis hin zur entrüsteten Frage: «Was hat denn Spiritualität mit Moraltheologie zu tun?»). Zurückhaltung gegenüber dem Thema wird auch dadurch formuliert, ob es nicht zu vage sei, um wirklich «wissenschaftlich» bearbeitet werden zu können – der Verdacht einer allzu frommen Promotionsstudentin legt sich wohl für manche nahe. Und dann gibt es die andere Kategorie von Reaktionen, welche zwar den einen oder anderen konstruktiv-kritischen Kommentar vorbringt, aber doch das Thema im Großen und Ganzen als ein bereits lange bestehendes Desiderat der Theologie ansieht. Durch diese ermutigt, wird den Fragen und einer – eher unthematischen – Intuition gefolgt. 1 H. Vorgrimler, Theologie ist Biographie. Erinnerungen und Notizen, Münster 2006. Der Titel geht laut Vorgrimlers Angaben auf den Lektor Winfried Daut zurück (ebd. 9).
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EINLEITUNG
Bestätigt wird die Fragestellung der Arbeit schließlich durch ein Zitat aus dem Dekret für die Priesterausbildung des II. Vatikanischen Konzils, das der Moraltheologie die Aufgabe zuweist, die Berufung der ChristInnen in wissenschaftlicher Weise zu erforschen: Die Moraltheologie solle «in wissenschaftlicher Darlegung die Erhabenheit der Berufung der Gläubigen in Christus und ihre Verpflichtung, in der Liebe Frucht zu tragen für das Leben der Welt, erhellen» (OT 16 2). Dabei erscheint es für die Studie als fruchtbar, bei der konkreten Berufung und der gelebten Spiritualität anzusetzen, um von dort aus zu verantworteten Theorien zu kommen. Da Spiritualität im besten Sinne des Wortes «ein weites Feld» darstellt, richtet sich der Blick auf den mir durch seine Schriften bereits bekannten Thomas Keating und seine Form des kontemplativen Gebets, das Centering Prayer. Die Entscheidung für die Kontemplation in der Darlegung des Trappisten und die Verbindung zur Theologischen Ethik wird bestärkt, als die Verfasserin in der Recherche auf ein Buch von Dennis J. Billy Contemplative Ethics 3 stößt. Es stellt sich heraus, dass zwar die Intuition, Kontemplation und (Theologische) Ethik miteinander zu verbinden, richtig ist. Die Art und Weise, wie diese Verknüpfung aussieht, erweist sich jedoch noch wesentlich entscheidender als die reine Tatsache eines In-Beziehung-Setzens. So zeigt diese Lektüre sehr deutlich, – auch exemplarisch für andere Publikationen, welche sich mit Spiritualität und Theologischer Ethik beschäftigen – dass es eine Kluft zwischen dogmatischen Überlegungen zur Spiritualität, in diesem Fall der Trinitätstheologie, und den Schlüssen, welche daraus für das menschliche Handeln gezogen werden, besteht. Eine Begründung des Brückenschlages kann bei Billy nicht ausgemacht werden. Damit wird auch der Status der Theologischen Ethik unklar, wenn Billy im Epilog eine «Contemplative Ethics» mit einem – wohl kontemplativ inspirierten – christlichen Lebensvollzug gleichsetzt. 4 Weiter ist in diesem Entwurf nicht nur die Ethik als Reflexion auf Moral nicht deutlich genug gezeichnet, sondern auch die Rolle des Einflusses der Kontemplation auf diese nur schwer zu erkennen: «I also believe that moral theologians should bring this contemplative attitude into play in the work they do in service to the Church and to the world.» 5 Sie zeigt sich eher als notwendige Haltung derer, die Theologische Ethik betreiben wollen, 2 Zitiert nach K. R ahner/H. Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, Freiburg i. Br. 352008. 3 Vgl. D. J. Billy, Contemplative Ethics. An Introduction, New York/Mawah, NJ 2011. 4 Ebd. 137–140. 5 Ebd. x. Ähnlich auch ebd. xi: «If Catholic moral theology fails to incorporate a contemplative attitude toward life into its methodology, discourse, and way of thinking, it will in effect be disregarding the millions of believers today who want their reasons for acting to flow from the deep spiritual hungers of their heart.»
