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Scholion Bulletin 9/2015

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Stiftung Bibliothek Werner Oechslin

Scholion Bulletin 9 /2015


Sti ft ung B ibl iot hek Werner Oechslin

Scholion Bulletin 9 / 2015

© St if tung Bi bli othek Werner Oechslin Schwabe Verlag Basel


I. Habent sua fata libelli Werner Oechslin

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Quellen 13 Werner Oechslin

Tafelteil

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II. Ortodossia ed eterodossia nella Roma di Innocenzo x Pamphilj Varia Consilia pro bono urbis Romae un progetto di riforma laica per la città sacra Marisa Tabarrini Antoine Desgodets – “Très Exactement” Werner Oechslin

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“Per Comodo Degli Architetti Studiosi” La Bibliografia Architettonica di Angelo Comolli Cettina Lenza

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Zu “Tohu wâ bohū”, Performance und Installation, 2015 von Paul Polaris Mit einem Text von Dolores Zoe Bertschinger

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III. Personen / Nachrufe

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Veranstaltungen 191 Bucherwerbungen, Schenkungen und Buchgeschichten

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Mitteilungen der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin

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Verein der Freunde der Bibliothek Werner Oechslin

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Impressum 235


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Habent sua fata libelli

Werner Oechslin

Das häufig zitierte Diktum kommt meist ‘gewichtig’ daher, wie eine sibyl­ linische Botschaft, die Verborgenes enthüllt oder Bedeutendes ankündigt. Na­ türlich haben Bücher ihre ‘Schicksale’ oder einfach ihre ‘Geschichten’. Doch geistert das Zitat wie ein Menetekel durch die Literatur von Robert Burtons Anatomy of Melancholy bis zu Umberto Ecos Il nome della rosa. Oder aber es wird schon mal als Werbetext für ein Buch zur “Integration von Wissenschaft und Praxis in der Buchrestaurierung” eingesetzt. Die Kieler Universität ver­ bindet es mit einer “Aktion Bücher in Not zur Rettung wertvoller Buchbe­ stände”, weil offensichtlich in regulären Budgets kein Platz oder nur ungenü­ gende Mittel für solche ‘Extraaufwendungen’ und ‘Posteritäten’ unserer Wis­ senskultur vorgesehen sind. Aus dem Orakel ist ein Werbespruch geworden! Eine Präzisierung ist gleichwohl im Vorfeld dieser kurzen Bemerkungen notwendig. Das Zitat findet sich in verkürzter Form; es lässt die Sache der Bücher noch schicksalsträchtiger, aber in jedem Fall auch undurchsichtiger erscheinen. Bei Terentianus – nicht bei Terenz! – heisst es “pro captu lectoris habent sua fata libelli”!1 “Pro captu lectoris”, oft unpräzis übersetzt, sagt ganz deutlich, wem jenes Schicksal geschuldet ist. Es ist der Leser selbst, der Nutzer, der zugreift und durch seine Lektüre das ‘Schicksal’ – und die Wirkung – des Buches bestimmt. Oder das Schicksal der Bücher liegt beim Menschen. Es gibt da allerdings auch die Vorgaben, die durch spezifischen Zuschnitt und Inhalt das Buch machen. Man ist gut beraten, beide Seiten zu bedenken. Insofern das Buch in eine solche Schicksalsgemeinschaft eingebunden ist, geht es jedenfalls um ein Wechselspiel. Erich Otto Graf, der für einmal “captus” richtig als Fassen und Greifen übersetzt, hat jenes Zugreifen mit Ludwik Flecks’ “um zu sehen muss man wissen” in Beziehung gesetzt.2 Eine lange Tradition entsprechender oder verwandter Äusserungen gerät damit – ganz nach dieser Massgabe – ins Blickfeld. Kant hat in der “Vorrede zur zweyten Auf lage” seiner Critik der reinen Vernunft (1787) – mit Bezug auf die “Naturforscher” von Galilei bis Torricelli und Stahl – formuliert: “Sie be­ griffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe


