Das bessere Bild Christi
Das Neue Testament in der Ausgabe des Erasmus von Rotterdam Herausgegeben von Ueli Dill und Petra Schierl
P U B L I K AT I O N E N D E R U N I V E R S I TÄT S B I B L I O T H E K B A S E L
44
Publikationen der Universitätsbibliothek Basel Band 44
Schwabe Verlag Basel
Das bessere Bild Christi Das Neue Testament in der Ausgabe des Erasmus von Rotterdam
Begleitpublikation zur Ausstellung «Das bessere Bild Christi. Die Ausgabe des Neuen Testaments von 1516» 24. Juni bis 12. November 2016 im Basler Münster Mit Beiträgen von Patrick Andrist, Christine Christ-von Wedel, Ueli Dill, Rudolf Gamper, Barbara Gygli Dill, Jan Krans, Petra Schierl, Valentina Sebastiani, Peter Stotz, Miekske van Poll-van de Lisdonk und Martin Wallraff Herausgegeben von Ueli Dill und Petra Schierl
Schwabe Verlag Basel
Ausstellung und Publikation wurden unterstützt von: Freiwillige Akademische Gesellschaft, Basel L. & Th. La Roche Stiftung, Basel Nautilus-Stiftung, Bern Schweizerische Reformationsstiftung, Basel
2. Auflage 2017 Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich s einer Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Titelbild: Gestaltet von Stauffenegger + Stutz, Basel, unter Verwendung von Matthäus 5,3 ff. im Novum Instrumentum, Basel 1516, und Hans Holbein d. J., Bildnis des schreibenden Erasmus von Rotterdam, 1523, Kunstmuseum Basel, Inv. 319. Bildredaktion: Christoph Schneider Lektorat: Elisabeth Balscheit-Osmer, Hans Peter Frey und Barbara Gygli Dill Layout und Satz: post scriptum, www.post-scriptum.biz Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3685-4 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhaltsverzeichnis
7 Autorenverzeichnis
9 Vorwort
11 Einleitung ueli dill
23
1. Die Geschichte der lateinischen Übersetzung des Neuen Testaments peter Stotz
Kat. 1.1 Ein Faksimile der ältesten vollständigen Abschrift der Petrusbriefe (P. A.) – Kat. 1.2 Ein Vetus Latina-Fragment aus dem Kloster St. Gallen (R. G.) – Kat. 1.3 Ein Evangeliar aus Tours (9. Jahrhundert) (U. D.) – Kat. 1.4 Eine Prachtbibel im Taschenformat (P. St.) – Kat. 1.5 Die erste gedruckte Taschenbibel: Johannes Froben, Basel 1491 und 1495 (U. D.)
35
2. Die Humanisten und die Bibel Petra Schierl
Kat. 2.1 Wider die Sprachbarbarei: Vallas Elegantiae linguae Latinae (P. Sch.) – Kat. 2.2 Erasmus als Vermittler Vallas: Die Epitome zu den Elegantiae (P. Sch.) – Kat. 2.3 Kritik an der Vulgata: Vallas Anmerkungen zum Neuen Testament (P. Sch.) – Kat. 2.4 Jacques Lefèvre d’Etaples: Eine neue Übersetzung der Paulusbriefe (P. Sch.)
45
3. Johannes Frobens Entwicklung zum humanistischen Drucker Ueli Dill
Kat. 3.1 Die Erstausgabe von Erasmus’ Adagia (U. D.) – Kat. 3.2 Frobens seitengetreue Kopie der Adagia-Erstausgabe (U. D.) – Kat. 3.3 Johannes Reuchlin hilft Johannes Amerbach (U. D.) – Kat. 3.4 Die Basler Gesamtausgabe des Hieronymus (U. D.)
67
4. Das Novum Instrumentum von 1516 Ueli Dill
99
5. Der griechische Text: «Basler» Handschriften als Vorlagen Patrick Andrist
Kat. 5.1 Ein Tetraevangeliar (Cod. AN IV 1) (P. A.) – Kat. 5.2 Eine De-luxe-Ausgabe des gesamten Neuen Testaments (Cod. AN IV 2) (P. A.) – Kat. 5.3 Die Paulusbriefe mit einem Katenenkommentar (Cod. AN III 11) (P. A.)
111
6. Die lateinische Übersetzung: Erasmus’ Revision der Vulgata Petra Schierl
Kat. 6.1 Der Beginn des Johannesevangeliums in der Froben-Bibel von 1514 (P. Sch.) – Kat. 6.2 Der Beginn des Johannesevangeliums im Novum Instrumentum von 1516 (P. Sch.) – Kat. 6.3 Der Beginn des Johannesevangeliums im Novum Testamentum von 1519 (P. Sch.)
121
7. Die Annotationes: Das Neue Testament als «work in progress» Miekske van Poll-van de Lisdonk
Kat. 7.1 Erasmus an der Arbeit: Die annotatio zu 1 Kor 7,39 (U. D.) – Kat. 7.2 Die annotatio zu 1 Kor 7,39 in der zweiten Ausgabe von 1519 (M. W.)
129
8. Die Ausgaben von 1519 bis 1535: Vom Novum Instrumentum zum Novum Testamentum Valentina Sebastiani
Kat. 8.1 Die zweite Ausgabe (1519) (V. S.) – Kat. 8.2 Die dritte Ausgabe (1522) (V. S.) – Kat. 8.3 Eine kleinformatige Ausgabe des lateinischen Texts (1522) (V. S.) – Kat. 8.4 Eine kleinformatige Ausgabe des griechischen Texts (1524) (V. S.) – Kat. 8.5 Die vierte Ausgabe (1527) (V. S.) – Kat. 8.6 Die fünfte und letzte Ausgabe (1535) (V. S. / U. D.)
143 9. Paraclesis, Methodus und Apologia: Was wollte Erasmus bewirken? Christine Christ-von Wedel
Kat. 9.1 Die Einleitungsschriften im Novum Instrumentum 1516 (Chr. Chr.-v. W.) – Kat. 9.2 Separatdrucke der Einleitungsschriften aus dem Besitz der Amerbach (Chr. Chr.-v. W.) – Kat. 9.3 Die Paraclesis in deutscher Sprache (Chr. Chr.-v. W.) – Kat. 9.4 Beatus Rhenanus als Herausgeber der Ratio seu methodus (Chr. Chr.-v. W.)
153
10. Erasmus’ Ausgabe des Neuen Testaments und die reformatorische ewegung B Christine Christ-von Wedel
Kat. 10.1 Zwinglis Abschrift der Paulusbriefe (Chr. Chr.-v. W.) – Kat. 10.2 Vadians Exemplar der Annotationes zum Novum Testamentum von 1519 (R. G.) – Kat. 10.3 Oekolampads Vorwort zu Bebels Nachdruck des griechischen Texts (Chr. Chr.-v. W.) – Kat. 10.4 Erasmus’ Anmerkung zu Mt 11,29 in deutscher Übersetzung (Chr. Chr.-v. W.) – Kat. 10.5 Aufruf zum Umsturz: Erasmus im VIII. Bundesgenossen (Chr. Chr.-v. W.) – Kat. 10.6 Erasmus und Luther – Seite an Seite als Arbeiter in der «Göttlichen Mühle» (Chr. Chr.-v. W.) – Kat. 10.7 Luthers Septembertestament: Das Neue Testament in deutscher Sprache (Chr. Chr.-v. W.)
167
11. Kontroversen: Erasmus verteidigt seine Ausgabe Ueli Dill
Kat. 11.1 Die Kontroverse mit Edward Lee: Erasmus orchestriert einen ‹Shitstorm› (U. D.) – Kat. 11.2 Zwischen Stuhl und Bank: Die Kontroverse mit Stunica (U. D.) – Kat. 11.3 Im Visier der Inquisition: Die Konferenz von Valladolid (U. D.)
