Wie kommt der Mensch zu neuen Erkenntnissen ? Dieses Buch betrachtet innovatives Schaffen aus intrapsychischer Sicht : Was geschieht beim kreativen Vorgang in der menschlichen Psyche ? Was begünstigt innovatives Denken psychodynamisch im Innern des Schöpfers ? Ausgangspunkt ist die Frage, wie innere Vorstellungen, Repräsentanzen und Symbole entstehen. Dabei wird die Bedeutung der zwischenmenschlichen Beziehung für Symbolisierungsprozesse aus psychoanalytischer Sicht und aus der Perspektive der Säuglingsforschung untersucht. Zudem beleuchten wichtige Aussagen von Philosophen, Künstlern und Dichtern die intrapsychische Dynamik während der Symbolisierung. Veranschaulicht mit Fallvignetten diskutiert die Autorin Symbolisierungsvor-
PSYCHISCHES WACHSEN
PSYCHISCHES WACHSEN
gänge in der psychoanalytischen Praxis, was verdeutlicht, wie bedeutsam sinnliches Erleben für Symbolisierungen ist : Innovatives Denken ist ohne neue Erkenntnis erfahren, desto überzeugender ist sie. ANNEMARIE ANDINA-KERNEN hat an der Universität Zürich Psychologie studiert und mit Über das Entstehen von Symbolen promoviert. Anschliessend war sie in psychiatrischen Kliniken tätig. Am Freud-Institut Zürich absolvierte sie die psychoanalytische Ausbildung, ist ordentliches Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse SGPsa / IPA und ist bis vor Kurzem viele Jahre in eigener psychoanalytischer Praxis tätig gewesen.
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ANNEMARIE ANDINA-KERNEN
sinnliches Wahrnehmen kaum möglich. Je körperlicher wir eine wirklich
ANNEMARIE ANDINA-KERNEN
PSYCHISCHES WACHSEN Symbolisierung, Metapher und künstlerisches Schaffen aus psychoanalytischer Sicht
Annemarie Andina-Kernen
Psychisches Wachsen Symbolisierung, Metapher und künstlerisches Schaffen aus psychoanalytischer Sicht
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Annemarie Lanz-Fürst, ohne Titel, 1995. Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4436-1 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4437-8 DOI 10.24894/978-3-7965-4437-8 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
«Aber das Wort war doch ursprünglich ein Zauber, ein magischer Akt, und es hat noch viel von seiner alten Kraft bewahrt.» (Freud 1926e, S. 215)
Inhalt
1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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2 Symbolisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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2.1
Zum Begriff Symbol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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2.2
Die Symbolbildung bei Sigmund Freud . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
2.3
Die Bedeutung der zwischenmenschlichen Beziehung für den Symbolbildungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
20
3 Über das Entstehen innerer Repräsentanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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3.1
Freuds Beschreibung der psychischen Entwicklung . . . . . . . . . . . .
26
3.2
Wichtige Ergänzungen anderer Autoren der Psychoanalyse und der Säuglingsforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
30
Die Bedeutung des primärprozesshaften sinnlichen Erlebens . . . .
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4 Symbolisierungen in der psychoanalytischen Praxis . . . . . . . . . . .
47
4.1
Allgemeine Überlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
47
4.2
Einige Gedanken zur Behandlungstechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1 Freuds Hinweise zur Technik anhand Wilhelm Jensens Novelle Gradiva . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.2 Die technische Bedeutung sinnlichen Sprechens, insbesondere mit Metaphern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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5 Die Metapher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
65
5.1
65
3.3
Historischer Abriss zur Metapher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
60
8
Inhalt
5.2
Hans Blumenberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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5.3
Aktuelle Gedanken zur Metapher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
70
5.4
Freud und die Metapher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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6 Künstlerisches Schaffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
77
6.1
Freuds Gedanken zur künstlerischen Produktion . . . . . . . . . . . . . .
82
6.2
Hysterisches Symptom, Traum und künstlerische Produktion . . .
