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DIE TRACHINIER INNEN TRAGÖDIE

Übersetzt von Kurt Steinmann Mit einem Essay von Anton Bierl

Die Trachinierinnen Tragödie

Übersetzt und annotiert von Kurt Steinmann

Mit einem Essay von Anton Bierl

Herausgegeben von Anton Bierl

Schwabe Verlag

Publiziert mit freundlicher Unterstützung der Universität Basel.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ohne Zustimmung des Verlags ist untersagt.

Abbildung Umschlag: «Die Frauen von Trachis» am Schauspielhaus Zürich (Spielzeit 2024/25), © Matthias Horn, Berlin

Korrektorat: Anna Jung, Berlin

Cover: icona basel gmbh, Basel

Layout und Satz: Claudia Wild, Konstanz

Druck: Prime Rate Kft., Budapest

Printed in the EU

Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. AlbanVorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de

ISBN Printausgabe 978-3-7965-5420-9

ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5421-6

DOI 10.24894/978-3-7965-5421-6

Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt.

rights@schwabe.ch www.schwabe.ch

(633–662)

Sophokles’ Arbeit am Mythos

Deianeira in angstvoller Sorge um ihren Mann

Das Orakel und die Zuspitzung der krisenhaften Situation durch die Frist

Die überraschende Ankündigung der Ankunft des Herakles 110

Lichas’ erste Version der Ereignisse: Eroberung aus Rache für eine Ehrverletzung

Iole und Lichas’ zweite Version: Eroberung aus Liebe

Liebe und Eifersucht: Deianeiras Stimmungswechsel und ihr Mittel des Liebeszaubers gegen die Rivalin

Herakles und der Berg Oita am Horizont

Die zu späte Erkenntnis über den Liebeszauber:

Die Bewertung von Deianeiras Tat

Herakles’ pervertiertes Opfer und das Wirken des Gifts:

Die Ausstellung von Herakles’ Leid, seine Verweiblichung und die späte Erkenntnis

Die Frage nach den Göttern und der Rolle des Zeus

Fazit und die politische Funktion

Kurze Geschichte des Nachlebens des Stoffes von der Antike bis ins 18. Jahrhundert

Kurze Geschichte des Nachlebens auf der modernen Bühne

Die Zürcher Inszenierung (2024) und ihre Textgrundlage

Die Trachinierinnen des Sophokles samt ihrer komplexen Rezeptionsgeschichte haben mich schon immer fasziniert. Im Herbstsemester 2016 hielt ich dazu an der Universität Basel ein Seminar mit zahlreichen anregenden Diskussionen. Den damaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern danke ich für ihre Beiträge. Muriel Gerstner, die bekannte Bühnenbildnerin und Theaterschaffende, die ich im Herbst 2022 als rege Mitdiskutantin im Seminar zu Aischylos’ Prometheus kennenlernen durfte, besuchte seitdem manche meiner Veranstaltungen, unter anderem die Vorlesungen zu den griechischen Helden, zum Krieg in der griechischen Literatur und zu Sophokles, die auf grossen Widerhall stiessen und in denen die Trachinierinnen jedes Mal in der einen oder anderen Form Berücksichtigung fanden. Über den intellektuellen Austausch wurden wir bald Freunde. Sie berichtete mir schon – zunächst noch ein streng gehütetes Geheimnis – weit im Vorfeld, dass sie in der Interimsintendanz unter Ulrich Khuon an einer Antikeninszenierung in Zürich beteiligt sei und an der Auswahl gerade dieser Tragödie nicht unwesentlichen Anteil gehabt habe. Ebenso hörte ich bereits in einem frühen Stadium von Kurt Steinmann, mit dem ich seit Jahren aufgrund mehrerer Zusammenarbeiten im engen und freundschaftlichen Austausch stehe, dass er eigens für die geplante Aufführung unter der Regie von Jossi Wieler an einer ganz neuen Übersetzung der Trachinierinnen sass.

