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Perzeptives Sprechen

Wie der Mensch dazu kam, Dinge nicht zu sehen

Schwabe Verlag

Deeply indebted to the assets of the Mary & Emil Gassmann-Bellm Estate.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt.

Abbildung Umschlag: Höhlenmalerei eines Steppenbisons in der Höhle von Altamira.

© Ministerio de Cultura – Gobierno de España. Quelle: Museo Nacional y Centro de Investigación de Altamira (<https://www.cultura.gob.es/dam/jcr:89b3846b-8d38-4a28-9f1a-07ce100efc98/bisonte-cueva.jpg>); [W145.]

Cover: icona basel gmbh, Basel

Korrektorat: Constanze Lehmann, Berlin

Layout: icona basel gmbh, Basel

Satz: Textformart, Daniela Weiland, Göttingen

Druck: Prime Rate Kft., Budapest

Printed in the EU

Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch

Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de

ISBN Printausgabe 978-3-7965-5468-1

ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5469-8

DOI 10.24894/978-3-7965-5469-8

Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt.

rights@schwabe.ch www.schwabe.ch

Für Rita

A. Kommte, sehte, sprechte – der Mensch

1. Wovon wird zu berichten sein?

2. Sprechen wir also von Grundsätzlichem

2.1. Ohne Sprechfähigkeit keine «Sprache»

2.2. Der aufrechte Gang und das Sprechen

2.3. Eine kurze Geschichte des menschlichen Gehirns

2.3.1. Im Anfang war offenbar … eine Mutation

2.3.2. Das Gehirnwachstum als Opportunität

2.3.3. Zweckdienlichkeit und «Warn»nehmung

2.3.4. Gestikulieren – verkümmerter Konkurrent des Sprechens?

3. Erfahrung – der unterschätzte Evolutionsfaktor

3.1. Die Konstitution von Erfahrung

3.2. ‹Erfahrung› nutzen zur Formulierung von Reaktionen

3.3. ‹Erfahrung› erlaubt ‹wählen› und noch viel mehr

3.4. Vivens sum, loquens exsto 69

3.5. Washoe – ein evolutionstheoretischer Schlüssel? 75

Perzipieren – mit Sinnen

4. Der Thalamus – perzipierendes Organ schlechthin 85

4.1. Blindsehen – ein «Sehen» ohne Wenn und Aber 86

4.2. Traumsehen – eine ordentliche Leistung des Thalamus 88

5. Die «Doppelhelix» thalamischen Perzipierens 93

5.1. Die zwei Stränge des hominiden Perzipierens 94

5.1.1. Der gnatische Strang: Von Impressionen zu Holognaten 94

5.1.2. Perzipiertes verstetigen: Eine Leistung des Thalamus mit Folgen 98

5.1.3. Der neuremische Strang: Von Kognaten zu Typoremen

5.1.4. Die Phonoremisierung des sensobasiert Perzipierten

5.1.5. Der Papez’sche Schaltkreis – in neuer Rolle 118

5.1.6. Von der Notwendigkeit, Typoreme vorsprechlich zu postulieren 120

5.1.7. Der «formlose» Elefant im Raum 125

5.2. Typisieren und Kategorisieren – zusammengefasst 135

C. Perzipieren – sprechend 147

6. «Ontische Ganzheit» – «sprechliche Relation» 147

6.1. Meerkatzen – aus Erfahrung verständlich laut 147

6.2. Sprechfähigkeit erlaubt nebenbei Kommunikation 154

6.3. Sprechfähigkeit und Organisation des Gehirns 158

6.3.1. Die Sprechfähigkeit «theoretisch» auf die Füsse stellen 158

6.3.2. Neureme – das Sensorische transzendierend 162

6.3.3. Die Geburt des Sprechens – ein fundamentales «Hörspiel» 172

6.3.4. Szene und Narrativ: Eine weitere Parallelführung 176

6.4. Die dissoziierende Kraft des Sprechens 184

6.4.1. Der Vorgang der neuremischen Dissoziation 184

6.4.2. Dissoziation – ein janusgesichtiges Geschenk 193

6.4.3. Negieren 197

6.4.4. «Real» zählen und «irreal» rechnen 205

6.4.5. Quantifizieren 211

6.4.6. Die sprechliche Illusion der Konstanz 218

6.4.7. Tonspreche – Bildspreche 221

6.5. Physik und Philosophie: Perzeptionell betrachtet 228

6.5.1. Von der Rückseite des Tisches 229

6.5.2. Transzendenz und Immanenz neu verorten 233

6.5.3. Physik und Metaphysik I: Vom ‹Raum› zum ‹Erfahrungsraum› 241

6.5.4. Physik und Metaphysik II : ‹Ursache› und ‹Folge› 246

6.5.5. Physik und Metaphysik III : Ein Quantum ‹Bewegung› 251

6.5.6. Eine «achilleische» (Fersen)kritik der Empirie 256

6.5.7. Die dilatierende Zeit und ein «knalliger» Anfang 265

7. Sprechen – von Perzepten zu Konstrukten 280

7.1. Genese und originäre Funktion von Sprechlauten 280

7.1.1. Von Warnlauten zur Produktion sprechlicher Laute 280

7.1.2. Referieren, die Zeigedefinition und «der Geruch» von Wörtern 288

7.1.3. Gibt es vorsprechliches Denken? 295

7.2. Bewusst werden – ein perzeptioneller Modus 303

7.2.1. ‹bewusst› kommt von ‹bewissen› 303

7.2.2. Vorstellungsprodukte als Zeugnisse von Sprechbewusstsein

319

7.2.3. Eine neugierige Frage: Wozu «sprechbewusst werden»? 327

7.3. «Wirkliche Wirklichkeit» und «Realität» 333

7.3.1. «Anfeuernde Wirklichkeit» – eine «Bildbetrachtung» 333

7.3.2. ‹perzipieren› und ‹wahrnehmen› – zusammengefasst 341

7.3.3. Von der «sinnlichen Realität» 346

7.3.4. «Realität» – die den Dingen «an sich» zugelegte 349

