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Eisenverhüttung im Dürsteltal

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Eisenverhüttung im Dürsteltal Ein Hochofen des 13. Jahrhunderts in Langenbruck JÜRG TAUBER, MARIANNE SENN

Schriften der Archäologie Baselland 55


Eisenverhüttung im Dürsteltal Ein Hochofen des 13. Jahrhunderts in Langenbruck

JÜRG TAUBER MARIANNE SENN

mit Beiträgen von Barbara Guénette-Beck Angela Schlumbaum Vincent Serneels

Schriften der Archäologie Baselland 55

Schwabe Verlag


Publiziert mit Unterstützung der Dr. h.c. Alfred Mutz-Stiftung für alte, insbesondere antike Technologie und Technikgeschichte, Basel, und der Georg Fischer AG, Schaff hausen.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abruf bar. Impressum Herausgeber:

Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion des Kantons Basel-Landschaft, Archäologie Baselland www.archaeologie.bl.ch Redaktion, Layout: Reto Marti Grafik, Layout: Tom – it’s fair design! www.tom-ifd.ch Korrektorat: Andreas Fischer © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Gremper AG, Pratteln, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-4296-1 ISBN eBook 978-3-7965-4321-0 DOI 10.24894/978-3-7965-4321-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt Zum Geleit (Reto Marti) Vorwort

9 11

1

Einleitung – Eisenproduktion im Baselbiet?

1.1 1.2 1.3 1.4 1.5

Schriftquellen liefern Anhaltspunkte Ältere Forschungen Beraine, Flurnamen und ältere Literatur Aspekte der Geologie Archäologische Prospektionen

12 13 14 17 19 22

2

Die Grabung 1995 – Ofen 1 und Sondierschnitte am Bach

2.1 Verlauf der Grabung 2.2 Ofen 1 und seine Umgebung 2.2.1 Die Schlackenhalde: Feld 1 / Profil 1 2.2.2 Die Konstruktion des Ofens 1 2.2.3 Die Umgebung des Ofens 1 2.3 Die Sondierschnitte am Dürstelbach

24 25 25 25 27 28 30

3

34

Die Befunde 1996 / 1997 – Werkplatz mit Hochofen und Frischherd

3.1 Verlauf der Grabung 3.2 Allgemeines zu Schichten und Strukturen 3.3 Die Profile 6 und 11 / 20 3.3.1 Profil 6 3.3.1.1 Der westliche Abschnitt (Meter 7,80 bis 12) 3.3.1.2 Der mittlere Abschnitt (Meter 2,60 bis 7,80) 3.3.1.3 Der östliche Abschnitt (Meter o,60 bis 2,60) 3.3.2 Profile 11 und 20 3.4 Die Befunde 3.4.1 Bereich 1: Ofen 2 und Blasebälge 3.4.2 Bereich 2: Die Schutthalde 3.4.3 Die Trennlinie zwischen den Bereichen 2 und 3 3.4.4 Bereich 3 mit Frischherd 3.4.5 Die Trennlinie zwischen den Bereichen 3 und 4 3.4.6 Der Bereich 4 3.4.6.1 Niveau I 3.4.6.2 Niveau II 3.4.6.3 Niveau III 3.4.6.4 Niveau IV 3.4.6.5 Niveaus V und VI 3.4.7 Der Abschluss von Bereich 4 gegen Osten 3.4.8 Bereich 5

35 36 38 39 40 41 42 43 48 48 58 59 59 65 66 67 68 69 70 74 76 77

4

80 81 81 83 85 86 86 89 94 94

Die Funde – spärliche Ausbeute!

4.1 Keramik und Metall 4.1.1 Keramik 4.1.2 Metall 4.2 Blasebalgdüsen 4.2.1 Verbreitung 4.2.2 Herstellungstechnik 4.2.3 Überlegungen zum Einbau der Düsen in den Ofen 4.2.4 Weitere Beobachtungen 4.2.5 Fazit


Inhalt

5

Archäometrie – Ergebnisse und Interpretationen

Produktion und Verarbeitung von Eisen: Erze, Schlacken, Ofenwand und Metall (Marianne Senn, Jürg Tauber, Vincent Serneels und Barbara Guénette-Beck) 5.1.1 Die langwierige Geschichte der archäometallurgischen Untersuchungen 5.1.2 Die erhaltenen Abfälle der Eisenverhüttung und -verarbeitung 5.1.2.1 Die Schlackentypen 5.1.2.2 Fundverteilung von Schlacken und Ofenwand 5.1.3 Die untersuchten Proben 5.1.3.1 Untersuchungsmethoden 5.1.3.2 Die im Zusammenhang mit Ofen 1 untersuchten Proben Das Konstruktionsmaterial von Ofen 1 105 – Schlacken als Abfall der Verhüttung von Ofen 1 105 – Metall im Zusammenhang mit Ofen 1 110 – Fazit Ofen 1 113 5.1.3.3 Die im Zusammenhang mit Ofen 2 untersuchten Proben Doggererz 114 – Ofenwand (?) aus Lehm, Ofen 2 114 – Schlacken als Abfall der Verhüttung in Ofen 2 115 – Chemische Zusammensetzung und Reduzierbarkeit der Schlacken beider Öfen 116 – Schlacken als Abfall des Frischens bei Ofen 2 118 – Metall im Zusammenhang mit Ofen 2 und dem Frischen 120 – Fazit zu Ofen 2 und der Schmiede 120 5.1.3.4 Prozessrekonstruktion ja oder nein? 5.1.3.5 Exkurs: Doggererz im Dürstel und weitere Vorkommen 5.1.3.6 Untersuchungen an metallreichen Schlacken und Eisenfunden Analytik und Probenentnahme 128 – Einführung in die Metallurgie des Eisens 130 5.1.4 Katalog der eisenreichen Schlacken und Eisenfunde 5.2 Die Holzkohle-Analysen (Angela Schlumbaum und Jürg Tauber) 5.2.1 Fragestellungen und Auswahl der Proben 5.2.2 Die Resultate 5.2.2.1 Ofen 1 5.2.2.2 Ofen 2 5.2.2.3 Diskussion Bewusste Auslese des Energieholzes? 153 – Rodung von Hochwald oder Niederwaldbetrieb? 153 – Ergebnis 154 5.3 Die Radiokarbon-Datierungen 5.3.1 Die Methode und ihre Tücken 5.3.2 Die Probenentnahme 5.3.2.1 Ofen 1 5.3.2.2 Ofen 2 und Schutthalde am Bach 5.3.3 Resultate und Diskussion 5.3.3.1 Ofen 1 5.3.3.2 Profil 7: die Schutthalde 5.3.3.3 Die Proben unter Fundament und Schutt von Ofen 2 5.3.3.4 Die Proben aus Profil 18

