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SEHN--SUCHT

Die unerfüllbare Sehnsucht nach Gewissheit

IDEALE, MODELLE UND DIE SOGENANNTE KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

MARTIN MOSIMANN

Dieunerfüllbare Sehnsuchtnach Gewissheit

Ideale, Modelle und die sogenannte künstliche

Intelligenz

Schwabe Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz

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Korrektorat: Constanze Lehmann, Berlin

Cover: icona basel gmbh, Basel

Layout: icona basel gmbh, Basel

Satz: 3w+p, Rimpar

Druck: Prime Rate Kft., Budapest

Printed in the EU

Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR:Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de

ISBN Printausgabe978-3-7965-5601-2

ISBN eBook (PDF)978-3-7965-5602-9

DOI 10.24894/978-3-7965-5602-9

Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt.

rights@schwabe.ch www.schwabe.ch

Tua res agitur.

Horaz, Epistolae

«Duhast alles …Warum gehst du dann fort?»

«Weil ich unzufrieden bin… Ich wünsche mir etwas, was ich nichthabe. Es muß im Leben noch mehrals alles geben!»

Maurice Sendak: Higgelti piggelti pop!oder Es muß im Leben mehr als alles geben

1Vorüberlegungen, Problemstellung

Grundsätzlich sieht sich der Mensch zunächst (die Rede ist von jener Urzeit, in Bezug auf die es keine Quellen gibt)ineine von ihm unabhängige (vorgefundene) Welt gestellt und ist damitder Herausforderung ausgesetzt, sich in dieser zu bewegen und irgendwie zu behaupten. Das kann er nur, wenn er die Welt, in der ersich vorfindet, in einer gewissen Weise (wie man sagen könnte) versteht;in dem minimalen Sinn, dass er (jedenfalls in Ansätzen)erkennt, was in ihr der Fall ist bzw. wie sie(wieman das miteinem modernen Begriff ausdrücken könnte) funktioniert.1 (Dabei mag sich das, was ihm beachtenswert erscheint, durchaus weit von dem entfernen, was einem modernen Mensch wichtig erscheinen mag, weilerdabei auch Geschehnissen, die einem solchen als zufällig erscheinen mögen, Bedeutung zuschreiben mag.)

Ohne dass das ausgesprochen wäre, nimmt der Mensch dabei wohl ursprünglich zunächst gleichzeitigan, dass es sich bei der von ihm vorgefundenen Welt um eine geformte und gestaltete Welt handle.2 Sie scheint nicht nur auf der Grundlage von offensichtlich wiederkehrenden Phänomenen geordnet zu sein, die man nach und nach beobachten und erfassen kann, sondern zugleich auch Bedeutung zu tragen –dass etwas der Fall ist, erschöpft sich für ihn also nicht nur darin, ein allein physikalisches Geschehen darzustellen, sondern hat auch (wie man sagen könnte)eine Funktion im Rahmen eines alles überwölbenden Ordnungsgefüges (ohne dass er dieses verstehen würde oder zu verstehen brauchte:Es scheint einfach so zu sein, wie es ist).3 Die vorgefundene Welt scheint dem Menschen also nicht allein als einGefüge von abstrakten, gewissermassen allein an sich geltenden (naturwissenschaftlichen)Tatsachen in einem modernen Sinn (die einfach «da» sind)entgegenzutreten, sondern gewissermassen inhaltlich aufgeladen zu sein.4 Und dass sie «gestaltet»zusein scheint, kann –imRahmeneines primären Alles-oder-Nichts-Prinzips des Weltverständnisses –wieder nur heissen, dass siesowohl als Ganzes wie auch hinsichtlich jeder einzelnen Gegebenheitund Erscheinung das Ergebnis eines Plans bzw. einer Absicht einer hinter der vorgefundenen Welt stehenden göttlichen Macht, des Weltengestaltersalso, darzustellen scheint.5

Es steht im Rahmen einer solchen Auffassungausser Frage, dass eine Welt wie die geschilderte nicht andersdenn als eine Welt verstanden werden kann, die genau so sein muss, wie siesichdarbietet. Damit steht auch ohne weitere Diskussion fest, dass sie sinnvoll erscheint –wenn auch gleich angefügt werden

muss, dass sich die Frage, ob siedas sei,eigentlich gar nicht stellen kann, weil es keine Instanz gibt, diesie aufwerfen könnte, bzw. es überhaupt denkbar sein könnte (von wem könnte eine solche Frage denn ausgehen?), dass es eine andereEinrichtung bzw. Interpretationdes Vorgefundenen geben könnte. Stattdessen gilt:Esist alles, wie es sein muss;sonst wäre es nicht (wie man sagen könnte).6 Es gibt zu ihr (wie dies moderne Politiker und Politikerinnen gern sagen, wenn sie die Fragwürdigkeitihrer Auffassungen und Entscheide zu kaschieren versuchen –oder glauben siewirklich an das, was sie sagen?) tatsächlich keine Alternative;7 aber nicht, weildies wirklich der Fall wäre, sondern weil es keine Instanz gibt, die sich eine solche ausdenken könnte oder wollte:Esgibt ja nur die vorgefundene Welt und neben der sieanordnenden Macht kein Subjekt in dieser, das sich mitihr auseinandersetzen könnte.8

