EMIL ANGEHRN
Das unersetzbare
Selbst
Der Mensch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz
Schwabe reflexe
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Das unersetzbare Selbst
Der Mensch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz SchwabeVerlag
Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel
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ISBN Printausgabe978-3-7965-5489-6
ISBN eBook (PDF)978-3-7965-5490-2
DOI 10.24894/978-3-7965-5490-2
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Teil 2:
Der unhintergehbare Subjektbezug
Teil 3:
Menschsein im Zeitalter von Digitalität und Künstlicher Intelligenz
Einleitung:Jenseits des Menschen?
Der künstliche Menschtritt in neuer Gestalt auf. Was in früheren Formen –als Golem, Homunculus, Maschinenmensch –im Reichder Fantasie, faszinierend wie bedrohlich, doch jenseits des eigentlich Glaubhaften, existierte, ist in die Realität eingedrungen. Roboter, Androide, Cyborgs umgeben den Menschen, bieten ihm Entlastung und öffnen neue Welten. KünstlicheIntelligenz scheint den Menschen in seinem Eigensten zu unterstützen, möglicherweise zu ersetzen. Mit seinen Schöpfungen hat sich das Bild des Menschen selbst grundlegend verändert.
Der Wandel betrifft das Sein des Menschen und seine Stellung in der Welt. Die von Freud genannte Reihe der Kränkungen des Menschen1 –durch die Dezentrierung der Erde im All, des Menschen im Tierreich, des Bewusstseins in der leiblichen Existenz– scheint einen letzten Paroxysmus zu erreichen:Der Mensch geht jeder inneren Souveränität und herrschaftlichen Stellung verlustig. Galt er einst als Krone der Schöpfung und Mittelpunkt der Weltordnung, ist er nun zu einem Glied unter anderen geworden, durch einen kontinuierlichen Übergang mit den anderen Lebewesen und den Dingen verbunden. Der Verlust des Sonderrangs, die Brüchigkeit der humanen Lebensform sind Indizien einer Auflösung, die das menschliche Selbstverständnis herausfordertund den Menschen mit seinem Ende konfrontiert.
In vielfältiger Weise ist in den vergangenenJahrzehnten das Ende des Menschen angekündigt worden. Manifeste, die
den Tod des Autors, die Krise des Subjekts, den Zerfall des Anthropozentrismus proklamieren, stehen für den Verlust einer Orientierung, die unser Selbst- und Weltbildgetragen hatte. Die Ankündigung des Endes ist nicht von heute. 1966 hat sie eine berühmteFormulierung in der Schlusspassage von Michel Foucaults Werk Les mots et les choses gefunden:«Der Mensch ist eine Erfindung, deren junges Datum die Archäologie unseres Denkensleichtaufzeigt. Und vielleicht das baldige Ende.»2 Die Radikalität der Diagnose liegt nicht nur im Gedanken einer vielleicht baldigen Auslöschung –wie das Verschwinden eines «Gesichts im Sand am Meeresstrand»3 –, sondern ebenso in der rückblickenden Wahrnehmung des Menschen als einer Erfindung, fernab vom metaphysisch feststehenden Wesen. Es ist eine Erfindung, deren anthropologischeReflexion Foucault als eine kaum zweihundert Jahre alte Figur wahrnimmt, «eine einfache Falte in unserem Wissen», die verschwinden wird, sobald dieses «eine neue Form gefunden haben wird».4 Der Topos vom Ende hat mannigfacheEchos und Variationen gefunden, prägnant schon 1968 im Titel eines Vortrags von Jacques Derrida über «Les fins de l’homme».5 Indessenist auch die in der Postmoderne allgegenwärtige Rede vom Ende nicht schlechthin neu, sondern die Fortschreibung einer kritischen Sicht auf den Menschen, die dessen Bildinder Denkgeschichte von Beginn an begleitet und sich in unterschiedlichen, teils radikalen Ausformulierungen niedergeschlagen hat. Inzwischenscheint der von Foucault in die unbestimmte Zukunft verlegte Niedergang längst eingetreten. Die schwankende Prognose eines vielleicht baldigen Endes verwandelt sich in ein Urteil über Vergangenes und steht als Gegenwartsdiagnosewie alsretrospektive Feststellung zur Diskussion. Die ‹Postismen›– Postmoderne, Poststrukturalismus, Posthumanismus etc. –markierenKonstellationen, die sich im Rückblick auf ein Entschwundenes, danach situieren.