181
12. Erasmus’ Neues Testament und die Römische Kirche Valentina Sebastiani
Kat. 12.1 Erasmus’ Widmungsepistel an Leo X. und die Antwort des Papstes (V. S.) – Kat. 12.2 Erasmus auf dem Index der verbotenen Autoren und Bücher von 1559 (V. S.) – Kat. 12.3 Ein protestantischer Nachdruck des Index von 1560 (V. S.) – Kat. 12.4 Eine Wegleitung zur «Reinigung» von verbotenen Ausgaben: Der Index expurgatorius (V. S.)
191
13. Der griechische Text des Neuen Testaments von Erasmus bis heute Jan Krans
Kat. 13.1 Die Biblia polyglotta Complutensis (1514–1517) (U. D.) – Kat. 13.2 Die erste Bibel mit der heutigen Verseinteilung (Stephanus, 1551) (U. D.) – Kat. 13.3 Die zweite Elzevier-Ausgabe (1633) (U. D.) – Kat. 13.4 Johann Jakob Wettsteins Ausgabe (1751/52) (B. G. D./U. D.) – Kat. 13.5 Konstantin von Tischendorfs Ausgabe (1869–1872) (U. D.) – Kat. 13.6 Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece, 28. Auflage (2012) (U. D.)
201
209 Literaturverzeichnis
217 Personenregister
205
Zeittafel: Erasmus von Rotterdam und das Neue Testament
Inhalt der fünf autorisierten Folio-Ausgaben von Erasmus’ Neuem Testament
215 Abbildungsnachweis
Autorenverzeichnis
PD Dr. Patrick Andrist ist Privatdozent für Kodikologie und Geschichte der antiken christlichen Literatur an der Universität Freiburg (i. Ü.) und Projektleiter im ERC-Projekt Paratexts of the Bible (ParaTexBib). Seine Beiträge wurden von Gabriel Dill, MSc, ins Deutsche übertragen.
P. A.
Dr. Christine Christ - von Wedel ist assoziierte Forscherin am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Universität Zürich und an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.
Chr. Chr.-v. W.
Dr. Ueli Dill ist Leiter der Abteilung Handschriften und Alte Drucke der Universitätsbibliothek Basel.
U. D.
Dr. Rudolf Gamper war bis zu seiner Pensionierung als Bibliothekar der Vadianischen Sammlung in St. Gallen tätig.
R. G.
Barbara Gygli Dill, MA , ist Gymnasiallehrerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Band der Amsterdamer Erasmus-Ausgabe ASD.
B. G. D.
Dr. Jan Krans ist Dozent für Neues Testament an der Vrije Universiteit Amsterdam und der Protestantse Theologische Universiteit (Amsterdam).
J. K.
PD Dr. Petra Schierl lehrt als Privatdozentin für Klassische Philologie in der Latinistik an der Universität Basel.
P. Sch.
Dr. Valentina Sebastiani ist Historikerin und forscht im Rahmen des Projekts A Workshop for Humanists an der Universität Basel zum frühneuzeitlichen Buchdruck. Ihre Beiträge wurden von Dr. Christian Guerra ins Deutsche übertragen.
V. S.
Prof. Dr. Peter Stotz ist emeritierter Professor für Mittellateinische Philologie an der Universität Zürich.
P. St.
Dr. Miekske van Poll - van de Lisdonk ist Editorin im Projekt der Gesamtausgabe der Erasmuswerke (ASD) am Huygens ING, Forschungsinstitut der Königlichen Niederländischen Akademie der Wissenschaften in Den Haag.
M. v. P.-v. d. L.
Prof. Dr. Martin Wallraff, langjähriger Ordinarius an der Universität Basel, lehrt Kirchengeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
M. W.
«Alles soll mit gelehrtem Urteil gelesen werden; dann schadet die Lektüre nicht.»
Georg Carpentarius
Vorwort
Im März 1516 hat Erasmus im Alter von rund 50 Jahren (das Geburtsjahr lässt sich nicht eindeutig bestimmen) mit seiner Ausgabe des Neuen Testaments, dem Novum Instrumentum, in Basel sein wahrscheinlich bedeutendstes Werk veröffentlicht. Grund genug also, sich 2016 mit Erasmus zu beschäftigen. Nimmt man dazu, dass das Erscheinen des Novum Instrumentum ein zentrales Ereignis in der Erfolgsgeschichte des Basler Buchdrucks im 16. Jahrhundert darstellt und dass 2017 das Jubiläum der Reformation gefeiert wird, für welche Erasmus mit dem Novum Instrumentum und anderen Schriften wichtige Anregungen gegeben hat, dann scheint es geradezu unmöglich, diese Ereignisse in Basel nicht zu würdigen. Dies wurde vor mehreren Jahren von verschiedenen Seiten in der Stadt erkannt. 2011 schlossen sich die interessierten Kreise zu einer später als Spurgruppe bezeichneten Gesprächsrunde zusammen, die Martin Wallraff, damals Ordinarius für Kirchen- und Theologiegeschichte an der Universität Basel und Lektor des Frey-Grynäischen Instituts, koordinierte. Für die Übernahme dieser nicht immer einfachen Aufgabe, die er mit diplomatischem Geschick meisterte, sei ihm an dieser Stelle herzlich gedankt. In der Spurgruppe waren neben engagierten Sachverständigen die Institutionen vertreten, die sich vorstellen konnten, zum 500-Jahr-Jubiläum von Erasmus’ Ausgabe des Neuen Testaments beizutragen: die Evangelisch-reformierte Kirche, die Universität und die Universitäts bibliothek, das Kunstmuseum, das Historische Museum, das Pharmazie-Historische Museum, wo einst Frobens Druckerei untergebracht war, sowie die Papiermühle. Ziel war es, einen möglichst bunten Reigen von Ausstellungen und Veranstaltungen zum Thema zu organisieren. Anfänglich suchte man nach einem gemeinsamen Dach und wollte möglichst homogen auftreten. Als Obertitel für das Gesamtprojekt wählte man «Erasmus 2016» oder, wie es im gemeinsamen Logo ausgedrückt ist, ERASMVS MMXVI . Im Laufe zahlreicher Sitzungen wurde klar, dass es schwierig und teilweise unmöglich war, die unterschiedlichen Interessen und Möglichkeiten aller Partner unter einen Hut zu bringen, oder – positiv gesehen –, welch vielfältiges Potential in Erasmus und seinem epoche machenden Buch, aber auch in den beteiligten Institutionen steckte. Herausgekommen ist tatsächlich der ursprünglich anvisierte bunte Reigen von Veranstaltungen. 2014 fand als Vorbereitung eine von der Universität orga-
nisierte Tagung zum Novum Instrumentum statt, zu der pünktlich zum Jubiläum im März 2016 ein gehaltvoller Tagungsband erschienen ist. Fast gleichzeitig publizierte Christine Christ-von Wedel Erasmus von Rotterdam: Ein Porträt, eine knappe und pointierte Einführung zu Erasmus und seinem Lebenswerk. Diesem publizistischen Auftakt folgen nun, zeitlich gestaffelt, vier Ausstellungen. Das Historische Museum eröffnete im Mai die Ausstellung Schrift als Sprengstoff, die Erasmus als Person und seinem Werk gewidmet ist. Einen Monat später beginnt im Hochchor des Münsters unsere, also die von der Universitätsbibliothek ausgerichtete Ausstellung Das bessere Bild Christi: Die Ausgabe des Neuen Testaments von 1516. Im Juli wird unter dem Titel Setting Erasmus: Zu Besuch in der Druckerwerkstätte Johannes Frobens im Pharmazie-Historischen Museum die am alten Ort wieder eingerichtete Offizin ihre Tore öffnen. Und ab September schliesslich zeigt das Kunstmuseum unter dem Titel Archäologie des Heils: Das Christusbild im 15. und 16. Jahrhundert die facettenreiche Bildtradition der Christusfrömmigkeit in dieser Zeit. Die Ausstellungen werden von zahlreichen Veranstaltungen, u. a. auch in der Papiermühle, begleitet. Die Universitätsbibliothek Basel hütet in ihren Magazinen einige wichtige Zeugnisse zum Novum Instru mentum und seiner Geschichte. Zum einen kamen mit dem 1661 angekauften Amerbach-Kabinett wichtige Objekte und Dokumente aus dem Nachlass des Erasmus in die Bibliothek, war Bonifacius Amerbach doch Erasmus’ Haupterbe. In der Korrespondenz der Familie Amerbach haben sich auch Briefe erhalten, welche die Entstehungsgeschichte des Novum Instrumentum erhellen. Zum Zweiten übernahm die Bibliothek in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Bibliotheksbestände der aufgelösten Klöster. Darunter war auch die berühmte Sammlung griechischer Handschriften des Kardinals Ragusa aus dem Predigerkloster, die 1516 eine wichtige Grundlage für Erasmus’ Ausgabe des Neuen Testaments gebildet hatte. Schliesslich verfügt die Universitätsbibliothek Basel über einen reichen Bestand von Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts und erlaubt als ein Sammelbecken der schrift lichen Basler Überlieferung immer wieder überraschende Funde. Es lag deshalb nahe, sich an den Jubiläumsfeierlichkeiten mit einer Ausstellung zu beteiligen. Die ersten Ideen entstanden noch zur Zeit von Direktor Hannes Hug, konkret wurden die Ausstellungsvorbereitungen vorwort | 9