Natürlich liess ich es mir nicht entgehen, die Premiere am 15. Dezember 2024 in Zürich zu besuchen. Die Aufführung hinterliess bei mir einen tiefen Eindruck. Die Wahl des Textes in der

gelungenen Neuübertragung, die Spielweise und die Thematik trafen offenbar den Zeitgeist und setzten neue Massstäbe, was sich auch in zahlreichen positiven Besprechungen niederschlug. Sofort setzte ich mich an die Arbeit, eine längere Besprechung für Visioni del tragico zu verfassen, zu der mich die Herausgeberin Sotera Fornaro, die ebenfalls in Zürich anwesend war, ermunterte. Für eine Tagung zu aktuellen Trends in der Wiederaufführung der antiken Tragödie, die von ihr mitorganisiert wurde und in Neapel im Juni 2025 stattfand, wählte ich neben dem Hamburger Antikezyklus Anthropolis, der den Titel der Konferenz lieferte, als Antipoden Jossi Wielers Inszenierung zum Thema meines Diskussionsbeitrags. Sotera Fornaro danke ich für die intensiven Gespräche, manche Anregung und die konstruktive Kritik.

Da mir Kurt Steinmann schon bald berichtete, dass sich für die spätere Veröffentlichung des Spieltexts kein Verlag finde, kam mir kurz nach der Aufführung spontan die Idee, mich mit ihm zu einem Doppelgespann zusammenzutun und seine viel gelobte Übersetzung mit einem ausführlichen begleitenden

Essay in einem gemeinsamen Band zu veröffentlichen. Neben einer eingehenden Analyse wollte ich darin vor allem zwei Themenkomplexe beantworten: Einerseits sollte es darum gehen, rezeptions- und geistesgeschichtlich die Faktoren herauszuarbeiten, weswegen die Trachinierinnen gerade im 19. und bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sowohl in ästhetisch-literarischer als auch politischer Hinsicht kaum mehr verstanden wurden und aufgrund der fehlenden Resonanz auch auf der modernen Bühne fast in Vergessenheit gerieten. Andererseits war es mein Anliegen zu eruieren, warum das Stück uns heute plötzlich in vielerlei gesellschaftlich relevanten Fragen sowie in seiner körperzentrierten, emotional-performativen Theatralität anspricht. Aufgrund der verblüffenden Aktualität verdienen die Trachinierinnen, so ist unsere Überzeugung, von einer breiten Leserschaft neu entdeckt zu werden und auf die Spielpläne des

Theaters zu kommen. Nach Kontaktaufnahme mit Arlette Neumann-Hartmann, die ebenfalls von der Zürcher Aufführung beeindruckt war, fanden wir rasch in Schwabe einen Verlag, der sich von der Idee begeistern liess. Ich danke Arlette NeumannHartmann und Ruth Vachek für die professionelle Betreuung seitens des Schwabe-Verlags und Kurt Steinmann für die kollegiale und gute Zusammenarbeit.

Zuletzt verleihe ich unserer Hoffnung Ausdruck, der Band möge dazu beitragen, dass die Trachinierinnen in dieser Neuübersetzung und Aufbereitung viele neue Leserinnen und Leser sowie vor allem auch ihren Platz auf der deutschsprachigen Bühne finden.

Basel, im Februar 2026 Anton Bierl

Sophokles: Die Trachinierinnen (Die Frauen von Trachis)

Übersetzung: Kurt Steinmann

Personen des Dramas:

DEIANEIRA

AMME

HYLLOS

CHOR

der Frauen von Trachis

BOTE

LICHAS

IOLE

EIN ALTER MANN

HERAKLES

Tochter des Oineus, Gattin des Herakles

Sohn des Herakles und der Deianeira

Herold des Herakles

Tochter des Königs Eurytos (stumme Person)

Diener des Herakles

Prolog (1–93)

Szene: Die Handlung spielt vor dem Haus des Herakles in Trachis, wo Deianeira und ihre Familie im Exil leben.

DEIANEIRA (tritt aus dem Haus, begleitet von der Amme)

Vor Zeiten schon kam bei den Menschen auf der Spruch, dass man von keines Menschen Leben wissen kann, bevor er starb, ob es gesegnet für ihn war, ob schlimm.

Ich aber weiss bestimmt, schon ehe ich zum Hades schreite, dass meines misslich ist und schwer, die ich noch in dem Hause meines Vaters Oineus, in Pleuron wohnend, vor der Hochzeit Angst empfand, die quälendste, wie sonst kein Weib Aitoliens.

Denn mein Bewerber war ein Flussgott, Acheloos, der beim Vater um mich warb in dreierlei Gestalt:

Trat leibhaft auf als Stier, dann schillernd und sich ringelnd als Schlange, weiter dann in eines Mannes Hülle, jedoch mit eines Ochsen Haupt; aus dunklem Backenbart entrannen Bäche wie aus einer Quelle Nass.

Gefasst auf einen solchen Freier, flehte ich Arme allzeit um den Tod, bevor ich solchem Ehebett jemals mich nahte.

