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Philologie, Alte Geschichte und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an den Universitäten Oxford und München. Sie lehrt als Privatdozentin für Klassische Philologie an der Universität Basel und hat zur antiken, spätantiken und neulateinischen Literatur publiziert.

Conrad Gessner

PETRA SCHIERL (HG.)

PETRA SCHIERL (HG.)

Petra Schierl studierte Lateinische und Griechische

Conrad Gessner

Fossilienbuch

Fossilienbuch In seinem letzten Lebensjahr publizierte der Zürcher Universalgelehrte Conrad Gessner ( 1516–1565 ) die erdwissenschaftliche Studie De rerum

Schrift wird in dieser Ausgabe erstmals aus dem Lateinischen übersetzt, in ihren historischen Kontext eingeordnet und durch Zitatnachweise und mehrere Register zugänglich gemacht. Der Sammelbegriff res fossiles verweist auf das, was sich aus dem Boden ausgraben lässt : Gesteine, Minerale, Erze sowie Fossilien im heutigen Sinn, die man damals meist nicht als Relikte von Organismen erkannte. Das « Fossilienbuch » zeichnet sich durch zahlreiche Holzschnitte aus, die Objekte aus den Sammlungen von Gessner und seinen Korrespondenzpartnern zeigen. Es dokumentiert den Austausch von Informationen und Bildmaterial und gibt Einblick in Gessners internationales Netzwerk. Mit Beiträgen zur Einleitung von Urs B. Leu und Walter Etter Erstellung der Register unter Mitarbeit von Alessandra Geiger

www.schwabe.ch

Conrad Gessner

Diese wissenschaftshistorisch und kulturwissenschaftlich bedeutende

Fossilienbuch

fossilium, lapidum et gemmarum maxime, figuris et similitudinibus liber.


Conrad Gessner

Fossilienbuch Übersetzt und herausgegeben von Petra Schierl mit Beiträgen zur Einleitung von Urs B. Leu und Walter Etter Erstellung der Register unter Mitarbeit von Alessandra Geiger

Schwabe Verlag


Die Druckvorstufe dieser Publikation wurde vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt.

Open Access: Wo nicht anders festgehalten, ist diese Publikation lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0) Jede kommerzielle Verwertung durch andere bedarf der vorherigen Einwilligung des Verlages. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ist ohne Zustimmung des Verlags untersagt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abruf‌bar. © 2026 Petra Schierl, Urs B. Leu, Walter Etter, veröffentlicht durch Schwabe Verlag Basel, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Abbildungen Umschlag: Vorzeichnungen zu Holzschnitten in Gessners Fossilienbuch aus: Gessner, Conrad; Platter, Felix; Kentmann, Johannes: Abbildungen von Mineralien, Corallen usw. Zürich, vor 1565. Universitätsbibliothek Basel, K I 2, https://doi.org/10.7891/e-manuscripta-12850, fol. 41r, 53r, 56r, 68r Korrektorat: Ricarda Berthold, Freiburg i. Br. Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: Daniela Weiland, textformart, Göttingen Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza Printed in Germany Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-4610-5 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4690-7 DOI 10.24894/978-3-7965-4690-7 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt

Vorwort

7

Einleitung

9

1. Conrad ­Gessner als Naturforscher (Urs B. Leu)   1.1 Die Renaissance der Wissenschaften   1.2 ­Gessners wissenschaftliche Methode   1.3 ­Gessners Forschungen über Fossilien

10 12 17 26

2. ­Gessners «Fossilienbuch» (Petra Schierl)   2.1 Fossilia / ​«Fossilien» als Oberbegriff   2.2 Zur Entstehung des Sammelbandes über Fossilien: De omni rerum fossilium genere   2.3 Zur Zielsetzung des «Fossilienbuchs»: Titel, Widmungsepistel, Vorwort   2.4 Ähnlichkeitsrelationen als Gliederungsprinzip des «Fossilienbuchs»   2.5 Die Beiträge von Zeitgenossen zu ­Gessners «Fossilienbuch»   2.6 ­Gessners Zitate aus den Schriften antiker, mittelalterlicher und zeitgenössischer Autoren   2.6.1 Plinius d. Ä., Naturalis historia   2.6.2 Georg Agricola, De natura fossilium   2.7 Der kompilatorische Charakter des «Fossilienbuchs» und ­Gessners Zitierweise   2.8 ­Gessner und die Namen der «Fossilien»

29 31

3. ­Gessners Nachlass in Basler Beständen (Walter Etter, Petra Schierl)   3.1 Von Zürich nach Basel: ­Gessners Naturaliensammlung und Felix Platter   3.2 Das Schicksal des Naturalienkabinetts von Felix Platter seit dem 17. Jahrhundert   3.3 Originale aus ­Gessners Sammlung im Naturhistorischen Museum Basel

32

34 36 40 41 42 44 46 48 53

54 60 61


6

Inhalt

4. Versteinerungen unter ­Gessners «Fossilien» (Walter Etter)   4.1 Die auf Holzschnitten abgebildeten res fossiles in ­Gessners «Fossilienbuch»   4.2 Die Abbildungen von Fossilien in ­Gessners «Fossilienbuch»   4.3 Fazit: ­Gessner und die Fossilien unter den res fossiles

5. Bemerkungen zur Übersetzung (Petra Schierl)

6. Abkürzungsverzeichnis

87

Übersetzung mit Anmerkungen (Petra Schierl)

70

72 73 77 84

89

Widmungsepistel   Vorrede   Erstes Kapitel   Zweites Kapitel   Drittes Kapitel   Viertes Kapitel   Fünftes Kapitel   Sechstes Kapitel   Siebtes Kapitel   Achtes Kapitel   Neuntes Kapitel   Zehntes Kapitel   Elftes Kapitel   Zwölftes Kapitel   Dreizehntes Kapitel   Vierzehntes Kapitel   Fünfzehntes Kapitel

93 97 100 134 156 167 183 190 208 217 218 225 229 234 254 254 261

Abbildungsverzeichnis

263

Literaturverzeichnis

265

Register zu G ­ essners «Fossilienbuch» (Alessandra Geiger, Petra Schierl)

277

1. Sachregister: Verzeichnis der res fossiles

277

2. Geographisches Register

328

3. Personenregister

335

4. Werkverzeichnis

340

5. Stellenverzeichnis

355


Vorwort

Zur Entstehung dieses Buches haben mehrere Personen und Institutionen beigetragen. Die Anregung zu einer Übersetzung der von Gessner verfassten Schrift De rerum fossilium, lapidum et gemmarum maxime, figuris et similitudinibus – der ersten Übersetzung aus dem Lateinischen – hat vor mehr als zehn Jahren Dr. ­Walter Etter gegeben, damals Kurator für Paläontologie/Wirbellose am Naturhistorischen Museum Basel. Er kontaktierte diesbezüglich die Professorin für Latinistik der Universität Basel, Henriette Harich-Schwarzbauer, die mich fragte, ob ich die Aufgabe der Übersetzung übernehmen wolle. Als Gessner-Experte konnte für das Projekt zudem Dr. Urs B. Leu, Leiter der Abteilung Alte Drucke und Rara an der Zentralbibliothek Zürich, gewonnen werden. Das Übersetzungsprojekt wurde vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert, der auch die Publikation finanzierte. Zusätzlich wurde es von der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel und von der Max Geldner-Stiftung finanziell unterstützt. Die Erschliessung der Schrift durch Stellenangaben zu den Texten, die Gessner zitiert oder paraphrasiert, sowie die Erstellung aufwendiger Register haben dazu geführt, dass die Arbeit an diesem Projekt länger dauerte als ursprünglich geplant. Mein Dank dafür, dass das Buch in der vorliegenden Form fertiggestellt werden konnte, gilt zuerst Prof. em. Dr. Henriette Harich-Schwarzbauer, die das Projekt durch die Beantragung von Drittmitteln überhaupt ermöglichte und durch die Anstellung von Alessandra Geiger als wissenschaftlicher Mitarbeiterin wesentlich unterstützte. Ich danke Dr. Urs B. Leu und Dr. Walter Etter für ihre Beiträge zur Einleitung, die deutlich machen, wie sehr die Forschung zu Gessner von einem interdisziplinären Zugriff profitiert. Meinem Partner Dr. Valéry Berlincourt gilt mein Dank für die technische Unterstützung, für die Lektüre von Texten in der letzten Phase der Publikationsvorbereitungen sowie für die Begleitung in allen Phasen des Projekts. Alessandra Geiger bin ich dankbar für die engagierte und überaus sorgfältige Mitarbeit an der Erstellung der Register und für die Lektüre der Übersetzung. Dr. Arlette Neumann-Hartmann vom Schwabe Verlag hat das Buchprojekt in verschiedenen Phasen der Publikationsvorbereitungen ebenso kompetent wie geduldig betreut; ich danke ihr für den immer sehr angenehmen Austausch. In der Abschlussphase der Publikation unterstützte mich Ruth Vachek vom Schwabe Verlag mit hilfreichen Empfehlungen zur Gestaltung des Buchs. Wertvolle Ratschläge habe ich ausserdem von PD Dr. David Amherdt erhalten. Dr. Michiel de Vaan hat dankenswerterweise das Sachregister durchgesehen. Für ihre Bereitschaft zum