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hervorbringt”, und dies mit der Notwendigkeit von Vernunftprinzipien, die Experimente lenken und leiten, verbunden; die dabei nicht zu vermeidenden ‘Nötigungen’ hat er nicht nur in Kauf genommen, sondern empfohlen. An der Q uelle unseres Verstehens – siehe den nachfolgenden Aufsatz – sind solche Fragen und Zweifel angezeigt. Nietzsche folgert dann, von einem der prominentesten Quellenforscher, Julius von Schlosser, zitiert: “Was Wunder, daß der Mensch später in den Dingen immer nur wiederfindet, was er in sie gesteckt hatte!” Und für den Kunsthistoriker doppelt Heinrich Wölfflin 1915 in den Kunstgeschichtlichen Grundbegriffen nach: “Es ist wahr, man sieht nur, was man sucht, aber man sucht auch nur, was man sehen kann.”3 Man erkennt schnell, dass es nicht so sehr um einen Vorrang, sondern wie in jedem guten ‘commercium’ und Kommunikationsprozess um Austausch und Vergleich geht. Das Buch ist Teil eines solchen Prozesses. Das Wech­ selspiel verbindet den, der liest, mit dem, was das Buch anbietet. Beides, das Lesen und das Gelesene, ist in heutiger Diktion ‘formatiert’ und zusätzlich in gegenseitiger Zuordnung bestimmt und eingeschränkt. Spätestens hier stellt sich die Frage, was man denn eigentlich in Büchern findet, und zudem, ob sich denn ein solches Wechselspiel nicht nur beim Leser, sondern auch im Buch selbst ‘abbildet’ und ob entsprechende Spuren (der Lektüre) zu finden sind, die dann vielleicht dem nächsten Leser zusätzliche Hinweise bieten (oder Grenzen weisen). Auf solche Weise wird das Buch zu einer Quelle ganz besonderer Art. In einer Zeit, in der ‘Dedoublierungen’ zur Staatsraison von Bibliotheken gehören und Bücherbestände, die dem – nunmehr ver­ gangenen – ‘Printzeitalter’ angehören, bereinigt, zusammengefasst und am geschützten Ort ‘komfortabel verfügbar gemacht’ werden, scheint sich das Interesse an derlei Spuren gerade umgekehrt in antizyklischer Weise zu ver­ mehren. Es lässt zuweilen hoffen, dass entsprechende Bücher zu ‘Unikaten’ promoviert und somit – vielleicht – vor platzsparender Elimination bewahrt werden. Man soll das nicht unterschätzen! Über entsprechende Hinweise rekonstruiert man Wissen und die Bestände bedeutender Bibliotheken von Wissenschaftlern und Wissensträgern. Nicht immer ist das so spektakulär wie im Falle eines bekritzelten Ex­ emplars von Newtons Principia, das der Legende nach vom Käufer wegen des tie­feren Preises einem ‘sauberen’ Exemplar vorgezogen wurde; in den Kritzeleien entpuppten sich hinterher die Notizen Leibniz’. Manchmal sind auch unbedeutendere Spuren auf, wie es im Buchhändler-Jargon heisst, ‘unschön’ gestempelten oder/und einbeschriebenen Titelblättern durchaus aufschlussreich.


