Psychiatrie und Gesellschaft im Wandel der Zeit 1900–2016
Psychiatrie und Gesellschaft im Wandel der Zeit 1900–2016
Psychiatrie und Gesellschaft im Wandel der Zeit 1900–2016
Anja Oswald (Hg.)
I S B N 978-3-7965-3620-5 Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
Anja Oswald (Hg.)
Psychiatrie und Gesellschaft im Wandel der Zeit 1900–2016 Die Zunahme psychischer Erkrankungen ist in den nächsten Jahrzehnten eine der grossen Herausforderungen unserer Gesellschaft. Die zu erwartenden Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem, die Wirtschaft und das soziale Gefüge in der Schweiz sind massiv. Da die Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen auch heute noch Realität ist, nehmen Betroffene oft zu spät Kontakt mit einer ausgewiesenen Fachperson auf. Dadurch steigt die Gefahr einer Chronifizierung der Erkrankung. Die beste Medizin gegen Stigmatisierung sind Aufklärung und Wissensvermehrung. Im vorliegenden Buch wird die Entwicklung des Fachgebietes Psychiatrie seit dem Jahr 1900 mit Fakten, Erfahrungsberichten und Bildern unterlegt so ansprechend gestaltet, dass es zum Hingucken einlädt und nicht zum Wegschauen, wie dies sonst in der Psychiatrie eher üblich ist.
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783796 536205
Psychiatrie und Gesellschaft im Wandel der Zeit 1900–2016
Psychiatrie und Gesellschaft im Wandel der Zeit 1900 –2016
Herausgeberin Anja Oswald
Schwabe Verlag Basel
IMPRESSUM Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Titel: «Psychiatrie und Gesellschaft im Wandel der Zeit von 1900–2016» Herausgeberin: Dr. med. Anja Oswald, MBA, Direktorin der Klinik Sonnenhalde, Psychiatrie und Psychotherapie Redaktion: Roger Thiriet, ROGER THIRIET TEXTE Fotografien: Patrick Loertscher, www.patrickloertscher.com Gestaltung: OSW, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3620-5 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
«Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.» Aristoteles
INHALT
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Editorial Dr. med. Anja Oswald, MBA, Direktorin Klinik Sonnenhalde AG Vorwort Dr. rer. pol. Stephan Burla, Verwaltungsratspräsident Klinik Sonnenhalde AG Zum Geleit Dr. iur. Lukas Engelberger, Advokat, LLM, Basel-Stadt dipl. Ing. Thomas Weber, Basel-Landschaft
PSYCHIATRIE IM WANDEL DER ZEIT 1900–2016
20 26 32 38 42 48 54 58
66 72 78 82 86 92 100 110 116
«Humane Psychiatrie» – einst und heute Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer Entwicklung der Sozialpsychiatrie Dr. med. Andres Ricardo Schneeberger Stationäre Psychiatrie im Wandel der Zeit Roland Stettler, Facharzt FMH Psychotherapie im Wandel der Zeit Roland Stettler, Facharzt FMH Depressionsbehandlung im Wandel der Geschichte Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer Wandel in der Therapie der Abhängigkeitserkrankungen Prof. Dr. med. Gerhard A. Wiesbeck Psychosomatik im Wandel der Zeit Prof. Dr. med. Martin Hatzinger Psychopharmakologische und neurobiologische Therapien im Wandel der Zeit Prof. Dr. med. Martin Hatzinger Entwicklung der forensischen Psychiatrie im Wandel der Zeit Prof. Dr. med. Volker Dittmann Psychiatriepflege damals, heute, morgen Sr. Karline Zeller / Sr. Ursula Rohner / René Leuenberger Psychiatrische Pflege der Spitex Basel Dorothea Zeltner Wandel im Verhältnis von Psychiatrie, Psychotherapie und Seelsorge Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer Weisheit als Ressource in der Psychotherapie Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer Fürsorgerische Unterbringung früher und heute Dr. med. Dominik Schorr Die psychischen Kräfte der Musik – ein Erlebnisbericht Markus Stocker Suizid und das Leid der Angehörigen Peter Gill Bedeutung der Arbeit in der Psychiatrie Dr. phil. Niklas Baer, Psychologe