Indessen bleibt bei dieser mannigfach diversifizierten Diagnose zweierlei klärungsbedürftig. Zu verdeutlichen ist zum einen, was es ist, dessen Status und Schicksal infrage steht. Zu präzisieren ist zum anderen, was das Verdikt vom Ende genau beinhaltet und inwieferneseindeutigund unstrittig ist. Mit diesen Fragen werden diefolgenden Ausführungen wesentlich befasst sein.
Vorab lässt sich die Rede vom Ende des Menschen dahingehend charakterisieren, dass sie nicht einfach ein Zu-EndeGehen und organisches Sich-Auflösen meint, sondern eine Selbstverkehrung, in welcher Zielwerte und Fundamente der Menschheitsgeschichte infrage stehen. Problematisiert wird das Selbstverständnis des Menschen und seiner modernen Gestalt. Es ist eine Kritikfigur, die von der Gesellschafts- und Zivilisationstheorie her bekannt ist:die Figur einer Inversion, in welcher das Erzeugnis sich verselbstständigt und gegen seinen Urheber wendet, in einer dysfunktional-zerstörerischen Technik, einer grenzenlosen Machtsteigerung oder einer selbstbezüglich-destruktiven Wertvermehrung.ImHintergrund mag die theologische Figur des Abfalls der Geschöpfe von ihrem Schöpfer, initial der Sturz der Engel aufleuchten. Zur Diskussion steht nicht nur eine falsche, fiktive Emanzipationund Ablösung vom Grund, sondern eine in sich zwiespältige, selbstwidersprüchliche Teleologie, in welcher die Höherentwicklungsich gegen ihrTelos wendet und zur Bedrohung verkehrt. Paradigmatisch bringt das unvergleichliche Potenzial der Künstlichen Intelligenz, das die menschlichen Vermögen ins Unermessliche steigert und zugleich als innerste Gefährdung erfahren wird, die Doppelseitigkeit der Bewegung zum Ausdruck. In alledem offenbart sich im Ganzenein zutiefst zwiespältiger Befund, eine grundlegende Ambivalenz der Entwicklungsrichtungund ihres Abschlusses, worin sich in eigentümlicher Konvergenz antagonistischeTendenzen gegenüberstehen.Sie manifestieren sich in den Dynami-
ken des Aufbaus und der Zerstörung, in den Fluchtpunkten des alles überschreitenden Fortschrittsund des Untergangs, in den affektiven Erlebnissen des Triumphs und der Angst.
Wenn wir diese Bewegung auf den Kern des infrage stehenden Endes, das Wesen und dieStellung des Menschen, zurückbeziehen, so artikuliertsich ihr Zenitinder zweifachen Gestalt des Transhumanismus und des Posthumanismus.Die beiden, zuweilen verschlungenen Konzepte stehen für distinkte Vorstellungen:für ein Hinausgehen über das Menschliche und ein Sein nach der Ära des Menschen.