Zwar später erst, doch mir willkommen, kam Herakles, des Zeus und der Alkmene berühmter Sohn, stiess mit dem Fluss im Kampf zusammen und erlöste mich. Nun, wie der Streit verlief, ich kann’s nicht sagen, weiss es nicht – wer ohne Furcht dem Schauspiel zusah, mag davon berichten.

Ich nämlich sass dabei, betäubt von Angst, dass meine Schönheit mir dereinst noch Leid bereite.

Doch schuf ein gutes Ende Zeus, des Wettkampfs Herr –wenn es denn gut war. Denn mit Herakles vereint als auserkorne Frau, nähr ich nur Angst um Angst und sorge mich um ihn; denn Nacht bringt mit sich Qual,

und Nacht verscheucht sie auch, für neue Qual empfänglich ihrerseits.

Wir zeugten Kinder; doch er sah sie nur so oft, als wie ein Bauer, der ein abgelegnes Ackerfeld bestellt, es einmal nur beim Säen und beim Ernten zu Gesicht bekommt.

Ein solches Leben trieb den Mann beständig mir in das Haus und aus dem Haus in fremden Dienst.

Nun aber, da er diese Kämpfe ausgestanden hat, bin ich erst recht in allergrösster Angst.

Denn seit er Iphitos, den starken Mann, erschlug, wohnen wir hier in Trachis als Vertriebene bei einem Gastfreund; aber er, wohin er ging, weiss niemand; eines nur weiss ich, dass er mir bittren Schmerz um ihn zufügte, als er ging.

Ich bin fast sicher, dass ihm zugestossen ist ein Leid. Denn nicht kurze Zeit, nein, schon zehn Monde zu fünf weitern bleibt er aus ganz ohne Kunde. Das ist ein schlimmes Unheil! Hinterliess er mir doch eine Tafel, bevor er schied, des Inhalts, dass ich häufig zu den Göttern fleh, dass ich sie nicht zu meiner Qual empfing.

AMME

O Herrin Deianeira! Oft schon sah ich dich, ganz in Tränen, Wehgeschrei erheben, jeweils bei des Herakles Auszug. Doch jetzt, wenn’s richtig ist, die Freigebornen zu belehren mit einer Sklavin Einsicht, muss auch ich dir anempfehlen deine Pflicht. Wie bist du reich an Söhnen, doch entsendest nicht einen auf die Suche nach dem Mann? Und käm dies nicht zuallererst dem Hyllos zu, wenn er denn Sorge um den Vater trägt, um dessen Wohlergehn? Da stürmt er eben selbst mit flinkem Fuss dem Hause zu, sodass du dich, wenn dir mein Rat zu taugen scheint, des Manns bedienen kannst und meines Worts.

DEIANEIRA

Mein Kind, mein Sohn! Auch aus dem Mund von Leuten niedriger Geburt fallen, scheint’s, die Worte gut. Denn diese Frau, zwar Sklavin, sprach da einer Freien Wort.

(Hyllos tritt auf)

HYLLOS

Welches? Lass es, Mutter, wissen mich, wenn ich es wissen darf.

DEIANEIRA

Dass, da der Vater schon so lange in der Ferne weilt, und du nicht nachforschst, wo er sei, dir Schande bringt.

HYLLOS

Doch weiss ich es – wenn man Gerede trauen darf.

DEIANEIRA

Und wo auf Erden, hörst du, dass er siedle, Kind?

HYLLOS

In der vergangnen Ackerzeit hat er fortwährend, heisst’s, in Knechtes Dienst bei einem Lyderweib sich abgemüht.

DEIANEIRA

Auf alles dann bin ich, wenn er auch das ertrug, gefasst.

HYLLOS

Doch ist er wieder frei von dieser Fron, soweit ich hör.

DEIANEIRA

Wo aber, geht die Kunde, ist er jetzt, ob lebend oder tot?

HYLLOS

Das Land Euboia, sagen sie, die Stadt des Eurytos, greift an er oder hab es erst noch vor.

DEIANEIRA

Weisst du denn auch, Kind, dass er Göttersprüche, verlässliche, mir über dieses Land zurückgelassen hat?

HYLLOS

Und welche, Mutter? Denn die Sache ist mir unbekannt.

DEIANEIRA

Dass er entweder dort des Lebens Ende finde, oder sich noch diesen Kampf auflade und dann künftig des Lebens Rest von Glück erfüllt verbringe.