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Zweifelsohne ‘unschön’ und gleich mehrfach gestempelt und erst noch mit einem Standort-Kleber versehen ist ein Exemplar der deutschen Ausgabe von Aristoteles’ Kunst der Poesie von Johann Gottlieb Buhle, das 1798 in Ber­ lin in der Vossischen Buchhandlung erschienen ist. Die durchgestrichenen Stempel des eher seltenen, nun ausgeschiedenen Werkes erinnern daran, dass das Buch einstmals in der Bibliothek des “Deutschen Elternverbands in Lettland” stand. (Tafel x) Buhles Vorrede erläutert, wie es nach seiner Übersetzung und dem zweiten Teil seiner Anmerkungen noch zu einem – überraschenden – dritten Teil des Büchleins gekommen ist, der aus der deutschen Übersetzung eines Traktats von Thomas Twining mit dem Titel “Über die Poesie als nachahmende Kunst betrachtet” besteht. Buhle nennt Twining einen “gelehrten Freund” und lobt insbesondere den Stil seiner kurz zuvor erschienenen englischen Übersetzung von Aristoteles’ Text. So ist aus dem Werklein, dessen Interesse Buhle aus der Nachfolge Lessings be­ gründet, ein kleines, ‘aktuelles’ und in jedem Falle bemerkenswertes Corpus der Nachahmungstheorie geworden. Die Stempel erinnern an jene Zeit der 1920er und 1930er Jahre, während der in Lettland die deutsche Schul- und Bildungstätigkeit blühte, bevor die verschiedenen nationalen Interessen und Konf likte dem ein Ende bereiteten. Man brauchte den Buhle nicht mehr! Ob dort vormals auch Buhles Lehrbuch der Geschichte der Philosophie und einer kritischen Literatur derselben stand? Unser Exemplar stammt jedenfalls aus einer anderen Bibliothek, wie die Stempel auf den sechs Teilbänden bezeugen: “Zur Bibliothek des Prinzen Friedrich zur Lippe gehörig.” Der erste, 1934 von de Gruyter in Berlin und Leipzig publizierte Band von Werner Jaegers Paideia trägt auf dem Titel zwei Stempel. Der erste nennt die “Handbibliothek des Gymnasiums zu Rostock”; der zweite stellt fest: “Geprüft. Keine Beanstandungen. Kommission zur Säuberung der Bü­ chereien Rostock”, ohne Datum, aber signiert. (Abb. 1) Band zwei von 1944 trägt auf dem Vortitel den vom “11.2.45” datierten Eintrag des Hamburger Ordinarius für Kunstgeschichte Wolfgang Schöne. Unterstrichen finden wir auf Seite 5 den zweiten Teil des Satzes: “Aber die Beziehung von Staat und Mensch wird in diesem Jahrhundert nicht nur darum so bewußt erfaßt, weil man den Staat vom sittlichen Menschen aus neu begründen will.” Auf Seite 30 ist am Rande deutlicher als anderswo das hippokratische Diktum bezeichnet: “Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, die Gelegenheit f lüch­ tig, der Versuch riskant, das Urteil schwer.” Die drei Bände, der erste in der Erstauf lage von 1934 aus der Rostocker Gymnasiumsbibliothek, der zweite von 1944 und der dritte von 1947, wurden nachträglich einheitlich gebunden.


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Abb. 1: Werner Jaeger, Paideia. Die Formung des griechischen Menschen, Bde. 1–3 (1934–1947), Erster Band, Berlin und Leipzig: Walter de Gruyter & Co. 1934, Titel

Aus der Bibliothek der “Museums-Gesellschaft in Bern” stammt mit der Nummer 6431 bezeichnet ein Exemplar von Otto Brauns Buch über Eduard von Hartmann. (Abb. 2) Auf dem Vorsatzpapier und dem Vortitel findet sich der Stempel “Um Schonung und Reinhaltung der Bücher wird höf lich gebeten”, und an denselben Stellen steht das “Aus der Bibliothek der M. G. ausgeschieden”. Der Titel trägt den eleganten Schriftzug Tscharners, der das Buch offensichtlich erwarb. Und daneben wird der Stempelaufdruck “Geschenk” handschriftlich ergänzt: “aus dem Nachlass des Herrn Max von Tscharner. 1920”. Das Buch ist also noch zu Lebzeiten des Basler Ordinarius für Philosophie in Basel in die Berner Bibliothek gelangt. Ob die Leser zuvor oder danach gewusst haben, mit welcher inneren Überzeugung Otto Braun


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Abb. 2: Otto Braun, Eduard von Hartmann (= Frommanns Klassiker der Philosophie herausgegeben von Richard Falckenberg, Bd. xx), Stuttgart: Fr. Frommanns Verlag (E. Hauff) 1909, Titel

seine – an Schelling orientierten – ‘weltanschaulichen’ Botschaften wie “Hin­auf zum Idealismus!” verbreitete, wie er sich (1906) für “Saft und Kraft des Lebens, Einheitlichkeit und Persönlichkeit”, für “lebensgestaltende Ethik und Religion der Innerlichkeit” einsetzte, um dem Verdikt, “sonst verfallen wir dem trostlosen Kosmopolitismus”, zu entkommen? Der Erst­ leser (?) scheint die Ausführungen zu Eduard von Hartmann als Bildungs­ bürger aufgenommen zu haben; entsprechende, ihm wichtig erscheinende Zitate hat er durch Anstreichen verdeutlicht, Allerweltseinsichten eher als die ‘treibenden’ Aufrufe Brauns. Da schält sich der Kosmopolit als Nachfol­ ger des Bildungsbürgers heraus. “Das Denken tötet sich selbst, wenn es sich von der Welt der Anschauung lossagt”, wird Trendelenburg zitiert und vom