7.4. Wörter – Elemente der sprechbewussten Perzeption 355

7.4.1. Was heisst ‹verstehen›, was bedeutet ‹bedeuten›? 362

7.4.2. Was bleibt vom «hermeneutischen Zirkel»?

375

7.4.3. Die neuremische Abstraktion 383

7.4.4. Zur neuranatomischen Verortung von ‹denken› 387

7.4.5. Zur neuralen Basis lexikalischer Strukturen 407

7.4.6. Komplexe adverbiale Welt – epistemologisch unterschätzt 411

7.4.7. Hypostasieren – «wirksam» falsche Realitäten vorspiegeln 418

7.5. Menschwerdung und «ich-Werdung» 425

7.5.1. Zur Kategorie «Mensch» 425

7.5.2. Das talentierte Mr / Mrs ‹Ich› –«idiotisch-selbstbezogen» 436

7.5.3. Ist «wir» mehrere «iche»? 460

7.5.4. Fazit: «Das Ich» ist ein problemanfälliger Fall «für sich» 462

7.6. Ob und wie Emotionen perzipierbar sind 463

7.6.1. Reflexale oder «emotionale» Reaktionen 466

7.6.2. Wer hat Angst vor Bewertungstheorien? 469

7.6.3. Zur Perzeption von Emotionen 475

7.6.4. Von allen guten Definitionen verlassen 482

7.6.5. Auf der Suche nach Grund im Fliesssand der Innenwelt 487

7.6.6. Zur Verortung von ‹fühlen› –ein definitorischer Versuch 491

7.6.7. Zur Verortung von ‹fühlen› –eine perzeptionelle Invention 504

7.6.8. «Nasobemgefühle»? 515

7.6.9. Erfahrung von oder Gefühl für … ‹Zeit›? 523

8. Zusammenfassung 526

8.1 Valet – fluid-flüchtig – und Dank – solid-herzlich 530

D. Anhänge 533

9. «De la méthode»: Von Evolution sprechen 533

9.1. Evolution: «kausale» und «finale» Ansätze 533

9.2. Grundbegriffe der Evolutionstheorie – eine Kritik 538

9.2.1. Zwei Prinzipien: Zufall und Notwendigkeit 540

9.2.2. Was die Darwin-Finken methodologisch «twittern» 544

9.2.3. Vom Glück der Opportunisten 546

9.2.4. Natürliche Selektion und Anpassung: eine Vertiefung 552

9.3. Vom sogenannten «evolutionären Vorteil» 560

9.3.1. Lern- und Anpassungsfähigkeit –der «evolutionäre Vorteil» 563

9.4. ‹evoluieren›: Eine Zusammenfassung zentraler theoretischer Begriffe 569

10. Bibliografische Informationen 572

10.1. Gedruckte Publikationen 572

10.2. Konsultierte Websites 576

10.3. Diverse Berichte und Zeitungsartikel 581

11. Glossar wichtiger Termini 582

A. Kommte, sehte, sprechte – der Mensch

1. Wovon wird zu berichten sein?

[The King said to Alice, «The two Messengers are] both gone to town. Just look along the road, and tell me if you can see either of them.» «I see nobody on the road,» said Alice. «I  only wish I had such eyes,» the King remarked in a fretful tone. «To be able to see Nobody! And at that distance, too! Why, it’s as much as I can do to see real people, by this light!» All this was lost on Alice, who was still looking intently along the road, shading her eyes with one hand. «I see somebody now!» she exclaimed at last. [Lewis Carroll, Alice’s Adventures in Wonderland & Through the Looking Glass. New York: Grosset & Dunlap, o. J., S. 238; der zweite Teil dieser Stelle ist auf Seite 228 zitiert.]

[Der König sagte zu Alice: «Die zwei Boten] sind in die Stadt gegangen. Schau doch mal die Strasse hinauf und sag mir, ob du einen von ihnen siehst.» «Ich sehe niemand auf der Straße,» sagte Alice. «Ich wünschte nur, ich hätte solche Augen,» bemerkte der König mürrisch. «Niemand sehen zu können! Und noch dazu auf diese Entfernung! Und mir macht es schon Mühe, richtige Leute bei diesem Licht zu sehen!» Das ging alles an Alice vorbei, die noch immer angestrengt die Straße entlangsah, wobei sie die Augen mit der Hand beschattete. [W46. Übersetzung von Jörg Karau, mit Anpassungen RHG .]

Tja, das alles ging nicht nur «an Alice vorbei», sondern damals, in wohl etwa dem gleichen Alter, auch an mir. Bei der Wiederlektüre dieses Kinderbuches voller sprachlicher Wunder bin ich nun doch an dieser – und nicht nur an dieser – Stelle hängengeblieben: Warum können wir so selbstverständlich «niemanden sehen»? Ist das bloss ein lustiges «Sprach»spiel? Womit könnte es zu tun haben, wenn es nicht bloss ein Sprachspiel wäre? Ich glaube, niemand hätte sich vorstellen können, auf welche Wege und in welche Bereiche die Suche nach einer (wenigstens für mich) einigermassen befriedigenden Antwort führen würde. Die dabei entstandene und – das wird kaum jemanden wirklich überraschen – eher umfängliche Studie berichtet von meinen Erlebnissen aus dem «Wonderland» mit den inhaltlichen und methodischen Herausforderungen von Stoffen, die sich schliesslich zu einem sinnvollen Thema bündelten. Ich «sähe» es mit grossem Vergnügen, wenn nun Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, sich auf eine Lektüre einliessen und die Sehenswürdigkeiten der «odysseehaften» Reise durch Menschheits- und Sprechgeschichte verstehend nachvollzögen und überdies – wenn auch gelegentlich wundernd – doch wohlwollend aufnähmen.

