KWA VI 1
41 mm
Robert Walser Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte
Robert Walser Mikrogramme 1924/25
Band VI 1 Mikrogramme 1924/25
Frankfurt/Basel ISBN 978-3-86600-261-6 Basel ISBN 978-7965-3500-0
16_01_08_B_Walser_Einband_Mikro_VI_1.indd 3
01.08.16 17:46
Kritische Robert WalserAusgabe (KWA) Band VI 1 . Mikrogramme 1924 /25
Robert Walser Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte
herausgegeben von Wolfram Groddeck und Barbara von Reibnitz Band VI 1
Robert Walser Mikrogramme 1924 /25
herausgegeben von Angela Thut, Christian Walt und Wolfram Groddeck
Herausgegeben im Auftrag der Stiftung für eine Kritische Robert Walser-Ausgabe, Basel Delegierter des Stiftungsrats für die Herausgabe: Wolfram Groddeck Publiziert mit Unterstützung des Bundesamtes für Kultur (BAK) und des Swisslos-Lotteriefonds des Kantons Bern. Die Druckvorstufe dieser Publikation wurde vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt. Die UBS-Kulturstiftung hat dankenswerterweise Kosten für die Digitalisierung der Handschriften übernommen.
Abdruck der Faksimiles mit freundlicher Genehmigung der Robert Walser-Stiftung Bern Eine Gemeinschaftsproduktion von Stroemfeld Verlag, Basel und Frankfurt am Main und Schwabe Verlag, Basel Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar ISBN 978-3-86600-261-6 (Stroemfeld) ISBN 978-7965-3500-0 (Schwabe) Copyright © 2016 Stiftung für eine Kritische Robert Walser-Ausgabe, Basel Copyright für die Texte von Robert Walser, mit freundlicher Genehmigung der Inhaberin der Rechte, der Robert Walser-Stiftung Bern © Suhrkamp Verlag, Zürich 1978 und 1986 Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved Satz: Christian Walt, Zürich und Doris Kern, Frankfurt am Main Stroemfeld Verlag CH-4054 Basel, Altkircherstrasse 17 D-60322 Frankfurt am Main, Holzhausenstraße 4 Schwabe Verlag CH-4010 Basel, Steinentorstrasse 13 Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier gemäß ISO 9706 www.stroemfeld.de www.schwabe.ch www.kritische-walser-ausgabe.ch
Inhalt
Mikrogramme: Faksimiles, kongruente Umschriften und linearisierte Textdarstellung Blatt 260 Blatt 261 Blatt 477 Blatt 524 Blatt 256 Blatt 244 Blatt 270 Blatt 271 Blatt 251 Blatt 253 Blatt 252 Blatt 264 Blatt 263
7 15 25 31 41 49 61 71 81 91 103 109 119
Blatt 259 Blatt 242 Blatt 266 Blatt 255 Blatt 254 Blatt 250 Blatt 237 Blatt 268 Blatt 478 Blatt 525 Blatt 245 Blatt 249 Blatt 243
131 141 153 161 171 179 189 197 207 215 225 233 241
Blatt 526 Blatt 475 Blatt 236 Blatt 484 Blatt 189 Blatt 187 Blatt 191 Blatt 192 Blatt 193 Blatt 194 Blatt 234 Blatt 186
7–375 251 259 269 281 299 309 317 325 335 345 353 363
Zur Anlage von Abteilung VI
377
Editorisches Nachwort
379
Verzeichnis der Texte mit ihren Textzeugen und Übersicht über die Anordnung der Mikrogrammblätter im Band
393
Alphabetisches Verzeichnis der Einzeltexte
400
Numerisches Verzeichnis der Mikrogrammblätter
402
Editorische Zeichen
404
I
II
III
Kunstdruckpapier, ca. 13,1 × 21,6 cm; Risskante links
260r
I Laß dir, werte Herrin, die Nachricht zukommen …
II Der Friede.
III Die grüne Spinne.
1924 /25 (keine genaueren Datierungshinweise)
7
Laßt mich dir, werte [¿]Herrin, die Nachricht zukoµen, daß die vo¿ den Mund beim Sprechen offen behält vor Staunen darüber, daß du anhör[en]st und sich am Ohr ?
krault oder reibt und die dahin zielt, dir zu sagen, daß ich einst eine Buchhandlung begafft habe, in deren Schaufenster ein Buch mit dem Titel auslag „Unter der Peitsche der Polin“ und daß ich mich gestern übrigens der Wonne des Badens hingab, wobei ich den Einfall hatte, mich zu geberden, als wär ich wasserscheu wie ein Betteljunge, den niemand von früh auf an Reinlichkeit gewöhnte. Darf ich dir eine Geschichte erzählen von einem Kind, dem die Mutter kein Wort gönnte, die lieber flanieren ging als in einem fort sich mit dem Bedürftigen zu beschäftigen. Sie war von unsagbarer Eleganz, und wenn die Sonne am heißesten schien, legte sie aus nichts als Kaprizzen einen wärmenden Pelz an. Kinder können ja nun freilich mit ihrem Gewinsel und Gebettel lästig werden, ich stelle das nicht in Abrede. Und dann besaß das Kind noch den Fehler, daß es so unverschämt lachte, sich über ihre Gegenwart ungeniert freute, das war ihr peinlich Sie sagte ihm z.B: Du unterjochst mich, du bist ein Tyrann, daß du’s weißt, ich dulde das nicht mehr, und befahl ihm, sich die sogenannte kindliche Liebe abzugewöhnen, aber d¿¿ ich hab da noch was andres auf dem Tapet, höre. Es war einmal ein duµer Junge d.h. einer, der sein Herz einer Dame schenkte, die er gar nicht wieder zu Gesicht kriegte und nun zu einer sonstigen Schönen hinkam und ihr sein Herz ausschüttete. „Du bist mir ein netter Wicht“ sprach sie und biß sich auf die Lippen und sann nach, was sie mit dem duµen Schelm anstelle. „Mich liebst du auch“ so äußerte sie sich und fuhr fort mit, dann will ich dir was sagen: es empört mich, daß du zu mir flennen und zittern koµst. Statt deine Vorherige flink und hurtig bei meinem Anblick zu vergessen, wozu du d[¿]ich in jeder Hinsicht verpflichtet fühlen müßtest, Ungehöriger, gibst du mir den schäbigen Nebenauftrag, dich nur so zu kosen, zu beruhigen. Wart mal, Elender, es fällt mir was ein. Du bist ein Sturm, ein Schlabi, aber ich habe Mitleid mit dir und will dich kurrieren. Sie tat gnädig und sprach: Küsse mir die Hand, hatte aber Männer zur Hand, die waren Freudlose, formidable und entschlossene Anhänger jeder erdenklichen Empfindungslosigkeit, [¿]diese rief sie, indem eine nicht uninteressante Härte ihr schönes Gesicht überflog, herbei und [s]befahl ihnen mit dem süßesten Lächeln: Schneidet ihm sein lumpiges abhängiges Herz aus, dann wohlet ihm. Und sie warfen ihn zu Boden, steµten ihre starken Knie ihm auf die Brust und erledigten den ihnen erteilten Auftrag auf’s Sorgsamste, wobei einer der unermeßlichen Spitzbuben, dessen Schurkereien sich über die ganzen Erdteile erstreckt hätten, wenn man sie auseinandergelegt haben würde, in die Küche lief, einen sauber gescheuerten Teller holte und das Herz ihr darbot, die es mit unerhört vornehmen auf’s Feinste geputzten und herausgespitzten Fingerspitzen furchtsam anrührte. Sie ließ sich nämlich alle Tage, so um zehn Uhr, von einem ihrer Getreuen maniküren. Weißt du, was ich mit dem Herzen tun will, das mir sein Geheimnis anzuvertrauen wagte, redete sie nachläßig und mit lieblichster Stimme zu ihrer ihr am nächsten stehenden Freundin „ich will es als Nadelkissen brauchen“ Gesagt, getan, und nun muß ich dir noch auftischen, daß ich diese Friedensfrage für zu schwierig halte, als daß ich sie für lösbar zu halten mich erdreistete. Die Friedlichgesinnten bleiben abends in der Landschaft vor Apfelbäumen stehen, deren Zeichnung ihnen als etwas Wahrnehmenswertes erscheint und sprechen mit leiser Betonung zu[m]r [Da]Bedachung irgendeines Bauernhauses: wie seltsam. Die Gnädige glaube zutiefst an meinen Diensteifer, wie ich vor mich lieblich anmutender Beflissenheit überfließe und bitte sie kniefällig um Nachsicht mit ihrer gehorsamen Magd.
