Uwe Plath studierte Geschichte, Latein und evangelische Theologie und wurde 1972 promoviert. Er arbeitete als Studiendirektor im niedersächsischen Schuldienst, war Lehrbeauftragter an der Universität Lüneburg und Mitherausgeber der Lüneburger Blätter und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten über Castellio. Stefania Salvadori ist Reformationshistorikerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Göttingen. Ihre Forschungsgebiete sind die frühneuzeitliche Toleranzdebatte, Humanismus und Reformation sowie der radikale Pietismus. Bernhard Vischer, Jurist und Informatiker, ist verwurzelt in der Humanistenstadt Basel.
Sebastian Castellio 1515–1563 Ein Lesebuch Acht ausgewiesene Spezialisten haben aus dem vielfältigen Werk des bedeutenden Toleranzdenkers Sebastian Castellio (1515–1563) wichtige Ausschnitte gut verständlich aus dem Lateinischen oder Französischen übersetzt und kommentiert. So entsteht ein lebendiges Bild des anziehenden Pädagogen, kämpferischen Theologen und mit seiner Textkritik und seiner Forderung von Gewissens- und Religionsfreiheit weit vorausweisenden Humanisten.
Sebastian Castellio. Ein Lesebuch
Christine Christ-von Wedel studierte Geschichte, Philosophie und Kirchengeschichte an der Universität Basel und wurde 1979 promoviert. Ihren Forschungsschwerpunkt bilden Humanismus und Reformation; 2015 erhielt sie den Wissenschaftspreis der Stadt Basel.
Ch. Christ-von Wedel, U. Plath, S. Salvadori, B. Vischer (Hg.)
SICG 6
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Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft 6 Christine Christ-von Wedel, Uwe Plath, Stefania Salvadori, Bernhard Vischer (Hg.)
Sebastian Castellio 1515–1563 Ein Lesebuch
Freiheit des Denkens.
Sebastian Castellio in Basel
Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft Herausgegeben vom Vorstand der Internationalen Castellio Gesellschaft
Konzeption und Redaktion: Prof. Dr. Brigitte Hilmer Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. David Amherdt Dr. Christine Christ-von Wedel Prof. Dr. Mariano Delgado Prof. Dr. Henriette Harich Dr. Peter Litwan Prof. Dr. Barbara Mahlmann-Bauer Dr. Uwe Plath Prof. Dr. Seraina Plotke † Band 6
Christine Christ-von Wedel, Uwe Plath, Stefania Salvadori, Bernhard Vischer (Hg.)
Sebastian Castellio (1515–1563) Ein Lesebuch
Schwabe Verlag
Publiziert mit Unterstützung der Stiftung Sebastian-Castellio-Preis und des Swisslos-Fonds Basel Stadt
Open Access: Wo nicht anders festgehalten, ist diese Publikation lizenziert unter der Creative- Commons-Lizenz Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0) Jede kommerzielle Verwertung durch andere bedarf der vorherigen Einwilligung des Verlages. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 bei den Autor:innen; Zusammenstellung © 2026 Christine Christ-von Wedel, Uwe Plath, Stefania Salvadori, Bernhard Vischer, veröffentlicht durch Schwabe Verlag Basel, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Korrektorat: Anna Ertel, Göttingen Covergestaltung und -illustration: Lena Klein, Bern Satz und Layout: Claudia Wild, Konstanz Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza Printed in Germany Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5585-5 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5586-2 DOI 10.24894/978-3-7965-5586-2 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Abb. 1: Die Castellio-Gedenktafel im St.-Alban-Tal, Basel. Das Werk von Markus Böhmer wurde im Herbst 2016 eingeweiht.
