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9783796554292

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MORITZ WEBER

Männer Chopins

Chopins Männer

Schwabe Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt.

Abbildung Umschlag: Pierre Roch Vigneron: Frédéric Chopin, 1833, Lithografie, BNF (Est. Chopin 001).

Korrektorat: Anna Jung, Berlin

Cover: icona basel gmbh, Basel

Layout: icona basel gmbh, Basel

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza

Printed in Germany

Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch

Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.ch

ISBN Printausgabe 978-3-7965-5429-2

ISBN eBook 978-3-7965-5430-8

DOI 10.24894/978-3-7965-5430-8

rights@schwabe.ch www.schwabe.ch

Dla Fryderyka i Tytusa – i dla muzyki

Wojciech (Albert) Domarad Grzymała – Der literaturbegeisterte

................................................

Auguste-Joseph Franchomme – «Mon ami chéri et bien chéri» ........

Ferdinand von Hiller – Der herzensgute Netzwerker und Universalmusiker .......................................

Vincenzo Bellini – «Homme à femme, musicien à femme» ...............

Josef Dessauer – Der Liedkomponist und Katzenfreund mit den Alpenblumen ......................

Chopins «Mühle»: Die erhellenden Berichte seiner Schülerin Friederike Müller

Adolf Gutmann – Der Lieblingsschüler mit der grossen Pranke ......................................

Astolphe Louis Léonor, Marquis de Custine –

Krösus .....................................

in Marienbad 1836, Wiedersehen mit Schumann, Hiller und Mendelssohn ........................................

Eugène Ferdinand Victor Delacroix –«Sie lieben sich, man kann sagen, zärtlich» .....................

Ikonografie: Chopins Physiognomie, Chopin auf Lichtbildern und Delacroix’ unvollendete Salonszene ............................

Charles-Valentin Morhange, «Alkan aîné» –

uczuć» –

Belletristik aus dem 19. Jahrhundert:

und ihre grosse Künstler:innen-Familie

Die gesellschaftliche Stellung der Frau im Frankreich

«Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.» Dieser Satz gehört zu den eindeutigsten Bekenntnissen eines Komponisten dafür, dass seine Gefühle für einen Menschen ihren direkten Ausdruck in Musik finden, wie Unausgesprochenes zu Kunst wird. Der polnisch-französische Komponist Fryderyk Franciszek Chopin (1810–1849) schrieb diese Worte an seinen Geliebten Tytus Woyciechowski in einem der für die gesamte Chopin-Biografik zentralsten Briefe. Diesem intimen Schreiben (3.10.1829) legte er eine exklusiv für Tytus angefertigte Komposition bei, inklusive Interpretationshinweise, den Walzer op. 70,3. Dieser ist nur ein Beispiel, wie seine Liebesgefühle für einen Mann zu Musik wurden. Kurz darauf, soweit man bis heute weiss, bezeichnete er Woyciechowski erstmals expressis verbis als seinen «Liebhaber» (14.11.1829). Ähnliche Geständnisse finden sich etwa bei Robert Schumann, der bekannte, dass seine Fantasie C-Dur sein «Passionirtestes» und «eine tiefe Klage» um seine spätere Gattin Clara Wieck sei (17.–19.3.1838). Und der homosexuelle Komponist Hans Werner Henze hielt gar fest, dass man seine Musik nicht erklären könne, wenn man sein privates Begehren ausser Acht lasse: «Es ist selbstverständlich massgebend, die emotionalen Gründe für ein Kunstwerk sind wichtig.»

In diesem Sinne werden in diesem Sachbuch Einblicke in bislang kaum bekannte Seiten von Chopins Privatleben gegeben, soweit das im Bereich des Intimen bei allen Menschen, noch dazu jenen eines vergangenen Jahrhunderts, überhaupt möglich ist. Bereits Julian Fontana erkannte die Schwierigkeit dieses Unterfangens. Er meinte, ganz offen über Chopin zu schreiben sei, wie wenn eine ganze Reihe von Malern die Schwarze Madonna in Polens wichtigstem katholischen Pilgerort Jasna Góra besudeln würde (16.5.1851). Trotzdem möchte ich neue Ansatzpunkte für die Interpretation und Rezeption von Chopins Werken anbieten. Aus einer vielleicht ungewohnten Perspektive, vor dem Hintergrund seiner Liebe zu Männern und fern der landläufigen Narra-

tive, welche gerade im Privaten grösstenteils aus dem so homophoben wie misogynen und überdies von Zensur geprägten 19. Jahrhundert stammen. Abseits der Geschichten, die sich während fast zweihundert Jahren kaum kritisch hinterfragt festgesetzt haben.

