KWA I 12
17 mm
Robert Walser Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte
Robert Walser
Die Rose
Band I 12 Die Rose
Frankfurt/Basel ISBN 978-3-86600-259-3 Basel ISBN 978-3-7965-3499-7
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Kritische Robert Walser-Ausgabe (KWA) Band I 12 · Die Rose
Robert Walser Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte
herausgegeben von Wolfram Groddeck und Barbara von Reibnitz Band I 12
Robert Walser Die Rose
herausgegeben von Wolfram Groddeck Hans-Joachim Heerde Caroline Socha
Herausgegeben im Auftrag der Stiftung für eine Kritische Robert Walser-Ausgabe, Basel Delegierter des Stiftungsrats für die Herausgabe: Wolfram Groddeck Publiziert mit Unterstützung des Swisslos-Lotteriefonds des Kantons Bern. Die Druckvorstufe dieser Publikation wurde vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 978-3-86600-259-3 (Stroemfeld) ISBN 978-3-7965-3499-7 (Schwabe) Copyright © 2016 Stiftung für eine Kritische Robert Walser-Ausgabe, Basel Copyright für die Texte von Robert Walser, mit freundlicher Genehmigung der Inhaberin der Rechte, der Robert Walser-Stiftung Bern © Suhrkamp Verlag, Zürich 1978 und 1986 Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved Eine Gemeinschaftsproduktion von Stroemfeld Verlag, CH-4054 Basel, Altkircherstrasse 17 D-60322 Frankfurt am Main, Holzhausenstraße 4 Schwabe Verlag, CH-4010 Basel, Steinentorstrasse 13 Layout und Satz: Doris Kern, Frankfurt am Main Druck und Verarbeitung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz / Basel Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier gemäß ISO 9706 www.stroemfeld.com www.schwabeverlag.ch www.kritische-walser-ausgabe.ch
Inhalt
Die Rose
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Editorisches Nachwort
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Dokumentarischer Anhang
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Abbildungen
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Alphabetisches Verzeichnis der Texte mit ihren Textzeugen
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Verzeichnis der Einzeltexte
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Editorische Zeichen
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Robert Walser
Die Rose
Wladimir
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Wir nennen ihn Wladimir, weil das ein seltener Name ist und er in der Tat ein Unikum war. Die, denen er komisch vorkam, haschten nach einem Blick, einem Wort von ihm, womit er sparsam umging. In minder guter Kleidung benahm er sich zuversichtlicher als in gewählter und war im Grunde ein guter Mensch, der nur den Fehler beging, daß er sich Mängel andichtete und -heftete, die ihm abgingen. |Er war hauptsächlich schlecht gegen sich selber. Ist das nicht unverzeihlich? Einmal wohnte er bei einem Ehepaar und war nicht mehr wegzutreiben. „Es wäre Zeit, daß Sie uns allein ließen“, wurde ihm bedeutet; er schien es kaum zu fassen, sah die Frau lächeln und den Mann erblassen. Die Ritterlichkeit war er selbst. Dienen gab ihm allemal einen hohen Begriff von der Freude des Daseins. Er konnte hübsche Frauen nicht mit Köfferchen, Paketen und so weiter beladen sehen, ohne herbeizuspringen und den Wunsch zu äußern, behilflich zu sein, wobei er immer die zarteste Befürchtung der Aufdringlichkeit zuerst bekämpfte. Woher stammte Wladimir? Doch wohl von niemand als seinen Eltern. Eigenartig scheint, daß er bekennt, im Unglück oft fröhlich, im Erfolg mürrisch gewesen zu sein, und daß er sagt, der Zug seines Wesens sei Arbeitsamkeit. Nie sah man einen so zufriedenen und zugleich unzufriedenen Menschen. Keiner war rascher und handkehrum unentschlossener. Einmal bat ihn ein Mädchen, sich dann und dann einzufinden, und ließ ihn warten. Ihm kam das überraschend vor. Eine andere meinte: „Ihnen behagt es, geprellt zu werden. Haben Sie nicht an Spä|ßen, die an Unachtsamkeit grenzen, besondere Vorliebe?“ „Sie irren sich“ war alles, was er antwortete. Er trug keinem Menschen etwas nach, denn „ich habe ja auch schon oft mit Menschen übel gespielt.“ 9
