Tréfás
Die Basler Medienlandschaft hat sich in den letzten Jahren tief greifend verändert. Die Übernahme der einzigen grossen Tages zeitung Basler Zeitung durch eine politisch motivierte Gruppe im Jahr 2010 sorgt seither für viel Diskussionsstoff. Dabei stehen die Ereig nisse nicht allein in der Basler Geschichte. Trotz bescheidenen Vor läufern kann man in Basel erst ab 1831 von einer politischen Presse sprechen. Eigentlicher Auslöser für die Herausbildung einer moder nen politischen Öffentlichkeit war die sich anbahnende Kantons trennung. Damals gründete Ratsherr Andreas Heusler seine Baseler Zeitung, um den städtischen Standpunkt in den Auseinandersetzun gen mit den ländlichen Kantonsteilen in die entstehende Schweizer Öffentlichkeit zu tragen. Die Gegenseite tat es ihm gleich. Im Verlauf der folgenden Jahrzehnte gründeten immer mehr politische Gruppie rungen ihre eigene Zeitung. Politiker aller Couleur versuchten, über Medien Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen, und Redak teure nutzten ihre Zeitung, um politisch aktiv zu werden. Dabei kam es auch immer wieder zu feindlichen Übernahmen wie beispiels weise 1872 und 1902 bei den Basler Nachrichten. Neben dem poli tischen Wandel war die Basler Medienlandschaft seit jeher von wirt schaftlichen und technischen Veränderungen geprägt. Jedoch erst nach 1977 kam es im Zuge der Fusion der Basler Nachrichten mit der National-Zeitung in Basel zu einer beispiellosen Medienkonzentration, während die Milieuzeitungen ihr Erscheinen einstellen mussten. Das Jahr 2010 markiert die Rückkehr zur politisch motivierten Presse und das Ende einer Periode, in der unternehmerisches Denken vor herrschte.
Kleine Basler Pressegeschichte
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David Tréfás
Kleine Basler Pressegeschichte I S B N 978-3-7965-3519-2
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 535192
P U B L I K AT I O N E N D E R U N I V E R S I TÄT S B I B L I O T H E K B A S E L
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Publikationen der Universitätsbibliothek Basel Band 43
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David Tréfás
Kleine Basler Pressegeschichte
Schwabe Verlag Basel
Gedruckt mit Unterstützung der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft, des Freiwilligen Museumsvereins Basel und der Ernst Göhner Stiftung
Copyright © Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung auf dem Umschlag: Ein Abstimmungssonntag um vor dem Stammhaus der Basler Nachrichten. Foto: Lothar Jeck Layout und Satz: post scriptum, www.post-scriptum.biz Druck: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN ---- rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I.
Die Entstehung einer Basler Öffentlichkeit . . . . . . . . . . .
II.
Der Beginn der politischen Presse in den er Wirren
III. Die Basler Presse wird schweizerisch – . . . . . . . IV.
Die Ära der Parteipresse – . . . . . . . . . . . . . . . . .
V.
Der Zweikampf von National-Zeitung und Basler Nachrichten – . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
VI. Das Zeitalter des Radios – . . . . . . . . . . . . . . . . . VII. Die Basler Zeitung und ihre Herausforderer – . . . VIII. Der Verkauf der Basler Zeitung – . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Abb. «Zytigsma» der National-Zeitung im März . Foto: R. Habegger.