86
6.3
Künstlerische Produktion als «Verkörperung» . . . . . . . . . . . . . . . .
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7 Die Einheit von Körper und Geist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
95
7.1
Schiller, Nietzsche, Freud . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
96
7.2
Sprache und Unbewusstes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
99
8 Psychisches Wachsen und Dichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 9 Zusammenfassende Gedanken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 10 Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
1 Einführung
Wie kommt der Mensch zu neuen Erkenntnissen? Wie kommt er zu Aussagen, die das Weltverständnis um bisher nie gedachte Sichtweisen erweitern? Wie gelingt es, fundamental neue Zusammenhänge zu denken? Fragen wie diese haben schon viele Menschen bewegt. Aber nicht nur aussergewöhnlich Begabte können die Erforschung all dieser Fragen voranbringen. Manchmal geschehen historische Ereignisse, die solche Auseinandersetzungen vorantreiben. Russlands erfolgreiche Beförderung des ersten künstlichen Erdsatelliten «Sputnik 1» ins Weltall zum Beispiel hatte eine schockartige Wirkung auf die übrige Welt. Aufgrund des russischen Vorsprungs löste der sogenannte «Sputnikschock» 1957 in den USA und in der Folge auch im westlichen Europa eine Intensivierung der Kreativitätsforschung in verschiedenen Disziplinen aus (Landau 1984, Matussek 1974). In der Psychologie wurde der kreative Vorgang vor allem aus phänomenologischer, sozialpsychologischer und pädagogischer Sicht untersucht. In der vorliegenden Arbeit wird innovatives Schaffen aus intrapsychischer Sicht zu erhellen versucht. Was geschieht beim kreativen Vorgang in der menschlichen Psyche? Was begünstigt innovatives Denken psychodynamisch im Innern des Schöpfers? Nicht selten wird von wissenschaftlich oder künstlerisch tätigen Menschen berichtet, die nach langer, mühseliger und ergebnisloser Forschung plötzlich eine Eingebung haben, die sie zu neuen Ideen führt. So hatte August Kekulé, Professor für Chemie in Genf, 1865 bekanntlich einen bedeutsamen Traum, der in die Geschichte einging. Er schildert ihn so: «Ich drehte meinen Lehnstuhl dem Feuer zu und döste ein. Im Traum wirbelten wieder die Atome vor meinen Augen herum, die kleineren Gruppen diesmal bescheiden im Hintergrund. Mein geistiges Auge, durch viele derartige Visionen geschärft, konnte nun grössere Strukturen mannigfaltiger Anordnung unterscheiden, lange Reihen, zum Teil eng geschlossen, alle in
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1 Einführung
schlangengleicher Bewegung verschlungen und verflochten. Aber siehe, was war das? Eine der Schlangen hatte ihren eigenen Schwanz erfasst, ihre Gestalt wirbelte spöttisch vor meinen Augen. Wie vom Blitz getroffen, wachte ich auf.» (Kekulé in: Koestler 1966, S. 118 f.) Das Bild der sich in den eigenen Schwanz beissenden Schlange führte Kekulé im Übergang zwischen Traum- und Wachzustand zu einer bahnbrechenden Entdeckung in der organischen Chemie: nämlich, dass Moleküle bestimmter organischer Verbindungen keine offenen Strukturen darstellen, sondern geschlossene Ketten oder Ringe bilden. Wie wurde diese überraschende Einsicht möglich? Was passierte da intrapsychisch? Was ereignete sich im Traumgeschehen, das im bewussten Denken nicht gelungen ist? Offensichtlich spielt der durchlässige Zustand zwischen Schlafen, Träumen und Wachsein eine besondere Rolle. Wir wissen auch, dass Leonardo da Vinci vor über 500 Jahren seine Malergesellen dazu anhielt, durch bestimmte Übungen in einen tagträumerischen Zustand zu gelangen. So sollten sie etwa Mauern mit Flecken oder unterschiedlichen Steinen betrachten und auf die sich dabei unwillkürlich einstellenden Vorstellungen achten. Dieses Vorgehen, so da Vinci, könne die Fantasie und die Einbildungskraft («una nova inventione di speculatione») anregen (Reinhardt 2018, S. 193). Tatsächlich werden wir uns in solch