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Die Erde ist eine Keimträgerin

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EDUARD KAESER

Die Erde ist eine Keimträgerin

Lehren aus der Corona-Pandemie REFLEXE


Schwabe reflexe

Band 72


Eduard Kaeser

Die Erde ist eine Keimträgerin Lehren aus der Corona-Pandemie

Schwabe Verlag


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2022 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Annette Boutellier, Bern Gestaltungskonzept: icona basel gmbH, Basel Cover: Kathrin Strohschnieder, STROH Design, Oldenburg Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4374-6 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4375-3 ISBN eBook (ePUB) 978-3-7965-4553-5 ISBN eBook (Mobi) 978-3-7965-4554-2 DOI 10.24894/978-3-7965-4375-3 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen, Man durchstudieret die Bacterienwelt, Nicht um am Ende Alles geh’n zu lassen, Wie es dem lieben, gnäd’gen Gott gefällt, – Nein, auf Collegen, zum fröhlichen Krieg Mit den Bacterien, – uns winket der Sieg! (Liederbuch für deutsche Ärzte, 1892)


Inhalt

Prolog: Ende der Keimfreiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Viren und Planeten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Der Mensch ist der Mikrobe egal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Das Unbehagen in der körperlosen Kultur . . . . . . . . . . . . .

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Die Kunst, kein Ziel zu haben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Die Ausnahme ist die Regel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Unwahrscheinliches geschieht – immer . . . . . . . . . . . . . . .

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Der Jargon der Natürlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

57

Die Natur straft nicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Das Coronoptikum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

69

Immunität neu denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

77

Intellektuelle Infektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

83

Ansteckung zu einem neuen Existenzialismus . . . . . . . . . .

91 7


Immun gegen Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

97

Im Zeitalter der tückischen Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Wir sind alle Verschwörungstheoretiker . . . . . . . . . . . . . . . 115 Die Pandemie der Gewissheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Weg mit uns – Selbstauslöschung des Menschen . . . . . . . . 131 Epilog: Sub specie sordis – unter dem Gesichtspunkt des Drecks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153

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Prolog: Ende der Keimfreiheit

Die vorliegende Essaysammlung dreht sich um das Thema ökologisches Denken und Mikrobe. Und sie weckt sofort Reserven: Schon wieder ein Buch über die Coronakrise, wo wir doch noch mittendrin stecken? Deshalb sei eine kleine Erläuterung vorangestellt, um falsche Erwartungen gleich am Anfang zu dämpfen. Es geht in den folgenden Stücken zwar immer auch um Ökologie und Viren, primär aber um Verhaltens- und Denkweisen, die sich unter den Bedingungen der Pandemie radikal herausgefordert sehen. Ich will damit nicht die Pandemie zur alleinigen Urheberin dieser Herausforderung erklären. Sie gehört latent seit gut fünfzig Jahren zum Planeten «in der Krise». Das Coronavirus hat diese Latenzphase nur dramatisch beendet. Und es hat unser ökologisches Denken kalt erwischt. Nachdem der Naturwissenschaftler und Ingenieur James Lovelock die Erde als einen Geo-Organismus – «Gaia» – postulierte und der Philosoph Bruno Latour eine neue planetarische Gemeinschaft und «Solidarität» aller Lebewesen heraufbeschwor, machen plötzlich die kleinsten und primitivsten Mitglieder dieser Gemeinschaft unliebsam von sich reden: die Mikroben. Und aus der selbstattestierten fortgeschrittenen Position unseres modernen Lebens heraus stellen wir perplex fest: Diese primitiven Dinger können unsere komplexe Lebensform ja ganz schön durcheinanderbringen. Wir richteten unser alarmiertes Augenmerk bisher auf die Makro-Skala des Klimawandels, und vernachlässigten sträflich die organische Mikro-Skala im ge9