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Leser am Rand herausgehoben. Und das Gleiche widerfährt einer Bemer­ kung zur Analogie “unseres Geistes” und der “real lebendigen Natur”. Die Ausführungen zum ‘psychophysischen Parallelismus’ führen bei Braun zur Bemerkung, dass dem und der Natur insgesamt kein bewusster einheitlicher, sondern ein “einheitlicher unbewusster Weltgeist” immanent sei, was der Leser dann unterstreicht. Auf der letzten Seite sind mit Seitenzahlen ver­ sehen die wichtigsten Begriffe aufgelistet, und so wissen wir, dass das Buch in der Tat seine Bildungsaufgabe in geradezu systematisch-enzyklopädischer Weise erfüllt hat – und die Auseinandersetzung Otto Brauns mit Eduard von Hartmann wohl eher nur beiläufig wahrgenommen wurde. “Habent sua fata libelli”! Man kann es auch so sehen: Bücher sagen häufig mehr aus als das, was dort gedruckt erscheint. In einer “Presidential Address” vor der “Modern Language Associaton” hielt Sander L. Gilman 1995 – stets unter dem Titel des “habent sua fata libelli” – ein Plädoyer für humanistische Bildung und Lehre und für “a common future of books and jobs”, das er mit dem Zitat nach Terenz beendete: “Homo sum: humani nihil a m e al ienum put o.”4 Menschlich, sehr menschlich sind die meisten jener Zugriffe auf Bücher, die Spuren hinterlassen haben. Bücher erzählen Geschichten, menschliche! Es geht im eigentlichsten Sinn um humanitas. Und deshalb ist jenes be­ rühmte Zitat nach Terenz mehr als nur angebracht. Es stiftet Sinn! Das Diktum ist in unserer Bibliothek als Inschrift an einem der in Beton ge­ gossenen Deckenbalken angebracht. Zuvor liest man das Diktum “vitam impendere vero”, das Rousseau 1764 auf den Titel seiner Lettres écrites de la montagne schrieb, weil er an die Wahrheit seines Standpunktes glaubte, was ihn dann zum Verlassen des Landes zwang. Und weiter liest man an der Decke unserer Bibliothek “t rahit ur dulcedine cantus”, und darauf fol­ gend den noch deutlicher von Zuversicht geprägten, beruhigenden Spruch “sapie ns u bique tut us”, der sich auf Arion bezieht, der sich mittlerweile in Sicherheit gebracht hat und auf dem Rücken eines Delphins singend in seine Heimat gebracht wird. Büchergeschichten! Leben! “Il Mondo tutto n’è libro autentico, e ori­ ginale.” Das ganze Leben ist ein Buch, so Francesco Bianchini 1696 in der Vorrede “Al discreto Lettore” seiner Istoria Universale Provata con monumenti, e figurata con simboli de gli antichi. Längst sind die Bücher zu Zeugnissen des Lebens geworden und werden dies selbst dann bleiben, wenn ihnen im PostPrint-Zeitalter nur die Musealisierung bleiben sollte.