GESUNDHEITSPOLITISCHE ASPEKTE IN DER PSYCHIATRIE 124 132
138 148 156 172
Geschichte der Basler Psychiatrie Prof. Dr. med. Thomas A. Haenel Menschen begleiten und beraten – Beruf und Berufung Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer, Dr. med. Andreas Gschwind, PD Dr. med. Johannes Beck Eidgenössische und regionale Gesundheitspolitik 1900–2016 lic. iur. Andreas Faller Soziale Sicherheit und Finanzströme im Gesundheitswesen Hans Zeltner Entwicklungen aus gesundheitspolitischer Sicht lic. rer. pol. Franz Wyss Psychiatrie und Datenschutz Prof. Dr. iur. Beat Rudin
ZUKÜNFTIGE HERAUSFORDERUNGEN IN DER PSYCHIATRIE 178 182 188 192 198 204 210 216 220 226 230 236 242 248
Gesundheitssektor zwischen Innovation und Regulation Heinz Karrer Zukünftige Herausforderungen aus Sicht von Public Mental Health Dr. med. Hans Kurt Global Mental Health – eine internationale Herausforderung Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer Zukünftige Herausforderungen aus Sicht der Prävention Prof. Dr. med. Martin Hatzinger Integrierte Versorgung und Durchlässigkeit PD Dr. med. Johannes Beck Integrierte Versorgung – ein zukunftsweisender Ansatz Michael Herzog Bewegung als Ressource in der Therapie psychiatrischer Erkrankungen PD Dr. med. Johannes Beck Feedback-informierte Therapie Dr. med. Andreas Gschwind Gestalten als Ressource Salome Meli Art brut – wenn Therapie zur Kunst wird lic. phil. I Roger Thiriet Musik als Ressource Christoph Denoth Glaube und Schematherapie Dr. med. Luca Hersberger Kinder psychisch kranker Eltern – die ungehörten Angehörigen PD Dr. med. Dr. phil. Daniel Sollberger Was die Kinder kranker Eltern beschäftigt Brigitte Walser
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264 270 274 278
Erwerbstätigkeit als ein prioritäres Behandlungsziel Dr. phil. Niklas Baer, Psychologe Spannungsfelder in der Betreuung psychisch kranker Menschen – Erfahrungen aus dem beruflichen Alltag Silvia Schenker Zwischen Wiedereingliederung und Arbeitsplatzerhalt Dr. phil. Niklas Baer, Psychologe Vom Kuckucksnest zur ambulanten Wohnbegleitung Martina Saner Genug Pflegepersonal für immer mehr psychisch Kranke? Christina Holzer-Pruss Telemedizin und eHealth – die Zukunft der Psychiatrie? Dr. med. Andy Fischer
CHRONIK KLINIK SONNENHALDE 284 290 295
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Einleitung zur Chronik Dr. theol. Sr. Doris Kellerhals Psychiatrie, Spiritualität und Ethik in der Klinik Sonnenhalde Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer Chronik Die Geschichte der Klinik Sonnenhalde lic. phil. I Regula Schär Wie zwei Monolithen im Park Jürg Toffol, dipl. Architekt ETH SIA Danksagung Dr. med. Anja Oswald, MBA
WIDMUNG
Dieses Buch ist den Diakonissen, den Mitarbeitenden und allen Freunden der Klinik Sonnenhalde gewidmet, die seit dem Jahr 1900 mit ihrer Schaffenskraft, ihrem Engagement und ihrer Hingabe die nachhaltige Weiterentwicklung der Klinik Sonnenhalde ermĂśglicht haben. Dank ihnen allen ist dieser Ort auch heute noch fĂźr viele psychisch in Not geratene Menschen eine heilende Oase des Schutzes, der Kraft, der Hoffnung und des Glaubens.
LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER
Anja Oswald, Dr. med. MBA, studierte Humanmedizin an der Universität Basel
Die Zunahme von psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung wird in den nächsten Jahren eine der grossen Herausforderungen unserer Gesellschaft sein. Nicht nur, dass gemäss einer Prognose der Weltgesundheitsorganisation WHO bis ins Jahr 2030 die Depression in den Industrienationen die häufigste Krankheit mit den meisten verlorenen Lebensjahren sein wird. Psychische Erkrankungen werden gemäss einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD zum Thema «Psychische Gesundheit und Beschäftigung in der Schweiz» auch zunehmend junge Menschen treffen, die aufgrund ihrer Erkrankung unter den aktuell geltenden Arbeitsbedingungen kaum noch in den primären Arbeitsmarkt integriert werden können. Die Auswirkungen auf die Kosten im Gesundheitswesen, auf die Wirtschaft und das soziale Gefüge in der Schweiz sind immens.
und ist ausgebildete Fachärztin FMH für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie sowie Sportmedizin. An der Universität Bern
STIGMATISIERUNG
absolvierte sie das RochesterBern Executive MBA. Seit 2003 ist sie in verschiedenen Ma nagementpositionen, Startups und Projekten im Gesundheitswesen tätig. Von 2011 bis 2014 war sie im Gesundheitsdepartement BaselStadt, unter anderem als stv. Kantons ärztin, angestellt. Heute ist sie Direktorin der Klinik Sonnenhalde AG.
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Auch heute noch versuchen Betroffene möglichst lange, mit ihrer Erkrankung alleine zurechtzukommen, und nehmen oft zu spät Kontakt mit einer ausgewiesenen Fachperson auf – aus Angst vor Ausgrenzung und Jobverlust. Worin ist diese diffuse kollektive Angst begründet? Sind es die überlieferten, teilweise schauerlichen Geschichten aus der Vergangenheit? Oder ist es schlichtes Unwissen darüber, wie sich die Therapie für psychisch kranke Menschen in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt hat? Was bedeutet es denn heute, psychisch krank zu sein? Ist in jedem Fall ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik notwendig? Kann ein betroffener Mitarbeiter dank ambulanter und teilstationärer Therapiekonzepte ausreichend Unterstützung finden, damit er seine Arbeitsstelle nicht verliert? Die beste Medizin gegen Stigmatisierung ist Aufklärung und Wissensvermehrung. Zur Eröffnung unseres neuen Therapie- und Ökonomiegebäudes wollten wir nicht einfach eine Festschrift über die Klinik Sonnenhalde veröffentlichen, die jedem Gast überreicht wird und in Kürze im Archiv oder direkt im Altpapier verschwindet. Wir wollen die Gelegenheit nutzen und die Psychiatrie mit Hilfe eines entsprechend konzipierten Buches facettenreich, mit Fakten, Erfahrungsberichten und Bildern unterlegt, so ansprechend gestalten, dass es zum Hingucken einlädt – und nicht zum Wegschauen, wie dies sonst in der Psychiatrie eher üblich ist.
FINANZIERUNG
Wir möchten aber auch zum Nachdenken anregen und aufwühlen. Das Fachgebiet der Psychiatrie wird immer noch stiefmütterlich behandelt und es scheint, als rutsche es auf der politischen Agenda in Bundesbern immer wieder nach unten. Wohl hat die Schweizerische Gesundheits direktorenkonferenz GDK bereits vor über acht Jahren einen Leitfaden zur Psychiatrieplanung verfasst, und auch dieses Jahr wurde in Erfüllung des Postulats von Philipp Stähelin vom 19. März 2010 (!) ein 57-seitiger Bericht zur «Zukunft der Psychiatrie in der Schweiz» veröffentlicht. Doch konkrete Umsetzungen der auch im Leitfaden zur Psychiatrieplanung erwähnten sinnvollen patientenorientierten Angebote fehlen in Ermangelung der notwendigen Finanzierung noch immer weitgehendst. Die Klinik Sonnenhalde will nicht länger auf die politische Entscheidungsfindung warten und schon heute – trotz der noch unsicheren Finanzierung – in nachhaltige, patienten- und zukunftsorientierte ambulante und teilstationäre Angebote investieren. Entsprechend hat der Verwaltungsrat beschlossen, trotz des unverkennbaren betriebswirtschaftlichen Anreizes bewusst auf eine Erweiterung der Bettenkapazität der Klinik Sonnenhalde zu verzichten. Stattdessen hat er für die Strategiefindung konsequent die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten und die zukünftigen Herausforderungen in der Psychiatrie ins Zentrum seiner Überlegungen gestellt. «Patientenzentrierte Angebote», «Ausbau der integrierten Versorgung», «durchlässige Therapie», «ambulant vor stationär», resp. «ambulant statt stationär», aber auch «Frühintervention» und «Prävention» sind Stossrichtungen, die für Patientinnen und Patienten wertvoll sind.
