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Erfolg isch nid alles im Lääbe

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Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

Wickelumschlag.indd 1

Eine Geschichte der Basler Fussball-Fankultur

Das Buch ist eine Hommage an all jene, die mit viel Herzblut und Engagement den FC Basel unterstützen und die Fankultur prägen. Ohne ihre Kreativität und ihre Leidenschaft wäre der FC Basel nicht da, wo er jetzt steht, und nicht das, was er jetzt ist.

Erfolg isch nid alles im Lääbe

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Verschiedene Epochen aus der Geschichte des FC Basel hatten einen identitätsstiftenden Einfluss auf die Fankultur. So prägten die Erfolge der Ära Benthaus, die Gewalt im Stadion und der Abstieg in die Nationalliga B in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren, die sportliche Wiedergeburt in der Ära Gross und die einschneidenden Auswirkungen des 13. Mai 2006 nicht nur den FC Basel, sondern auch die Fankultur der letzten vier Jahrzehnte.

Schwabe

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Die Erinnerungen von Zeitzeugen, von echten und langjährigen FC BaselFans, finden nur selten den Weg in eine breitere Öffentlichkeit. Das Wissen zur Fan kultur wird traditionell mündlich überliefert. Fans, also die Menschen, die diese Kultur leben und gestalten, hinterlassen Spuren – bewusst oder unbewusst. Dieses Buch macht sich auf die Suche nach ihren Spuren. Es ist ein wichtiges Kapitel der sozialgeschichtlichen Erforschung der Basler Gesellschaft und damit auch ein Stück Stadtgeschichte.

Erfolg isch nid alles im Lääbe

FC Basel Fanclub St. Jakob 1975 (Hg.) Schwabe

18.04.16 09:21


Erfolg isch nid alles im Lääbe Eine Geschichte der Basler Fussball-Fankultur

FC Basel Fanclub St. Jakob 1975 (Hg.)

Schwabe Verlag Basel


Inhalt

Aufwärmen

«Fi-fa-fo, Ziri isch k.o.» Seite 7

Anpfiff

Der FC Basel war meine Ersatzfamilie Vorwort von Urs Meier Seite 9

«Erfolg isch nid alles im Lääbe»

«… dass man nicht vergisst, woher man kommt»

Einleitung von Guido Morselli und Benedikt Pfister

Philipp Schrämmli

Seite 11

Seite 69

«Mit Fahne, Faggle, Megafon»

Zürich gegen Basel

Thilo Mangold

Saro Pepe

Seite 19

Seite 81

Gegen Kuttenfans, Neonazis und Hooligans

Der Kindergarten kriegt die Kurve

Benedikt Pfister

Claudio Miozzari

Seite 33

Seite 93

Als ein Italiener den FCB kaufte

Unterwegs in Europa

Philipp Schrämmli

Mike Gosteli

Seite 53

Seite 109

Der Fanclub auf dem Abstellgleis Benedikt Pfister Seite 127

Bildnachweis Seite 137

Autoren Seite 139

Impressum Seite 140


FCB-Fans am Cupfinal vom 18. Mai 1970. Trotz Karli Odermatts Führungstor verliert der FCB gegen Zürich 1:4 nach Verlängerung.