unter dem Direktor ad interim Felix Winter und abgeschlossen unter der Direktorin Elisabeth Frasnelli. Für ihr verständnisvolles Interesse und die immerwährende Unterstützung sei ihnen herzlich gedankt. Die Ausstellung der Universitätsbibliothek trägt den etwas rätselhaften Titel Das bessere Bild Christi. So wie Erasmus seine eigenen Porträts mit den Worten kommen tierte: «Das bessere Bild zeigen die Schriften», so war er auch der Überzeugung, das beste Bild Christi finde man nicht in der bildenden Kunst, sondern in ‹seinen› Schriften, eben im Neuen Testament. Dieser Grundgedanke verbindet unsere Ausstellung auf vielfältige Weise mit den drei anderen Ausstellungen. Die Ausstellung und der hier vorgelegte Begleitband in Katalogform hätten nie realisiert werden können ohne die Hilfe und Unterstützung zahlreicher Personen und Institutionen. Die Evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt und die Münstergemeinde haben den Raum zur Verfügung gestellt, einen Raum, dessen Wahl aus zwei Gründen nahelag. Welches wäre ein besserer Ort für eine Ausstellung über das Neue Testament des Erasmus als die Kirche, in der er bestattet ist? Erasmus hätte sich si cher auch darüber gefreut, dass die Ausstellung nicht in einem Museum stattfindet, sondern an einem Ort, wo das Wort Gottes noch heute immer wieder neu verkündet wird. Um an diesem privilegierten Ort, der eben kein Museum ist, eine Ausstellung einzurichten, waren Mittel nötig, die das normale Ausstellungsbudget der Universitätsbibliothek bei weitem überschreiten. Dankenswerter weise erhielten wir grosszügige finanzielle Unterstützung von der L. & Th. La Roche Stiftung (Basel), der NautilusStiftung (Bern), der Schweizerischen Reformationsstiftung (Basel) sowie der Freiwilligen Akademischen Gesell schaft (Basel). Dreh- und Angelpunkt einer Ausstellung sind die Ex ponate; abgesehen von der als Kontrapunkt aufgestell ten Christusskulptur sind dies alles Handschriften und Drucke. Der grösste Teil der Exponate stammt aus den reichen Beständen der Universitätsbibliothek Basel. Aber auch sie besitzt nicht alles, weshalb wir dem Historischen Museum Basel, der Kantonsbibliothek und Orts bürgergemeinde St. Gallen sowie der Zentralbibliothek Zürich zu grossem Dank für wertvolle Leihgaben verpflichtet sind.
Die ästhetisch äusserst ansprechende Gestaltung der Ausstellung verdanken wir dem Gestaltungsbüro Stauffen egger + Stutz, namentlich Christian Stauffenegger, Christoph Stadelmann und Sibylle Frutiger. Für die ebenso sichere wie schöne Präsentation der Ausstellungsobjekte sorgte die Gruppe Bestandserhaltung der Universitäts bibliothek, namentlich Francesco Carmenati und Laura Carloni, sowie Denys Kientz vom Hausdienst. Bücher allein, auch oder gerade in so grosser Zahl, wie sie im Hochchor versammelt sind, sind ‹toter Buchstabe›; es braucht den Geist, der sie zum Leben erweckt. Diesen Geist haben die Beiträgerinnen und Beiträger dieser Publikation beigesteuert, die unermüdlich und mit grosser Kompetenz die Wünsche und Vorgaben der Herausgeber umgesetzt haben. Wir danken namentlich Patrick Andrist, Rudolf Gamper, Barbara Gygli Dill, Jan Krans, Peter Stotz, Miekske van Poll-van de Lisdonk und Martin Wallraff. Unser besonderer Dank gilt Christine Christ-von Wedel und Valentina Sebastiani, die jeweils zwei Kapitel verfasst haben und in der Planungsphase und d arüber hinaus stets zum fachlichen Austausch bereit waren. Dass dieser Begleitband in der vorliegenden Form erscheinen konnte, ist auch das Verdienst einer Reihe von weiteren Personen. Elisabeth Balscheit-Osmer, Hans Peter Frey und Barbara Gygli Dill haben die Texte sorgfältig lektoriert, Christoph Schneider hat sich um die Abbildungen gekümmert und die Vorbereitung der Publikation durch Arbeiten im Hintergrund unterstützt, die Digitalisierungsabteilung der Universitätsbibliothek unter der Leitung von Anne Dietsche hat unzählige Bilder angefertigt, Christian Guerra übernahm die Übersetzung von Kapitel 8 und 12 aus dem Italienischen, Gabriel Dill diejenige von Kapitel 5 aus dem Französischen sowie die Vorbereitung des Registers, das Monika Studer, Benedikt Vögeli und Renate Würsch fertiggestellt haben. Stefan Krauss vom Satzbüro post scriptum hat das Buch mit grosser Geduld und Erfahrung gelayoutet, und Iris B echer hat es im Schwabe Verlag vorbildlich betreut. Allen Genannten sei hier von Herzen für die gute Zusammenarbeit gedankt und besonders dafür, dass wir in der hektischen Abschlussphase, als es auch bei uns zuweilen etwas tumultuarie zuging, auf sie zählen durften. Mehr als einmal kam uns Erasmus’ Beschreibung von Frobens Offizin in den Sinn: Fervet ingens officina. («Die gewaltige Werkstatt läuft auf Hochtouren.») Basel, im Juni 2016 Ueli Dill und Petra Schierl
10 | vorwort
Einleitung ueli dill
Die Anfang März 1516 bei Johannes Froben in Basel fertiggestellte Ausgabe des Neuen Testaments ist ein Hohelied auf das Wort und die Liebe zum Wort, die Philologie. Der Sprache widmete Erasmus sein Leben: den Texten, die er selber schrieb, und den Texten anderer, die er als Herausgeber und Kommentator pflegte und verbreitete. Wohl keinem anderen Werk hat er so viel Zeit und Kraft geopfert wie dem Neuen Testament. Die 1516 erschienene erste Ausgabe, das Novum Instrumentum, tausend Folioseiten, in der wahnwitzigen Zeit von knapp sechs Monaten nicht nur gesetzt und gedruckt, sondern eigentlich auch erst geschrieben, war die Realisierung eines langgehegten Plans, und doch auch ein Anfangspunkt. Es folgten ihr bis zu Erasmus’ Tod 1536 vier weitere, immer wieder ergänzte und korrigierte Ausgaben, kommentierte Nacherzählungen der einzelnen Bücher des Neuen Testaments, die sogenannten Paraphrasen, sowie zahlreiche Rechtfertigungsschriften. Aber, wie der Drucker Johann Bergmann von Olpe auf seiner Druckermarke sagt: Nihil sine causa, bzw. «Nüt on ursach». Erasmus selber stand nicht am Anfang, sondern ist einer von vielen Bearbeitern in der unterdessen bald 2 000-jährigen Textgeschichte des Neuen Testaments. Seinen Ort in dieser Geschichte, was er beabsichtigte, was er gemacht und was er bewirkt hat, davon will die Ausstellung «Das bessere Bild Christi» einen Eindruck vermitteln.