Mein Essay Chopins Männer (2021) war der Ausgangspunkt für dieses Buch. Jener Text war Teil eines Dossiers, welches der spanisch-amerikanische Musikwissenschaftler Antoni Pizà kurz nach der Publikation meiner gleichnamigen journalistischen Recherche initiierte. Pizà selbst hatte bereits 2010 einen wegweisenden Essay über die homoerotischen Beziehungen Chopins publiziert, La vida sexual de Chopin, eine der wichtigsten Inspirationen für meine eigenen Arbeiten zu diesem Thema. Überhaupt ist seit den 1990er-Jahren in mehreren Publikationen bald deutlicher, bald vorsichtiger darauf hingewiesen worden, dass Chopin intensive und auch homoerotische Beziehungen zu Männern pflegte, und dass er seine Gefühle für und Liebeserklärungen an Männer in seinen Briefen festhielt.1 Zudem hat er an keine einzige Frau je einen Liebesbrief geschrieben, aber dennoch verharrte der Fokus der historischen Forschung hinsichtlich Chopins Privatleben bislang hauptsächlich auf dessen bloss freundschaftlichen, nicht-romantischen Kontakten zum anderen Geschlecht.

Meine journalistische Recherche «Chopins Männer» für Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) bestätigte diese Diskrepanz. Die Publikation in Form zweier einstündiger Audio-Features und eines Online-Artikels Mitte November 20202 vermittelte einem breiten, weltweiten Publikum diverse einschlägige Briefstellen aus Chopins Feder. Ferner zeigte sie, dass in vielen Briefeditionen die entsprechenden Stellen durch weibliche Pronomen feminisiert und/oder in ihrer Direktheit abgeschwächt wurden. Und dass die nur angeblichen, aber dennoch vielzitierten zwei «Affären» Chopins mit Frauen durch keine belastbaren Beweise belegt sind.

Einen Überblick zu den bisherigen, sehr zahlreichen Publikationen über Chopins Leben, sein Umfeld und seine Musik bietet ein «Research-Guide».

Dessen Herausgebende folgen gemäss eigener Aussage der Forschungs-Haltung des renommierten, einflussreichen und finanziell von der Europäischen

1 Larivière 1997, 99 f.; Baur 2009, 536.

2 SRF Passage, 13.11.2020, «Chopins Männer» &  SRF online, 16.11.2020, «Chopin war schwul –und niemand sollte davon erfahren» [Moritz Weber].

Union unterstützten Nationalen Instituts Fryderyk Chopin (NIFC) in Warschau. Die Institution sei die «massgebliche» Quelle. Dieses Handbuch listet allein rund 50 «Allgemeine Biografien» und differenziert die unterschiedlichen Phasen der Chopinologie im 19. und 20. Jahrhundert inklusive der kommunistischen Zeit in Polen.3

Wie alle Chopin-Biograf:innen stützte ich mich für die Recherche, den Essay und das Buch in erster Linie auf die eigenen Worte des Komponisten aus seiner Korrespondenz, welche im Umfang vergleichsweise überschaubar ist (knapp 800 Briefe, im Gegensatz zu Tausenden von Astolphe de Custine, Ferdinand Hiller oder George Sand). Ich verwendete die neuste Edition in der Originalsprache, die erst jüngst komplettierte Korespondencja Fryderyka Chopina (KFC) der Universität Warschau (2009–2025). Gerade der zweite und dritte Band dieser bislang bei Weitem detailliertesten Briefausgabe zeigt mittels diverser Faksimiles eindrücklich, wie rigoros viele Autografe Chopins durch radikale Streichungen und Schwärzungen bearbeitet worden sind, von wem auch immer (Abb. 22). Gleichwohl ergibt sich bei der Lektüre recht bald ein eindeutiges Bild über das Begehren des Komponisten, er hält in seinen Briefen an männliche Intimfreunde vieles erstaunlich unumwunden und detailliert fest. Viele weitere seiner Schreiben gelten bis heute als verschollen, weswegen Lücken in der Selbstbeschreibung seiner Gefühle und Lebenswelt zu beklagen sind. Dass auch die Gegenbriefe seiner nahestehenden Männer bisher weitgehend nicht wieder aufgetaucht sind, bereitet zusätzliche Schwierigkeiten in der Aufarbeitung seiner Liebes- oder Freundschafts-Verhältnisse.