So sei also ein Anfang gesetzt! Verortet man die ™hominine ™Sprechfähigkeit auch in den Gehirnen mit ihnen verwandter Primaten, so unterstellt man ziemlich

lang dauernde ™evolutionäre Entwicklungen mit vielfältigen Gemeinsamkeiten.

Diese Annahme mag selbstverständlich klingen, muss aber dennoch methodisch umsichtig in plausibel argumentierbare und mit relevanter Evidenz kompatible Zusammenhänge gestellt werden können. Ist man überdies versucht, alternative Erklärungsansätze einzubringen – wozu ich mich vorbehaltlos bekenne –, so sollte nicht nur eine kritische Sichtung, sondern auch eine adäquate Grundlegung wichtiger evolutionstheoretischer Begriffe nicht fehlen. Aufmerksamkeit wird hier insbesondere die vernachlässigte und unterschätzte Kategorie der individuellen ™Erfahrung verlangen. Ich werde allerdings nicht mit solchen methodologischen Fragen einsteigen, sondern sie im Anhang in Teil D. systematisch erörtern, da sie zwar relevant, in dieser Arbeit aber nicht vorauszusetzen sind (siehe Kapitel 9.). Man möge beachten: Das Superskript ™ weist ein Wort beim ersten relevanten Auftreten als eher nicht im üblichen Sinn verwendeter TerMinus aus. Zur schnellen und zusammenhängenden Orientierung sind solche Termini im Anhang in Kapitel 11. in einem Glossar zusammengestellt, definiert und vernetzt.

Das Gehirn der ™Hominiden ist das einzige Nervensystem, das in vollem Umfang ™sprechbewusstes ™Perzipieren funktional ermöglicht. Mit der Wortschöpfung ‹sprechbewusst› soll nachdrücklich eingefangen werden, dass ‹sprechen› grundsätzlich stets im neuen perzeptionellen Modus auftritt, nämlich ‹bewusst›. Es kann offenbleiben, ob «bewusst sein» nur sprechend möglich ist und ob andere sensorische Vorgänge, etwa ‹riechen› oder ‹spüren›, bewusst werden können, ohne vom Medium her gleichzeitig «sprechbewusst» zu sein – auch wenn ich selbst dezidiert dieser Meinung bin. Hier lässt sich meines Erachtens auch die sogenannte Bewusstseinsschwelle verorten, nämlich sobald jemand sagen kann: «Ich rieche / höre / spüre … etwas». (Zur Verwendung dieser und weiterer Anführungen siehe die Erläuterung auf Seite 169.)

Wird ‹sprechen› – für mich inzwischen unbezweifelbar – als neural fundierter, bewusster Modus des Perzipierens verstanden, verlangt die Frage nach der Genese des ™Sprechens und der aus dieser Praxis resultierenden natürlichen ™Sprechweisen (vulgo: «™Sprachen») ultimativ eine angemessene Beschäftigung mit damit verbundenen ™neural-neuronalen ™Gegebenheiten und Prozessen. Im Rahmen der frühen, tastenden Anfänge an dieser Arbeit hat sich allerdings gezeigt, dass das Erforschen von Sprechen seinerseits ein ™Verständnis bedingt der Art und Weise, wie ™sensobasiertes Perzipieren vor dem Schritt zum sprechbewussten Modus respektive Sprechen funktioniert haben könnte. Teil B. ist einem solchen Verständnis in dem mir zugänglichen Masse gewidmet. Da werden insbesondere Überlegungen zur neuralen Basis, zu elementaren Prozessen und zum mutmasslichen ™Zweck des Perzipierens und ™Wahrnehmens anzustellen sein, wie sie sich in Vorgängen manifestieren, die wir «Sprechfähigen» wie folgt bezeichnen: ™‹erkennen›, ™‹wiedererkennen›, ™‹realisieren›, ™‹verwirklichen› oder ™‹reagieren›. Meine Prämisse ist dabei, dass Sprechen eine zentrale und spezifisch hominin-menschliche Form erfahrungsbasierten ™Verhaltens ist, die sich originär

im Perzeptionssystem manifestiert, und zwar als sprechbasierte Erweiterung sensobasierten Perzipierens.