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Aufwärmen

«Fi-fa-fo, Ziri isch k.o.» Ausschnitt aus einem Bericht von Erwin Hänggi in der Zeitung Sport zur Meisterfeier 1970 des FC Basel. Abgedruckt im Cluborgan des FC Basel vom Juni 1970, S. 186–188. Das «Hello Goodbye à la bâloise», wie man den orkanartig anschwellenden Gesang der Anhänger des neuen und alten Meisters nennen könnte, wird noch lange in den Ohren der Einwohner Wettingens dröhnen. Der bereits lange vor Matchbeginn angestimmte Song erreichte seinen Höhepunkt ganz am Schluss, als Nationalliga-Vizepräsident Kimche den Meisterpokal Odermatt übergab. Und da konnte selbst das Spezialaufgebot des Ordnungsdienstes die mit blau-roten Mützen, Fahnen und Schirmen ausgerüsteten Basler Fans nicht mehr zurückhalten, ja beinahe wäre noch die sich im Untergeschoss der Tribüne befindliche Kabine des FC Basel gestürmt worden. Dort herrschte ein Durcheinander, wie man es sich kaum vorstellen kann: Jeder Photograph – 20 vielleicht – wollte das beste Bild knipsen, die Spieler mussten auf die Bänke steigen, halbnackt, und während sich die ersten – jetzt ebenfalls singend – bereits unter der Dusche befanden, machte der Pokal weiterhin die Runde. Aber ebenso befriedigt, wie die Basler Spieler unter der Brause standen, wanderten die Anhänger gegen den Bahnhof, um einen der beiden Meisterexpresse zurück in die Rheinstadt zu besteigen, nicht ohne sich zuerst noch in einem Restaurant mit der nötigen Tranksame einzudecken! Auch andere typische Basler Einfälle waren zu beobachten: Auf einem Auto leuchtete – ähnlich einem Taxi – eine blau-rote Laterne auf dem Dach, ein Mini-Motorradfahrer hatte sein Lederkostüm mit FCB-Abzeichen verziert und führte zudem eine im Vergleich zu seinem Vehikel immense Fahne mit sich, und ein kleines Grüppchen Mädchen brachte der Mannschaft ein Ständchen auf Basler Art: Ihre ‹Aeschlemer› erinnerten an die schönsten Fasnachtszeiten. Dass der Empfang der Mannschaft am Sonntagmittag zu einem Chaos ausarten würde, war befürchtet und erwartet worden. Auf einem von vier Pferden gezogenen Bierbrauerwagen hatten die erfolgreichen Spieler und Reserven Platz genommen, nachdem sie ihren Car – von ihrem Wettinger ‹Hauptquartier› Brestenberg herkommend – vor der Peter-Merian-Brücke verlassen hatten. Ein wahrer Triumphzug hatte sich formiert, voran die Trommler und Pfeifer der VKB, die Klubleitung in Privatwagen und die Mannschaft auf ‹ihrem› Bierwagen. Die Freie Strasse war bevölkert wie an einem Morgestraich, und auf dem Marktplatz hatte sich ‹tout Bâle› versammelt. Es waren nicht nur die Fans, sondern ganze Familien, die ihrer Mannschaft die Reverenz erweisen wollten, und irgendwo im fünften Stock wurden riesige FCB-Fahnen geschwungen. Man schätzte eine Menge von 20 000 Personen in der Stadt, die wegen des freudigen Anlasses zudem noch ein Platzkonzert der Knabenmusik hören konnten. Wie üblich erschien die Mannschaft auf der Terrasse des ‹Baslerstab› und zeigte unter dem unvorstellbaren Jubel den Pokal. Jeder wollte einfach dabei sein, denn der Erfolg der Benthaus-Elf war auch sein Erfolg, und man wusste es ja schon lange: «Mir glaube nit an Gaischter, dr FCB wird Schwizer Maischter», sang man bereits vor mehreren Wochen, und um noch einige irgendwo aufgeschnappte Verse von Basler Matchbesuchern anzuführen: «Wettige het kei Chance, ’s sin jo alles Oschterhaase», oder «’s Bähnli macht e Ränggli, und dr Kunz, dä risst es Flänggli, Oodermättli, Oodermättli, schiess e Gööli unters Lättli», und man dachte sogar noch an die geschlagenen Gegner mit «Fi-fa-fo, Ziri isch k.o. ». Viele Basler waren am Samstag und Sonntag zwar ebenfalls k.o., aber aus einem anderen Grund: Vom Blau-rot verlor man allmählich die zweite Farbe, so dass nur noch eine blaue Kappe oder Fahne übrig blieb …


Fotos oben links und Mitte: Urs Meier als Jugendlicher in WĂźrenlos.