Einleitung «Monopolbildung»! (Doppelstab) «Tiefschlag gegen Pressefreiheit»! (AZ), «Pressemonolith»! (Neue Zürcher Zeitung): Der Aufschrei anlässlich der Fusion von National-Zeitung und Basler Nachrichten zur Basler Zeitung im Jahr wurde in Basel, der Schweiz, aber auch im Ausland mit Besorgnis verfolgt. Die Medienvielfalt schien auf einen Schlag einem Medienimperium geopfert worden zu sein, das den Basler Markt austrocknete und sich in die Schweiz ausbreitete. Die damit gewollte Erlangung der Marktführerschaft wurde zumindest in der Region erreicht, doch resultierte daraus noch lange keine Meinungsführerschaft. Durch die faktische Monopolbildung angeregt, begannen andere Verleger, Journalisten, Drucker und Werbefachleute, ihre eigenen Produkte herzustellen und um die Gunst der enttäuschten Leserinnen und Leser zu buhlen. In den er Jahren war es beispielsweise das Lokalradio Radio Basilisk, das ein Gegengewicht zur Allmacht der Basler Zeitung bildete – ein Augenzwinkern der Geschichte, blättert man zum Anfang der Basler Pressegeschichte zurück. Damals, , hiess die erste politische Zeitung, die in der Stadt erscheinen durfte, Baseler Zeitung und war das Monopolblatt der kleinen herrschenden Elite. Ihr Ziel war vor allem die Meinungsführerschaft inmitten der Basler Wirren, die zur Abspaltung des Kantons Basel-Landschaft von der Stadt führten. Als erster Opponent in Basel-Stadt gesellte sich ein Blättchen namens Basilisk hinzu. Immer mehr Oppositionsblätter arbeiteten sich am Monopolisten ab, bis der Baseler Zeitung der Rang abgelaufen war. Ähnliche Vorgänge lassen sich in der -jährigen Geschichte der Basler Medienlandschaft immer wieder beobachten. Trotz der aktuellen Auseinandersetzungen um die Presse ist von ihrer Geschichte wenig bekannt. Auch in der Geschichtsforschung ist die Pressegeschichte im Gegensatz zur Geschichte des Buchdrucks noch untervertreten. Karl Weber in den er, Roger Blum in den er und Walter Rüegg in den er Jahren haben viel zur Presse
geschichte Basels beigetragen, und in jüngster Zeit haben mehrere Journalisten Bücher zur Übernahme der Basler Zeitung im Jahr verfasst. Eine eigentliche Monografie zur Basler Pressegeschichte fehlt aber bisher. Auch dieses Buch ist nur eine «kleine» Pressegeschichte. Zu vieles ist noch unerforscht, zu vieles noch Stückwerk, einige Zeitungen vermutlich noch nicht wiederentdeckt. Presse wird in diesem Buch begriffen als Zusammenspiel von politischen Gegebenheiten, Arbeitsabläufen, technischen Innovationen und wirtschaftlicher Kalkulation. Pressetitel haben auf der einen Seite einen öffentlichen Auftrag zu erfüllen, auf der anderen Seite handelt es sich in der Regel um privatwirtschaftliche Unternehmen. Zeitungen und Medien aller Art werden gegründet, wenn gesellschaftliches Bedürfnis und politisches Kalkül auf risikofreudige Unternehmer mit entsprechendem Risikokapital stossen. Immer schon war der Verkauf von Information und Meinungen mit hohen wirtschaftlichen Risiken verknüpft. Die wichtigsten Momente in der Basler Pressegeschichte seien hier schon einmal genannt: Das Jahr 8, in welchem inmitten der Basler Wirren die Zensurmassnahmen aufgehoben – und 8, in dem Hemmnisse der wirtschaftlichen Entfaltung von Zeitungen abgebaut wurden; die Jahre um , als erste «eiserne Kollegen», also Setzmaschinen und Rotationsdruckanlagen in Basel Einzug hielten, sowie das Jahr 8, als schweizweit das Monopol für elektronische Medien entfiel und erste Lokalradios zu senden begannen. Einen grossen Einschnitt bedeuteten die Jahre /, als bedingt durch Inseraterückgang, Digitalisierung und Modernisierung der Drucktechnik das grosse «Zeitungssterben» einsetzte. Des Weiteren könnte man auch die Fusion von Nationalzeitung und Basler Nachrichten um die Jahreswende / aufzählen, doch steht eine solche Fusion oder Übernahme nicht allein in der Basler Pressegeschichte. Auch der Verkauf der Basler Zeitung kann nicht als eigentliche Zäsur begriffen werden, obwohl er als historisches Ereignis gewürdigt werden will. Eher beiläufig sei erwähnt, dass sich die Basler Pressegeschichte nicht allein auf Basel-Stadt beziehen kann. Von allem Anfang an
bezogen sich die Zeitungen in beiden Halbkantonen aufeinander. Es kann sogar die These in den Raum gestellt werden, wonach die Basler Wirren in den er Jahren ausschlaggebend dafür waren, dass eine mediale Öffentlichkeit im gesamten geografischen Raum entstehen konnte. In gewissem Sinne bildet die aktuell ausgetragene Rivalität zwischen der Basler Zeitung und der Basellandschaftlichen Zeitung zumindest dem Namen nach eine Rückkehr in die Zeit der Basler Wirren, als der Graben zwischen Stadt und Land in den Zeitungsspalten seinen Niederschlag fand. Es lassen sich weitere Parallelen finden: Die parteinahe Linie der Basler Zeitung seit der Übernahme durch rechtskonservative Kreise erinnert an Pressetitel des frühen . Jahrhunderts, das Schwinden von redaktionellen Beiträgen an die Zeit vor dem Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit. Die Presse hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Diese Wandlungsprozesse nachzuzeichnen, ist die Aufgabe dieses Buches.