Der Friede.
Die Ruhige (amtet ahnungslos, ist an ihrem Tisch beschäftigt Die Leidenschaftliche ([¿]in der Unbemerktheit) Ich kam her, sie zu erwürgen, und seh nun, daß ich’s nicht vermag. Ich hielt sie für eine Verdorbene, Verderbliche für eine kalte, freche Spielverderberin und eine [¿]Maulige und Mutlose, eine Schüchterne, und das setzt mir so zu, ich weiß nicht, was ich tun soll und seh mit entsetzlicher Gewißheit, was ich zu tun habe. Sie ist entzückend und ich hasse mich selbst nun mit verwüstendem Hasse. Wie sie zierlich ist, wie ich mich an dem Anblick verbohre, der mir wohltun sollte. Ich fürchte mich, sie anzuschauen und kann die Augen nicht von ihr abwenden, sie unterjocht mir sie Meine Seele sagt mir, daß sie nur an ihn und keinen Augenblick an mich dachte, daß sie einzig nur ein bischen glücklich zu sein suchte. Ja, ich seh ihr an, sie ist es, ich les es ihr ?[an]von der Stirne, daß sie an [d]ihn denkt, an den ich kein Recht mehr habe zu denken, weil ich ihn mir zum [¿]Greuel gemacht habe. Da kauere ich im Verborgenen und folge der dringenden Pflicht, die mir gebietet, mir zu sagen, daß sie verdient, daß er sie liebt und daß er recht hat, ihr anzugehören, und daß ich ¿¿ richtig täte, mich zu entfernen, mein Heil auf anderem Weg zu suchen, aber es ist eine fürchterliche Stimme in mir, die mich verhöhnt und mir zuruft, du vermagst das nicht. O, mein Heiland, was beginne ich? Hochauf wie ein Turm im alten Rom am Meergestade meines Entschlusses erhebt sich die Schwierigkeit, die Unmöglichkeit vor mir, mich an ihr zu rächen, die mir den Eindruck unvergleichlicher Behutsamkeit und Lieblichkeit macht. Ihre Unbenoµenheit wirkt mich wunderbar an. Sie singt, sie träumt, sie hält ihn für gut, und sie will ihn gar nicht besitzen, [¿]liebt ihn nur. Was für eine Teufelin ich bin, sagt mir ihr ruhendes Gesichtchen. Seht, seht, ihr Lebensgeister, ihr Engelsscharen, die ihr um unser Dasein kreist, wie sie lächelt. Sie ist so unschuldig, in so hohem Maß unschuldig, wie ?ich mich die Verkehrtheit meines Denkens verleitet hat, sie für schuldig zu halten, und ich muß mir vorkoµen wie ein aufgeschwollenes Krötengeknäuel, von Vergeltungsgedanken vergiftet und von der [¿]Unfähigkeit gelähmt, [¿] freundlichehrlich zu dulden. Wie friedlich sie ihre bescheidene Obliegenheit verrichtet, ihre Gestalt ist vom Rufe umglänzt, befriedigt zu sein, und mich umgähnt die Unzufriedenheit wie die Hölle und nun zittert, nun wütet es in mir, mit mir abzurechnen und ich fasse die Waffe an, um sie gegen mich selbst zu richten, da ich mich verurteilte (sie spannt die Pistole, die sie aus der Tasche hervorzog) Ein Regen von Selbstverachtung schüttet auf mich herab, welch eine Qual und welch eine Lust, sich ?tödlich mit der Verachtung zu verwunden. Welche grauenvolle Freude, sich zu verwünschen. Wer d¿ am Vergnügen Anderer Anstoß niµt, liefert sich der Mißgestiµtheit aus, die ihn b¿ zum Kadaver macht (sie erschießt sich) Die Ruhige (hat nichts [¿]gehört) Sie soll sehr bös auf mich sein. Er [h¿]muß was davon halten, daß er sich für mich fürchtet, ich liebe aber das Leben nicht so sehr wie ihn Sie tu, wessen sie fähig ist (sie findet lustig, was sie spricht und lacht über ihre Äußerung) Die Gestalt des Friedens: Ich bin die Macht. Wer sich mit mir entzweit, fällt von sich selbst ab. Meine Gesetze sind die härtesten. Wer sie befolgt, härtet sich, befestigt sich Wen ich durchdringe, der siegt über niemand. Es soll niemand in meiner Reihe siegen. Jeder ist gebeten, daß er sich Müh gibt. [Die grüne Spinne.] Es [¿]wird gewesen sein, [¿]daß es zwei Uhr nachmittags war und zwar in einer denkbar kostbar möblierten Wohnung, deren Ausstattung rein aus Damast bestanden haben mag Es ist ausgeschlossen, daß ich weiß, was eigentlich Damast ist, es genügt, daß ich davon irgendeinmal in irgendeinem Buche las und schnoberte. Es ist herrlich, wie ich das zugebe, so frei und offen mütig und wie ich nun un[w]umwunden eine grüne Spinne in’s Logis setze, denn sie fällt mir gerade in die sieben Sinne, derer ich durchaus nach wie [¿]vor mächtig bin, obwohl ich mich hie und da zum reinen Vergnügen wahnsinnig geberde, gleichsam in den Samt des vornehmsten Unverstandes hülle, indem [¿]mich mitunter der gesunde Verstand langweilt. Es ergibt sich, daß die grüne Spinne, deren Fa Haar von der Farbe der Löwen war und deren Augen tückisch, hinterlistig schillerten, gleich grünen und unergründlichen Steinen, und die Arme besaß, die rö mit rötlichen Punkten übersät [¿]schienen, und auch in der Tat gewesen sind oder sein geschienen haben zu sein, einen bezaubernd jungen schönen edlen angesehenen und nochmals jungen und vielversprechenden Menschen [¿]dicht unter sich hatte, will sagen sanft leitete und bannte. Sie befahl ihm einmal, eine Millionärin zu veranlassen, daß sie ihm ein Juwel im Wert einer Viertelsmillion glatt aushändige, damit er [i¿]es ihr unter das mit den feinsten oder zerrissensten Pantoffeln bekleidete pommer’sche Füßchen lege. Es geschah so. Ist das nicht herzzerbrechend? Es wird vom vorzüglichsten aller jugendlichen Bestreblichen gesagt und ausgeplappert werden dürfen, wie er [ein]das Bild seiner hohen Geliebten auf dem kaffebraunen Sekretär oder deutsch gesprochen Schreibtisch liegen oder stehen hatte, und ?[als]es ?[dann]nun die grünen Spinne einfiel, [¿]ihm das Portrait unter die Nase zu halten, als ob die Abbildung etwas wundersam Duftendes gewesen sei, und wie sie’s ihm vor den Augen in lauter kleine nette schneeflockenhafte Fetzen zerriß, die er gehorsamst auf las, wobei er tief aufschluchzte, indem er damit einen allzeit offenen Salon verleugnete, verließ und preisgab. Es schickt sich für eine grüne Spinne, beständig duµ den hübschen Mund offen zu haben, und vermutlich ist ihr Gesicht verschmitzt wie nichts sonst. Armer Flieger in die höchsten blauen Höhen des gesellschaftlichen Daseins, der du vergeblich mit der Wucht deines gesamten Willens und mit dem Armeecorp deiner Energie gegen eine fleckige Schürze ankämpftest. Sie brachte es dahin, daß er sie ih¿ ?