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Im Damencafé amüsierten ihn Mienenspiel und Äußerungen der Gästinnen. Übrigens war er kein Freund von zuviel Zerstreuungen, so sehr er sie ausnahmsweise schätzte. Er dachte an alles, um es im Nu zu vergessen, war ein guter Rechner, weil er seinem Gemüt nicht Macht auf ihn auszuüben erlaubte. Die Frauen schätzten ihn gering, aber nicht ohne sich immer wieder für ihn zu interessieren. Sie nannten ihn zaghaft, aber er sie ebenfalls. Sie spielten mit ihm und fürchteten ihn. Zu einer Dame, die ihm ihren Reichtum auf vielleicht nur zu geschickte Art vor Augen führte, war er so höflich, wie man ist, wo man nichts empfindet. Er fand ungebildete Mädchen vom Bedürfnis nach Belehrung beseelt und andrerseits solche, die alles lasen und nun beinahe unwissend zu sein wünschten. Für erlittenes Unrecht rächte er sich nie und rächte sich vielleicht damit genügend. Die, die ihn nicht behandelten, wie er’s gewünscht hatte, ließ er, wie man |sagt, fallen, das heißt, er gewöhnte sich daran, an viel Unliebsames nicht zu denken. Damit schützte er sein Seelenleben vor Verwilderung, seine Gedanken vor ungesunder Härte. Musik stimmte ihn weich, das geht den meisten so. Sah er sich von einem Mädchen bevorzugt, so kam ihm das vor, als wolle sie ihn binden, und ging ihr aus dem Weg. Mißtrauisch war er wie ein Südländer, sowohl gegen sich wie andere; häufig eifersüchtig, doch nie lang, da ihn die Selbstachtung schnell von den Verfolgungen des Neides befreite, der ihm, kaum erwacht, unbegründet, nichtig erschien. Als er einen Freund verlor, sagte er sich: „Er verliert so viel wie ich.“ Er verehrte eine, bis sie einen Fehler beging, und es ihm nicht mehr möglich war, sich nach ihr zu sehnen. Eine Übereilung von ihr hatte zur Folge, daß er über sie lachte, und darüber war er froh. Die Partnerin bedauernd, brauchte er das sich selbst gegenüber nicht mehr zu tun. Er blieb jung und benützte diese Stärke zur Gewinnung und Übung der Achtung vor denen, die am nötigsten haben, daß man 10
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nicht fühllos an ihnen vorbeiblickt, den Schwachen und Bejahrten. Reden wir zu gut von ihm? |Manchmal
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führt er sich wie ein Lebemann auf, besucht sogenannte ordinäre Kneipen. Es gibt Leute, die ihn darum tadeln, aber selber gern einmal lustig wären, was ihnen ihre Sphären nicht immer gewähren. Man hat ihn nachgeahmt, aber der Originelle bleibt, was er ist. Nachahmen ist übrigens ganz natürlich. Auch Kopien können ansprechen, aber nur der Eigentümlichkeit entspringt, was großen Wert hat.
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Sonntagsspaziergang Sonntag war’s, da ging einer lustwandeln. Während er so ging, erlabte er sich an Kunstblättern, die er irgendwann und -wo ausgestellt gesehen hatte, und an Gedichten, deren Wortlaut ihm im Gedächtnis geblieben. „Guten Tag“ sprach ihn einer gesetzt und ernsthaft, doch immerhin freundschaftlich an: „Wann kommt dein neues Buch endlich heraus?“ |„Geduld“, erwiderte der Betroffene, und er fügte bei, ihn dünke Mensch sein und spazieren so schön, wie am Schreibtisch sitzen und Bücher erfolgreich absetzen. An weidender Kuhherde vorbei ging es in sanftem Sonnenschein weiter in die Heiterkeit einer appetitlichen Landschaft hinein. Zwei Kätzchen ließen sich’s auf einem Baum sichtlich wohl sein. Aus einem Fenster schaute eine Frau, die sprach: „Wer du auch sein magst, hilf mir, ich soll nicht mehr jung sein. Man mißgönnt mir den Genuß des Lebens, will mich in’s unabweisliche Alter stoßen.“ „Wer tut das?“ „Meine eigenen Kinder.“ Der Poet, als solchen wird man ihn erkannt haben, gab zur Antwort: „Sei ruhig, lebe gesetzt, sei weise, das übrige wird sich von selber machen.“ Blumen prangten noch in den ungezwungen angelegten Gärtchen. Nach einer Weile ging es hübsch bergan. Da saßen in ihrem Park Herrschaften; Kinder vergnügten sich beim Spiel; Tannen umstanden ein würdig aussehendes Haus gravitätisch; hinter einer Scheibentüre stand ein sauber gekleidetes Dienstmädchen. Fenster standen offen, und er, der das sah, dachte: |„Hier würd’ ich auch ganz gern wohnen und Ruhe kosten wollen. Als Entgelt rezitierte ich etwa eine Novelle, freisinnig und dabei so höflich wie möglich.“ 12