samtplanetarischen «oikos», dem Haushalt der Erde. Jetzt stellt sich heraus: Unser Planet ist ein gewaltiger Keimträger. Und ökologisch sein bedeutet, auch mit den kleinsten Mitbewohnern zu rechnen. In Zukunft wahrscheinlich erst recht. Das schliesst selbstverständlich nicht aus, sich vor ihnen zu schützen oder sie unschädlich zu machen. Es bedeutet, dass wir, wenn wir heute unbescheiden das Erdzeitalter des Anthropozäns ausrufen, uns von den Mikroben in der Sprache der Epidemien belehren lassen müssen: Uns gibt es seit über drei Milliarden Jahren. Willkommen im Viro- und Bakteriozän! Ich werfe im Folgenden einen Blick auf ein paar zentrale Konzepte, die primär dem biomedizinischen Diskurs entstammen, die nun aber infolge der Umstände sozusagen auch den kulturellen Diskurs «infizieren». Das ist seit Michel Foucault längst bekannt. Und ihn lasse ich denn auch aussen vor. Ich möchte vielmehr den inspirierenden «philosophischen» Charakter des Virus hervorheben, die Art, wie es unser Denken über Altbekanntes anregen könnte und müsste. Die Pandemie hat ja geradezu eine Kaskade von Fragen losgetreten: über Immunität, Infektion, Identität, Isolation, Eigenes und Fremdes, Zufall, Normalfall und Ausnahme, Komplexität, Ungewissheit und Unbekanntes, Natürliches und Unnatürliches, Reinheit und Dreck. *** So nimmt im Zeichen des Coronavirus die Diskussion über die Bedeutung der Immunität Fahrt auf, das heisst, über das bisher vorherrschende Paradigma der Abwehr. Es zeichnet den menschlichen Körper als eine Festung, die sich bereits auf zellulärer Ebene stets gegen fremde Eindringlinge wappnet. Dieses Paradigma sieht sich schon seit einiger Zeit herausgefordert durch ein anderes, das nicht bloss den defensiven Aspekt der 10


Immunantwort thematisiert, sondern auch den explorativen. Die Abwehrzellen des Körpers dienen, kurz gesagt, ebenfalls der Erforschung der Körperumgebung, sie erkunden die potenziell gefahrvollen Eigenschaften dessen, was eindringt, sie «lernen» daraus und definieren recht eigentlich die Grenze zwischen Selbst und Nicht-Selbst. Infektion bedeutet in diesem Bild also stets auch Information – Information über einen potenziellen Schädling oder Feind. Wenn Immunisieren einerseits Grenzenziehen bedeutet, dann andererseits auch Grenzerkundung. Das ist im Übrigen genau das, was der «Intelligence» eines Nachrichtendienstes obliegt: Informationen sammeln über den potenziellen Feind – über nationale Grenzen hinweg. Das Immunsystem ist die CIA des Körpers. Der britische Medizinanthropologe David Napier bringt das evolutionäre Paradox auf den Punkt: Wenn der Schutz vor fremden Eindringlingen ein einfaches darwinistisches «Ziel» ist; warum brauchen wir Schutz vor etwas, das gar nicht lebt und angewiesen ist auf seine Animation durch uns? Viren sind einfach Informationsstrukturen, die über Jahrtausende hinweg inaktiv bleiben können, bis unsere Zellen sie zum «Leben» erwecken, zu unserem Nutzen oder Schaden. *** In der Coronakrise scheint auch ein alter Diskurs wieder zu erwachen. Er entstammt dem religiösen Umfeld, und er munitionierte früher die Menschen mit Erklärungen von Kalamitäten und Katastrophen. Krankheit ist seit alters mit dem Gedanken der Strafe und Rache verbunden. Pest als Strafe für sündiges Verhalten – ansteckende Verunreinigungen. Religiöse Schutzmassnahmen beriefen und berufen sich immer auf Bitt- und Bussrituale, in denen man Gott quasi ins Abwehrdispositiv ein11