Abb. Erste Ausgabe der Baseler Zeitung am . Januar . Universitätsbibliothek Basel, Ztg .
I. Die Entstehung einer Basler Öffentlichkeit Eine politische Öffentlichkeit hat es in Basel zwar schon vor der Gründung von Zeitungen gegeben, sie war aber auf eine mediale Berichterstattung nicht angewiesen: Diejenigen, die in die politischen Geschäfte eingeweiht waren, besassen ihre eigenen Kommunika tionskanäle. Die Stadt war klein, die Wege kurz, die Macht auf wenige Familien verteilt. Erst im Zuge der Aufklärung und der Französischen Revolution erwachte das Bedürfnis, das Wissen über politische Geschäfte auch Staatsbürgern zugänglich zu machen. Bürger, die ein republikanisches Selbstbewusstsein an den Tag legten, wollten nun stetig informiert werden und mitdebattieren. Doch selbst in der Zeit der Helvetik (–) war es in Basel nicht zur Gründung einer eigenen politischen Zeitung gekommen. Die scharfe Zensur liess einzig den Vertrieb einzelner politischer Zeitungen aus der Schweiz oder dem Ausland zu. Dennoch versuchten Revolutionäre, wie beispielsweise Samuel Flick (–), alternative politische Ideen einzubringen. Der Durchbruch gelang im Jahr , als erstmals die Veröffentlichung von Grossratsprotokollen erlaubt wurde. Die Abschaffung der Zensur erfolgte . Die Zensur ging auf das Dekret vom . Dezember zurück, das im Zeichen der Abwehr der Reformation stand. Drei Zensoren überwachten die Buchproduktion. Die Basler Buchdrucker versuchten jedoch, die Verordnungen vor allem aus wirtschaftlichen Erwägungen zu umgehen. Seit dem . November amtete als oberster Zensor der Rektor der Universität. Insbesondere Verstösse gegen die Sittlichkeit wurden geahndet, verboten waren aber auch Schriften, die Basel in Bezug auf fremde Mächte in Verlegenheit bringen konnten. Die Zensurbehörden waren der immer grösseren Flut von Druckerzeugnissen jedoch kaum gewachsen. Im letzten Viertel des . Jahrhunderts nahm die Lesekompetenz der Bevölkerung zu, es gelang, eine ganze Reihe von Pamphleten trotz strengster Zensurvorschriften zu veröffentlichen und so neue politische Meinungen
zu etablieren. Es entstand eine meist von Schriftstellern getragene Gegenöffentlichkeit, die die Herrschaftsansprüche der etablierten Elite hinterfragte. Diese Faktoren führten dazu, dass die «Köpfe der Menschen» umgeformt und der Keim der Revolution in ihnen verankert wurde. 1 In Frankreich beispielsweise vergrösserte sich unter den Männern der Anteil der Lesekundigen zwischen und von % auf %, zugleich nahm die Menge der Druckerzeugnisse stark zu. Durch erschwingliche Preise fanden sie auch in Gesellschaftskreisen Verbreitung, die bis anhin von öffentlichen Debatten ausgeschlossen waren. 2 Zwar fehlen Zahlen zu Basel, doch war dieser Prozess auch hier zu beobachten: gründeten Männer aus allen sozialen, politischen und geistigen Eliten der Stadt die ‹ Allgemeine Lesegesellschaft ›. 3 Das von ihnen vorgefundene Presseangebot dürfte sie kaum befriedigt haben. Als erster Vorläufer eigentlicher Zeitungen in Basel kann die bei Johann Schröter (–) gedruckte Ordinari-Wochenzeitung, die in den Jahren bis erschien, genannt werden. Mehr als Jahre später, , wurde dem Direktorium der Kaufmannschaft das Monopol zur Herstellung der Basler Mittwochs- und Samstags-Zeitung übertragen, welche das Publikum über «auswärtige Staatsaktionen und allerlei Merkwürdigkeiten» unterrichten sollte. 4 Sie erschien bis Ende . 5 Seit erschien zudem das mit hochobrigkeitlichem Privilegio begünstigte blättlein, herausgegeben von der Familie Raillard. Es war ein damals typischer Anzeiger ohne politischen Inhalt. Als Gegenleistung für die Publikationserlaubnis musste dieses sogenannte AvisBlättlein unentgeltlich obrigkeitliche Inserate abdrucken. 6 Die strengen Zensurbestimmungen verhinderten selbst während der Helvetik die 3 4 5 6 1 2
Chartier : . Chartier : . Erne : . Kägi : ; Blaser : ; Bogel : . Blaser : . Gysin : f.