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96

5.1

6

Ein Fazit ... und offene Fragen

6.1

Ofen 1 6.1.1 Die Fakten ... 6.1.2 ... und die offenen Fragen

97 98 98 99 102 104 105 105

114

121 124 128 131 151 151 151 152 152 153 154 154 155 155 155 155 155 156 157 157 158 159 159 159


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Inhalt

6.2 Ofen 2 und der Werkplatz 6.2.1 Die Fakten ... 6.2.2 ... und wie daraus eine Rekonstruktion entsteht 6.2.2.1 Der Hochofen Mantelmauer und weitere Konstruktionsdetails des Hochofens 162 – Gebläse und Wasserrad 165 – Das Werkgebäude 166 6.2.2.2 Arbeiten in der Umgebung Abbau und Auf bereitung des Erzes 168 – Köhlerei und Waldbewirtschaftung 168 6.2.2.3 ‹Ofenreisen›, Betriebsdauer und Datierung: Fragen zu Aspekten der Zeit Wer stand hinter dem Unternehmen? 173

160 160 161 161

7

174 177 180

Zusammenfassung

Résumé Summary Anhang

Literaturverzeichnis Tabellen Profile und Pläne (mit Beilagen) Abbildungsnachweis

168 172

183 183 187 200 203


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Zum Geleit Seit der Entdeckung des Werkstoffs Eisen galt einer neuer Fokus der hier lebenden Menschen dem Erz. Namentlich das Bohnerz aus dem Jura liess sich in Rennöfen relativ einfach verhütten. Der Entscheid, ob eine Lagerstätte abbauwürdig ist, stützt sich auf Angebot und Nachfrage. In der Römerzeit war das Interesse an lokalem Eisen vergleichsweise gering, denn man konnte es in bester Qualität – quasi-industriell produziert – importieren. Dies änderte sich mit dem Niedergang der römischen Handelswirtschaft. Funde in Pratteln und Wahlen zeigen, dass man den Abbau und die Verhüttung von Eisenerz in der Region im 5./6. Jahrhundert wieder intensivierte. Die Klöster Moutier-Grandval um 640 nach Christus oder Schöntal und Bellelay im 12. Jahrhundert wurden nicht zuletzt im Hinblick auf die Ausbeutung der Eisenvorkommen im Jura gegründet – nicht, weil dies ein besonders frommes Werk gewesen wäre, sondern weil dahinter mächtige Auftraggeber mit wirtschaftlichen Interessen standen, wie die Herzöge des Elsass oder die Grafen von Frohburg. In der frühen Neuzeit rückten andere, bedeutendere Lagerstätten in den Fokus, und das Eisengewerbe des Baselbieter Jura geriet langsam in Vergessenheit. Nur wer genau hinschaut, findet in der Landschaft heute noch Spuren des ehemaligen Erzabbaus und -transports. An die nötigen Einrichtungen – Kohlenmeiler, Verhüttungsöfen, Schmieden – erinnern allenfalls überwachsene Schlackenhalden oder hie und da ein Flurname. Jürg Tauber hat vor gut 30 Jahren das Potenzial der Archäologie des Eisens für die Region erkannt und – ausgehend von Forschungen im Kanton Jura – die Untersuchungen in Baselland vorangetrieben. Es folgten Prospektionen im Gelände, Notgrabungen mit entsprechenden Befunden und 1995–1997 schliesslich die Untersuchungen im Dürsteltal bei Langenbruck. Dies war – nebenbei bemerkt – die letzte Forschungsgrabung der Archäologie Baselland. Seit einem Vierteljahrhundert konzentrieren sich ihre Einsätze auf zwingend notwendige Untersuchungen im Boden und an Gebäuden, also auf die heutigen Bauzonen. Viele Erkenntnisse aus seinen Forschungen hat Tauber in Vorberichten bereits veröffentlicht. Eine profunde Aufarbeitung, namentlich der bedeutenden mittelalterlichen Befunde im Dürsteltal, stand bisher jedoch noch aus. Es freut mich deshalb sehr, mit diesem Band die erste umfassende Publikation zur Baselbieter Eisenarchäologie präsentieren zu können. Geplant ist eine zweite zur früh- und hochmittelalterlichen Gewerbesiedlung im Röserntal bei Liestal, die hoffentlich zeitnah folgen kann. Eisenarchäologie ist ein Forschungsfeld, das sich ausschliesslich interdisziplinär bewältigen lässt. Die Verdankungen im nachfolgenden Vorwort, denen ich mich hier sehr herzlich anschliesse, zeigen dies eindrücklich. Mein Dankeschön gilt darüber hinaus Sarah Schäfer für die gewohnt sorgfältige Auf bereitung sämtlicher Grafiken und Joe Rohrer für die einmal mehr beeindruckenden Rekonstruktionsbilder. Andreas Fischer danke ich für das gewissenhafte Korrektorat, dem Schwabe Verlag mit Arlette Neumann für die sorgfältige Produktion des Buches und der Dr. h.c. Alfred Mutz-Stiftung für alte, insbesondere antike Technologie und Technikgeschichte in Basel sowie der Georg Fischer AG in Schaff hausen für ihre Druckkostenzuschüsse. Ein ganz besonderer Dank geht an Marianne Senn von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt für Industrie, Bauwesen und Gewerbe EMPA sowie an meinen Amtsvorgänger Jürg Tauber, der über seine Pensionierung hinaus hartnäckig am Thema drangeblieben ist. Die beiden legen hier ein spannendes Werk zu einem immer noch wenig beachteten Bereich mittelalterlicher Technikgeschichte vor. Reto Marti, Kantonsarchäologe im August 2020