Was das Verstehen der Welt betrifft, das der Mensch gewinnen mag bzw. das von ihm gefordertzuseinscheint, so besteht dieses einerseits darin, aufzunehmen, was da ist (woraus dievorgefundene Welt besteht und nach was für Regelmässigkeiten sich das Vorgefundene verhält), und andererseits darin herauszufinden, was für Forderungen dievorgefundene Welt (und jene Macht, die hinter der vorgefundenen Welt steht)anihn stellt. Das eine Verständnis ist vom anderen zu Beginn nicht unterschieden:Etwas verstanden zu haben,heisst, auch zuerkennen, in welcher Weise der Mensch in die vorgefundene Welt eingebunden ist und sich so verhalten muss, damit er ihren Anforderungen genügt.9 Beispielsweise musserzuerkennen suchen, wie er dieWelt erfolgreich bebauen kann –dabei fordert (wie man aus moderner Sicht sagen würde)Tatsächlichkeit ein bestimmtes Handeln. Ebenso gewiss scheint aber auch, dass er zu gewissen Zeiten den Mächten hinter der vorgefundenen Welt etwa mittels Schlachtung eines Ochsen ein Opfer bringen muss, wenn er mitseinem Tun Erfolg haben will. Zwischen der Erkenntnisder vorgefundenen Welt in ihrem physikalischen Sinn auf der einen Seite und dem Erkennen von Anforderungen göttlicher Mächte, denen er, wie es scheint, genügen muss, auf der anderen Seite besteht kein Unterschied.

Keine Frage ist angesichts des Gesagten, wie sich der Mensch zur vorgefundenen Welt einstellen muss. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich in die Welt, so wie er sie vorfindet, einzufügen. Dabei gilt immer weiter:Auch die Bereitschaft dazu stellt selbstverständlich nicht das Ergebnis einer Wahl dar. Es verhält sich vielmehr einfach so:Esist in der vorgefundenen Welt ein bestimmter Platz für ihn ausgespart, und er füllt ihn aus (oder er geht unter).

Ein Überrest einer solchen Vorstellung von der Natur der vorgefundenen Welt nimmt in jenen Auffassungen Gestalt an, die selbst noch moderne Menschen in Bezug auf die«Ordnung»der Welt hegen.10 Moderne Menschen mögen zwar in ihrem Alltag, ohne zu zögern, das Recht für sich beanspruchen, ihr Leben autonom und ohne Rücksicht auf andere Menschen zu bestimmen.11 Wenn sie aber «philosophisch»gestimmt sind –oder einfach ein angeblich un-

streitiges Recht einfordernwollen –mögen siediesen Überzeugungen zum Trotz gleichzeitig die(letztlich kindliche)Vorstellung nähren, dass es im Hintergrund derWelt eine «Ordnung» an sich,also eine alles überwölbende unbezweifelbare ideale, in sich ruhende ewige Geordnetheit12 gebe, ein immer weiter sinntragend und damitverpflichtend erscheinendes Geregeltsein von allem. In einer solchen Vorstellung vereinen sich, wie man erkennt, Tatsächlichkeit einerseits und Moralität andererseits (bzw. archaische Vorstellungen leben wieder auf): Eine solche«Ordnung»stellt den Inbegriffdessen, was (angeblich) sein muss oder sein müsste,dar. Und wenn siedann meinen, dass etwas nicht jene Züge aufweise, die ihnen gefallen, berufen siesich gerne darauf, dass mit Vorstellungen, die ihnen nicht genehm sind, umgekehrt nichts weniger als das «Chaos»ausbreche.13

(Nur angefügt werden soll, dass etwas Vergleichbares im Zusammenhang mit dem Begriff des «Gesetzes»geschieht. Unter einem «Gesetz»muss man bekanntlich Verschiedenes verstehen:auf der einen Seite naturwissenschaftliche Gesetze –solche gelten, jedenfalls auf Zusehen hin immer, weil sie in der vorgefundenen Welt auf empirische Weise gefunden worden sind –und auf der anderen Seite vom Menschen gesetzte Gesetze, wie sie im politischen Leben Gestalt annehmen können –insofern, als sieein Parlament oder,inautokratischen Staaten, ein Machthaber erlassen haben. Indem man beide Erscheinungsweisen –eine Gegebenheit ohne Einflussmöglichkeiten des Menschen einerseits und ein Produkt (imbesten Fall)von Einsicht oder dann Willkür andererseits –mit dem gleichen Begriffumschreibt, erweckt man den Eindruck, dass auch willkürlich gesetzteGesetze absolut gälten und auf jeden Fall beachtet werden müssten.14 So kann die Berufung darauf,dass man «wieder» law and order schaffen wolle, die Vorstellung erschwindeln, dass man, indem man das tue, Verhältnisse schaffenwolle, die absolut gälten –wie naturwissenschaftliche Gesetze –; und es gehedarum, eine Welt zu schaffen, in der gleichzeitig gelte, was erstens tatsächlich der Fall seinmüsse und was –damit –zweitens moralisch gefordert sein mag. Und wie man weiss, lassen sich viele Menschen immer wieder von einem solchen Fehlschluss verführen, weil in ihm mittels grosser Worte –abermals –die Sehnsucht, in einer einfür allemalfestgefügten Welt leben zukönnen, bedient wird. DieFrage, die wirklichangezeigt wäre:die Frage, wie man Gesetz und «Ordnung»ausgestalten müsste, wenn sie mit Gewissheit berechtigt sein sollten, tritt dabei ganz in den Hintergrund.15 )