Aufbau der Ausstellung und des Begleitbands Um die zentrale Stellung des Novum Instrumentum zu verdeutlichen und mit Bezug auf den Titel der Ausstellung wurden die Vitrinen in der Gestalt des Chi-Rho- Monogramms angeordnet, des aus den Anfangsbuchsta ben des Namens ΧΡΙΣΤΟΣ (Christos) gebildeten Symbols für Jesus Christus. Im Zentrum der Ausstellung befinden sich zwei Bilder von Christus: eine Holzskulptur aus der Zeit der Publikation und, als das bessere Bild, ein Faksimile des Novum Instrumentum (Vitrine 4). Die Achsen versinnbildlichen die auf das Novum Instrumentum zu und von ihm aus weiter führenden Entwicklungen. Achse I gilt der Vorgeschichte: In der Vitrine 1 (Die Geschichte der lateinischen Übersetzung des Neuen Testaments) werden neben einem Beispiel für den griechischen Originaltext die antiken lateinischen Übersetzungen, die Vetus Latina und Hieronymus’ Vulgata, behandelt, und anhand von Alkuins Arbeit und den Pariser Bibeln des 13. Jahrhunderts wird gezeigt, dass die Vulgata auch schon vor Erasmus immer wieder editorischen Eingriffen unterzogen wurde. In Vitrine 2 (Die Humanisten und die Bibel) werden Erasmus’ direkte Vorgänger als Bibelphilologen, Lorenzo Valla, Giannozzo Manetti und Jacques Lefèvre d’Etaples, behandelt. Vitrine 3 ( Johannes Frobens Entwicklung zum humanistischen Drucker) gilt der Neuausrichtung
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Abb. a | Chi-RhoMonogramm und Ausstellungs grundriss.
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von Johannes Frobens Verlagsprogramm, die, 1513 erstmals sichtbar, in den Jahren 1514 bis 1516 durch die Publikation von Erasmus’ Hauptwerken ihren ersten Höhepunkt erlebte. Auf Achse II wird das Novum Instrumentum mit seinen Bestandteilen vorgestellt: der griechische Originaltext in Vitrine 5 (Der griechische Text: «Basler» Handschriften als Vorlagen), Erasmus’ neue Übersetzung in Vitrine 6 (Die lateinische Übersetzung: Erasmus’ Revision der Vulgata) und seine kritischen Anmerkungen in Vitrine 7 (Die Annotationes: Das Neue Testament als «work in progress»). In Vitrine 9 (Paraclesis, Methodus und Apologia: Was wollte Erasmus bewirken?) wird der vierte Bestandteil behandelt, die Einleitungsschriften. Da Erasmus vor allem hier formuliert, was er mit seiner Ausgabe zu erreichen hofft, steht dieser Teil in der Achse III, die zusammen mit Achse IV die Wirkung und Rezeption der Ausgabe thematisiert. Die in Vitrine 8 (Die Ausgaben von 1519 bis 1535: Vom Novum Instrumentum zum Novum Testamentum) zusammengestellten späteren Ausgaben des Werks spiegeln einerseits seinen buchhändlerischen Erfolg wider, anderseits aber auch die Kritik, die es auslöste. Dass Erasmus mit dem Novum Instrumentum einen wichtigen Beitrag zu den intellektuellen Grundlagen der Reformation lieferte, verdeutlichen die beiden Vitrinen 10a und 10b (Erasmus’ Neues Testament und die reformatorische Bewegung). Soweit Kritik publiziert wurde, hat Erasmus versucht, sie durch Gegenschriften zu widerlegen. Diese sogenannten Kontroversen sind Thema von Vitrine 11 (Kontroversen: Erasmus verteidigt seine Ausgabe). Die katholische Kirche, der Erasmus zeitlebens treu blieb, tat sich schwer mit ihm und verurteilte sein Werk postum, wie Vitrine 12 zeigt (Erasmus’ Neues Testament und die Römische Kirche). In Vitrine 13 schliesslich (Der griechische Text des Neuen Testaments von Erasmus bis heute) wird die spanische Konkurrenzausgabe
vorgestellt, die Biblia polyglotta Complutensis, die mit dem Novum Instrumentum den Ehrentitel der editio princeps des griechischen Neuen Testaments teilt, und dem lang andauernden Einfluss dieser beiden Ausgaben auf die folgenden Editionen nachgegangen. Der vorliegende Begleitband ist gleich aufgebaut wie die Ausstellung, wobei die einzelnen Kapitel jeweils aus einem Übersichtstext und einem Katalog der ausgestellten Objekte bestehen. Zum Ausstellungstitel «Das bessere Bild Christi» Im Lob der Torheit von 1511 mokiert sich Erasmus über den Bilderkult seiner Zeit. Die Torheit, in diesem Punkt eine folgsame Schülerin des Thomas von Aquin, wundert sich über die Apostel: «Sie beteten an, doch im Geiste, und befolgten dabei nur das Wort des Evangeliums ( Joh 4,24): ‹Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.› Anscheinend ist ihnen damals nicht offenbart worden, dass man ein Bildchen, das mit Kohle an eine Wand gezeichnet ist, mit derselben Verehrung anbeten muss wie Christus selbst, sobald darauf zwei ausgestreckte Finger und wallende Locken und in dem Heiligenschein am Hinterkopf drei Strahlenbündel zu sehen sind. Wie sollte auch jemand derlei wissen, der nicht seine 36 Jahre über der Physik und Metaphysik des Aristoteles und des Scotus abgesessen hat?»1 Erasmus missbilligte diese Verehrung von Bildern nicht grundsätzlich, doch glaubte er, das bessere Bild Christi sei im Neuen Testament überliefert.2 «Du erweist also einem grob in Stein oder Holz gehauenen oder mit Farben gepinselten Abbild des Antlitzes Christi Ehre. Viel frömmer wäre es, das Bild seines Geistes zu ehren, das durch den Heiligen Geist in den Schriften des Evangeliums wiedergegeben ist. Kein Apelles bildet so mit dem Pinsel die Züge und die Gestalt des Körpers nach, wie uns in der Rede eines jeden das Bild seines Geistes entgegen leuchtet, zumal bei Christus. Da er die höchste Einfachheit und Wahrheit ist, kann es keine Unähnlichkeit zwischen dem Urbild des göttlichen Herzens und dem davon hergeleiteten Bild der Rede geben. Wie nichts dem Vater ähnlicher ist als der Sohn, das Wort des Vaters, das aus seinem innersten Herzen strömt, so ist Christus nichts ähnlicher als das Wort Christi, das aus dem Allerheiligsten seiner Brust kommt. Und dieses Bild bewunderst du nicht, betest es nicht an, betrachtest es nicht mit frommen Augen, umfasst es nicht mit deinem Herzen? Du besitzt so heilige, so wirksame Hinterlassenschaften deines Herrn und lässt sie unbeachtet, um viel Fremderes
Abb. b | Hans Holbein d. J., Segnender Christus, in: Erasmi Rotero dami encomium moriae i. e. Stultitiae laus, Basel: Joh. Froben, März 1515, Bl. O4r, Kunst museum Basel, Kupferstichkabinett.