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Inhaltsverzeichnis
Geleitwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Lebensdaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Richtlinien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Biografisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
Vorwort zur Homer-Ausgabe, 1561: Umgang mit klassischer Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 An Curione, 22. März 1546: Bücher und Grüße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Neujahrsgedicht an Bonifacius Amerbach: Dank mit eleganter Poesie. . . 33 An Enzinas, 20. Juni 1549: Schicksalsschläge in der Familie. . . . . . . . . . . . 36 An Georg Cassander, 12. April 1553: Korrespondenz mit einem katholischen Freund. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 Quittung, 15. Februar 1559: 14 Taler, ausgeliehen von Bonifacius Amerbach. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 An Kaspar Herwagen, 26. Februar 1560: Bericht von einem spätabendlichen Disput. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Verteidigungsschrift vor dem Basler Rat, 24. November 1563: Eine Intrige Theodor Bezas, Anklage wegen Häresie und Gotteslästerung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
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Inhaltsverzeichnis
Castellio als Pädagoge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Die Dialogi sacri, 1543 (1565): Schüler lernen mit biblischen Gesprächen Latein. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Vorwort zu Mosis Institutio Reipublicae graecolatina, Basel 1546: Gute Sprache und Lebensweisheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 An Felix Platter, 29. Juli 1556: Ermahnung an einen begabten Studenten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 An Bonifacius Amerbach, 18. November 1559: Bitte um Unterstützung für einen mittellosen Studenten. . . . . . . . . . . . . . . 86 Castellio als Bibelübersetzer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
Castellios Anmerkung zu den Zehn Geboten von 1546: Die Naturrechtslehre Ciceros und die mosaischen Gesetze. . . . . . . . . . . . . 90 Vorrede zum Psalterium von 1547: Übersetzung hebräischer Psalmen in lateinische Prosa. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Psalm 117: Ein Beispiel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Biblia latina, 1551: Widmung an Eduard VI. von England . . . . . . . . . . . . . 115 An Theodor Beza, 16. Juni 1558: Castellios Antwort auf Bezas Kritik an seiner Bibelübersetzung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 La Bible, 1555: Castellio ruft den Hugenottenverfolger Heinrich II. von Frankreich zu Toleranz auf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Castellio als Theologe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
An Zurkinden, 11. November / 1. Dezember 1556: Plan für eine lateinische Ausgabe der Theologia Deutsch. . . . . . . . . . . . . . . 144 Vorwort zur Theologia Germanica, 1557: Lehrbuch zur Gottes- und Nächstenliebe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort zu De imitatione Christi, 1563: Eine berühmte spätmittelalterliche Erbauungsschrift in elegantem Latein . . . . . . . . . . . . . 159 Dialogi IV, 1578 (1613): Auszüge aus dem Dialog über die umstrittene Willensfreiheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Dialogi IV, 1578 (1613): Der vierte Dialog über den Glauben . . . . . . . . . . 201 De arte dubitandi, um 1563: Eine neue erkenntnistheoretische Methode zur Beseitigung jeder Form von Intoleranz. . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 Die Toleranzkontroverse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
Historia de morte Serveti, 1553: Reaktion vieler Frommer auf den Tod Michael Servets. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 De haereticis an sint persequendi, 1554: Widmung des „Martinus Bellius“ an Christoph von Württemberg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 Traité des hérétiques, 1554: Widmung an Landgraf Wilhelm IV. von Hessen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 Contra libellum Calvini, 1554 (1612): Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 De haereticis non puniendis, 1555: Falsche Verleumdungen gegen die Täufer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 An Elisabeth I., 7. Januar 1559: Hoffnungen für England unter der neuen Königin. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 An Nikolaus Blesdijk, 23. November 1562: Warnung vor der Verfolgung der Täufer in der Pfalz, Kritik an Religionskriegen in Frankreich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335 Conseil à la France désolée, 1562: Castellio propagiert Gewissens- und Religionsfreiheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339
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Bibliografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365 Personenregister. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 Ortsregister. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 Bibelstellenregister. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 Autorenbiografien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379
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Geleitwort
„Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“1 Mit dieser Feststellung – in zwölf Wörtern – ist Sebastian Castellio (1515– 1563) in die Geschichte eingegangen. Sie wirkt noch heute in der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen nach. Als gewichtige Stimme in der Toleranzdebatte ist Castellio weithin bekannt, noch wenig hingegen auch als Verfasser pädagogischer und theologischer Schriften, als kritischer Bibelübersetzer und als politischer Denker. Das vorliegende Lesebuch führt in gewissermaßen homöopathischen Dosen in dieses weitere Wirkungsfeld Castellios ein. Wir begegnen einem scharfen, unerbittlichen Denker, bescheiden, zugleich charmant und witzig.