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Vorwort Zu Beginn der 1990er Jahre stiess der Zivildienst leistende Architekt Ruedi Stauffer im Rahmen einer archäologischen Prospektion am Rand eines Feldweges im Dürsteltal bei Langenbruck auf einige brandgerötete Steine. Zunächst ahnte noch niemand, dass sich daraus eine grössere Ausgrabung entwickeln würde. Zum Vorschein kamen bei den Arbeiten 1995 bis 1997 ein kleiner und ein grosser Verhüttungsofen, in denen im indirekten Verfahren Eisenerz reduziert wurde. Dieser Prozess, bei dem zuerst kohlenstoff haltiges, nicht schmiedbares Eisen produziert wird, das dann in einem zweiten Arbeitsgang entkohlt werden muss, setzte sich erst im Laufe des 14. Jahrhunderts allgemein durch und unterscheidet sich grundsätzlich vom direkten Verfahren, das in einem einzigen Arbeitsprozess schmiedbares Eisen ergibt. Da die Öfen im Dürstel ins 13. oder gar 12. Jahrhundert zu datieren sind, gehören sie europaweit zu den frühesten bisher nachgewiesenen Anlagen dieses Typs. Das weitgehende Fehlen von brauchbaren Vergleichsbeispielen hinsichtlich Chronologie und Konstruktion erschwerte sowohl Grabung wie Auswertung, da man sich in mancherlei Hinsicht auf Neuland bewegte. Die Grabungsequipe, bestehend aus dem festangestellten Personal der Archäologie Baselland (Grabungstechniker Heinz Stebler und Vorarbeiter Alessandro Mastrovincenzo, zeitweise ergänzt durch Grabungstechnikerin Claudia Spiess) und zahlreichen, oft wechselnden Grabungshelferinnen und -helfern, löste ihre Aufgabe unter diesen nicht einfachen Voraussetzungen bestens. Unterstützt wurden sie von externen Fachleuten: Ludwig Eschenlohr führte vorgängig beim Hochofen eine gradiometrische Prospektion durch und war auch in der Folge mit fachlichen Diskussionen und Ratschlägen behilflich, ebenso wie Vincent Serneels, der die Grabung mehrmals besuchte; Philippe Rentzel begleitete uns bei der geologischen und sedimentologischen Ansprache der Schichten. Auch bei der Auswertung waren wir auf externe Hilfe angewiesen: Die Analyse der Schlacken erfolgte an der Abteilung Archäometrie des Departements Geowissenschaften der Universität Fribourg unter der Leitung von Vincent Serneels: Eine erste Serie wurde von Lenny Winkel durchgeführt. Nach einem längeren Unterbruch übernahm dann Barbara Guénette-Beck die Weiterführung der Arbeiten und stellte die Resultate in verschiedenen Vor- und Zwischenberichten sowie an internationalen Tagungen vor. Zusätzlich untersuchte Marianne Senn an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt für Industrie, Bauwesen und Gewerbe EMPA die chemische Zusammensetzung einer Anzahl ausgewählter Metallfunde. Marianne Senn war es auch, die die verschiedenen Ansätze, Vorberichte und Analysen in einen druckfertigen Text überführte. Angela Schlumbaum lieferte mit ihrem ausführlichen Gutachten zu den Holzkohlen die Grundlage für das entsprechende Kapitel, und Joe Rohrer sorgte für die anschaulichen Rekonstruktionsbilder. Allen am Gelingen des vorliegenden Bandes Beteiligten möchte ich meinen Dank aussprechen, last but not least an Reto Marti für das Vertrauen und die Geduld. Jürg Tauber im März 2018


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1 Einleitung

1 Der östliche Teil des Dürsteltals. Der Standort des Hochofens befindet sich in der Senke am äussersten linken Bildrand.

Den meisten Leuten ist heute nicht mehr bekannt, dass Abbau und Verhüttung von Eisenerz in der Nordwestschweiz in früheren Zeiten eine gewisse Rolle spielten. Um 1990 erfuhr die Forschung einen bedeutenden Schub: Ausgrabungen und grossflächige Prospektionen im benachbarten Kanton Jura sowie die Entdeckung einer Eisenwerkersiedlung des 9. bis 12. Jahrhunderts im Röserntal bei Liestal erbrachten wichtige Erkenntnisse zur Eisenarchäologie. Sie waren Anlass, auch im Kanton Baselland entsprechende Feldforschungen in die Wege zu leiten. Unter Berücksichtigung der geologischen Gegebenheiten sowie von Flurnamen und Schriftquellen zeichnete sich ein Zentrum im Dürsteltal bei Langenbruck ab. Grabungen in den Jahren 1995–1997 führten zur Entdeckung eines Hochofens aus dem 13. Jahrhundert.


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Eisenproduktion im Baselbiet? Dass im Jura in früheren Epochen Eisenerz abgebaut und verhüttet wurde, ist uns heute kaum noch bewusst. Bekannt ist allenfalls noch das ehemalige Bergwerk 1 in Herznach, das 1937 in Betrieb genommen und erst 1967 stillgelegt worden ist. Aus der schriftlichen Überlieferung geht jedoch hervor, dass im Fricktal seit dem Mittelalter Erzgruben ausgebeutet und das gewonnene Rohmaterial zu Eisen und Stahl weiter verarbeitet worden war. Die entsprechenden Quellen bezeugen den Abbau des Erzes ebenso wie dessen Reduktion zu Eisen, schweigen sich aber über Fragen von Verfahren und Technik aus. Das Eisengewerbe spielte im Jura bis ins 19. Jahrhundert eine Rolle, die nicht zu unterschätzen ist.

