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Die Wahnhaftigkeit des Menschen und die Gewissheit des Todes

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Hans Kunz Werkausgabe Übersicht

ı die anthropologische bedeutung der phantasie Zwei Halbbände

2 die endlichkeit des menschen Sieben Abhandlungen zur philosophischen Anthropologie Zwei Halbbände und ein Supplementband Aus dem Nachlass

3 sinn und wesen des erfahrenden erkennens Schriften ı955– ı975 zu Grundfragen der Psychologie und Philosophie

4 aggressivität, zärtlichkeit und sexualität Phänomenologische und anthropologische Studien zur Psychologie und Psychopathologie 5 zur frage nach der natur des menschen

6 die eine welt und die weisen des in-der-welt-seins Bemerkungen zu den Voraussetzungen der daseinsanalytisch-anthropologischen Interpretationen psychopathologischer Phänomene 7 die wahnhaftigkeit des menschen

und die gewissheit des todes 8 die anthropologische betrachtungsweise

in der psychologie und psychopathologie

Hans

Kunz Dieser Band macht nicht nur Kunz’ Frühschrift Die Grenze der psychopathologischen Wahninterpretationen, die der Schweizer Psychiater Ludwig Binswanger ı965 als epochemachenden Beitrag in der Geschichte der psychiatrischen Grundlagenforschung taxierte, wieder zugänglich. Daneben vereinigt er auch Aufsätze und Vorträge, die direkt an den zweiten Band von Kunz’ Hauptwerk Die anthropologische Bedeutung der Phantasie und an seine breit angelegten späten Studien zur Endlichkeit des Menschen anknüpfen. Kunz fragt nach dem Ermöglichungsgrund des gebrochenen Weltbezugs im Menschen und versucht ein Verständnis zu gewinnen, weshalb die Vernunft – wie Kant formuliert – «durch einen Hang ihrer Natur getrieben wird, über den Erfahrungsgebrauch hinaus zu gehen, sich in einem reinen Gebrauche und vermittels blosser Ideen zu den äussersten Grenzen aller Erkenntnisse hinaus zu wagen». Nach Kunz dokumentiert der Geist – einst Zeuge für die Teilhabe an einem Göttlichen oder Überzeitlichen – die potenzierte Endlichkeit des Menschen.

Wahnhaftigkeit des Menschen und Gewissheit des Todes

Hans Kunz Die Wahnhaftigkeit des Menschen und die Gewissheit des Todes

Aufsätze und Vorträge ı93ı– ı972

Der Herausgeber Dr. phil. Jörg Singer, geb. ı946, studierte zunächst Mathematik und Physik, dann Philosophie, Psychologie und Psychopathologie in Zürich und Basel, wo er Schüler von Hans Kunz war. Seit ı978 ist er um den wissenschaft­ lichen Nachlass von Hans Kunz besorgt. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu Hans Kunz.

9 schriften zur psychoanalyse i Aufsätze zu Sigmund Freud und zur Psychoanalyse (ı928–ı974)

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Hans Kunz (ı904– ı982) war ein profunder Kenner der Phänomenologie und der Anthropologie des 20. Jahrhunderts ebenso wie der psychologischen und psychopathologischen Wissenschaften seiner Zeit. Als Professor für Philoso­ phische Anthropologie und Theoretische Psychologie an der Universität Basel stand er im kontinuierlichen Dialog mit den bedeutenden Vertretern seines Faches. Kunz befasste sich intensiv mit Denkern wie Edmund Husserl, Ludwig Klages, Max Scheler, Nicolai Hartmann, Karl Jaspers, Martin Heidegger, Helmuth Plessner, Karl Löwith und Hans-Georg Gadamer. Bestimmend für sein Denken waren nicht zuletzt auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds sowie die daseinsanalytische Psychiatrie Ludwig Binswangers. Zur eigenständigen Diktion gelangte sein Œuvre vor allem im Versuch einer Neubegründung der philosophischen Anthropologie in seinem ı946 erschienenen Werk Die anthropologische Bedeutung der Phantasie und seiner Nachlassschrift Die Endlichkeit des Menschen. Darüber hinaus war Hans Kunz Autor von Studien zur vergleichenden Verhaltensphysiologie sowie von über zwanzig Abhandlungen zur Botanik.