Bernhard Vischer, 14. Dezember 2025
Castellio, Contra libellum Calvini (1612), fol. E1v (= Art. 77): „Hominem occidere, non est doctrinam tueri, sed est hominem occidere“; Castellio, Contra libellum Calvini (2019), 103. 1
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Vorwort
Castellios Welt scheint auf den ersten Blick dem säkularen Menschen des 21. Jahrhunderts fremd. Ein so ernstes Christentum wie seines, das von Wiedergeburt in Christus und Selbstverleugnung spricht, ist heute wohl nur selten anzutreffen. Aber solche Vorstellungen waren auch im 16. Jahrhundert keineswegs die Regel, wie Castellio selbst in seinem Dialog vom Glauben hervorhob. Die Menschen wollten, so Castellio, nur das hören, was ihrem Ego schmeichle, und die Prediger bedienten ihre Wünsche.1 Verschiedene Auslegungen, was Glauben heißt und wie er zu leben sei, konkurrierten, ganz abgesehen davon, dass manche, die sich Christen nannten, ihren Glauben wohl überhaupt nicht ernsthaft praktizieren wollten. Noch weniger war im 16. Jahrhundert Castellios dringender Ruf, Mitmenschen, welchem Glauben oder welchen Werten sie auch anhingen, in ihren Gewissensentscheidungen zu respektieren, eine Selbstverständlichkeit. Eine Menschenrechtserklärung gab es damals noch nicht, aber es gab das als Autorität anerkannte Neue Testament, das zur Liebe sogar gegenüber den Feinden aufrief. Fast alle Menschen in Europa bekannten sich damals zum Christentum, wie sich heute die Menschheit mehrheitlich zu den Menschenrechten bekennt – aber wie oft werden sie selbst in Europa missachtet! Sebastian Castellio scheint nur auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen. Die theologischen, philosophischen und politischen Debatten seiner Zeit haben auch uns etwas zu sagen, insbesondere die Art, wie er sie führte: mit großem Einfühlungsvermögen in die menschliche Seele, mit pädagogischem Geschick und meist in der offenen Form des Dialogs, die erlaubte, die Gegenargumente angemessen zu Wort kommen zu lassen. Trotz der großen Aktualität ist die Zahl der Castellio-Forschenden klein. Castellio ist eine Gestalt, die sich keiner theologischen Schule eindeutig zu1
Vgl. den ganzen Dialog über den Glauben, bes. S. 215–219.
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Vorwort
ordnen lässt. Hinzu kommt das weitverbreitete Desinteresse unserer heutigen Gesellschaft an theologischen Fragen überhaupt und die Schwierigkeit, seine Texte zu lesen. Abgesehen von wenigen französischen Werken in seiner Muttersprache, allerdings im savoyardischen Dialekt seiner Zeit, den schon damals viele Zeitgenossen rau und schwer verständlich fanden, sind seine Werke auf Latein verfasst, in einem sehr klaren, an Cicero geschulten Latein; aber in manchen Konstruktionen sind sie auch eigenwillig. Für viele potenziell Interessierte stellt die sprachliche Barriere eine erhebliche Hürde dar. Wer heute Studierenden rät, eine Bachelor- oder Masterarbeit zu Castellio zu schreiben, bekommt schnell den Einwand zu hören: Ich beherrsche Latein nicht gut genug. Abgesehen von wenigen erfreulichen Ausnahmen traut sich nur noch die Großelterngeneration der Theologen, Philosophen, Pädagogen, ja selbst oft Philologen zu, Castellio zu interpretieren. Umso erfreulicher ist, dass sich an diesem Buch nicht nur ältere Forschende, sondern auch jüngere beteiligt haben. Sie haben für heutige Interessierte Castellio-Texte ins Deutsche übersetzt und kommentiert, um so die Sprachbarriere und die Fremdheit des 16. Jahrhunderts für Deutschsprachige zu überwinden. Die Übersetzungen eröffnen damit einem erweiterten Leserkreis erstmals den Zugang zu bislang wenig bekannten Texten und tragen so dazu bei, Castellio in einer vielschichtigeren und differenzierteren Weise