1.1 Schriftquellen liefern Anhaltspunkte Von den mittelalterlichen Quellen, die sich auf den Abbau und die Verhüttung 2 des Erzes im Fricktal beziehen, seien lediglich drei genannt. Die älteste Erwähnung von Eisenschmelzern ist ein Schiedsvertrag vom 4. September 1207 zwischen dem 3 Kloster Säckingen und Rudolf von Habsburg. Die Habsburger waren seit 1173, also seit dem Aussterben der Grafen von Lenzburg, Vögte des Klosters. Sie scheinen die damit verbundenen Rechte dazu benutzt zu haben, ihre eigene Machtstellung auszubauen, was zu einem Streit mit dem Konvent führte. Ein Schiedsgericht, bestehend aus den Äbten der Klöster Muri, Engelberg, Lucelle und Salem, schlichtete den Streit zwischen dem Kloster und seinem Vogt, welcher das Gebiet von Laufenburg betraf. Eine der Differenzen bezog sich auf den Wald: Es wurde bestimmt, dass die umliegenden Wälder nach altem Herkommen dem Bann unterworfen bleiben sollen, und dass es den Eisenschmelzern fortan nicht erlaubt sein solle, für ihr Ge4 werbe Holz zu schlagen. Auch wenn wir nicht wissen, auf welche Weise die conflatores ihr Eisen geschmolzen haben und was genau unter einer massa zu verstehen ist, so dürfen wir annehmen, dass der Umfang des Gewerbes doch so beträchtlich gewesen sein muss, dass sich das Kloster durch die Beschaffung des Brennmaterials in den ausgedehnten Wäldern geschädigt fühlte und deshalb intervenierte. Eine weitere für unsere Arbeit wichtige Quelle ist jener ‹Friedensvertrag› von 1241, der den Herren von Kienberg durch den Grafen von Frohburg diktiert wurde. Der erste Punkt betrifft unser Thema: Heinrich von Kienberg und seine Kinder müssen die Rechte, die sie an der Erzgrube – wohl jene in Wölflinswil – beanspru5 chen, an Hermann von Frohburg abtreten. Bemerkenswert ist, dass Graf Hermann von Frohburg bereit ist, um die Ausbeutung einer Erzgrube eine Fehde zu führen, und dass er den unterlegenen Kienbergern nicht nur allfällige Rechte an dieser Grube abnimmt, sondern sie auch verpflichtet, ihre zerstörte Burg nicht wieder aufzubauen und im weiteren Umkreis

1

Vgl. dazu Bühler 1986. Leider verzichtet der Autor «zugunsten einer besseren Lesbarkeit auf Anmerkungen und Fussnoten» – und damit auch auf Quellenangaben –, so dass sein Werk für eine seriöse Forschung nicht sehr nutzbringend ist.

2

Weitere einschlägige Quellen sind bei Münch 1893 ausführlich beschrieben und gewürdigt.

3

Jehle 1984, 159.

4

Item nemora adiacentia sub debito et consueto banno custodiantur, nec conflatoribus massarum ferri succisio ad opus suum ulterius concedatur. SSRQ Abteilung XVI, erster Teil, Band 6, 2, Zeilen 5–8.

5

Dictus Heinricus de Chienberg et euisdem liberi omne ius, quod eis in fossa, que vulgariter dicitur Erzgruoba conpetebat vel conpetere videbatur in manibus nobilis viri comitis de Froburg resignare debebunt. SUB 1, 229 f., Nr. 403 (17. Jan. 1241).

13


14

2 Nach der Frohburg bei Trimbach (Kt. Solothurn) benennt sich ein im östlichen Jura beheimatetes Grafengeschlecht. Die Anlage wurde in den Jahren 1973 –1977 grossflächig freigelegt.

Einleitung – Eisenproduktion im Baselbiet?

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während zwanzig Jahren keine neue zu errichten. Aus diesen Begebenheiten lässt sich ablesen, wie wichtig den Frohburgern die Eisengewinnung gewesen sein muss. Werner Meyer postuliert aufgrund eines Befundes auf der Stammburg Froh6 burg, dass daselbst Eisenerz verhüttet worden sei. Neuere Forschungen zu Rennöfen und eine Durchsicht der Schlacken, die auf der Frohburg aufgesammelt wurden, lassen aber erhebliche Zweifel an dieser These auf kommen. Es dürfte sich bei der entsprechenden Struktur um die Esse einer Schmiede gehandelt haben (Abb. 3). Dass das Interesse der Frohburger an den Erzvorkommen im Fricktal nicht nur eine kurze Episode blieb, zeigt eine Urkunde vom 17. Dezember 1305, in welcher Graf Friedrich von Toggenburg im Auftrag seiner Frau Ita von Homberg – der letzten Frohburgerin des Homberger Zweiges – Liestal und die Feste Homburg mit allem ihrem Zubehör an den Basler Bischof verkauft. Ausgenommen von diesem Ver7 kauf sind der Zoll und die Erzgrube im Frickgau. Dies deutet darauf hin, dass Zoll und Erzabbau so lukrativ waren, dass Ita nicht auf diese Einkünfte verzichten wollte. Das Eisengewerbe spielte im Fricktal und im angrenzenden rechtsrheinischen Gebiet auch später noch eine bedeutende Rolle, was unter anderem 1494 in der Gründung des Laufenburger Hammerbunds seinen Niederschlag fand. 33 ‹Grossschmiede›, das heisst Besitzer von Hammerwerken, aus Laufenburg und Umgebung, aber auch aus Aarau, Olten und Basel, taten sich zusammen, um nach dem Vorbild 8 städtischer Zünfte eine weitgehende Regulierung ihrer Arbeit zu erreichen. Erst 1743 löste sich der Hammerbund auf.