spielerischem Tun – sei es im Betrachten vorbeiziehender Wolken, zerklüfteter Berglandschaften oder knorriger Wurzelstrünke – unserer Assoziationen und Vorstellungen eher bewusst. In ähnlichem Sinne schrieb Friedrich Schiller in einem Brief an seinen Freund Gottfried Körner, der sich beklagte, schriftstellerisch nichts zustande zu bringen: «Der Grund Deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwang, den Dein Verstand Deiner Imagination auferlegte. […] Es scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu sein, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den Toren schon zu scharf mustert. […] Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht mir, hat der Verstand seine Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen pêle-mêle herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den grossen Haufen.» (Schiller, 1. Dezember 1788) Eine vorschnell zensurierende innere Kritik behindert schöpferisches Arbeiten. Im Gegensatz dazu sollen Ideen ungefiltert zuströmen dürfen – in einem «pêle-mêle», also bunt durcheinander, so wie es gerade kommt. Sig-
1 Einführung
mund Freud zitiert Schillers Empfehlung im Zusammenhang mit der Erläuterung freischwebender Aufmerksamkeit und Assoziationstätigkeit (Freud 1900a, S. 107), worauf wir zurückkommen werden. Vincent Van Gogh bezeichnet diesen durchlässigen assoziativen Zustand mit «hellsichtig» (Van Gogh 1988, 3. Band, S. 332), und Antoni Tàpies spricht von «nicht gelenktem Denken» (Tàpies 1976, S. 186). Was passiert im Schöpfer während dem assoziativ zuströmenden, nicht gelenkten Denken? Wie lässt sich aus den bunten, ungeordneten Gedanken und Vorstellungen schöpferisches und innovatives Denken generieren? Bevor wir diesen Fragen nachgehen, möchten wir aber wissen: Was sind Vorstellungen? Was beinhalten sie und wie entstehen sie? Oder umfassender betrachtet: Wie entwickelt sich das Denken? Eine spannende Frage, die sich wiederholt stellen wird. Ich beginne mit der Frage, wie innere Vorstellungen, Repräsentanzen und Symbole entstehen, also mit dem Vorgang der Symbolisierung. Anschliessend untersuche ich die Bedeutung der zwischenmenschlichen Beziehung für Symbolisierungsprozesse. Dabei betrachte ich die Entstehung innerer Repräsentanzen sowohl aus psychoanalytischer Sicht als auch aus der Perspektive der Säuglingsforschung. Es folgt die Diskussion von Symbolisierungsvorgängen in der psychoanalytischen Praxis, die ich mit Fallvignetten veranschauliche. Aufgrund meiner psychoanalytisch-psychotherapeutischen Erfahrung begründe ich die Bedeutung sinnlichen Erlebens für Symbolisierungen. Die Ausführungen zur Behandlungstechnik bei Patienten mit einer identitären Störung führen zur Thematik der Metapher. Nach einem historischen Abriss zur Metapher fokussiere ich auf Erkenntnisse des Philosophen Hans Blumenberg, anschliessend auf Gedanken aktueller Philosophen. Danach untersuche ich Vorgänge des künstlerischen Schaffens sowie Freuds Gedanken zur inneren Verwandtschaft von hysterischem Symptom, Traum und künstlerischer Produktion als «Verkörperung». Letzteres führt zur Diskussion der Einheit von Körper und Geist. Schliesslich thematisiere ich die Anforderung des Ichs, Erregungen psychisch zu binden, um dann meine Schlussfolgerungen und zusammenfassende Gedanken zu formulieren. Nachdem ich mich jahrzehntelang mit diesen Themen beschäftigt habe, ist es mir ein Anliegen, früher formulierte Gedanken – vor allem in den Kapiteln 3 und 4 – wieder aufzunehmen, zu überarbeiten und zu ergänzen, um sie in
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1 Einführung
aktualisierter Form in einen umfassenderen Zusammenhang zu stellen. Da ich das Feld dieser Betrachtung sehr weit fasse und aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachte, sind Querverweise und allfällige Wiederholungen unumgänglich. (Um den Lesefluss zu erleichtern, benutze ich im Text generell nur die männliche Form; die weibliche Form, sowie alle weiteren Ausrichtungen sind dabei immer mit gemeint.)