schriften zur psychoanalyse ii Die philosophische Bedeutung der Psychoanalyse (aus dem Nachlass ı93ı– ı949) mit Beiträgen und Rezensionen zur psychoanalytischen Literatur (ı928–ı974)

ı ı zur phänomenologie des ausdrucks ı2 zur philosophie des 20. jahrhunderts Aufsätze, Rezensionen, Vorträge und Nachlasstexte ı930 –ı977 ı3 philosophie, psychologie und kulturkritik Rezensionen ı4 botanische schriften ı5 zur botanik Aus dem Briefwechsel, mit Illustrationen

Schwabe Verlag www.schwabeverlag.ch

ı6 nachträge und verzeichnisse

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld Schwabe Verlag

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isbn 978-3-7965-3990-9

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld Schwabe Verlag

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Hans Kunz

Gesammelte Schriften in Einzelausgaben In Zusammenarbeit mit der Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld herausgegeben von Jรถrg Singer

Band 7

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Hans Kunz

Die Wahnhaftigkeit des Menschen und die Gewissheit des Todes Aufsätze und Vorträge ı93ı – ı972

Herausgegeben von Jörg Singer Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld

Schwabe Verlag

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Die Hans-Kunz-Gesellschaft und der Verlag danken der Dr. Margrit Egnér-Stiftung, Zürich, dem Regierungsrat des Kantons Solothurn, Solothurn-Kultur (Lotteriefonds) und Madame Jacqueline Schindler, Présidente de la fondation Zeno Karl Schindler, Hergiswil für die finanzielle Unterstützung, die die Drucklegung dieses Bandes ermöglicht hat.

Hans Kunz – Gesammelte Schriften in Einzelausgaben Band 7: Die Wahnhaftigkeit des Menschen und die Gewissheit des Todes Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gestaltung und Satz: icona basel gmbh, Basel Druck: Die Medienmacher AG, Muttenz, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3990-9 ISBN eBook ( PDF ) 978-3-7965-40ı7-2 DOI ı0.24894/978-3-7965-40ı7-2 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch

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Inhalt

Vorwort des Herausgebers ..................................................................... vii Die Grenze der psychopathologischen Wahninterpretationen (ı93ı ) ...........................................................................................................

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Denken und Wahn Zur Genese und Struktur von Wahnwelten (Aus dem Nachlass, ı965) ............................................................................ 63

Denken, Intermittenz der Weltbezüge und Wahn Die Wahnhaftigkeit als anthropologischer Grundzug (Aus dem Nachlass, ı967) ............................................................................ 75

Die Gewissheit des Todes (Aus dem Nachlass, ca. ı968 – ı970) ............................................................. ı ı ı

Erwartung, Bildwelt und Phantasie (Vortragsmanuskript ı960, aus dem Nachlass) ............................................. ı43

Die Macht des Denkens und der Wahn Die Wahnhaftigkeit als anthropologisches Phänomen (Ein Fragment aus dem Nachlass, ca. ı968/69) ............................................. ı59

Zur Anthropologie der Angst (Vortrag ı964) .............................................................................................. ı85

Erfahrung, Wahngeschehen und Todesgewissheit (ı972) .......................................................................................................... 2ı7

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inhalt

Erfahrung, Primärwahn und Todesgewissheit (Fragment aus dem Nachlass, ı97ı /ı972 ) ...................................................... 24 ı

Anhang

i.

ii. Textkritische Revisionen ........................................................ 279

iii. Textbeilagen mit Anmerkungen ........................................... 294

iv. Literaturverzeichnis ................................................................. 334

v. Berichtigungen zu früher erschienenen Bänden ................ 345

vi. Siglen und Sonderzeichen ...................................................... 347