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1 Diese Präzisierung entnehme ich einem Beitrag von Ernst Otto Graf, der eine solche wahr­ haft schicksalsträchtige Geschichte im Zusammenhang mit Ludwik Flecks Buch zur Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache zu berichten hat und sie deshalb unter den Titel des “habent sua fata libelli” stellt. Cf. Erich Otto Graf, “habent sua fata libelli […] – Bücher haben ihre Schicksale”, in: http://www.f leckzentrum.ethz.ch/fileadmin/user_ upload/lfz_pdf_events/Referat_Erich_O._Graf.pdf [20.08.2015]; Erich Otto Graf, “habent sua fata libelli – le destin des livres”, in: Johannes Fehr / Nathalie Jas / Ilana Löwy (Hg.), “Penser avec Fleck – Investigating a Life Studying Life Sciences”, in: Collegium Helveticum Hefte, Heft 7, Zürich: Collegium Helveticum 2009, S. 63–76. 2 Graf, habent sua fata libelli (pdf), op. cit. (wie Anm. 1). 3 Cf. dazu den Beitrag “Quellen” in diesem Scholion, S. 13. 4 http://www.jstor.org/stable/463163 [20.08.2015].


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Quellen

Werner Oechslin

i. “SOURCE, s. f., (Physique.) est une eau qui sort de la terre en plus ou moins grande quantité, & qui forme les puits, les fontaines, les rivières. Voyez FON­ TAINES, FLEUVE, &c.” “Article Source”, in: Encyclopédie, ou Dictionnaire Raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers, XV, Neufchastel: Samuel Faulche 1765, S. 412 “[…] quo spectaculo, quid iucundius esse possit?” Augustinus Steuchius, De Aqua Virgine in Urbem revocanda, Lyon: Seb. Gryphius 1547, S. 14 Der Quell, das aus der Erde springende Wasser, das sprudelt und uns labt und erfrischt – was alles verbindet sich nicht mit diesem Bild! Das Wässerchen, das an seiner Quelle kristallklar und rein an die Oberfläche drängt und uns an die kindlich unverfälschte, reine Natur gemahnt. Und über allem steht die Idee, in der sich die Quelle mit dem Ursprung verbindet; die Quelle ist der Ursprung. Um zu erfahren, ob und wie das alles so sei, woher das Wasser komme und was der Grund von alldem sei, muss man dorthin, zur Quelle, gelangen. Mit ihr verbindet sich das Bedürfnis, ihr – und der ‘Sache’ – mög­ lichst nahe zu kommen, um nichts zuzulassen, was das reine Wässerchen trüben und den frischen, gurgelnden Fluss verstummen lassen könnte. So erlabt man sich am frischen Quell. Nicht auszumalen, was geschähe, wenn die Quellen versiegten. Doch vor lauter Freude über das sprudelnde Wasser vergisst man, wie schwierig es sein könnte, die Herkunft und die Ur­ sache dieses Wasserf lusses wirklich zu erklären. Woher käme denn stetig so frisch tausendfach das Wasser, wenn nicht ein irgendwie gearteter Kreislauf dies bewirken würde? Doch noch bevor man sich solchen Erklärungen an­ genähert hat, finden sich Bild und Vorstellung mit grundsätzlichsten Fragen verknüpft. Quelle scheint nicht nur mit Ursprung, sondern auch mit Wahr­ heit verschwistert zu sein.