2 Symbolisierung
Seit jeher beschäftigt sich der Mensch mit der phylogenetischen und der ontogenetischen Herkunft. Beim Nachdenken über die psychische Entwicklung hat er realisiert, dass sich etwas Bleibendes im Innern der Psyche entwickeln muss, auf das während des Erinnerns und Assoziierens zurückgegriffen wird. Freud spricht im Zusammenhang mit diesem bleibenden Etwas im Innern der Psyche von Vorstellungen. Er unterscheidet unbewusste Sachvorstellungen von bewussten Wortvorstellungen. Erstere äussern sich vor allem in inneren Bildern, die beispielsweise in nächtlichen Träumen auftauchen, Zweitere vor allem im sprachlichen Ausdruck von Worten, die dem bewussten Denken zugänglich sind. Zwischen den Sachvorstellungen des Unbewussten und den Wortvorstellungen des Bewussten können sich im Vorbewussten vielfältige Verknüpfungen von beiden ergeben: Eindrücke, Erinnerungen, oft in Form von inneren Bildern, die sich mit Wortvorstellungen verbinden. Doch was beinhalten sie? Und wie entstehen sie? Bevor ich diesen Fragen nachgehe, möchte ich einen begrifflichen Hinweis machen. Üblicherweise wird heute in Zusammenhang mit inneren Vorstellungen der Begriff der Repräsentanz verwendet, was nicht unproblematisch ist. César und Sara Botella haben auf diese Problematik hingewiesen (2007, S. 9 ff.). Sie betonen, Freud habe den Begriff der Vorstellung eng mit der Darstellung des Gemeinten, Symbolisierten oder Repräsentierten verbunden, was im Begriff der Repräsentanz weniger zur Geltung komme. Bei der Verwendung des Begriffs «Repräsentanz» gilt es also, sich zu vergegenwärtigen, dass etwas wirklich dargestellt, das heisst innerlich in der Vorstellung präsentiert wird. In diesem Sinne bekräftigt der Philosoph Jean-Luc Nancy: «Das Re- der Repräsentation ist keine Wiederholung, sondern eine Intensivierung. […] Die repraesentatio ist eine unterstrichene Präsentation […] gerichtet […] an einen bestimmten Blick.» (Nancy 2003, S. 65) Das französische Wort représentation wird gemäss Nancy im Sinne von «Vorstellung» oder im Sinne von «vor-
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2 Symbolisierung
führen» oder «mit Nachdruck darlegen» verwendet. In inneren Vorstellungen ereignet sich also eine Darstellung, eine Vorführung, ein intrapsychisches Schauspiel. Die Frage, wie Psychisches, innere Vorstellungen oder Repräsentanzen entstehen, ist für die Entwicklung des Menschen ganz allgemein von Bedeutung. In der Förderung und Ausbildung von Kindern und in der Behandlung psychisch kranker Menschen spielt sie aber eine besondere Rolle. In gewissen seelischen Erkrankungen können zum Beispiel unerklärliche Zustände diffuser und nicht identifizierbarer Ängste, unheimlicher Bedrohung oder innerer Unruhe und Erregung vorkommen. Wie lassen sich diese unerträglichen Zustände verstehen? Wie lassen sie sich in Worte fassen, um so Linderung zu erwirken? Fragen wie diese haben mich dazu veranlasst, mich eingehender mit dieser Thematik zu befassen.