wahrzunehmen – sowohl als Mensch als auch als Theologe und Humanist des 16. Jahrhunderts. Acht Autoren brachten ihre fächerübergreifende Expertise in das Lesebuch ein. Aus der Philologie stammt die Germanistin Prof. Dr. Barbara Mahlmann, die nach zahlreichen Studien zu Castellio kürzlich eine große Edition von Castellios berühmten Werk De haereticis an sint persequendi herausgab. Von der Philologie her kommen auch die Pädagogen Dr. Peter Litwan mit Schwerpunkt Latinistik und Rosette Beglinger als Romanistin sowie der als Editor Reuchlins bekannte Dr. Matthias Dall’Asta. Schriften des 16. Jahrhunderts edierten auch die – im Zusammenhang mit Castellio durch Studien zum theologischen Kontext von dessen De arte dubitandi bekannte – Historikerin Dr. Stefania Salvadori und der Historiker Dr. Uwe Plath, der mit der Edition des Contra libellum Calvini und verschiedenen Castellio-Übersetzungen hervorgetreten ist. Editorisch tätig ist auch der Historiker Dr. Mikkel Mangold, den das Studium der Geschichte mit der Humanismus- und Reformationsforscherin Dr. Christine Christ-von Wedel verbindet. Das Spezialgebiet des Kir-
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Vorwort
chenhistorikers und Theologen Prof. Dr. Ueli Zahnd ist insbesondere die Erforschung des Rezeptionsverhältnisses zwischen spätmittelalterlicher und protestantischer Theologie. Das Werk ist in fünf Abschnitte eingeteilt, beginnend mit Briefen oder Widmungen Castellios, die seine humanistische Bildung und seine Liebe zur klassischen Literatur deutlich erkennen lassen und zugleich das weit verzweigte, internationale und multikonfessionelle Netzwerk von Freunden und Korrespondenten widerspiegeln. Mit ihnen teilt Castellio seine editorischen Projekte, seine philologische Arbeit, seine familiären und wirtschaftlichen Sorgen sowie seinen Alltag in Basel. Auf diese Weise erhalten die Lesenden Einblick in das Leben dieses Autors, dessen Lebensweg bis zu seinen letzten Tagen von harten theologischen Auseinandersetzungen – vor allem mit Johannes Calvin und Theodor Beza – geprägt war. Der zweite Teil umfasst Werke, die sich an jüngere Schüler und Studenten wandten, und verdeutlicht Castellios pädagogische Methode und sein pädagogisches Ziel, das die humanistische Bildung der christlichen Erziehung unterordnet. Zugleich treten Castellios Sorge sowie sein konkretes Engagement für die jüngere Generation deutlich hervor. Seinen Schülern und Studenten versagte er weder ermutigende noch mahnende Worte und sorgte dafür, dass sie bei Bedarf angemessene finanzielle Unterstützung erhielten. Im dritten Abschnitt begegnet uns der Bibelübersetzer, der die Bibel als ein Zeugnis von Gottes Handeln mit der Welt verstand, das jeder Zeit in der ihr eigenen Sprache zu präsentieren sei und dessen Botschaft nicht in starren Glaubenslehren, Riten oder Regeln bestehe, sondern in der Liebe eines Gottes, der sich im Wandel der Zeiten auf eine je eigene Weise bezeugt; dessen Versprechen einer ewigen Gerechtigkeit aber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überspannt. Der darauffolgende Teil führt ein in Castellios Umgang mit mittelalterlicher Erbauungsliteratur und in die zeitgenössische theologische Debatte. Neben der Debatte über die Prädestination zeigt Castellio im Dialog über den Glauben, dass ein aktiver Christ keine Kompromisse in Bezug auf die Pflichten der Christen eingehen sollte, dabei wohl wissend, wie vorläufig jedes menschliche Bemühen ist und wie sehr die Menschen auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen sind. In De arte dubitandi bietet uns Castellio sein Menschenbild. Nach ihm ist Gottes gutes Geschöpf dank seiner Vernunft, die der Offenbarung entspreche, fähig, gottgefällig zu leben.