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Francesco Giorgi fragt in seinem berühmten De Harmonia Mundi Totius Cantica Tria (1525): “Quid fontes”? Die Antwort liegt auf der Hand: “Non multum nobis laborandum est, ut declaremus Deum esse fontem.”1 Was liegt näher, als Gott selbst mit der Quelle zu verbinden? Belege gibt es zuhauf. “Apud te est fons vitae”, sagt Johannes. Und Hieronymus verbindet – in einer bis heute geläufigen Weise – die Quellen mit den Schriften, die unsere Seelen besser waschen und reinigen würden als das Wasser der Quelle den Körper.2 Dieser – das Schrifttum mit erfassende – heilsgeschichtliche Blick­ winkel lässt sich auf sämtliche Gewässer, selbst auf Sümpfe ausdehnen. Immer wieder kommt man auf die Quelle göttlicher Vorsehung zurück. Umso verständlicher ist das Verlangen, das Bild mit der eigenen Erfah­ rung zu verbinden. Man will wissen und spüren, was eine Quelle ist und wie das Wasser aus ihr heraussprudelt und einen erfrischt. Man geht, auch dies­ bezüglich der Erfahrung vertrauend, zur Quelle, weil man einer Sache auf den Grund gehen will. Und man erfährt, wie spontan und stets ‘neu’ frisches Wasser aus der Quelle hervorsprudelt und dass dies beständig und immer wieder, in ewiger Bewegung geschieht. Das Neue steht dann eher auf der Seite der Wahrnehmung – und des Genusses. Die Quelle selbst verrichtet ununterbrochen und in steter Bewegung ihre Wohltat. Der spontane Genuss und die nie versiegende Lebenskraft in einem – nie­ mand möchte diese wohltuende Wirkung der Quelle missen. Rom, stets ­berühmt für seinen Reichtum an Quellen und Brunnen, hat sich immer ­angestrengt, diese Wohltaten auch sichtbar zu machen und in aufwendigen Brunnenbauten vorzuzeigen; die “mostre d’acqua”, so auch die wohl be­ rühmteste, die Fontana di Trevi, sind unübersehbare Zeichen päpstlicher Politik zugunsten der Stadt und ihrer Bewohner. Der zeitweilige Biblio­ thekar des Vatikans, Agostino Steuco, der nach der Renovierung durch ­Nikolaus V. nochmals die Erneuerung des zuleitenden Aquädukts “Acqua Vergine” anstrebte, propagiert 1547 “non fontes ficticios […] sed veros naturalesq ue”. Wirkliche Brunnen sollen es sein, deren reichlich f lies­ sendes Wasser als ein Spektakel zur Freude der Menschen inszeniert werden möge: “quo spectacul o, qui d iuc undius esse possit”.3 (Tafel ix; Abb. 1) Aus der römischen Tradition wissen wir, dass nicht nur die Schaufassa­ den der “mostre d’acque” wie ‘reichsprudelnde Quellen’ inszeniert wurden, sondern dass auch die Zubringer des Wassers, die Aquädukte, mit dem Begriff der Quelle verbunden worden sind. Die gesamte Wasserzufuhr, der die Römer das in Fülle plätschernde, quellfrische Wasser in ihrer Stadt


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Abb. 1: “Altra Veduta della Fontana, e Castello dell’Acqua Paola”, in: G. B. Falda, Le Fontane di Roma nelle Piazze e Luoghi pubblici della Città […], Libro Primo, Roma: Gio. Giacomo de Rossi alla Pace, o. J. [1684], gez. und gest. von G. B. Falda, Tafel 12

verdanken, wird mit dem Namen der Quelle apostrophiert, erscheint gleich­ sam als deren verlängerter Arm; Raphael Fabretti, der Autor der klassischen Darstellung De Aquis et Aquaeductibus Veteris Romae belegt dies 1680 mit numismatischen Zeugnissen der Antike.4 (Abb. 2) Man war also stets mit den Problemen der Wasserzufuhr und -lenkung und mittelbar mit dem gesamten Wassekreislauf befasst, dessen auffälligstes Zeichen die Quelle war. Und so war die Frage nach dem Ursprung vor­ erst – und sinnvollerweise – stets auch diejenige nach der Herkunft und dem ‘Ursprung’ des Wassers und insgesamt nach dem Zusammenhang der verschiedenen Gesichtspunkte. Antonio Vallisnieri, der in seiner Zeit wie kaum ein Zweiter der Frage der “Origine delle Fontane” nachgegangen ist, spricht deshalb 1715 einleitend in seiner einschlägigen Untersuchung von einem “Filosofico Problema”; es geht um ein vertieftes Verständnis des Sachverhalts, diesmal unter Einbezug antiker und moderner naturphilosophischer Anschauungen.5 Doch längst ist dies auch zu einer Frage öffentlichen Interesses geworden, die sich nicht nur


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Abb. 2: Raph[ael] Fabretti, De Aquis et Aquaeductibus Veteris Romae, Roma: Ioannis Baptista Bussotti 1680, Titel