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Anpfiff

Der FC Basel war meine Ersatzfamilie Vorwort von Urs Meier An meine erste Begegnung mit dem FC Basel erinnere ich mich noch gut. Als 10-jähriger Junge aus Würenlos besuchte ich am 30. Mai 1970 das Spiel FC Wettingen – FC Basel auf der Altenburg. Der FCB mit den Spielern Michaud, Odermatt, Hauser, Sundermann und Benthaus schoss sich mit einem 5:0-Sieg zum Meistertitel. Der FC Wettingen stieg nach einem­ Jahr in der höchsten Liga wieder in die Nationalliga B ab. Deswegen besuchte ich in der nächsten Saison ein Spiel der Grasshoppers gegen den FCB auf dem Hardturm. Die Begeisterung und die Gesänge der FCB-Fans faszinierten mich und liessen mich nicht mehr los. Ich kaufte mir eine FCB-Mütze und eine rotblaue Fahne. Mein Herz schlug für den FCB. Auf den Zugreisen nach Basel zu den Spielen im Joggeli lernte ich schnell andere FCB-Fans aus meiner Region kennen. Über einen Freund stiess ich zu jener Clique, die 1975 den Fanclub St. Jakob gründete. Ihm gehörte ich seit der Gründung auch an. Der FCB wurde für mich schnell mehr als nur ein Fussballclub. Da sich meine Eltern früh getrennt hatten, war er mit seinen Fans bald eine Art Ersatzfamilie. Der Besuch der FCB-Spiele war mir so wichtig, dass ich meine eigene Konfirmationsfeier vorzeitig verliess, um rechtzeitig mit dem Zug nach Basel an ein Spiel reisen zu können. Beim Fanclub St. Jakob war ich vor allem als Spieler aktiv. Ich erinnere mich sehr gut an die Fanclub-Europameisterschaft, die im April 1977 in Karlsruhe stattfand. Wir spielten gegen Austria Salzburg um den dritten Platz. Das Spiel fand im Wildparkstadion statt, und wir verloren unglücklich 0:1. Im Fanclub herrschte eine gute Freundschaft. Einmal nahmen wir uns vor, von Basel nach Bern zu Fuss zu einem Spiel zu laufen. Der Weg führte uns über den Weissenstein nach Solothurn. Dort entschieden sich die meisten, mit dem Zug weiterzufahren. Wir waren noch eine Handvoll Mitglieder, die weiter nach Bern wanderten. Dort angekommen, legten wir uns erschöpft in einem Park schlafen und verpassten deshalb beinahe das Spiel. Als ich 1977 als Schiedsrichter zu arbeiten anfing, sagte ich mir, dass ich mich vom FCB ‹entlieben› müsse. Ich besuchte nun nicht mehr regelmässig das Joggeli, sondern ging nach Zürich an Spiele der Grasshoppers und des FC Zürich. Ich hörte wegen meiner Schiedsrichtertätigkeit auf, FCB-Fan zu sein. In der Saison 1989/90 stiess ich in der Nationalliga B als

Schiri zum ersten Mal wieder auf den FCB. Ich war unsicher, was passieren würde, wenn ich den Rasen im Joggeli betreten und Richtung Muttenzerkurve laufen würde, wo ich als FCB-Fan immer gestanden hatte. Ich sagte mir, dass ich, sollte ich noch rotblaue Emotionen spüren, kein Spiel des FCB pfeifen dürfe. Es kam anders. Es waren keine Emotionen mehr da. Ich pfiff in den folgenden Jahrzehnten unzählige Spiele mit FCB-Beteiligung. Meine Vergangenheit als FCB-Fan war während meiner Aktivzeit als Schiedsrichter nie ein Thema. Im­­ Gegenteil. Viele Fussballfans in der Schweiz hielten mich für einen GCZ-Fan. Würenlos liegt eben näher­ bei Zürich als bei Basel. Vor allem aber waren die Grasshoppers in den 1990er-Jahren das beste und erfolgreichste Team der Schweiz. Damals war immer wieder die Rede von einem Schiedsrichterbonus für die Zürcher, und mir wurde eine Nähe zu GCZ unter­ stellt. Das ist natürlich Blödsinn. Genauso wie der Vorwurf, die Schiedsrichter würden heute den FCB bevorzugen. Ich kann mir allerdings schon vorstellen, dass in den 1970er-Jahren die Schiedsrichter von der Energie und der Stimmung der FCB-Fans beeindruckt gewesen sind. Ich war es auf jeden Fall. Urs Meier (* 1959) ist einer der bekanntesten Schweizer Schiedsrichter. 1977 begann er seine Karriere in Schwarz, pfiff 1991 sein erstes Nationalliga-A-Spiel und war seit 1994 als FIFASchiedsrichter unterwegs. 2002 wurde zu einem Jahr der Höhepunkte: Am 15. Mai leitete Urs Meier den Champions-League-Final Real Madrid – Bayer Leverkusen (2:1) und an der Weltmeisterschaft pfiff er unter anderem den Halbfinal Deutschland – Südkorea (1:0). Zwei Jahre später, am 11. Dezember 2004, leitete Meier – nach 213 Partien in der höchsten Schweizer Liga – sein letztes Spiel. Es war ein Spiel des FC Basel. Vor 23 650 Zuschauern im St. Jakob-Stadion trennten sich der FCB und der FC Thun 3:3. Nach seinem Rücktritt als Schiedsrichter war Urs Meier unter anderem als Experte für das ZDF tätig.