1.2 Ältere Forschungen Ähnliches wie im Fricktal lässt sich auch über den westlich an den heutigen Kanton Baselland anschliessenden Teil der Nordwestschweiz sagen: Auch dort sind schon verhältnismässig früh schriftliche Hinweise auf die Verhüttung von Eisenerz 9 und seine Weiterverarbeitung überliefert. Dass in diesem Gebiet bereits im Frühmittelalter die Gewinnung von Eisen ein nicht hoch genug einzuschätzender Wirtschaftsfaktor gewesen sein muss, zeigen die Forschungen von Ludwig Eschenlohr 10 mit aller Deutlichkeit. Und wie im Fricktal hielt sich auch hier die Eisenproduktion bis in die Neuzeit. Der letzte Ofen der Firma von Roll in Choindez (Gemeinde Courrendlin, Kt. Jura) stellte den Betrieb erst 1980 ein – er hatte allerdings schon seit längerem kein einheimisches Erz mehr verarbeitet. Im Gebiet des heutigen Kantons Baselland sind die Belege für eine Eisenverhüttung eher dürftig und setzen erst noch später ein als in den benachbarten Regionen. Es sind zunächst Beraine des 15. und 16. Jahrhunderts, die hauptsächlich für das Waldenburgertal direkte und indirekte Hinweise liefern, wobei oft nicht zu entscheiden ist, ob sie sich auf ein primäres Gewerbe beziehen, also auf die Gewinnung des Eisens aus Erz und seine Weiterverarbeitung, oder ob es sich um Hinweise auf Schmiede handelt, die den Bedürfnissen entlang einer wichtigen Passstrasse – ins11 besondere Huf beschlag und Wagenbestandteile – Rechnung tragen.

6

Meyer 1989, 110 f. 136.

7

ULB I, S. 164, Zeilen 23 ff. Die Güter und Rechte ... que ad predictam dominam Itam ex successione progenitorum suorum et nobilis viri pie memorie domini Hermanni quondam comitis de Honberg fratris predicte domine Ite pervenerunt, theloneo et ferrifodinis in Friggowe dumtaxat exceptis, ...

8

Münch 1893, 70–75, Beilage IV.

9

Zusammengetragen bei Eschenlohr 2001, 52.

10

Eschenlohr 2001.

11

Rippmann 1991.


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Einleitung – Eisenproduktion im Baselbiet?

Weitere Spuren finden sich bei Daniel Bruckner; sie beziehen sich zwar einerseits ebenfalls auf die erwähnten Beraine, überliefern aber auch den Kenntnisstand 12 des 18. Jahrhunderts über einschlägige Tätigkeiten in früheren Zeiten. Alle diese Hinweise haben – für unsere Zwecke – einen Mangel: Sie sind in der Regel zu wenig genau lokalisierbar, um entsprechende Überreste im Gelände aufzuspüren. Die ersten Nachrichten über konkrete Nachweise von Erzabbau und Verhüttungsanlagen in der Nordwestschweiz liefert uns Auguste Quiquerez (1801–1882), Bergbauingenieur im – damals bernischen – Jura, der nicht nur zahlreiche Fundstellen entdeckte und mehr oder weniger ausführlich mit Skizzen dokumentierte, sondern auch Ausgrabungen durchführte. Sie betreffen aber wiederum die westlich 13 an den heutigen Kanton Baselland angrenzende Region. Der grosse Vorteil von Quiquerez war, dass er nicht nur ein fundierter Kenner der Regionalgeschichte war, sondern im Bezug auf das Eisengewerbe eben auch ein Fachmann, dessen Beschreibungen geprägt sind von den damals üblichen technischen Verfahren – was sich für die Erforschung des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Eisengewerbes allerdings insofern als wenig förderlich erweist, als sich die früher angewandten Methoden bei der Verhüttung des Erzes grundsätzlich von denen des 19. Jahrhunderts unterscheiden. Quiquerez darf aber dennoch als einer der ersten und wichtigsten Forscher gelten, die in jener Zeit die frühere Eisengewinnung zum Thema machten und damit den Anstoss gaben, dass zwischen 1880 und 1910 in mehreren europäi14 schen Ländern die entsprechenden Forschungen intensiv vorangetrieben wurden. Leider fand sich im Jura kein gleichermassen kompetenter Nachfolger. Einige Nachahmer konnten zwar weitere Fundorte lokalisieren, aber eine kontinuierliche fachspezifische Erkenntnissuche blieb aus. Ein Grund dafür war sicherlich, dass die Erforschung der Geschichte der Eisenherstellung ohne geologische und technische Kenntnisse oder interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht wirklich kompetent angegangen werden kann; und diese Domänen waren den Historikern der damaligen Zeit zu weit entfernt, als dass sie sich ernsthafter damit beschäftigt hätten. So kann es nicht verwundern, dass entsprechende Forschungen von der technisch-naturwissenschaftlichen Seite her initiiert wurden: Hans Fehlmann vom Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement, der auch als Geschäftsführer der Studiengesellschaft für die Nutzbarmachung der schweizerischen Erzlagerstätten fungierte, legte 1932 ein Werk vor, das den damals aktuellen Forschungsstand zur Geschichte des Bergbaus und der Eisenverhüttung in 15 der Schweiz zusammenfasste. Noch in den 1930er Jahren begann dann im Kanton Schaff hausen eine Serie von Ausgrabungen durch Walter Ulrich Guyan, die bis in die 1960er Jahre mehrere 16 mit der Verhüttung von Eisenerz zusammenhängende Anlagen zu Tage förderten. Auch wenn einige seiner Interpretationen heute in einem anderen Licht gesehen werden, so darf er doch als Pionier der Eisenarchäologie gelten: Er wies die historische Fachwelt auf die Möglichkeiten hin, welche die Archäologie für diese spezifischen Gewerbeanlagen bieten kann. Ende der 1950er Jahre kam dann auch am anderen Ende des Jurabogens, im Kanton Waadt, die Forschung in Gang: Paul-Louis Pelet begann mit seinen Untersuchungen von Verhüttungsplätzen, die schliesslich 1973 in den ersten Band seines Werkes ‹Fer, Charbon, Acier dans le pays de Vaud› mündeten, einem Werk, das

12

Bruckner 1748–1763.