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Textgestaltung und Quellentexte ......................................... 273

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Vorwort des Herausgebers

Die in diesem Band wiederveröffentlichten Aufsätze und Vorträge von Hans Kunz, ergänzt durch hier erstmals herausgegebene, teils geschlossene, teils Fragment gebliebene Texte und Notizen aus dessen Nachlass, konkretisieren – unabhängig von den sie unterschiedlich eingrenzenden Thematiken – die für Hans Kunz’ Lebenswerk fortdauernd bestimmenden, sich wechselseitig bedingenden Fragen, die sich im Zusammenhang der Begründung einer philosophischen Anthropologie und der phänomenologischen Wesensanalyse des erfahrenden Erkennens einstellen. Die den Band eröffnende Frühschrift Die Grenze der psycho­ pathologischen Wahninterpretationen aus dem Jahre ı93ı, die der Schweizer Psychiater Ludwig Binswanger als eine der epochemachendsten in der Geschichte der psychiatrischen Grundlagenforschung würdigte (Basler Nachrichten, 24.Mai ı964), stellt sich nach Kunz’ Erklärung ganz in den Dienst der Psychopathologie. Doch um das psychotische Wahngeschehen in seiner von anderen (para­ noiden) Wahnformen abzugrenzenden Eigenart adäquat zu erfassen und in seiner Bedeutung für die wesenhafte Existenz des Menschen zu verstehen, bedarf es nach ihm einer ausserhalb der Sphäre der psychopathologischen Forschung liegenden philosophisch-anthro­ po­ logischen oder daseinsanalytischen Betrachtungsweise (vgl. die Zusammenfassung in diesem Band, S. 6ı). Im Rekurs auf diese Sicht­weise öffnet die Frühschrift von ı93ı das Feld für die kritische Ausleuchtung der Grenze der psychopathologischen Wahninterpre­ ta­tion. Im Hinblick auf die angezeigte Intention, in späteren Bei­ trägen eine philosophisch-anthropologische Interpretation der psy-

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vorwort des herausgebers

chotischen Phänomene zu entfalten, ist Kunz – ohne die hier er­­schlossenen Ergebnisse zu relativieren – dennoch daran gelegen, auf das Unzureichende und Vorläufige der in der Schrift durchgeführten Kritik hinzuweisen. Die Zielsetzung seiner später verfassten Studie Die anthropologische Betrachtungsweise in der Psychopathologie von ı94ı (neu veröffentlicht im achten Band der Edition seiner gesammelten Schriften), die in einer höchst problembewussten Aus­ einan­ der­ setzung mit Heideggers existenzialer Analytik erst den spezifischen Sinn einer philosophischen Anthropologie und ihr ­ Verhältnis zur Psychopathologie eigens thematisiert und zu klä­ ren v ­ ersucht, wird unverkennbar im vorliegenden, zehn Jahre früher ­verfassten Beitrag als weiterzuentwickelnde Forschungsaufgabe artikuliert. Auch die Fragment gebliebenen Entwürfe zu den in der ­vorliegenden Frühschrift angekündigten Beiträgen zur philoso­ phisch-anthropologischen Interpretation psychotischer Phänomene (in diesem Band, S. 294–307) dokumentieren Kunz’ intensives Be­ mühen, in präzisen Differenzierungen darzulegen, dass die in ontologische Dimensionen ausgreifende philosophische Anthropologie, die nach der ermöglichenden Bedingung des in der menschlichen Existenz sich bekundenden Wahngeschehens fragt, die vorgegebenen, empirisch zugänglichen psychologischen und psychopathologischen Befunde durchbrechen muss. Dennoch darf sie sich nicht von diesen loslösen. Um dem möglicherweise berechtigten Vorwurf der Spekulation zu entgehen, hat sie sich im Rückhalt auf die erfahr­ baren existenziellen Vollzüge zu legitimieren. Neben dieser Frühschrift handelt es sich bei allen in diesem Band präsentierten Schriften um Werke aus Hans Kunz’ späten Schaffensjahren, die direkt anknüpfen an die im ii.Teil seines Hauptwerks Die anthropologische Bedeutung der Phantasie und an die in seinen breit angelegten späten Studien zur Endlichkeit des Men­ schen eingehend begründete anthropologische Grundthese, die besagt, dass «im Kern» oder «im Ursprung» des «reinen» Denk- oder Wissensaktes der virtuelle Tod ständig «durchbricht» oder «gegenwärtig» ist. Das Wissen um den Tod – nach Kunz das einzige streng apriorische, nicht auf Erfahrung beruhende Wissen – nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als ausser jenem um die eigene Existenz kein anderes inhaltliches Wissen denselben Gewissheitsgrad besitzt;