EINLEITUNG
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wird aber nicht direkt in ihrer Methodologie verankert. Aus diesen Gedanken heraus, welche eine wichtige Spur gelegt haben, entwickelt sich auch der etwas merkwürdig anmutende Begriff einer «Kontemplativ Induzierten Ethik»: Die Verankerung der Kontemplation bzw. der dahinterstehenden mystischen Erfahrung soll nicht den Theologischen EthikerInnen als Person auferlegt, sondern dem erkenntnistheoretischen Profil der Theologischen Ethik eingeschrieben werden. Dies verbindet sich auch mit dem Anliegen Keatings, der deutlich machen will, dass es in der Kontemplation nicht um eine moralische Verbesserung des Menschen geht, sondern um eine tiefgreifende Transformation des Seins. Diese könne – aufgrund des Reinigungsprozesses im Menschen – streckenweise zu sehr unangenehmen Gefühlen führen, mit denen sich auseinandergesetzt werden muss. Die Verbindung von Kontemplation und ihren theologischen Hintergründen mit dem moralischen Handeln oder gar einer ethischen Reflexion darüber wird sich also in Bezug auf Keating nicht eingleisig herstellen lassen. Das macht zum einen den Reiz der Beschäftigung mit ihm aus, stellt aber auch immer wieder vor denkerische Herausforderungen. So wird bereits zu Beginn deutlich, dass der Entscheidung für Thomas Keating – wie der Wahl des Themas an sich – eine gewisse Janusköpfigkeit innewohnt: Er hatte sich in der Praxis als Begleiter auf dem spirituellen Weg bewährt und wertvolle Anstöße geliefert. Wird sich dies auch für die Theorie bestätigen? Die seinen Schriften zugrunde liegende Theologie übt eine intellektuelle Anziehungskraft aus, da sie den spirituellen Weg in einer Tiefe durchdringt, der nicht in geistige Höhen abdriftet, sondern mitten im Alltag ankommt. Daher stellen sich zwei Fragen: Wie ist sein Verständnis von Mystik einzuordnen und wie lässt sich dieses mit der Theologischen Ethik in Verbindung bringen? Für erstere wird sich relativ zügig eine Antwort finden, zweitere wird einiger «Durchbrüche» bedürfen. Eine erste wichtige Anlaufstelle für die Frage nach Keatings Verortung wird die Beschäftigung mit verschiedenen Theorien zur Mystik und speziell zur mystischen Erfahrung sein. Die Einsicht, dass Keating einer ekstatischen, affektiven und vor allem an Phänomene gebundenen Mystik wenig abgewinnen kann, stellt sich schon bei einer oberflächlichen Lektüre seiner Schriften ein. Doch die positive Bestimmung dessen, was für ihn eine mystische Erfahrung konstituiert, ist nicht so leicht ausfindig zu machen. Diese soll sich über die von Saskia Wendel systematisierten Zugänge zur Mystik erhellen, um damit ein anderes, tieferes Verständnis zu ermöglichen. Mystische Erfahrung macht sich nicht an äußeren Erscheinungen fest, sondern definiert sich vielmehr über eine Form der Erkenntnis. Dies kann schließlich für Keating fruchtbar gemacht werden, der den Beginn des spirituellen Weges in der Erkenntnis des that which is – also der Wirklichkeit – verortet. Diese Erkenntnis entfaltet sich in einer Selbst- und Gotteserkenntnis, welche wiederum Auswirkungen auf das Handeln des Menschen hat.
