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Liebes linien

in ihren Literaturbeziehungen mit Paul Celan und Max Frisch

I.Annäherungen

8.«Romanonrisponde.»EinBriefwechsel

10.PrismatischeMännlichkeit.MaxFrisch,

IV.SprachenderErinnerung

1.IngeborgBachmanninihren Literaturbeziehungen

Aslines,solovesobliquemaywell Themselvesineveryanglegreet; Butourssotrulyparallel, Thoughinfinite,cannevermeet.

Thereforethelovewhichusdothbind, ButFatesoenviouslydebars, Istheconjunctionofthemind, Andoppositionofthestars.

(AndrewMarvell, TheDefinitionofLove )

LektürenvonLiebeundLiteratur

«Bücher?Ja,ichleseviel,ichhabeimmerschonvielgelesen.»1 DiesesBuch überdie Liebeslinien,diequerdurchIngeborgBachmannsliterarischeExistenzverlaufenundsiemitihrenGeliebtenundLiteraturpartnernverbinden, mitPaulCelan,mitMaxFrischundmitanderen,«hat»,umausderPassageeinesfiktivenLiteratur-Interviewszuzitieren,dasindemRoman Malina gegebenwird,«vorallemmitdemLesenzutun».EsgehtdarinumdieEntzifferungvonLiteraturbeziehungen,desinihnengelebtenLebensundder ausihnenhervorgegangenenSchriftstücke,TexteundWerke.FolglichbeschäftigtsichdasvorliegendeBuchnichtsosehrmitdemLebenselbst,son-

1 IngeborgBachmann:Malina.Werke[W].Hg.vonChristineKoschel,Ingevon Weidenbaum,ClemensMünster.4Bde.,München1978.Bd.III,S.93;diefolgendenZitateebd.

dernmitdessenlesbarenSpuren;mit«SchwarzaufWeiß,mitdenBuchstaben,denSilben,denZeilen,diesenunmenschlichenFixierungen»,inderen NiederschriftsosehrvielMenschlichesEinlassfandundbeimLesenwieder berührtwird.DasGeschriebeneschafft«Festlegungen»,heißtesin Malina, esgleichtmituntersogareinem«zumAusdruckerstarrtenWahn»;denn ebensowiederVorgangdesSchreibensscheintauchjenerderLektürezuweilenangetriebenvondemBegehrennacheiner«Rückversicherungder SätzeimLeben». Liebeslinien sindSchriftspuren,welchedieLiebezog; energischundpfeilgrad,wieaufdemUmschlagvonBachmannserstem BriefanMaxFrisch;oderformbewusstinpoetischeNotationssystemegefügt,wieindenGedicht-DialogenmitPaulCelan.

DasAußergewöhnlicheamWerkundimLebenderSchriftstellerinIngeborgBachmannzeigtvielerleiAspekte:ihrenSonderstatusals«poetaassoluta»,2 FrauundDichterinimvonMännerndominiertenClubderGruppe47;ihrevonMedienundFotografendankbaraufgegriffeneNeigungzu radikalerSelbstexpositionalsöffentlichePerson;3 ihrenfolgenreichen WechselvonderdieFrühzeitbestimmendenLyrik4 indievielesansichziehendeDomäneerzählenderProsaundeinesinweitverzweigtenTextfassungenundEntwurfsschichtenvorangetriebenen,mehrteiligenRomanprojekts;5 dieeindrücklicheVerbindungvonhoher,philosophischgeschulter IntellektualitätmitdervitalenAusdruckskrafteinerhochsensiblen,unruhigenSprachbildnerin,6 inderenGedichten«Schönheit»und«Geschichtlich-

2 SigridWeigel:IngeborgBachmann.HinterlassenschaftenunterWahrungdes Briefgeheimnisses.Wien1999,S.15.

3 InaHartwig:WerwarIngeborgBachmann?EineBiographieinBruchstücken. Frankfurt/Main2017,S.21–34.Vgl.auchWilhelmHemecker,ManfredMittermayer (Hg.):MythosBachmann.ZwischenInszenierungundSelbstinszenierung.(Profile18.) Wien2011.

4 HansHöller:IngeborgBachmann.DasWerk.VondenfrühestenGedichtenbis zum«Todesarten»-Zyklus.Frankfurt/Main1993,S.14.

5 MonikaAlbrecht,DirkGöttsche:Das Todesarten-ProjektimÜberblick.In:MonikaAlbrecht,DirkGöttsche(Hg.):Bachmann-Handbuch.Leben–Werk–Wirkung.2., erweiterteAufl.,Berlin2020,S.126–129.