Bei allem Gesagten handelt es sich wie gesagt um Vermutungen. Solche sind nun aber in der Hinsicht von Bedeutung, als das, was man zu erkennen meint, einem dabei hilft, sich später, selbst in der modernen Zeit noch zeigende Denk- und Verhaltensweisen zu erklären. Ähnlich verhält es sich mit dem Prozess, im Laufe dessen das beschriebene Aufgehen des Menschen in der vorgefundenen Welt nach und nach einEnde findet, indem er sich aus der Identifikation mit dieser herauszulösen beginnt. Dabei scheinen einander in der einen

oder anderen Weise zwei verschiedene Dinge in die Hände zu spielen:Indem der Mensch nach und nach eine andereRolle annimmt –indem er sich von dem Status, den er in der Welt innezuhaben scheint, emanzipiert und sich selbst als eigenständig wahrzunehmen beginnt –fängt auch die Welt selbst an, ihm auf eine neue Weise zu erscheinen, und das hat wieder zur Folge, dass er auch seine Stellung in dieser und zu dieser andersbewertet. Am Ende empfindet sich der Mensch nicht mehr nur als Glied einer vorgefundenen Welt, sondern als ein Subjekt, das der Welt gegenübersteht;und insofern, als das nach und nach der Fall ist, wird die vorgefundene Welt für ihn einGegenstand der Auseinandersetzung und als solcher nach und nach auch problematisch.

Indem sich der Mensch aus der vorgefundenen Welt befreit, nimmt er sich mit der alles umfassenden Eingebundenheitindiese auch die Selbstverständlichkeit seines Daseins.Ermuss nun auch selbst finden, wonach er sich ausrichten soll. Was das sei, geht nun aber nicht mehr aus sich selbst hervor;und am Ende ist alles noch viel schwieriger:Nicht nur ist dieWelt mit seiner Emanzipation zu einem Gegenstand eigener Beurteilung und damit allenfalls auch zu einem Gegenstand des Zweifels, zu einem Gegenstand von eigenen Bedürfnissenund vielleicht zu einem Gegenstand eines Leidens an der Welt geworden, sondern er steht nun auch vor der Frage, wie er sich zu dem einstellen darf oder gar soll, was ihm begegnet. Er mag Freiheitvon Eingebundenheit erworben haben –die gewonnene Freiheit sagtihm aber nicht, was er mit ihr anfangen oder wie er sie nutzen soll oder darf oder gar muss (wenn das der Fall wäre, handelte es sich gar nicht um Freiheit). Das ist deswegen von Bedeutung, weil er bei aller Emanzipation immer weiter den Wunsch haben mag, sich nach etwas auszurichten, das ansich gültig ist, und so immer weiter zu der vorgefundenen Welt, von der er sich emanzipiert hat, dazuzugehören. Er mag zwar Freiheit gewonnen haben;–sein Bestreben geht aber nicht danach, eineinsames und willkürliches Leben zu leben, sondern dieses auf eine neuartige Weise so zu leben, dass er einerseits darin als Subjekt vorkommt, andererseits aber nicht in einem völlig ungebundenen subjektiven Leben verloren geht.16 Und das Bestreben, sich nicht irgendwie ganz von der vorgefundenen Welt loszulösen, ist ja angesichts der immer weiter bestehenden Tatsächlichkeit der (physikalischen)Welt, in der er lebt, auch wirklich angezeigt:Der Mensch kann sich nicht vollständig von dieser emanzipieren –was auch immer er sich in Bezug auf sieaussinnen mag, so ist er doch mit seiner Körperlichkeitimmer weiter auch ein Element dieser Welt. Mit seinem Wunsch, als emanzipierter Mensch dennoch Gewissheit in Bezug auf sein Streben zu gewinnen, steht er freilich, ohne sich vielleicht dessen Rechenschaft zugeben, vor einem Dilemma,das sich (wie man von aussen gesehen bzw. abstrakt bedachtsagen muss)nicht endgültiglösen lässt.17