2.1 Zum Begriff Symbol Einerseits ist der Symbolbegriff eng mit der Psychoanalyse verbunden, andererseits wird er heute in vielen Disziplinen sehr unterschiedlich angewandt, einmal enger, einmal weiter gefasst, weshalb eine allgemeine Beschreibung kaum möglich ist. Etymologisch betrachtet hat sich der Symbolbegriff aus dem griechischen Wort «symbolon» entwickelt. Es bedeutet «Zeichen» oder «Kennzeichen» und meint zudem etwas Zusammengefügtes. Das «symbolon» ist somit ein zwischen verschiedenen Personen vereinbartes Erkennungszeichen, das – aus Bruchstücken bestehend – ein zusammengefügtes Ganzes ergibt. Damit steht es dem griechischen Wort «symballein» nahe, das ein Zusammenfügen oder sogar ein Zusammenwerfen meint. Das zusammengeworfene Zeichen kann zum Sinnbild werden, das in Form eines Gegenstands oder einer Handlung stellvertretend für etwas nicht Wahrnehmbares, Gedachtes, Vorgestelltes oder Geglaubtes steht. Es gibt also Symbole, die auf Übereinkunft, Konvention oder Organisation beruhen und vor allem hinweisenden Charakter haben – in der Mathematik etwa die Zahlen, in der Linguistik die Buchstaben, im täglichen Leben die Verkehrsschilder und im zwischenmenschlichen Kontakt die grüssende Geste. Neben diesen eindeutigen Symbolen gibt es auch mehrdeutige Symbo-
2.2 Die Symbolbildung bei Sigmund Freud
le, bei denen die Bedeutung der inhaltlichen Aussage mehrdeutig verdichtet und verstärkt ist. In diesem Sinne meint Manfred Lurker: «Das Symbol hat nicht nur Mitteilungs-, sondern auch Bedeutungsfunktion. Es bedeutet etwas, indem es nicht nur auf die Bedeutung eines anderen hinweist, sondern dessen Bedeutung vergegenwärtigt, repräsentiert, in einem gewissen Sinne an ihr teilhat. Daraus ergibt sich, dass man Symbole auch nicht einfach erfinden oder entwerfen kann; sie sind gegeben und wurzeln in dem Urgrund menschlicher Kollektiverfahrung.» (Lurker 1990, S. 19 f.) In der Betonung des Vergegenwärtigens, Repräsentierens verweist Lurker auf die Darstellungsfunktion des Symbols, die Freud schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieb und die die Botellas (2007) weiter differenziert haben. Ebenso umfassend betrachtet Susanne Langer die Symbolisierung: «Im fundamentalen Begriff der Symbolisierung – gleichviel ob mystischer, praktischer oder mathematischer Art – liegt der Schlüssel zu aller menschlicher Existenz.» (Langer 1987, S. 33) Langer beschreibt das erworbene Bewusstsein des Menschen als fortwährenden Prozess symbolischer Transformationen, ausgehend von psychophysischen Impulsen (Kapitel 3). Wenn wir uns diese stetigen Umwandlungen vergegenwärtigen, wird deutlich, wie fliessend die Übergänge zwischen Bild und Wort, zwischen Metaphern und Symbolen letztlich sind. Darauf werde ich zurückkommen (Kapitel 5).