13

Eschenlohr 2001, 22–26.

14

Serneels 1992.

15

Fehlmann 1932.

16

Guyan 1946, 1957 und 1971.

15

3

Trimbach, Frohburg. Detail der so genannten ‹Eisenschmelze›, vermutlich Teil einer Schmiedeesse.


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nicht nur die archäologischen Resultate vorlegte, sondern einen breit gefächerten Strauss historischer Fragestellungen bearbeitete. Noch mehr als Guyan darf Pelet 17 als Begründer der modernen Eisenarchäologie gelten. Dass sich die Aktivitäten in der Schweiz nicht im luftleeren Raum abspielten, sondern in die internationalen Forschungen eingebunden waren, zeigt sich daran, dass 1970 das ‹Comité de la sidérurgie ancienne de l’Union internationale des sciences préhistoriques et protohistoriques› gegründet wurde, dessen erster Präsident Guyan war. Das zunehmende Interesse an der Materie lässt sich im Lauf der 1970er und 1980er Jahre kontinuierlich verfolgen: Die Gründung der ‹Schweizerischen Gesellschaft für Bergbauforschung› 1979, mit der ersten Präsidentin Elisabeth Schmid, und später der ‹Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Eisenarchäologie› manifestierten den Willen der Beteiligten, das Thema weiterzuverfolgen, die Spuren in der Landschaft aufzuspüren und jede nur erdenkliche Quelle für den Fortschritt der Erkenntnisse fruchtbar zu machen. Angeregt durch die Aussicht auf neue Entdeckungen in einem bis dahin in unserer Region wenig beackerten Thema, und ausgehend von Schlackenfunden des Gelterkinder Geologen Willy Mohler in den Depots der Kantonsarchäologie Basel land und des Laboratoriums für Ur- und Frühgeschichte der Universität Basel wurde Mitte der 1980er Jahre ein Prospektionsprojekt lanciert, das zum Ziel hatte, alle in unserem Kantonsgebiet greif baren Informationen zum Abbau und zur Ver18 hüttung von Eisenerz zu sammeln und zu werten. Die Jahre um 1990 schliesslich erwiesen sich als äusserst fruchtbar für Geschichte und Archäologie der Eisengewinnung. In Boécourt, Les Boulies (Kt. Jura) kamen zwei frühmittelalterliche Verhüttungsöfen zum Vorschein, die vorbildlich ausgegraben und ausgewertet wurden. Die Resultate waren bereits zwei Jahre später in einer 19 Publikation greif bar. Diese Grabung darf als Initialzündung eines grossen, mehrjährigen Forschungsprojektes von Ludwig Eschenlohr gelten, das eine ungeahnte 20 Fülle von neuen und überraschenden Ergebnissen zu Tage förderte. Ins Jahr 1989 fällt die Entdeckung einer Fundstelle im Röserntal bei Liestal (Kt. Basel-Landschaft), die in den folgenden zwei Jahren ausgegraben wurde. Wie die ersten Auswertungen ergaben, handelt es sich um eine grössere Siedlung aus dem 9. bis 12. Jahrhundert, in der sämtliche Schritte von der Verhüttung des Erzes bis zur Verarbeitung des gewonnenen Eisens zu Gebrauchsgegenständen nachgewiesen 21 werden konnten. Und schliesslich hatte der Schwung, der im Laufe der 1980er Jahre in der einschlägigen Forschung spürbar geworden war, den Altmeister der Eisenarchäologie, Paul-Louis Pelet, dazu veranlasst, sein Werk von 1973 zu überarbeiten und unter 22 leicht verändertem Titel 1993 nochmals vorzulegen. Im gleichen Jahr erschien zudem die Grundlagenarbeit von Vincent Serneels, der anhand ausgewählter Fundstellen die Schlacken aus den verschiedenen Arbeitsschritten von der Verhüttung bis zum Schmieden von Gegenständen archäometrisch untersucht hatte und zu Resul23 taten gelangt war, welche die Forschung einen grossen Schritt weiterbrachten.

17

Pelet 1973.

18

Die Arbeiten wurden durch Thomas Zimmermann durchgeführt. Seine ‹Bestandesaufnahme der vorgeschichtlichen und historischen Eisenverarbeitung im Kanton Baselland› vom 4. Januar 1987 liegt im Archiv der Archäologie Baselland.

19

Eschenlohr/Serneels 1991.

20

Eschenlohr 2001.

21

Die einschlägigen Vorberichte sind Serneels 1995 und Tauber 1998. Eine umfassende Publikation ist in Arbeit.

22

Pelet 1993.

23

Serneels 1993.


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Einleitung – Eisenproduktion im Baselbiet?

All diese neuen Entwicklungen machten Mut, auch im Kanton Baselland ein grösseres Prospektionsprojekt ins Leben zu rufen, das – ausgehend von den bereits vorhandenen Vorarbeiten – in einzelnen besonders vielversprechenden Regionen vertiefte Begehungen vorsah. Diese Aufgabe übernahm der Zivildienst leistende Architekt Ruedi Stauffer, dessen Arbeit in den folgenden Kapiteln berücksichtigt 24 ist.