Auf der einen Seite geht es um die positive Idee eines Hinausgehens über dieSchranken, welche der endlichen Natur des Menschen angelegt sind. In den Blick kommen Zielvorstellungen, die als leitende Prinzipien der Erziehung, der Kultivierung und Selbstvervollkommnung, auch der Züchtung fungieren und weithinmit einem offenen, gegebenenfalls ins Unendliche projizierten Ziel einhergehen und in typischen Visionen mit der Vorstellung einer technologischen Transformation des Menschen assoziiert sind. Solche Leitvorstellungen werden mit Bildern des idealen Menschen, des vollkommenen Lebens, des Übermenschen verbunden. Sie nehmen eine neue, überhöhte Gestalt an, wo sienicht nur einen idealen Richtwert persönlicher Perfektionierung darstellen, sondernüber die konstitutiven Grenzen der conditio humana hinausweisen. TranshumanistischeIdeale transzendieren dienatürliche Verfassung des Menschen. Ein herausragender Kristallisationspunkt ist die Überwindung der körperlichen Hinfälligkeit mit den Zielvorstellungen einer Abschaffung der Krankheiten, einer Neutralisierung des Alterns und Verlängerung des Lebens, zuletzt einer Annäherung an dieUnsterblichkeit. Essind Zielrichtungen, die einem natürlichen Begehren des Lebendigen entsprechen, deren verabsolutierte Gestalt aber in existenzieller Wahrnehmung als fragwürdig,ja, unheimlich oder lebens-
feindlich erfahren werden kann. DieinMythen erinnerte Ursehnsucht nach der Abschaffung des Todes ist von begrenzter lebensweltlicher Resonanz, ohne dass dietranshumanistischen Fantasien ihre Prägnanz verlören. In eine zusätzliche, neue Sphäre dringen sie mit der Steigerung der geistigen Potenzen, exemplarisch mit den spektakulären Fortschritten der Künstlichen Intelligenz vor. Der künstliche Geist scheint jenseits des natürlichen, dem Menschen von Geburt verliehenen Intellekts. Auch darin geht es um eine Potenzierung der Vermögen, die aus dem Menschen kommt, von der aber unklar ist, wieweit sie ihm zu Gebote steht oder sich seiner Herrschaft entzieht. Das Ineinander des fascinosum et tremendum,religionsgeschichtliches Prädikat des Numinosen, wird zum Merkmal menschlicher Schöpfung. In ihr findet sich das Subjekt ebenso erhoben wie ins Bodenlose gestellt.
Die oszillierende Wertung solcher Transzendenz wird dort zum Thema, wo das Darüber-hinaus nicht nur die Bedingtheit des menschlichen Lebens, sondern die Figur des Humanismus und die Idee des Humanen selbst betrifft. Der Trans-Humanismus ist ein Gegenkonzept zur kulturellen Form des Humanismus, des vom Menschen ausgehenden und sich in allem auf den Menschen beziehenden Denkens. Exemplarisch hat Martin Heidegger die Gegenwendung in seinem Brief über den Humanismus6 verhandelt. Darin entfaltet er eine kritische Sicht auf unseren Begriff vom Menschen und die durch die metaphysische Tradition geprägte,inder Neuzeit konsolidierte zentrale und herrschaftliche Stellung des Subjekts in der Ordnung des Seins. Die von ihm dagegengehaltene ‹seinsgeschichtliche›Perspektive nimmt das subjektive Sprechenund Wirken von einem tieferen, dem Menschen vorausliegenden Grund her wahr und plädiert für eine grundlegendeUmorientierung unseres Selbst- und Weltverständnisses. In dieser wird das Ende der Metaphysik zugleich als Überstieg und «Übergang zu einem anderen Anfang»7
gefasst, welcher die Subjektzentrierung durch eine tiefere, wesenhaftere Fundierung ablöst. Anders als in den sich als transhumanistisch erklärenden Konzeptionen konvergiert die hier anvisierte Überschreitung des Humanismus nicht mit einer Steigerung, sondern der radikalen Kritik an einer falschen, überhöhten Subjektposition.
Indessen ist solche Kritiknicht auf diegleichzeitige Fundamentalisierung durch eine vorausliegende Seinsgeschichte angewiesen. In anderer Gestalt begegnet sie uns in ‹posthumanistischen› Konzepten, welche den technischen Fortschritt in kulturdiagnostischer Sicht in seinen problematischen, bedrohlichen, regressiven Tendenzen freilegen.
Die Wortbedeutung des Zeitalters ‹nach›dem Humanismus ist in der gängigenVerwendung mit einer Negativdiagnose verknüpft, welche die Leitvorstellungen des Humanismusentweder als etwas schlicht Vergangenes und Abgelegtes, etwas Obsoletes und Überwundenes oder als etwas Hinderliches und Unerwünschtes, ein im Ganzen Negatives, in sich Falsches begreift. Gerade die Postmoderne hat mit der vielfältigen Kritik an der vereinseitigten Rationalität und Einheit der herrschenden Vernunftkultur Aspekte solcher Kritik formuliert, die gleichermaßen das Menschenbild und die Idee des Humanen betreffen.