«… denn bi Sunne und bi Räge, stehn mir uff dr FCB.» FCB-Fans im nassen Joggeli am 28. Juni 1980 beim Spiel gegen Servette (2:0).


«Erfolg isch nid alles

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im Lääbe» Einleitung von Guido Morselli und Benedikt Pfister

«Im Sport schaut keiner rückwärts. Nur vorwärts. Gestern war – morgen ist. Mit solchen Gedanken kann man gut in die Zukunft schauen [...] und sich selber nicht allzu wichtig nehmen», sagte Bernhard Heusler, Präsident des FC Basel, 2015 in einem Interview mit der Basler Zeitung. 1 Der Erfolg von gestern zählt nichts. Immer höher, schneller und weiter, heisst die Devise. Bernhard Heusler, vom Journalisten -minu als eine «Mischung aus Munatius Plancus und Mamma Basilea» bezeichnet, sieht im Vorwärtsschauen die Chan­ce, demütig zu bleiben und aufgrund des Erfolgs nicht träge zu werden. Wir wagen ihn dennoch: den Blick zurück.

1 «Ich spiele nicht vor», Artikel von -minu über Bernhard Heusler in der Basler Zeitung vom 18. Juli 2015, S. 2.


Guido Morselli, Benedikt Pfister

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Eine Hommage an die Fans und den Verein Es ist unüblich für einen Fussball-Fanclub, ein historisches Buch herauszugeben. Es sind vor allem zwei Gründe, die den Fanclub St. Jakob dazu bewogen haben, einen Blick auf die Geschichte der Basler Fussball-Fankultur seit 1975 zu werfen. Bei den Vorbereitungen für das 40-Jahr-Jubiläum des Fanclubs im Jahr 2015 reifte im Vorstand der Entschluss, etwas Nachhaltiges auf die Beine zu stellen. Die aktuelle Verfassung des Fanclubs spielte bei diesen Überlegungen eine entscheidende Rolle. Im Gegensatz zu den FCB-Fanclubs in ländlichen Gebieten kämpfen jene in der Stadt mit grossen Nachwuchsproblemen. Die Zukunft des Fanclubs St. Jakob steht deshalb in den Sternen. Die nächsten Jahre werden sicher keine einfachen sein. Im St. Jakob-Stadion leisten die Mitglieder des Fanclubs heute – im Gegensatz zu den Gründungsjahren – kaum mehr einen aktiven Beitrag zur Fankultur. Selbstkritisch müssen wir festhalten, dass sie sich von aktiven zu mehrheitlich konsumierenden Fans verändert haben. Mit dem vorliegenden Buch möchte der Fanclub St. Jakob deshalb einen bleibenden Beitrag zur Basler Fussball-Fankultur leisten und damit dem FC Basel und seinem Umfeld etwas zurückgeben für die vielen schönen Momente und intensiven Emotionen, die er den Menschen in den letzten Jahrzehnten ermöglicht hat. In erster Linie aber möchte der Fanclub St. Jakob mit dem vorliegenden Werk einen Beitrag zur Erforschung der Basler Fussball-Fankultur leisten. Die Erinnerungen von Zeitzeugen, von echten und langjährigen FCB-Fans finden nur selten den Weg in eine breitere Öffentlichkeit. Das Wissen zur Fankultur wird traditionellerweise mündlich überliefert. Man stellt fest, dass die eigene Erinnerung an bestimmte Geschichten nur noch schwach ist oder dass man dabei von den schriftlichen und audiovisuellen Medien beeinflusst wird. Fans, also die Menschen, die Fankultur leben und gestalten, hinterlassen Spuren – bewusst oder unbewusst. Eine Auseinandersetzung mit Fankultur macht sich auf die Suche nach diesen Spuren. Sie ist ein wichtiges Kapitel der sozialgeschichtlichen Erforschung einer Gesellschaft. Ein Werk zur Fussball-Fankultur ist deshalb – gerade in Basel – auch ein Stück Stadtgeschichte.