2.2 Die Symbolbildung bei Sigmund Freud Bereits in den ersten Jahren der psychoanalytischen Arbeit mit Patienten stiess Freud auf die Bedeutung der Symbolisierung und legte seine Beobachtungen 1895 in den Studien über Hysterie dar. Dabei erkannte er, wie Symptome entstehen: nämlich, indem traumatische Vorstellungen, vom bewussten Erleben losgelöst, abgewehrt und ins Unbewusste verdrängt werden, um dann mit den Mechanismen der Verdichtung, Verschiebung und Darstellung im Körper einen Ausdruck zu erfahren (Konversionsvorgang). In Freuds Fallbeispiel der Katharina war die traumatisierende Erfahrung, den Vater beim Beischlaf mit ihrer Cousine ertappt zu haben. Katharina erlitt einen schockartigen Zustand. Ihr wurde schwindlig, und sie erbrach tagelang. Dann erinnerte sie sich an eigene Erlebnisse sexueller Annäherung
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2 Symbolisierung
durch den Vater, die sie jedoch erst nach der Begegnung des Vaters mit der Cousine als solche verstehen konnte. Es war die unerträgliche Vorstellung, dass der Vater dasselbe mit ihr machen wollte, die sie mit Ekel erfüllte. Diesen Zusammenhang zu denken konnte sie nicht aushalten, weshalb er aus dem Bewusstsein ins Unbewusste verdrängt und vergessen wurde. Der innere Aufruhr, die Erregung und die affektive Beteiligung hingegen konnten nicht einfach vergessen werden. Die Psyche entledigte sich unbewusst der Erregung mitsamt dem empfundenen Ekel, indem sie diese in den Körper verbannte. In diesem Vorgang wird der Körper wie ein Anderer, ein Fremder, ein Aussen-Stehender behandelt, in den die unerträgliche Erregung und die überwältigenden Affekte deponiert werden. Der Ekel erscheint dann in der körperlichen Reaktion des Erbrechens (Konversionssymptom). Das Symptom des Erbrechens ist das Erinnerungssymbol für den unbewussten Inhalt, der – abgewehrt und verdrängt – im Körperlichen einen Ausdruck fand. Das therapeutische Gespräch mit Freud konnte den ursprünglichen Zusammenhang wieder herstellen, und Katharinas unbewusste körperliche Reaktion liess nach. Unerträgliche Vorstellungen dieser Art können eine Verstärkung durch weitere Symbolisierungen erfahren. So berichtet Freud von seiner Patientin Elisabeth v. R., die an einer Beinlähmung litt und ihre Ausführungen «mit der Klage schloss, sie habe dabei ihr ‹Alleinstehen› schmerzlich empfunden». Sie sei nicht müde geworden, zu wiederholen, dass das Schmerzliche daran «das Gefühl ihrer ‹Hilflosigkeit› gewesen [sei], die Empfindung, sie ‹komme nicht von der Stelle›». Diese Gedanken hatten einen Einfluss auf ihre Beinlähmung, indem die Patientin «einen symbolischen Ausdruck für ihre schmerzlich betonten Gedanken gesucht und ihn in der Verstärkung ihres Leidens gefunden hatte» (Freud 1895, S. 171). Das heisst, die Patientin hatte ihr krankes Bein zusätzlich symbolisch besetzt, weshalb sie stärker zu hinken begann. Bemerkenswert ist Freuds Aussage, die Konversion sei «nicht an den frischen Eindrücken, sondern an den Erinnerungen derselben» erfolgt (ebd. S. 189), also nachträglich, erst dann, als sie sich an die schmerzliche Erfahrung erinnerte. Freud folgert: «Dieser ursprünglich rheumatische Schmerz wurde nun bei der Kranken zum Erinnerungssymbole für ihre schmerzlichen psychischen Erregungen.» (ebd. S. 195) Das heisst, die schwierigen Gefühle und Gedanken erfahren nachträglich, in der Erinnerung an das Schmerzliche
2.2 Die Symbolbildung bei Sigmund Freud