Zwar ist solche Kritik und post-humanistische Selbstverortung kulturgeschichtlich nicht neu, doch tritt sie in der Spätmoderne unter neuenVorzeichen auf. Sie konfrontiert den Menschen mit Katastrophenszenarien,die nicht einfach Untergangsvisionen heraufrufen, sondern die widersprüchlich-verhängnisvollen Folgen des eigenen Handelns vor Augen führen. Nicht die unhintergehbare Labilität und Hinfälligkeit, sondern die innere Selbstverkehrung des Wollens und Tuns wird zum Ursprung der Not und Brennpunkt der Angst. Eine vergleichbare Negativität wird in fantastischen Projektionen und Science-Fiction-Bildern ausgemalt, doch wird sie vor dem Hintergrund neuerer technologi-
scher Entwicklungen zunehmend als reale Verunsicherung und vitale Bedrohung erlebt. Mit besonderer Dringlichkeit gewinnt sie in zwei Bereichen soziale Resonanz:inder ökologischen Katastrophe mit ihrer Zuspitzung im Klimawandel und in der unabsehbaren Macht der Künstlichen Intelligenz.
Das eine sind die ökologischen Auswirkungen der globalisierten technischen Entwicklung. Ihre Unheimlichkeit liegt in der gleichzeitigen Prognostizierbarkeitund scheinbaren Unabwendbarkeit. Weltweite Konferenzen bemühen sich um Eindämmung der destruktiven klimatischen Auswirkungen, deren dystopisches Telos auf diemenschheitliche Selbstauslöschung vorausweist. Die Überlagerung der ökologisch-technischen mit gesellschaftlich-politischen Problemen, die Verschränkung der kategorisch erforderten umweltpolitischen Maßnahmen mit weltweiten ökonomischen Ungleichheiten, aufkommenden autokratischen Regimen8 und politisch-sozialen Konflikten macht die enorme Schwierigkeitihrer einvernehmlichen Bewältigung aus.
Das andere Problemfeld erweist sich als gewissermaßen noch unüberschaubarer und bedrohlicher. Seine Virulenz liegt darin, dass sowohl die positiv-lebensförderlichen wie die subversiv-bedrohlichen Potenziale der neuen Technologien ein bisher unbekanntes Ausmaß angenommen haben und in neue, fremde Gebiete vorstoßen. Die Übersteigerung der höchsten geistigen Fähigkeitendurch die Leistung von Apparaten durchbricht Grenzen, die der Humanität unüberwindbar schienen. Selbstlernende Maschinen, die im Verkehr mit Menschen neben ihren rechnerisch-kombinatorischen Kompetenzen auch nichtkognitive Fähigkeiten, Körperbezüge, Empfindungen undEmotionen aktualisieren oder simulieren können, nähern sich der Utopie jenergrenzenlosen Vervollkommnung an, von der sich einst geschichtsphilosophische Entwürfe inspirieren ließen. Die Künstliche Intelligenz überwindet die natürliche Formatierung
unseres Denkens und öffnet Dimensionen, in denen sich die menschliche Vernunft bislang nicht bewegt hatte. Zur affirmativen Seite dieser Überschreitung gehört die Verflüssigung der Grenze zwischen Mensch und Maschine, die in gewissen Versionen mit dem fließenden Übergang zwischen Tier und Mensch, der Durchlässigkeit von Kunst und Natur einhergeht. Indes ist die unvergleichliche Höherentwicklunginihrererlebensmäßigen Konkretionvon den negativenKonnotationen des Grenzenlosenund Bedrohlichen nicht abzulösen. So euphorisch jene begrüßt wird, so fundamental sind die durch sie provozierte Angst und Bodenlosigkeit. Worin der Mensch in seiner Schöpfung seine Grenzen überwindet, kann sich zur repressiven Herrschaft über ihn verkehren und zum verschlingenden Abgrund werden. Die Chancen und die Gefahren der KI halten sichdie Waage in einer unausgeglichenen Balance, in welcher jede Seite für sich in ungeminderter Absolutheit auftritt. Dabei ist die Gefahr nicht nur durch die Nicht-Beherrschbarkeit des neuen Instruments in den Händen seiner Schöpfer bedingt und auch nicht nur durch die Möglichkeit des Missbrauchs,der Verwendung zur Manipulationund systematischen Täuschung. Fundamentaler noch ist die Gefährdung durch die Infragestellung des Subjekts selbst, durch seine Zersetzung