Was ist Fankultur? ‹Fankultur› ist ein relativ neuer Begriff. Sowohl die Fans als auch Aussenstehende reden von Fankultur, wenn sie Rituale, Sitten, Werte und Verhaltensweisen von Fussballzuschauern beschreiben. Im Zusammenhang mit der Vergabe der Fussball-Europameisterschaft 2008 an die Schweiz und Österreich tauchte in den Stadien der Slogan «Kommt die EM – geht die Fankultur» auf. Die Fans wehrten sich erfolglos dagegen, dass von ihnen gepflegte Sitten – etwa der Gebrauch von Pyromaterial – und damit auch sie selber kriminalisiert wurden. Die Bezeichnung ‹Fan› stammt aus dem Lateinischen. ‹Fanaticus› bedeutet ‹begeistert›, ‹schwämerisch›, aber auch ‹rasend›, von ‹einer Gottheit besessen›. «Das Fan-Sein scheint folglich etwas zu sein, das uns einerseits ganzheitlich emotional und hinsichtlich unserer eigenen Identität erfasst, andererseits angesichts seiner inhaltlichen Orientierung an etwas gebunden ist, das für uns reizvoll, verehrenswert und von besonderem, höheren Wert ist»,2 schreibt Gabriel Duttler.

2

Gabriel Duttler, Fussballfans – Kernthemen und theoretische Bezüge, in: Martin Lames, Otto Kolbingero et al., Fussball in Forschung und Lehre – Beiträge und Analysen zum Fussballsport, Hamburg 2015, S. 38.


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Kultur ist derweil ein Begriff, der unterschiedlich definiert werden kann. Die Kulturwissenschaft beschäftigt sich mit einer Vielzahl mensch­ licher Gestaltungs- und Verhaltensweisen, die nichts mit einem elitär-künstlerischen Kulturbegriff zu tun haben müssen. Nicht alles muss Kunst im engeren Sinne sein, um für eine kulturwissenschaftliche Betrachtung interessant zu sein – ganz im Gegenteil. Auch Fussballfans kann ein solches ­Interesse zuteilwerden Fans und ihre Gruppierungen sind sehr vielseitig. Konsequenterweise müsste man von verschiedenen Fankulturen sprechen. Natürlich sind Fankultur und die Geschichte der Fankultur so vielgestaltig wie die Menschen, die sie formen. Es ist schon unmöglich, auch nur die Basler Fans vollständig oder in einer einzig richtigen Form zu ergründen. Jede Darstellung ist partiell und kann nur einem Teil der subjektiven Wahrnehmungen aller Zeitzeugen entsprechen. Auch die Wissenschaft unterscheidet mehrere Fankategorien: Da gibt es die konsumorientierten Fussballfans (auch als Kategorie A bezeichnet), also die ‹normalen› Matchbesucher. Die fussballzentrierten Fussballfans (Kategorie B) sind dagegen vor allem in den aktiven Fankurven zu finden. Die erlebnisorientierten Fussballfans (Kategorie C) schliesslich sind gewaltbereite Zuschauer. Dass die Übergänge zwischen den Kategorien fliessend sein können, ist naheliegend. Im vorliegenden Buch wird bewusst auf sie verzichtet. Die Autoren reden von Sitzplatzfans, Ultras und Hooligans. Der Fanclub St. Jakob ist der älteste aktive Fanclub der Schweiz. Im Jahr 1975 war die Gründung eines Fanvereins etwas Neues und Ungewohntes. Nach und nach wurde es üblich, dass Fanclubs, die dies anstrebten, vom FC Basel eine offizielle Anerkennung erhielten. Die meisten Gruppierungen, die in den vergangenen Jahren in der Basler Fankurve, der sogenannten Muttenzerkurve, den Ton angaben, verzichten jedoch bewusst auf die mit einer offiziellen Anerkennung einhergehenden Verpflichtungen. In Basel setzt sich die Fanszene entsprechend aus zahlreichen offiziellen und inoffiziellen Fanclubs zusammen. Gemeinsam prägen sie das Bild des FC Basel – im Positiven wie im Negativen – mit. Der Basler Schiedsrichter Gottfried ‹Godi› Dienst sagte dazu in einem Interview mit dem Cluborgan des Fanclubs St. Jakob: «Fanclubs gehören zu einem Verein wie Salz und Pfeffer zu einem guten Essen.» 3