mit tausendmal an die Lippen preßte, der nachläßige Beherrscher einer Legion von wohlerzogenen Töchtern, die sich für ihn scheinbar interessierten, [¿]aus dem sehr einfachen Grunde, weil sein er sittlich anfechtbar war und moralisch wacker hin und her schwankte. Es ist doch hoffentlich wahr, was ich da schreibe, sonst hole mich die grüne [S¿]Spinne, die einen entzückend schmutzigen Teint besaß und aufwies und mit Vorliebe stündelte, d.h. in die sektiererische Versaµlungen lief. Die riesig hohen Fenster schiµerten nachts in einer Pracht, wie mein Mund und sein bescheidenes Wer[¿]kzeug, meine angestaµte Sprache, es nicht zu beschreiben und hervorzustaµeln vermögen. In der Schlucht murmelte ein Fluß. In der Viktoriastraße wurde [¿]abendelang bis zur eklatantesten ?Erschöpfung über Wedekind u.s.w. gesprochen. Es beliebt mir, mit nach Käse duftenden Fingern an diesen hervorragend feinen Zeilen herumzuarbeiten, ich aß nämlich eben ein mit besagtem Materia Nahrungsmittel ziemlich reichlich belegtes Brötchen und sog alsdann noch den Saft einer Birne kunstvoll ein und lecke mir nunmehr friedvoll die Lippen, mit denen ich melde und hinzufüge, daß manchmal die grüne Spinne zart und schrill pfiff, wonach der Ausnahmemensch mit den begründetsten Aussichten auf ein privilegiertes Dasein über die ich
zu ihr hinstürzte, um mit der Schnippischkeit abgefertigt zu werden: Du bist verrückt. Grüne Spinne, du bist die Erotik, und ich mache mich auftragsgemäß lustig mache, obwohl nicht gern. Sie umgarnt auch mich. [¿]Es ist einwandfrei festgestellt, daß auch ich vor ihr bebe. Es muß, es muß diese mit [¿]Schlangen umwundene Geschichte nun plötzlich geendet sein, d[aß]enn es muß gestanden sein, daß ich Sehnsucht nach einem Glas Bier habe, die ich mit unnachsichtlicher Rücksichtslosigkeit ausgleichen will. Dem Leser [¿]statte ich für die Geduld, daß er mir sein [¿]Ohr [¿¿]während dieser Abwicklung lieh, heißgekochten Dank ab.
8
260 r
9
260 r / I Laß Laßt
Laß mich dir, werte Herrin, die Nachricht zukommen, daß die vo¿ den Mund
1
beim Sprechen offen behält vor Staunen darüber, daß du ⟨sie⟩ anhör[en]st und sich am Ohr | ?krault oder reibt und die dahin zielt, dir zu sagen, daß ich einst eine
2
Buchhandlung begafft habe, in deren Schaufenster ein Buch mit dem Titel aus lag „Unter |der Peitsche der Polin“ und daß ich mich gestern übrigens der Wonne
3
des Badens hingab, wobei ich den Einfall hatte, mich zu geberden, als wär ich wasserscheu |wie ein Betteljunge, den niemand von früh auf an Reinlichkeit ge
4
wöhnte. Darf ich dir eine Geschichte erzählen von einem Kind, dem die Mutter kein Wort |gönnte, die lieber flanieren ging als in einem fort sich mit dem Be
5
dürftigen zu beschäftigen. Sie war von unsagbarer Eleganz, und wenn die Sonne am heißesten |schien, legte sie aus nichts als Kaprizzen einen wärmenden Pelz an.
6
Kinder können ja nun freilich mit ihrem Gewinsel und Gebettel lästig werden, ich stelle das |nicht in Abrede. Und dann besaß das Kind noch den Fehler, daß
7
es so unverschämt lachte, sich über ihre Gegenwart ungeniert freute, das war ihr peinlich |Sie sagte ihm z. B: Du unterjochst mich, du bist ein Tyrann, daß du’s
8
weißt, ich dulde das nicht mehr, und befahl ihm, sich die sogenannte kindliche Liebe |abzugewöhnen, aber d¿¿ ich hab da noch was andres auf dem Tapet, höre. |
Es war einmal ein dummer Junge d. h. einer, der sein Herz einer Dame schenkte,
9 10
die er gar nicht wieder zu Gesicht kriegte und nun zu einer sonstigen Schönen hinkam und ihr sein Herz ausschüttete. „Du bist mir ein netter Wicht“ |sprach
11
sie und biß sich auf die Lippen und sann nach, was sie mit dem dummen Schelm anstelle. „Mich liebst du auch“ so äußerte sie sich und fuhr fort |mit, dann will
12
ich dir was sagen: es empört mich, daß du zu mir flennen und zittern kommst. Statt deine Vorherige flink und hurtig bei meinem Anblick zu |vergessen, wozu
13
du dich in jeder Hinsicht verpflichtet fühlen müßtest, Ungehöriger, gibst du mir den schäbigen Nebenauftrag, dich nur so zu kosen, zu |beruhigen. Wart mal,
14
Elender, es fällt mir was ein. Du bist ein Sturm, ein Schlabi, aber ich habe Mitleid mit dir und will dich kurrieren. |Sie tat gnädig und sprach: Küsse mir die Hand,
15
hatte aber Männer zur Hand, die waren Freudlose, formidable und entschlossene Anhänger jeder erdenklichen |Empfindungslosigkeit, diese rief sie, indem eine
16
nicht uninteressante Härte ihr schönes Gesicht überflog, herbei und [s]befahl ihnen mit dem süßesten Lächeln: |Schneidet ihm sein lumpiges abhängiges Herz
17
aus, dann wohlet ihm. Und sie warfen ihn zu Boden, stemmten ihre starken Knie ihm auf die Brust und |erledigten den ihnen erteilten Auftrag auf ’s Sorgsamste, Schurkereien … hätten ~ Schurkerei … hätte
18
wobei einer der unermeßlichen Spitzbuben, dessen Schurkereien sich über die ganzen Erdteile erstreckt hätten, |wenn man sie auseinandergelegt haben würde, in die Küche lief, einen sauber gescheuerten Teller holte und das Herz ihr darbot,
10
19
20
die es mit unerhört vornehmen |auf ’s Feinste geputzten und herausgespitzten Fingerspitzen furchtsam anrührte. Sie ließ sich nämlich alle Tage, so um zehn
21
Uhr, von einem ihrer Getreuen |maniküren. Weißt du, was ich mit dem Herzen tun will, das mir sein Geheimnis anzuvertrauen wagte, redete sie nachläßig und
22
mit lieblichster Stimme |zu ihrer ihr am nächsten stehenden Freundin „ich will es als Nadelkissen brauchen“ Gesagt, getan, und nun muß ich dir noch auftischen,
23
daß ich diese Friedensfrage |für zu schwierig halte, als daß ich sie für lösbar zu
Friedensfrage ~ Friedensfragen
halten mich erdreistete. Die Friedlichgesinnten bleiben abends in der Landschaft 24
vor Apfelbäumen stehen, |deren Zeichnung ihnen als etwas Wahrnehmenswertes erscheint und sprechen mit leiser Betonung zu[m]r [Da]Bedachung irgendeines
25
Bauernhauses: wie seltsam. Die Gnädige |glaube zutiefst an meinen Diensteifer, wie ich vor mich lieblich anmutender Beflissenheit überfließe und bitte sie knie fällig um Nachsicht mit ihrer gehorsamen Magd.