baut. Im säkularen Kontext darf man solche Massnahmen füglich als unwirksam und – wenn kollektiv vorgeschlagen – als fahrlässig betrachten. Komplementär zum Straf- und Rachediskurs suggeriert der Jargon der Natürlichkeit, dass nur ein «naturgemässes» Leben Schutz und Überleben gewährt. Hier wird die Natur nicht als Rächerin, sondern als Retterin evoziert. Man findet dieses Argumentarium jetzt häufig bei Gegnern des Impfens und anderer «unnatürlicher» biomedizinischer Techniken. Eine Grundannahme scheint stets durch: Der Körper «weiss» es besser. Im Grunde findet sich auch hier wiederum das Begriffspaar des Eigenen-Fremden, des eigenen Körpers und der fremden, ihm «auferzwungenen», seine «Freiheit» infrage stellenden Substanzen. *** Das Coronavirus hat binnen Kurzem unsere Verhaltensweisen gründlich umgekrempelt. Verhaltensweisen sind grösstenteils Berührungsweisen. Der Händedruck ist eine Berührungseinheit, wie ein Kuss, eine Umarmung, ein High Five, ein Schulterklopfen. Wahrscheinlich entspringt er einem angeborenen Impuls nach körperlichem Kontakt mit der Umwelt. Zugleich steckt in ihm eine Ambivalenz, denn wir erfahren schon von klein auf, dass dieser Kontaktdrang auch Gefahren mit sich bringt. Jetzt erfahren wir, dass die Hände selbst zu einer Gefahr werden können, etwas möglicherweise geheim Tödliches enthalten. Wie ein Arzt von der Mayo-Klinik sagte: «Wenn du die Hand ausstreckst, streckst du eine Biowaffe aus.» Weshalb Anthony Fauci sich zur trüben Aussicht veranlasst sah: «Wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass wir uns jemals wieder die Hände schütteln werden.»

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Das Jahr 2020 wird uns wohl in Erinnerung bleiben als ein globales Experiment im Distanzhalten. Wir exilieren uns zuhause, verdächtigen schon fast instinktiv die Nähe des anderen Menschen als Gefahrenherd. Der Lockdown erinnert uns daran, wie eng und stark unser Körper, sprich: unser Ich, mit seiner Umwelt verschränkt ist. Wir leben körperlich in einer Ökologie der Verhaltensweisen und Gewohnheiten. Ein Körperteil gehört nicht nur anatomisch zu mir, es ist in einen persönlichen Verhaltensspielraum eingebettet. Zum Beispiel meine Hand: Sie definiert nicht mein Verhalten, mein Verhalten definiert sie. Einen Leib haben, schrieb der Philosoph Maurice Merleau-Ponty verallgemeinernd, «heisst für den Lebenden, sich einem bestimmten Milieu zuzugesellen, sich mit einem bestimmten Vorhaben zu identifizieren und sich darin ständig zu engagieren». Genau dies trifft auf die Entzugserfahrung vieler Menschen in der Pandemie zu: Sie finden nicht mehr zu «ihrem Milieu» – im Club, im Stadion, in der Gesprächsrunde, in der Familie. Sie erfahren sich als entsprechend verhaltens-amputiert und damit als körperlos. *** Epidemien sind episodisch. Sie haben einen Anfang und ein Ende. Das verleitet zum Fehlschluss, dass nach dem Ende «alles vorbei ist». Man könnte von der Illusion der fortgesetzten Normalität sprechen. Ich möchte diese Sichtweise sozusagen umstülpen: Der Normalfall ist ein kurzfristiger «glücklicher» Zeitabschnitt in einer fortlaufenden Abfolge von nicht-normalen Ereignissen. Auf eine Formel gebracht: Die Ausnahme ist die Regel. Gemünzt auf hochtechnisierte Gesellschaften heisst das: Das Epidemische – das «über das ganze Volk Verbreitete» – ist nicht episodisch, sondern chronisch. Und dies aufgrund der 13