PIONIERGEIST
Pioniergeist ist der Wille, Wegbereiter einer neuen Entwicklung zu sein. Er setzt Unternehmertum voraus und birgt nicht selten auch ein hohes Risiko. Die Investition in den Neubau entspricht einmal mehr dem traditionellen pionierhaften Denken der Diakonissen. Auch die Klinik Sonnenhalde muss mittelfristig Geld verdienen, um ihre Existenz sichern zu können und um auch in den kommenden 116 Jahren für ihre Patientinnen und Patienten ein Ort des Schutzes, der Heilung, der Hoffnung und des Glaubens sein zu können. Mit dem klaren Ziel vor Augen, etwas Gutes für die in Not geratenen Menschen zu tun und im festen Glauben daran, dass die Entscheidungsträger im Gesundheitswesen dieselben Ziele verfolgen und somit die finanziellen Mittel in Zukunft dorthin gelenkt werden, wo sie am meisten Patientennutzen stiften, geht die Klinik Sonnenhalde mutig den Schritt in Richtung «Stärkung der ambulanten und teilstationären Angebote» voraus.
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STANDORTWAHL
Es ist ein grosses Glück, dass die Diakonissen vor 116 Jahren den Kanton Basel-Stadt und die Gemeinde Riehen als Standort für die erste private Psychiatrieklinik der Region gewählt haben. Denn wenn auch gesamtschweizerisch das Gesundheitswesen nicht recht vom Fleck kommen will, so ist die Region Basel seit Jahrhunderten nicht nur im medizinischen Bereich ein innovativer Ort, der trotz teilweise erheblicher regulatorischer Hürden immer wieder zukunftsweisende Ideen aufnimmt und innovative Projekte zulässt oder gar unterstützt. So ist es auch nicht erstaunlich, dass die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft beabsichtigen, gemeinsam in grösseren Gesundheitsräumen zu denken, um sinnvolle und tragbare Lösungen für die zahlreichen Herausforderungen der Zukunft entwickeln zu können. Dass dabei Innovationen und Pilotprojekte der gemeinnützigen privatwirtschaftlichen Kliniken genauso Unterstützung finden sollen wie jene der öffentlichen Hand, versteht sich von selbst. Aber auch die Gemeinde Riehen hat seit über 100 Jahren dazu beigetragen, dass sich die Klinik Sonnenhalde so erfolgreich weiterentwickeln konnte. Die Zusammenarbeit ist von gegenseitiger Wertschätzung und Unterstützung geprägt. Das jüngste Bauprojekt der Klinik Sonnenhalde hat dies erneut in erfreulicher Weise aufgezeigt.
AUSSTELLUNGSRAUM
In Verbindung mit diesem Buch werden wir ausserdem einen öffentlich zugänglichen, interaktiven Ausstellungsraum auf dem Areal der Klinik Sonnenhalde eröffnen, der einem breiten Publikum die Möglichkeit geben soll, sich ungezwungen über das sonst eher bedrückende Thema Psychiatrie zu informieren. Es ist uns insbesondere auch ein Anliegen, Kinder, Jugend liche und Schulklassen für unsere Ausstellung zu begeistern. Je früher und ungezwungener die nächste Generation in spielerischer Art und Weise mit der Existenz psychischer Erkrankungen konfrontiert und darüber informiert wird, desto schneller verlieren diese ihre Angst einflössende Unheimlichkeit und werden als Erkrankungen wahrgenommen, die jeden von uns treffen können und einen heimlichen Klinikaufenthalt unter Vortäuschen verlängerter Ferien oder eines Sabbaticals unnötig machen. Man kann die Zukunft nur sinnvoll gestalten, wenn man auch die Vergangenheit kennt. In dem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spass beim Lesen dieses mit viel Engagement, Liebe und Leidenschaft geschriebenen und gestalteten Buches.