eine psychische Bearbeitung. Statt dass die Patientin sie bewusst wahrnimmt, fühlt, denkt und ausspricht, werden diese Gedanken und Gefühle im Körper dargestellt. Die Redewendungen «Alleinstehen» und «nicht von der Stelle kommen» hatten in diesem Vorgang «die Brücke» für die Symptombildung der Konversion, die Verstärkung des Beinleidens, gebildet (ebd. S. 196). Bei seiner Patientin Cäcilie M. hatte Freud besonders viele Symbolisierungen dieser Art vorgefunden: «Indem sie den sprachlichen Ausdruck wörtlich nimmt, den ‹Stich ins Herz› oder den ‹Schlag ins Gesicht› bei einer verletzenden Anrede wie eine reale Begebenheit empfindet, übt sie keinen witzigen Missbrauch, sondern belebt nur die Empfindung[en] von neuem, denen der sprachliche Ausdruck seine Berechtigung verdankt.» (ebd. S. 201) Freud dachte, solche Kränkungen könnten tatsächlich von körperlichen Innervationsempfindungen begleitet werden, und folgerte, dass alles wörtlich Gemeinte tatsächlich einmal in die Tat umgesetzt worden war, wie Darwin in der Phylogenese unserer Herkunft es beschrieben hat. Inzwischen seien solche Handlungen so weit abgeschwächt, dass «ihr sprachlicher Ausdruck uns als bildliche Übertragung erscheint, allein, sehr wahrscheinlich war das alles einmal wörtlich gemeint». (ebd. S. 201 f.) Freud schreibt weiter: «[…] die Hysterie tut recht daran, wenn sie für ihre stärkeren Innervationen den ursprünglichen Wortsinn wiederherstellt. Ja, vielleicht ist es unrecht zu sagen, sie schaffe sich solche Sensationen durch Symbolisierung; sie hat vielleicht den Sprachgebrauch gar nicht zum Vorbilde genommen, sondern schöpft mit ihm aus gemeinsamer Quelle.» (ebd. S. 202) Wahrscheinlich meint Freud mit der «gemeinsamen Quelle» die aus der Phylogenese stammende «archaische Erbschaft» (Freud 1900a, S. 554, und 1937c, S. 386), denn die Sprache hat sich aus ursprünglichen Taten und Handlungen erst allmählich zu Wortvorstellungen entwickelt (Kapitel 5). In der Fussnote zur gemeinsamen Quelle beschreibt Freud, wie sich der Sprachgebrauch bei Cäcilie M. nicht nur in sinnlichen Bildern und Sensationen äussert, sondern sich zeitweise jeder Gedanke in eine Halluzination wandelt, eine Symptombildung des Wahns (Freud 1895, S. 202). Schon in diesen frühen Jahren der Erforschung der menschlichen Psyche erkannte Freud die Verwandtschaft zwischen dem Wahn, dem Traum – worin wir auch halluzinieren, also das Geträumte als real erleben – und den künstlerischen Produktionen. In all diesen Symbolbildungen sind die Mechanismen der Verdichtung, Verschiebung und Darstellung am Werk, wobei auch unbewusstes
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2 Symbolisierung
Material aus dem phylogenetischen Erbe einfliesst. Es ist bemerkenswert, wie früh Freud diese tieferliegenden Zusammenhänge erfasst hat. In Die Traumdeutung (Freud 1900a) schrieb er: «Diese Symbolik gehört nicht dem Traume zu eigen an, sondern dem unbewussten Vorstellen, speziell des Volkes, und ist im Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der Spruchweisheit und in den umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger als im Traume aufzufinden.» (Freud 1900a, S. 356) Freud erkannte die Bedeutung des Unbewussten und des unbewussten Vorstellens, das in Überlieferungen von Mythen, Sagen, Redensarten und Metaphern enthalten ist und auf welches das Subjekt während des Träumens, in der Symbolbildung des hysterischen Symptoms sowie in künstlerischen Gestaltungen zurückgreift (Kapitel 6.2). Doch wie hat sich die Menschheit das Wissen um diese «archaische Erbschaft» angeeignet? Wie wird es von Mensch zu Mensch weitergegeben? Genetische Fragestellungen und Fragen wie diese haben Carl Gustav Jung zur Theorie des «kollektiven Unbewussten» (Jung 1985; 1987, S. 67) geführt. Im Gegensatz zu Jung, der – im Kontext der eigenen Biografie – dem Bewusstwerden von Inhalten des kollektiven Unbewussten bereits eine heilende Wirkung zuschrieb, hatte Freud die miteinander ringenden