260 r / II
1
Der Friede.
2
Die Ruhige (amtet ahnungslos, ist an ihrem Tisch beschäftigt
3
Die Leidenschaftliche (in der Unbemerktheit) Ich kam her, sie zu erwürgen, und seh nun, daß ich’s nicht vermag. Ich hielt sie für eine Verdorbene, Verderb
4 5
liche |für eine kalte, freche Spielverderberin und eine Maulige und Mutlose, |
eine Schüchterne, und das setzt mir so zu, ich weiß nicht, was ich tun soll und seh mit entsetzlicher Gewißheit, was ich zu tun habe. Sie ist entzückend und ich hasse mich selbst nun mit verwüstendem Hasse. Wie sie zierlich ist, wie
6
ich mich |an dem Anblick verbohre, der mir wohltun sollte. Ich fürchte mich, sie anzuschauen und kann die Augen nicht von ihr abwenden, sie unterjocht
7
mir sie |Meine Seele sagt mir, daß sie nur an ihn und keinen Augenblick an mich dachte, daß sie einzig nur ein bischen glücklich zu sein suchte. Ja, ich
8
seh ihr an, sie |ist es, ich les es ihr ?[an]von der Stirne, daß sie an [d]ihn denkt, an den ich kein Recht mehr habe zu denken, weil ich ihn mir zum Greuel ge
9
macht habe. Da kauere |ich im Verborgenen und folge der dringenden Pflicht, die mir gebietet, mir zu sagen, daß sie verdient, daß er sie liebt und daß er
10
recht hat, ihr anzugehören, und |daß ich ¿¿ richtig täte, mich zu entfernen, mein Heil auf anderem Weg zu suchen, aber es ist eine fürchterliche Stimme
11
in mir, die mich verhöhnt und mir |zuruft, du vermagst das nicht. O, mein Heiland, was beginne ich? Hochauf wie ein Turm im alten Rom am Meerge
12
stade meines Entschlusses |erhebt sich die Schwierigkeit, die Unmöglichkeit
11
Maulige ~ Mutige
vor mir, mich an ihr zu rächen, die mir den Eindruck unvergleichlicher Be hutsamkeit und Lieblichkeit macht. Ihre |Unbenommenheit wirkt mich wun
13
derbar an. Sie singt, sie träumt, sie hält ihn für gut, und sie will ihn gar nicht besitzen, liebt ihn nur. Was für eine | Teufelin ich bin, sagt mir ihr ruhendes
14
Gesichtchen. Seht, seht, ihr Lebensgeister, ihr Engelsscharen, die ihr um un ser Dasein kreist, wie sie lächelt. Sie ist so |unschuldig, in so hohem Maß un
15
schuldig, wie ich mich die Verkehrtheit meines Denkens verleitet hat, sie für ?
schuldig zu halten, und ich muß mir vorkommen wie ein |aufgeschwollenes von Vergeltungsgedanken ~ vom Vergeltungsgedanken
16
Krötengeknäuel, von Vergeltungsgedanken vergiftet und von der Unfähigkeit gelähmt, freundlichehrlich zu dulden. Wie friedlich sie ihre |bescheidene Ob
17
liegenheit verrichtet, ihre Gestalt ist vom Rufe umglänzt, befriedigt zu sein, und mich umgähnt die Unzufriedenheit wie die Hölle und nun zittert, nun |
wütet es in mir, mit mir abzurechnen und ich fasse die Waffe an, um sie gegen |
mich selbst zu richten, da ich mich verurteilte (sie spannt die Pistole, die sie
18 19
aus der Tasche hervorzog) Ein Regen von Selbstverachtung schüttet auf mich herab, welch] Mglw. zuerst herab, welche
herab, welch eine Qual und welch eine Lust, sich ?tödlich mit der Verachtung zu |verwunden. Welche grauenvolle Freude, sich zu verwünschen. Wer d¿ am
20
Vergnügen Anderer Anstoß nimmt, liefert sich der Mißgestimmtheit aus, die ihn b¿ zum Kadaver |macht (sie erschießt sich) Die Ruhige (hat nichts gehört) Sie soll sehr bös auf mich sein. Er [h¿]muß was
21 22
davon halten, daß er sich für mich fürchtet, ich liebe aber das Leben nicht so sehr wie ihn |Sie tu, wessen sie fähig ist (sie findet lustig, was sie spricht und
23
lacht über ihre Äußerung) Die Gestalt des Friedens: Ich bin die Macht. Wer sich mit mir entzweit, fällt von
24
sich selbst ab. Meine Gesetze sind die härtesten. Wer sie befolgt, härtet sich, befestigt sich | Wen ich durchdringe, der siegt über niemand. Es soll niemand
25
in meiner Reihe siegen. Jeder ist gebeten, daß er sich Müh gibt.
260 r / III
[Die grüne Spinne.]