Das Gesagte ist noch unter einem weiteren Gesichtspunkt von Bedeutung. Indem sich der Mensch von der Eingebundenheit in der vorgefundenen Welt emanzipiert, beginnt er sich mitdieser –das ist gesagt worden –nach und nach

auseinanderzusetzen. Er kann sich über sie Gedanken machen;ermag sich dazu ermuntert sehen, in sieeinzugreifenoder gar selbst zu lenken zu beginnen, was ihm widerfährt. In diesem Zusammenhang muss nun aber eine Ahnung davon entstehen, dass sich in der vorgefundenen Welt auf der einen Seite faktisch Gegebenes (also, moderngesprochen, physikalische Tatsachen)und auf der anderen Seitevon jenen Mächten, diehinter der vorgefundenen Welt stehen, Gebotenes (also gewissermassen eine theologische oder ethische Komponente) unterscheiden lassen. DieErkenntnis, dass das der Fall ist, eröffnet dem Menschen zunächst einmal mehr Möglichkeiten dazu, sich ins Spiel zu bringen, weil sich so die Welt für ihn in einem gewissen Sinn öffnet (esscheint auch Befunde zugeben, die keinen notwendigen Charakter haben)– gleichzeitig steht er nun aber vor der neuartigen Aufgabe zu ergründen, wie er sich verhalten muss, wenn erdem, was von ihngefordertseinmag,genügen will;und am Ende mag er gar den verwegenen Gedanken entwickeln, sich ebenfalls von allem nur Gebotenen zuemanzipieren.18

Am Ende einer solchen Erkenntnisbewegung steht dann die klare Unterscheidung zwischen Tatsachen der Welt (sogenannten Fakten)und ethischen Tatsachen, wie sie etwa Kant im Rahmen der Darstellung der Grundfragen,die der Mensch beantwortenmuss,unterscheidet.19 DasBemühen des Menschen muss sich, wie er geltend macht, unter anderem zum einen auf die Beantwortung der Frage richten, wie dieWelt beschaffen sei (der Mensch muss versuchen, die Welt in ihrer Tatsächlichkeitzuerkennen, soweit das möglich ist), und ermuss zum anderenAntwort auf die Frage finden, wie er in der vorgefundenen Welt handeln soll. Diese Fragen haben (jedenfalls auf den ersten Blick hin)miteinander nichts zu schaffen:Die eine beschäftigtsichdamit, was der Fall ist (ohne dass diesem eine Aufforderung eingeschrieben wäre, wasder Mensch mit ihm dann anfangen soll20 ); dieandererichtetsich nach einem nicht durch Tatsachen bedingten, sonderninsich begründeten Gebotensein an sich.21

Das ist eine ganz neue Herausforderung;und weil es dabei um eine neuartige Herausforderunggeht, ist nicht gewiss,wie sie (fehlerfrei)bewältigt werden könnte. Die ehemalige Gewissheit, die sich daraus ergeben hat, dass der Mensch einfach Teil der vorgefundenen Natur gewesen ist, ist auf ewig verloren. Aber alles wird noch viel schwieriger:Dass ungewiss ist, worauf sich der Mensch nun ausrichten soll, ist nur das eine:Das andere ist, dass sich am Ende auch die viel umfassendere Frage stellt, ob dieSehnsucht nach Gewissheit überhaupt (noch) jemals zu befriedigensei.

Der Mensch mag mitseiner Emanzipation bzw. Befreiung aus der Eingebundenheit in die vorgefundene Welt jene Gewissheit, die mit dieser verbunden ist, verlieren.22 Die Sehnsucht nach einer solchen besteht aber immer weiter;und solange der Mensch dievorgefundene Welt weiterhin als eine gestaltete, ja gar geordnete Welt auffasst, scheint eine solche Sehnsucht ja auch gerechtfertigt. Ihr Gegenstand ist das supponierte Prinzipeiner solchen Gestaltung.23 Eine solche

Sehnsucht kann nun aber möglicherweise auf gar keine unbezweifelbaren Antworten mehr stossen;unter anderem ja auch deswegen, weil sich die vorgefundene Welt als eine Welt entpuppt, dieinmehr als einer Hinsicht offen ist. Dies ist einerseits insofernder Fall, als der Mensch die empirische vorgefundene materielle Welt nichtzuEnde erkennen kann (und selbst wenn er das könnte, so könnte er nie wissen,dass er siezuEnde erkannt hätte, weil er ja nicht über den Tellerrand seines empirischen Erkennens hinaussehen kann).24 Was er erkennt, kann nicht mehr sein, als was ihm zu einem bestimmten Zeitpunkt erkennenswert erscheint. Und andererseits ist die vorgefundene empirische Welt sowieso gegen die Zukunft hinnicht erkennbar:Alles, was da ist, kann –das kann er nicht ausschliessen –imnächsten Moment nicht mehr da sein.25

Natürlich mögen auf der Stelle Macht und Machthaber in die Bresche springen und einfach behaupten (und dann mitihren Methoden durchsetzen), dass eine Vorstellung Geltung habe:Nicht weilsie in irgendeiner Weise aus der vorgefundenen Welt hervorginge, sondernweilein Machthaberwünscht, dass der Fall sei bzw. gelte, was er behauptet. Auf diese plumpe Methode soll hier nicht mehr eingegangen werden;zum einen, weilinBezug auf sie an einem anderen Ort alles Wesentliche schon gesagt worden ist;26 zum anderen, weil ein solcher Versuch (gegebenenfalls halt erst nach der Verführung etwa zu einer Wahlentscheidung,die mannach der Wahl in dem Moment, da der Gewählte sein wahres Gesicht zeigt, auf der Stelle rückgängig machen möchte)leicht erkannt werden kann.27