3 Cluborgan des Fanclubs St. Jakob, Dezember 1990, S. 14.

Einleitung


SW-Bild Mitte: Fahnenmeer der FCB-Fans beim Cupfinal 1973 in Bern (FCZ–FCB 2:0).


Guido Morselli, Benedikt Pfister

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Zeitzeugen als wichtige Quelle Man kann ein Essen versalzen. Zu viel Pfeffer brennt im Rachen. Eine echte Auseinandersetzung mit Fussball-Fankultur kommt deshalb an schwierigen, unschönen Themen wie Gewalt und Rassismus nicht vorbei. Es ist dem A ­ utorenteam gelungen, die Vielseitigkeit der Fankultur mit ihren positiven wie negativen Facetten darzustellen. Die Herangehensweise folgt wissenschaftlichen Regeln, die getätigten R ­ echerchen sind in den Texten spürbar. Durch die von den Autoren angewandten Methoden der Zeitzeugen-Interviews und der teilnehmenden Beobachtung wird eine teilweise fast intime Annäherung an die Fussball-Fankultur in Basel erreicht. Alle Autoren waren oder sind Stadiongänger – und alle sind männlich. Die Netzwerke im Fussball sind leider immer noch stark von Männern dominiert. Der Soziologe Thilo Mangold analysiert in seinem Beitrag «Mit Fahne, Faggle, Megafon» die Stil- und Kommunikationsmittel der Muttenzerkurve. Diese Mittel sind Wesensmerkmal einer Fussball-­Fankultur. Mangold gelingt es, der Leserin und dem Leser ein Gespür dafür zu vermitteln, wie Fankultur funktioniert und wie sie gelebt wird. Der Historiker Benedikt Pfister beleuchtet in «Gegen Kuttenfans, Neonazis und Hooligans» die Entwicklungen der Fankultur von den 1970er-Jahren bis in die 1990er-Jahre. Dabei spielte der Fanclub St. Jakob und die ­Typologisierung der Fans in ‹Kuttenfans› oder ‹Hooligans› eine wichtige Rolle. Der FC Basel durchlief zur Gründungszeit des Fanclubs St. Jakob grosse Veränderungen. Der Philosoph und Journalist Philipp Schrämmli wirft im Beitrag «Als ein Italiener den FCB kaufte» einen Blick auf die Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fussballvereins und geht der Frage nach, wie diese Entwicklung die Fanszene beeinflusst hat. In «… dass man nicht vergisst, woher man kommt» stellt Schrämmli jene Zeit in den Mittelpunkt, die für eine ganze Fangeneration identitätsstiftend geworden ist. Die Zeitzeugenaussagen zur schwierigen Phase des FC Basel in der damaligen Nationalliga B machen eine Epoche erlebbar, in der Meistertitel und internationale Spiele unvorstellbar weit weg waren. Saro Pepe, Archivar und Leiter des FC-Zürich-Museums, geht im Beitrag «Zürich gegen Basel» auf die Suche nach dem Ursprung der Rivalität zwischen den beiden Clubs. Pepe beschreibt, wie diese Rivalität nicht nur mit den Fäusten, sondern auch in einem kreativen Wettkampf mit Choreografien auf den Rängen ausgetragen wurde und wird. Der Historiker Claudio Miozzari recherchierte für den Beitrag «Der Kindergarten kriegt die Kurve» die Basler Besonderheiten beim Entstehen der von Italien inspirierten ultraorientierten Fanbewegung. Dabei konnte er ein Spannungsverhältnis zwischen den verschiedenen Fangenerationen beobachten. Für «Unterwegs in Europa» sammelte der Historiker Mike Gosteli viele überraschende Anekdoten zu internationalen Spielen des FC Basel. Er machte sich dabei auf die Suche nach Spuren, die Fans bei diesen Spielen hinterliessen. In «Der Fanclub auf dem Abstellgleis» gibt Benedikt Pfister einen Innenblick in das Vereinsleben des Fanclubs St. Jakob. Er beschreibt dessen Eigenheiten und stellt die grundsätzliche Fragen: Ist der Fanverein generell ein Auslaufmodell? Obwohl die Autoren nicht den Auftrag hatten, sich mit den sportlichen Erfolgen des FC Basel auseinanderzusetzen, ist eine wesentliche Erkenntnis des Buches, dass verschiedene Epochen aus der Geschichte dieses Fussballvereins identitätsstiftenden Einfluss auf die Fankultur hatten und haben. Die Erfolge der Ära Benthaus, die Gewalt im Stadion und der Abstieg in die Nationalliga B, die sportliche Wiedergeburt in der Ära Gross und die einschneidenden Auswirkungen des 13. Mai 2006 prägten nicht nur den FC Basel, sondern auch die Fankultur der letzten vier Jahrzehnte.