Ein präziseres Bild seines Umfelds wird indirekt mittels der Biografien ebendieser Männer und deren Korrespondenzen mit anderen erkennbar, wie meine Auswertung von bislang kaum oder nicht beachteten Autografen aus mehreren Archiven Europas zeigen (siehe Archivalienverzeichnis im Anhang). Diese Archivrecherchen bilden einen Beitrag zur Quellenforschung, die Transkriptionen von dutzenden unveröffentlichten Schriften sind hier in Ausschnitten erstmals zu lesen. Sie sind in den Fussnoten mit * gekennzeichnet, Abschnitte von erst teilweise edierten Briefen mit (*). Sie werden nach Möglichkeit später integral publiziert.

Ebenfalls erstmals werden hier genauere Angaben zu biografischen Details von Chopins Männern geboten: Zu Woyciechowskis einjährigem Exil in

3 Smialek/Trochimczyk 2015, z. B. 95 f.; Weber 2021, 430.

Dresden oder zu dessen Mitarbeit an der posthumen Publikation von Chopins Liedern op. 74. Ein bislang unpublizierter Brief hierzu zeigt, wie wichtig Tytus’ Rolle auch nach dem Tod des Komponisten noch war (siehe S. 60). Korrespondenzen Jan Matuszyńskis und Julian Fontanas liefern stimmungsvolle

Einzelheiten zu deren Zusammenleben mit Frédéric in Paris, und Archivalien aus der Polnischen Bibliothek in Paris umreissen Wojciech Grzymałas eindrückliche Persönlichkeit. Auszüge aus den Akten der Préfecture de Police de Paris wiederum geben aufschlussreiche Einblicke in die Lebensrealität von Homosexuellen im Frankreich des 19. Jahrhunderts und beweisen amtlich die Queerness von mehreren Männern aus Chopins engstem Umfeld (hier erstmals und auch als Faksimiles publiziert). Neben diesen Quellen sind selbstverständlich auch Printmedien jener Zeit wertvolle Faktenlieferanten. Ich habe dahin gehend hunderte Ausgaben des Kurjer Warszawski, Kurjer Polski, Gazeta Warszawska, des Przewodnik Polski, Powszechny Dziennik Krajowy, Dresdener Anzeigers, Thorner Wochenblatts sowie verschiedener deutscher, österreichischer, französischer, englischer und amerikanischer Zeitungen und Kurlisten ausgewertet.

Auf der Basis dieser neu erschlossenen Primärquellen beleuchte ich Themen, die früher aus unterschiedlichen Gründen tabu waren und deshalb zensiert wurden: Sei es wegen moralischen Ansprüchen einer verbreiteten Homound Queerphobie in Gesellschaft und Wissenschaft bis fast zum Ende des 20. Jahrhunderts, religionsbedingten Hemmungen oder verschiedentlichen politischen Interessen, etwa denjenigen des alles überwachenden kommunistischen Regimes in der damaligen Volksrepublik Polen, unter deren Vorzeichen viele Grundlagen der modernen Chopinologie erarbeitet wurden. Spätestens seit der minutiösen Aufarbeitung von Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Homosexualität in den 1990er-Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist aber der Zenit jener vergangenen Zeit überwunden. Heute werden vermehrt auch jene privaten Aspekte von Künstler:innen-Biografien angesprochen, die ehemals als unvorteilhaft, schädlich oder verwerflich galten, wie Spiel- oder Trunksucht, Promiskuität, Junggesellentum oder eben Queerness oder Homosexualität.