6 DieterBurdorf:DiesesunruhigeIch.IngeborgBachmann.Biographie.München 2026.

keit»einanderbedingen;7 dieaufmerksameZugewandtheitzuvielenangrenzendenSprachenundzuderAndersheitvonSpracheüberhaupt,wie siesichimZusammenspielmitanderenMedien,8 etwaderSphäredes AkustischenoderdenGattungendesMusiktheaters,erweist.9

UndbeidieserReiheist«derromanDeineslebens»,wieBachmanns engerFreundHansWernerHenzeihreprivatebiographischeSituationeinmalbrieflichumschreibt,nochgarnichtmitbenannt.IhreLebenskurve zeigtweitindieExtremeausschwingendeAmplituden,derenSchilderung ihn«zwaretwasamüsiert»,habe,«aberschliesslichnichtnur»,wieHenze einfühlsammitteilt:«dassDueineseltsamepflanzebist,istDirhoffentlich klar».10 AlsMensch,alsFrauundalsAutorinführteBachmann,sofasstes ihreBiographinAndreaStollbündigzusammen,ein«leidenschaftliches,in ihremliterarischenAnspruchkompromisslosesundinihrenBeziehungen UnbedingtheiteinforderndesKünstlerleben».11 DievielleichtetwashochtönendenVokabelnderLeidenschaftundUnbedingtheitsindhierbeidurchausangebracht.SiegeltenvorallemfürjeneschwierigenLebensexperimentederVerschränkungvonLiebessehnsuchtundSchaffensenergie,diein diesemBuchunterdemBegriffder Literaturbeziehungen erfasstunddemzufolgenunnichtmehrprimärimHinblickaufprivateGeschehnissediskutiertwerden,weilesdieseLiebesbeziehungenIngeborgBachmannseben auchinihrergenuinliterarischenBedeutungzuwürdigenundnachzuzeichnengilt.

MitderWortprägungder Literaturbeziehung istimGrundeeinZusammenspieldreierEbenengemeint;zunächstderUmstand,dassdieBeziehungsdynamikderhierinRedestehendenPersonendurchihrejeweilige

7 Höller:IngeborgBachmann.DasWerk,S.13.

8 OliverSimons,ElisabethWagner(Hg.):BachmannsMedien.Berlin2008.

9 CorinaCaduff:«dadimdadam»–FigurenderMusikinderLiteraturIngeborg Bachmanns.Köln,Weimar,Wien1998;ChristianBielefeldt:HansWernerHenzeund IngeborgBachmann:DiegemeinsamenWerke.Bielefeld2015.

10 HansWernerHenzeanIngeborgBachmann,6.Februar1958;IngeborgBachmann–HansWernerHenze:BriefeeinerFreundschaft[BWIB/HWH].Hg.vonHans Höller.München2004,S.180.

11 AndreaStoll:IngeborgBachmann.DerdunkleGlanzderFreiheit.Biografie.München2013,S.28.Vgl.auchJoachimHoell:IngeborgBachmann.EinPortrait.München 2001,2.Aufl.2004.

literarischeSozialisation,durchdieKenntnisseunzähligerliterarischerFigurenkonstellationen,GefühlstönungenundHandlungsmustermitbestimmtist;sodannderAspekt,dassfürdieAkteuredieeigeneliterarische Arbeiteinewichtige,sogarprioritäreRolleimLebensalltagundSelbstverständnisspielt;undschließlichderindiesemBuchamausführlichstenentfalteteBefund,dassdieausdemZusammenlebenherausentstandenen Schriftstücke,TextentwürfeundliterarischenArbeitenvielfachaufdieseBeziehungenzurückverweisenundinsofernihreLektüresichfastunwillkürlichineineArtvonnachträglichemDialogmitdemgelebtenLebenverwickeltsieht,dasfürdieLesendendabeiaberimmer‹Literatur›bleibenwird.