Wirklich interessant –und damitein Gegenstandder Darlegung, der einer genaueren Überlegung wert ist –sind stattdessen Versuche, Gewissheit zu erreichen, die einengewissen Scheinvon Wahrheit haben und hinsichtlich ihrer verfehlten Anmassungnicht leicht durchschaut werden können, weil sie sich einer Neigung auch moderner Menschen dazu, ihrer Welt scheinbar endgültig habhaft zu werden, bedienen. Eine solche Betrachtung umfasst nun zwei Formen von Fragwürdigkeiten. Zum einen scheint es nun, dass es gewissermassen in der Verantwortung desMenschen liege, jenes allgemeine Prinzip zu finden, das der vorgefundenen Welt in ihrer Vielfalt zugrunde liege, bzw. dass sich der Mensch einer solchen Erkenntnisgegenüber dem öffnen müsse, was klügere, «vernünftigere» oder dann einsichtigereoder demütigerePersonen zu bedenken geben. In einem solchen Rahmen wird –trotz aller Überlegungen, die das Gegenteil nahelegen –immer weiter vorausgesetzt, dass der Mensch Zugang zu einer endgültigen tiefen Gewissheithabe, einer solchen Gewissheit aber ausweiche, weil er zu ihrer Erkenntnis zu trägeoder zu verbohrt oder dann zu wenig vernunftgesteuert oder zu haltlos sei.Dass er nicht finde oder gelten lasse, was scheinbar an sich der Fall ist, scheint dann also moralische Gründe zu haben.28

Damit scheint es zum Zweiten eine Frage des richtigen Erkennens oder der richtigen Einstellung des Einzelnen zu sein, dieden Weg zu Gewissheit bahnt Nichtalso plumper Machtausübung mitihrem heteronomen Charakter scheint

der Mensch folgen zu müssen, sonderngewissermassensich selbst, allenfalls unter Anführung derer, diemehr verstehen als der Einzelne (etwa Priester bzw. heilige Bücher oder dann «Experten»und «Expertinnen»). Eine solche Aussicht ist gewiss verführerisch, weil der Einzelne damit dazu gebracht wird, zu meinen, erkönne bei rechter Einstellung auch überindividuell Gültiges alleininsich selbst finden (und es scheint dann ja nur vernünftig, dass ihm dabei Personen unter die Arme greifen, dieallenfalls mehr verstehen als er selbst29 ). Gerade deswegen aber –weil einsolches Versprechen fragwürdig erscheinen muss –ist es bedeutsam, einer genaueren Überprüfung zu unterziehen, was nun geschieht.

Vorausgeschickt muss wohl werden –esist schon angedeutet worden –, dass im Weiteren immer ohne weiteren Beweisauf der einen Seite die Vorstellungder Gestaltetheit des Vorgefundenen erhalten bleibt –eswird mit anderen Worten in der FolgeimZusammenhang mitallen Versuchen, die Welt zu verstehen, immer weiter vorausgesetzt, dass die vorgefundene Welt geformt sei, und zur Debatte steht dann allein, welchen Charakter eine solche Gestaltetheit habe. Und auf der anderen Seite wird –das ist gewiss die problematischere, auch weiter gehende Voraussetzung –unterstellt, dass der vorgefundenen Welt ein (wie man das miteinem pathetischen Ausdruck beschreiben mag) Sinn innewohne. Und dazu tritt (das wird immer schnell vergessen)die weitere Annahme, dass ein solcher «Sinn»(wenn es ihn gäbe) gefunden werden könne: Das istfreilich wieder eine ganz andereUnterstellung (wie man unbedingt festhalten muss30 ).

Dass es sich dabei um Fehlschlüsse handeln könnte, wird kaum erwogen. Der Mensch mag einstmals ganz in dievorgefundene Welt eingebunden gewesen sein undsoeinenfesten Platz eingenommen haben –daraus geht aber natürlich nicht hervor, dass das Ganze, in dem er ein Teil gewesen ist, und erst recht nicht er selbst bzw. seinDaseinirgendwie sinnvoll gewesen sei31 und er nun, da er sich emanzipierthabe, einen solchen mit der vorgefundenen Welt mitgegebenen Sinn erschliessen könne. Es könnte ja einfach sein, dass etwas war und immer weiter ist, das allein der Fall ist;nichts weiter. (Eine solche Antwort befriedigt freilich den Menschen nicht:Einfach da zu sein und dann gefressen zuwerden oder zu sterben, damit dieMaschine weiterlaufen kann, kann in seiner banalen Faktizität wohl kaum als «Sinn»durchgehen –ein «Sinn»scheint doch irgendwie über der blanken Tatsächlichkeitzustehen und eine –wie immer geartete – höhere Form eines vollendeten Gestaltetseins darzustellen.32 ) Oder er selbst könnte es sein, der dieKategorie des «Sinns»– zusammen mit seiner Emanzipation aus der vorgefundenen Welt –erst geschaffen hat:33 «Sinn»zufinden und –vielleicht –zuschaffen, könnte seine eigene Leistung sein;freilich dannmit demMakel, dass er hinsichtlich eines gefundenen «Sinns»nie Gewissheiterreichen könnte (womit eine wesentliche Voraussetzung eines «Sinns»– grundsätzlich und absolut zu gelten –nicht erfüllt würde).