1
Es wird gewesen sein, daß es zwei Uhr nachmittags war und zwar in einer denk
2
bar kostbar möblierten Wohnung, deren Ausstattung rein aus Damast bestan den haben mag |Es ist ausgeschlossen, daß ich weiß, was eigentlich Damast ist,
3
es genügt, daß ich davon irgendeinmal in irgendeinem Buche las und schnober te. Es ist herrlich, wie ich das zugebe, so frei und offen|mütig und wie ich nun un[w]umwunden eine grüne Spinne in’s Logis setze, denn sie fällt mir gerade
12
4
in die sieben Sinne, derer ich durchaus nach wie vor mächtig bin, obwohl ich 5
mich |hie und da zum reinen Vergnügen wahnsinnig geberde, gleichsam in den Samt des vornehmsten Unverstandes hülle, indem mich mitunter der gesunde
6
Verstand langweilt. Es ergibt |sich, daß die grüne Spinne, deren Fa Haar von der Farbe der Löwen war und deren Augen tückisch, hinterlistig schillerten, gleich
7
grünen und unergründlichen Steinen, und |die Arme besaß, die rö mit rötlichen Punkten übersät schienen, und auch in der Tat gewesen sind oder sein geschie
8
nen haben zu sein, einen bezaubernd jungen schönen edlen angesehenen |und nochmals jungen und vielversprechenden Menschen dicht unter sich hatte, will sagen sanft leitete und bannte. Sie befahl ihm einmal, eine Millionärin zu ver
9
anlassen, daß sie |ihm ein Juwel im Wert einer Viertelsmillion glatt aushändige, damit er [i¿]es ihr unter das mit den feinsten oder zerrissensten Pantoffeln beklei
10
dete pommer’sche Füßchen |lege. Es geschah so. Ist das nicht herzzerbrechend? Es wird vom vorzüglichsten aller jugendlichen Bestreblichen gesagt und ausge
11
plappert werden dürfen, wie er [ein]das Bild seiner |hohen Geliebten auf dem kaffebraunen Sekretär oder deutsch gesprochen Schreibtisch liegen oder stehen hatte, und ?[als]es ?[dann]nun der grünen Spinne einfiel, ihm das Portrait unter
12
der die
|
die Nase zu halten, als ob die Abbildung etwas wundersam Duftendes gewesen sei, und wie sie’s ihm vor den Augen in lauter kleine nette schneeflockenhafte
13
Fetzen zerriß, |die er gehorsamst auflas, wobei er tief aufschluchzte, indem er damit einen allzeit offenen Salon verleugnete, verließ und preisgab. Es schickt
14
sich für eine grüne Spinne, |beständig dumm den hübschen Mund offen zu ha ben, und vermutlich ist ihr Gesicht verschmitzt wie nichts sonst. Armer Flieger
15
in die höchsten blauen Höhen des gesellschaftlichen Daseins, |der du vergeblich mit der Wucht deines gesamten Willens und mit dem Armeecorp deiner Energie gegen eine fleckige Schürze ankämpftest. Sie brachte es dahin, daß er sie [ ih¿]
16
| ?
mit tausendmal an die Lippen preßte, der nachläßige Beherrscher einer Legion
von wohlerzogenen Töchtern, die sich für ihn scheinbar interessierten, aus dem 17
sehr einfachen Grunde, weil |sein er sittlich anfechtbar war und moralisch wacker hin und her schwankte. Es ist doch hoffentlich wahr, was ich da schreibe, sonst
18
hole mich die grüne [S¿]Spinne, die einen |entzückend schmutzigen Teint besaß und aufwies und mit Vorliebe stündelte, d. h. in die sektiererische Versammlun
19
gen lief. Die riesig hohen Fenster schimmerten nachts in einer Pracht, |wie mein Mund und sein bescheidenes Werkzeug, meine angestammte Sprache, es nicht zu beschreiben und hervorzustammeln vermögen. In der Schlucht murmelte ein
20
Fluß. In der Viktoriastraße |wurde abendelang bis zur eklatantesten ?Erschöpfung über Wedekind u. s. w. gesprochen. Es beliebt mir, mit nach Käse duftenden
21
Fingern an diesen hervorragend feinen Zeilen herumzuarbeiten, |ich aß näm lich eben ein mit besagtem Materia Nahrungsmittel ziemlich reichlich belegtes Brötchen und sog alsdann noch den Saft einer Birne kunstvoll ein und lecke mir
22
nunmehr friedvoll |die Lippen, mit denen ich melde und hinzufüge, daß manch mal die grüne Spinne zart und schrill pfiff, wonach der Ausnahmemensch mit
23
den begründetsten Aussichten auf ein privilegiertes Dasein |zu ihr hinstürzte, um mit der Schnippischkeit abgefertigt zu werden: Du bist verrückt. Grüne Spinne, du bist die Erotik, und ich mache [über die ich] mich auftragsgemäß lustig ma
24
che, obwohl nicht gern. |Sie umgarnt auch mich. Es ist einwandfrei festgestellt,
13
Erschöpfung] Textverlust durch Papierschaden
daß auch ich vor ihr bebe. Es muß, es muß diese mit Schlangen umwundene Ge schichte nun plötzlich geendet sein, d[aß]enn es muß gestanden sein, |daß ich
25
Sehnsucht nach einem Glas Bier habe, die ich mit unnachsichtlicher Rücksichts losigkeit ausgleichen will. Dem Leser statte ich für die Geduld, daß er mir sein Ohr während dieser |Abwicklung lieh, heißgekochten Dank ab.
14
26
A I
II
III
IV
Kunstdruckpapier, ca. 13,1 × 21,6 cm; Risskante links
261r
A Mit Erlaubnis zu sagen, gab es einmal … [gestrichene Aufzeichnung]
I Ein junger armer Mann war reich mit …
II Zweifellos wohnt es sich in einem vornehmen Hause …
III Der Bub.
IV Habersack. Eine Krammetsvögelgeschichte
1924 /25 (keine genaueren Datierungshinweise)
15
Mit Erlaubnis zu sagen, gab es einmal einen armen Maler, der nicht nur für eine Alpenbahn ein begabtes Plakat entwarf sondern dabei auch noch einer Dame so lange und nachdrücklich Gesellschaft leistete, bis er sich gestehen mußte, er h[abe]ätte inzwischen eine Landschaft nach Natur malen können. Er warf diese Einsicht auf indem er sprach: Ein junger armer Mann war reich mit Sehnsucht ausgestattet. Er leistete sowohl mit der Armut wie mit dem Reichtum seinem Geist wie mit seinen Geistlosigkeiten einer Frau Gesellschaft. Die Unterhaltung gestaltete sich sehr sehnsuchtsreich. Die ärmlichen Geistigkeiten und [s]die schwerherabhangenden Reichlichkeiten wetteiferten [¿]miteinander um einige Stunden höchsten Inhalts zustandezubringen. Der junge Mann war Maler und er malte genial, indem inwiefern ihm er sich das Gesicht mit Röte [¿]anstrich, die ihm heraufstieg, weil er sich [¿]so mächtig sehnte. Er schämte sich gewissermaßen seines so üppigen Mangels an Geist und seiner so reichlichen Entfaltung an blühendem Unsinn. Betragen wir uns geistreich, so sto bleiben stocken die Sehnsuchtsflüsse. Unser bläulich angehauchter und rötlich angestrichener junger Mann wußte das. Von Zeit zu Zeit lachte er wie besessen über sein verhaltenes Verlangen und trank dies Lachen. Man kann auch sagen, das Lachen des sehnsüchtigen jungen Mannes habe ihr einen Kuß verabfolgt, und sie habe diesen Kuß in all seiner ?[¿]Unermeßlichkeit und all seiner Süffigkeit und Süßigkeit aus gekostet. Die Gardinen, die am Fenster hingen und schneeweiß waren als seien sie Schneeveilchen, wurden aus großer, schwarzer Scham hochrot und der Hiµel bedeckte sich aus Zorn, mitansehen zu müssen, wie die Unterhaltung der beiden iµer mehr an’s Hiµlische grenzte, mit Wolken, und der Wald verschlang sich aus Schmerz und die Tauben ließen im Flug große Tränen, so groß wie Hühnereier auf die Dächer der Provinzstadt fallen und am Bahnhof rief der Bahnbedienstete mit schriller dienstbeflissener Stiµe aus: TwannNeuveville und der junge Veilchenmaler und die rosarote Saufrau malten am Gemälde ihres Beisaµenseins mit einer Unverdrossenheit fort, die nur mit der Emsigkeit zu vergleichen sein kann, womit der Jüngling zu sich sagte Ich habe verpaßt, in meiner Kunst um hundert oder mehr Schritte vorwärtszukoµen. Er meinte die hohe Anstreicherei, die Tizianerei. Inzwischen war das [¿]Saufraueli hinausgegangen und wieder hereingekoµen, als habe sie Atem schöpfen, holen [¿]sollen, als hätten die Sohlen ihrer Schuhe sie gekizzelt und als habe geglaubt, in all der namenlosen Sehnsuchtsluft, die im Gemach nunmehr verbreitet war, umkoµen zu müssen. Als sie hereingekoµen war und wirklich wieder vollauf anwesend gewesen zu sein schien, stürzte [sich]sie sich in[¿]’s Meer aller seiner ihr unfreiwillig oder freiwillig offen gehaltenen [¿]Sehnsüchte und ertrank mit einem Aufschrei in einer Umhalsung, indeß sich ihr Herr Gemahl in dieser Stunde mit allen seinen Achtsamkeiten in seine geschäftlichen Obliegenheiten, will sagen Sorgen auf die angenehmste Art vertieft sah und die Wellen im See sich lächelnd kräuselten und der aufkoµende Abend sich mit seinen schönen Händen begütigend über dieses ? Ydill legte und die Laternenanzünder mit ihren Stäben [¿¿]herumschlichen und Frau Madovska zur Frau Möschler sagte: „Wir haben uns lange nicht gesehen“ und im Wald oberhalb der Stadt ein Dichteranfänger eine Vagantin küßte, deren Beschützer mit einem Messer in der Faust unfern im Gebüsch lauerte.