komplexen Verkehrs-, Produktions-, Verteilungs-, Energieversorgungs-, Finanz- und Kommunikationsnetze. Je vernetzter ein System, desto anfälliger und leitfähiger wird es für die Ausbreitung lokaler Störungen. Es herrscht nicht die lineare Kausalität, sondern die Netzkaskade: Die Störung verstärkt sich. Ein Virus bricht aus seiner ökologischen Nische aus und verursacht eine Pandemie; ein Baum fällt bei einem Gewitter auf eine elektrische Leitung und legt die Kommunikation eines Landesteils lahm; ein Bot infiziert das Internet der Dinge und die Dinge spielen verrückt. Hohe Vernetztheit bedeutet auch hohe Verletzlichkeit. Zu dieser Verletzlichkeit gehört unsere Ungewissheit angesichts von Situationen, wie wir sie gerade in der Pandemie erleben. Hier haben wir es mit zwei Fragedimensionen zu tun, einer biologisch-epidemiologischen und einer soziologisch-politischen: Was wissen wir über das Virus und seine Verbreitungswege? Und: Was wissen wir über die gesellschaftlichen Kollateralfolgen der Pandemie? *** Das führt zur generellen Frage nach der Handhabung der Ungewissheit in der Zukunft. Gerade das launische Verhalten des Coronavirus zeigt ja, dass es unseren Abwehr- und Vorbeugemassnahmen immer voraus ist, ja, dass womöglich gerade der «Selektionsdruck» solcher Massnahmen es zu Mutationen veranlasst. Auch hier kommt die ökologische Vernetztheit zum Vorschein. So wie wir auf das Mikrobiom einwirken, so wirkt es auf uns zurück. Das kann symbiotische, aber auch dysbiotische Folgen haben. Erklärungen mit einfachen kausalen Einwegverbindungen greifen hier zu kurz. Wir befinden uns, anders gesagt, auch in einer epistemologischen Krise. Sie äussert sich wissenschaftsintern zunächst einmal im wiederholten Eingeständnis der Forscher, wie wenig sie wissen, in Appellen an die 14


erkenntnistheoretische «Demut», in Debatten über Möglichkeiten und Grenzen bestimmter wissenschaftlicher Methoden – vor allem der intensiv datenbasierten. Extern beobachten wir ein Paradox: Alle hungern nach Information und wenige verfügen über die Kompetenz, Information von Desinformation zu trennen. Wir leben im Informationsmüll. Wir sind hyperinformiert und wissen eigentlich wenig. Das führt im Besonderen auch zu einer wachsenden, man möchte fast schon sagen: epidemischen Skepsis gegenüber den wissenschaftlichen Experten. Wenn Wissenschaftler sich unter Vorbehalten und Bedingungen äussern, kann dies sehr leicht als Eingeständnis des Unwissens gedeutet werden. Dabei ist bedingtes Wissen das Wesensmerkmal der Wissenschaft. Als fatal erweist sich dann der Fehlschluss, die Wissenschaftler «wüssten» es ebenso wenig wie die Laien. Er ermutigt den Griff zu selbstgestrickten Theorien, vorzugsweise konspirativer Art. Dieser antiwissenschaftliche Reflex unterminiert die wissenschaftliche Zuverlässlichkeit, das heisst eine vitale Bedingung für das Funktionieren einer hochtechnisierten demokratischen Gesellschaft. Hier meldet sich schliesslich auch das Szenario der «letzten Seuche», wie es der Virologe Nathan Wolfe nennt. Man kann es optimistisch oder pessimistisch interpretieren. In der ersten Interpretation triumphiert schliesslich die Wissenschaft dank ihrer Fortschritte, sie wird Herrin der Epidemien. In der zweiten wird uns die Mikrobe beherrschen, in dem Sinn, dass sie zur Selbstauslöschung des Menschen, zum Omnizid führt. Diese apokalyptische Vision ist «romantischen» Ursprungs. Man muss sie nicht wörtlich nehmen, aber sie bringt doch als ein Memento klar die prekäre Stellung des Menschen auf diesem Planeten zum Ausdruck. Ich beschwöre hier – um dies zum Schluss gleich vorweg zu betonen – kein postpandemisches Szenario, weder eine neue noch eine alte «Normalität». Ich schlage vielmehr ein neues 15


Motto für ökologisches Denken vor: Ende der Keimfreiheit. Was sich über das Leben auf unserem Planeten sagen lässt, kann auf unser Denken übertragen werden. Es findet nie in aseptischen Räumen statt, es muss ansteckender Herd sein, es lässt sich nur begrenzt «purifizieren». Die «reine» Vernunft gibt es nicht. Menschliches Denken ist immer kontaminiert, «verdreckt». Und «sauberes» Denken schafft den Dreck einfach anderswo hin. Was wir brauchen, ist ein Denken sub specie sordis – ein Denken unter dem Gesichtspunkt des Drecks. Die Mikrobe ist unsere Lehrmeisterin. Was schliesslich eine Bemerkung über den Anspruch dieses Büchleins nötig macht. Die «Lehren», von denen der Untertitel spricht, sind philosophische Fingerübungen, «Gedankenstupser». Sie «erschöpfen» nicht, sie stellen Fragen und animieren, weitere Fragen zu stellen. Die Essays lassen sich in beliebiger Reihenfolge lesen. Ihre Thematiken erweisen sich aber nicht als unabhängig voneinander. Deshalb sind Querverweise im Text in Klammern angegeben. Unnötig zu betonen, dass jede der aufgeworfenen Fragen mindestens einer Monografie zur einlässlichen Erörterung bedürfte. Ich weise am Schluss auf weiterführende Literatur zu jedem Essay hin. Zum Nachdenken ist es nie zu früh und nie zu spät.