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VORWORT
Stephan Burla, geb. 1960, studierte in
St. Gallen Ökonomie und promovierte in Basel über Management in Non-Profit-Organisationen. Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Managementberater und in diversen Verwal tungs und Stiftungsräten ist er seit 2015
Geschäftsführer der Medizinischen Notrufzen trale Basel MNZ und seit 2016 Präsident des Verbands Soziale Unternehmen beider Basel
SUbB. Seit 2010 ist Stephan Burla Verwal tungsratspräsident der Klinik Sonnenhalde AG.
Es passt zur Klinik Sonnenhalde, dass dieses Buch nicht zu einem Jubiläum mit runder Jahreszahl erscheint, sondern zur Eröffnung des neuen Therapie- und Ökonomiegebäudes. Zweckmässige und zugleich ansprechende Gebäude an einem schönen Ort – das waren schon für die Gründerinnen wichtige Elemente in ihren Vorstellungen von einer guten Psychiatrie. Es war ihnen die Mühe wert, eine Klinik im Pavillon-Stil zu planen und das dafür geeignete Land von rund 20 Pflanzlandbesitzern zusammenzukaufen. Die vom Architekturbüro Vischer sorgfältig entworfenen Häuser dienten als Gefässe für ein therapeutisches Milieu, das zur Gesundung der Patientinnen wesentlich beitragen sollte. Und die Bezeichnung «Sonnenhalde» ist nicht, wie man meinen könnte, ein alter Flurname, sondern eine vom damaligen Präsidenten des Komitees im Diakonissenhaus bewusst gewählte Benennung. Betriebsareal und Betriebsgebäude – darum handelt es sich ja – dienen aber nicht nur als Räume zum Arbeiten. Darüber hinaus machen sie ein Unternehmen sicht- und greifbar. Nicht zufällig heisst Firma auf Französisch «maison». Der betrieblich wichtige und optisch prominente Neubau spiegelt dementsprechend auch die Entwicklung der Klinik Sonnenhalde. Daher ist seine Einweihung ebenso bedeutend wie ein rundes Jubiläum und damit ein würdiger Anlass für diese Festschrift. Ein Unternehmen ist etwas, das Menschen gemeinsam unternehmen. Die Kommunität Diakonissenhaus Riehen und die Stiftung Bethesda Basel sind nicht einfach Trägerschaften, sondern anspruchsvolle Impulsgeber. Das Vertrauen unserer Patientinnen und Patienten wie auch der zuweisenden Ärztinnen und Ärzte ist die Grundlage unserer erfolgreichen Tätigkeit. Und unsere Mitarbeitenden engagieren sich, um diesem Vertrauen gerecht zu werden. Ihnen allen sei für 116 Jahre Klinik Sonnenhalde herzlich gedankt.