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Vorwort
Der letzte Teil zur Toleranz ist damit vorbereitet, denn auch als Briefschreiber, als Pädagoge, als Bibelübersetzer und Theologe erwies Castellio sich bereits als Toleranzdenker. Dieser Teil führt ein in die Debatte um die Verbrennung des ‚Ketzers‘ Michael Servet in Genf, die nicht mit seinem bekanntesten Werk De haereticis an sint persequendi endete. Der Abschnitt leitet schließlich über zu seinem Ratschlag an das von Religionskriegen verwüstete Frankreich, dem er Gewissens- und Kultfreiheit empfahl. Den fünf Teilen ist eine ausführliche Chronologie vorangestellt, die den Lesenden einen allgemeinen Überblick über das Leben Castellios verschaffen soll und die auch zum Nachschlagen geeignet ist. Die Herausgeberinnen und Herausgeber haben beschlossen, neben den erstmals hier ins Deutsche übersetzten Teilen auch bereits zuvor auf Deutsch veröffentlichte Stücke aufzunehmen, um wichtigste Texte nicht auszulassen. Insbesondere Uwe Plath hat schon zuvor von ihm publizierte Texte zur Toleranzdebatte neu überarbeitet. Dazu kommen Teile aus der Übersetzung von De arte dubitandi des jüngst verstorbenen Werner Stingl, überarbeitet von Stefania Salvadori. Obwohl Übersetzungen in der akademischen Welt mehr und mehr benutzt, ja benötigt werden, ernten Wissenschaftler damit keine großen Lorbeeren. Umso mehr danken wir den Beitragenden für ihre mühevolle, umsichtige Arbeit und für ihre Einführungen, die sich durch eine große Vielfalt in der Art der Kommentierung auszeichnen, was Castellio, der offene Debatten und Methodenreichtum liebte, gewiss gefallen hätte. Unser Dank gilt auch dem Schwabe Verlag, der uns mit Frau Dr. Arlette Neumann eine umsichtige Betreuerin zuteilte, und der Internationalen Castellio Gesellschaft, die das Werk in ihre von Frau Prof. Dr. Brigitte Hilmer betreute Schriftenreihe aufgenommen hat.
Christine Christ-von Wedel, Uwe Plath, Stefania Salvadori, Bernhard Vischer
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Abb. 2: Basel und Umgebung. Karte von Sebastian Münster (1538) – Ausschnitt.
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Lebensdaten
1515
Sebastian Castellio wird in Saint-Martin-du-Fresne als Kind von Bauersleuten geboren und wächst mit sechs Geschwistern auf.
1535–1540
Lycée de la Trinité in Lyon: Studium der alten Sprachen. Hier wird er zum Humanisten, klassischen Philologen und Poeten. Möglicherweise durch das Erlebnis einer Ketzerverbrennung in Lyon 1540 oder auch nach der Lektüre von Calvins erster (Basler) Institutio christianae religionis / Unterricht in der christlichen Religion schließt er sich der Reformation an. Er verlässt Lyon und geht nach Straßburg.
1540
Straßburg: Er lernt Calvin kennen, der ihn sehr schätzt und ihm die Leitung der Genfer Schule (Collège de Rive) überträgt.
1541
15. Juni: Amtsantritt in Genf; mit der pädagogischen Tätigkeit ist das Predigtamt an der Kirche von Vandoevres verbunden.
1542
Erste Entfremdung von Calvin, als dieser den Druck von Castellios französischer Übersetzung des Neuen Testaments ablehnt. Heirat mit Huguine Paquelon.
1543
Theologische Meinungsverschiedenheiten mit Calvin (besonders im Hinblick auf die Auslegung der Niederfahrt Christi zur Hölle und der Bewertung des Hohelieds Salomons) vertiefen die beiderseitige Entfremdung; erste Dialogi sacri / Fromme Dialoge.
1544
Geburt der Tochter Susanne; Castellios heftige Kritik an der Amtsführung und dem Lebenswandel der Genfer Geistlichen führt zum Bruch mit Calvin.
1545
Übersiedlung nach Basel: Castellios erste Basler Jahre sind von Armut geprägt; er arbeitet als Korrektor beim Drucker Johannes Oporin und gibt die Oracula Sibyllina / Sibyllinische[n] Orakel heraus. Er beginnt mit eigenen theologischen und pädagogischen Arbeiten: 1545–1547 erweiterte Editionen der Dialogi sacri; 1546 Mosis Institutio Reipublicae graecolatina / Die Staatsverfassung des Mose und Moses Latinus / Die Mosebücher auf Latein, gleichsam Vorarbeiten für die lateinische Bibel.
1547
Geburt der Tochter Debora; Druck des Psalteriums.
1549
Castellios Frau Huguine stirbt nach der Geburt des Sohnes Nathanael; kurz danach stirbt die Tochter Debora; Wiederverheiratung mit Maria (über die wir wenig wissen), mit der er sechs Kinder bekommt. Die lateinische Übersetzung der Bibel ist abgeschlossen; weitere Arbeit an der französischen Bibel.
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Lebensdaten
1551
Druck der lateinischen Bibel: Biblia interprete Sebastiano Castalione; die Eduard VI. von England gewidmet wird. Geburt der Tochter Anna.
1552
Geburt der Tochter Barbara.