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beide Gewissheiten beziehen sich ausschliesslich auf das Dass des jetzigen Seins und des künftigen Todes, nicht auf ihr inhaltliches Was oder Wesen. Die These von der Todesimmanenz des Geistes entzieht sich notwendigerweise der direkten Verifikation und ist nicht unmittelbar evident, doch begnügt sie sich nicht mit der hypothetischen Relevanz im Sinne einer bloss gedanklichen Setzung oder Unterstellung. Kunz schreibt: «Sie will ein faktisches, obzwar verborgenes Geschehen im Menschsein treffen, das als solches sich unabhängig davon ereignet, ob es erlebt und gedacht bzw. erkannt wird oder nicht. Die Wahrscheinlichkeit bezieht sich also lediglich auf das Fehlen der unmittelbaren Offenheit oder Zugänglichkeit des ­gemeinten Sachverhaltes, anders gesagt: auf sein gedankliches Erschlossensein, nicht auf seinen supponierten Seinscharakter. Aus der nur denkenden Erschliessbarkeit des in der Grundthese behaupteten Geschehens folgt nicht dessen exklusives Hervorgebrachtsein durch das Denken, sowenig wie sich aus der blossen Wissbarkeit unseres eigenen künftigen Sterbenmüssens dessen rein gedank­licher Charakter ergibt» (vgl. Die Endlichkeit des Menschen, Band 2 der Edition von Kunz’ gesammelten Schriften, S. 28). Die These von der Todesimmanenz des Geistes erhellt sich im Vollzug des Fragens nach dem Ermöglichungsgrund jener greifbaren Phänomenkomplexe, die die gebrochenen Weltbezüge im Menschen dokumentieren, etwa: das rätselhafte Verneinenkönnen, die Möglichkeit das Nicht oder Nichts zu denken, die raum-zeitliche Gegenwartsflüchtigkeit, das schwebende Zugleich von Nähe und Ferne im Vollzug des Fragens und Staunens und nicht zuletzt – wie in den hier versammelten Schriften besonders hervorgehoben – der offenkundige radikale Gegensatz zwischen der «realitätszugewandten», erfahrend-vernehmen­ den Weltorientierung und den eigentümlichen «Irrealitätsbezügen» des sich verselbständigenden produktiv-schöpferischen Denkens, das die Wahnhaftigkeit als Ingrediens der Wirklichkeit des Menschen ausweist. Kunz artikuliert in der Einleitung zur ersten Studie von Die Endlichkeit des Menschen bezeichnenderweise den letzt­ genannten Phänomenkomplex, um den spezifischen Sinn der anthropologischen Grundthese vorzustellen: Sie versucht «ein Verständnis zu gewinnen, weshalb» – wie Kant formuliert – «‘die Vernunft… durch einen Hang ihrer Natur getrieben wird, über den Erfahrungs-