Die hier gebündelten Biografien liefern entsprechend dem Umfang der Überlieferungen bald eindeutigere, bald vagere Indizien zu den (potenziellen) Liebhabern Chopins; zu jenen Männern, welche sein Privatleben prägten, welchen er vollkommen vertraute und mit welchen er aussergewöhnlich liebe-

volle, herzliche oder körperlich intime Kontakte pflegte. Es sind Schlüsselfiguren seines Lebens. Um diese Persönlichkeiten sowie ihre Geschichte mit Chopin adäquat und detailliert darstellen zu können, werden sie hier bewusst in Einzelkapiteln vorgestellt. Mit Ausnahme von Woyciechowski ungefähr in chronologischer Reihenfolge ihres Kennenlernens oder ihrer intensivsten Zeit mit dem Komponisten. Redundanzen sind somit unausweichlich, jedoch bietet sich so ein multiperspektivischer Blick auf gewisse Lebensabschnitte Chopins wie die Mallorca-Reise, die er fast mit seinem Leben bezahlen musste. Dass zwischen ihm und seinem «Geliebten» Tytus eine homoerotische Beziehung bestand, streiten heute (hinter vorgehaltener Hand) auch manche Insider aus den altehrwürdigen Chopinolog:innen-Kreisen nicht mehr ab. Diesem musikbegeisterten und von Chopin mit mehreren Kompositionen beschenkten heroischen Freiheitskämpfer und innovativen Landwirt ist eines der umfangreichsten Kapitel gewidmet. Direkt im Anschluss werden die Recherche-Ergebnisse sowie die gegenwärtigen Forschungsdebatten und -Hindernisse reflektiert. Die folgenden Kapitel schildern die Biografien anderer Lebensgefährten, die teils Jahre mit Chopin zusammenlebten: Diejenige des strebsamen Arztes Matuszński etwa, oder die dramatische Lebensgeschichte des vielseitig begabten, emotional hin- und hergerissenen, spielsüchtigen, und fast immer am Rande des finanziellen Ruins lebenden Fontana. Die Vita des von Chopin ähnlich wie Tytus geliebten Draufgängers und Söldners Antoni Wodziński (den der Komponist mit seiner As-Dur Etüde op. 25,1 musikalisch portraitierte) oder jene des Staatsmannes und Bankiers Grzymała, einer der wichtigsten Figuren der polnischen Diaspora in Paris. An diesen «Schatz» adressierte Chopin nicht weniger als 74 teilweise sehr ausführliche Briefe (fast ein Zehntel seiner Korrespondenz).

Selbstverständlich wird auch der weitverzweigte, nicht-polnische und recht queere Freundeskreis Chopins in Paris beleuchtet, potenzielle Liebhaber, Affären oder homophile Freunde: Der männerliebende Hypervirtuose Charles-Valentin Alkan, der humorvolle Biedermeier-Liedkomponist und Katzenliebhaber Josef Dessauer, der Universalmusiker Ferdinand Hiller oder der Krösus des Kreises, Marquis Astolphe de Custine, der berühmteste offen und promisk lebende Schwule im Frankreich jener Zeit. Der wildromantische Maler Eugène Delacroix, wie der homosexuelle Lieblingsschüler Chopins, Adolphe Gutmann, sowie der lebenslustige Vincenzo Bellini. Rund die Hälfte von ihnen entschieden sich wie Chopin für das Junggesellenleben und fügten

sich nicht der damals fast zwingenden gesellschaftlichen Konvention einer (Schein-)Heirat oder Familiengründung. Selbstredend ist bei den anderen eine Vermählung oder eigener Nachwuchs kein Beweis für eine Heterosexualität, man denke an unzählige Beispiele von Custine über Thomas Mann (mit sechs Kindern) bis zum Formel-1-Star Ralf Schumacher.4 Einige der Kurzbiografien bieten erstmals auf Deutsch detailliertere Portraits dieser Persönlichkeiten, und sie alle erzählen den Lebensweg Chopins laufend mit. Die emsige Klavierschülerin Friederike Müller liefert zudem erhellende Einblicke in die oft recht nonchalante Unterrichtspraxis des Komponisten.