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Viren und Planeten

«Vagabundierende» Planeten und Epidemien Beginnen wir mit Wörtern. Wenn schon vom Planeten Erde und von Viren die Rede ist, dann entpuppt sich ein Blick auf die Etymologie als aufschlussreich. Wissenschaftsgeschichte ist immer auch Sprachgeschichte. Wichtige Schritte in der Erkenntnisentwicklung lassen sich parallel an der Begriffsentwicklung verfolgen. Und nicht selten eröffnen sich überraschende und unerwartet aktuelle Querverbindungen. Das Wort Planet stammt ab vom griechischen plane: wandern, herumirren. Planeten sind himmlische Wanderer, früher auch «Wandelsterne» genannt, im Gegensatz zu den festen Punkten am Firmament, den Fixsternen. Aber der Bedeutungshorizont umfasst mehr. Das Wort meint auch Vagabunde, die oft ungebeten eine Stadt betreten. Erratische Invasoren quasi. Die Hippokratischen Schriften zum Beispiel bezeichnen Fieber als «Planeten», als Seuche, die von Person zu Person vagabundiert. Und das ist ja eine treffliche Charakterisierung. Bei den Römern bedeutete Planet ebenfalls eine Krankheit, deren Ansteckung und Ausbreitung man nicht verhindern und deren Ausgang man nicht voraussehen kann. Planeten und Epidemien vagabundieren umher, die einen am äusseren Himmel, die anderen im inneren «Himmel», im Körper, oder zwischen den Körpern. Sie beunruhigen uns, sie fordern uns heraus, weil wir nicht immer klug werden über ihre 17


Wege. Traditionell hing das Studium des Himmels eng zusammen mit dem Studium des Körpers. Der Körper als Mikrokosmos war ein Abbild, quasi eine Karte des Universums als Makrokosmos. Deshalb suchte man das himmlische Vagabundieren mit dem körperlichen Vagabundieren in Zusammenhang zu bringen. Astromedizin nannte sich das. Sie ordnete zum Beispiel Organe bestimmten Planeten zu. Der Venus entsprachen Gleichgewichtsorgane und Nieren, dem Mars männliche Geschlechtsorgane, Muskeln, Arterien. Treten die Organe aus ihrem normalen «Orbit», werden wir krank. Die Bezeichnung «Influenza» für Grippe geht zurück auf die Vorstellung eines Einflusses von Planeten auf dem menschlichen Körper. Das Korrespondenzdenken gilt heute als nicht mehr wissenschaftlich. Das Planetenvagabundieren suchen wir mit Astronomie, das Krankheitsvagabundieren mit Epidemiologie zu «tracken». Im ersten Fall haben wir beachtlichen Erfolg, im zweiten – na ja.

Epidemiologen und Astrologen In diesen Kontext gehört natürlich das Wort «Virus». Viren sind in gewissem Sinn auch winzige Vagabunden, die in unseren Körper eindringen. Allerdings sprechen alte lateinische Texte vom Virus als von einer Flüssigkeit, zum Beispiel von Samen, Schleim oder Eiter. Mit dem Flüssigen konnotiert ist die Infektion, ihrer Wortwurzel nach ein «Eintauchen» in die Unreinheit, in das «Miasma» der Krankheit. Im Flüssigen steckt ebenfalls die Bedeutung des Einfliessens, der Influenz. «Influenza» lautet der Fachterminus für Grippe. Er geht zurück auf die Vorstellung der mittelalterlichen Medizin, dass Planetenkonstellationen unser Leben beeinflussen. Sie spielten in der Geschichte der öffentlichen Gesundheit eine wichtige Rolle. Einer 18