Herausbildung einer politischen Presse. Einzig Wochenschriften mit moralischem Inhalt wie der von Johann Jakob Spreng (–) mit Unterstützung der ‹Deutschen Gesellschaft› und herausgegebene Eidsgenoss waren unter strengen Auflagen gestattet. 7 Auch die in der gesamten Eidgenossenschaft geltende Pressefreiheit während der Helvetik änderte nichts an der Situation in Basel. Die Basler Zensurbehörde fokussierte darauf, regierungsfeindlichen Redakteuren von anderen Orten erhebliche Strafen in Aussicht zu stellen. 8 Man fürchtete sich vor Frankreich, das seit mit dem Besitz des ehemaligen Bistums die Stadt Basel praktisch umklammerte. Die französische Zollgrenze begann an den Basler Stadt toren, die Basler Feudalrechte im Elsass fielen dahin. Ausserdem war die Region Schauplatz der Koalitionskriege. 9 Widerstand gegen die Besatzer wurde nicht toleriert. 10 Nach längeren Spannungen einigte sich das konservative Basel mit den Landschäftlern und schloss sich der Helvetischen Republik an. Die Gemütslage beruhigte sich jedoch nicht. scheiterte ein antihelvetischer Putschversuch und am . Januar übernahm eine konservative Regierung die Macht in Basel. schliesslich fanden in Basel Wahlen für die Behörden gemäss Mediationsverfassung statt. 11 Spätestens mit der Besetzung der Schweiz durch französische Truppen im Oktober wurde die pro forma Zensurfreiheit durch die militärische Pressezensur abgelöst. Die in Basel gelesene Presse wurde in anderen Orten der Schweiz verlegt. Weil die aufgeklärte Regierung der Auffassung war, dass die Presse der Regierung dienen solle, kam es zu einer verwirrenden Anzahl von Zeitungsgründungen und -verboten. Unterrichtsminister Philipp Albert Stapfer (–) rief das Helvetische Volksblatt ins Leben, das zwischen September und Februar erschien. Erne : . Gysin : . 9 Simon : . 10 Jorio . 11 Simon : . 7 8
Redakteur war Johann Heinrich Pestalozzi (–). 12 Als eigentliche Regierungszeitung wurde eine Luzerner Zeitung mit Heinrich Zschokke (–) als Redakteur projektiert, aber nie verwirklicht. Vermutlich wurde ein Nachfolgeprojekt als Helvetische Zeitung ins Leben gerufen, das nur für drei Monate in Luzern erschien. Sie veröffentlichte propagandistische Schriften über den Vorteil der Einheit, wurde aber von den Behörden bald unterdrückt und erschien ab dem . August unter dem Titel Schweizerische Zeitung. 13 Der umtriebige Zschokke gab von bis ein Dutzend verschiedener Zeitschriften und Zeitungen heraus. 14 Der einflussreichste Titel war Der aufrichtige und wohlerfahrene Schweizer-Bote. Er erschien bis in Aarau und gehörte zu den liberalsten Zeitungen der gesamten Schweiz. Sie wurde auch im Basler Bürgertum gelesen. 15 In Basel durften nur unpolitische Zeitungen erscheinen. Neben dem schon erwähnten Avis-Blättlein erschien am . Mai erstmals das Kantonsblatt von Basel, gedruckt in Johannes Schweighausers (–) Offizin. 16 Es veröffentlichte amtliche Bekanntmachungen, jedoch keine Publizistik. Mit dem Nachdruck oder Vertrieb ausländischer oder anderer in der Schweiz herausgegebener Zeitungen stiess man an die Grenzen der Zensurbestimmungen. Dies musste des Öfteren der Buchhändler und Drucker Samuel Flick erleben, der immer wieder versuchte, mit dem Abdruck sensationeller politischer Berichte Gewinne zu erzielen. Sein Vater Johann Jakob Flick (– ) besass ein Lesekabinett und eine Buchhandlung am Fischmarkt und kaufte die Buchdruckerei von Johann Rudolf Im Hof (–) und Sohn. Ein Lesekabinett war ein Ort, wo man gegen Blaser : . Blaser : . Diese Zeitung ist nicht identisch mit der gleichnamigen Zeitung, die vom . März bis zum . August in Bern erschien. 14 www.heinrichzschokke.ch/werk/redaktion-von-zeitungen-und-zeitschriften (Stand: . November ). 15 Gysin : . 16 Lanfranchi : . 12 13