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gebrauch hinaus zu gehen, sich in einem reinen Gebrauche und vermittels blosser Ideen zu den äussersten Grenzen aller Erkenntnisse hinaus zu wagen’» (ebd. S.27). In Kunz’ Blick dokumentiert das Denken – einst Zeuge der wie auch immer ausgelegten Teilhabe an einem Göttlichen oder Überzeitlichen – die (im Vergleich zu allen anderen Lebewesen) potenzierte Endlichkeit des Menschen. «Wenn sich mit dem faktischen Todeseintritt ein radikaler endgültiger Weltverlust ereignet, der allerdings nicht erlebt und erfahren wird, … jedoch anscheinend gleichfalls ein Implikat der Todesgewissheit ­bildet, dann liesse sich das den Wahnproduktionen vorausgehende inhaltsleere Geschehen als eine Weise des Weltverlustes beanspruchen, die zwischen den alltäglichen flüchtigen Unterbrüchen der Umweltbezüge und dem im Sterben sich vollziehenden ‘Weltuntergang’ liegt. Nicht zufällig steht die religiös-metaphysische Thematik bei den beginnenden Schizophrenien so häufig im Vordergrund: darin dokumentieren sich die auch im wahnbildenden Denken anwesende Möglichkeit des Weltverlustes einschliesslich der in ihr gegenwärtigen Nähe zum Tode und der scheiternde Versuch, seine wirkliche, obzwar noch verborgene lautlose Macht mittels der von ihr sozusagen geliehenen täuschenden Allmacht der Gedanken zu überwinden» (S. ı08). An dieser Stelle sei auf ein mögliches Missverständnis hingewiesen: Im Anhang des ı969 von Alexander Mitscherlich herausgegebenen Bandes Bis hierher und nicht weiter (eine Sammlung der ergänzten und weiter bearbeiteten, ı964 im Frankfurter Sigmund-Freud-Institut zum Konferenzthema Aggression und Anpassung gehaltenen Referate) verweist der kurzbiographische Vita-Text über den Autor Hans Kunz auf das nie erschienene und, nach Wissen des Heraus­ gebers des vorliegenden Bandes, auch nicht anderswo von Kunz ­angekündigte Werk Die Wahnhaftigkeit des Menschen und die Ge­ wissheit des Todes (ı970).ı Dass dieser Titel für die hier zusammen-

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A. Mitscherlich (Hg.): Aggression und Anpassung, München/Zürich: Serie Piper (SP ı557) 2 ı992, S. 284, die mit neuem Titel versehene, mit einem Vorwort von Margarete Mitscherlich ergänzte unveränderte und seitenkon­ kordante Neuauflage der oben erwähnten, im gleichen Verlag erschienenen Erstausgabe von ı969.

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gestellten Vorträge, Aufsätze und Nachlass-Texte wortgetreu übernommen wurde, lässt sich nicht aufgrund einer autorisierten Anweisung legitimieren, zumal Hans Kunz dem Herausgeber im Gespräch versichert hat, nie eine – wie im oben genannten Mitscherlich-Band angekündigte – über einen Aufsatz hinausreichende Buchpublikation angestrebt zu haben. * Zu danken habe ich wiederum meinen Freunden von der HansKunz-Gesellschaft: – Herrn lic. phil. David Bürgi, Herrn Dr. Marco Hüttenmoser, Herrn Dr. Jürgen Mohr und Frau lic. phil. Rosmarie Niggli, die mir während der Entstehung des Bandes gute Ratschläge ge­ geben und mich bei den aufwendigen Kollationsaufgaben unterstützt haben. – Herrn Hansrudolf Frey, dem Projektleiter der Hans-Kunz-Gesellschaft, für seine umsichtigen administrativen und kommunikativen Dienste, die die Realisierung der Edition erleichtert haben. – Herrn Prof. em., Dr. Franz Schultheis, dem Präsidenten der HansKunz-Gesellschaft. Ebenso geht mein Dank an Frau MA Fabienne Forster für die sorgfältige Revision der Druckabzüge. Für die eindrückliche druckgestalterische Präsentation der Texte sei auch im Namen der Hans-Kunz-Gesellschaft der Dank an Herrn Nicholas Mühlberg weitergegeben.