1553
Abschluss der französischen Bibelübersetzung, die 1555 von Herwagen gedruckt wird. Mai: Ernennung zum Professor für Griechisch an der Artistenfakultät der Universität. 1. August: Promotion zum Magister artium. Beginn der Toleranzkontroverse nach der Verhaftung (13. August) und Verbrennung (27. Oktober) Michael Servets in Genf. November/Dezember: In Historia de morte Serveti kritisiert Castellio das Genfer Geschehen und nennt die Gründe, warum viele Fromme den Fall Servet als Skandal verurteilten.
1554
Februar: Calvin veröffentlicht Defensio orthodoxae fidei / Verteidigung des wahren Glaubens, um sein Vorgehen gegen Servet zu rechtfertigen. März: Geburt der Tochter Sara; Druck von Castellios De Haereticis an sint persequendi / Über Häretiker und ob man sie verfolgen soll mit allgemein gehaltener Kritik an Calvin und der Verbrennung Servets; auch auf Deutsch und Französisch übersetzt (gewidmet Wilhelm IV. von Hessen); auf Calvins Defensio antwortet Castellio mit Contra libellum Calvini / Gegen Calvins Büchlein. September: Theodor Beza antwortet mit De haereticis a civili magistratu puniendis / Häretiker sind von der weltlichen Obrigkeit zu bestrafen auf De haereticis an sint persequendi. Die Basler Zensur geht gegen die Kritik vor, die Castellio in der lateinischen Bibel (Annotationes / Bemerkungen zu Röm 9) an Calvins Prädestinationslehre übte.
1555
De haereticis a civili magistratu non puniendis / Häretiker sind von der weltlichen Obrigkeit nicht zu bestrafen; Castellios Antibellius, Antwort auf Bezas De haereticis puniendis; Druck der französischen Bibelübersetzung (La Bible nouvellement translatée), gewidmet Heinrich II. von Frankreich.
1556
Dritte revidierte Auflage der lateinischen Bibel; lateinische Übersetzung der Theologia Deutsch in Antwerpen gedruckt (herausgegeben unter dem Pseudonym: Johannes Theophilus).
1557
De calumnia liber unus / Ein Buch über das Verleumden: Streitschrift gegen Calvin (in Abschriften verbreitet). Auf die Kritik, die Beza in der lateinischen Ausgabe des Neuen Testaments (1556) an Castellios Bibelübersetzungen übt, antwortet dieser mit Defensio suarum translationum Bibliorum / Verteidigung seiner Bibelübersetzungen; die Basler Zensur verbietet die Veröffentlichung. 1. November: Philipp Melanchthon bietet Castellio in einem Brief „ewige Freundschaft“ an. 16. November: Castellio verteidigt sich in einer Disputation vor den Professoren und Pastoren erfolgreich gegen den Vorwurf der Gotteslästerung, der wegen angeblich von ihm geäußerter Kritik an Calvins Prädestinationslehre von Borrhaus erhoben wurde: Antwurt uff etlich artikul.
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Lebensdaten
1558
16. Juni: Castellio ist (auf eine entsprechende Anfrage Bezas hin) dazu bereit, sich in Bezas Neuauflage des Neuen Testaments zu dessen Kritik an Castellios Bibelübersetzungen zu äußern; Bezas Antwort ist nicht bekannt. Fertigstellung der Dialogi IV (De praedestinatione; De electione; De libero arbitrio; De fide) / Vier Dialoge (Über die Prädestination; Über die Erwählung; Über den freien Willen; Über den Glauben); in Castellios Freundeskreis verbreitet, gedruckt 1578. September: Mit Defensio ad authorem libri, cui titulus est calumniae nebulonis / Verteidigung gegen den Autor des Buches mit dem Titel ‚Verleumdungen eines Wirrkopfes‘ verteidigt sich Castellio gegen die Beleidigungen, die Calvin (in Calumniae nebulonis cuiusdam / Verleumdungen eines Wirrkopfes) und Beza (in Ad sycophantarum quorundam calumnias / Zu den Verleumdungen einiger Denunzianten) zuvor gegen ihn verbreitet hatten, er erhält keine Druckerlaubnis. Geburt des Sohnes Bonifacius. Nikolaus Zurkinden schlägt Castellio 1558 (und nochmals 1562) vergeblich als Nachfolger für den von Lausanne nach Genf übergesiedelten Theodor Beza vor.
1559
Februar: Kauf des Hauses „Zum schlafenden Jakob“ an der Steinenvorstadt. Mai: „Enthüllungsaffäre“ um den „Erzketzer“ David Joris.