Wo seines Schicksals Waage auf der Kippe steht, mein Kind, willst du nicht gehen, ihm zu helfen? Da wir ja gerettet sind, [ ] wenn er sein Leben rettet, oder mit ihm untergehn.

HYLLOS

So geh ich, Mutter! Hätte ich den Wortlaut dieser Göttersprüche gekannt, wär ich schon längst bei ihm. Doch liess das schon gewohnte Glück des Vaters mich für ihn nicht fürchten, noch zu sehr in Sorge sein. Jetzt, da ich Einsicht hab, will ich nichts unterlassen, darüber volle Wahrheit zu ergründen.

DEIANEIRA

So geh, mein Sohn! Auch später zu erfahren, dass gut es steht, trägt ein Gewinn.

(Hyllos und die Amme ab. Deianeira bleibt auf der Bühne. Der Chor der Frauen von Trachis zieht ein.)

Parodos (94–140)

CHOR

Den die funkelnde Nacht, wenn sie schwindet, gebiert und wieder in Schlaf wiegt, den flammenden, Helios, Helios bitt ich,

dies zu verkünden von der Alkmene Sohn: Wo er mir, wo er mir denn wohnt – o der du glanzvoll leuchtend erstrahlst – : sei es in Buchten des Meers oder sei es auf dem Festland der zwei Kontinente. Sage es du, der kraft seines Blicks ist der Stärkste!

Deianeira, die heissumworbene, seh ich, mit sehnendem Herzen allzeit einem verzagten Vogel gleich niemals stillen das Sehnen ihrer tränenlosen Augen, nein, eingedenk der Fahrten des Mannes hegt Furcht sie, reibt auf sich auf gramvollem, gattenlosem Lager, ein schlimmes erahnend, ein unglückseliges Schicksal.

Denn wie vielfach des unermüdlichen Südoder Nordwinds Wogen einer über das weite Meer kann sehen, wie sie schwinden und nahen: So wirbelt den in Theben Gebornen umher und hebt ihn wieder empor die zahlreiche Mühsal des Lebens, ähnlich dem Meer vor Kreta. Doch einer der Götter hält immer den Schuldlosen fern von den Häusern des Hades.

Da du dich darüber beklagst, will ich zwar respektvoll, doch dir widersprechend entgegnen. Denn ich sage, nicht verkommen lassen die Hoffnung, die gute, darfst du: Schmerzloses hat auch nicht der alles beherrschende König verhängt über die Sterblichen, Kronos’ Sohn.

Nein, Leid und Freude kreisen über uns allen wie des Grossen Bären sich drehende Pfade.

So verbleibt nicht die funkelnde

Nacht den Sterblichen, auch nicht Unheil und nicht der Reichtum, sondern im Nu ist’s damit aus und dem andern kommt zu, sich zu freuen und wiederum freudlos zu darben. So musst auch du, die Herrin, sag ich, dies hoffnungsfroh immer dir halten vor Augen. Denn wer hat Zeus je unbekümmert gesehn um die eigenen Kinder?

1. Epeisodion (141–496)

Teil a 1. Epeisodion (141–204)

DEIANEIRA

Da du vermutlich Kunde hast von meinem Leid, bist du gekommen. Doch wie sehr ich mir das Herz zermartre, das magst du nie am eignen Leib erfahren! Jetzt weisst du noch nichts davon.

Denn das, was jung ist, weidet noch auf seinen eignen Fluren, und nicht die Glut des Sonnengottes und nicht Regen und kein Wind setzt ihm zu, o nein, in Freuden hält es hoch ein müheloses Leben, solang bis eine, anstatt ‹Jungfrau›, ‹Frau› genannt ist und zur Nacht an Sorgen ihren Teil empfängt, sei’s, dass sie um den Gatten bangt, sei’s um die Kinder. Dann könnt wohl eine, wenn sie prüft ihr eignes Los, erkennen, welche Übel auf mir lasten. Nun hab ich, wie du weisst, zwar über viele Leiden schon geweint, doch eins, wie keines je zuvor, erzähl ich gleich. Denn als zu seiner letzten Fahrt der Herr

aufbrach vom Hause, Herakles, da liess er eine alte Tafel hier bei mir, beschrieben mit Zeichen, wie er früher sie mir nie, wenn er in viele Kämpfe zog, zu zeigen über sich gewann. Nein, etwas Grosses zu vollbringen, brach er jeweils auf, nicht rechnend mit dem Tod. Jetzt aber, so als wär er schon nicht mehr, verfügte er, was ich als Witwengut erhalten sollte und bestimmte, welchen Teil vom väterlichen Land er übertrage seinen Kindern. Als Zeit hat er zum Voraus festgesetzt, dass er, wenn er drei Monde und ein Jahr, nachdem er ging, dem Land fernbliebe, entweder sterben müsse dann zu jener Zeit, oder, wenn er überschritte diese zielgesetzte Zeit, er künftig nun ein Dasein fristen werde ohne Leid.