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zu suchen? Fasziniert betrachtest du das Gewand oder das Schweisstuch, das von Christus stammen soll, und liest schlaftrunken die Aussprüche Christi? Du glaubst, es sei das Grösste, dass du zu Hause ein Stücklein des Kreuzes besitzest. Doch das ist nichts im Vergleich dazu, dass du das Geheimnis des Kreuzes in dir trägst.»3 Das steht im Enchiridion militis Christiani, dem «Handbüchlein [oder Dolch] eines christlichen Streiters», von 1503. In der rhetorisch durchgestalteten Passage sind drei Argumentationslinien zu erkennen: zum ersten die zu Beginn des Johannes-Evangeliums überlieferte Christus / Logos-Theologie, dann die Vorstellung, dass sich in den Reden oder Schriften einer Person deren wahres Ich enthülle, und schliesslich die pädagogische Überzeugung, dass die Nachahmung eines Vorbilds ein zentrales Element der Bildung ist. Das Johannes-Evangelium beginnt mit: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.» Erasmus stützte sich bei der Interpretation dieser Stelle auf den Augustinus zugeschriebenen Dialog De cognitione verae vitae («Von der Erkenntnis des wahren Lebens»). Auf die Frage des Schülers: «Warum wird der Sohn ‹Wort› genannt?», erläutert dort der Lehrer: «‹Wort› kann auf drei Arten verstanden werden, wenn nämlich beispielsweise das Wort ‹Mensch› mit dem Mund ausgesprochen wird oder wenn dasselbe Wort ‹Mensch› sich ohne eine Bewegung der Zunge im Herzen formt oder wenn die Sache selbst, welche jenes Wort bezeichnet, der Mensch, in seiner Beschaffenheit im Geist gedacht wird. Auf diese dritte Art hat Gott sein ‹Wort› gezeugt, als er nämlich sich selbst beim Denken benannte. […] Nichts anderes nämlich ist der Sohn oder das Wort Gottes als dessen Denken, Kunst oder Weisheit. Wenn wir nämlich eine bestimmte Sache denken, formen wir ein Bild dieser Sache in unserem Denken. So hat Gott, als er sich selbst dachte, ein ihm in allen Punkten ähnliches Bild geschaffen, und deshalb wird dieses Wort Bild oder Gleichnis Gottes genannt, aber es wird damit genau dasselbe Wesen ausgedrückt.»4
die geheimnisvollen Schriften so, wie sie jenen höchsten Geist, grösser und besser als den sich nichts vorstellen lässt, als Gott bezeichnen, dessen einzigen Sohn dessen Rede. Obwohl der Sohn nämlich nicht mit dem Vater identisch ist, gibt er trotzdem durch seine Ähnlichkeit seinen Vater wieder, so dass man beide im jeweils anderen betrachten kann, den Vater im Sohn, den Sohn im Vater. Aber die Ähnlichkeit des Erzeugers und des Erzeugten, die in der menschlichen Fortpflanzung in vieler Hinsicht unvollkommen ist, ist in Gottvater und seinem Sohn ganz vollkommen. Und es gibt nichts, was voller und deutlicher das verborgene Bild des Geistes ausdrückt, als eine Rede, die nicht lügt. Diese ist nämlich ein Spiegel des Innern, das mit den Augen des Körpers nicht wahrgenommen werden kann. Wenn wir aber wollen, dass jemandem unser Wille bekannt sei, dann erreicht man das durch nichts sicherer und schneller als durch die Rede, die, aus den innersten Gewölben unseres Geistes kommend, über die Ohren des Zuhörers durch eine unsichtbare Energie das Denken und Fühlen des Sprechenden in das Denken und Fühlen des Zuhörenden überführt. Und es gibt unter Menschen keine effizientere Methode, jede Art von Gemütsregung hervorzurufen, als die Rede. Tritt noch Autorität dazu, wird durch die Rede am raschesten vermittelt, was wir gemacht haben wollen. Sohn wird er also genannt, weil er, in jeder anderen Hinsicht seinem Erzeuger gleich, sich allein durch die Eigenheit der Person unterscheidet. Rede wird er genannt, weil sich Gott, der in seiner ihm eigenen Natur auf keine Art begriffen werden kann, uns durch ihn offenbaren will, und aus keinem anderen Grund offenbaren will, als dass wir aus seiner Erkenntnis ewiges Glück erlangen.»5
In der 1523 publizierten Paraphrase des Johannes-Evangeliums hat Erasmus diesen Sachverhalt so einleuchtend dargestellt, dass Claudius Cantiuncula den folgenden Text in sein Exemplar des Novum Instrumentum übertragen hat (Kat. 6.3 und Abb. c): «Um also immerhin eine gewisse Kenntnis der Dinge, die niemand verstehen noch erklären kann, zu vermitteln, müssen wir Bezeichnungen von Dingen, die unserem Wahrnehmungsvermögen vertraut sind, miss brauchen, obwohl es nichts in der ganzen Schöpfung gibt, das ein Gleichnis hergibt, das haargenau auf das Wesen der göttlichen Natur zutrifft. Deshalb nennen einleitung | 13
Abb. c | Zitat aus Erasmus’ Paraphrasen zum Johannes evangelium in Claudius Cantiunculas Exemplar des Novum Testamentum omne, Basel: Joh. Froben, 1519, S. 188 (= Bl. q4r), UB Basel, AN VI 217.
Das beste Bild Gottes – den wir sonst nicht begreifen können – bietet den Gläubigen also Christus; in ihm hat Gott sich den Menschen offenbart. Christus’ Verhältnis zu Gott wird in bildlicher Rede – der einzigen Möglichkeit, sich dem Göttlichen zu nähern – mit «Sohn» und «Rede» umschrieben. Während wir den Vergleich mit einem Sohn sofort nachvollziehen können, steht uns die Metapher als «Wort» bzw. «Rede» vielleicht etwas ferner.6 Damit kommen wir zum zweiten Teil von Erasmus’ Argumentation. Für ihn stand fest:
Ἀνδρὸς χαρακτὴρ ἐκ λόγου γνωρίζεται. «Den Charakter eines Menschen erkennt man an dem, was er sagt.» Aber nicht nur was, sondern auch wie jemand etwas sagt, ergibt ein Bild seines Charakters. Dieses humanistische Axiom, hier in einem Vers des Komödiendichters Menan der ausgedrückt, wurde Erasmus nicht müde zu wiederholen. In seinem Werk über Sprichwörter, den Adagia, erläutert er mehrere Sprichwörter dieses Inhalts: Qualis vir, talis oratio («Wie der Mensch, so seine Rede»); Stultus
Abb. d | Medaille von Quentin Massys auf Erasmus von Rotterdam, 1519, Historisches Museum Basel.
Abb. e | Albrecht Dürer, Erasmus von Rotterdam, 1526, Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett.