Jörg Singer

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Die Grenze der psychopathologischen Wahninterpretationen  ı 93 ı

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Die Grenze der psychopathologischen Wahninterpretationen erschien zunächst in der Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, Band  ı35 (  ı 93 ı  ), S. 67 ı – 7 ı5 (  mit dem Vermerk des Eingangsdatums der Abhandlung  : 22. Mai  ı 93 ı  ). Der hier vorliegende Neudruck ist die wort- und satzgetreue Wiedergabe dieser Erstveröffentlichung, angepasst an die textgestalterischen Richtlinien der Neuausgabe von Hans Kunz ’ Gesammelten Schriften in Einzelbänden. Vergleichstexte konnten nicht beigezogen werden. Sowohl die Originalhandschrift als auch das Typoskript und weitere Materialien zu dieser Abhandlung hat der Autor nicht aufbewahrt. Die im laufenden Text beigegebenen Zahlen in eckigen Klammern verweisen auf die Paginierung der Erstveröffentlichung.

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die grenze der psychopathologischen wahninterpretationen

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[ 67 ı ] Die nachfolgenden kritischen Überlegungen zum Wahnproblem sind im Zuge eines Versuches entstanden, die psychotischen Phänomene und insbesondere das schizophrene Syndrom einer philosophisch-anthropologischen Interpretation zu unterziehen.ı Das heisst, sie sollen als besonders geartete Weisen des In-der-Welt-seins, als Grenzmöglichkeiten und -wirklichkeiten der menschlichen Existenz ausgelegt und verstanden werden. So wie die Dinge aber heute liegen, besteht trotz der viel beredeten und noch beweglicher beklagten «neophilosophischen» Strömung in der Psychiatrie keine Aussicht, dass einer wesentlich von einem philosophischen Impuls getragenen Untersuchung eine psychopathologische Relevanz zugebilligt werde. An sich könnte ihr dies gleichgültig sein, denn sie kann ohnedies von vornherein nur zu dem sprechen, der für das philosophische Verständnis der Wirklichkeiten «offen» ist. Um nun den Wirklichkeitsbereich der psychotischen Geschehen philosophisch, d.h. in ihrer Bedeutung für die wesenhafte Existenz des Menschen zu verstehen – die sich vielleicht gerade an den Grenzen seiner gebrochenen Möglichkeiten offenbaren könnte – bedarf es einer Sicht und mehr noch eines Durchschauens, das der psychopathologischen Forschung in der Tat radikal fremd bleibt. Allein auf dem Wege dazu fällt manches ab, das für die

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Dieser Versuch wird später unter dem Titel  : «Beiträge zur philosophisch-anthropologischen Interpretation der psychotischen Phänomene» voraussichtlich in dieser Zeitschrift erscheinen. Ich werde darauf wiederholt verweisen müssen, weil vieles erst hier eingehend dargelegt werden kann.*

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die grenze der psychopathologischen wahninterpretationen

Pathopsychologie unmittelbar fruchtbar sein oder werden dürfte – die Gründe dafür liessen sich aufzeigen  ; wir verzichten hier darauf. Als ein derweise «Ab-» und «Zugefallenes» mag der vorliegende Beitrag zur Diskussion der Wahnprobleme hingenommen werden. Er hat durchaus nicht die Absicht, für den später folgenden philosophisch-anthropologischen Interpretationsversuch ein vorbereitendes Verständnis zu wecken oder gar dafür zu werben  : er möchte sich vielmehr möglicherweise sehr unberufen und unerwünscht ganz in den Dienst der Psychopathologie stellen, [ 672 ] wenn auch sein letztlich bewegender Impetus als eines philosophischen nicht verleugnet werden soll. Sieht man sich irgendeine der üblichen Wahndefinitionen2 etwas genauer an, dann fällt einem sogleich auf, dass die Kriterien, welche die Bestimmung des Wahnes als eines Wahnes ermöglichen sollen, gar nicht oder nur teilweise psychologischer Art sind. Oder genauer gesagt  : wenn das Wesentliche und Entscheidende des Wahnes ein «inneres» Geschehen ist, dann treffen die herrschenden Definitionen lediglich die sprachlich-logisch-urteilsmässige Fassung und Explikation dieses Geschehens, gleichsam dessen «Endergebnis». Nun kann sich aber zum mindesten im Hinblick auf den schizophrenen Primärwahn niemand dem Eindruck entziehen, dass seine in einem Urteil gefasste Inhaltsbestimmung für das Wahngeschehen als solches gänzlich peripher bleibt. Daher muss eine Wahndefinition, die sich wesentlich auf