1.3 Beraine, Flurnamen und ältere Literatur Im Gegensatz zum Fricktal, wo die Urkunden für das 13. Jahrhundert hinsichtlich der Erzgruben und damit auch der Verhüttung eine deutliche Sprache sprechen, bleiben sie im gleichen Zeitraum im Gebiet des Kantons Baselland stumm. Selbst im 14. Jahrhundert tauchen keine Hinweise auf Erzabbau und Verhüttung in den Schriftquellen auf. Erst nach 1400 lassen sich (oft indirekt) Zeugnisse finden, die allerdings neben der Verhüttung auch die Weiterverarbeitung des Eisens betreffen – was entlang der wichtigen Passstrasse zum Oberen Hauenstein nicht weiter verwundert. Einschlägige Gewerbe werden in den Berainen des 15. und 16. Jahrhunderts genannt. Dorothee Rippmann hat die entsprechenden Quellen für das Waldenburger25 26 tal gesichtet und ausgewertet. Im Berain von 1446 / 1447 wird für Langenbruck 27 ein Hensly Halbisen genannt, der Zins für eine Schmiede und den Erzberg schuldig ist. Dies darf als klarer Hinweis für den Abbau und die Verhüttung von Eisenerz im 15. Jahrhundert gelten – auch wenn gleichzeitig betont wird, das Gewerbe sei «abgangen». In Waldenburg werden eine Hammerschmiede und eine «Bleyge» genannt. Unter letzterem (auch als Bläje, Blau- oder Blasofen bezeichnet) ist ein Ofen zu verstehen, bei dem die Blasebälge mit Wasserkraft betrieben wurden. Meist wird angenommen, dass es sich um so genannte Stucköfen handelt, in denen Erz im direkten Verfahren reduziert wurde. Es ist aber einzuwenden, dass bisher in unserer Gegend ein klarer Beleg für diesen Ofentyp fehlt. Später besass Hans Schmid eine Bluwle be28 ziehungsweise Blowe und eine Schliffe, worunter wohl ein Pochwerk mit Pleuel und eine Schleifmühle zu verstehen sind. Auffallend ist, dass der Zins für letztere Betriebe deutlich tiefer war, wahrscheinlich weil es sich nur um Zuliefer- beziehungsweise Nachbearbeitungsbetriebe und nicht um die Primärproduktion des begehrten Rohstoffs Eisen handelte. 24

Die Dokumentation ist unter dem Stichwort ‹Prospektion Eisenarchäologie› im Archiv der Archäologie Baselland abgelegt. Leider konnte das Projekt nach 1995 nicht weitergeführt werden, so dass lediglich die Gemeinden Langenbruck und Röschenz ausführlich beschrieben und die restlichen Arbeiten summarisch zusammengefasst sind.

25

Für das Folgende vgl. Rippmann 1991, 43–46.

26

StABL Ber. 515 und Ber. 515a.

27

Der Name Halbisen dürfte auf ein Gewerbe zurückgehen, das eisernes ‹Halbzeug› produziert, also Erz verhüttet und in eine Barrenform gebracht hat. Rippmann 1990, 66 f. hat gezeigt, dass im 15. Jahrhundert gerade in Metall verarbeitenden Handwerken die Namen oft noch direkt auf den ausgeübten Beruf schliessen lassen. Zwingend ist dies allerdings nicht, wie dies an Heinrich Halbisen gezeigt werden kann, der zwischen 1415 und 1420 die Halbisen-Handelsgesellschaft gegründet hat. Ob «unser» Hensly mit dieser in den 1450er Jahren wieder aufgelösten Gesellschaft etwas zu tun hatte, ist nicht zu eruieren. Die Halbisen-Gesellschaft handelte mit Gewürzen (vor allem Safran), Lebensmiteln, Textilien und Tieren, aber auch mit Metallen.

28

Ein Pleuel, der die rotierende Bewegung des Wasserrades durch eine Nockenwelle in die Auf-/ Abbewegung von Stampfwerken umsetzt, kann auch für andere Zwecke – etwa zum Walken von Stoffen – verwendet werden. Da in den genannten Betrieben aber Hinweise auf Metallbearbeitung vorhanden sind, können wir diesen Zusammenhang auch für den Pleuel annehmen.

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Die Kombination von Mühle, Säge, Schleifmühle und Pleuelwerk ist auch für Oberdorf und Niederdorf bezeugt. In Niederdorf ist die Anlage im Besitz der Familie Thoman (Heine und Franz). Franz ist im Besitz der Mühle, Heine der Bluwle. Da Heine andernorts die Berufsbezeichnung Schmied trägt, ist die Bluwle im Zusammenhang mit der Eisenverarbeitung zu sehen. In den von Rippmann untersuchten Berainen gibt es auch Personen- und Flurnamen, die mit Eisenverhüttung im Zusammenhang stehen könnten: Neben dem bereits genannten Hensly Halbisen sind die ‹Ysenmann› (drei Personen) zu nennen; 29 der Flurname ‹Furhalden› lässt auf eine intensive Nutzung von Feuer schliessen. Bei den bis in jüngere Zeit bekannten Flurnamen kommen einige vor, die mit der Gewinnung und Verarbeitung von Eisenerz sowie der Rodung des Waldes und der Herstellung von Holzkohle zu tun haben oder haben könnten. Zusammengetragen sind sie im ‹Namenbuch der Gemeinden des Kantons Basel-Landschaft›, das in einzelnen Gemeindeheften zwischen 2003 und 2007 herausgegeben worden ist, sowie neuerdings im 7-bändigen ‹Baselbieter Namenbuch›. Diese Publikationen sind teilweise unbefriedigend, weil sie das jeweilige historische Umfeld nicht berück30 sichtigen. Dennoch bietet das zuletzt erschienene Werk zahlreiche für uns interessante Anhaltspunkte: In Oberdorf nennt es neben der ‹Cholgass›, die wie viele andere Zusammensetzungen mit ‹Chol-› auf eine zeitlich nicht näher bestimmbare Köhlerei hinweist, die ‹Heidengruben›, die als alte Bohnerzgruben gelten – was wiederum im Namenbuch nicht erwähnt wird. In Waldenburg schliesslich ist der an der Grenze zu Langenbruck in der Talniederung belegte Name ‹Hämmeren› aufgeführt, der wohl 31 auf ein hydraulisches Hammerwerk hinweist. Am Ergiebigsten und auch am Konkretesten sind die Hinweise in Langenbruck. Zunächst ist der Erzenberg zu nennen, der ja auch schon in den Berainen des 15. Jahrhunderts eine Rolle spielt. Die ‹Erzenberglöcher› bezeichnen Spuren des Tagebaus in Gestalt von Pingen, die an der Flanke des Erzenberges heute noch zu sehen sind. Die Flurnamen ‹Chölertäli›, ‹Cholgruebe› und ‹Cholplatz› bezeichnen Standorte ehemaliger Köhlereien, die aber zeitlich nicht näher bestimmbar sind, wurde doch nachweislich bis ins 19. Jahrhundert in der Gegend intensiv Holzkohle 32 produziert. Auf Rodungen, die mit Sicherheit schon im 12. Jahrhundert begonnen 33 haben, verweisen im übrigen Namen wie ‹Rüti› oder ‹Rütenen›, aber auch ‹Hau34 berg›.

