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In jüngster Zeit richten ethische Debatten ihre Aufmerksamkeit vermehrt auf Gefühle – nicht nur als Motivation zu ethischem Handeln, sondern auch als Quelle ethischer Urteile. Dieser Themenkreis steht im Mittelpunkt der hier versammelten Beiträge. Es eröffnen sich neue Wege, den ethischen Rationalismus zu überwinden und die vielfältige Rolle der Gefühle für die ethische Urteilsbildung differenzierter zu würdigen. Mit Beiträgen von Christoph Ammann, Carla Bagnoli, Julia Blanc, Monika Bobbert, Teresa Emanuel, Stephan Ernst, Dieter Fugger, Timo Hartmann, Marianne Heimbach-Steins, Katharina Hofmann, Stephanie Höllinger, Edeltraud Koller, Walter Lesch, Patrick Lindermüller, Ralf Lutz, Annekatrin Meißner, Matthias Möhring-Hesse, Sighard Neckel, Anna Noweck, Michael Rosenberger, Mirijam Salfinger, Gary S. Schaal, Walter Schaupp, Manfred Scheuer, Kerstin Schlögl-Flierl, Dagmar Schulze Heuling, Christian Spieß, Angelika Walser, Adam Widera, Dominik Winter und Tim Zeelen

Die Herausgeber Michael Rosenberger ist Leiter des Instituts für Moraltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Neurowissenschaften und Ethik, Schöpfungsethik und Schöpfungsspiritualität. Christian Spieß ist Leiter des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften Johannes Schasching SJ an der Katholischen Privatuniversität Linz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in Grundlagenfragen der Sozialethik und der Politischen Philosophie, in der Wirtschaftsethik und Ethik des Wohlfahrtsstaats sowie in der Religionspolitik.

SCHWABE VERLAG www.schwabe.ch

ISBN 978-3-7965-5626-5

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783796 556265

SthE

STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK 170

GEFÜHLE UND ETHIK

HERAUSGEGEBEN VON DANIEL BOGNER UND MARKUS ZIMMERMANN, DEPARTEMENT FÜR MORALTHEOLOGIE UND ETHIK, UNIVERSITÄT FREIBURG I.UE.

MICHAEL ROSENBERGER, CHRISTIAN SPIESS (HG.)

170

MICHAEL ROSENBERGER, CHRISTIAN SPIESS (HG.)

STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK

GEFÜHLE UND ETHIK Überlegungen zur Überwindung des ethischen Rationalismus


studien zur theologischen ethik 170 Herausgegeben von Daniel Bogner und Markus Zimmermann


M ich a e l Rose nbe rge r / Chr ist i a n Spie ss ( Hg.)

Gefühle und Ethik Überlegungen zur Überwindung des ethischen Rationalismus

Schwabe Verlag, Basel


Die Druckvorlage der Textseiten wurde vom Departement für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg i. Üe. zur Verfügung gestellt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbib­ liografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt. Gestaltungskonzept Umschlag: icona basel gmbh, Basel Gestaltungskonzept Inhalt: Stellwerkost Cover: Kathrin Strohschnieder, STROH Design, Oldenburg Satz: Elisabeth Zschiedrich, Université de Fribourg, Departement für Moraltheologie u. Ethik, Av. de l’Europe 20, CH-1700 Freiburg i. Üe. Druck: Prime Rate Kft., Budapest Printed in the EU Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5626-5 ISBN eBook (pdf) 978-3-7965-5627-2 DOI 10.24894/978-3-7965-5627-2 ISSN 0379-2366 (Studien zur theologischen Ethik) Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch, www.schwabe.ch


INH A LT S V ER ZEICHNI S Einführung ins Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Michael Rosenberger und Christian Spieß Spiritueller Impuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Manfred Scheuer

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Teil i: Interdisziplinäre Grundlagenreflexion. . . . . . . . . . . .