Die Narrative und Sagen, die sich um eine angebliche Zuneigung Chopins zu Frauen oder Mädchen ranken, werden hier kritisch hinterfragt. Bei allen erweist sich das bisher Vermittelte als Ausgeburt von unbelegtem Klatsch sowie Belletristik der Spätromantik: So hält beispielsweise die neuere Chopinforschung unumwunden fest, dass für die so oft behauptete und immer weitergesponnene Mär einer «heimlichen Verlobung» Chopins mit der Minderjährigen Maria Wodzińska bis heute eine novellenhafte Romanbiografie aus dem Jahr 1886 als Hauptquelle dient. Das Chopininstitut in Warschau bestätigt, dass es dazu, wie auch zur angeblichen Liebe zur Gesangsstudentin Konstancja Gładkowska keinerlei schriftliche Belege oder andere stichhaltige Evidenzen gibt. Diese langlebigen Geschichtchen wurden also aus einem veritablen Gerüchtekanon sowie Fiktion über die Jahrzehnte zu Fakten. Chopins Künstler-Freundschaft zu George Sand darf hier natürlich nicht fehlen, und damit seine Rolle in der grossen Künstler:innen-Familie dieser vielschichtigen Schriftstellerin, die selbst (zumindest zeitweise) bisexuell lebte.

Der polnische Nationalkomponist, eine «aalhaft»5 schlagfertige und privat «flatterhafte»6 Persönlichkeit, vielleicht ähnlich promisk wie George Sand und «in seinen Zuneigungen nicht exklusiv»7, erscheint so in einem anderen Licht. Nicht als schwacher und unentschlossener Naivling, der sich nicht traute, seine Gefühle – auch die derben, zotigen und erotischen – zu formulieren. Sondern als selbstbewusst lebender und begehrender Mann, der seine Emotionen explizit an seine geliebten Männer in Form von Briefen oder Musik verschickte, und sein Leben bewusst in einem queeren Umfeld gestaltete

4 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.7.2024, «Schumacher ‹überwältigt› von positiven Reaktionen».

5 FC an Grzymała, nach 28.7.1837 (KFC II, 680; CPL, 275).

6 Custine an FC, Ende Dezember 1839 (KFC III, 191; CdFC II, 377).

7 HdMV XIII, Kp. 7, 125.

und lebte. Einer, der trotz oft kränklicher Konstitution nächtelang durch die Pariser Salons streifte – ähnlich agil wie seine pianistischen Fiorituren virtuos und unvorhersehbar durch seinen Klaviersatz schweifen.

Übersetzungen und Abkürzungen

Wenn nicht anders vermerkt stammen die Übersetzungen sämtlicher polnischer, französischer, italienischer, englischer und spanischer Texte von mir. Vielen Dank an die jeweiligen Muttersprachler:innen, welche mich dabei unterstützten. Bei den polnischen Texten wurden jene Übersetzungen zum Vergleich herangezogen, die im SRF-Feature Chopins Männer publiziert worden sind. Diese waren von einer Übersetzungsfirma erstellt worden, manche Partien gar von zweien, toptranslation.com und tolingo.com (nach dem 4-Augen-Prinzip gemäss Qualitätsnorm ISO 17100). In deutschen Zitaten wurden Orthografie-Fehler grundsätzlich belassen und aus Gründen der Leserfreundlichkeit nicht mit [sic] gekennzeichnet. Die originalen Hervorhebungen sind hier immer kursiv wiedergegeben, wobei Werktitel in Zitaten von mir kursiv gesetzt wurden.

Um auch nicht-polnischsprachigen Leser:innen Transparenz zu bieten, sind in den Fussnoten nicht nur die Seitenzahlen der neusten polnischen Briefedition (KFC) angegeben, sondern auch diejenigen der jüngsten englischen (Frick, 2016, CPL) oder französischen (Sydow, 1981, CdFC), sofern die entsprechenden Briefe dort enthalten sind. Alle Abkürzungen sind sowohl im Abkürzungs-, als auch direkt im Literaturverzeichnis vermerkt. Für Werke Chopins ohne Opuszahl sind die Nummerierung der revidierten Wydanie Narodowe (WN) angegeben, wenn sie dort katalogisiert sind, ansonsten jene des Werkverzeichnisses von Krystyna Kobylańska (1979). Online-Quellen und Nachschlagewerke wie MGG Online oder das Online-Kalendarium des NIFC wurden zuletzt am 28.2.2026 aufgerufen.