der ersten Epidemiologen im 17. Jahrhundert war ein Astrologe: der Brite John Gadbury. Er ging vom damals plausiblen Gedanken aus: Wenn Planetenkonstellationen Krankheiten verursachen können, dann können sie auch Heilungen bewirken. Dazu muss man den Lauf der Planeten als Modell verwenden. Gadbury sammelte akribisch Daten über vorgängige Epidemien in London – Inzidenzen, Sterblichkeitsraten, Infektionshäufigkeiten –, und er suchte sie mit bestimmten Planetenkonstellationen zu korrelieren: eine erste primitive Datenwissenschaft mit astrologischem Modell sozusagen. So fand er zum Beispiel heraus, dass die Zahl der Pesttoten im Juli 1593 rasant wuchs, bei einer Konstellation, in welcher der Mars eine bedeutsame Position einnahm. Die Zahl sank im September, als die Venus in eine bedeutende Position rückte. Gadbury schloss daraus, dass die Bewegung des «wütenden» Planeten Mars die Ursache der Pest sei, während der «besänftigende» Einfluss der Venus zum Abklingen der Pest führte. Man könnte sagen, Gadbury nutzte Astrologie in Ermangelung von Statistik. Aber brüsten wir uns mit der modernen Statistik nicht übermässig. Denn gerade in der Corona-Pandemie sucht einen gelegentlich die Frage heim, ob denn auf die Epidemiologen trotz ihrer ausgeklügelten Kalkulationen nicht etwa gleich Verlass sei wie auf die früheren Astrologen. Die moderne Bedeutung des Virus als Pathogen setzte sich erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, nach der Entdeckung der Mikroben, durch. Der britische Schriftsteller Hilaire Belloc verfasste 1896 ein Gedicht – «The Microbe» –, das mit den folgenden Versen beginnt: «The microbe is so very small / You cannot make him out at all, / But many sanguine people hope / To see him through a microscope.» Belloc beschreibt einige Merkmale der Mikrobe in poetischer karikierender Sprache und endet mit den Zeilen: «All these have never yet be seen – / But scientists, who ought to know, / Assure us 19


that they must be so […] / Oh! Let us never, never doubt / What nobody is sure about.» «Zweifeln wir nie und nimmer an dem, dessen niemand gewiss ist.» Umgekehrt: Nehmen wir das Ungewisse als gewiss an – dieser wunderbar ironische Satz kommt einem wie die Vorwegnahme unserer gegenwärtigen Situation vor (siehe auch «Die Ausnahme ist die Regel»). Für die meisten Menschen damals musste es einen gewaltigen Glaubenssprung bedeutet haben, sich vom Einfluss – von den «Konspirationen» – der Götter und Planeten oder der giftigen Säfte und Dämpfe abzuwenden, und sich nun den unberechenbaren Launen von winzigen, unsichtbaren «Keimträgern» ausgesetzt zu sehen. Obwohl uns heute die Elektronenmikroskopie die oft exotische geometrische Molekülstruktur des Virus in allen Details sichtbar macht, hat sich die Bedeutung der «Säfte» auch in der rezenten Immunologie gehalten. Denn eine der bekannten Abwehrreaktionen des Körpers ist die «humorale», über Körpersäfte vermittelte. Billionen von Lymphozyten patrouillieren im Blut und produzieren, wenn es darauf ankommt, Antikörper gegen virale Eindringlinge. So schnell werden wir alte Begriffsbedeutungen nicht los. Das gilt besonders auch für die Astrologie. Natürlich machen sich die Planetendeuter jetzt fleissig Gedanken über Viren und Konstellationen am Himmel. Die populäre amerikanische Astrologin Susann Miller ist zuversichtlich: «Ein grosses Ereignis im Jahr 2021 ist der Konflikt zwischen Saturn und Uranus darüber, was wir in unserem Leben beibehalten sollten und was sich ändern muss. Die Umwelt ist ein sehr grosses Anliegen, über das man nachdenken muss, und das ist gut, denn Uranus kann innovativ sein und Wege aufzeigen, den Planeten zu retten.» Na bitte, wer sagt denn, auf Astrologie sei kein Verlass.

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