In Teil C. sollen wichtige Erscheinungen diskutiert werden, die ihre Existenz dem sprechbewussten Perzipieren zu verdanken haben. Zentral geht es darum, zu verstehen, welche Rolle etwa Vorgänge, die wir mit ™‹vorstellen› und ™‹bewusst werden› bezeichnen, im perzeptionellen System spielen und wie deren Verhältnis zum sensobewussten Perzipieren beschrieben werden kann. Damit soll die eingangs dieses Kapitels vertretene Meinung, dass Sprechen auf neuralen Fundamenten beruhen müsse, exemplarisch belegt werden. Gezeigt soll auch werden, dass die Entwicklung von Sprechen sich weder originär noch primär – wie allgemein und offenbar naheliegenderweise angenommen wird – aus einem ™kommunikativen Bedürfnis ergab, sondern dass die neue Fähigkeit vielmehr zweierlei bezweckte: (a) Dem individuellen Lebewesen einen neuen, das sensobasierte Perzipieren ™transzendierenden Horizont zu erschliessen, denn Sprechen lässt die Sensorik bewusst werden und ermöglicht das ™Dissoziieren holistischer Perzepte; und (b) einen deutlich verbesserten, weil von aktuellen Situationen unabhängigen Zugang zum eigenen Erfahrungsschatz zu ermöglichen. Dies erlaubt ein ™zweckdienlicheres, schnelleres und optimiertes Reagieren auf aktuelle, erwartete und voraussichtlich auftretende Lebenssituationen. Dabei lässt sich zeigen, dass das Nutzen von Sprechen zu kommunikativen Zwecken – die Ansicht, welche in der Forschungsliteratur Prominenz geniesst – eine zwar opportune, aber eben «bloss» sekundär-™kontingente Entwicklung darstellt – wiewohl mit unerwarteten und teilweise ungeheuren Konsequenzen.

Es wird nicht zu vermeiden sein, dass wir einen selektiven Gang durch die Anthropogenese tun und dass wir auch relevante Vergleiche mit den Mitläufern, die nicht für sich «sprechen» können, anstellen – was gelegentlich nicht besonders «aufrecht», sondern eher «hinkend» daherkommen kann. Wird das Hinken sehr ausgeprägt, so bedarf man einer (metonymischen) Krücke, etwa in der Form des hier entwickelten ™Modells der perzeptionsrelevanten Funktionen des ™Thalamus, der stellvertretend für den relevanten subkortikalen Bereich steht. Obwohl ich mich damit notgedrungen, und dazu noch durchaus argwöhnisch beobachtet, in Bereiche der Neurowissenschaften einmische, interessieren mich ihre Experimente und Ergebnisse, die ich durchaus würdige und gelegentlich auch kritisch zur Kenntnis nehme, nur in den Teilen, wo sie auf mein Thema bezogen sind. Es ist zwar für mich unbestreitbar, dass «mein» Modell eine neurale Grundlage haben muss, aber ich werde mich dennoch weitgehend darauf beschränken (müssen), die dazu insbesondere logisch notwendigen hypothetisch-theoretischen Prozesse und Strukturelemente nur zu benennen und zu ™modellieren, ohne zu versuchen, sie konkreter zu beschreiben oder zu verorten. Bei sich bietenden Gelegenheiten können aber mögliche Rückbindungen durchaus skizziert sein. Das Gesamtmodell zielt im Kern darauf, die logisch zwingend notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen menschlichen Perzipierens und Sprechens zu eruieren und zueinander in Bezie-

hung zu setzen. Dabei steht nicht im Vordergrund, warum sie sich evolutionär –systematisch oder schlicht zufällig – entwickelt haben, sondern wozu. Weiter sollen in Teil  C. ein paar wichtige, aus den neuen Möglichkeiten des sprechbewussten Perzipierens hervorgehende Entwicklungen und Konsequenzen besprochen werden, welche die evolutionäre Entwicklung der Menschheit sowohl vorteilhaft als auch nachteilig beeinflussen (‹Vor-› respektive ‹Nachteil› sind natürlich auf dem Hintergrund des Belohnungssystems zu sehen). Insbesondere sollen die Auswirkungen der – wie ich sie nenne – grossen ™Dissoziation erörtert werden. Diese besteht darin, dass die sprechbewusste ™Perzeption – indem sie «ontisch-formdingliche» ™Ganzheiten ™sprechlich zerlegt und einer linearisierten Syntax unterwirft – sich zunehmend und immer umfassender von der grundlegenden holistischen Sensorik gelöst hat und noch immer weiter löst. Das ermöglicht einerseits eine auf ™Begriffen beruhende, «undingliche» Weltkonstitution, indem sie uns – en masse – nur definitorisch zugängliche Wörter wie ‹Mensch›, ‹Wissen›, ‹Demokratie› und ‹Freundschaft› beschert, führt aber andererseits zu einer wachsenden ™Fluidisierung oder – modisch «quantisch» gesprochen – «Verunschärfung» ebendieser humanen Welt, weil solche Begriffe und Konzepte beliebig sprechlich gesetzt und «spielend» verändert werden und dabei keiner Rückbindung an die Sensorik bedürfen. Diese Diskussion gipfelt in der Einsicht, dass die ™Kategorie des ™‹ich› eine reichlich unscharfe, vielleicht sogar eine ziemlich «queere» Erfindung ist, die «bloss» als «sprechliche» Persona des sprechbewusst arbeitenden Gehirns fungiert. Wird diese Einsicht übernommen, so sind die Implikationen für das Selbstverständnis des modernen Menschen und für die Psychologie, die seine diesbezüglichen Befindlichkeiten und verwirrenden «Ich-Gefühle» solide behandeln will, ziemlich enorm und umwälzend. Tja, Namen sind zwar gelegentlich einfach «Schall und Rauch» oder sogar blosse Hülsen (zur ™Metaphorik wird bei entsprechenden Gelegenheiten noch mehr zu sagen sein), aber konkrete und zum Teil weitreichende ™Wirkungen entfalten sie allemal … In einem zweiten Block des Modells werden Zusammenhänge zwischen den modellierten Fähigkeiten des Perzipierens und der Entwicklung der Sprechfähigkeit nachgebildet. Ich werde versuchen aufzuzeigen, dass die Entwicklung von Sprechen Teil einer umfassenden Theorie des Perzipierens sein muss. Dabei wird die Rolle der individuellen und kollektiven Erfahrung zu thematisieren sein. Zusammenfassend geht es mir somit um eine leidlich komplexe Denkaufgabe, um ein «ausschweifendes» Gedankenexperiment. Die Folgerungen aus dem Modell sollten allerdings nach Möglichkeit mit grundlegenden, gut gesicherten Einsichten der jeweiligen Wissenschaften ausreichend übereinstimmen – oder aber in ihrer Kritik an diesen überzeugen. Es ist meine bescheidene Hoffnung, dass aus dieser nolens volens gelegentlich um «Mängel» kreisenden Studie sich fruchtbare Anstösse für mögliche Forschungsansätze ergeben, ganz besonders in den in dieser Arbeit einbezogenen Disziplinen. Gemäss Andreas Draguhn, Neurophysiologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg, fehle es nämlich