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EINLEITUNG
Damit sind wir bei der zweiten Frage angelangt, wie nämlich eine Brücke zwischen dieser Form der mystischen Erfahrung zur Theologischen Ethik geschlagen werden kann. Die Intuition geht in eine Richtung, welche vor allem den Fokus auf die Bedeutung der Erkenntnis richtet. Da sich Theologische Ethik mit der Erkenntnis des Guten beschäftigt, ist dies einerseits naheliegend. Die Gefahr vorschnell von spirituellen Vollzügen auf das Handeln oder von einer theologischdogmatischen Perspektive auf eine theologisch-ethische zu schließen liegt hierbei andererseits auf der Hand. Es wird ein gedankliches Instrumentarium vonnöten sein, welches dieser Gefahr wehren kann. Eine Lösung hierfür kommt aus einer eher unerwarteten Richtung: vonseiten der Philosophie, genauer gesagt von der Strukturphilosophie Heinrich Rombachs. 6 Seine dynamische Form des Philosophierens, welche sich auch material in den philosophischen Traktaten – am eindrücklichsten wohl in der Auswirkung der Ontologie auf die Ethik – niederschlägt, soll es ermöglichen, die Balance zu halten. Das heißt: Mit diesem Instrumentarium soll ein hermeneutisch verantworteter Mittelweg zwischen einer Überbetonung von Spiritualität oder Theologischer Ethik zulasten der jeweils anderen Seite gefunden werden. Was sich darüber hinaus an der strukturalen Denkweise als gewinnbringend erweisen kann, ist die Chance, die Formel vom «Ungegenständlichen im Gegenständlichen» zu erklären, ohne in einen abstrakten Idealismus oder einen zu starren Materialismus abgleiten zu müssen. Sollte dies gelingen, wird das unmittelbare Auswirkungen auf ein tieferes Verständnis Keatings haben: Die Strukturphilosophie, welche in ihrer Dynamik oft nur schwer zu (be)greifen ist, soll sich als ein geeignetes Instrumentarium erweisen, um schließlich auch die Lebendigkeit in der Theologie Keatings fassen und damit weiterdenken zu können. Diesem ersten Erkenntnisfortschritt werden weitere folgen, welche die Beschäftigung mit den Schriften Keatings immer mehr als lohnenswert bestätigen, aber auch Anschlussfragen aufwerfen und damit neue gedankliche Flanken öffnen. Es wird also der Intuition gefolgt, dass sich die Verbindung zwischen mystischer Erfahrung und Theologischer Ethik über die Erkenntnis des Guten herstellen lässt. Dabei wird in materialen Kategorien gedacht, was sich für einen komparativen Ansatz zwar als interessant erweisen kann, gedanklich jedoch in eine Sackgasse führt. Das gemeinsame Buch von Monika Bobbert und Dietmar Mieth 7, in dem sie das Proprium christlicher Ethik über die Unterscheidung von materialen und erkenntnistheoretischen Zugängen zur Theologischen Ethik be6 An dieser Stelle gilt mein herzlicher Dank Maria Schmaus, die mich mit seinem Denken in Berührung gebracht hat! 7 M. Bobbert/D. Mieth, Das Proprium der christlichen Ethik. Zur moralischen Perspektive der Religion, Luzern 2015.
EINLEITUNG
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handeln, soll schließlich das entscheidende Puzzlestück für die Brücke hin zur Theologischen Ethik liefern: die Einteilung dieser in materiale und erkenntnistheoretische Zugänge. Die in der vorliegenden Studie bearbeitete Fragestellung ist eine erkenntnistheoretische und wird sich mit dem Verhältnis von Offenbarung und Vernunft beschäftigen, wie dies z. B. der Ansatz der autonomen Moral von Alfons Auer tut. Das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung wird damit so bestimmt, dass diese nicht zusammengedacht werden müssen, sondern in der speziellen Form der Erkenntnis – welche über die gnoseologische Dimension der mystischen Erfahrung zu explizieren sein wird – ihren gemeinsamen Grund haben. Dieser faltet sich in den unterschiedlichen Zugängen von mystischer Erfahrung und Theologischer Ethik aus. In der Beschäftigung mit der autonomen Moral Alfons Auers als erkenntnistheoretischem Ansatz einerseits und in der Feststellung der Bedeutung von Erkenntnis für Auer andererseits wird sich auch die Form der Theologischen Ethik bestimmen lassen, in welche eine auf den Gedanken Thomas Keatings basierende Kontemplativ Induzierte Ethik gegossen werden soll: Es geht in einem weiten Sinne um das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung und welche Auswirkungen diese Bestimmung auf das moralische Handeln des Menschen hat. Die Verbindung von Keating und Auer soll über die Formel vom «Ungegenständlichen im Gegenständlichen» hergestellt werden, da Auer zufolge ersteres durch «vernünftige Freiheit» in letzterem zum Vorschein gebracht wird. Gelingt dies, wird sich die daran anschließende Amalgamierung mit der bereits behandelten Strukturphilosophie Rombachs als gewinnbringend erweisen. Der Teufel steckt ja bekanntlich im Detail und so wird im weiteren Verlauf der Arbeit ein gedanklicher Durchbruch durch die genaue Fußnotenlektüre in der Autonomen Moral (1971) erreicht: Dort bezieht sich Alfons Auer vor allem bei der Entstehung von Normen auf die Terminologie Rombachs. Die Betrachtung der autonomen Moral über eine strukturale Lesart wird erstaunliche neue Möglichkeiten liefern. Damit wird ein gedanklicher Überbau geschaffen, der die Einsichten aus den Schriften Keatings in philosophischer und theologisch-ethischer Weise systematisiert. Das Resultat wird schließlich die Verbindung von mystischer Erfahrung über die Erkenntnis eines that which is hin zur Denkform vom «Ungegenständlichen im Gegenständlichen» und damit zu einem erkenntnistheoretischen Ansatz der Theologischen Ethik sein. Da sich diese Überlegungen weitgehend in abstrakten Gedankengängen erschöpfen, ist eine Verbindung zum moralischen Handeln des Menschen noch nicht recht auszumachen. Wie kann eine erkenntnistheoretische Perspektive so in einen materialen Zugang übersetzt werden, ohne einerseits Kategorienfehler zu begehen und ohne andererseits in der Abstraktion zu verbleiben? Dafür bedarf es eines weiteren gedanklichen Werkzeu-
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EINLEITUNG
ges, das in Gestalt der Existentialethik Karl Rahners bereitgestellt wird. 8 In seiner Beschäftigung mit dem Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola entwickelt er Kriterien, um von einer unthematischen und ungegenständlichen Erkenntnis des «Individualwillens» Gottes zu einer thematisch werdenden Erkenntnis des Zu-Tuenden zu kommen. Diese methodischen Gedankengänge können mit den aus Keatings Schriften destillierten Kriterien für die Umsetzung der Erkenntnis des that which is verbunden werden. Dies soll schließlich dazu führen, dass eine Kontemplativ Induzierte Ethik nicht nur auf einer sehr theoretischen Ebene die Verbindung von mystischer Erfahrung und dem Handeln des Menschen herstellt, sondern gleichzeitig praktische Orientierung bieten kann. Daraus erklärt sich auch die Bedeutung der Schriften Keatings für die vorliegende Arbeit. Durch die erkenntnistheoretische Ausrichtung sind diese nicht nur Exemplifikation eines spirituellen Weges, sondern sind Ausgangspunkt einer Denkbewegung, welche Anstöße für die Theologische Ethik liefert. Eine komparative, materiale Vorgehensweise, welche versucht, Spiritualität und Theologische Ethik zusammenzubringen, bräuchte ein Beispiel, an welchem sie dieses Anliegen durchexerzieren kann, da die gewählten Inhalte bereits klar sind. Ein erkenntnistheoretischer Zugang braucht jedoch einen geeigneten Ansatzpunkt, um von dort aus eigene Denkwege zu gehen und Kategorien aufzustellen. Die in Teilen unkonventionelle Art des Theologietreibens Keatings stellt hierfür einen hervorragenden Ausgangspunkt dar, der – über die unterschiedlichsten Schritte – gleichsam zum Endpunkt werden wird. Die herausragende Rolle Keatings für die vorliegende Arbeit kann am besten mit den Worten von Karl Rahner ausgedrückt werden. Dieser teilt geistliche bzw. spirituelle Literatur in zwei Kategorien ein: Die erste Kategorie beinhaltet «fromme Literatur zu Händen von allen und jedermann, die gegenüber der hohen Theologie sekundär ist» 9. Sie ist deswegen nachrangig, weil sie die Aussagen der TheologInnen in leicht verständlichen Worten wiedergibt. Dann gibt es aber spirituelle Literatur, «die ursprünglicher ist als diese [die Schultheologie; K.K.], die weiser und erfahrener ist» 10. Diese zweite Form der frommen Literatur hat eine Tendenz, die «den Hochmut der Theologie geradezu reizt» 11, weil man dieser keinen Erkenntnisgewinn zutraut, da die Theologie ohnehin schon alles gesagt habe. Thomas Keatings Schriften sollen in der vorliegenden Studie ganz eindeutig der zweiten Kategorie zugeordnet werden, denn eine rein vergleichende Arbeit wird 8 An dieser Stelle gilt mein herzlicher Dank Prof. Dr. Michael Rosenberger, der mich auf diese Spur gebracht hat. 9 K. R ahner, Das Dynamische in der Kirche (QD 5), Freiburg i. Br. 1958, 75. 10 Ebd. 11 Ebd. 77.