Tytus Sylwester

Woyciechowski –Ideal und Liebhaber

(31.12.1808, Lwów – 23.3.1879, Poturzyn)

Sucht man in Frédéric Chopins Biografie nach der Liebe seines Lebens, dann wird man sie aufgrund der überlieferten Schriften in der Person von Tytus Woyciechowski finden. Niemandem sonst hat er mehr eindeutige, leidenschaftliche, stürmische und erotische Liebeserklärungen geschickt, niemandem hat er mehr Werke gewidmet oder zugedacht. Chopin selbst nannte ihn denn auch mehrmals explizit kochanek, das polnischen Wort für Liebhaber oder Geliebter, wahlweise verstärkt mit Superlativen wie teuerster oder liebster.1

1 FC an Woyciechowski, 14.11.1829, 31.8.1830, 4.9.1830, 5.10.1830 (KFC I, 324, 387, 392, 411; CPL, 144, 171, 174, 185, übersetzt an ersten 3 Stellen «my dear»).

Abb. 1: Tytus Woyciechowski

Tytus kommt am 31. Dezember 1808 in Lwiw (Lemberg) zur Welt, das nach der dritten Teilung Polens zum österreichischen Galizien gehört. Seine Mutter Maria Anna Weltzowa hat dann bereits zwei Kinder aus erster Ehe, Antonina und Karol.2 Tytus’ Vater hat als Kammerherr am Hof von Stanisław II. Poniatowski gedient, dem letzten König des unabhängigen Polens. Er besitzt einen Hof in Poturzyn im Südosten des heutigen Polens, stirbt jedoch, als Tytus noch ein Kind ist. Der Kleine wächst zunächst in seiner Geburtsstadt auf und wird wahrscheinlich dort von seiner Mutter grossgezogen. Seine erste Schulbildung erhält er privat zuhause, aber 1818 schickt sie ihn nach Warschau ins Lyzeum, wo er in die 2. Klasse eintritt.3 Er ist ein ausgezeichneter Schüler und gehört mehrmals zu denjenigen, die in der Zeitung lobend erwähnt werden.4

Wie manche der engsten Jugendfreunde Chopins ist auch Tytus musikbegeistert. Er nimmt wie Frédéric Klavier- und wahrscheinlich auch Kompositionsunterricht bei Wojciech Żywny und besitzt ein eigenes Instrument, ein Pantaleon. Seine Mutter ermöglicht es ihm und seinem älteren Halbbruder Karol während der Gymnasialzeit im angesehenen und teuren Lyzeaten-Wohnheim für junge Männer zu wohnen,5 welches die Eltern Chopins seit 1817 im Kazimierz-Palasts führen. Es befindet sich wie das Lyzeum auf dem Campus der Warschauer Universität. Die Kosten belaufen sich auf stattliche 4000 Złoty pro Jahr, was sich nur die wohlhabendsten Familien leisten können. Das Elite-Pensionat ist auch bekannt für seine hohen hygienischen Standards und gutes Essen.6 Familie Chopin wohnt privat auf derselben Etage des Gebäudes,7 bereits als Achtjähriger sieht Frédéric somit Tytus täglich.

In einem Brief erwähnt der Komponist ihn, soweit bis heute bekannt, aber erst Jahre später erstmals, er lässt ihm und dessen Halbbruder Grüsse ausrichten – hier noch ohne Küsse.8 Zunächst ist der junge Teenager Frédéric ganz auf seine Jugendliebe Jan Białobłocki fixiert, welchem er inoffiziell seine erste Polonaise widmet, und danach schwärmt er für Jan Matuszyński. Bald aber gibt es fast nur noch Woyciechowski für ihn. Dieser ist musisch begabt,

2 KFC I, 618: Maria Anna Balicka-Weltzowa (≈1779–1829) Józef Saryusz Woyciechowski (≈1753–1810); Antonina (1800–1868), Karol (1804–1883).

3 Mardofel 2009, 131 f.

4 Gazeta Korrespondenta Warszawskiego i Zagranicznego, 9.10.1819, 1602, 12.8.1822, 1465.

5 Mardofel 2011, 253, 260.

6 Bluszcz, 28.7./9.8.1882, 249.

7 Mysłakowski 2018, 80 f.

8 FC an Eustachy Marylski, 8.9.1823 (KFC I, 49; CPL, 37).

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