in den Neurowissenschaften nicht an aufwendigen Experimenten und Projekten; vielmehr sei

«[d]as Theoriedefizit [Ø] extrem. […] Es besteht noch nicht einmal Einigkeit, was wir mit zentralen Begriffen meinen, mit Gedächtnis, Kognition, erst recht nicht mit Bewusstsein.» Stattdessen gibt es «jede Menge unklarer Computermetaphorik». [Siehe Z01; Unterkapitel 10.3.]

Diese Arbeit wird deshalb insbesondere versuchen, Begrifflichkeiten einzeln und im systematischen Zusammenhang zu klären: Nicht nur die Art und Weise, wie wir über evolutionsrelevante neurowissenschaftliche Fragen reden, sondern insbesondere auch die Erarbeitung tragfähiger ™Bedeutungen respektive ™Definitionen für die dabei verwendeten Wörter respektive Termini wird im Fokus stehen. Dass diese Punkte vertiefte Diskussionen verdienen, mag nicht nur mit dem obigen, eher beiläufigen Zitat belegt sein, sondern geht auch aus der fachlich fundierten und sehr dezidierten Kritik von Maxwell R. Bennett und Peter M. S. Hacker in ihrer grossangelegten und lesenswerten Studie, Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften hervor:

Es gibt zweifellos eine Menge mit dem Bewusstsein in Zusammenhang stehende Probleme. Bei einigen handelt es sich um empirische Probleme, die der wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich sind. Andere sind begrifflicher Art, die auch nur mit Hilfe der Begriffsanalyse angegangen werden können. Es ist sehr wichtig, diese zwei Problemarten auseinanderzuhalten, denn wenn ein begriffliches Problem mit einem empirischen verwechselt wird oder mit ihm verschmilzt, muss es einem zwangsläufig außerordentlich undurchdringlich vorkommen – und das ist es tatsächlich, denn es erweist sich den empirischen Untersuchungsmethoden gegenüber als unzugänglich. Und wenn ein empirisches Problem ohne angemessene begriffliche Klarheit untersucht wird, ergeben sich ebenso zwangsläufig abwegige Fragen und schließt sich aller Wahrscheinlichkeit nach eine auf Abwege führende Forschung an. Denn in dem Maße, in dem die Begriffe unklar sind, werden es auch die Fragen selbst sein. [Maxwell R. Bennett & Peter M. S. Hacker, Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2010; S2015, S. 321.]

2. Sprechen wir also von Grundsätzlichem

Überleben ist auch, aber nicht nur «Glücksache». Evoluieren ist ein in allen Lebewesen angelegtes, ™teleonomes Verhalten, welches sowohl reaktiv als auch in einem bedeutenden Masse aktiv zweckdienliche Erfahrungen in vererbbare Formen überführt. Diese werden von Individuen gemacht, die sie, sich fortpflanzend oder erziehend, weitergeben. Das Kumulieren von Erfahrungen dient aber nicht nur individuellen Lebewesen, sondern fliesst seit jeher in die Bildung und Entwicklung künftiger Generationen, auch von Arten. Indem ich Evoluieren als ein angelegtes Verhalten verstehe, distanziere ich mich von der herrschenden Auffassung, Evoluieren sei eine völlig kontingente, durch Vorgänge ausserhalb des Lebewesens aus-

gelöste Entwicklung, die diesen «einfach geschieht». Das wohl beste Argument für meine Auffassung ist die Art und Weise, wie Lebewesen auf evolutionsbiologisch exemplarische aussenweltliche Einflüsse reagieren, namentlich auf nutzlose oder schädliche ™Mutationen respektive ™Rekombinationen – diese werden nämlich schlicht neutralisiert, repariert oder latent gestellt (siehe die Liste der Reparaturvorgänge auf Seite 540).

Die Entwicklung der artspezifisch singulären Sprechfähigkeit beim Menschen ist somit nicht in sowohl simplifizierender als auch verdunkelnder Weise als «evolutionärer Prozess» zu ™begreifen, sondern als Produkt eines reaktiven Verhaltens, welches sich aufgrund von Erfahrungen als zweckdienlich erwiesen hat und weitervererbt werden konnte. Diese Fähigkeit zum Sprechen haben alle ™Homininen gemein; entsprechend der Entwicklung und Nutzung ihres artikulatorischen Systems und ihrer geografischen Verbreitung haben sich verschiedene Sprechweisen entwickelt – vulgo «Sprachen». «™Sprache» ist keine Anlage, sondern ein Produkt des Sprechens – und ein sprechliches Konstrukt. Menschen können nicht nur laut sprechen, sondern auch stumm, also «selbstredend». Ich nenne das ™denken – die Voraussetzung, um das Kant’sche «sapere aude» umzusetzen. Daran habe ich mich zu orientieren versucht. Ob ich mit meiner notgedrungen essayistischen Ansprache dieser, an individuelle Menschen gerichteten aufklärerischen Aufforderung – und sei es nur in Teilen – habe gerecht werden können, sei jetzt dem Urteil geneigter Leserinnen und Leser überlassen. Schon hier möchte ich mich für die durchaus intendierten, gelegentlich als lästig empfindbaren «sprechlichen» (mehr zu dieser «Mehr-als-Marotte» auf Seite 19) Wiederholungen von Sachverhalten und für die häufigen Verweise auf diese entschuldigen; ich halte sie für grundsätzlich lesefreundlich und sinnvoll, weil sie meist «novitätische» Sachverhalte oder ungewohnte Sichtweisen betreffen.