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stulta loquitur («Ein Tor spricht Törichtes»); Effoeminatorum etiam oratio effoeminata («Von Verweichlichten ist auch die Sprache verweichlicht»); Inanium inania consilia («Ratschläge von Hohlköpfen sind hohl»).7 In die Apophthegmata, eine Sammlung von Anekdoten und Aussprüchen, nimmt er die Anekdote von Sokrates auf, der, um sein Urteil über einen jungen Mann gebeten, diesem befiehlt: «‹Sprich also, junger Mann, damit ich dich sehe›, womit er ausdrückte, der Charakter des Menschen trete weniger im Gesicht als in der Rede hervor, weil das der zuverlässigste und am wenigsten trügerische Spiegel der Seele sei.»8 Da für Erasmus der innere Mensch der eigentliche Mensch ist, und nicht sein Äusseres, kann er auch postulieren, das bessere Bild eines Menschen finde man in dem, was jemand sagt oder schreibt. Folgerichtig liess er auf seinen eigenen Porträts den Sinnspruch τὴν κρείττω [sc. εἰκόνα] τὰ συγγράμματα δείξει («Das bessere [Bild] zeigen die Schriften») anbringen, so auf der Porträtmedaille von Quentin Massys (Abb. d) und auf dem
Stich von Albrecht Dürer (Abb. e). Frei übersetzt: Wer mich kennenlernen will, muss meine Bücher lesen. Auf diese Weise sprechen auch noch längst verstorbene Schriftsteller mit uns und sind uns vertrauter als unsere Nachbarn: «… Bücher, in denen für den Erdkreis auch Verstorbene überleben und zwar so überleben, dass sie als Tote zu mehr Menschen und wirkungsvoller sprechen als zu ihren Lebzeiten. Sie unterhalten sich mit uns, sie belehren, sie treiben an, sie halten ab, sie beraten, sie richten wieder auf, sie trösten so zuverlässig und bereitwillig wie sonst niemand. Kurz: sie leben dann am wahrhaftigsten für uns, wenn sie aufgehört haben zu leben. Ich jedenfalls glaube, wenn jemand mit Marcus Tullius, um ihn als Beispiel zu nennen, mehrere Jahre zusammen gewohnt hätte, würde er Cicero weniger gut kennen als diejenigen, die, indem sie in seinen Schriften blättern, sich mit seinem Geist täglich unterhalten.»9 Auf Gott übertragen, bedeutet dies: Wer Gott kennen will, muss Christus kennen. Wer aber Christus kennen will, muss wissen, was er gesagt hat. Wo aber finde sich sein Wort in der reinsten Form? Im Neuen Testament ! Die dritte oben angesprochene Grundüberzeugung des Erasmus war: Bildung entsteht wesentlich durch die Nachahmung eines Vorbilds. Angesichts der Bedeutung, die Erasmus der Sprache beimisst, erstaunt es nicht, dass er in diesem Zusammenhang wiederholt einen Vers aus den Monosticha Menandri zitiert, den auch Paulus 1 Kor 15,33 anführt:
Φθείρουσιν ἤθη χρηστὰ ὁμιλίαι κακαί. Corrumpunt mores bonos colloquia mala. «Schlechte Gesellschaft (schlechte Gespräche) verdirbt (verderben) einen guten Charakter.» In der Paraclesis («Aufruf»), einer Einleitungsschrift zum Neuen Testament von 1516, formuliert Erasmus den Gedanken neutral: «Wir werden in der Regel zu dem, woraus unsere täglichen Gespräche bestehen.»10 Für den gläubigen Christen bedeutet das: Wenn ich fromm leben will, muss ich dem Vorbild von Jesus folgen. Um ihn kennenzulernen und zu werden wie er, muss ich wissen, was er gesagt hat, und das Gespräch mit ihm suchen, und zwar in den Büchern des Neuen Testaments, nicht in den davon abgeleiteten Schriften der Theologen. Getreu dem humanistischen Wahlspruch Ad fontes ! («[Zurück] zu den Quellen !») ist Erasmus überzeugt, dass das Bild und die Botschaft Christi im Verlauf der Zeit in der theologischen Überlieferung immer mehr verwässert worden seien. Nicht aus den Rinnsalen und Pfützen der zeitgenössischen Theologie müssen wir trinken, sondern aus dem ursprünglichen Quell, dem Neuen Testament. Dort findet man die philosophia Christi:
«Nicht dass ich die Bemühung derjenigen verurteilte, die in solchen Klügeleien nicht ohne Ruhm die Kräfte ihres Geistes trainierten – denn ich will niemanden beleidigen –, doch ich glaube und, wenn ich mich nicht täusche, zu Recht, jene reine und echte Philosophie Christi könne nirgendwoher reichlicher geschöpft werden als aus den Evangelien, als aus den apostolischen Briefen. Wenn einer in diesen sich fromm um Weisheit bemüht, mehr betend als argumentierend und eher im Bemühen, sich zu ändern als sich zu bewaffnen, wird dieser nämlich feststellen, dass es nichts gibt, was für das Glück des Menschen, nichts, was für irgendeinen Lebensbereich relevant ist, das in diesen nicht überliefert, erörtert und abschliessend behandelt ist. Wenn wir etwas lernen wollen, warum gefällt uns dann ein anderer Autor mehr als Christus selbst? Wenn wir auf der Suche nach der richtigen Lebensform sind, warum ist uns dann etwas anderes eher Vorbild als der Arche typ, Christus selbst? Wenn wir ein Heilmittel gegen die quälenden Begehrlichkeiten des Herzens benötigen, warum meinen wir, anderswo sei ein Heilmittel eher vorhanden? Wenn wir wünschen, den trägen und schlaffen Geist durch Lektüre aufzuwecken, wo findet man, bitteschön, gleich lebendige und wirksame Funken? Wenn man beschliesst, sich von den Beschwernis sen dieses Lebens abzuwenden, warum gefallen dann andere Vergnügen mehr? Warum wollen wir die Weisheit Christi regelmässig lieber aus Schriften von Menschen kennenlernen als aus Christus selbst? Was dieser versprochen hat, dass er mit uns sein werde bis ans Ende der Zeiten, bietet er vor allem in seinen Schriften an, in denen er für uns auch heute noch lebt, atmet, spricht, beinahe hätte ich gesagt, wirkungsvoller als damals, als er unter den Menschen weilte. Weniger sahen von ihm, weniger hörten von ihm die Juden, als du von ihm in den evangelischen Schriften siehst und hörst, vorausgesetzt, du bringst die Augen und Ohren mit, mit denen er gesehen und gehört werden kann.»11 Das Neue Testament enthält nicht nur das bessere Bild Christi als das spätere theologische Schrifttum; sein Bild ist auch reicher und wahrheitsgetreuer als künstlerische Darstellungen des Heilands und authentischer als alle Reliquien: «Nach diesen Schriften soll uns also von ganzem Herzen dürsten, sie wollen wir umarmen, in ihnen uns ständig aufhalten, in ihnen schliesslich sterben, uns durch sie verwandeln lassen, da ja Studien zu Haltungen werden. Wem das nicht möglich ist – wem aber sollte es nicht möglich sein, sofern er nur will –, der soll diese Schriften mindestens anbeten wie eine Schatulle für jenes göttliche Herz. Wenn uns einer einen Abdruck von Christi Füssen zeigt, wie fallen wir Christen dann auf die Knie, wie beten wir ihn an? Aber warum verehren wir nicht vielmehr sein lebendiges und atmendes Bild