1559/60
Geburt des Sohnes Thomas.
1561
Griechisch-lateinische Gesamtausgabe Homers (Homeri opera graecolatina omnia).
1562
Druckerlaubnis für die 1557 verbotene Defensio suarum translationum Bibliorum, nachdem Calvin und Beza im Vorwort der französischen Übersetzung des Neuen Testaments Castellio als „vom Satan auserwähltes Werkzeug“ beschimpft hatten. Geburt des Sohnes Frederic. Conseil à la France désolée / Ratschlag an das verwüstete Frankreich: Castellio ruft beide Konfessionsparteien zu Frieden, Gewissens- und Kultfreiheit auf.
1563
Druck der Defensio suarum translationum Bibliorum (in von Borrhaus stark zensierter Fassung) in Basel; Beza reagiert empört darauf mit Responsio ad defensiones et reprehensiones Sebastiani Castellionis / Antwort auf die Verteidigungen und Widerlegungen Sebastian Castellios (Genf 1563). Übersetzung der Dialogi triginta / Dreißig Dialoge des Bernardino Ochino. Fertigstellung des letzten Werks: De arte dubitandi et confidendi, ignorandi et sciendi / Die Kunst des Zweifelns und Glaubens, des Nichtwissens und Wissens; Neuausgabe der Imitatio Christi / Die Nachfolge Christi des Thomas a Kempis. November: Der Basler Arzt Adam von Bodenstein klagt Castellio aufgrund einer Intrige Bezas vor dem Rat der Stadt Basel an wegen Häresie und Verführung der Jugend und wegen der Übersetzung von Ochinos Dialogi Triginta; Castellio nimmt dazu in seiner Verteidigungsschrift an den Basler Rat vom 24. November, seinem letzten überlieferten Schriftstück, Stellung. Bevor der Rat entscheidet, stirbt Castellio. 29. Dezember: Tod Sebastian Castellios. Er wird in einem feierlichen Akt, wie bei Professoren der Universität üblich, im Kreuzgang des Münsters beigesetzt; vornehme polnische Studenten stiften das Epitaph und rühmen seine Gelehrsamkeit und Integrität.
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Sebastian Castellio. Das anonyme posthume Porträt aus dem 16. Jahrhundert diente fast allen späteren Abbildungen als Vorlage. Abb. 3:
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Biografisches
Die Texte werfen ein Licht auf die Lebensverhältnisse Castellios und seiner Familie sowie auf die Beziehungen zu einigen Freunden. Während der Studienzeit in Lyon lernt der Bauernsohn aus Saint-Martin-du-Fresne urbanes Leben kennen und lässt sich am Collège de la Trinité für den Humanismus und die Autoren der klassischen Sprachen, besonders für Homer, begeistern. Er wendet sich der Reformation zu und wirkt nach einem Aufenthalt in Straßburg, wo er Calvin kennenlernt, als Lehrer in Genf. Nach theologischen Auseinandersetzungen mit Calvin findet er in Basel eine neue Heimat und neue Bekannte und Freunde. Zu ihnen gehören nicht nur der Buchdrucker Johannes Oporin, der ihn als Korrektor anstellt und seine wissenschaftlichen Arbeiten fördert, sondern auch andere humanistisch geprägte Glaubensflüchtlinge wie der italienische Rhetorikprofessor Celio Secundo Curione, das Haupt der Basler Italienergemeinde, der Spanier Francisco de Enzinas (Dryander), Professor in Cambridge, oder der aus Belgien stammende katholische Humanist Georg Cassander. Kontakte bestehen auch zu einflussreichen Mitgliedern der Basler Gesellschaft. Der angesehene Ratskonsulent Bonifacius Amerbach gewährt Castellio finanzielle Unterstützung und vertraut ihm die Erziehung seines Sohnes Basilius an. Nicht nur mit Basilius, auch mit Söhnen anderer bekannter Basler steht Castellio in Verbindung, wie der Brief an Kasper Herwagen, den Sohn des Buchdruckers Johannes Herwagen, zeigt. Wie gefährdet der Basler Humanist damals nach der Kritik an Calvins Prädestinationslehre und dessen Vorgehen gegen Michael Servet (trotz guter Beziehungen zu Bonifacius Amerbach und dem Antistes Simon Sulzer) war, belegt seine Verteidigung vor dem Basler Rat kurz vor seinem Tod.