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Vgl. die übersichtliche Darstellung von W. Jahrreiss (  «Störungen des Denkens» in Bumkes Handbuch der Geisteskrankheiten, Bd. i, 584 f. Berlin  : Julius Springer  ı 928). Allein schon die Tatsache, dass die Wahnideen, wie üblich, so auch von Jahrreiss anscheinend zwanglos unter den «Störungen des Denkens» abgehandelt werden, charakterisiert die Begrenztheit ihres Ver­ ständnisses. Daraus seien beispielsweise folgende Definitionen zitiert  : «Für Bleuler sind die Wahnideen unrichtige Vorstellungen, die nicht einer vo­r­ übergehenden ungenügenden Logik entspringen, sondern einem affektiven Bedürfnis  ; sie sind unkorrigierbar, solange der Affekt anhält». Bumke  : «Eine Wahnidee ist ein krankhaft entstandener und zugleich unkorrigierbarer Irrtum»  ; und entsprechend bezeichnet Lange die «Wahnideen als auf krankhaftem Wege zustande gekommene Irrtümer, die der Berichtigung durch Beweisgründe nicht zugänglich sind». Jahrreiss fasst das Ergebnis folgendermassen zusammen  : «Die Wahnidee ist subjektive Wirklichkeit. Sie ist dies, weil sie

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den umwelts- und mitmenschbezogenen Urteilsgehalt stützt, zwangsläufig und notwendig am Kern des Wahnes vorbeikommen. «Irrtum», «unrichtige Vorstellung», «Unkorrigierbarkeit» usw. sind logische oder «gegenstandstheoretische»  ; jedenfalls normative und nichtpsychologische Bestimmungen. Freilich verweist das Erlebtsein des Irrtums als «unerschütterlich gewiss» auf ein phänomenologisch-psychologisches Kennzeichen und desgleichen greift die genetische Charakterisierung des Wahnes als «krankhaft» und affektiv entstanden in die psychologische und psychopathologische Dimension. Aber andererseits ist die Allgemeingültigkeit der affektiven Genese [ 673 ] problematisch, insofern sie gerade für den schizophrenen Primärwahn nicht zutrifft oder daran nur ein untergeordnetes Moment erfasst. Überdies bleibt die Bestimmung der «Krankhaftigkeit» wenigstens partiell auf normative, nicht psychologische Kriterien angewiesen. Und schliesslich bedarf die «unerschütterliche Gewissheit» des Wahnerlebens einer genaueren Analyse – sie könnte verschiedene Wurzeln haben. Man kann infolgedessen sagen  : auf Grund der entscheidend normativen Kriterien der herrschenden Wahndefinitionen müssen diese psychologisch vieldeutig sein. Damit stellen wir freilich keine «neue» Einsicht fest  ; jene Bestrebungen, «die» Wahnideen nicht nach ihrem Urteilsinhalt (  Eifersuchts-, Verfolgungs-, Grössenwahn usw.  ), sondern nach der «Form» und der