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in diesen Büchern? Wenn einer das Gewand Christi ausstellt, wohin in der ganzen Welt werden wir nicht eilen, um es küssen zu können? Aber auch wenn du seinen ganzen Hausrat vorweisen kannst, wird nichts darunter sein, das Christus deutlicher und genauer ausdrückt als die evangelischen Schriften. Eine Statue aus Holz oder Stein verzieren wir aus Liebe zu Christus mit Edelsteinen und Gold. Warum zeichnen wir nicht eher diejenigen mit Gold und Edelsteinen und was es noch Wertvolleres gibt aus, die uns Christus so viel gegenwärtiger werden lassen als jenes Figürchen? Zeigt dieses doch nichts anderes als die körperliche Gestalt, wenn es überhaupt etwas von ihm zeigt; diese aber geben dir das lebendige Bild jenes hochheiligen Geistes wieder und Christus selber, wie er spricht, heilt, stirbt, aufersteht – kurz: sie machen ihn ganz gegenwärtig, so dass du weniger sehen würdest, wenn du ihn leibhaftig vor dir sähest.»12 Philologia Christi als Grundlage der philosophia Christi: Die Wiederherstellung der alten wahren Theologie Erasmus beliess es nicht beim Aufruf zur Lektüre des Neuen Testaments als Grundlage für ein christliches Leben in Frömmigkeit. Bereits zu der Zeit, als er im Enchiridion seinen flammenden Appell formulierte, wandte er sich der Bibelphilologie zu. Vorangegangen war eine Periode des Suchens. Bei dem Wert, den er auf die Bildung durch Nachahmung legt, dürfen wir nach den Vorbildern suchen, die ihn in jenen Jahren prägten. 1487 war Erasmus ins Augustiner-Regularen-Kloster Steyn bei Gouda eingetreten.13 Grund dafür war ver mutlich, dass er als illegitimer Priestersohn nur so selber Priester werden und in eine höhere soziale Schicht aufsteigen konnte. Dort fand er – nach Ausweis der wenigen erhaltenen Briefe, die Überlieferungslage für Erasmus’ frühe Jahre ist sehr dünn ! – einen Freundeskreis, der seine humanistisch-literarischen Interessen teilte. Gemeinsam las und diskutierte man die antike Literatur. Zu einer Auseinandersetzung kam es bei der Beurteilung des von Erasmus hochgeschätzten italienischen Humanisten Lorenzo Valla, von dessen Werk zur lateinischen Stilistik Elegantiae linguae Latinae er eine Kurzfassung erstellte. Nachdem Erasmus das Leben im Kloster zunächst genossen zu haben scheint, da es ihm Musse für die Lektüre verschaffte, kam es bald zu Spannungen. Einerseits dürfte sich der Freundeskreis mit seinen literarischen Interessen innerhalb des Klosters isoliert haben, anderseits gab es auch innerhalb dieses Kreises Auseinandersetzungen. Beherrschendes Thema war immer wieder: Wie lassen sich das Christentum und die pagane Literatur und Kultur der Antike miteinander vereinen? Tertullian hatte eine mögliche Antwort mit seiner berühmten rhetorischen Frage gegeben: 16 | ueli dill
«Was hat Jerusalem mit Athen zu schaffen? Was die Kirche mit der (platonischen) Akademie? Was die Christen mit den Ungläubigen? Unsere Lehre stammt aus dem Tempel Salomons, der uns sogar selbst aufgetragen hat, den Herrn in der Einfachheit des Herzens zu suchen. Das mögen diejenigen bedenken, die ein stoisches, platonisches oder dialektisches Christentum vorgebracht haben. Unsere Neugier indessen ist mit Jesus Christus gestillt worden und unsere Untersuchungen sind durch das Neue Testament obsolet geworden.»14 Diese Einstellung teilten auch viele in Erasmus’ Umgebung. Zum Leitstern und Verteidiger einer anderen Haltung wurde Erasmus der Kirchenvater Hieronymus, der im 4./5. Jahrhundert unter demselben Dilemma gelitten und ihm Ausdruck gegeben hatte und damit in der Renaissance zum Patron der Humanisten avanciert war.15 1489 schrieb Erasmus an seinen engen Freund Cornelius Gerard über die in seinen Augen bornierten Barbaren: «Aber jene hängen ihrer Plumpheit ein Mäntelchen um, damit man meint, sie verachteten, was zu erreichen sie aufgegeben haben. Wenn diese Hieronymus’ Briefe richtig ansähen, würden sie feststellen, dass Plumpheit durchaus nicht mit Heiligkeit gleichzusetzen ist und Beredsamkeit nicht mit Gottlosigkeit. […] Schon vor langer Zeit habe ich sie [Hieronymus’ Briefe] nicht nur gelesen, sondern sie, so viele es sind, eigenhändig abgeschrieben. In ihnen findet man sehr viele Argumente, mit denen man problemlos die Vorwürfe der Barbaren widerlegen kann; doch würde uns alleine schon das jenige reichen, was er dort für uns sorgfältig ausformuliert und auf den Punkt bringt, wo er bei der Diskussion der Schoten des verschwenderischen Sohns [Lk 15,16] das Beispiel der gefangenen Frau anführt.»16 Hieronymus diente Erasmus also als Vorbild dafür, wie man christliches Gedankengut in elegantem und reichem Latein ausdrücken kann, und er lieferte ihm in Brief 21, 13 auch die theoretische Begründung für dieses Vorgehen. Dort interpretiert Hieronymus die im 5. Buch Mose 21, 10–13 formulierte Vorschrift, einer schönen im Krieg gefangenen Frau, die man ehelichen will, alle Haare abzurasieren und alle Nägel zu schneiden, so, dass man von der antiken Kultur übernehmen soll, was sich mit der christlichen vereinbaren lässt, das andere aber weglassen: «So machen wir es dauernd, wenn wir die Philosophen lesen, wenn Bücher der weltlichen Weisheit in unsere Hände gelangen: wenn wir darin etwas Nützliches finden, passen wir es an unseren Glauben an, wenn aber etwas Überflüssiges, über Götterbilder, über die Liebe, über die Sorge um weltliche Dinge, dann rasieren wir das ab, bestrafen es mit Kahlheit, schneiden es wie Nägel mit einem scharfen Eisen ab.»17
Abb. f | Hans Holbein d. J., Ein Theologe, in: Erasmi Roterodami encomium moriae i. e. Stultitiae laus, Basel: Joh. Froben, März 1515, Bl. N4v, Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett.
In der um 1490 verfassten, aber erst viel später publizierten Streitschrift Antibarbari rechnete Erasmus mit den Gegnern der humanistischen Bildung ab, wobei er immer wieder Hieronymus als Kronzeugen anführte. 1492 zum Priester geweiht, erhielt er 1493 die Möglichkeit, als Sekretär des Bischofs von Cambrai das ihm zu eng gewordene Kloster zu verlassen. Dieser ermöglichte ihm, ab 1495 in Paris Theologie zu studieren, denn als Theologe verstand sich Erasmus.18 Mit einer anerkannten Ausbildung hätte er seinen Kritikern beweisen können, dass er nicht nur ein Literat war. Er kam aber vom Regen in die Traufe. Die Methode der damals in Paris geübten scholastischen Theologie erschien ihm als zu lebensfern und zu sehr der Dialektik verhaftet. 1497 schildert er einem Freund den studentischen Alltag: «Wie, wenn du Erasmus mit offenem Mund zwischen jenen eingeweihten Anhängern des Scotus sitzen sähest, während von seinem erhabenen Katheder Gryllard eine Vorlesung hält? Wenn du seine gefurchte Stirne, seine staunenden Augen und sein besorgtes Gesicht erblicktest? Du würdest sagen, es sei jemand anderes. Sie behaupten, die Geheimnisse dieses Fachs könnten nicht verstanden werden von jemandem, der irgendwie in Kontakt mit den Musen und den Grazien steht. Du musst vergessen, was du gelernt hast, wenn du dich mit der guten Literatur beschäftigt hast. Du musst entfernen, was du vom Helikon geholt hast. Ich bemühe mich nach Kräften, dass ich nichts mehr in (korrektem) Latein ausdrücke, nichts mehr elegant oder witzig. Und es scheint zu funktionieren. Es besteht Hoffnung, dass sie Erasmus irgendeinmal anerkennen werden.»19 Erasmus hält aber auch fest: «Aber damit du keinen falschen Eindruck erhältst, allerliebster Grey, versteh das nicht als gegen die Theologie an sich gesagt, die ich, wie du weisst, immer unvergleichlich verehrt habe, sondern ich hatte Lust, über gewisse Theologaster unserer Zeit zu spotten. Es gibt nichts Verdorbeneres als deren Gehirn, nichts Barba rischeres als deren Sprache, nichts Dämlicheres als deren Veranlagung, nichts Dornigeres als deren Lehre, nichts Roheres als deren Sitten, nichts Heuchlerischeres als deren Lebenswandel, nichts Giftigeres als deren Reden, nichts Schwärzeres als deren Herz.»20 Erasmus hatte also die bildungsfeindlichen Mitbrüder hinter sich gelassen, war dafür aber an ebenso unmusische Theologen geraten. Einen universitären Abschluss scheint er nicht gemacht zu haben, trotzdem wird er, gerade im Widerstand gegen die Dozenten, viel gelernt haben. Neben dem Studieren hielt er Predigten und unterrichtete Privatschüler. Für den Unterricht verfasste bzw. kompilierte er verschiedene didaktische Schriften, z. B. eine erneute Epitome von Vallas Elegantiae. Eine Publikation