Antworten auf dieFrage, wonach sich der Mensch in dem Augenblick, da er sich aus seiner Gebundenheitinder vorgefundenen Welt befreit, ausrichten und der Dilemma-Herausforderung,die damiteinhergeht, standhalten soll, scheinen unter diesen Umständen –wenn sienicht einfach aus der Unterstellung unter eine äussere Machtbestehen –zwei Formen zu haben.

Zum einen mögen Personen, dieden Anspruch erheben, Zugang zu göttlichem Wissen zu haben, dem Menschen weiter den Weg dazu weisen, wie er leben soll, indem sieanihn herantragen, was von der göttlichen Instanz hinter der vorgefundenen Welt von ihm gefordertsei.Sich von der Eingebundenheit in die vorgefundene Welt zu befreien, ist ja nicht damit gleichbedeutend, sich ganz frei zu machen. Auch als einSubjekt, das sich aus der vorgefundenen Welt loslöst, mag der Mensch immer weiter der Leitung,was die Richtung betrifft, die sein Leben nun nehmen soll, zu bedürfen;und eine göttliche Macht ihrerseits mag auch dann, wenn er sich von der Welt emanzipiert, immer weiter Forderungen an ihn stellen.34 Solche Forderungen erscheinen nun aber nicht mehr in die vorgefundene Welt gewissermassen «eingebaut», sondern bestehen nun in expliziten Anweisungen oder unausgesprochenen Erwartungen in Bezug darauf, wie er der vorgefundenen Welt begegnen und sich verhalten soll. Sie gewinnen soden abstrakten Charakter von Vorschriften oder Geboten. Dabei zeichnen sie sich in der einen oder anderen Weise dadurch aus, dass ihnen ein «idealer» Charakter eignet, dem sich der Mensch auch in seinem emanzipierten Status nun unterzuordnen zu haben scheint, und er hat ihnen gemäss zu leben. Geltung haben sie zunächst, weileine höhereMacht sie zu stellen scheint –essteht also nicht infrage, ob er siebeachten soll oder nicht.35 Später, im Zusammenhang mit einem weitergehenden Emanzipationsschritt, macht er sich solche Forderungen, sie gewissermassen «weiterdenkend», auch selbst zu eigen, indem erAnsprüche an sich stellt, dievon ihm selbst ausgehen. Nun sind es nicht mehr allein göttliche Forderungen, dieererfüllt, sondern er ersinnt sich auch selbst Vorstellungen davon, wieersichzuverhalten habe, wenn sein Leben würdig sein soll. Insofern, als es sich bei diesen um «Ideale»handelt, verlangen sie auch ohne göttlichen Hintergrund, absolut und ohne Einschränkung Beachtung zu finden. «Ideale»scheinen ihre Rechtfertigung ja in sich selbst zu tragen:Sie scheinen auf ihre Weise das zu umfassen, was sein muss;und etwas anderes, als dass sie ganz erfüllt würden, scheint nicht denkbar;mit dem Ergebnis, dass sich der Mensch ganz in sieeinfügenmuss.36

Oder aber aktiviert der Mensch gewissermassen die archaische Vorstellung, dass es «inWirklichkeit» (wie man dann gerne sagt)die «Tatsachen»der vorgefundenen Welt(und das, was sich aus ihnen ableiten lässt; etwa Modelle der Welt)seien, die bestimmten und bestimmen müssten, wie er sich in die vorgefundene Welt einfügen müsse. Damitlegt er sein Augenmerk statt auf das, was von ihm gefordert seinmag, auf dieGestalt der vorgefundenen Welt selbst (oder was er dafür hält)oder wird dazu gezwungen, sein Augenmerk darauf zu legen,

und hält sich selbst dazu an (oder wird von Personen, die für sich ein höheres Verständnis fürTatsachen beanspruchen dazu angehalten), sich in die Welt so einzufügen, wie sie (angeblich)ist. Das leuchtet auf den ersten Blick gewiss ein –wie könnte sich der Mensch ausserhalb der Tatsachen der vorgefundenen Welt positionieren, wenn sich diese doch als ein Gefüge von unbeeinflussbaren überindividuellen «Realitäten»(wiesichder moderne Mensch ausdrücken würde) zeigt?Damit geht freilich einher, dass im Rahmen einer solchen Vorstellung das Subjekt vernachlässigtwird. Es wird (wieder)bloss als ein Glied eines unindividuellen Gefüges –und damitgewissermassen als ein Element ohne Stimmrecht –aufgefasst. Der autoritäre Charakter einer solchen Vorstellung springt in die Augen –und es stellt sich sofort dieFrage, welche Instanz das Recht dazu hätte, dem Subjekt seinRecht darauf zu verwehren, sich zu der Welt, in der es lebt, einzustellen: siealso zu bewerten, wie ihm das für richtig erscheint, und sich als eine unabhängige Stimme ihr gegenüber (und vielleicht auch ihr entgegen) zu stellen.37 Entgegen der von ihr unterstellten Unbezweifelbarkeit entbehrt also die Berufung auf dieTatsächlichkeitder vorgefundenen Welt eines fragwürdigen absoluten Geltungsanspruchs –sie kann einen solchen aber selbstverständlichnur erheben, wenn siegleichzeitig dem Einzelnen das Recht, das Subjekt seines Lebens zu sein, abspricht. Im Gegensatz zu einer Ausrichtung auf Anordnungen eines Gottes oder Forderungen, die von «Idealen»ausgehen, scheint der Einzelne im Rahmen solcher Vorstellungen keine Bedeutung mehr zuhaben. Aber der Mensch (jedenfalls in seiner emanzipierten Stellung)zeichnet sich bekanntlich dadurch aus, dass er einWesen ist, das «nein»sagen kann –insofern, als das der Fall ist, hat er eine von sogenannten «Tatsachen» unabhängige Stellung.38 Wenn er also nicht mehr «nein»sagen bzw. sich zu dem, was ihm begegnet, einstellen darf, wird er um einen grundsätzlichen Wesenszug seiner selbst:seine Fähigkeitzur Intentionalität,gebracht und damit ausgelöscht. Die Forderung, dass sich der Mensch auf «Tatsachen»auszurichten habe, so gerechtfertigt sie auf den ersten Blick erscheint, läuft also Gefahr, am Ende gar in vormoderne Vorstellungen abzugleiten und eine Form von Autoritarismus zu errichten, die der Moderne ja wohl schlecht ansteht.