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«So fallen die Schatten hinter dich» (Helga Schubert). Gefühle – eine literarische Spurensuche. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marianne Heimbach-Steins und Katharina Hofmann

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Affektinformierte Demokratietheorie. Chancen und Grenzen eines neurowissenschaftlichen Konzepttransfers . . . . . . . . . . . . 51 Gary S. Schaal und Dagmar Schulze Heuling Gefühl oder Vernunft als Quelle von Moral? Eine alte Dichotomie im Licht aktueller neurobiologischer Erkenntnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Walter Schaupp Emotionen in der Theologischen Ethik. Psychologische Zugänge zu einer Grundkategorie der Moralpsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Ralf Lutz Gefühle: Erkenntnisse aus der Psychologie und ihre Relevanz für die Theologische Ethik. Ein Strukturierungsvorschlag angesichts unterschiedlicher Begriffe, Fragestellungen und Begründungs­ansprüche . . . . . . . . . . 93 Monika Bobbert Die Wunden der Scham. Eine soziologische Perspektive . . . . . . . . . . . . . 107 Sighard Neckel Ethik in Kritik von Scham und Beschämung. Im Anschluss an Sighard Neckel und «Die Wunden der Scham» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Matthias Möhring-Hesse The Moral Feeling of Hope . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Carla Bagnoli

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INH A LT

At the Crossroads of Ethics and Spirituality: Little Sister «Hope» from the Perspective of a Moral Theologian. A Reply to Carla Bagnoli. . . . . . . . . 149 Angelika Walser Teil II: Theologisch-ethische Konkretionen. . . . . . . . . . . . . . . 157 Berührt werden. Emotionen als Weisen der Wahrnehmung ethischer Realität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Christoph Ammann

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Gefühle und Ethik. Die Bedeutung der Affekte in der Tugendethik des Radulfus Ardens (gest. um 1200) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Stephan Ernst Moralisches Entscheiden von wirtschaftlichen Akteur:innen. Zur Bedeutung und Verortung von Gefühlen in der Wirtschaftsethik . . . . . 185 Edeltraud Koller Populistisches Storytelling. Emotionale politische Rhetorik aus ethischer Sicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Walter Lesch Die Wut im Bauch boxt in den Kopf. Gefühle und Bildung im Kontext Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anna Noweck I can’t stop the feeling. Gefühle beim Arbeiten in Ethikgremien . . . . . . . . Kerstin Schlögl-Flierl Teil III: Aus der Werkstatt Theologischer Ethik (Redigiert von Katja Winkler und Viktoria Puchner) . . . . .

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SDG 18 – Zum Wollen hinter dem Sollen. Ein sozialethischer Zugang zum Bewusstseinswandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Julia Blanc und Annekatrin Meißner Cicely Saunders’ Total-Pain-Konzept als Praxistest für die Anerkennung von Emotionen im medizinischen Kontext . . . . . . . . . . . . 251 Teresa Emanuel


INH A LT

Religiöse Gefühle im Spannungsfeld von Innerlichkeit und kulturellen Kontexten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dieter Fugger

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Welche Rolle spielen Emotionen im umweltethischen Schulddiskurs? . . . . 275 Timo Hartmann Gefühle als Spiegel sozialer Praxis. Moraltheologische Überlegungen zur Kontingenz der Emotionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Stephanie Höllinger Rache revisited. Ethische Betrachtungen zu einem (scheinbar) unzeitgemäßen Gefühl (?) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 Patrick Lindermüller Sentipensar – Zur ethisch relevanten Verbindung von Fühlen und Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313 Mirijam Salfinger Die Entwicklung der Empathieforschung zur Grundsäule der Evolutionären Ethik. Interdisziplinäre Impulse für die katholische Moraltheologie . . . . . . 325 Adam Widera Emotionen und die Wahrnehmung von Werten vor dem Hintergrund der Moralphilosophie John McDowells . . . . . . . . . . . . . . . 337 Dominik Winter Empathie – Bedingung, Beiwerk oder Hindernis moralischer Urteilsbildung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351 Tim Zeelen Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Aufklärende Gefühle – ein Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Michael Rosenberger und Christian Spieß

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Die Autor:innen des Bandes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 Studien zur Theologischen Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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EINFÜHRUNG IN S THEM A Michael Rosenberger und Christian Spieß Es ist nicht so, dass Gefühl und Denken nichts miteinander zu tun haben. Sie gehören zuei­ nander und sind aufeinander angewiesen. Gefühl ist Denken, ahnendes Denken in dunkeln Umrissen, undeutlicher, aber auch unbeirrbarer als das klar überlegende, weil es mehr eine in uns stattfindende als von uns ausgeübte Tätigkeit unseres Geistes ist. Alle geistigen Wahr­ heiten treten in der Menschheit sowohl wie in dem einzelnen zuerst als gefühlte und erst nachher als im Denken erkannte auf. […] Das Gefühl, das sich dem Denken entzieht, ver­ fehlt seine Bestimmung. Das Denken, das meint, am Gefühl vorübergehen zu können, ver­ liert die Richtung, die in die Tiefe führt. Nur wo das Gefühl in das Denken hinaufragt und das Denken in das Gefühl hinabreicht, geht dem Menschen der Sinn für lebendige Wahrheit auf. 1