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Vorwort

Austausch danke ich ferner PhD Danae Thivaiou, Olivier Schmidt und Dr. André Puschnig vom Naturhistorischen Museum Basel. PhD Danae Thivaiou hat mir Informationen für das Abbildungsverzeichnis zur Verfügung gestellt. Dr. André Puschnig verdanke ich den Einblick in ein aktuelles Projekt zu den Objekten aus der naturkundlichen Sammlung von Felix Platter im Naturhistorischen Museum Basel. Mein besonderer Dank gebührt schliesslich Dr. Veronika Lukas. Sie hat den ersten Entwurf der Übersetzung und auch die Einleitung kritisch gelesen, durch ihre Rückfragen zur Verbesserung der Übersetzung beigetragen und stand mir als verlässliche Diskussionspartnerin während der gesamten Laufzeit des Projekts zur Seite. Petra Schierl Basel, im August 2025


Einleitung

Als «Fossilienbuch» wird hier die von Conrad Gessner im Jahr 1565 fertiggestellte Schrift De rerum fossilium, lapidum et gemmarum maxime, figuris et similitudini­ bus bezeichnet. Die Schrift befasst sich mit «Gestalten und Ähnlichkeiten der ausgegrabenen Dinge, vor allem der Steine und Edelsteine». Sie ist Teil des Sammelbandes De omni rerum fossilium genere, der Beiträge mehrerer Autoren enthält und den Gessner in der Offizin seines Vetters Jakob Gessner drucken liess.1 Unter res fossiles verstand Gessner neben Steinen und Edelsteinen alles, was sich aus der Erde ausgraben lässt. Unter den res fossiles sind daher auch viele Fossilien im heutigen Sinne, die zwar teilweise als Überreste von Organismen erkannt wurden, über deren Entstehung man aber nur spekulieren konnte. Weshalb Steine Abbilder von Fischen oder anderen Meerestieren zeigen, liess sich im 16. Jahrhundert noch nicht erklären. Gessner zog auf dem Gebiet der Erdwissenschaften erstmals in grossem Stil Holzschnitte zur Illustration heran. Die 73 Holzschnitte bilden 190 einzelne Objekte aus Gessners eigener Sammlung oder denen von Korrespondenzpartnern ab. Einige Objekte aus Gessners Naturaliensammlung werden heute im Naturhistorischen Museum Basel auf‌bewahrt. Ein Album mit den Zeichnungen, die als Vorlagen für die Holzschnitte dienten, befindet sich im Besitz der Universitätsbibliothek Basel.2 Das «Fossilienbuch» bettet die erhaltenen Sammlungsobjekte und Zeichnungen in einen weiteren Kontext ein und gibt so einen Einblick in Gessners Vorgehen als Naturforscher. Die Holzschnitte zeigen aus den genannten Gründen neben Mineralien und Gesteinen zahlreiche Fossilien, aber auch archäologische Funde. Ferner stellen einige Holzschnitte Schmuck oder Alltagsgegenstände dar, die aus Mineralien, Gesteinen oder Metallen gefertigt sind, wie einen Bleistift oder eine Schiefertafel. Die Abbildungen von Gegenständen aus unterschiedlichen Bereichen erklären, weshalb Gessners «Fossilienbuch» nicht nur für die Mineralogie, die Geologie und die Paläontologie bzw. die Geschichte dieser Disziplinen und die Wissenschaftsgeschichte allgemein, sondern auch für die Kunstgeschichte und die Bildwissenschaft sowie für die Archäologie von Interesse ist.

1 2

Vgl. unten 2.2. Vgl. unten 3.1–3.3.


10

Einleitung

Die hier vorgelegte Übersetzung soll Gessners Studie der Forschung verschiedener Disziplinen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Sie bietet eine Grundlage für die Auseinandersetzung mit G ­ essners Überlegungen zu den in Gestalten und Namen der res fossiles begründeten Ähnlichkeitsbeziehungen und lenkt den Blick auch auf die philologische Dimension des Textes. Eine Einführung zu G ­ essner als Naturforscher, zu seinem Fossilienbuch und zu den erhaltenen Objekten und Zeichnungen aus G ­ essners Naturaliensammlung bieten die einleitenden Beiträge von Urs Leu, Petra Schierl und Walter Etter.3 Zur Erschliessung der Schrift tragen ferner die verschiedenen Register bei, die u. a. einen Überblick über die von ­Gessner zitierten und erwähnten Autoren und über seine Korrespondenzpartner bieten. Das Sachregister führt die von G ­ essner genannten res fossiles an und erklärt die meist auf das Griechische zurückgehenden Bezeichnungen. Es ergänzt auf diese Weise die Übersetzung, in der ein Grossteil der Namen beibehalten oder mit geringen Änderungen ins Deutsche übernommen wird. Das Ziel ist nicht die Bestimmung der von ­Gessner besprochenen Mineralien oder Gesteine. Vielmehr soll untersucht werden, wie ­Gessner die res fossiles bezeichnet, über sie spricht und sie zu anderen Bereichen der Natur und zu Artefakten in Beziehung setzt. Allein die Fossilien im heutigen Sinn werden im Beitrag von Walter Etter, soweit das möglich ist, anhand der Holzschnitte bestimmt.

1.

Conrad G ­ essner als Naturforscher

Urs B. Leu

­ essners Fossilienbuch ist mit mehr als 70 Holzschnitten, die fast 200 Objekte G zeigen, das am reichsten bebilderte Werk zum Thema im 16. Jahrhundert. Unter «Fossilien» – im Lateinischen: res fossiles oder fossilia – verstand man damals alles aus der Erde Gegrabene.4 In ­Gessners Fossilienbuch finden sich neben Mineralien auch Fossilien im heutigen Sinn, wobei ­Gessner und seine Zeitgenossen vor allem Versteinerungen von Tieren noch nicht als solche erkannten. Einzelne Abbildungen solcher «Fossilien», darunter auch versteinerte Tiere, wurden bereits von Christoph Entzelt5 und Sebastian Münster6 publiziert, aber ­Gessner folgte der Idee, alles verfügbare Material zum Thema zu veröffentlichen. Dieser universale An-

3

4 5 6

Einen grundlegenden Einblick in das Leben G ­ essners und seine Leistungen auf verschiedenen Gebieten geben die ­Gessner-Biographie von Leu 2016a und der Sammelband von Leu / ​ Ruoss 2016. Der Begriff «Fossil» geht auf das lat. Adjektiv fossilis, e (ausgegraben) zurück, das zu fodere (graben) gebildet ist. Christoph Entzelt, De re metallica, Frankfurt 1551, 227, 229, 232. Sebastian Münster, Cosmographia, Basel 1550, 432.