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Einleitung

Erfolg isch nid alles im Lääbe Dieses Buch ist eine Hommage an all jene, die mit Herzblut und Engagement den FC Basel unterstützen und die Fankultur prägen, in erster Linie die Fans der Muttenzerkurve. Ohne ihre Kreativität und ihre Leidenschaft wäre der FC Basel nicht da, wo er jetzt steht, und nicht das, was er jetzt ist. 1970 schrieb ein Schwesternpaar aus Tenniken dem FC Basel in einem Brief: «Was machen auch ‹Tränen› nach einer unglücklichen Niederlage, wir weinen sie gerne für Euch; sie werden ja überstrahlt durch Stunden des Glücks nach Euren phantastischen Siegen, die unsere Fussballerherzen himmelhoch jauchzen lassen.» 4 Heute singt die Muttenzerkurve: «Erfolg isch nid alles im Lääbe, wenn’s schlächt goht, sin mir mit drbi. FCB-Fan kasch nid wärde, FCB-Fan das muesch si.»

Fankultur bewegt – Dank an viele, die uns unterstützt haben Einige statistische Angaben zum FC Basel ergänzen den Textteil. Oliver Abt hat diese für das Buch zusammengetragen. Er und das Team von joggeli-gallery.ch stellten zusätzlich zahlreiches Bildmate-­ rial für das Buch zur Verfügung. Weiteres Bildmaterial und Unterlagen kamen von Renato Borner, Glanzi, Martin Koch, Peter Schmid, Esther Wentz, Kurt Wernli und Dirk Ziesemer. Herzlichen Dank ihnen allen für diese Unterstützung. Dem FC Basel gebührt Dank für die Einsicht in das Vereinsarchiv im Staatsarchiv Basel-Stadt. Ein Dank geht an die Teams des Staats­ archivs Basel-Stadt und des Ringier Bildarchivs im Staatsarchiv Aargau für die wertvolle Beratung und Hilfe bei der Recherche. Für die sorgfältige Mitarbeit bei der inhaltlichen Überprüfung der Texte und für die Gespräche danken wir André Frossard, Hasi, Oliver Hungerbühler und David Käser. Dieter Bopp danken wir für die themengerechte Gestaltung. Dem Schwabe Verlag gebührt Dank für die Bereitschaft, ein Buch zu diesem Thema in sein Programm aufzunehmen, und für das umsichtige Lektorat. Dieses Buch wäre nicht möglich geworden ohne die grosszügige Unterstützung unter anderem des Swisslos-Fonds Basel-Stadt, des Swisslos-Fonds Basel-Landschaft, der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft, der Union Rotblau und der Ernst Göhner Stiftung.