mit dem Erlebnis vollkommener Gewissheit erlebt wird. Diese Gewissheit ist eben die Form, in der das urteilende Ich die gegenständliche Seite des ­Urteils seiner Bedeutung nach erlebt. Der Wahnkranke hält den Wahninhalt für subjektiv wirklich und objektiv real, weil er ihn als gewiss erlebt, und er erlebt inhaltlich Verkehrtes als gewiss, weil sein qualitatives Bedeutungsgefühl irgendwie beeinträchtigt ist. Die Wahnidee ist ein Irrtum aus krankhaft verändertem Bedeutungsgefühl  ; er ist unkorrigierbar, weil er als unerschütterlich gewiss erlebt wird». Es braucht nicht eigens bewiesen zu werden, dass diese Nivellierung gegenüber der – von Jahrreiss übrigens auch zitierten – Jaspersschen Trennung der «echten Wahnideen» von den «wahnhaften Ideen» (  im wesentlichen meint Gruhles und Hedenbergs Scheidung in «primäre Wahnvorgänge» und «sekundäre Wahnideen» bzw. schizophrenen Wahn und «synthetisch-affektive Wahnidee» dasselbe  ) einen Rückschritt bedeutet.

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«Weise des Erlebtwerdens» zu differenzieren (  Hagen, Neisser, Jaspers, Schulte, Gruhle, Hedenberg, Kurt und Carl Schneider, Kronfeld u.  a.  ), werden mehr oder minder ausdrücklich durchwegs von ihr getragen. Es kommt darin ein die moderne Psychopathologie charakterisierender Zug zum Ausdruck, den Stertz3 unlängst mit der prinzipiellen Formulierung einer «Wesensverschiedenheit äusserlich sich gleichender Syndrome» treffend fasste und der sich denn bereits auch in der Lehre von den Trugerlebnissen (  Schröder, Carl Schneider u.  a.  ) fruchtbar auswirkt. So wie man sich nicht mehr damit zufrieden gibt, bei einem Psychopathen etwa «Willensschwäche» festzustellen – in der richtigen Erkenntnis, dass mit diesem ausschliesslich das «äussere» Verhalten oder die «Leistung» treffenden Begriff die mannigfachsten «inneren» Geschehen verdeckt und nivelliert werden können – gleicherweise beginnt man auch zu erkennen, dass in sich radikal unterschiedene Vorgänge zu einem «Leistungsergebnis» führen oder doch zu führen vermögen, dem der übliche Halluzinationsbegriff gerecht wird. Anders gewendet  : die hinsichtlich der urteilsmässig ­gefassten Leistungs- oder «Wahrnehmungsergebnisse» durchaus berechtigte und richtige Subsumtion unter den Halluzinationsbegriff – im Unterschied etwa zur Pseudohalluzination, Illusion usw. – kann eine Gleichartigkeit der faktischen Geschehen suggerieren und vortäuschen, die in Wirklichkeit gar nicht besteht. Alle diese Bemühungen gehen entscheidend auf Jaspers zurück, wenn sie auch über das von ihm erreichte Resultat – es weiterbildend oder umstürzend – hinausführen müssen, wie die unlängst erschienene ausgezeichnete Arbeit «Über Sinnentrug» von Carl Schneider 4 zeigt. Für das Wahnproblem hat Kronfeld 5 vor einiger Zeit die prinzipielle Unzulänglichkeit der

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G. Stertz   : Die Beziehung von Krankheitsprozess und Krankheitserschei­ nungen. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatr.  ı27 (  ı 930  ), S. 790. Auch Kolle (  K. Kolle  : Die primäre Verrücktheit  ; Sammlung psychiatrischer und neurologischer Einzeldarstellungen, Bd. i, S. 23 f. Leipzig  ı 93 ı  ) hat sich soeben in einer grundsätzlichen Besinnung «über die Wertigkeit pathopsychischer Einzelsymptome» Rechenschaft gegeben, die in die gleiche Richtung zielt. Carl Schneider  : Über Sinnentrug. Zeitschr. f. d. ges. Neurol.u. Psychiatr. ı3 ı (  ı 93 ı  ), S. 7 ı 9 f. A. Kronfeld  : Perspektiven der Seelenheilkunde, S. 270 f. Leipzig  ı 930.

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