“a’ Letterati di varie maniere”, sondern auch “alle Dame, a’ Cavalieri” und an Vertreter öffentlicher Ämter und Einrichtungen richtete. Gewidmet hat Vallisnieri seine an der Accademia de’ Ricovrati in Padua gehaltene Lezione Accademica dem Stifter des Istituto delle Scienze in Bolo­ gna, Luigi Ferdinando Marsigli. Damit verbunden ist sein Bekenntnis zur naturwissenschaftlichen Forschung in der Nachfolge eines Francesco Redi. Und er meint dies ganz konkret. Auch wenn er sich auf die meteorologischen Messdaten des Pariser Observatoriums bezieht, für deren Vermittlung er ganz besonders dem Abate Conti dankt, so sind für Vallisnieri letztlich die eigenen Beobachtungen in seiner Umgebung entscheidend. Das lässt ihn dann – im Hinblick auf den Umgang mit Daten wie mit den alten Texten von Aristoteles oder Plinius – sagen: “se colla vista, non col pensiere l’ho


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confermata, e, quasi dissi, imparata dalla sola natura, non mai ingannatrice maestra, quando solitario sull’erte cime de’ monti l’interrogava, se ogni fe­ nomeno più occulto, spettante all’elemento dell’acqua, senza tanti cavilli, e fole da romanzi, si disconde”.6 Naturbeobachtung – ohne Phantasterei und übertriebenen, losgelösten Scharfsinn – soll uns zur Einsicht in den Ur­ sprung der Quellen führen; “a f orza d’occhio, e di mano” vollzieht sich diese Lektion nach der Natur. Die Arbeit im Inneren der Erde (“dentro le viscere della terra”) muss – ganz in der Tradition eines Francis Bacon – dem Rezept derer folgen “che l’hanno coll’ingegno, e colla mano”. Selbst Vitruv wird nachträglich dieser naturforschenden Methode zugeschlagen, “il quale, benchè non facesse professione di Filosofo speculativo, potea però esserlo naturale, per la grande sperienza, e famigliarità, che avea colla terra”.7 Das Interesse gilt den konkreten “operazioni della natura”; ihnen muss man auf den Grund gehen wollen, will man mehr über die Quellen erfahren – und aus ihnen schöpfen. Man weiss Bescheid, so scheint es. Doch all das, was Vallisnieri in die Diskus­ sion wirft, ist kaum eine abschliessende Einsicht und Erkenntnis, sondern vielmehr der Anfang einer sich weit verbreitenden Forschung zum Gegen­ stand. Das schlägt sich schon deutlich in der zweiten, wesentlich vermehrten Ausgabe der Origine delle Fontane von 1726 nieder.8 (Abb. 3 und 4) Dort finden sich nicht nur Zeugnisse des Austausches mit Johann Jakob Scheuchzer, der seine stratigraphischen Beobachtungen zu den Bergflanken des Urner- und Walensees nach Padua übermittelte, sondern auch ergänzende Briefe, unter anderem vom Philosophen und Arzt Gaston-Giuseppe Giorgi aus Florenz und vom Mathematiker Domenico de’ Corradi d’Austria aus Modena, eine “le­zione accademica” des Florentiner Arztes Giuseppe Avanzini und dergleichen mehr. Die Zahl der Beiträger belegt das grosse Interesse, das diesen Fragen damals sicher war. Dabei stand immer noch und immer wieder im Raum, wie viel der allseits beschworenen Naturbeobachtung abzugewinnen sei und wie viel – gleichwohl – dem einzelnen “Filosofo Visionario” und den “stravanganze del suo Cervello” geschuldet bleibe.9 “Lasciamo a’ Poeti queste Chimeriche fantasie” wird den Kritikern, die “per via di ghiribizzi” den “celebratissimo Signor Vallisnieri” und “seguace fedele del nostro Gran Redi” angreifen, zu­ gerufen. Mit Galileo wird ein solcher Missstand allzu phantasievoller Deu­ tung auf das “colà si rivolge, dov’è l’eccesso, e la maraviglia” zurückgeführt.10 Doch wie sollte man sich angesichts eines solchen grundlegenden, wenn auch ‘mysteriösen’ Problems ruhig verhalten? Vallisnieri schliesst seine


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Abb. 3: Antonio Vallisnieri, Lezione Accademica intorno all’Origine delle Fontane […], Venezia: Gio. Gabriello Ertz 1715, Titel der ersten Auf lage