IndemerwähntenBriefHansWernerHenzesausNeapelvomFebruar 1958sinddieseEbenennochsimultanineinanderverflochten;ersprichtdie «seltsamePflanze»ineinerPhaseihresLebensan,indersieschonaufein knappesJahrzehntanakademischer,kulturellerundpublizistischerArbeit zurückblickenkann.1949warBachmannmitErzählungeninder Wiener Tageszeitung «alsAutorininErscheinunggetreten»,12 undseitgutfünfJahren,d.h.nachdererstenTeilnahmeaneinemTreffenderGruppe47 (1952)unddemGedichtband GestundeteZeit (1953),erfreutesiesicheines wachsendenliterarischenErfolges.BachmannschieninjenemFrühjahr 1958eineinalleRichtungenhinoffene,großeZukunftvorsichzuhaben; vielmehranMöglichkeiten,alsdann,trotzihresintensivenLebens,faktisch nochRaumzurVerwirklichungfandinderZeitspannejenerlediglichfünfzehnJahrebiszumOktober1973undihremschrecklichen,tragischverfrühtenTodinRominfolgeeinesBrandunfalls.ImSeptember1957warIngeborgBachmann,nachdemsiemehreregemeinsameSommermitHenze inItalienverbrachthatte,füreineStellealsDramaturginbeimBayerischen RundfunknachMünchengezogen.FürdenMärz1958standdieProduktiondesHörspiels DerguteGottvonManhattan an,dasvomBRundvom NDRam29.MaiausgestrahltwurdeundkurzdaraufdieAufmerksamkeit desSchweizerSchriftstellersMaxFrischaufsichzog.

DasHörspielwarBestandteileinerkünstlerischenNeuorientierung,13 dieBachmannnachihremzweiten,vielgerühmtenLyrikband Anrufungdes

12 Weigel:Hinterlassenschaften,S.50.

13 Vgl.Stoll:DerdunkleGlanzderFreiheit,S.188–190.

GroßenBären, 14 ihremerstenBuchimMünchnerPiperVerlagundzugleich einem«PrüfsteinfürihreExistenzalsfreieSchriftstellerin»,vorzunehmen begann.15 SchonimMärz1955hattedieAusstrahlungvonBachmannsHörspiel DieZikaden,zudemHenzedieMusikbeigesteuerthatte,ihrStreben nacheinerErweiterungdesformalen,medialenundgattungspoetischen Spektrumsangezeigt.MitHenzehatteBachmannschonfürdieBallettpantomime DerIdiot (1952/53)zusammengearbeitet,wosiezuseinerMusik einenSprechtextverfasste,auchgemeinsamePlänefürdasMusiktheater wareninArbeit.AußerdemwarenindenJahren1956und1957dieEntwürfeeinigerErzählungenentstanden,diekompositorischaufeinanderbezogenwarenunddenGrundbestandfürIngeborgBachmannserstenProsabandbildeten,derdann1961unterdemTitel DasdreißigsteJahr erschien.

DiePublikationdieserErzählungenstelltimHinblickaufdieweitere EntwicklungvonBachmannsformästhetischenVerfahrenindensechziger Jahreninsoferneine«Zäsur»dar,wieu.a.SigridWeigelargumentierthat, alssichabdiesemZeitpunktdas«Nebeneinander»von«sehrunterschiedlichenGenres»tendenziellwiederverliertunddieAutorin,«mitwenigen Ausnahmen»,«nurnochProsa»schreibt.16 DasisteineBeschreibung,die denvielbeschworenenToposvomemphatischenGattungswechselzugewissemGraderelativiert,weildieserwedervollständigwarnochapodiktisch erfolgte.ZugleichwarbeiIngeborgBachmannabMittederfünfzigerJahre unterdemEindruckderpolitischenEntwicklungen,dieu.a.imZeichender westdeutschenWiederbewaffnungundatomarerMilitärstrategienstanden, die«Entscheidung»herangereift,«eineSchriftstellerexistenzjenseitsÖsterreichsunddesdeutschsprachigenRaumszusuchen.»17 Bachmannforcierte hinfortihreBestrebungeneinerdienationalenundinstitutionellenGrenzen bewusstüberschreitendenkulturellenVernetzung,undsieerprobtezunehmendauchGesteneinersprachlichenVeränderung,mitdeneneinewach-

14 IngeborgBachmann:AnrufungdesGroßenBären[AGB].Gedichte.Hg.vonLuigi Reitani.SalzburgerBachmannEdition.München,Berlin,Zürich2022.

15 LuigiReitani:Kommentar.In:IngeborgBachmann:AnrufungdesGroßenBären. Gedichte.Hg.vonLuigiReitani.SalzburgerBachmannEdition.München,Berlin,Zürich 2022,S.93–290,hierS.101.