Obwohl ich mich – wie meine fernen homininen Vorfahren – aufrechten Ganges und wachen Sinnes bewege, verliefen – und verliefen sich – die Anfänge dieser Arbeit nur tastend, unsicher und nicht ohne Ängste vor einer Überhebung. Aus den allmählich sicherer werdenden Schritten, aus den fortlaufend sich ergebenden Einsichten und im Sprechen über die Ergebnisse – den kritisch-geduldigen Hörern sei nachdrücklich gedankt – ist endlich ein «Erfahrungsbericht» geworden, und zwar in einem doppelten Sinne. Zum einen ist er in offensichtlicher Weise ein Bericht über meinen Zugang zum und meine Erfahrungen mit dem angesagten Thema, zum anderen berichtet er von nach bestem Wissen und Gewissen erarbeiteten, möglichst plausiblen Argumenten, welche die meines Erachtens herausragende Rolle der Kategorien der Erfahrung und des Sprechens im Rahmen der ™Evolution von Homo belegen. Charles Darwin hat in seinem bahnbrechenden Werk On the Origin of Species [Über die Entstehung der Arten, 1859] nicht nur die Beschäftigung mit evolutionären Vorgängen auf eine solide wissenschaftliche Grundlage gestellt, sondern auch – wohl eher unabsichtlich – explizit und mit etwas engführendem Effekt vorgegeben, womit sich die Evolutionsforschung über viele Jahre hinweg

vornehmlich zu beschäftigen habe, nämlich mit der Entstehung und Entwicklung von Arten. Dieser Fokus und die dabei formulierten Evolutionstheorien führten –und führen noch immer – dazu, dass über die Bedeutung individueller Lebewesen für das Evoluieren signifikant weniger nachgedacht worden ist und noch immer wird (eine ausführliche methodische Kritik evolutionstheoretischer Begriffe, die sich aus der vorliegenden Arbeit ergeben hat, wird für interessierte Leser in Kapitel 9. vorgelegt). Wegen dieser erwähnten Fokussierung werden insbesondere die wirkmächtige evolutionäre Rolle der Erfahrungen individueller Lebewesen sowie die Genese einer Sprechfähigkeit unterschätzt – eine Sichtweise, welche das sich entwickelnde Feld der ™Epigenetik bezüglich der genetischen Weitergabe von Erfahrungen teilweise aufzubrechen beginnt (zu Epigenetik siehe Seite 555). Ist man bereit, dem Vorgang, wie Erfahrungen erworben, verkörpert und genutzt werden, eine zentrale Rolle im Rahmen des Evoluierens zuzugestehen, so steht man vor der Aufgabe, ausreichend befriedigende, mehrheitlich hoffentlich auch überzeugende Antworten auf Fragen zu diesem Vorgang zu liefern. Zentral ist dabei, wie auf Erfahrungen zugegriffen wird, wie sie unmittelbare ™Reaktionen und künftiges Verhalten beeinflussen sowie in welcher Form und wie sie sowohl zweckdienlich eingesetzt als auch evolutionär wirksam hätten weitergegeben werden können. In diesem Zusammenhang zeigt sich schnell, dass dies sehr leistungsfähige Anlagen voraussetzt, die zentral das Perzipieren oder Wahrnehmen gewährleisten müssen. Wie in diesem Essay gezeigt und argumentiert werden soll, stellt das bei Hominiden, also bei ™Primaten und Homininen, evolutionär entwickelte System der sensobasierten Perzeption die erste Etappe dar; in dieser werden im nicht-bewussten Modus als zweckdienliche Produkte nicht nur die notwendigen Erfahrungen gewonnen, sondern diese auch neural aufbewahrt und zugreifend bei der ™Formulierung optimierter Reaktionen genutzt.

Der Nutzen, der offensichtlich entsteht, wenn auf vielfältige Erfahrungen zugegriffen werden kann, bildete meines Erachtens den «logischen» Anlass, in einer nächsten Phase des Evoluierens die sensobasierte Perzeption um die – wie ich sie nenne – sprechbewusste Perzeption zu erweitern (gelegentlich auch als ‹sprechbasiert› charakterisiert). Diese baut auf der sensobasierten auf, integriert sie und erweitert das Perzipieren um sich rasch ausdehnende Bereiche, welche der ™Sensorik zunehmend entzogen sind. Grundlage und Instrument war der neue, sprechbewusst-perzeptionelle Modus: das Sprechen. Dank dieses Modus gelingt es der eingangs erwähnten Alice «niemanden zu sehen» oder ™asensorische Sachverhalte und Relationen ™wahrzunehmen. Mit dieser Studie versuche ich, diesen etwas gewöhnungsbedürftigen Perspektivenwechsel zu begründen, hominin durchaus aufrecht, wissenschaftlich eher als «Caputobēm» (Kopfgänger in Anlehnung an das notorische Morgenstern’sche Nasobēm, siehe Seite 368). Die Studie bürstet das gegenwärtige wissenschaftliche Verständnis vom Verhältnis zwischen Sprechen und «Sprache» dezidiert gegen den Strich. Dabei behandle ich im Wesentlichen vier Hauptpunkte:

(1) Ich werde argumentieren, dass der wohl wichtigste Unterschied zwischen Primaten und Homininen nicht auf eine «Sprach»fähigkeit, sondern auf eine kontingent bedingte, fehlende oder wenig entwickelte Sprechfähigkeit zurückzuführen ist. Es sei darum nicht – wie heute fast schon Mode – nach den Ursprüngen «der Sprache» respektive von «Sprachen» zu forschen, sondern nach den Voraussetzungen des homininen Sprechens, nach denen der diversen Sprechweisen, nach der Bildung von kleinsten Sprechgemeinschaften, von denen einige sich zu stetig grösser werdenden Sprechfamilien (vulgo: «Sprach»familien) entwickelten. Kurzum: Es geht hier um einen grundlegenden Perspektivenwechsel in Disziplinen, die sich mit «Sprache» beschäftigen.

(2) Ich werde die Frage nach dem «evolutionären Vorteil» stellen (siehe die Kritik dieses Ausdrucks in Unterkapitel 9.3.), der sich aus der Weiterentwicklung der allen Hominiden gemeinsamen sensobasierten Perzeption zu einer nur bei allen Homininen vorkommenden sprechbewussten Perzeption ergeben haben könnte. Insbesondere werden Einsichten in die Funktionsweise dieses neuen Perzeptionsmodus einerseits zu einer Neubewertung der Rolle des ™Bewusstwerdens, andererseits zu einer fundamentalen Kritik an der gängigen Ansicht führen, «Sprache» habe sich originär-evolutionär als Mittel der ™Kommunikation entwickelt. Sprechen als sprechbewusst-perzeptionellen Modus zu verstehen, lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie dadurch Erfahrungen erweitert, geordnet und für ein optimiertes ™Agieren und bewusstes ™Handeln nützlich gemacht werden. Die Nutzung als Kommunikationsmittel stellt sich dabei als zwar kontingent, aber ohne jeden Zweifel äusserst folgenreich heraus.

(3) Ich werde ein neural-neuronal bezogenes Modell entwerfen, das die Funktionsweise des integriert-perzeptiven Gesamtsystems darstellt, die Bausteine dieses Systems identifiziert, deren gegenseitiges Verhältnis und die stattfindenden Prozesse definiert. Dabei werde ich zwar vorwiegend konzeptualisierend-theoretisch vorgehen, aber empirische Evidenz nach Möglichkeit beiziehen oder erwähnen. Wie experimentelle Nachweise der behaupteten Sachverhalte generell aussehen könnten, dazu werde ich mich kompetenzhalber selten oder gar nicht äussern.

(4) Schliesslich werde ich einige positive und negative Implikationen diskutieren, die sich sowohl aus dem evolutionär entstandenen System als auch aus dem dieses abbildende Modell ergeben respektive ergeben können.

2.1. Ohne Sprechfähigkeit keine «Sprache»

Die sensobasierten Anlagen bei höheren Tieren dienen primär der Formulierung optimiert-zweckdienlicher Reaktionen in aktuellen Situationen durch Rückgriff auf einschlägige, verkörperte Erfahrungen. Der Zugriff geschieht auf dieser Stufe nicht-bewusst und bedarf keines «Sprechens». Die von diesen Anlagen generierten ™Perzepte sind nun so gestaltet und organisiert, dass sie – vielleicht zufällig, eher aber erfahrungsbasiert – auch «lautlich» oder eben «sprechend» erschliessbar sind,

sofern die Voraussetzungen für ein normiertes Lautgeben – wie etwa ansatzweise bei systematischen ™Warnlauten – respektive für ein Sprechen gegeben sind. Für eine umfassende und insbesondere unabhängig von aktuellen Bedürfnissen mögliche Nutzung von Erfahrungen fehlt – etwa bei den verwandten Primaten – nicht «Sprache», sondern eine differenzierte Sprechfähigkeit. Diese wiederum ist kontingent-opportun von Entwicklungen im artikulatorischen Bereich abhängig. «Die Sprache» ist nicht ontisch gegeben; sie entsteht und existiert nur als kategoriale, linguistische Abstraktion, die aus der Analyse der spezifischen Lautproduktion und dem differenzierten Sprechen vieler natürlicher Sprecher konstruiert werden mag. Dies bedeutet einen fundamentalen Perspektivenwechsel in allen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit «Sprache» beschäftigen. Sprechen ist nicht als «Sprache äussern» oder «Sprache gebrauchen» zu verstehen, als ein konsequenzielles Realisieren bereits vorhandener «Sprache»; Sprechen ist der Vorgang, der überhaupt «natürliche Sprachen» als perzeptionsbasierte Produkte zuerst meist kleinerer Kollektive ™existieren lässt. Nicht «Sprache» ist bei Menschen «universell», sondern die Sprechfähigkeit. Um dies immer wieder und in vielleicht manchmal lästig-störender Weise in Erinnerung zu rufen, werde ich die üblicherweise sich aufdrängenden Wörter mit der Wurzel ‹sprach-› meiden und dafür möglichst Wörter mit der Wurzel ‹sprech-› verwenden oder auch schaffen – also etwa ‹sprechlich› statt ‹sprachlich› oder auch ‹sprechbewusst› statt nur ‹bewusst›. (Mit einfachen spitzen Klammern ‹…› werden Lexeme respektive Wörter angezeigt.)