1. Conrad G ­ essner als Naturforscher

spruch findet sich erstmals in der Bibliotheca universalis von 1545, in der Gessner ­­ alle hebräischen, griechischen und lateinischen Werke aufzuführen suchte, die in Europa handschriftlich oder gedruckt vorlagen. G ­ essners Tier-Enzyklopädie (Historia animalium), die von 1551 bis 1587 in fünf Bänden erschien, verfolgte einen universalen Anspruch in doppelter Hinsicht. Zum einen sollten möglichst alle Tiere beschrieben werden, die auf der Erde leben, schwimmen oder fliegen.7 Zum anderen sollte das schriftlich und mündlich verfügbare Wissen zu den Tieren möglichst vollständig zusammengestellt und nach verschiedenen Rubriken geordnet werden.8 Während seine geistigen Vorgänger Aristoteles und Plinius vor allem Pflanzen und Tiere rund um das Mittelmeer kannten, korrespondierte ­Gessner mit Gelehrten aus ganz Europa, die ihm Texte, Bilder und Naturalien zukommen liessen. Universalität verfolgte er auch bei seinem sprachvergleichenden Werk mit dem Titel Mithridates, in dem er 1555 dem Ursprung und den Verwandtschaften der Sprachen nachspürte. Im Anhang publizierte er auf einer berühmten Tafel das «Vaterunser» in 22 verschiedenen Idiomen. Sein grosses Pflanzenwerk blieb ein Torso, doch zeigen die erhaltenen drei Bände eindrücklich, dass er auch hier einen universalen Überblick über das Pflanzenreich geben wollte.9 Das Buch über die Fossilien entstand eigentlich aus einer Notlage heraus, denn ­Gessners Neffe, der Drucker Jakob ­Gessner, suchte immer wieder nach Auf‌trägen, weshalb ihm der Universalgelehrte mit seinen Arbeiten wiederholt aus der Patsche half.10 Dem in Eile niedergeschriebenen Werk sollte bald ein umfangreicheres, sorgfältiger erarbeitetes folgen, in dem er verschiedene offene und weiterführende Fragen klären wollte. Doch verstarb ­Gessner bereits am 13. Dezember 1565, nur etwa fünf Monate nach Erscheinen seiner Schrift.11 ­Gessners Beitrag macht nur einen Teil des von ihm herausgegebenen voluminösen Sammelbandes im Oktavformat aus, der insgesamt acht verschiedene Abhandlungen zu «steinwissenschaftlichen» Themen im weitesten Sinn enthält. Der Titel des Sammelbandes lautet: De omni rerum fossilium genere, gemmis, lapidibus, metallis et huiusmodi, libri ali­ quot, plerique nunc primum editi. Das Buch, von dem schätzungsweise 1’000 bis

7

8

9 10 11

Leu 2016a, 175–203; die Bände widmen sich lebend gebärenden Vierfüssern (Bd. 1), Eier legenden Vierfüssern (Bd. 2), Vögeln (Bd. 3), Wasserlebewesen (Bd. 4) sowie Schlangen und Skorpionen (Bd. 5). Innerhalb eines Bandes werden die Tiere in alphabetischer Reihenfolge angeführt; jedes Kapitel ist in acht Unterkapitel untergliedert; die Historia animalium kann, wie ­Gessner es wünscht, als Nachschlagewerk benutzt werden; vgl. Friedrich 1995, 34, 58–60, 72; Leu 2016a, 196, 202 f. Zum universalen Anspruch im Umgang mit der Literatur vgl. Friedrich 1995, 53 f. mit Anm. 94, 77–80. Leu 2016a, 294–307. Leu 2016a, 149 f. Zur Publikation des Sammelbandes, die wohl erst 1566 abgeschlossen war, vgl. unten 2.2.

11


12

Einleitung

2’000 Exemplare hergestellt worden waren,12 verkaufte sich nicht schlecht, so dass es spätestens 1571 vergriffen war.13 1.1 Die Renaissance der Wissenschaften Die erdwissenschaftlichen Studien des Zürcher Universalgelehrten, Naturforschers und Arztes ­Gessner wie überhaupt seine oft geradezu modern anmutenden Methoden zur Erforschung der Natur sind das Resultat eines wissenschaftsgeschichtlichen Prozesses, der einleitend kurz skizziert werden soll. In der jüngeren historiographischen Forschung wird wieder vermehrt die Frage nach dem Ursprung der europäischen Moderne gestellt.14 Ein wichtiges Moment dafür ist sicher in den beiden geistesgeschichtlichen Strömungen zu finden, die gemeinhin als Renaissance und Humanismus bezeichnet werden. Beide Bewegungen haben mit traditionellen Autoritäten gebrochen, sich neu an der Antike orientiert und dem Quellenstudium sowie der Naturbetrachtung grosse Aufmerksamkeit geschenkt und damit den Beginn der modernen Naturwissenschaften mit dem darauffolgenden technischen Fortschritt eingeläutet. Ein erstes Auf‌flackern von Renaissance15 und Humanismus zeichnete sich im 12. Jahrhundert ab, als eine wissenschaftliche Diskurs-Kultur Einzug hielt, die «man sinnvollerweise als humanistisch bezeichnen kann».16 Mit Peter Abaelard (1079–1142) wurde der Zweifel ein Stück weit zum Ausgangspunkt wissenschaftlicher Methode,17 was auch an den Naturwissenschaften nicht spurlos vorüberging. Spätestens das Falkenbuch von Friedrich II. (1194–1250) De arte venandi cum ­avibus beweist, dass das Hinterfragen und die Kritik an althergebrachten Autoritäten wie Aristoteles salonfähig wurden. Der Stauferkaiser zieht eigene Beobachtungen dem überlieferten Schrifttum vor, wie er das im Prolog eindrücklich festhielt. Er wolle der Nachwelt keine erdichteten Traditionen über diesen Gegenstand hinterlassen,18 sondern er berichte über die Falkenjagd aufgrund von 30 Jahren Erfahrung. In vielem habe Aristoteles recht. In verschiedener Hinsicht aber habe sich der grosse Grieche geirrt und die Erfahrung habe ihn eines Besseren belehrt.

12 13 14 15 16 17 18

Diese Zahl basiert auf den in Zürich im 16. Jahrhundert üblichen Auf‌lagen. Vgl. Leu 2018, 16–24. Leu 2016a, 367–378. Vgl. Pollack / ​Pohling 2020. Vgl. zur «ersten Renaissance»: Roeck 2017, 277–316. Rexroth 2018, 267. Rexroth 2018, 183. Vgl. die Ausgabe von Trombetti Budriesi 2009, 2: … ut removeremus errorem plurium circa presens negotium, qui sine arte hiis, que artis erant, in eodem negotio abutebantur, imitando quorundam libros mendaces et insufficienter compositos de ipso, et ut relinqueremus posteris artificiosam traditionem de materia huius libri.