Dies, erklärte er, sei von den Göttern so verhängt, als Ende für des Herakles Strapazen, wie es die alte Eiche zu Dodona einst verkündet durch die beiden Tauben, sagte er. Nun ist genau die Zeit, da dieses Götterworts Erfüllung unfehlbar eintreten wird, und so entscheiden muss es sich

Darum fahr ich aus süssem Schlummer hoch voll Furcht, ihr Lieben, zitternd, ob ich nun muss bleiben beraubt des unter allen besten Manns.

CHOR

Still jetzt! Kein unheilvolles Wort mehr! Denn ich sehe einen Mann, bekränzt, dort kommen, so, als bring er frohe Kunde.

BOTE

Herrin Deianeira! Als der erste Bote will ich dich von Furcht erlösen: Denn Alkmenes Sohn,

wisse, lebt, ist Sieger, und vom Kampf bringt er die Erstlingsgaben für des Landes Götter.

DEIANEIRA

Was für ein Wort hast, Alter, du mir da gesagt?

BOTE

Dass bald dir, vielbeneidet, in dein Haus dein Gatte kommt, im Glanz erscheinend sieggekrönter Macht.

DEIANEIRA

Von welchem Bürger oder Fremden hast du das gehört?

BOTE

Vor vielem Volk rief’s auf der Ochsen Sommerweide aus Lichas, der Herold. Ich, da ich’s von ihm hörte, lief fort, damit ich dir’s als erster melde und mir Belohnung hole und dazu mir Dank erwerbe.

DEIANEIRA

Und warum bleibt er selbst fern, wenn er Gutes bringt?

BOTE

Er hat’s nicht leicht, vom Fleck zu kommen, Frau. Denn im Kreise ihn umlagernd fragt der Malier ganzes Volk ihn aus und hindert ihn, sich aufzumachen. Denn jeder wünscht in seiner Neugier alles zu erfahren und lässt nicht nach, bevor er seine Hörlust nicht gestillt. So ist er, widerwillig, dort mit Willigen zusammen; doch wirst du demnächst ihn mit eignen Augen sehn.

DEIANEIRA

O Zeus, der du des Oita ungemähte Trift besitzt, nun hast du, wenngleich spät, uns Freude doch geschenkt! Lasst ertönen, Fraun, die Stimmen: dort im Hause drin wie draussen vor dem Hofe, da wir dieser Kunde Lichtblick, der mir unverhofft aufging, nunmehr geniessen!

Choreinlage: Hyporchema (205–224)

CHOR

Aufjuble das Haus

mit Jauchzen am Herd, bereit, zu erneuern die Ehe. Und der gemeinsame Gesang der Männer preise dazu den Meister des Köchers Apollon, meinen Beschützer.

Und zugleich das Preislied, das Preislied stimmt, ihr Jungfrauen, an!

Ruft die mit ihm zusammen Gezeugte: Artemis Ortygia, die Hirschjägerin, von Fackeln umloht, und die benachbarten Nymphen. Ich schwebe empor und verstosse nicht die Flöte, o meines Herzens Gebieter! Da sieh! Stürmisch bewegt mich –euoi! –der Efeu, der mich herumwirbelt jetzt zu bakchisch verzücktem Tanz.

(Ekstatischer Tanz. Lichas nähert sich mit einem Zug von Kriegern und gefangenen Frauen, unter ihnen Iole. Der Bote bleibt auf der Bühne.)

Io! Io! Paian!

Da siehe, sieh, o liebe Frau!

Dies darfst du also deutlich direkt vor deinen Augen sehn.

Teil b 1. Epeisodion (225–496)

DEIANEIRA

Ich seh es, liebe Fraun, und meines Auges Wachsamkeit entging der Zug nicht, dass ich ihn nicht wahrgenommen.

Voll Freude heiss den Herold ich willkommen, kommt er auch erst spät – wenn denn erfreulich ist, was du mir bringst.

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