Mit diesen Sätzen aus seinem Nachlass, die zwischen 1931 und 1945 entstanden sind, beschreibt Albert Schweitzer einen sich in der Philosophie seiner Zeit an­ bahnenden Paradigmenwechsel: Fühlen und Denken werden als zwei gleichbe­ rechtigte, aufeinander verwiesene und ineinander verwobene Erkenntnisweisen der Wirklichkeit verstanden, wobei das Fühlen sogar als die frühere, ursprüngli­ chere der beiden gesehen wird. Im Bild hat Schweitzer die Unten-Oben-Metapho­ rik der Philosophiegeschichte zwar noch nicht ganz überwunden – das Denken muss zum Fühlen «in die Tiefe» gehen, das Fühlen zum Denken «hinaufragen», in der Sache betont er aber bereits sehr klar eine ebenbürtige Beziehung von Denken und Fühlen. Gefühle sind aus seiner Sicht zwar ahnender, umrisshafter und «un­ deutlicher, aber auch unbeirrbarer» und stärker als die Gedanken. Es ist das Füh­ len, das dem Denken die Richtung geben muss. Freilich, das räumt auch Schweitzer ein, ist das Fühlen «mehr eine in uns statt­ findende als von uns ausgeübte Tätigkeit unseres Geistes». Gefühle überkommen uns, sind weniger kontrollier- und steuerbar. Das hat die antike Philosophie ver­ anlasst, sie ausschließlich mit passivischen Begriffen zu bezeichnen: griechisch als πάθη bzw. πάθος, lateinisch als affectus oder passio. Gefühle sind «Leiden­ schaften», Regungen, die auf Einwirkung von außen beruhen, die der Mensch er­ leidet und die letztlich seine Autonomie bedrohen. Daraus ziehen die antiken Philosophen eine bis heute nachwirkende ethische Folgerung: Ziel eines guten Lebens ist die Unterordnung der Leidenschaften unter die Vernunft als das ἡγεμονικόν, die beherrschende und steuernde Instanz. Allein die Vernunft solle das Tun lenken, die Leidenschaften tragen zur sittlichen Urteilsbildung nichts 1 Schweitzer 1999, 407.


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Substanzielles bei. In dieser subordinatorischen Positionsbestimmung manifes­ tiert sich überdeutlich die «tief im griechischen Denken verankerte Voreinge­ nommenheit gegen die pathé.» 2 Platons berühmtes und in der Kunst oft rezipiertes Bild beschreibt die Ver­ nunft als Lenkerin eines zweispännigen Wagens. Eines der beiden Pferde, die die positiven und negativen Strebungen der Gefühle repräsentieren, gehorcht, das andere nicht 3. Die Domestikation von Tieren wird damit zum Paradigma der menschlichen Selbstdisziplinierung und -erziehung. In beiden Vorgängen wird der Vernunft die lenkende Funktion zugewiesen 4. Wo aber Menschen nicht zur Selbsterziehung in der Lage sind, soll nach Platons demokratieskeptischen Vor­ stellungen ein vernünftiger Herrscher einspringen und diese Aufgabe überneh­ men 5. Denn in einem freiheitlich-demokratischen Staat würden sich sogar die Tiere anarchisch verhalten 6. Bis heute wirken die entsprechenden Redewendungen nach, in denen sich die griechische Aufforderung zur Unterordnung der Gefühle unter das Denken mani­ festiert: «Beherrsche dich!» «Der ist extrem kontrolliert!» «Der hat sich im Zaum!» «Die sollte sich zügeln!» usw. Aber stimmt diese Verhältnisbestimmung von Den­ ken und Fühlen? Die aktuellen Naturwissenschaften, allen voran Psychologie und Neurowis­ senschaften, haben da ihre Zweifel. So schreibt Lisa Feldman Barrett: Sie glauben ja vielleicht, ein rationales Wesen zu sein, das das Für und Wider gründlich ab­ wägt, bevor es entscheidet, wie es handelt, aber die Struktur Ihres Cortex lässt dies unwahr­ scheinlich erscheinen. […] Der Affekt sitzt am Steuer, und die Vernunft fährt einfach nur mit. Ganz egal, ob Sie sich nun zwischen zwei Snacks, Jobangeboten, Investitionen oder Herzchirurginnen entscheiden: Ihre Entscheidungen werden von dem großmäuligen, meist tauben Wissenschaftler getroffen, der die Welt durch seine affektgefärbte Brille sieht. 7