Zweifellos wohnt es sich in einem ?guten vornehmen Hause schön. Hausfrauen haben da so etwas Gnädiges. Ein Rüedi im Manchesterkittel und mit einem Knüttel in der Hand zu sein hat wieder anderseits viel Ansprechendes. Seinem intimsten Freund einen Zündhölzchenstein an den Kopf zu schmeißen, wie wirkt das bös, grandios. Aufbrausen, Beleidigtsein, das gibt es in feinen Großstadthäusern nicht, denn man weiß sich da zu benehmen. Wie fein und überlegen betragen sich da schon Söhne und Töchter. Die Fußböden sind glattgewichst. [G] Junge Gelehrte bieten sich den Herrschaften als Erzieher und Gesellschafter dar. Bei uns gab es einen blondgelockten bildschönen Photographen, der sich im Obergäßli zu Tode soff. Das ist interessant aber auch erbärmlich. Nun zu den schüppumbundenen, zierlichen Dienstmädchen in Zürichbergvillen. Jede scheint des gebildetsten Gatten würdig. Bildet nicht an fast allen Gesellschaftsabenden ein Herr den Mittelpunkt, der in Spanien war und uns von Stiergefechten berichtet. Er steckt natürlich in tadellosestem Frack. Nie fehlt eine Kunstgewerblerin in einem Salon, wo nach eingenoµenem Abendessen Kaffe serviert wird und vielleicht ein Theaterdirektor einem Dichter Freibillets [¿]offeriert. Eine berühmte Schauspielerin sieht sich wieder einmal sattsam gefeiert sie trinkt ja denn ja auch dafür einen Schluck Cognac. Solche Sääle, wie hier, gibt es um Sußi Moser nicht, der bloß [v¿]im Mittagssonnenschein vor seines Vaters Haus auf der Bank hockt und der Hocken als Anstrengung empfindet. Sußi ist Arbeiter und Botaniker, Pfiffikus und Melancholiker. Er wird ein Freudenmädchen befreien und mit ihr nach Amerika ziehen. Er spielt Piccolo, und er hat mir unter unvergeßlichem Gelächter anvertraut, daß er für eine Butterfrau schwärme. Oder zu denken, ich sitze an einem schönbesetzten Tisch, proste ausgeschnittenen Frauen zu und es ?entgleiten meinem Mund diverse Witze und um an den totkranken Jüngling zu denken, der sich auf eine Insel bringen ließ, um seine ihm noch zugemessene Zeit, die letzten Erdentage auf dem seeumspühlten Eiland zuzubringen. Es gibt Büffetdamen Abwaschmädchen, die sich im Geist in feine Umgebungen versetzen und Publizisten, die eine Spezerei[handlung]laden eröffnen könnten. Den einen fehlt dieses, den andern das.
[Der Bub.]
So viel Zeit mit ?Niederschrift zu verlieren. Schade um das verlorene Embonpoint. Du hättest eine wahre Entschwundenheit werden können. Du hast versäumt, eine Fabel aus dir zu machen. Bestiµte dich das Schicksal nicht zum gemachtesten Mann. Und jetzt. Ich verliere die Sprache, und alles Haar geht mir aus, wenn ich nur so daran denken soll, was ich hier wieder niederschreibe. Von einem Bub ist hier die Rede. Balzacs Vautrin benahm sich zeitweise auch wie eine Krabbe. Gott, mit etwas füllt man eben die Zeit aus. Und daß uns allen die Zeit so entschwindet. Entsetzlich, glauben zu müssen, daß wir alle viel zu spät aufgestanden sind. Oder sollte es zu früh gewesen sein? Das denken zu müssen, käme uns noch viel schauderhafter vor. Nur Buben passiert das sonst: daß ihnen ein Bub glückt. Einem erwachsenen Menschen sollte nie und niµer ein Bub glücken denn ein Bub ist etwas Unglückseliges, ich werde das beweisen. Es war halb [¿¿]elf, und wir befinden uns in einer glanzumstrahlten, kerzenschiµerumschiµerten, von geistreichem Lächeln belächelten und befliµerten, halbausgezogenen, d.h. bis ihre Schulterblätter entblößt habenden distinguierten Gesellschaft, [in]an der nun auch jener Unglückliche mitteilnahm, dem’s passierte, daß ihm ein Bub vollauf gelang, was ihm lieber niµer unter dem Fliµer hätte gelingen sollen. Ich meine, er zählte halt schon eine bestiµte Anzahl von leider bereits verlebten oder dahingegangenen Jahren Solche Jahr[z]eszahl fällt schwer in die Wagschale bei Fabrizierung eines Bubs. Und nun tritt auch noch der Umstand der schnödesten Unfreiwilligkeit fallerschwerend hinzu. Sie saßen da also strahlend da, d.h. auf ihren Sitzen. Die Lakaien standen unbeweglich wie Stockfische oder Stöcke und die Roben oder Röcke der anwesenden schiµernden Damenwelt schienen nach allen Richtungen hin jedem Anflug von Bubhaftigkeit oder Ungezogenheit Halt zu gebieten; und jetzt wird also unser Fall durch Ungewolltheit noch extra graviert oder mit Mark unterzei[¿]chnet. Markerschütternd ist, was jener Unheilvolle tat. Aber du lieber Gott, du großer Gott, du einziger Gott, er tat es gar nicht Daß er es gar nicht tat, erschwert eben den Fall Es passierte ihm bloß so. Es fuhr bloß so aus ihm unschuldhaft heraus, was ja das Fürchterliche war. So ein Jahr, wie schnell es uns entfliegt, nicht wahr? Ein Jahr entschwindet uns, wie uns ein Bub davonfliegt, ohne daß wir ihn beabsichtigt haben. Wenn ein Bub vorkoµt, sollten die Hörer mindestens [?zur]sofort zu der angenehmen Gewißheit gelangen können, daß er mit vollster Gewolltheit hervorg[ing]egangen sei. Es würde sich alsdann einfach um eine Unverschämtheit handeln. Unverschämtheiten werden iµer verziehen, nicht aber ist dies mit Harmlosigkeiten der Fall. Geht ein Fall aus einer Harmlosigkeit hervor, so wiegt er sogleich um so und so viel schwerer. Der Bubveranlasser flo verließ sogleich seinen Stand vielmehr Platz, schritt mit bleichem Selbstbezwingergesicht und Kuµerüberwinderantlitz, so heroisch, wie noch nie einer dahingeschritten ist, durch den herrlich erleuchteten Saal, der ?jetzt in einem großen Schweigen verharrte, zur Tür in den Hausgang hinaus, allwo er sich