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ZUM GELEIT
Lukas Engelberger, Dr. iur., Advokat, LLM, studierte in Basel und Fribourg Rechtswissenschaften und erwarb 2001 das Anwaltspatent. 2003 bildete er sich am Uni
Die Gründungsgeschichte der Klinik Sonnenhalde reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert. 1897 wurde mit der Planung der «Evangelischen Heilanstalt für weibliche Gemütskranke» begonnen. Zehn Jahre zuvor, also 1887, erregte die 23-jährige Journalistin Nellie Bly grosses Aufsehen mit einem aufwühlenden Bericht über die damaligen Zustände in der amerikanischen Psychiatrie. Für die Zeitung «New York World» begab sie sich «undercover» in die Frauenpsychiatrie auf Blackwell’s Island. Sie deckte gravierende Missstände auf und löste eine öffentliche Diskussion aus.1 Seither hat sich die Psychiatrie enorm verändert. Nichts erinnert heute – am Gänshaldenweg wie auch in anderen psychiatrischen Kliniken – an die schlimmen Zustände, die Nellie Bly aufdeckte. Die Fortschritte, welche die Psychiatrie seither erzielt hat, sind enorm. In wissenschaftlicher Hinsicht, aber noch deutlicher und wichtiger: in menschlicher Hinsicht. Die Klinik Sonnenhalde ist Teil dieses Fortschritts in unserer Region und verdient dafür unseren Dank und unsere Anerkennung.
versity College in London zum LLM weiter. Von 2003 bis 2005 war er als Anwalt, danach bis 2014 als Unternehmensjurist bei F. Hoff mannLa Roche AG tätig. Im August 2014
STELLENWERT DER PSYCHIATRIE UND DEREN HERAUSFORDERUNGEN
wurde Engelberger (CVP) als Regierungsrat und Vorsteher des Gesundheitsdepartements des Kantons BaselStadt gewählt. Er ist im Vorstand der Schweizerischen Gesundheits direktorenkonferenz (GDK) und Mitglied des Beschlussorgans der hochspezialisierten Medizin (IVHSM). Ausserdem präsidiert er die Kommission Vollzug KVG der GDK.
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Die Psychiatrie hat, wie kaum ein anderes medizinisches Fach, in den vergangenen Jahrzehnten eine sprunghafte Entwicklung durchlaufen. Mit exzellenten Bildgebungsmöglichkeiten, molekulargenetischen sowie statistischen Methoden stehen der Medizin vielfältige Möglichkeiten zur Erforschung der Ätiologie, der Pathogenese und teilweise auch schon der Diagnostik zur Verfügung. Vor allem aber sind differenzierte psychotherapeutische Verfahren in allen Bereichen der Psychiatrie entwickelt worden, deren Wirkung durch mittlerweile sehr gute empirische Forschung erwiesen und dadurch entsprechend aufgewertet worden ist. Die Psychiatrie der Nordwestschweiz zeichnet sich durch einen ganzheitlichen, integrativen Ansatz aus, der auf das Wohl des einzelnen Patienten ausgerichtet ist. Diese Entwicklungen bieten grosse Chancen, Patienten mit psychischen Erkrankungen zukünftig noch besser zu diagnostizieren und optimal behandeln zu können. Auch ist, nicht zuletzt demographiebedingt, ein zunehmender Behandlungsbedarf im Bereich psychischer Erkrankungen zu verzeichnen, der in den vergangenen Jahren eine verstärkte gesundheitsökonomische Bedeutung erlangt hat. Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten und die Lebensqualität der Betroffenen am stärksten einschränkenden Erkrankungen unserer Zeit. Sie wirken sich auf alle Lebensbereiche der Betroffenen aus und haben aufgrund ihrer Häufigkeit, ihrer Komplikationen und Folgen eine herausragende klinische, gesundheitspolitische und gesundheitsöko-
nomische Bedeutung. Somit stellen psychische Erkrankungen eine grosse Herausforderung im Gesundheitswesen dar, die eine intensive Zusammenarbeit aller Akteure verlangt, denn die psychische Gesundheit trägt entscheidend zum menschlichen, sozialen und wirtschaftlichen Erfolg einer Gesellschaft bei. Der wachsenden Bedeutung psychischer Erkrankungen muss auch in der Gesundheitspolitik Rechnung getragen werden. Wir sind aufgerufen, dem steigenden Hilfsbedarf psychisch kranker Menschen (Anstieg der Fallzahlen) trotz begrenzter Mittel gerecht zu werden und eine qualitativ hochstehende, evidenzbasierte Versorgung zu garantieren. Dies verlangt weitere Anstrengungen in allen Bereichen, von Forschung über Aus- und Weiterbildung bis hin zur Weiterentwicklung der Tarifstruktur. Entsprechend sind alle Beteiligten gefordert, und zwar je einzeln und in ihrem Zusammenspiel. Dazu muss insbesondere auch die Politik einen Beitrag leisten. Stichworte dazu sind integrierte Versorgung und regionale Zusammenarbeit.