Feldman Barrett stellt das platonische Bild direkt auf den Kopf: Nicht das Denken sitzt auf dem Kutschbock und kontrolliert das Fühlen, sondern genau umgekehrt. Doch warum hält sich dann, so fragt sie, in den normativen Wissenschaften so

2 K aufmann 1992, 27. 3 Vgl. Pl aton, Phaidros 246 a–b; 253 e–254 e. 4 «Gut handelt der Mensch dann, wenn seine Vernunft die Führung übernimmt, die irrationa­ len, tierischen Seelenkräfte bändigt und bezähmt und so in der Seele Ordnung und Harmonie herstellt.» (Dier auer 1977, 68). 5 Vgl. Pl aton, Politeia IX, 13, 590 c–d. 6 Vgl. ders., Politeia VIII, 14, 563 c. 7 Feldman Barrett 2023, 150.


EINFÜHRUNG INS THEMA

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hartnäckig das Paradigma von «rational choice»? In ihrer Antwort rekurriert sie – und da wird es für uns Theolog*innen interessant – auf die Schöpfungstheologie: Weil wir Menschen seit jeher glauben, dass unsere Ratio uns von den anderen Tieren unter­ scheidet. Dieser Schöpfungsmythos spiegelt eines der beliebtesten Narrative der westlichen Welt wider. 8 Eine einzigartige menschliche Essenz der Vernunft lässt Sie Ihre Emotionen mit rationalen Mitteln regulieren, was Sie zur Krone der Schöpfung macht. 9

Dementsprechend orientiert sich auch die Vorstellung, wie gestaltbar gesellschaft­ liche, politische und wirtschaftliche Strukturen sind, an der Idee rational-planvol­ ler Entwicklungen. An rationalen Überlegungen, Argumenten und Strategien ori­ entierte Ethikansätze stehen im Vordergrund der sozialethischen Diskurse. Mit einer solchen handlungstheoretischen Orientierung sollen nicht zuletzt in einem strikten Sinne systemtheoretische, an teilsystemischen Logiken orientierte Sach­ zwangargumente zurückgewiesen werden. Deliberative Verfahren der öffentli­ chen Vernunft bauen (fast) ausschließlich auf die Kraft rationaler Argumente. Ge­ genwärtige Entwicklungen, Debatten, die zu entgleisen drohen, Populismen, die Ressentiments von Wutbürgern bedienen, prägen relevante Teile der nationalen wie supranationalen Politik. Es geht dabei aber nicht nur um die an «Denkwut er­ krankten Kleinbürger», die Thomas Mann als Wegbereiter des Faschismus aus­ machte, sondern um systematische Defizite des «liberalen Wahrheitsregimes» (Mi­ chael Zürn). Die diskursive Vernunft der liberalen politischen Philosophie ist selbst nicht gefeit vor ausschließenden Tendenzen, sei es, weil sie Kränkungen von Teilen der Bevölkerung nicht wahrnehmen kann, sei es, weil sie mit einer gewissen Über­ heblichkeit gegenüber nicht-rationalen Motiven auftritt. Für die Aufklärung und die liberale politische Philosophie, an der auch der Mainstream der christlichen So­ zialethik orientiert ist, steht die Autonomie des Individuums im Vordergrund, zwar verknüpft mit mehr oder weniger prägenden Bezügen zu sozialen und kultu­ rellen Hintergründen, aber letztlich doch maßgeblich orientiert an der Rationalität der Person. Es zeigt sich allerdings zunehmend, dass das Verhältnis zwischen Rati­ onalität und Gefühlen im Hinblick auf ethische Entscheidungen, auf gesellschaftli­ che Entwicklungen und auf politische Prozesse neu vermessen und geklärt werden muss, gerade wenn an den Grundanliegen des liberalen normativen Projekts der Moderne festgehalten werden soll. Es lohnt sich also, eine neue Verhältnisbestimmung von Denken und Fühlen in der theologischen Ethik zu versuchen, wie es auch die bemerkenswerte Predigt