die Entrichtung eines jährlichen Beitrags Zeitungen oder andere literarische Werke vor Ort lesen konnte. 17 Da Flick vom Druckergewerbe nichts verstand, musste er darauf warten, bis einer seiner Söhne das Gewerbe erlernt hatte. Als Verleger hatte er schon früher, , die von einer ‹Helvetischen Gesellschaft› herausgegebene Zeitschrift mit dem Titel Patriotisches Archiv der Schweiz verlegt. Damit signalisierte er Nähe zu den neuen Bewegungen der Revolutionszeit. Um bewarb sich Heinrich Zschokke um eine Stelle bei ihm, obwohl Flick, wie er ausführte, «ein sehr grober unwissender jähzorniger Mann (ist), der seine Leute schlechter als schlecht behandelt». 18 Vermutlich nach seiner Heirat übernahm der Sohn die Druckerei. Er war ein glühender Anhänger der Republik und schloss sich dem Kreis von Patrioten an, die sich als Anhänger der französischen Revolution und einer demokratischen Reform zur ‹Gesellschaft zur Beförderung bürgerlicher Eintracht › zusammengeschlossen hatten. 19 In seiner Druckerei entstanden viele revolutionäre Schriften. Bei ihm erschienen von Anfang Januar bis Ende Dezember dreimal wöchentlich die Oberrheinischen Mannigfaltigkeiten, sowie zwischen Dezember und Juni das neutrale Nachrichtenblatt Schweizerischer Anzeiger. Auch das von der Familie Raillard von bis herausgegebene Avis-Blättlein wurde von bis bei ihm gedruckt. Flick vertrieb in Basel Heinrich Zschokkes Schweizer Boten. Nicht nur dadurch geriet er immer wieder in Konflikt mit der Pressezensur. Die unterzeichnete Mediationsakte hatte die Herrschaft des Ancien Régime in kleinen Schritten wieder hergestellt. Um die neualten Machtverhältnisse nicht zu gefährden, aber auch wegen der geografischen Exponiertheit der Stadt, wurde die Gründung einer Tageszeitung weiterhin über Jahrzehnte verweigert. 20 Im April kam Flick für den Verkauf von österreichischen Flugblättern für zwei Chartier : . Kutter : , . 19 Salvisberg : . 20 Gysin : . 17 18
Tage in Gewahrsam, auch für den Abdruck eines französischen Armeeberichtes über die Niederlage Napoleons in Russland wurde er gebüsst: Er durfte in der Zukunft keine politischen Bulletins mehr drucken und vertreiben. 21 Auch erhielt Flick zwei Tage Arrest, diesmal von den österreichischen Besatzern, weil er den Abdruck einer Proklamation Ludwigs XVIII. an das französische Volk verkauft hatte. 22 Flick liess sich nicht beirren und druckte im Juni/Juli unter dem Titel Armee-Nachrichten Kriegsnachrichten ausländischer Zeitungen nach. Zudem zog er mit dem Vertrieb des Schweizer Boten immer wieder den Ärger der Zensurbehörden auf sich. Flick versuchte die Zensurbestimmungen zu umgehen, indem er ihn unter dem Titel Gemeinnütziges Wochenblatt für alle Stände herausgab. Doch auch dieses Blatt wurde verboten und ihm das Recht zum Verlegen von Zeitungen «für immer» entzogen. Obschon das Verbot nach langem Drängen wieder aufgehoben wurde, verbot ihm die Zensurbehörde die Herausgabe einer eigenen politischen Zeitung, die er als Oberrheinische Chronik zu drucken beabsichtigte. 23 Nicht zuletzt wegen dieser Verbote nahmen seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu. musste er sein Geschäft an seinen seit bei ihm als Geschäftsführer tätigen Schwiegersohn Johann Georg Neukirch (–) verkaufen. 24
Gysin : –. Gysin : . 23 Gysin : –. 24 www.druckereikrebs.ch/web/wer-was-wo-/firmengeschichte.html (Stand: . November ). 21 22
Abb. Befreiung von Karl Brenner aus dem Gefängnis am . März . Illustrirter Schweizer-Kalender , Universitätsbibliothek Basel, VB , S. .