PSYCHIATRIE UND INTEGRIERTE VERSORGUNG
Thomas Weber, dipl. Ing., ist seit 2013 Regierungsrat und Vorsteher der Volkswirt schafts und Gesundheitsdirektion Basel Landschaft. Nach der Matura am Gymnasium
Liestal studierte Weber an der ETH Zürich und erlangte 1987 das Diplom als Bauinge nieur ETH. Sein Berufsweg führte von Forschung und Lehre über Projektierung und Bauausführung in der Privatwirtschaft hin zu öffentlichen Bauherrenfunktionen. Vor seiner Wahl in den Regierungsrat war Weber im Bundesamt für Strassen zuständig für die Nationalstrasseninfrastruktur der Zentral und Nordwestschweiz. Thomas Weber wohnt in Buus, ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Söhnen.
Um den Herausforderungen gerecht zu werden, kommen in der Psychiatrie seit längerem neue Versorgungsansätze wie unter anderem die integrierte Versorgung zum Einsatz. Die integrierte Versorgung zeichnet sich durch eine engere Verzahnung der verschiedenen Behandlungsebenen aus. Mit der integrierten Versorgung wird die Fraktionierung zwischen den Versorgungsbereichen (stationär, ambulant, rehabilitativ) überwunden. Die Grundlage hierfür bildet ein fachübergreifendes Behandlungskonzept. Ärzte in Praxen und Spitälern kooperieren verstärkt miteinander sowie mit Rehabilitationseinrichtungen und nichtärztlichen Leistungserbringern. Besonders bedeutend ist dies für psychisch kranke Patienten, die Leistungen aus allen drei Bereichen beanspruchen. Dies gilt im zunehmenden Masse, je komplexer der Krankheitsverlauf ist beziehungsweise zur Chronifizierung neigt. Wesentliches Ziel dieses Versorgungsmodells ist die Steigerung der Behandlungsqualität und Wirtschaftlichkeit durch eine verbesserte Koordination der Behandlungskomponenten über alle Leistungsbereiche hinweg. Somit ist die integrierte Versorgung angesichts der heutigen und zukünftigen Herausforderungen und Versorgungsanforderungen in Bezug auf psychische Erkrankungen unabdingbar. Viele öffentliche und private Institutionen unserer Region haben sich den neuen Anforderungen gestellt und mit dem Aufbau von Tageskliniken, Spitalambulanzen, ambulanten Versorgungsangeboten – wie unter anderem Wohngemeinschaften, Tagesstätten und arbeitsrehabilitative Massnahmen – das Bild der Psychiatrie nach innen wie nach aussen positiv verändert. Die entsprechenden Hilfen orientieren sich an der Lebenswelt der Patienten, damit erhöht sich deren Chance auf soziale und berufliche Teilhabe. Als positives Beispiel dafür darf, unter anderen, die von beiden Kantonen unterstützte Tagesklinik der Sonnenhalde gelten. Dieses Angebot orientiert sich am Prinzip «ambulant vor stationär» und dient damit dem Patientenwohl ebenso wie einer optimierten Gesundheitsversorgung der Bevölkerung.
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Die Komplexität der Psychiatrie und der damit verbundene hohe Koordinationsbedarf für die notwendige Vernetzung der Leistungserbringer stellen eine hohe Herausforderung dar. Um sich ihr zu stellen, wurde im Jahr 2011 zum Beispiel die Psychiatriekommission Basel eingesetzt, die sich insbesondere für eine gute Zusammenarbeit in der Region mit den entsprechenden Stellen der Nachbarkantone einsetzt, um die psychiatrische Versorgung beider Kantone zu optimieren und eine Plattform für die Koordination aller Dienstleistungserbringer und Betroffenen zu schaffen. Mit Hilfe der Kommission wurden bereits viele gewinnbringende Projekte realisiert. Die Nordwestschweiz verfügt über mehrere hochkompetente psychiatrische Institutionen, die gemeinsam ein hohes Versorgungspotential bilden, das durch geeignete kooperative Massnahmen in Zukunft bestimmt noch weiterentwickelt werden kann.