8 Ebd. 153. 9 Ebd. 287.


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von Bischof Dr. Manfred Scheuer anregt, die er anlässlich eines Gottesdienstes im Rahmen des Kongresses gehalten hat und die wir für so lohnend erachten, dass wir sie in diesem Band mit abdrucken. Anschließend wollen wir uns im ersten Teil unter dem Titel Interdisziplinäre Grundlagenreflexion in großer Behutsamkeit und reflektierter Hermeneutik Schritt für Schritt von den empirischen Wissenschaften hin zur theologischen Ethik be­ wegen. Wie lassen sich Erkenntnisse der Emotionsforschung auf ethische Frage­ stellungen beziehen? Welche Rolle spielen Gefühle bei der ethischen Urteilsbil­ dung? Wie können moralpsychologische Überlegungen dabei in besonderer Weise auf die theologische Ethik bezogen werden? Welche soziale «Funktion» ha­ ben Gefühle in der sozialen Interaktion und für die Gesellschaft? Wie werden zer­ störerische und versöhnende Potenziale der Gefühle in öffentlichen und politi­ schen Diskursen aktualisiert? Der zweite Teil Theologisch-ethische Konkretionen unternimmt den Versuch, exemplarisch für einige Bereiche theologisch-ethischer Reflexion aufzuzeigen, wie eine stärkere Berücksichtigung der Gefühle aussehen könnte: In der ethi­ schen Urteilsbildung, in der Tugendethik und in Ethik-Kommissionen, aber auch in der Bildungsarbeit, in der Wirtschaftsethik und in politischen Auseinanderset­ zungen. Schließlich präsentieren im dritten Teil Aus der Werkstatt theologischer Ethik jun­ ge Kolleg*innen Projekte, an denen sie aktuell forschen und die mit dem Tagungs­ thema Gefühle und Ethik in Verbindung stehen. Die Zahl der eingereichten Papers war doppelt so hoch wie die räumlich und zeitlich möglichen Werkstatt-Präsen­ tationen, was das große Interesse der jüngeren Generation am emotional turn der Ethik demonstriert. Auch inhaltlich kennzeichnen die Beiträge eine große Breite und reichen von der Fundamentalmoral über spezielle Fragen der Moraltheologie und Sozialethik bis hin zur Theologie der Spiritualität. – Redaktionell betreut wurde dieser Teil von Assistenz-Professorin Dr.in Katja Winkler und Universi­ tätsassistentin Viktoria Puchner, denen wir dafür an dieser Stelle ausdrücklich danken. Dank sagen wir außerdem den beiden studentischen Hilfskräften Andrea Falkner und Sabrina Zöttl für die Transkription des Gesprächs zwischen Kathari­ na Hofmann und Prof.in Marianne Heimbach-Steins. Die Einrichtung der Beiträ­ ge für den Druck lag in den Händen von Dr.in Elisabeth Zschiedrich, Universität Fribourg, der wir ebenfalls danken. Unser Dank gilt nicht zuletzt dem Bischöfli­ chen Fonds zur Förderung der Katholischen Privat-Universität Linz für die finan­ zielle Unterstützung der Drucklegung dieses Bandes sowie allen Sponsoren des Kongresses. In besonderer Weise danken wir schließlich allen Autor*innen die­


EINFÜHRUNG INS THEMA

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ses Bandes, die uns durch ihre Beiträge einen großen Reichtum von Perspektiven auf das Thema eröffnen und zum Weiterdenken einladen. Literatur Dier auer, Urs, Tier und Mensch im Denken der Antike. Studien zur Tierpsychologie, Anthropologie und Ethik, Amsterdam: B.R. Grüner B.V 1977. Feldman Barrett, Lisa, Wie Gefühle entstehen. Eine neue Sicht auf unsere Emotionen, Hamburg: rowohlt Polaris 2023. K aufmann, Peter, Gefühl und Gemüt als Komplement der Vernunft, Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 1992. Mann, Thomas, Achtung, Europa! Essays 1933–1938, Stockholm: Berman-Fischer-Verlag 1938. Schweitzer, Albert, Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III. Erster und zweiter Teil, München: C.H. Beck 1999. Zürn, Michael, Wie kann eine demokratische Gesellschaft ihre Vernunft verlieren?, in: Frankfurter All­ gemeine Zeitung vom 30.12.2024.