unmittelbar vor die Notwendigkeit gestellt sah, seinem Leben ein Ende zu machen. Er ging zu Grunde weil er etwas Unzuläßiges nicht aus Ueberzeugung tat. Und jetzt wird kaum ein Leser noch nicht wissen, was mit dem Bub gemeint ist. ¿¿, und mir passiert nun, daß ich noch hinzufüge, daß es Dinge gibt, die wir zur Not tun, die uns aber keinesfalls bloß nur so arrivieren dürfen. ¿¿ etwas Wenn du ?Böses tust, so tu es mit Lust Fröhliche Brust auf Eigenheit fußt. Was dich verdrußt hat keine Kunst [Habersack. Eine Krammetsvögelgeschichte] [Herr Freund] Unbewußt hat noch iµer hat gebußt. Habersack hieß [ei]wieder einmal so ein sanfter guter Jüngling, [¿¿]dem das schwärmerische Haar in den Nacken herabfiel und der leider, d.h. zum Glück seinen Eltern nicht gehorchte, indem er nicht zu fassen schien, wie einprägenswert Lehrsätze sind. Er beging den großen Fehler, daß er sich für [?von] frei von jeder Fähigkeit hielt, je einen Fehler begehen zu können, so ein Engelskind war er. In seiner Kleidung lag es wie biedermeierlicher Schnitt und in seinem ?Blick formte es sich wie Umrisse eines Schaffotes ab. In seiner Tugendhaftigkeit ging er Vögeln zu Leib, indem es ihm [¿]zu unaussprechlichem Vergnügen gereichte, ihnen das köstlichste Gut, die Freiheit zu rauben und dabei noch zu glauben, er wäre erzbrav und kreuzbieder. Er kam gar nicht aus der Meinung heraus, er wäre [b¿]zu nichts als Rechtschaffenem berufen. Tiefeinwurzelnde [¿]Meinungen pflegen uns irrezuleiten. Das erfuhr auch Habersack, dem ein ganzer Hinrichtungsplatz nebst dazugehöriger Zuschauerschaft aus dem treuherzigen Blick blitzte. Mit Einfangen von Krammetsvögeln fing er also seine Laufbahn an, die ihn zu iµer umfangreicheren Unternehmungen führte. Duftet’s euch aus diesem Prosastück nicht wahrhaft kandelabrig oder kandelaig an? Habersack entwendete unter anderm einem gewissen Grafen Hohenthal einen silbrigen Kandelaber, mit welchem er sich in die Herrengasse begab, um ihn zu veräußern. Der Gang zum Antiquaren glich einem Huschen, das oft von plötzlichem Stillstehen unterbrochen wurde, und iµer blitzte es in seinem Blick wie von scharfgewetzten geschliffenen Messern. Um sich zu verbessern, d.h. reichlicheren Ueberblick zu gewinen und sich Absatz felder anzueignen, gründete er [¿]mit Gleichgestellten und Gesinnten eine Art AG.m.b.H. die zu florieren schien, bis es schien, daß es mit ihr [be]allmählich bergab gehe. [¿]Und nun, Stadtmusik, blast den Trauermarsch von Beethoven, ihr Gesangvereine, singt euer ergreifendstes Lied, Stadt selber, umhülle dich mit Flor, denn siehe, unser Habersackjüngling mit dem in den Nacken herabfallenden Haar wird, von einem Geistlichen begleitet zum Schaffot geführt. Wie [?mich]uns das rührt. Er dachte es sich so ganz, ganz anders. Eine schöne Braut hat er sich Seht
Jesus
von jeher heimzuführen zugetraut mit der er eine Lieblichkeit und Häuslichkeit anschüre. [Der]den Geistlichen, wie er seinem Schutzbefohlenen in letzter Stunde das Kruzifix Kreuz [mit]zum Kuß darreicht und seht Habersack es innig küssen, denn bei aller Kraµetsvögelei hat [er]aus seiner Seele iµer [¿¿]nie etwas Schönes, Liebes aushauch weggescheucht werden können, das ihr innewohnte. Er be So bestieg er jetzt unter herzübersichselberhinaushebenden Klängen d[as]ie Schaubühne, auf welcher er als froµer Jüngling niederknien sollte, um den Streich [¿]hinzunehmen, der ihm zugedacht war. Alle Fenster, Balkone, Dächer, Gerüste u.s.w. waren dicht [mit]von einem lebhaft interessierten Publikum besetzt. Das Schaffot glich einem mit Blumen Kindbett, so zart war es dekoriert. Vom Scharfrichter können wir sagen, daß er seiner schwierigen Aufgabe durchaus gerecht wurde. Er übernahm sie kühl, gleichsam mit eine[¿]r [¿] freundlichen Geberde und entledigte sich ihrer hochelegant, d.h. mit einer Sicherheit, die ihm diejenigen zumuteten, die ihn kannten. Das Jünglingsblut spritzte hoch auf, als das Henkerbeil auf blendend weißen Hals hinfiel. Wenn ich beschreiben wollte, wie die Mädchen aufschluchzten, die Zeuginnen dieses Vorganges waren, könnte ich auch laut aufschluchzen müssen, ich will daher schweigen und über bloß
[d]hiezu
alle Habersäcke, die auf Abwege geraten, bitterlich weinen, nicht ohne natürlich vorher um Erlaubnis gebeten zu haben.
16
261 r
17
261 r /A Z. 1–3 Flächenstreichung
Mit Erlaubnis zu sagen, gab es einmal einen armen Maler, der nicht nur für eine
1
Alpenbahn ein begabtes Plakat entwarf sondern dabei auch noch einer Dame |
so lange und nachdrücklich Gesellschaft leistete, bis er sich gestehen mußte, er
2
h[abe]ätte inzwischen eine Landschaft nach Natur malen können. Er warf diese Einsicht auf |indem er sprach:
3
261 r / I
Ein junger armer Mann war reich mit Sehnsucht ausgestattet. Er leistete so
1
wohl mit der Armut wie mit dem Reichtum seinem Geist wie mit seinen Geist losigkeiten einer Frau |Gesellschaft. Die Unterhaltung gestaltete sich sehr
2
sehnsuchtsreich. Die ärmlichen Geistigkeiten und [s]die schwerherabhangen den Reichlichkeiten wetteiferten miteinander um einige Stunden |höchsten
3
Inhalts zustandezubringen. Der junge Mann war Maler und er malte genial, in dem inwiefern ihm er sich das Gesicht mit Röte anstrich, die ihm heraufstieg, mächtig ~ richtig
weil er sich so mächtig |sehnte. Er schämte sich gewissermaßen seines so üppi
4
gen Mangels an Geist und seiner so reichlichen Entfaltung an blühendem Un sinn. Betragen wir uns geistreich, so sto bleiben stocken die |Sehnsuchtsflüsse.