“Annotazioni” mit Francis Bacon: “Est vertigo quaedam, & agitatio perpe­ tua, & circulus.”11 Die Frage nach der Quelle und dem Kreislauf des Wassers wird zum Paradigma wissenschaftlicher Fragestellung schlechthin; mittelbar kehrt sie ins Gesichtsfeld philosophischer Erörterung zurück. In der Tat, sie ist von grundsätzlicher Bedeutung und noch viel enger an eigene menschliche Erfahrung geknüpft. Empedokles, dessen Nähe zur Medizin stets bekannt war, lässt den Vergleich mit den Funktionsweisen unserer Körper umso plausibler erscheinen: Der Kreislauf des Wassers, das frische Sprudeln der Quelle gemahnen an uns selbst; Empedokles sugge­ riert, dass unsere Gedanken und unsere Seele im Blut lebendig sind, dessen ‘Strudeln’ er dann – gemäss der Übersetzung von Bernhard Heinrich Carl Lommatzsch – wie folgt beschreibt: “In den Tiefen des Blutes genährt, das


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Abb. 4: Antonio Vallisnieri, Lezione Accademica intorno L’Origine delle Fontane […] Seconda Edizione, Venezia: Pietro Poletti 1726, Frontispiz und Titel der zweiten Auf lage

strudelt entgegen, | Wo der Gedanke am meisten beweget wird bei den Men­ schen.”12 So könnten wir uns der Quellen als eines unserer eigenen Natur gleichsam einverleibten, lebensnotwendigen Phänomens vergewissern. An diesen Zusammenhang hat – für viele wohl überraschend – Athanasius Kircher erinnert, als er 1665 und 1678 in seinem monumentalen Werk Mundus Subterraneus just damit die Fragen nach dem Ursprung der Quellen und Flüsse und nach dem Wasserkreislauf einleitete (Tafel xii, Abb. 5): Et primo suppono, Hydrophylacia Naturae, uti & siphones, sive inciles hydragogos non casu aut fortuito, sed magno Naturae consilio imò non minori industria, quam venas & arterias in corpore humano sive Microcosmo, vasis humorum, insertos fuisse; & quemadmodum Aeterna Sapientia omnia in numero, pon­ dere & mensura constituit, ita quoque interiorem Geocosmi oeconomiam & fa­ bricam iis adminiculis instruxit sine quibus aeternum praevidit causas rerum nullum effectum producere potuisse.13 Der ‘Mikrokosmos’ des menschlichen Körpers kennt also genau wie die Ökonomie des gesamten ‘Geokosmos’ einen solchen inneren Kreislauf, ohne


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Abb. 5: “Hydrophylacia”, die Wasserspeicher im Inneren der Berge als Ausgleichsbecken und Garant des ständigen Flusses der Quellen, mit Zu- und Abf luss vom Meer, in: Athanasius Kircher, Mundus Subterraneus, in xii Libros digestus, i, Amsterdam: apud Joannem Janssonium à Waesberge & Filios [1665] 1678, S. 254

den es gar nicht zu – den jeweils erwünschten – Wirkungen käme (“nullum effectum producere”). Dort, in dem der göttlichen Vorsehung und der “Ae­ terna Sapientia” geschuldeten Naturvorgang, ist die Ursache grundgelegt, nach der auch Athanasius Kircher gemäss den aristotelischen Zielsetzungen einer Wissenschaft, nämlich der Suche nach den Gründen, forscht. Mehr noch, Aristoteles’ grundsätzliches Fragen nach den Ursachen ist ihm zu ab­ strakt und metaphysisch (“valde abstracte & more suo Metaphysice de Fon­ tium causus philosophatus est”14); Kircher sucht explizit nach ‘wirklichen’ Erklärungen und Gründen dieser Naturphänomene in der Natur selbst: “nos ad propriores causas progressi” hält er gegen das, was bei Aristoteles im Dunkeln bleibe (“qui in obscura Aristotelis sententia latent”).15 Seiner erfah­ rungsorientierten Quellenforschung stellt er deshalb einige Grundannah­ men voran, etwa, dass es im Inneren der Erde und im Meeresgrunde Höhlen und Schlünde aller Art gebe (“innumeris cavernis […] pertusum esse”), dass Sonne und Mond einen Einf luss auf “f lux” und “ref lux” des Meeres hätten,


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