1. Conrad G ­ essner als Naturforscher

Daher, so fährt Friedrich II. fort, sei er nicht in allem Aristoteles, dem Fürsten der Wissenschaft, gefolgt, der selten oder nie selbst eine Falkenjagd durchgeführt habe. Zudem habe dieser etliches von anderen übernommen und nie selbst gesehen. Sicherheit in einer Sache erhalte man aber nicht vom Hörensagen.19 Friedrich II. gewichtete somit Erfahrung oder Empirie und das eigene Sehen und Beobachten eines Sachverhalts höher als Bücherwissen. Dementsprechend korrigierte er Aristoteles, wenn ihm eigene Beobachtungen widersprachen. Dieser behauptete etwa fälschlich, dass bei Eulen immer das gleiche Tier der Anführer der anderen sei, dass Geier keine Nester hätten oder dass alle Hakenkrallenvögel Raubvögel seien. Allen drei Aussagen hielt der Staufer eigene Beobachtungen entgegen.20 Es dauerte nicht lange, bis der auf Sizilien entzündete Funke auf die Künste übersprang: Das Prinzip der möglichst objektiven Naturnachahmung wurde im Trecento [14. Jh.] weiter vorangebracht: bei Architekturwiedergaben, die sich gelegentlich schon zur Form der Vedute steigerten, am menschlichen Bildnis, das sich vereinzelt bereits zum lebensechten Porträt zu entwickeln begann – nicht nur in der Malerei, sondern etwa auch in der Grabplastik Paduas –, in der Landschaftsmalerei, bei der Herstellung von Landkarten, bei Pflanzendarstellungen in Herbarien, bei Vogelbüchern und Ähnlichem.21

Verschiedene frühneuzeitliche Quellen sehen im Maler Giotto (1267–1337) den Wendepunkt hin zur naturalistischen Malerei in Italien, oder, um es mit den Worten Giovanni Boccaccios (1313–1375) auszudrücken: [U]nd mit so vorzüglichen Anlagen war er begabt, dass die Natur, welche die Mutter aller Dinge ist und deren fortwährendes Gedeihen durch das unablässige Kreisen der Himmel vermittelt, nichts hervorbringt, was er [Giotto] mit Griffel, Feder oder Pinsel nicht dem Urbilde so ähnlich darzustellen gewusst hätte, dass es nicht als Abbild, sondern als die Sache selbst erschienen wäre.22

19

20 21 22

Vgl. die Ausgabe von Trombetti Budriesi 2009, 2, 4: In scribendo etiam Aristotelem, ubi opor­ tuit, secuti sumus. In pluribus enim, sicut experientia didicimus, maxime in naturis quarundam avium, discrepare a veritate videtur. Propter hoc non sequimur principem philosophorum in omnibus, raro namque aut nunquam venationes avium exercuit, set [sic!] nos semper dileximus et exercuimus. De multis vero, que narrat in Libro animalium, dicit quosdam sic dixisse, set id, quod quidam sic dixerunt, nec ipse forsan vidit, nec dicentes viderunt, fidesque certa non provenit ex auditu. Vgl. die Ausgabe von Trombetti Budriesi 2009, 90, 124, 196. Wolf 2002, 19 f. Das Zitat stammt aus der fünften Geschichte des sechsten Tages im Decamerone: «[…] ebbe uno ingegno di tanta eccellenza, che niuna cosa dá la natura, madre di tutte le cose ed operatrice col continuo girar de’ cieli, che egli con lo stile e con la penna o col pennello non dipignesse sí simile a quella, che non simile, anzi piú tosto dessa paresse», vgl. das Zitat der Übersetzung bei Wolf 2002, 195 nach Karl Witte 1924, II, 233 f.

13


14

Einleitung

Was Giotto in Italien, war der Künstler Jan van Eyck (ca. 1390–1441) in Flandern, der die naturalistische Malerei nördlich der Alpen einführte. Zwischen Italien und den Niederlanden existierten intensive Handelsbeziehungen, die auch für den künstlerischen Austausch förderlich waren. Van Eyck malte beispielsweise Fels-Landschaften naturgetreuer als seine italienischen Kollegen, stellte auf seinem berühmten Genter Altar 75 verschiedene Pflanzenarten dar, berücksichtigte artspezifische Flugformationen von Zugvögeln im Hintergrund von religiösen Gemälden und war möglicherweise der Erste, der beschneite Bergketten auf die Leinwand brachte.23 Verschiedene andere Künstler führten die Naturmalerei zu immer neuer Blüte, wobei hier exemplarisch nur an Leonardo da Vinci (1452–1519) und Albrecht Dürer (1471–1528) erinnert werden soll, die sich beide intensiv der detailgenauen Abbildung des menschlichen Körpers widmeten und verschiedene hervorragende Naturstudien schufen. Auch Leonardo betonte die Wichtigkeit der eigenen empirischen Anschauung eines Gegenstandes, wenn er im Trattato della pittura schrieb: Sagst du, die Wissenschaften, die von Anfang bis zum Ende im Geist bleiben, hätten Wahrheit, so wird dies nicht zugestanden, sondern verneint aus vielen Gründen, und vornehmlich deshalb, weil bei solchem reingeistigen Abhandeln die Erfahrung (oder das Experiment) nicht vorkommt; ohne dies aber gibt sich kein Ding mit Sicherheit zu erkennen.24

Über die Nähe von Natur und Malerei lässt er verlauten: Willst du die Malerei geringschätzen, welche einzig Nachahmerin aller sichtbaren Naturwerke ist, so wirst du sicher eine feine Erfindung missachten, die mit philosophischer und subtiler Speculation alle Eigenschaften und Arten der Formen in Betrachtung zieht, Meere, Gegenden, Bäume, Gethier, Kräuter und Blumen, und was nur von Schatten und Licht umschlossen ist. Und wahrlich, die [Malerei] ist eine Wissenschaft und ist rechtmässige Tochter der Natur, oder wir wollen, um es richtiger auszudrücken, sagen: Enkelin der­selben; denn alle sichtbaren Dinge sind von der Natur geboren, und aus ihnen ist die Malerei hervorgegangen. So werden wir sie demnach richtig Enkelin der Natur nennen und mit Gott verwandt.25 23 24

25

Depoorter 2020, 205–235. Text und Übersetzung: Ludwig 1882, I, 4 f. (§ 1): «e se tu dirai, che le scientie, che ­principiano e finiscono nella mente habbiano verità, questo non si concede, ma si niega, per molti raggioni. et prima, che in tali discorsi mentali non accade esperientia, senza la quale nulla da di se certezza.» Text und Übersetzung: Ludwig 1882, I, 16–19 (§ 12): «Se tu sprezzarai la pittura, la quale è sola imitatrice di tutte l’opere evidenti di natura, per certo tu sprezzarai una sottile inventione, la quale con filosofica e sottile speculatione considera tutte le qualità delle forme: mare, siti, piante, animali, erbe, fiori, le quali sono cinte d’ombra e lume. e veramente questa è scientia e legittima figlia di natura, perchè la pittura è partorita d’essa natura; ma per dir più corretto, diremo nipote di natura, perchè tutte le cose evidenti sonno state partorite dalla natura, delle quali cose è nata la pittura. Adonque rettamente la chiameremo nipote d’essa natura et parente d’Iddio.»


1. Conrad G ­ essner als Naturforscher

Ebenso unterstrich Dürer das eigene genaue Beobachten, wenn er einleitend zu seinen Vier Büchern von menschlicher Proportion schrieb: «Aber ohne richtige Proportion kann kein Bild je vollkommen sein.»26 Sein 1503 entstandenes Aquarell Das grosse Rasenstück, das sich heute in der Albertina in Wien befindet, ist eine Meisterleistung naturgetreuer Malerei und gilt neben seinem Feldhasen als bekannteste Naturstudie des 16. Jahrhunderts.27 Es sind darauf problemlos Breitwegerich, Ehrenpreis, Gänseblümchen, Löwenzahn, Schafgarbe und verschiedene Gräser zu erkennen. Zu Humanismus und Renaissance gesellte sich im 16. Jahrhundert eine weitere Bewegung, die das Studium der Natur förderte, nämlich die Reformation. So versuchte Martin Luther (1483–1546) etwa bei seiner Auslegung von Psalm 111 den Zeitgenossen neu den Blick für die Schöpfung zu öffnen: Die meisten sehen nichts von diesen Werken Gottes, sondern sind derselbigen gewohnt und durchgangen wie ein altes Haus von Rauch, brauchen derselbigen und wühlen darin wie eine Sau im Habersack. O (sprechen wir), ist das so gross Ding, dass die Sonne scheinet? Feuer wärmet? Wasser Fische gibt? Erde Getreide gibt? Kuh Kälber trägt? Weib Kinder gebiert? Huhn Eier legt? Geschiehts doch täglich. Du lieber Tölpel Hans, muss es darum gering sein, dass es täglich geschieht? Wenn aber die Sonne einmal zehn Tage nicht leuchtete, so sollte sie wohl ein gross Werk werden. Wenn kein Feuer auf Erden wäre denn an einem Ort, ich meine, es sollt köstlicher werden als alles Gold und Silber. Wenn allein ein Brunnen in aller Welt wäre, ich acht wohl, ein Tröpflein Wasser sollte mehr denn hunderttausend Gulden gelten und dagegen Wein und Bier eitel Unflat sein.28