SPIRIT UELLER IMP UL S E INF Ü HL U N G, MI T G E F Ü HL U ND U N T E R S C HE ID U N G – P R E D I G T IM M A R IE ND O M L IN Z , 9. SE P T E MBE R 20 25

Bischof Manfred Scheuer Aus unserer Alltagssprache: Er ist (nicht) Herr seiner Gefühle. Ich habe das dunkle Gefühl… Der spielt mit den Gefühlen… Etwas im Gefühl haben… Mit gemischten Gefühlen das Arbeitsjahr angehen. Das Höchste der Gefühle… Emotionale Zustände: Schmetterlinge im Bauch haben. Auf Wolke sieben schweben. Nahe am Wasser gebaut sein. Für jemanden die Sterne vom Himmel holen. Du musst zu deinen Gefühlen stehen! Trau deinem Bauchgefühl! Sind Gefühle automatisch «authentisch» oder «wahrhaftig», sind sie moralisch, vormoralisch, a-moralisch, antimoralisch? «Gefühle» lassen sich nicht einfach definieren. Und alles, was wir als Gefühl ansehen, ist nicht «nur» ein Gefühl. Da gibt es eine große Bandbreite ohne ganz klare Abgrenzungen: Gefühle, Haltun­ gen, Tugenden, Laster, Gemüt, Herz, Bedürfnisse, Gespür, Riecher, Gleichgültig­ keit (als Mangel an Gefühl), Kälte, Rohheit («Der spürt nichts, der fühlt nichts.»), Herz, Hand, Lust, Laune, Regung, Emotion, Hunger(gefühl), Durst, Sättigung, Über­ druss, Müdigkeit, Langeweile, Freude, Leidenschaft, Sehnsucht, Neigung, Eros … Ist Liebe nur ein Gefühl? Befragt man die KI, ob Liebe nur ein Gefühl ist, gibt sie zur Antwort: Nein, Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Kombination aus starken Emotionen, einer bewussten Entscheidung und einer tiefen Haltung, die sich in Fürsorge, Vertrauen und dem Engagement für das Wohl des anderen ausdrückt. Während das Verliebtsein stark von physiologischen und emotionalen Reaktionen geprägt ist, ist Liebe eine aktive Gestaltung und Entwicklung, die eine Entscheidung beinhaltet, sich auf einen Menschen einzulassen und eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Ist Religion nur ein Gefühl? Friedrich Daniel Schleiermacher wollte einer Reduktion von Religion auf Meta­ physik (Denken) oder Ethik (Handeln) wehren. In den Reden über die Religion. An die Gebildeten unter den Verächtern (1799) fragt er, was Religion ausmacht: Andacht, kindliche Passivität, Sehnsucht, Ehrfurcht, Ahnung, «Sinn und Geschmack für das Unendliche». Die höchste Formel der Religion ist für Schleiermacher in den Reden von 1799 «das Anschauen des Universums.» 1 Das «Gefühl» als entscheidende 1 Schleiermacher 1958, 30.


SCHEUER

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und auch unterscheidende Instanz von Religion kommt erst in der Glaubenslehre (1821) vor. «Die Frömmigkeit, welche die Basis aller kirchlichen Gemeinschaften ausmacht, ist für sich betrachtet weder ein Wissen noch ein Tun, sondern eine Be­ stimmtheit des Gefühls oder des unmittelbaren Selbstbewusstseins.» 2 Gefühl ist bei Schleiermacher nicht «nur» ein Gefühl, sondern «unmittelbares Selbstbe­ wusstsein», in dem die «Einheit des Lebens», die Frage nach einer Sinnstruktur des menschlichen Lebens und Handelns begründet liegt. Das Wesen der Religion «ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl.» 3 Das Gefühl der Frömmigkeit ist kein Garant für Wissen und Tun: von ihr wurde das Gehalt­ reichste und Leerste gedacht, das Vortrefflichste und Scheußlichste getan 4 (vgl. GL I,21) Wo aus religiösen Motiven heraus gehandelt wurde, sieht Schleiermacher vor allem die blutigen Folgen von Aberglauben. Das Gemeinsame aller noch so verschiedenen Äußerungen der Frömmigkeit, wodurch sich diese zugleich von allen anderen Gefühlen unterscheidet, also das sich selbst gleiche Wesen der Frömmigkeit, ist dieses, dass wir uns selbst als schlechthin abhängig, oder, was dasselbe sagen will, als in Beziehung mit Gott bewusst sind. 5 (GL I, 23)