PSYCHIATRIE UND REGIONALE ZUSAMMENARBEIT
Wandel und Fortschritt müssen weitergehen, nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Gesundheitspolitik. Die Finanzierbarkeit des Gesund heitswesens stösst unter anderem aufgrund der demographischen Entwicklung, des technischen Fortschritts und der steigenden Erwartungen der Bevölkerung an ihre Grenzen. Um die anstehenden Herausforderungen im Gesundheitswesen zu meistern, braucht es vermehrt regionale Kooperationen und den Einbezug aller beteiligten Akteure. Zunächst im Bereich der Akutsomatik wollen Basel-Landschaft und Basel-Stadt mit einem gemeinsamen Projekt hier eine Vorreiterrolle übernehmen. Sie arbeiten an einer vertieften Kooperation über die Kantonsgrenzen hinweg. Denn eine grössere Versorgungsregion bietet Kantonen und Leistungserbringern bessere Möglichkeiten, Kompetenzen und Investitionen zu bündeln, Vorhalteleistungen zu reduzieren und Behandlungsabläufe im Interesse der Patientinnen und Patienten zu optimieren. Als aktuelles Beispiel dafür kann das neue gemeinsame Qualitätsmonitoring der Spitäler in beiden Basler Kantonen erwähnt werden. Die Rolle der öffentlichen wie auch der verschiedenen privaten Anbieter wird dabei gleichermassen respektiert werden.
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Dabei verfolgen die beiden Regierungen folgende übergeordnete Ziele: ∙∙ optimierte Gesundheitsversorgung der Bevölkerung beider Kantone, ∙∙ deutliche Dämpfung des Kostenwachstums im Spitalbereich sowie ∙∙ langfristige Sicherung der Hochschulmedizin in der Region. Gerade der Versorgungsraum Nordwestschweiz ist für eine engere Zusammenarbeit prädestiniert, da die Patientenströme in einer zunehmend mobilen Gesellschaft nicht vor den Kantonsgrenzen Halt machen. Die Region nördlich des Juras entspricht einer sinnvollen Planungsregion. Analysen der beiden Gesundheitsdirektionen haben zudem ergeben, dass die Zusammenarbeit der Spitäler mit vor- und nachgelagerten Leistungserbringern sowie die Verlagerung von stationären zu ambulanten Leistungen Verbesserungspotential hat. Neue Betriebsmodelle und innovative Ansätze zur Leistungserbringung sollen ermöglicht werden.
DANK UND GLÜCKWÜNSCHE AN DIE KLINIK SONNENHALDE
Seit ihrer Gründung im Jahr 1900 leistet die Klinik Sonnenhalde einen bedeutenden Beitrag an die umfassende psychiatrische Versorgung in unseren beiden Kantonen. Sie hat sich im Verlauf ihrer langjährigen Geschichte erfolgreich den sich wandelnden Herausforderungen gestellt. Dabei hat sie sich grosse Verdienste erworben, für die wir ihren Trägern, Mitarbeitenden, Verwaltungsratsmitgliedern sowie Unterstützerinnen und Unterstützern sehr herzlich danken. Die Eröffnung eines neuen Therapie- und Ökonomiegebäudes in Riehen stellt einen wichtigen weiteren Meilenstein in der Entwicklung der Klinik dar. Wir wünschen der Klinik Sonnenhalde, ihren Mitarbeitenden sowie ihren Patientinnen und Patienten, dass das neue Gebäude ihnen ein Haus des Zusammenwirkens und der Zuversicht werde.
LITERATUR 1. Bly N., Zehn Tage im Irrenhaus, Undercover in der Psychiatrie, New York 1887, heraus gegeben und übersetzt von Martin Wagner, AvivA Verlag, Berlin 2014.
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