Huldrych Zwingli (1484–1531) wiederum zeigte in De providentia Dei, wie aus der Betrachtung der Natur auf die Weisheit und Fürsorge des Schöpfers geschlossen werden kann: Oder verkündet nicht auch das Geschlecht der Mäuse die Weisheit und Vorsehung der Gottheit? Oder wenn der Igel mit seinen Stacheln eine nicht geringe Menge von Obst so kunstvoll in sein Lager schleppt, indem er sich darüber wälzt und die Stacheln einbohrt? Oder das Murmeltier, wenn es einen Artgenossen als Posten auf der Höhe aufstellt, damit die umherschweifenden und arbeitenden Tiere nicht unversehens überrascht werden? Der Posten meldet die Gefahr rechtzeitig mit einem Pfiff, wenn die übrige Schar überall weiches Heu einsammelt. […] Das Eichhörnchen zieht ein grösseres Holzstück mit dem Mund ans Ufer und gebraucht es zum Überqueren, indem es dabei den buschigen Schwanz emporrichtet; wenn der Wind hineinbläst, braucht es kein anderes Segel. Welches Wort, welche Rede könnte die göttliche Weisheit gleicherweise preisen wie diese doch ganz geringen Tiere?29

26 27 28 29

Vgl. Albrecht Dürer, Hierin(n) sind begriffen vier bücher von menschlicher Proportion, Nürnberg 1528, fol. A2r; zitiert wird die Übertragung von Hinz 2011, 21. Vgl. Hess 2012, 117–131. Zitiert nach Büsser 1990, 61 f. Vgl. für Wittenberg Dannenfeldt 1972, 223–248; Helm 1999, 22–41. Büsser 1990, 67.

15


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Einleitung

Das Studium der Schöpfung führt somit auch zur Erkenntnis des Schöpfers und gibt Aufschluss über seinen Charakter. Diese Einstellung vertrat auch der Zürcher Naturforscher Conrad ­Gessner, wie er an verschiedenen Stellen seiner Tierbücher ausführt.30 Die Reformation schärfte aber nicht nur den Blick für Tun und Wesen des Allmächtigen, sondern erkannte auch aufgrund verschiedener biblischer Aussagen, dass gewisse, in der Volksfrömmigkeit verwurzelte religiöse Praktiken als Aberglaube, Okkultismus und Zauberei angesprochen werden müssen, was zu einer Entzauberung verschiedener Aspekte des täglichen Lebens führte. Zwingli tat es als Fabel und Lüge ab, als erzählt wurde, dass im Kloster Oetenbach eine MarienStatue stehe, die sich nicht verschieben lasse. Jedes Mal, wenn man ihren Standort verändert habe, habe sie am nächsten Tag wieder am alten Ort gestanden.31 Zwinglis Nachfolger, Heinrich Bullinger (1504–1575), tadelte seinen Sohn, als dieser sich ein Horoskop anfertigen lassen wollte.32 In seiner nur handschriftlich überlieferten Abhandlung Wider die schwarzen Künste führte der Zürcher Antistes zudem aus: Es sind aber der verbottnen künsten vilerleyn: magia, mathematica [Astrologie], veneficia [Hexerei], divinatio [Wahrsagen], incantatio [Beschwörungen], augurium [Deuten von Vorzeichen], aruspicia [Opferschau], goëtia [Geisterbeschwörung], geomantia [Wahr­sagen aus der Erde], necromantia [Befragung von Toten], hydromantia [Wahrsagen aus dem Wasser], pyromantia [Wahrsagen aus dem Feuer] und noch vil dess tüfels mer. Von denen allen und yeden insonders ich hie nütt sagen, sonder nun von ettlichen abergleubigen und verbottnen stuken zur warnung reden wil, so vil gott gnad gipt, und werdent alle genempt schwarze künst, id est von gott verbottne, unrächte und tüfels künst, der der schwarz gmeinlich genempt wirt, und ist doch eine böser dan die ander, doch keine guot.33

Der Zürcher Stadtarzt Conrad G ­ essner wiederum äusserte sich gegen den Aderlass, den man in Verbindung mit astrologischen Himmelskonstellationen vornahm, und wandte sich in aller Schärfe gegen okkulte Praktiken.34 Auch gegen dubiose Kurpfuscher in der Stadt ging er energisch vor, die Heilung mittels esoterischer Methoden versprachen, was einzelne Patienten sogar mit ihrem Leben bezahlen mussten.35 Hand in Hand mit der Absage an abergläubische Elemente und der neuen Wertschätzung von Schöpfer und Schöpfung hielt eine Art humanistische Auf‌klärung Einzug, die zwar die antike Überlieferung hochhielt, sich aber nicht scheute, sie zu korrigieren, wo Empirie und Autopsie das Gegenteil bewiesen. G ­ essner war sich bewusst, dass er in einer neuen Zeit lebte, einer Zeit der Renaissance, der Wie30 31 32 33 34 35

Leu 2016a, 176–181. Farner 1954, 489 f. Leu / ​Weidmann 2004, 174. Heinrich Bullinger, Wider die schwarzen Künste, Zentralbibliothek Zürich, Ms F 63, fol. 357r. Leu 2016a, 313–317, 364 f. Leu 2019, 311–322.


1. Conrad G ­ essner als Naturforscher

dergeburt der Wissenschaften. So schreibt er etwa in seinem Tierbuch im Artikel über die Gämse, dass Isidor von Sevilla († 636) zu seiner Zeit als gelehrtester Mann angesehen worden sei und nach ­Gessners Meinung keiner gebildeter gewesen sei bis ins gegenwärtige Zeitalter, in dem die Wiedergeburt (Renaissance) der Wissenschaften begonnen habe.36 1.2 ­Gessners wissenschaftliche Methode In diesem neuen Zeitalter wurde danach getrachtet, die Dinge selbst zu erforschen, selbst zu überprüfen, selbst zu sehen: Die Autopsie gewann an Bedeutung. Ein schönes Beispiel dafür ist der Chronist Johannes Stumpf (1500–1577/1578), der im Sommer 1544 eine dreiwöchige Reise ins Wallis unternahm, um Geographie und Geschichte vor Ort in Augenschein zu nehmen, Archive zu besuchen und sich eine Dokumentation im Hinblick auf seine 1547/1548 gedruckte Eidgenössische ­Chronik zusammenzustellen. Bullinger schrieb am 28. August 1544 an den St. Galler Reformator Vadian über diese Forschungsreise, Stumpf werde sich aus dem Wallis hinab zum Genfer See begeben, von dort nach Lausanne und über den Jura ins Üechtland, um alles kennenzulernen, was es irgendwo an Altertümern gebe, und um die Orte mit seinen eigenen Augen zu besehen.37 Für unsere Thematik ist die Schlussbemerkung von Interesse: loca suis inspecturus oculis («um die Orte mit seinen eigenen Augen zu besehen»). Stumpf wollte also nicht auf irgendwelche Geschichten, Erzählungen und Überlieferungen angewiesen sein, sondern sich vor Ort ein Bild der Situation machen. Dieses empirische Forschen und das Bemühen um Autopsie erinnert an die Aussage des lutherischen Tübinger Botanikers Leonhart Fuchs (1501–1566) von 1543: So doch wissentlich ist, wie die alten artzet, in sonderheyt Theophrastus, Dioskorides unnd Galenus, nichts eerlicher noch noetiger zuo sein geacht haben, dann diese vleissige erkündigung der kreüter. Darumb seind dieselbigen vil lender mit grossem kosten, leibs und lebens geferligkeyt durchzogen, damit sie die kreüter gentzlich moechten erkennen, und wie und wo sie wuechsen, mit ihren eygnen augen besichtigen und anschawen.38

36

37

38

Conrad ­Gessner, Historiae animalium liber I. De quadrupedibus viviparis, Zürich 1551, 319: Haec Isidorus: qui suo tempore doctissimus habitus est, nec ullus opinor eo eruditior ab eius aetate ad nostri usque saeculi tempus, quo bonae literae renasci coepere. Vgl. zwei ähnliche Äusserungen ­Gessners über die Renaissance der Wissenschaften im 16. Jahrhundert: Leu 2016a, 160, 252. Arbenz / ​Wartmann 1906, 334, Nr. 1356: Ex ea [Valesia] descendet rursus ad lacum Lemanum, proficiscetur Losannam ac per Iurassem transibit ad Nuithones, cogniturus quicquid uspiam est vetustatis, tum et loca suis inspecturus oculis. Leonhart Fuchs, New Kreüterbuch, Basel 1543, fol. 2r.