Kreatürlichkeit und Geschöpflichkeit, Sich-Verdanken, Verwiesenheit auf Gnade und Erlösungsbedürftigkeit sind in diesem «Gefühl der schlechthinnigen Abhän­ gigkeit» inkludiert. Georg Wilhelm Friedrich Hegel streicht das «unmittelbare Selbstbewusstsein» aus der Formulierung Schleiermachers. Die Religion aus einem Gefühl hervorge­ hen zu lassen, setze den religiösen Menschen dem Tier gleich, denn es seien Tiere, die ihrem Gefühl gemäß leben, so Hegel. Gründet sich die Religion im Menschen nur auf ein Gefühl, so hat solches richtig keine wei­ tere Bestimmung, als das Gefühl seiner Abhängigkeit zu sein. […] Dann wäre der Hund der beste Christ, denn er trägt dieses Abhängigkeitsgefühl am stärksten in sich, und lebt vor­ nehmlich aus diesem Gefühle. Auch Erlösungsgefühle hat der Hund, wenn seinem Hunger durch einen Knochen Befriedigung wird. 6

Für Hegel ist das Gefühl das Form- und Bewusstlose. Es liegt für Hegel auf der na­ turalen Ebene, die jene des Bewusstseins noch nicht erreicht hat. 7 Es ist wider­ menschlich und tierisch, «im Gefühle stehenzubleiben und nur durch dieses sich mitteilen zu können.» 8 2 3 4 5 6 7 8

Ders. 1960, 14. Ders. 1970, 28. Vgl. ders. 2008, 21. Ders. 2008, 23. Hegel 2008, 58. Vgl. ders. 2012, 63. Ebd. 65.


SPIRITUELLER IMPULS

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Niedere Sinnlichkeit? Gehören Gefühle zur «niederen Sinnlichkeit»? Geschmäcker sind verschieden. Über Geschmäcker lässt sich nicht diskutieren und streiten. Von Seiten der Philo­ sophie und der Ästhetik gibt es eine weitgehend negative Einschätzung des Ge­ schmackssinnes. Diese Marginalisierung des Geschmacks in der philosophi­ schen und ästhetischen Tradition war im Wesentlichen dessen Flüchtigkeit und der Verhaftung ins Materielle geschuldet. Riechen und schmecken werden von Platon und Aristoteles als «niedrig» eingestuft. 9 Auch Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel teilen diese Ansicht und sind der Meinung, der Geruchs­ sinn sei untauglich für kognitive Erkenntnisse und ästhetische Urteile. Kant ver­ handelt Geruch und Geschmack als Genusssinne und grenzt diese von den Sin­ nen der Wahrnehmung ab. Über den Geschmack urteilt er nicht ganz so negativ wie über den Geruch. So schreibt er über seinen «ihm eigentümlichen Vorzug […], dass dieser die Geselligkeit im Genießen befördert, was der vorige nicht tut.» 10 Entscheidend ist für Kant, dass Sinne und Sinnlichkeit für die Begründung der Sittlichkeit keinerlei konstitutive Bedeutung haben. Kant fragt zunächst in der Kritik der praktischen Vernunft nach den Bedingungen der Möglichkeit von Sol­ lensaussagen. Nicht die Religion, nicht empirische Praxis, nicht die Sinnlichkeit können diese Frage beantworten, sondern nur die reine Vernunft. Der Mensch, so Kant, ist ein intelligibles Wesen, das heißt er ist in der Lage, in der Vernunft unab­ hängig von sinnlichen, auch triebhaften Einflüssen zu denken und zu entschei­ den. Mitgefühl als Schwäche? Schon für die Stoa (z. B. für Seneca) und in ihrem Gefolge bei Immanuel Kant sind das Mitleid und die Barmherzigkeit negative Gefühle, auf die kein Verlass ist. Sie sind verwerfliche sinnliche Erregungen, die von der sittlichen Vernunft zu über­ winden sind: Wenn ein anderer leidet und ich mich durch seinen Schmerz, dem ich doch nicht abhelfen kann, auch anstecken lasse, so leiden ihrer zwei; ob zwar das Übel eigentlich nur einen trifft. Es kann aber unmöglich Pflicht sein, die Übel in der Welt zu vermehren, mithin auch nicht, aus Mitleid wohl zu tun; wie dann dieses auch eine beleidigende Art des Wohltuns sein wür­ de, indem es ein Wohlwollen ausdrückt, was sich auf den Unwürdigen bezieht und Barm­ herzigkeit genannt wird, unter Menschen, welche mit ihrer Würdigkeit, glücklich zu sein, eben nicht prahlen dürfen, und respektiv gegeneinander gar nicht vorkommen sollte. 11