4 Cluborgan des FC Basel vom Juni 1970, S. 201.


FCB-Fans beim Abbrennen von Leuchtfackeln in der Muttenzerkurve im April 1996.


«Mit Fahne, Faggle,

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Megafon» Thilo Mangold

Das Selbstverständnis einer Fanszene manifestiert sich in ihrer Kommunikation und durch ihre Kommunikation. Formen und Inhalte wandeln sich stetig, ermöglichen Identifikation oder Abgrenzung. Sprechchöre, Internetforen oder Fanzines prägen und prägten auch die Basler Fussball-­ fankultur – verstärkt, weil zunehmend organisiert, seit den 1970er-Jahren und mit den in dieser Zeit aufkommenden Fanclubs. Eine persönlich eingeleitete Tour d’Horizon durch die Stil- und Kommunikationsmittel der Muttenzerkurve, die in summa deren Mythos prägen.


Thilo Mangold

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Unsere erste Fahne haben wir ¹ 1993 gebastelt. Es war der Versuch, mit Freunden das FCB-Vereinswappen auf ein altes Leintuch zu sprayen. Die Nachbarin, eine fussballferne Graffiti-Künstlerin, formierte die drei Buchstaben des Clubkürzels nicht ganz so wappengetreu, wie wir uns das vorgestellt hatten. Trotzdem montierten wir das Laken fortan regelmässig auf dem Bahndamm. Wir waren Primarschüler und schafften es dank unserer Fahne schon bald als Bildmotiv in die Basler Zeitung und später auf die Umschlaginnenseite eines FCB-Buches. Die Fahne war unsere erste greif- und sichtbare Kommunikation als Fussballfans. Dafür mussten wir uns erstens selber als FCB-Fans begreifen, wir mussten uns zweitens als FCB-Fans zu erkennen geben wollen, und gaben uns drittens auch tatsächlich als FCB-Fans zu erkennen. Dass sich unser Manifest via Printmedien multiplizieren würde, konnten wir nicht ahnen. Dass einer von uns in Aarau Stadionverbot für ein falsches Billett erhielt, war uns Anlass genug, 2007 noch einmal ein Leintuch zu besprühen. «Freiheit für T[...]» stand darauf, halb Persiflage auf die Kodizes der Ultras, ² halb verbittertes Statement zu der in unseren Augen zunehmenden Kriminalisierung von Stadiongängern. Zwischen den beiden Leintüchern haben wir noch Verschiedenes aufgehängt und geschwenkt: im schulischen Handarbeitsunterricht gefertigte Kleinfahnen, gestohlene Genussmittel-Werbebanner, Schals. Wir warfen selbergerissene Fötzeli und klatschten im Rhythmus der Gesänge. Wir trugen FCB-Leibchen und hielten Choreografie-Blätter in die Höhe. Wir haben Fanzines in knapp zweistelliger Auflage produziert – mal anlässlich eines Cupfinals mit Mani-Matter-Liedtexten, Zeichnungen und viel Nonsens, mal anlässlich eines Weihnachtsessens mit Europakarte, Kreuzworträtsel und viel Nonsens. Einmal rasierten wir für einen Match in Schaffhausen unsere Koteletten wie der ehemalige Spieler Jean-Pierre La Placa. Natürlich agierten wir bei all dem nicht kommunikationswissenschaftlich, wir dachten nicht daran, unser Tun fankulturell einzuordnen. Oft sind wir dabei nicht einmal als Fans erkennbar gewesen, haben uns manchmal selber nicht als Fans identifiziert, haben uns bewusst distanziert, waren maximal Fussballreisende, höchstens Stadiongänger. Aber rückblickend haben wir – zum Teil unbewusst – fast die gesamte Bandbreite fussballkultureller Kommunikationsformen miterlebt.

1

«Wir», das sind der Autor und s­ eine ­ über die Jahre teils wechselnden Begleiter­– «wir» kann aber auch eine beliebige ­Gruppe Fussballinteres­-­ sierter sein.

2  «Freiheit für XY» ist eine gängige Formulierung auf Spruchbändern für Personen mit Stadionverbot.


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