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Abb. 1.1 Am Ende des wichtigsten Werkes des berühmten Tübinger Botanikers

Leonhart Fuchs werden die beiden Künstler Heinrich Füllmaurer und Albert Meyer gezeigt, wie sie die Pflanzen von originalen Vorlagen abzeichnen, aus: Leonhart Fuchs: New Kreüterbuoch, Basel, Michael Isengrin, 1543.


1. Conrad G ­ essner als Naturforscher

Der Holzschnitt am Ende seines Kräuterbuches kann geradezu als Programm ­angesehen werden, denn er zeigt, wie die beiden Maler Heinrich Füllmaurer (ca. ­1497–1547) und Albert Meyer (ca. 1510–1561) die Pflanzen originalgetreu abzeichnen (Abb. 1.1). Der darunter abgebildete berühmte Holzschneider Veit Rudolph Speckle, der auch an der Stumpf’schen Chronik39 und an G ­ essners ­Tierbüchern40 mitarbeitete, war ein weiterer Garant für qualitativ hochstehende Abbildungen. Auch der Botaniker Leonhart Rauwolf (1535–1596) griff in der Vorrede zur Beschreibung seiner Reise in den Nahen Osten das Thema der Autopsie auf, indem er darauf hinwies, dass er diese beschwerliche Reise gemacht habe, um die Pflanzen in ihrem natürlichen Habitat zu studieren: Bekame ich demnach lenger ihe [je] groessere begürde / ​die auch an den orten / ​da sie fürnemlich wachsen / ​zůbesůchen unnd zůerlangen / ​mit dem fürnemmen / ​darneben auch derselbigen Laender / ​Jnnwohner leben / ​sitten / ​gebreüche / ​Ordnungen / ​Religionen etc. zů observieren und warzůnemmen.41

Die empirische Methode hielt nicht nur Einzug in die Geographie und die Botanik, sondern auch in alle Gebiete der Zoologie, d. h. in die Säugetier-, Fisch-, Vogel- und Reptilienkunde. Die empirische Erforschung der Natur war auch Conrad G ­ essner ein grosses Anliegen. In Verbindung damit stand bei ihm immer auch die möglichst vollständige Erfassung des schriftlich und mündlich verfügbaren Wissens.42 In den Bänden seiner Historia animalium unternahm es G ­ essner als Erster, alle Tiere der damals vier bekannten Kontinente zu beschreiben. Er sammelte und ordnete das Wissen aus Büchern, vertraute darauf aber nur, soweit es ihn vernünftig dünkte oder soweit sich seine eigenen Beobachtungen eines Sachverhalts damit deckten. Ähnlich wie Aristoteles ging er am liebsten selbst in die Natur und beschaffte sich seine Datengrundlage dort. Er betont immer wieder, dass er verschiedene Lebewesen eigenständig erforscht, untersucht und gezeichnet habe. In der Vorrede an den Leser zum Buch über die Wassertiere lobt er die drei Ichthyologen Pierre Belon, Guillaume Rondelet und Ippolito Salviani, die ihre Resultate mittels observare (beobachten), scribere (beschreiben), peregrinari (reisen) und dis­ secare (sezieren) gewonnen hätten. Aus verschiedenen Stellen der Tierbücher geht hervor, dass ­Gessner sich auch dieser Methoden bediente, die unter dem Begriff

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Muller 1997, 57. Leeman-van Elck 1935. Leonhart Rauwolf, Aigentliche beschreibung der Raiβ / ​so er vor diser zeit gegen Auffgang inn die Morgenlaender / ​fürnemlich in Syriam, Iudaeam, Arabiam … volbracht, Laugingen 1583, fol. )(iiiir/v. Leu 2016a, 184 f. und oben 1.1 Anm. 8; etwas zu einseitig ist die Betonung der Buchgelehrsamkeit bei Friedrich 1995, 53 f.

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«Autopsie» zusammengefasst werden können.43 Aufgrund seiner umfangreichen anatomischen und physiologischen Kenntnisse gelang es ihm bekanntlich, etliche aus Antike und Mittelalter überlieferte Tiere als Fabelwesen zu taxieren.44 Was Stumpf für die Geographie sowie Fuchs und Rauwolf für die Botanik propagierten, praktizierte G ­ essner als einer der Ersten auf dem gesamten Fachgebiet der Zoologie. Als Beispiel mag an dieser Stelle seine Erforschung der Alpenfauna dienen, wo dieses Streben nach empirischen Daten und dem eigenen Beobachten eines Gegenstandes immer wieder deutlich wird.45 Entsprechend betonte ­Gessner etwa beim Murmeltier, dass er seine Aussagen über dieses sympathische alpine Nagetier zu einem guten Teil aus eigener Anschauung gewonnen habe, denn, wie der Chronist Johannes Stumpf, hielt auch er eines als Haustier; die Abbildung im ersten Band der Historia animalium gibt nach seinen eigenen Worten dieses Exemplar wieder.46 Offenbar misslang die Überwinterung des Nagers, weil ­Gessner ihn in ein hölzernes Gefäss ohne Luftzufuhr einschloss. Er dachte nicht daran, dass das Tier auch im Winter genügend Luft benötigte, denn er war der Ansicht, dass sie ja auch in der Natur eingeschlossen unter der Erde überwintern würden.47 ­Gessner selbst scheint kein Murmeltier seziert zu haben, doch verschaffte er sich bei verschiedenen anderen Tieren mittels Sektion einen Einblick in die Innereien und entlarvte durch Autopsie verschiedene Meinungen, die kursierten, als Märchen. So widerlegte er etwa die Behauptung von Aelian und Plinius, dass sich die Grösse der Mäuseleber gemäss den Mondphasen verändere.48 Im Artikel über den Biber, dessen Innereien er ebenfalls aus eigener Anschauung kannte,49 widersprach er der Ansicht, dass der Biber sich bei Gefahr seiner Hoden entledige. Diese Legende nimmt der Zürcher Naturforscher zum Anlass, eine deutliche Warnung vor Mythen in Religion und Wissenschaft zu formulieren. Das Ziel der Wissenschaft sei die Wahrheit. Fabeln sollen gemeinhin zurückgewiesen werden.50

Conrad ­Gessner, Historiae animalium liber IIII. Qui est de piscium et aquatilium animantium natura, Zürich 1558, fol. b1r. 44 Riedl-Dorn 1989, 71–101. 45 Vgl. zu ­Gessners Alpenliebe und Alpenreisen: Boscani Leoni 2019, 119–128. 46 ­Gessner 1551, 841; Johannes Stumpf, Gemeiner loblicher Eydgnoschafft … Chronick, Bd. 2, Zürich 1548, fol. 288v. 47 ­Gessner 1551, 842. 48 ­Gessner 1551, 808 f. 49 ­Gessner 1551, 340. 50 ­Gessner 1551, 338: Ego contra ut bono viro et sapientiae studioso, cum philosophiae finis sit veritas, fabulas ubique fugiendas existimo, illas inquam quae pro veris credendae obtruduntur, sic in religione potissimum noxias et pestilentes eas existimo: eamque ob causam cum Platonem et caeteros gentilium damnaverim, qui tale quid in suis superstitionibus ausi sunt: tum omnes qui in nostra religione, quae purissima et syncerissima esse debebat, idem moliuntur aut olim moliti sunt, qua de re pro dignitate dicturo maximus se campus aperiret. 43