5
Unser bläulich angehauchter und rötlich angestrichener junger Mann wußte das. Von Zeit zu Zeit lachte er wie besessen über sein verhaltenes Verlangen und trank dies Lachen. |Man kann auch sagen, das Lachen des sehnsüchtigen jun
6
gen Mannes habe ihr einen Kuß verabfolgt, und sie habe diesen Kuß in all sei ner ?Unermeßlichkeit und all seiner Süffigkeit und Süßigkeit aus|gekostet. Die
7
Gardinen, die am Fenster hingen und schneeweiß waren als seien sie Schneeveil chen, wurden aus großer, schwarzer Scham hochrot und der Himmel bedeckte sich aus Zorn, mitansehen |zu müssen, wie die Unterhaltung der beiden immer
8
mehr an’s Himmlische grenzte, mit Wolken, und der Wald verschlang sich aus Schmerz und die Tauben ließen im Flug große Tränen, so groß wie |Hühnereier
18
9
auf die Dächer der Provinzstadt fallen und am Bahnhof rief der Bahnbedienste te mit schriller dienstbeflissener Stimme aus: TwannNeuveville und der junge 10
Veilchenmaler |und die rosarote Saufrau malten am Gemälde ihres Beisammen seins mit einer Unverdrossenheit fort, die nur mit der Emsigkeit zu vergleichen
11
sein kann, womit der Jüngling zu sich sagte |Ich habe verpaßt, in meiner Kunst um hundert oder mehr Schritte vorwärtszukommen. Er meinte die hohe An
12
streicherei, die Tizianerei. Inzwischen war das Saufraueli hinausgegangen |und wieder hereingekommen, als habe sie Atem schöpfen, holen sollen, als hätten die Sohlen ihrer Schuhe sie gekizzelt und als habe ⟨sie⟩ geglaubt, in all der na
13
menlosen Sehnsuchtsluft, die im Gemach |nunmehr verbreitet war, umkommen zu müssen. Als sie hereingekommen war und wirklich wieder vollauf anwesend
Sehnsuchtsluft ~ Sehnsuchtslust nunmehr ~ umher
gewesen zu sein schien, stürzte [sich]sie sich in’s Meer aller seiner ihr unfreiwillig 14
oder |freiwillig offen gehaltenen Sehnsüchte und ertrank mit einem Aufschrei in einer Umhalsung, indeß sich ihr Herr Gemahl in dieser Stunde mit allen seinen
15
Achtsamkeiten in seine geschäftlichen Obliegenheiten, will sagen Sorgen auf die angenehmste Art vertieft sah und die Wellen im See sich lächelnd kräuselten und
16
in dieser ~ um diese
|
lächelnd ~ lächerlich
|
der aufkommende Abend sich mit seinen schönen Händen begütigend über die ses ? Ydill legte und die Laternenanzünder mit ihren Stäben herumschlichen und Frau Madovska zur Frau Möschler sagte: „Wir haben uns lange nicht gesehen“
17
und im | Wald oberhalb der Stadt ein Dichteranfänger eine Vagantin küßte, deren Beschützer mit einem Messer in der Faust unfern im Gebüsch lauerte.
261 r / II
1
Zweifellos wohnt es sich in einem ?guten vornehmen Hause schön. Hausfrauen haben da so etwas Gnädiges. Ein Rüedi im Manchesterkittel und mit einem Knüt
2
tel in der Hand zu sein hat wieder |anderseits viel Ansprechendes. Seinem intim sten Freund einen Zündhölzchenstein an den Kopf zu schmeißen, wie wirkt das
3
bös, grandios. Aufbrausen, Beleidigtsein, das gibt es in feinen |Großstadthäusern nicht, denn man weiß sich da zu benehmen. Wie fein und überlegen betragen sich da schon Söhne und Töchter. Die Fußböden sind glattgewichst. [G] Junge
4
Gelehrte bieten sich den |Herrschaften als Erzieher und Gesellschafter dar. Bei uns gab es einen blondgelockten bildschönen Photographen, der sich im Ober
5
gäßli zu Tode soff. Das ist interessant aber auch |erbärmlich. Nun zu den schüpp umbundenen, zierlichen Dienstmädchen in Zürichbergvillen. Jede scheint des gebildetsten Gatten würdig. Bildet nicht an fast allen Gesellschaftsabenden ein
6
Herr |den Mittelpunkt, der in Spanien war und uns von Stiergefechten berich
19
schüppumbundenen ~ schü[z]rzenumbundenen
fehlt ~ fehle
tet. Er steckt natürlich in tadellosestem Frack. Nie fehlt eine Kunstgewerblerin in einem Salon, wo nach |eingenommenem Abendessen Kaffe serviert wird und
7
vielleicht ein Theaterdirektor einem Dichter Freibillets offeriert. Eine berühmte Schauspielerin sieht sich wieder einmal sattsam gefeiert |sie trinkt ja denn ja auch
8
dafür einen Schluck Cognac. Solche Sääle, wie hier, gibt es um Sußi Moser nicht, der bloß [v¿]im Mittagssonnenschein vor seines Vaters Haus auf der Bank |hockt
9
und der Hocken als Anstrengung empfindet. Sußi ist Arbeiter und Botaniker, Pfiffikus und Melancholiker. Er wird ein Freudenmädchen befreien und mit ihr nach Amerika |ziehen. Er spielt Piccolo, und er hat mir unter unvergeßlichem
10
Gelächter anvertraut, daß er für eine Butterfrau schwärme. Oder zu denken, ich sitze an einem schönbesetzten Tisch, proste |ausgeschnittenen Frauen zu und es
11
entgleiten meinem Mund diverse Witze und um an den totkranken Jüngling zu
?
denken, der sich auf eine Insel bringen ließ, um seine ihm noch zugemessene Zeit, |die letzten Erdentage auf dem seeumspühlten Eiland zuzubringen. Es gibt
12
Büffetdamen Abwaschmädchen, die sich im Geist in feine Umgebungen verset einen eine
zen und Publizisten, die einen |Spezerei[handlung]laden eröffnen könnten. Den
13
einen fehlt dieses, den andern das.
261 r / III
[Der Bub.]
1
So viel Zeit mit Niederschrift zu verlieren. Schade um das verlorene Embonpoint.
2
?
Du hättest eine wahre Entschwundenheit werden können. Du hast versäumt, eine Fabel aus |dir zu machen. Bestimmte dich das Schicksal nicht zum gemachtesten
3
Mann. Und jetzt. Ich verliere die Sprache, und alles Haar geht mir aus, wenn ich nur so daran denken soll, was |ich hier wieder niederschreibe. Von einem Bub ist
4
hier die Rede. Balzacs Vautrin benahm sich zeitweise auch wie eine Krabbe. Gott, mit etwas füllt man eben die Zeit aus. |Und daß uns allen die Zeit so entschwin
5
det. Entsetzlich, glauben zu müssen, daß wir alle viel zu spät aufgestanden sind. Oder sollte es zu früh gewesen sein? Das denken zu müssen, |käme uns noch viel
6
schauderhafter vor. Nur Buben passiert das sonst: daß ihnen ein Bub glückt. Ei Menschen] Mglw. aus Mann
nem erwachsenen Menschen sollte nie und nimmer ein Bub glücken |denn ein
7
Bub ist etwas Unglückseliges, ich werde das beweisen. Es war halb elf, und wir befinden uns in einer glanzumstrahlten, kerzenschimmerumschimmerten, von |
geistreichem Lächeln belächelten und beflimmerten, halbausgezogenen, d. h.
8
bis ihre Schulterblätter entblößt habenden distinguierten Gesellschaft, [in]an der nun auch jener Unglückliche |mitteilnahm, dem’s passierte, daß ihm ein Bub
20
9