und Marginalisierung, die Verunsicherung seiner Identität, das Labilwerden seiner unverzichtbarenStellung. Der Zwiespalt im Umgang mit KI widerspiegelt und vertieft die Ambivalenz, die dem Fortschritt in der technischen Innovationund industriellen Revolution für frühere Generationen anhaftete. Doch ist die Verunsicherung, welche das Verschwimmen der Grenzen des Möglichen in der Künstlichen Intelligenz hervorruft, von einer neuen, anderen Qualität gegenüber den von Jacob Burckhardt notierten Erschütterungen durch die Geschwindigkeit der Eisenbahn oder der in sozialen Aufständen bekämpften Substitution der manuellen Arbeit durch die Maschine. Im Spiel ist eine
neuartige, in ihrem Wirkungsraum noch nicht vermessene Selbstermächtigung, die intrinsisch mit einer ebenso originären, selbstdestruktivenEntmächtigung verschränkt ist. In ihrem Licht offenbart sich eine Fragilität des Humanen, deuten sich Spuren eines Zu-Ende-Gehens des Zeitalters des Menschen an. Der Negativitätsindex solcher Perspektiven nötigt die Frage auf, wieweit diese eindeutigund alternativlos sind. Es ist die im öffentlichen Diskurs kontroversdebattierte Frage, wie mit der radikalen Neuerung umzugehen sei, ob eher auf die positiven, produktiven und emanzipatorischen Effekte der Künstlichen Intelligenz zu setzen oder deren destruktive und regressive Kräfte herauszustellen seien. Der Blick auf diezwiespältigen Tendenzen der technologischen Innovationen fordert dazu auf, genauer zu bestimmen, worin deren zukunftsweisenden Potenziale, aber ebenso dieihnen innewohnenden Gefährdungen und ihnen anhängenden Momente des Unheimlichen bestehen. Science-Fiction spielt mit der schwankenden Ambivalenz der Zukunftsvisionen,die füreinephilosophische Reflexion nicht das letzte Wort seinkann. Auch wenn sich diese nicht auf die eine oder andere Seite festlegen kann, sondern den immanenten Zwiespalt des unabsehbar Anderen der Zukunft ernst nehmen muss, geht es darum, deren unterschiedliche Momente möglichst klar zu erfassen und auseinanderzuhalten. Aufzuhellen ist, worin zum einen das affirmative Potenzial der radikalen Neuerung in seiner kognitiven und praktischen Macht besteht und wodurch sich dieLeistungen der fortgeschrittenen Technik von den genuin menschlichen Vollzügen des Denkens und Handelns unterscheiden. Zu verdeutlichen ist zum anderen, worindie fundamentale Verunsicherung angesichts der neuen Entwicklungen gründet, was derenbedrohliche Tendenz ausmacht und inwiefernsie miteiner Krise subjektiver Herrschaft, gegebenenfalls einer Transgression des Humanen einhergehen. Gleichzeitig aber haben wir uns da-
rüber zu verständigen, was in diesem Wandel womöglich zu Unrecht preisgegeben wird, was in der Sache nicht zurückgedrängt werden darf, vielleicht gar nicht negiert werden kann. Im Fluchtpunkt der Reflexion steht im Ganzen dieFrage nach der Unverzichtbarkeitdes Subjekts. Nicht allein das Ende des Menschen, auch das unvertretbareSelbst gehört zu den Herausforderungen der Zeit.
Der umrissene Problembereich wird in den folgenden Ausführungen, deren Hauptaugenmerkder existenzphilosophischen Frage, nichtder technologischen Entwicklung gilt, zu welcher eine reicheLiteratur vorliegt, in drei Schritten entfaltet. Im ersten geht es darum, diePrognose vom Ende des Menschen in ihren vielfältigen Facetten und ihrer grundlegenden Zwiefältigkeit auszubreiten:als Ausblick sowohl auf die finale Steigerung und Selbsttranszendierung wie auf dieKrise und drohende Auslöschung des Subjekts (Teil1). Als zweites soll die Dimension der Subjektivität in ihrer strukturellen Unhintergehbarkeit und existenziellen Fundamentalität systematisch erkundet werden (Teil 2).Vor diesem zweifachenHintergrund geht es abschließenddarum, sich über dieBedingungen des Menschseins im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz zu verständigen (Teil 3).