war ursprünglich wohl nicht geplant; Jahre später hat er dann einige dieser Stücke, teilweise stark überarbeitet, trotzdem publiziert (Kat. 2.2). Der Kontakt mit seinen meist wohlhabenden Privatschülern öffnete Erasmus einen Ausweg aus der unbefriedigenden Situation. Statt nach Italien zu ziehen, wie er eigentlich vorhatte, begleitete er William Blount, Baron Mountjoy, 1499 nach England, wo er dank ihm den Zugang zur Oberschicht, unter anderem auch zum künftigen König Heinrich VIII., fand. Für seine intellektuelle Entwicklung war die Begegnung mit dem gleichaltrigen John Colet aus guter Familie entscheidend.21 Dieser las damals mit grossem Erfolg gratis et publice an der Universität Oxford über die paulinischen Briefe. Seine erfolgreiche Karriere wies Erasmus den Weg, wie er an der ihnen beiden widerwärtigen scholastischen Theologie und den universitären Strukturen vorbei zu einem geachteten Theologen werden konnte. In einem Nachruf wird er 1521 Colets Karriere so beschreiben: «Als Jüngling hat er bei den Seinen sorgfältig gelernt, was es an scholastischer Philosophie gibt, und hat den Titel erlangt, der die Kenntnis der sieben freien Künste nachweist. Keine unter diesen gab es, in der er nicht aufs gründlichste und glücklichste geübt war, denn er hatte voller Begierde Ciceros Werke verschlungen, und einleitung | 17
die Bücher von Platon und Plotin hatte er nicht mit offenem Mund [d. h. verständnislos] durchgearbeitet und hatte kein Gebiet der Mathematik unberührt gelassen. Danach ging er, gleichsam als unersättlicher Handelsmann von guten Dingen, nach Frankreich, darauf nach Italien. Dort gab er sich ganz der Lektüre der heiligen Autoren hin, aber, nachdem er vorher alle Literaturgattungen mit grossem Eifer erkundet hatte, erfreute er sich nun vor allen an den altehrwürdigen, Dionysius (Areopagites), Origenes, Cyprian, Ambrosius, Hieronymus, wobei er von den Alten keinem abgeneigter war als Augustin. Trotzdem las er auch ( Johannes Duns) Scotus und Thomas (von Aquin) und andere dieser Sorte, wenn es die Bibelstelle verlangte. In den Schriften beider Rechte war er auch ausgesprochen versiert. Das britische Volk hat Männer, die das bei den Ihren leisten, was Dante und Petrarca bei den Italienern. Indem er deren Schriften las, schulte er seinen sprach lichen Stil und bereitete sich bereits damals auf die Verkündigung der Heilsbotschaft vor. […] In seiner Karriere als Theologe hat er keinen einzigen Grad erreicht noch sich darum beworben; trotzdem gab es dort [in Oxford] keinen Doktor der Theologie oder der Jurisprudenz, keinen Abt oder sonst einen Würdenträger, der nicht an seinen Vorlesungen teilgenommen hätte. […] Indessen wurde ihm später der Doktortitel ohne sein Zutun angetragen, den er mehr akzeptiert hat, um jenen einen Gefallen zu tun, als dass er sich darum bemüht hätte.»22 Während Colet als role model für ihn von grosser Bedeutung war, war Erasmus mit ihm in theologischen Einzelfragen durchaus nicht immer einer Meinung, wohl aber in der Art, wie Theologie betrieben werden sollte bzw. wie nicht: «Dass dir die neue Gattung von Theologen, die mit reinen Spitzfindigkeiten und sophistischem Geplänkel alt werden, nicht gefällt, wahrhaftig, da stimmst du, mein Colet, völlig mit mir überein. Nicht dass ich die Studien jener verdamme, der ich doch jedes Bemühen lobe. Aber wenn sie für sich alleine stehen und sich nicht auf die ältere und elegantere Literatur abstützen, können sie in meinen Augen einen Menschen zum Bes serwisser und Streithahn machen – ob auch zu einem Weisen, das mögen andere beurteilen. Ihre Kompetenz erschöpft sich nämlich in einer Art von trockenem und unangenehmen Scharfsinn; sie haben keinen Lebenssaft und atmen keinen Geist. Und, was das Schlimmste ist, sie nehmen der Theologie, der Königin der Fakultäten, die durch die Beredsamkeit der Alten bereichert und geschmückt wurde, durch ihr Stammeln und den Schmutz ihrer ungepflegten Sprache jede Attraktivität. […] Dazu kommt, dass sich in unserer Zeit in der Regel diejenigen einem Theologiestudium, dem ersten
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aller Wissenschaftsfächer, zuwenden, die sich aufgrund ihres bequemen und wenig gesunden Intellekts für kaum ein anderes Fach eignen. Das möchte ich nicht über die gelehrten und bewährten Theologieprofessoren gesagt haben, die ich besonders verehre und achte, sondern über das gemeine und eingebildete Volk der Theologen, die verglichen mit sich selber alle anderen Wissenschaften für nichts halten. Indem du, Colet, mit diesem obstinaten Menschenschlag den Kampf aufgenommen hast, um jene alte und wahre Theologie, die von deren Dornen überwachsen und eingezwängt ist, mit all deinen Kräften in ihrem alten Glanz und ihrer Würde wieder herzustellen, hast du bei Gott eine mehrfach wunderschöne Aufgabe übernommen, die, weil es sich um die Theologie handelt, fromm und für alle Interessierten, vor allem aber für diese blühende Oxforder Universität, heilbringend ist, die jedoch – ich will offen sein – viel Arbeit und Neid mit sich bringen wird.»23 Damit hatte Erasmus den Fixpunkt gefunden, an dem er den Rest seines Lebens ausrichten sollte. Wie Colet wollte er der alten und wahren Theologie (vetus illa ac vera theologia) wieder zu ihrer verdienten Anerkennung verhelfen, indem er ihre Werke, d. h. die Bibel, aber auch die Werke der frühen Kirchenväter, möglichst originalgetreu wieder zugänglich machte, sei es in Editionen oder durch Kommentare, eine Aufgabe, die, wie er damals schon sah, viel Arbeit bedeuten und nicht nur auf begeisterte Zustimmung stossen würde. Seine beiden ersten und wichtigsten Projekte waren die Editionen des Neuen Testaments bzw. der Werke des Hieronymus, die beide 1515/16 erscheinen sollten. Dass Erasmus seine lange Reihe von patristischen Ausgaben mit Hieronymus begann, hatte mehrere Gründe: Dieser war ihm nicht nur Zeuge für die Vereinbarkeit von klassischer Bildung und Christentum, er war als vir trilinguis auch die Verkörperung des idealen, sprich philo logisch gebildeten, Theologen, wie Erasmus ihn sich vorstellte. Einer, der «sich nicht damit begnügt, vier oder fünf Wörtchen aus dem Zusammenhang zu reissen», sondern genau untersucht, «warum etwas gesagt wird, von wem es gesagt wird und zu wem, wann, unter welchen Umständen, mit welchen Wörtern, was vorausgegangen ist, was folgt. Denn (nur) wenn man diese Dinge abwägt und zusammenstellt, dann findet man heraus, was ein Text bedeutet.»24 Dazu kam, dass Hieronymus’ unbestrittene Stellung als Bibelübersetzer ihn zum Vorbild und Kron zeugen für Erasmus’ eigene Bemühungen auf diesem Gebiet machte. Wie Hieronymus blieb auch Erasmus nicht von Kritik verschont. Er hatte bereits 1499 Colet vorausgesagt, die Wiederherstellung der alten wahren Theologie werde Neider auf den Plan rufen. Neid war das eine, Abneigung gegen Innovation das andere. Erasmus war 1515 in der paradoxen Situation, ein Neuerer zu sein, indem er dem Alten wieder seine
Abb. g | Novum Instrumentum, Basel, Joh. Froben, 1516, Exemplar des Bonifacius Amerbach, Titelblatt, British Library, C.24.f.14.
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Abb. h | Novum Instrumentum, Basel, Joh. Froben, 1516, Exemplar des Bonifacius Amerbach, Teil 2, S. 225, British Library, C.24.f.14.
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