1. Conrad G ­ essner als Naturforscher

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass ­Gessner bei der Behandlung des Wolfes, von dem es in Graubünden und in Tirol viele Exemplare gebe, die in der Antike wurzelnde Auf‌fassung ablehnte, dass sich Menschen in Wölfe verwandeln könnten; er schloss sich hier der Kritik des Plinius an.51 Bei der Erklärung des Winterschlafs der Bären war ­Gessner etwas unsicher und gab eine Geschichte wieder, die er zwar selbst nicht uneingeschränkt glaubte, aber an der vielleicht ein Stück Wahrheit sein könnte. In der deutschen Fassung des Tierbuches lautet sie: So nun soeliche jr [der Bären] natürliche zeyt haerzů kumpt / ​essen sy ein kraut das schlaaffend macht / ​wie dann die gmein sag ist / ​aber niemants zeigt des krauts namen an. Doch wil man reden / ​das auff ein zeyt im Schweytzer gebirg ein Senn / ​oder Schwytzer / ​aus dem Sennhof gangen / ​und auff dem kopff ein grossen kaesnapff getragen / ​habe also ein Baeren gesehen / ​von vernen / ​der selbig hab ein kraut ausgerupfft / ​und das selbig gefraes­ sen. Do nun der Baer hinweg kommen / ​seye der Senn auch zůhin gangen / ​der wurtzen und krauts geessen / ​so sey in zů stund der schlaaff ankommen / ​das er sich schlaaffens nimmer überheben moegen / ​hab sein haupt mit dem kaesnapff bedeckt / ​unnd sich gleych am waeg zeschlaaffen nidergelegt. Und wiewol es angender winter zeyt sich zůgetragen / ​ hab doch der Senn den Winter durchaus in aller keltin unverseert bis in angenden frueling gschlaaffen / ​do sey er erst erwachet. Ob das ein tantmaer [leeres Gerede] / ​weiss ich nit / ​ aber es ist die gmein sag.52

Natürlich gab es in den Alpen auch Drachen, denn G ­ essner lagen zuverlässige Berichte von glaubwürdigen Zeugen vor wie etwa vom Buchdrucker Christoph ­Froschauer (ca. 1490–1564).53 Johannes Stumpf gab in der Eidgenössischen ­Chronik zu bedenken, dass sie infolge der Besiedlung der Alpen durch den Menschen immer seltener würden.54 Eine systematische Auswertung von ­Gessners Vogelbuch hat gezeigt, dass er von den 215 abgebildeten Arten mindestens 65 aus eigener Anschauung kannte, von denen er etwa zwanzig sezierte wie Baumfalke, Bekassine, Eisvogel, Grosser Brachvogel, Grosstrappe, Kranich, Krauskopfpelikan, Krickente, Löffler, Mäusebussard, Rotdrossel, Schwarzstorch, Wacholderdrossel, Waldrapp, Zwergsäger und Zwergtaucher. Aufgrund seiner Vogel-Sektionen vermochte ­Gessner auch hier den einen oder anderen Fehler zu korrigieren. Sein englischer Kollege William Turner behauptete etwa, dass der Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria) von der Luft lebe. ­Gessner bestritt dies mit Hinweis auf seine Sektion des Vogels.55 51 ­Gessner 1551, 759: Homines (inquit Plinius) in lupos verti, rursumque restitui sibi, falsum esse 52 53

54 55

confidenter existimare debemus, aut credere omnia quae fabulosa tot seculis comperimus. Conrad ­Gessner, Thierbůch, Zürich 1563, XVI. Froschauer erzählte ­Gessner von einer geflügelten Schlange, von der ihm ein Buchhändler aus der Steiermark berichtet habe. Conrad ­Gessner, Historiae animalium liber V. Qui est de serpentium natura, Zürich 1587, fol. 55r/v. Stumpf 1548, fol. 286r. Springer / ​Kinzelbach 2009, 211 f.

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Einleitung

In ähnlich «aufgeklärter» und entmythologisierender Weise widmete sich ­ essner der Alpenflora. Während die Kenntnis der Alpenpflanzen bis ins 16. JahrG hundert verschwindend gering war, kümmerten sich die Väter der Botanik Otto Brunfels, Leonhart Fuchs und G ­ essner auch um die Botanik der Gebirge und erzielten einen erstaunlichen Zuwachs an Wissen über die Diversität der Flora und deren botanische und pharmakologische Eigenschaften. In seinem kleinen Werk über Alpenpflanzen mit dem Titel De raris et admi­ randis herbis, quae … Lunariae nominantur («Über seltene und bewundernswerte Pflanzen, die Mondblumen genannt werden») von 1555 räumte er mit dem verbreiteten Irrtum auf, dass es Gewächse gebe, die in der Nacht leuchten würden. Es handelt sich dabei um das erste Werk in der Wissenschaftsgeschichte, das der Biolumineszenz gewidmet war, einem Phänomen, das nach heutigem Erkenntnisstand am häufigsten bei Lebewesen der Tiefsee vorkommt. ­Gessner erklärt, dass er schon öfter über Pflanzen befragt worden sei, die nachts leuchten würden (­Lunariae), weshalb er diese Schrift auf der Grundlage von Literaturstudien und eigenen Beobachtungen verfasst habe. Aus seinen Darlegungen geht hervor, dass er keine Pflanzen kannte, die in irgendeiner Form Licht aussandten. Das längste Kapitel des Werks, das die Hälfte der Publikation ausmacht, trägt den Titel: «Über gewisse andere Mondpflanzen (Lunariae), die wir kennen, obgleich keine von ihnen von uns beobachtet worden ist, dass sie nachts leuchten würde».56 Der Empiriker ­Gessner, der hier aufgrund seiner eigenen Beobachtungen argumentiert, geht auf eine Reihe von Gewächsen ein, die von den Gelehrten zu den Lunariae gestellt wurden, obwohl sie gar nicht leuchten, sondern weil beispielsweise die runden Blätter dem Vollmond gleichen wie bei Tora venenata (Schildblättriger Hahnenfuss). Zu diesen Pseudo-Lunariae zählt auch die Alpenaurikel (Primula auricula), von der ­Gessner einen hervorragenden Holzschnitt publizierte (Abb. 1.2). Während ­Gessner auch dieses mythenbehaftete Kapitel der Pflanzengeschichte kritisch durchdrang und keinerlei Biolumineszenz bei Pflanzen feststellen konnte, gestand er eine solche gewissen Tieren wie etwa den Glühwürmchen durchaus zu. Mit der Ansicht, dass Tieraugen Licht aussenden, wie er das beim Fisch Lucerna beobachtet zu haben glaubte, folgte er dem Wissensstand seiner Zeit. Wichtige Beobachtungen zur Vegetation in der Alpenwelt gelangen ­Gessner bei seiner Besteigung des Pilatus. Am 20. August 1555 erklomm Conrad ­Gessner zusammen mit dem Zürcher Chirurgen Peter Hafner, dem Apotheker Pierre ­Boutin aus Avignon und dem Maler Johann Thoma, einem Verwandten ­Gessners, den auch als Mons fractus bezeichneten Berg. Der Luzerner Stadtarzt Johannes

56

Conrad ­Gessner, De raris et admirandis herbis …, eiusdem descriptio montis Fracti, sive mon­ tis Pilati …, Zürich 1555, 23–42 (im Folgenden: ­Gessner 1555b); zum Titel vgl. 23: De aliis quibusdam lunariis, quas novimus, etsi nullam earum noctu lucere observatum nobis sit.


1. Conrad G ­ essner als Naturforscher

Abb. 1.2 Ein naturgetreuer Holzschnitt (mit Wurzel und Blüte) einer Primula auricula,

aus: Conrad ­Gessner: De raris et admirandis herbis, Zürich, Andreas und Jakob ­Gessner, 1555, S. 24.