29

Anders das Flurnamenheft der Gemeinde Niederdorf (Namenbuch 2003), das den Namen als ‹Halde mit Furchen› deuten möchte. Das Namenbuch 2017 erwähnt die Niederdörfer Furhalde nicht, hingegen jene in Hölstein und Titterten, und deutet sie als ‹vorgelagerten Hang›, was von der jeweiligen Topographie her nicht wirklich einleuchtet. Die Option ‹Feuer› wird nicht einmal in Erwägung gezogen.

30

Der Verzicht auf eine historisch-kritische Herangehensweise zugunsten einer rein sprachlichlinguistischen Ableitung führt etwa bei Waldenburg zu mehr Verwirrung als Klarheit: Walenburg = ‹Burg der Welschen› im Namenheft der Gemeinde (2003); ‹einsame Burg im Wald› im Namenbuch 2017, 2; ‹Burg im Besitz eines Waldo› im Namenbuch 2017, 7.

31

Im Namenbuch 2017, 7 lediglich ‹Ort, wo gehämmert wird›.

32

Salathé 2000, 116: Das ‹Grosse Schönthal› wurde 1836 zwecks Holzkohlegewinnung an die von Roll’schen Eisenwerke verkauft. 1841 wurde es vom Basler Bankier Johann Jakob MerianBurckhardt erworben. Die von Roll’schen Eisenwerke behalten sich im Vertrag aber vor, unter Schonung von Samenbäumen bis 1853 weiter Holz zu schlagen.

33

Das Kloster Schöntal tritt mit einem handfesten Streit in das Licht der Geschichte (SUB I, Nr. 79 und 80): Der Priester von Onoldswil verlangt von den Mönchen den Zehnten vom neu gerodeten Land. Zu diesem Streit vgl. Tauber 2006, 64–67.

34

Dieser Begriff ist hier gleichbedeutend mit Rodung und hat nichts zu tun mit der speziellen Niederwaldbewirtschaftung im Siegerland.


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Einleitung – Eisenproduktion im Baselbiet?

Bemerkenswert ist der Flurname ‹Aerzloch› westlich des Hofes Bachtelen, wo ebenfalls noch Spuren eines Abbaus vorhanden sind. Dieser Ort ist insofern interessant, als es sich dort um die Gewinnung von Bohnerz aus dem Eozän handeln dürfte und nicht um den Eisenoolith aus dem Oberen Dogger wie am Erzenberg. Um die frühere Bergbautätigkeit wussten auch die Gelehrten, die sich schon vor längerer Zeit mit den Besonderheiten der Landschaft beschäftigten. Daniel Bruckner erwähnt die Vorkommen von Erz im Raum Waldenburg / Langenbruck mehr35 fach. Konkretere Angaben liefert er für Waldenburg, «... da man um 1660 alhier 36 Erzt gegraben. ...» sowie für den Dürstel bei Langenbruck: «Bey diesem Gut ligt 37 der sogenannte Erzberg, worinnen vor Zeiten Eisenerzt gegraben worden.» Eher kurios und rätselhaft ist hingegen seine Beobachtung, dass auf der Route von Waldenburg nach Langenbruck die Nadel seines Kompasses grosse Abweichungen zeige: «Hieraus lässt sich richtig schliessen, dass das ganze Erdreich mit Eisen 38 oder vielleicht auch mit Magnetminen angefüllt ist.» Theophil Burckhardt-Biedermann äussert sich in seiner ‹Statistik keltischer, römischer, frühgermanischer Altertümer im Kanton Basel› von 1910 im Abschnitt Langenbruck über das Dürsteltal: «Oberhalb des Hofes Dürstel am ‹Erzenberg› wurde ehemals Eisen gewonnen und geschmolzen; eine Reihe von Vertiefungen, deutlich Erzgruben; das Wasser führt Bohnerz mit sich; unter dem Rasen massenhaft Eisenschlacken, bis hinauf zum Waldrand. Wie alt sind diese Eisenschmelzen? Die Schlacken sind grob, schwarz, ohne Zeichen von Flussspat, also – nach Quiquerez – ältere Fabrikation! Unterhalb des Dürstels, am Abhang gegen den Bach, fand man ‹vor einigen Jahren›, als man einen Weiher graben wollte, etwa 1 Meter unter dem Boden eine zirka 2 ½ Fuss breite Mauer aus ordentlichen ‹Plattensteinen› geschichtet, noch mit Verputz bekleidet (schwerlich römisch!). Mündl. 1889, Aussage des alten 39 Dettwyler auf Dürstel.»

35

Bruckner 1748–1763.

36

Bruckner 1748–1763, Band 13 (1755), 1465.

37

Bruckner 1748–1763, Band 13 (1755), 1517.

38

Bruckner 1748–1763, Band 13 (1755), 1358.

39

Burckhardt-Biedermann 1910, 359.

19

4 Lage der archäologischen Untersuchungen im Dürsteltal zwischen Langenbruck und dem Kloster Schöntal. Am linken Bildrand der Siegfriedkarte von 1883 ist die Passroute über den Oberen Hauenstein zu erkennen.


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Eisenverhüttung im Dürsteltal by Schwabe Verlag - Issuu