Und am Ende mag sich noch eine ganz banale Form einer scheinbaren Letztgewissheit eröffnen (die bisher nicht thematisiert worden ist, weil nun wirklich wenig gehaltreich erscheint, was siepropagiert). Sie scheint den Menschen damit zu einer Form von Gewissheit zu führen, dass er nicht Vorstellungen, die ihm nicht imRahmen einer Auseinandersetzung als gewiss oder berechtigt erscheinen, anerkennt und sich ihnen dann allenfalls beugt, sondern dass sie ihn –unter abermaliger Hintanstellung seiner Persönlichkeit, ja sogar als Folge einer solchen –ganz dem überlässt, was ihn (ohne jede weitere Abwägung oder Diskussion)zuführen scheint:seinen sogenannten Emotionen.39 Indem der Mensch das tut, ergibt er sich erneut einer (vorgefundenen)unkontrollierten Macht; und einer Macht zudem, dieihn gleichzeitig in umfassender

Weise in Beschlag nimmt. Sogenannte Emotionen ergreifen den Menschen ja jeweils ganz (und schieben andere Gesichtspunkte resolut beiseite). Fast mag es scheinen, dass der Mensch, indem er ihnen entscheidende Bedeutung zuschreibe, wieder in jenesStadium regrediere, dem er sich mittels seines Wunsches, sich zu emanzipieren und zu einem Subjekt zu werden, das der Welt gegenübersteht, zu entziehen versucht hat.40 Nun scheint er eine Instanz gefunden zu haben, die keine Zweifel und Auseinandersetzung mehr kennt, sondern ohne Einschränkung über ihn bestimmt bzw. ihn auf ihren Weg zwingt. Insofern, als das der Fall ist, scheint der Mensch endlich zu dem gefunden zu haben, was er (mit seiner Vorliebe für grosse Worte) Souveränität nennt (obwohl er damit ja gerade das Gegenteil von Souveränität erreicht;insofern er sich so aus der Hand gibt).

Er soll ja aberweder zu einem Element eines grösseren Ganzen werden noch umgekehrt eine (fragwürdige)«Souveränität»erreichen, sondern im Gegenteil der Tatsache ins Auge zu sehen lernen, dass er selbst zwar unstreitig «da»ist, mit seiner Emanzipation von der vorgefundenen Welt aber nie mehr absolute Gewissheitgewinnen kann und sich darin einrichten muss, dass es sich soverhält.