9 Vgl. Pl aton, Theaitet, 156 a ff.; Aristoteles, De anima II, 5–III, 2. 10 K ant 1983, 453. 11 Ders. 2012, 34.


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SCHEUER

Kant hatte Religion auf Moral reduziert. Er begnügte sich mit der Hoffnung, zu der unbegreiflichen und niemals gewissen «Revolution in der Gesinnung» durch «eigene Kraftanwendung» zu gelangen. 12 Freiheit und Liebe nur zum Postulat des Sollens zu erheben, ist aber «selber Bestandstück der Ideologie, welche die Kälte verewigt. Ihm eignet das Zwanghafte, Unterdrückende, das der Liebesfähigkeit entgegenwirkt.» 13 In seiner Mitleidsethik knüpft Arthur Schopenhauer (1788– 1860) 14 die Moral nicht an eine Norm, sondern an die Erfahrung. Wenn wir in uns hinein hören, können wir das fremde Leid spüren, wenn wir uns nicht verhärten. Wir können daran teilhaben. Das ergibt eine gefühlte Solidarität mit dem Elend des Anderen, nicht eine eingeforderte Solidarität, sondern eine unmittelbar er­ fahrene. Das ist das Fundament der Moral. Wenn man diese Quellen des Mitlei­ den-Könnens abschneidet, dann hängt die Moral in der Luft und wird rein nor­ mativ. Normative Orientierungen sind kraftlos, wenn sie nicht aus dem Mitleid und aus der Empathie kommen. Ernst Bloch spricht von Kälteströmen und Kälte gegenüber den Leidenden. Auch die Toleranz und Liberalität des bürgerlichen Subjektes ist letztlich leer. Aus der Liberalität, «aus der unterschiedslosen Güte ge­ gen alles droht denn auch stets Kälte und Fremdheit gegen jedes.» 15 «Wir wollen, wir dürfen niemals vergessen, wozu Menschen fähig sind, wenn wir aufhören, die Weltmuttersprache, die Empathie, die uns alle verbindet, zu sprechen. Von Mensch zu Mensch.» (Benno Elbs) 16 Eine leere Toleranz, eine hohle Liberalität, eine oberflächliche Gleichgültig­ keit, eine narzisstische Achtlosigkeit – all diese Fehlhaltungen sind Analphabeten in der Sprache der Empathie. Aber auch Beschwörungsformeln, idealistische For­ derungen und politische Postulate sind noch nicht automatisch verbunden mit Solidarität, Wohlwollen und Wertschätzung. Ohne Berührung mit der Not und dem Elend, ohne die Erfahrung von Angesicht zu Angesicht mit den Leidenden kommen wir nicht zu einem tragfähigen Miteinander, zu Kooperation in der Ge­ sellschaft und in der Kirche. Eine Apathie und Gefühllosigkeit in der Wahrneh­ mung gegenüber Leid und Opfer ist auf Empfänglichkeit und Verwundbarkeit hin zu öffnen. Es gehört zur Spiritualität des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi sind. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ih­

12 Ders. 2012, 698. 13 Adorno 1969, 99. 14 Vgl. Schopenhauer 1998. 15 Vgl. dazu Adorno 1998, 86. 16 ORF 2025.


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