16 Weigel:Hinterlassenschaften,S.48.

17 Hg.-KommentarzuBachmann:AGB,S.98.

sendeDissidenzgegenüberdendeutschenund‹deutschländischen›BindungenzumAusdruckkam.IhrewiederholtenWechselnachItalienund vorallemderBriefverkehrmitHansWernerHenzebelegendiesenAufbruchindieExophonie18 eindrucksvoll,wirddochdieKorrespondenzmit demKomponistenkeineswegsnurindeutscherSprache,sondernüberlangePassagenvorwiegendaufItalienisch,streckenweiseauchaufEnglisch undFranzösischgeführt.19 SomitbeganninderzweitenHälftederfünfziger JahrefürIngeborgBachmannetwas,wasvordemHintergrundeinesspäten Gedichts,wiesichamEndediesesBucheszeigt,alsÜbunginkakanischer oderböhmischerVielstimmigkeitgeltenkann.

MitgutemGrundempfahlderFreundausNeapelseinerbewunderten Dichterinbeiallihrenkulturellen,biographischenundproduktionsästhetischenUmbauarbeiten«vorallemeineszutun:deminstinktfolgen,und demprinzipdergrösstmöglichenschwere-undsorgenlosigkeit».20 Freilich warderersteTeildesRatschlagesfürdieAdressatinleichterzubefolgenals diezweiteHälftemitderSchwere-undSorglosigkeit.AlseineZeitdes Übergangs,derVerwirrungenundderExaltationstelltesichdasJahr1958 auchimHinblickauflebensweltlicheundpersönlicheBindungendar.Zehn JahrelagdamalsderAnfangihrernochinWiengeknüpftenFreundschaft undzeitweiligenLiebesbeziehungzudemausderBukowinastammenden, emigriertenDichterPaulCelanzurück;eineVerbindung,die1952auchunterdemEindruckderhöchstunterschiedlichenResonanzihrerbeiderAuftrittevorderGruppe47auseinandergebrochenwar,sichdannimHerbst 1957jedochmitnochtiefererLeidenschafterneuerteundimfolgendenJahr zuschwierigen,ambivalentenParis-BesuchenBachmannsführte.

DieLiebesverbindungzwischenBachmannundCelanwarselbstinden Freundeskreisenbeiderkaumbekannt,weilsieniemalsoffiziellalsPaarauftratenundvielFragilesdabeiimSpielewar.ZumanchenZeitenschienin derengen,sowohlemotionalenwiepoetischenVerflechtungihrerWege, wieCelanesformulierte,einbesonderes«GeheimnisderBegegnung»am

18 DerBegriff«Exophonie»hiernachRobertStockhammer;vgl.SusanArndt,Dirk Naguschewski,RobertStockhammer(Hg.):Exophonie.Anderssprachigkeit(in)derLiteratur.Berlin2007.

19 Hg.-Kommentar,BWIB/HWH,S.429.

20 HWHanIB,Februar1958;BWIB/HWH,S.181.

Werk.21 DermittlerweilepublizierteBriefwechseldokumentierteindringlich einintensivesVerhältnisempathischerNäheundfortdauernderFremdheit; überdiesunterstreichtderepistolareKontaktauchdieengepoetischeVerbundenheitderbeiden,dieinihrenGedichten,fürdasöffentlichePublikum erstimNachhineinentzifferbar,einenSchatzzahlreichergemeinsamerMotiveundChiffrenhütetenunddieseinimmerneuenVariationenundVerknüpfungenmiteinanderaustauschten.

GedichtverseundBriefzeilenlaufenpermanentzwischendenbeiden Schreibendenhinundher,werdennotiertundgelesen,empfangenundversandt;inderliterarischenVerbindungentstehteineGraphievon Liebeslinien,dieCelanimSpätherbst1957,imschwierigenMonatNovember,ineinempoetischenKassiberandieGeliebteeigenszumThemamacht.Er schicktanIngeborgBachmanneinigeZeilenausdemGedicht TheDefinitionofLove desenglischenBarockdichtersAndrewMarvell,indemdie lines oflove alsNeigungslinienderAnziehunglesbarwerden,dieaberimFalle dieserLiebendenundihrerPaarbeziehungsoparallelverlaufen,dasssiesich nichteinmalimUnendlichendereinstberührenwürden.«AsLinesso Lovesobliquemaywell/ThemselvesineveryAnglegreet:/Butoursso trulyParalel,/Thoughinfinitecannevermeet.»22 EineMagie,einZauber ruhtfürihnindenparallelenLinienihrerbeiderSchrift,dochebenauch einunaufhebbaresGetrenntsein,dasnurineinemidealensynoptischen SchriftbildodereinerPartitursichvereinigenließe.