Mit Sprechen als Fähigkeit entsteht nicht nur ein bewusster, zeitlich frei wählbarer Zugang zu Erfahrungen, sondern auch – mit bedeutenden Konsequenzen –die «wortwörtliche» Möglichkeit, «asensorische Welten» willentlich-sprechlich zu konstituieren und wegen des Perzeptcharakters von Wörtern nicht nur in diesem Rahmen zu reagieren, sondern erstmals auch aktiv zu ™handeln. Mit der Sprechfähigkeit ergibt sich ferner die Möglichkeit der grossen Dissoziation: Fortan können ™sensorische Ganzheiten von der Art «schwarzfliegenamsel» sprechbewusst in ™Existenzen gewandelt und zu linearen Aussagen ™dissoziiert werden, zu «schwarz amsel fliegt», und aus einem sich ™holistisch bewegenden ™Ding kann «flugs» und im Sinne der Physik eine ‹Geschwindigkeit› in ‹Metern› pro ‹Sekunde› extrahiert werden. Damit wird in einem fundamentalen Sinn das Sensorische transzendiert und der Bereich der ™Metaphysik geschaffen: Fortan können sich Menschen nicht nur «sinnen-» oder gar «sinnfrei» über «Gott und die Welt» aussprechen, sondern auch beliebige Narrative zur Erklärung der von ihnen selbst konzipierten, prekärsprechlich existierenden «Wesenheiten» und «Welten» entwerfen. Mit der Sprechfähigkeit ergibt sich schliesslich auch die kontingent-opportune Gelegenheit, eine effiziente Kommunikation aufzubauen und damit vice versa an Erfahrungen anderer Individuen sinnvoll zu partizipieren. Und hat man genug vom asensorischsprechbewussten Perzipieren, kann man versuchen, mit der Metaphorik wieder an Sensorik zu gewinnen und gelegentlich halt perzipierbaren «Schall und Rauch» wenigstens namentlich zu suggerieren.

Dass Sprechen sich entwickelte, hat wesentlich damit zu tun, dass die bisherige Lösung des Zugriffs auf Erfahrungen sich mutmasslich aufgrund von Veränderungen im Lebenskontext als zunehmend unbefriedigend zeigte. Mit einer solchen erfahrungsbasierten Formulierung des Problems, welches einer Lösung bedarf – nämlich: Optimierung des Zugriffs auf Erfahrung –, widerspreche ich der gängigen Meinung, dass das zu lösende Problem primär ein Bedürfnis nach adäquater(er) Kommunikation gewesen sei, weil die bestehende «Lösung» – nämlich die ™Gestik – sich als defizitär erwiesen habe respektive so geworden sei. Aus meiner Sicht sind erhebliche Zweifel an dieser These anzubringen, egal wie selbstverständlich uns ‹Kommunikation› vorkommt oder etwa in den folgenden Zitaten gebraucht wird (meine Kursivierungen; RHG ):

Noch in den 1980er Jahren galt die Frage nach dem Ursprung unserer wichtigsten Kommunikationsmittel Sprache und Schrift zumindest hierzulande als ein esoterisches Aussenseiterthema, und ein Buch darüber stellte eine ausgesprochen extravagante Unternehmung dar. [Martin Kuckenburg, Wer sprach das erste Wort? Die Entstehung von Sprache und Schrift. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Konrad Theiss Verlag), 32016, S. 10.]

[Balthasar Bickel] will herausfinden, welche Komponenten unserer Sprachen ganz alt und vielleicht schon in der Tierkommunikation vorhanden sind. «Letztlich möchte ich verstehen, weshalb diese absolut verrückte Kommunikationsform, über die wir verfügen, so ist, wie sie ist», sagt der Linguist. [Z02.]

Einer der Ausgangspunkte dieser Suche nach den Ursprüngen der menschlichen Sprache sind die Tiersprachen. Viele Tiere verfügen über einfachere Kommunikationsformen, die als Vorläufer der menschlichen Sprache interpretiert werden können. Das gilt für alle drei zentralen Merkmale unserer Sprache: Struktur, Laute und Inhalt. [Z03.]

An Aussagen, «die Sprache» sei das wichtigste Kommunikationsmittel der Menschen, fehlt es nicht, und an ihnen scheint evidenterweise nichts auszusetzen zu sein, denn genau dies entspricht heute unserer alltäglichen Erfahrung. Einige der von David Crystal in The Cambridge Encyclopedia of Language [Second Edition; Cambridge: Cambridge University Press, 1997, S. 400] aufgeführten Beispiele belegen dies deutlich:

Language is a purely human and non-instinctive method of communicating ideas, emotions and desires by means of voluntarily produced symbols. [E. Sapir, 1921] (RHG : Sprache ist eine rein menschliche und nicht-instinktive Methode der Kommunikation von Ideen, Emotionen und Wünschen mithilfe willentlich erzeugter Symbole.)

Language is «the institution whereby humans communicate and interact with each other by means of habitually used oral-auditory arbitrary symbols». [R. A. Hall, 1964]. (RHG : Sprache ist «die Einrichtung, mit der Menschen unter Verwendung habitueller, mündlich-auditiver willkürlicher Symbole miteinander kommunizieren und interagieren».)

Problematisch wird es, wenn aus dem, was heute offensichtlich der Fall ist, unreflektiert geschlossen wird, «Sprache» sei auch als Kommunikationsmittel «erfunden» worden. Dazu gehört auch die undifferenziert-gleichsetzende Verwendung

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