inneren Kräfte des Individuums, die Psychodynamik, stärker gewichtet. So bekräftigt Freud: «Die Psychoanalyse […] ist eine dynamische Auffassung, die das seelische Leben auf ein Spiel von einander fördernden und hemmenden Kräften zurückführt.» (Freud 1910i, S. 97) Mit Fokus auf die Dynamik dieser fördernden und hemmenden Kräfte betont er: «Die auf Symbolkenntnis beruhende Deutung ist keine Technik, welche die assoziative ersetzen oder sich mit ihr messen kann. Sie ist eine Ergänzung zu ihr und liefert nur in sie eingefügt brauchbare Resultate.» (Freud 1916–17, S. 153) Das heisst: Durch die Technik des freien Assoziierens lassen sich die ursprünglichen Verknüpfungen wiederherstellen, wobei in diese Assoziationen und Deutungen auch Symbolisierungen aus der archaischen Erbschaft einfliessen können. Zusammenfassend kann festgehalten werden: Freud hat in seinen frühen Schriften den Symbolisierungsvorgang als Abwehrvorgang beschrieben. Das Abgewehrte erscheint im körperlichen Symptom, dem Erinnerungssymbol. Bei der Symptombildung wird die unerträgliche Vorstellung ins Unbewusste verdrängt, womit sie aus dem bewussten Erleben ausgeschlossen und
2.2 Die Symbolbildung bei Sigmund Freud
vergessen wird. Die Erregung hingegen, die das traumatische Ereignis ausgelöst hat, wird in den Körper verbannt. Da die dazugehörige Vorstellung nicht mehr verfügbar ist, ist das Symbolisierte im körperlichen Symptom so lange gefangen, bis der ursprüngliche Zusammenhang wiederhergestellt werden kann. Während des Schreibens der Traumdeutung (1900) hat Freud den Symbolbegriff erweitert, ohne ihn aber genauer zu definieren. Durch das Verständnis phylogenetischer Zusammenhänge sind im Symbol auch un- oder vorbewusste Inhalte des archaischen Erbes enthalten, die vielschichtig verdichtet und mehrdeutig sind. Dennoch betont Freud, das Symbol nicht auf bestimmte Inhalte determinieren, sondern durch freie Assoziationen ergründen zu wollen, auf welche Inhalte ein Symbol in jedem einzelnen Fall hinweist. Durch freies Assoziieren können die verlorenen, vergessenen Gedanken wiedergefunden werden. Bemerkenswert und immer noch von aktueller Bedeutung finde ich die Beschreibung des wechselseitigen Ineinanderwirkens von Geist und Körper. Freud stellte fest, wie bedeutsam der Einfluss des subjektiven Erlebens und die damit verbundenen Vorstellungen sind. Er hat die Macht der Fantasien erkannt sowie die Art und Weise, wie Fantasien auf den Körper einwirken – und umgekehrt, wie leibliche Wahrnehmungen seelisches Erleben beeinflussen und verändern können. Trotz fortschreitender Spezialisierung in Medizin und Psychologie bleiben Körper und Geist in fortwährender Wechselwirkung miteinander verbunden. Im Vergleich zu Freuds Darlegung zeigt sich das Krankheitsbild psychosomatischer Erkrankungen heute oft komplexer, vor allem wenn diese im Kontext früher identitärer Störungen stehen. Die somatischen Symptome sind meist mehrfach determiniert und vielschichtiger verdichtet, weshalb eine eingehende, manchmal langwierige psychoanalytische Arbeit notwendig ist, um die Beweggründe des Leidens zu eruieren und zu verstehen. Ich habe aber mehrmals erfahren, dass somatische Symptome, die zu Beginn konkretistisch und völlig isoliert vom übrigen psychischen Erleben wahrgenommen wurden, nach einigen Jahren psychoanalytischer Arbeit im Zusammenhang und im Kontext der individuellen psychodynamischen Entwicklung der Patienten verständlich geworden sind. Das Verständnis hat mehr Ich-Stärke und eine verbesserte Integration der Persönlichkeit bewirkt. Erst infolge der gefestigteren Identität wird es möglich, auch psychoneurotische Abwehrformen
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