2Vertiefung des Gesagten;Sollen und Sein

Die Emanzipation des Menschen aus der vorgefundenen Welt geht wohl so vor sich, dass der Mensch, statt sich gewissermassen immer weiter blind in daseinzufügen, was ihm als Glied der vorgefundenen Welt vorgegeben ist, zu einem gewissen Zeitpunkt auf das, was man «höhere Forderungen»nennen könnte, auszurichten beginnt.41 Er erhebt sich nach und nach über die vorgefundene Welt, indem er sich von (abstrakten)Vorstellungen von etwas, was sein soll, führenlässt und seinVerhalten nun auch im Lichte von solchen gestaltet. So prüft er sein Handeln daraufhin, ob er solchen Vorstellungen genügt (oder nimmt es hin, dass er von bestimmten Personen daraufhin beurteilt wird,42 oder stellt sich vor, dass ihn eine Macht beurteilt). Seine Emanzipation besteht dabei also darin, dass er, indem er sein Handeln vor dem Hintergrund eines Sollens bewertet, für dieses eine Art von Verantwortung übernimmt. Quelle und Massstab seiner Vorstellungen istdabei (wie immer er sich ein solches ausmalen mag)das Wollen einer höheren Macht. Was von ihm gefordert zu sein scheint, nimmt in Form von Riten, die er mit anderen Menschen zusammen ausübt, oder Mythen, im Rahmen welcher göttliche Helden beispielhaft handeln und denen er dann nachzufolgen versucht, und schliesslich in expliziten Forderungenoder Geboten Gestalt an. (Anihn herangetragen werden diese, wie man anfügen muss, von Personen, dievorgeben, zu wissen oder zu erahnen, worin das göttliche Wollen besteht:von Medizinmännern oder Priestern oder «Weisen»aller Art.) Geprägt ist das, was vom Menschen gefordert ist, dabei zunächst von einem uneingeschränkten Voluntarismus. Da für den Menschen in der Zeit, in der er sich von der vorgefundenen Welt zu emanzipieren beginnt, nicht einmal ansatzweise zur Debatte steht, ob er göttlichen Anordnungen gehorchen soll oder nicht, und er sich ja auch nicht zutraut, eigene Gesichtspunkte ins Treffen zu führen, ist das für ihn selbstverständlich. Sich ihnen zuunterstellen, ist auf jeden Fall angezeigt;und dazu, sich mit dem, dem er folgt, auseinanderzusetzen, hat er keinen Anlass, weil für ihn ausser Frage steht, dass die göttlichen Mächte, diehinter der vorgefundenen Welt stehen, ein Recht darauf haben, über ihn zu gebieten.43 Was von ihm gefordert ist, erscheint als Produkt des Wollens einer Macht, dieeinfach da ist und will, was sie will.44 Und Sollen scheint ja auf dieser Stufe der Entwicklung seine Verankerung in sich selbst zu tragen. Wieeine «Ordnung»scheinbar schon deswegen existieren muss,weil ja Ordnung bestehen muss, wenn nicht «Chaos»herrschen soll (und

es keine verschiedenen Spielarten von «Ordnung»geben kann, weil «Ordnung» scheinbar nur auf eine Weise Gestalt annehmen kann), scheint eine Sollensforderung schon in sichselbst begründet zu sein. Aus dem Anspruch eines Sollens scheint hervorzugehen, dass sieerfüllt werden muss, 45 und es scheint nur eine Form einer solchen Sollensforderung zu geben. Eine solche Feststellung ist deswegen angezeigt, weilimRahmen der dargestellten Vorstellung alle Überprüfung an der vorgefundenen Welt und ihren «Tatsachen»wegfällt:Der Voluntarismus einer solchen Sollensvorstellung erstreckt sich nicht nur auf das, was sie imEinzelnen inhaltlich fordert, sondernauch darauf, dass sie sich als Ganze nicht rechtfertigte oder gar ihr Wollen aus Vorgefundenem ableitete (bzw. auch nicht erwartet wird, dass siesichrechtfertigen könne).46 Voluntarismus will, dass etwas der Fall sei –erist nicht das Produkteines Abwägens oder Prüfens: Dass etwas (von den Mächten, diehinter der vorgefundenen Welt stehen)gewollt ist, ist nicht nur faktisch so, wie es ist, sondern erhebt selbstverständlich auch den Anspruch, alles, was möglich ist, zu umfassen.47

Nach und nach nehmen nun solche Sollensforderungen aber eine verfeinerte Form an. DieantikePhilosophieentwickelt zum Beispiel die Vorstellung, dass der Mensch nicht nur göttlichen Mächten gegenüberstehe, sondern dass vor allem auch der vorgefundenen Welt eine gottgewollte «höhere»Ordnung zugrunde liege, wenn man sienur richtig lese. Esgenügt also nicht, dass sich der Mensch der vorgefundenen Welt zuwendet, sondern er muss dazu vorstossen, ihren innersten Bauplan zu erkennen,48 und die Forderungen der göttlichen Mächtehinter der vorgefundenen Welt scheinen erst dann richtig erkannt werden zu können, wenn dieWelt richtig erkannt ist. An den Menschen ergeht angesichts einer solchen Sehweise deswegen dieForderung, sich, in Bezug auf die vorgefundene Welt, darum zu bemühen, zu ergründen, was hinter dem steckt, was sich dem Menschen zunächst darbietet.49 Vonihm gefordert ist nun also nicht mehr ein einfaches sich Einfügen in Gebote und Forderungen, sondern, imRahmen einer eigentlichen Intellektualisierung der an ihn gerichteten Ansprüche, alles daran zu setzen, dieWelt zu verstehen, so wie sie (wie man nun sagt)«wirklich»ist, siealso hinsichtlich ihres «wahren Wesens»aufzufassen (bzw. sich dem Verfallenseinindie vorgefundene Welt zu entziehen)und sein Verhalten dann auf das, was er so findet, auszurichten.

An die Stelleeines Voluntarismus, dem Menschen allein dadurch begegnen können, dass sie sich in das einfügen, was verlangt ist, tritt damit eine Form von Essentialismus: eine Vorstellung,inder nicht mehr ein blindes Wollen von übermenschlichen Mächten, sondernein unterstelltes Gelten an sich (das erkannt werden kann und erkannt werden muss)bestimmend wirkt.50 Wie man erkennt, bleibt auch in einer solchen Auffassung die Vorstellung des Sollens als bestimmende Kraft immer weiter erhalten;nun aber in Form der Forderung, dass der Mensch dievorgefundene Welt richtig auffassen und sich richtig in sie einpassen müsse. Das Sollen löst sich dabei von einzelnen inhaltlichen (materi-

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