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Einleitung

­ hrysostomus Huber, dem ­Gessner seine im selben Jahr publizierte Beschreibung C widmete, hatte sich dafür eingesetzt, dass die Gruppe die Region erkunden durfte. Die Bewilligung dazu erteilte der Schultheiss Niklaus von Meggen.57 ­Gessners Beschreibung des Pilatus enthält die ersten publizierten Beobachtungen über die alpinen Höhenstufen, weshalb er auch als Gründer der Pflanzen­ geographie bezeichnet wird. Vielleicht machte der Veroneser Apotheker Francesco Calzolari bereits vor dem Zürcher Universalgelehrten die gleiche Entdeckung bei seinen seit 1551 wiederholten Besteigungen des norditalienischen Monte Baldo, doch veröffentlichte er seine Erkenntnisse erst 1566. G ­ essner fiel auf, dass sich die Vegetation mit zunehmender Höhe veränderte. Während auf den Gipfeln der höchsten Berge immer Winter herrsche, finde man weiter unten sogar im Sommer noch typische Frühlingsblumen wie Veilchen, Huf‌lattich und Pestwurz. G ­ essner unterschied im Hinblick auf die Höhe vier Vegetationszonen: eine winterliche Zone in der grössten Höhe, darunter eine zweite frühlingshafte Zone, in der es einen langen Winter und einen kurzen Frühling gebe, und eine dritte Zone, die neben Winter und Frühling auch einen Herbst kannte, so dass dort auch Früchte reifen konnten. Die unterste Zone erlebe schliesslich auch einen Sommer, so dass es dort vier Jahreszeiten gebe.58 ­Gessner fand an der Pilatus-Wanderung Gefallen und schwärmt geradezu von dem Genuss, den das kristallklare und eiskalte Quellwasser nach dem beschwerlichen Aufstieg bereitete.59 Er beschreibt, wie die Berge Tast-, Gesichts-, Gehör- und Geschmackssinn erfreuen, lobt die Vorzüglichkeit der Früchte und Milchspeisen, schildert, wie man in ein Alphorn blies, und erklärt, dass die Pflanzen, die in den Bergen wüchsen, die besseren Heilmittel ergäben als die aus dem Unterland: Auch angenehme Gerüche von Kräutern, Blumen und Pflanzen der Berge kommen einem entgegen. Die gleichen Pflanzen wachsen in den Bergen wohlriechender als in der Ebene, dann auch wirksamer im Hinblick auf eine Verwendung als Heilmittel. Die Luft ist hier viel freier und gesünder und nicht wie in den Städten und anderen menschlichen Siedlungen ansteckend oder übelriechend. Wird sie von der Nase zum Gehirn geleitet, von der Luftröhre zu Lungen und Herz, ist sie nicht nur nicht schädlich, sondern sie erfreut und belebt sogar.60

Aus dieser Bemerkung kann nicht nur geschlossen werden, dass es selbst in Kleinstädten wie Zürich infolge der mangelhaften Kanalisation oft übel roch, sondern es 57

Leu 2016a, 267.

58 ­Gessner 1555b, 45 f.; eine deutsche Übersetzung des Traktats bietet Deubelbeiss 1991. 59 ­Gessner 1555b, 47.

60 ­Gessner 1555b, 48 f.: Odores etiam suaves ex herbis, floribus ac stirpibus montanis se offerunt.

eaedem enim plantae in montibus, tum odoratiores, tum ad medicamenta efficaciores, quam in plano proveniunt. Aër hic longe liberior et salubrior, nec adeo vaporibus crassis infectus, ut in planitie, nec ut in urbibus et aliis hominum habitationibus contagiosus aut foetidus. hic naribus ad cerebrum derivatus, arteria ad pulmones et cor, non solum non offendit, sed etiam iuvat; deutsche Übersetzung: Deubelbeiss 1991, 40.


1. Conrad G ­ essner als Naturforscher

schwingt auch die Überzeugung mit, dass verschiedene Krankheiten wie die Pest sich durch schlecht riechende Luft übertrügen. Die Gruppe erreichte dann auch den Pilatus-See oder viel mehr Pilatus-Sumpf, der etwa so gross gewesen sei wie zwölf Betten. ­Gessner war nicht der Erste, der sich für den kleinen Pilatus-See interessierte. Die älteste genauere Beschreibung des heute weitgehend verlandeten Seeleins und seiner Umgebung stammt vom Zürcher Juristen Felix Hemmerli (1388/89–1458/61), der die Lokalität 1447 aufsuchte und auch die mittelalterliche Sage kommentierte, gemäss der sich der böse Geist von Pontius Pilatus im See aufhalte und starke Unwetter auslösen könne.61 Hemmerli zeigte sich diesbezüglich bereits skeptisch. ­Gessner nimmt zu dieser Pilatus-Legende in geradezu aufklärerischer Manier Stellung: Man sagt, in ihm sei Pilatus untergetaucht und in einem kleineren ganz in der Nähe seine Gattin. Die Umgebung ist sumpfig. Wenn jemand vorsätzlich etwas hineinwerfe, drohe der ganzen Gegend Gefahr durch Unwetter und Überschwemmungen. Da diese Überzeugung der Einheimischen keine natürliche Begründung oder Ursache hat, findet sie bei mir keinen Glauben. Obwohl nämlich auf Aberglauben und falsche Überzeugungen oft unerklärliche und wundersame Vorfälle folgen, dürfen deshalb tüchtige Männer doch nicht einfach solchen Haltungen Glauben schenken. Ich möchte glauben, dass Pilatus nie in dieser Gegend gewesen ist; und wäre er es gewesen, dass ihm sein Tod nicht die Macht gegeben hätte, gut oder schlecht gegen Menschen zu handeln. Wenn aber jemand sagen sollte, den bösen ­Geistern werde durch göttliche Führung erlaubt, viel Derartiges zu vollbringen und auch Pilatus habe das Wesen eines solchen Geistes angenommen, lautet meine Antwort, dass man es nicht Macht nennen darf, wenn etwas Böses von bösen Geistern getan wird, sondern dass Gott der Herr dies lediglich zulässt, um so den Glauben der Gottlosen und Abergläubischen zu täuschen, ihren Irrglauben zu festigen und sie dadurch Strafe für ihre Gottlosigkeit oder ihren Aberglauben leiden zu lassen.62

Heini 2014, 86 f.; die von Felix Hemmerli (lat. Malleolus) verfasste Beschreibung des Pilatus findet sich in dem Druck De nobilitate et rusticitate dialogus et alia opuscula, der um 1500 bei Johann Prüß in Strassburg erschien. G ­ essner zitiert einen Auszug daraus, vgl. G ­ essner 1555b, 60–62. 62 ­Gessner 1555b, 52 f.: in qua Pilatum immersum aiunt; et in alia proxima minore uxorem eius. Locus circa palustris est. Si quicquam ab homine de industria iniiciatur, toti regioni ex tempes­ tatibus et inundatione periculum esse aiunt. quae incolarum persuasio, cum nullam secundum naturam rationem aut causam habeat, nullam apud me fidem meretur. Quanquam enim sae­ penumero ad superstitiones ac falsas persuasiones eventus et miracula sequantur, non idcirco tamen simpliciter et a bonis viris habenda illis est fides. Ego Pilatum his in locis nunquam fuisse crediderim; et si fuisset, nullam ei a morte concessam in homines bene aut male faciendi potestatem. Quod si quis dicat multa huiusmodi perpetranda divinitus concedi geniis malis, et Pilatum etiam talis genii naturam induisse, respondeo non dicendam esse potestatem si quid mali a malis perficiatur geniis; sed Dominum Deum permittere ut impiorum aut superstitio­ sorum fides ita decepta confirmataque suae impietatis aut superstitionis poenas luat; deutsche Übersetzung: Deubelbeiss 1991, 43 f. 61

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