UndnunansatzweisevielleichtebenauchinderSynopseeinerparallelenWerkbetrachtung.Dennessinddie«Konstellationen»ihrerpoetischen Verbindungen,die«SpureneinerliterarischenBeziehungzwischenbeiden Autoren»auchindenWerkenCelansundBachmannsbeiaufmerksamer Relektürevielerortsaufzufinden,wieneuereForschungsarbeiteninexemplarischenKommentierungensichtbarmachenkonnten.23 Diesetextuellen

21 Weigel:Hinterlassenschaften,S.411.

22 PCanIB,5.11.1957.IngeborgBachmann,PaulCelan:Herzzeit.DerBriefwechsel [BWIB/PC].Hg.undkommentiertvonBertrandBadiou,HansHöller,AndreaStoll undBarbaraWiedemann.Frankfurt/Main2008,S.66[sic].

23 SigridWeigel,BernhardBöschenstein:PaulCelan–IngeborgBachmann.ZurRekonstruktioneinerKonstellation.In:Dies.(Hg.):IngeborgBachmann–PaulCelan. PoetischeKorrespondenzen.Frankfurt/Main1997,S.7–16,hierS.7.

Verbindungenumfassen«gegenseitigeZitateundUmschriften,poetische undchiffrierteAntwortenaufdieTextedesanderen»,siekondensierensich mittelsbestimmter«Codeworte»und«Leitmotive»zueinerfortlaufenden Verständigungüber«gemeinsameBezugspunkte»inderLiteratur-und Geistesgeschichte,24 sparenaberauchdiepersönlicheBeziehungsebene nichtaus.DiebrieflicheKorrespondenzwieauchderliterarischeDialog zwischenCelanundFrischumkreisengemeinsameineschwierigegeschichtlicheAusgangssituation.ImlangenHin-undWiderspielvonCelans Todesfuge undseinem Sprachgitter-Band,BachmannsFrankfurterPoetikvorlesungen,Celans Meridian-RedezumBüchnerpreis,Bachmanns Undine-Erzählung,dannihrereigenenBüchnerpreis-RedeundCelansspäterem BerlinerTiergarten-Gedichtzeigensichreflektierte«Verdichtungsmomente»einerliterarischenNahbeziehung,dieihreeinzigartigeBedeutungfür dieLiteraturgeschichteauchdarinerlangt,dasssiekonsequentaufdieMöglichkeiteneiner«‹LiteraturnachAuschwitz›»25 bezogenist–wenngleich dieseFragesichfürdiebeidenBeteiligtenunterganzunterschiedlichen Voraussetzungenstellt.

SolässtsichdieleidenschaftlicheundverzweifelteVerbindungmitCelanauchalsparadigmatischerFalleinerLiteraturbeziehungbegreifen;einer kollegialen,durchLiebesgefühleintensiviertenLebens-undArbeitspartnerschaft,inderdiedreiElementederrückhaltlosenZugewandtheit,desmiteinandergeteiltendichterischenExistenzgefühlsunddasMomentumdes zärtlichenWettstreitszusammenfanden.ErosundEthosgeradedieserBeziehungstandeninsofernunternochmalsbesonderenVorzeichen,alshierbeidiejüngere,ausdenbürgerlichenVerhältnisseneinesTätervolksherausgewachseneLyrikerinvondemverschattetenDichterausderBukowinaund dessentraumatischerFamiliengeschichteineineSprachweltderenigmatischenWortbildereingeführtwordenwar,26 siedannaberdemGeliebten baldschonineigenständigerdichterischerWeisezuantwortenverstand undihnspätermittelsihresvielgewandterenUmgangsmitdemLiteratur-

24 Weigel,Böschenstein:ZurRekonstruktioneinerKonstellation,S.8.

25 Weigel,Böschenstein:ZurRekonstruktioneinerKonstellation,S.8;vgl.Weigel: IngeborgBachmann,S.15.

26 Vgl.Hartwig:WerwarIngeborgBachmann?,S.40–51.

betriebwiederholtauchinkrisenhaftenSituationenzuunterstützenversuchte.