II. Der Beginn der politischen Presse in den 1830er Wirren
In Basel erschien die erste politische Zeitung erst . Zeitungen wurden in dieser Periode von kleinen Gruppen oder einzelnen Personen, die die Meinungsführerschaft anstrebten, herausgebracht. Fehden in den Zeitungsspalten waren in Wahrheit politische Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Personen. Oft arbeiteten diese unentgeltlich und besassen für den Gelderwerb eine Druckerei oder Verlag. Zudem wurden diese politischen Zeitungen von Gefolgsleuten getragen. Wirtschaftlicher Erfolg war weder zu erzielen noch angestrebt. Auch nach dem Ende der Helvetik und den Beschlüssen des Wiener Kongresses blieb die Gründung einer politischen Tageszeitung nahezu unmöglich. Die neu-alten Herrscher machten sich daran, in ihren Gebieten alle Personen, von denen revolutionäre Umtriebe auszugehen drohten, zu verfolgen. Aufgrund der sogenannten Karlsbader Beschlüsse wurden ab liberale Gelehrte in den deutschen Ländern als Demagogen verfolgt. Obwohl sie an der Spitze des Widerstands gegen die Franzosen gestanden hatten, befürworteten diese keine Rückkehr zur ständischen Gesellschaft. Um sich den Repres sionen zu entziehen, zogen viele liberale Professoren u. a. nach Basel, darunter etwa Wilhelm Martin Leberecht de Wette (–), Karl Gustav Jung (–) oder Wilhelm Snell (–). 25 Darauf übte nun der Deutsche Bund erheblichen Druck auf die Schweiz und Basel aus, was etwa die Tagsatzung dazu bewog, am . Juli ein sogenanntes «Press- und Fremdenkonklusum» zu verabschieden. Dieses schrieb vor, dass in Zeitungen, Tagblättern, Flug- und Zeitschriften keine auswärtigen Angelegenheiten, die Grund zu Beschwerden durch befreundete Mächte geben könnten, behandelt werden dür-
Tréfás : .
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fen. 26 Aber auch interne Angelegenheiten wie das Staatsbudget sollten auf keinen Fall an die Öffentlichkeit gelangen. verlangte Gerichtspräsident Carl Burckhardt (–) im Kleinen Rat, dass die Vorlagen des Kleinen Rates, also der Regierung, den Grossratsmitgliedern gedruckt zugestellt werden sollten. Dieses Ansinnen wurde zurückgewiesen mit dem Argument, dass dadurch eine öffentliche Publizität entstehe, die Ungewissheit erzeugen und schaden könne. In Basel gab es als einzige Information an alle Bürger einen sogenannten Ratszeddel, einen von der Kanzlei herausgegebenen Auszug aus den Ratsbeschlüssen, welcher käuflich erworben werden konnte und beispielsweise in der ‹Lesegesellschaft › auflag. Das Bedürfnis, sich über die Behörden kritisch zu äussern, bestand sehr wohl, wie die grosse Zahl an Gerüchten zeigt, die unkontrolliert im Umlauf war. 27 Trotz der abwartenden Haltung der Behörden begann Professor Christoph Bernoulli (–) am . Januar mit der Herausgabe der Baslerischen Mittheilungen zur Förderung des Gemeinwohls. Als Zweck gab er an: «[…] die Beförderung des Gemeinwohls in unserm Vaterlande und zunächst in dem engern Kreise hiesiger Stadt […]. Was sich immer aus dem Fache der Staatswirthschaft, der Gesetzgebung, des Erziehungswesens, der Armenpflege, der Polizei und dem weiten Gebiete der Industrie zur Mittheilung eignet, und für uns ein besonders Interesse darbietet, wird von den Herausgebern als ein dieser Zeitschrift angemessener Stoff angesehen, und den wesentlichen Inhalt dieser Blätter ausmachen.» 28 Die Zeitschrift erschien zweiwöchentlich. Eigentlich war sie das Organ der ‹Dienstagsgesellschaft› und zugleich auch des ‹Griechenvereins› und der ‹Schweizerisch-gemeinnützigen Gesellschaft›. 29 Neben Bernoulli publizierten der zur geistigen Elite der Stadt gehörende Gerichtspräsident Carl Burckhardt, der Rektor des Gymansiums Rudolf Hanhart (– Gysin : . Vischer : . 28 Baslerische Mittheilungen, . Januar . 29 Blaser : . 26 27