KooperationenundKorrespondenzen

MitihremitalienischenKünstlerfreundHenzehatteIngeborgBachmann eineZeitlang,undwohlnurzurHälfespielerisch,sogarwildentschlossene Heiratsplänegehegt,fürdiesieimFrühjahr1954schonstandesamtliche UnterlagenvonderBotschaftinRomhattebesorgenlassen,bevorHenze dieSachedannwiederabblies.BessergediehdiesenbeidenihrekünstlerischeZusammenarbeit.DerGedichtzyklus LiedervoneinerInsel warvonder ZeitbeiHenzeaufIschiainspiriertund«fürdichgeschrieben»,27 wieBachmannineinemandenKomponistengerichtetenBriefbetont;ereigneteihr seinerseitsebenfallsmehrereWerkezu.GeraumeZeitwarenKomponist undDichterinaufderSuchenacheinemgemeinsamenOpernstoff,beidem BachmanndasLibrettoeinrichtenwürde.WiederholtnimmtihrBriefwechselBezugaufdiefulminanteKooperationzwischenHugovonHofmannsthalundRichardStrauss,gewissermaßendieschlechthinnige‹Künstlerehe› vonWortundTon.UndauchausIngeborgBachmannsPerspektivewird die«VereinigungderKünste»,diesiemitniemandemsoinniglicherprobte wiemitihremitalienischenFreund,«alsLiebesverhältnisentworfen».28 NachdemHenzevonViscontiaufKleists PrinzvonHomburg gebrachtwordenwar,nahmdieArbeitdennauchkonkretereFormenan.Während BachmannandieEinrichtungderTextfassungging,machtesichHenzeGedankenüberdieFrage,aufwelcherSilbeKleistsFigurennameNathaliezu betonenwarundwiediessichdannwiederrhythmischumsetzenließe.Nur beidergeplantenVertonungvonBachmanns LiedernaufderFlucht kam HenzedievonAribertReimanngeschaffeneFassungfürAlt,Tenor,gemischtenChorundOrchestervon1957zuvor,wiebeidemitMissbehagen feststellen.29 EinspätesGedicht, Enigma,welchesinseinenzwölfVerszeilen dasZeitschemadesJahreskalendersaufnimmtunddessenGangzugleich

27 IBanHWH,1.5.1954(nichtabgeschickt);BWIB/HWH,S.34.

28 Weigel:Hinterlassenschaften,S.175.

29 Vgl.BWIB/HWH,S.487.

durchdieProphezeiung«eswirdnichtsmehrkommen»dementiert,30 versiehtBachmannmitderZueignung:«FürHansWernerHenzeausderZeit derAriosi».DarinverstummtdieWortstimmevordemunparaphrasierbarenTrostderKlangkunst.31

Dusollstjanichtweinen, sagteineMusik.

Sonst sagt niemand etwas.32

ImSommer1958kreuzte,mitnichtabzusehendenFolgenfürdieweitere Lebens-undSchaffensgeschichtebeider,MaxFrischIngeborgBachmanns Weg.EsmutetvordemHintergrundvonBachmannszahlreichenFormexperimentenundmedialenGrenzgängenalseineauchpoetischbedeutungsvolleRichtungsverschiebungan,dasssichbaldnachdemSchwellenzeitraumdeserwähntenFrühjahrs1958imSpätsommerundHerbsteinedann etwafünfJahrewährendeLiebesbeziehungzuMaxFrischergab.Der SchweizerSchriftstellerhattebisdahinbesondersdurchdiezweiRomane Stiller und Homofaber BekanntheiterlangtundsoebenmitseinemimMärz 1958amZürcherSchauspielhausuraufgeführtenpolitischenParabelstück BiedermannunddieBrandstifter fürFuroregesorgt.33 DasHandlungsmodelldes Biedermann ging,wiejenesdesspäterauchmitIngeborgBachmannsBeratungausgearbeiteten Andorra-Stücks,inseinemGrundeinfall bereitsaufFrischsTagebuchaufzeichnungenindererstenNachkriegszeit zurück.FrischnahmsichdarindezidiertdieAufarbeitungjenerkulturellen undideologischenMechanismenvor,welcheanfangsderdreißigerJahre diedeutscheNS-Diktaturermöglichtundbegünstigthattenundderenkli-

30 IngeborgBachmann:Enigma,v.6.WI,S.171.

31 Vgl.zudiesemGedichtundseinemmusikalischenResonanzraumCaduff:Figuren derMusik,S.134ff.

32 Bachmann:Enigma,v.7–12;WI,S.171.

33 Vgl.JulianSchütt:MaxFrisch.BiographieeinesAufstiegs.1911–1954.Berlin2011, S.478.

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