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Daß er immer phantasiert, gedichtet haben mußte beim Spazieren! Aber gerade das machte ihm ja Genanntes reich und immer wieder angenehm. Dicht am Waldrand stand ein Bauernhof, ein Wohnhaus daneben mit bescheidener Schusterwerkstätte, und im Wald war zarte Stimmung genug. Wieder auf freiem Feld, sah er Leute in sonntäglicher Beschaulichkeit vor einem Anwesen sitzen und hörte jemand die Nase mit dem Tuche putzen, daß es trompetete. Unten im Dörfchen schallten sodann regelrechte Trompeten, eine Musikgesellschaft marschierte einher, und hier fiel unserem Wanderer etwas Vorzügliches ein, er könnte sich zu einem Z’vieri einladen. Gesagt, getan, und bald trat er in ein Gasthaus; schon das Eintreten belustigte ihn. „Fräulein, ich wünsche nichts als Café complet und nehme an, daß dem Begehren nichts im Weg steht.“ Das Mädchen lächelte, und ihm kam vor, die ganze Stube tue das ebenfalls, weil er so friedlich auftrete und so burschikose Ansprüche stelle. Der Wirt las in einem Büchlein. Die Wirtin, eine |stattliche Frau, besorgte, an einem Tischchen sitzend, irgendwelches Geschäftliches. Zwei Tische waren mit Familien besetzt. Einer der Gäste warf ein Gespräch auf, das zu Rede und Gegenrede lebhaft Anlaß gab und sich zur munteren Debatte gestaltete, die sich über das Sektiererwesen verbreitete. „Unter den Stündlern,“ meinte der Wirt, „gibt es keinen braven Mann.“ Die Frau, indem sie aufs Büfett zuschritt, wobei sie ihre Erscheinung recht zur Geltung brachte, was sie um so eindrucksvoller tat, je weniger sie’s zu beabsichtigen schien, mahnte ihren Gatten, halb ernsthaft, halb lachend, bezüglich dessen, was ihn sein aufrichtiges Dafürhalten reden ließ, an die Dienlichkeit von etwas mehr Vorsicht, indem sie anmerkte, daß sogar die Frau Doktor mitunter die Versammlungen besuche. Dem sowohl horchenden wie essenden Poeten gefiel das liebliche, kluge Verhalten der Wirtin sehr, von der er dachte: ihr 13
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Benehmen entspricht ganz ihrem schönen Äußern, sie begegnet weder ihrem Gemahl schroff, noch läßt sie ihn ohne Ablenkung über einen Teil seiner Mitbürger allzu abfällig urteilen. Einem ihn anbettelnden Hund mit zottigem Fell gab er ein Stück Brot, das zuerst verschmäht, hernach |aber, in Erwägung vielleicht, daß eine Begrenzung dem Begnügen mit einem Nichts vorzuziehen sei, gutgeheißen und artig verzehrt wurde. Beim Fortgehen bedankte sich die Wirtin, er erwiderte, dazu liege keine Ursache vor, ging durch’s Dorf, begegnete singenden Jungen, langsam daherschreitenden Bejahrten, hob hie und da den Kopf, ließ den Anblick der Gegend auf sich einwirken und kam auf Haupt- und Nebenwegen zu einer Dame, die anscheinend gebildet, das heißt belesen war, und die dennoch die Hände rang und sprach: „Ich bin geplagt, obschon ich wohlhabend bin. Mein Sohn gehorcht mir nicht.“ „Das rührt wohl daher, weil Sie ihm nichts vorzuschreiben wagen. Seien Sie ihm eine wahrhaftige Mutter, dann wird es ihm an Respekt vor Ihnen nicht fehlen.“ „Eben das bring’ ich nicht fertig.“ „Dann kann Ihnen niemand helfen“, und er entfernte sich schleunig vor ihr, wie vor einer Verschuldeten, die um ein Darlehen bittet. Sich allerlei Gedanklichkeit aus verschiedenen Gebieten eigenwillig überlassend, kam er auf eine rings Umschau gewährende, mit Baulichkeiten reichlich ge|schmückte Anhöhe und stand hier eine ruhig bemessene Zeit lang vor dem Denkmal eines Mannes still, zu dessen vernunftvollem Gesicht, teilnehmenderklärendem Wesen zwei Kinder vertraulich-gläubig emporblickten. Es war das Denkmal eines Erziehers, und der Spaziergänger sprach zu sich: „Noch hab’ ich wenig oder keine Guttaten zu verzeichnen. Das sollte mich verstimmen. Doch gönne ich den 14
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roßen ihren Ruhm zu gern, als daß mich ihre Gestalten entG herzten. Ich lebte bisher, wie ich’s für recht und billig ansah, und fürchte mich vor der Möglichkeit nicht, daß man mir bewiese, ich hätte mich geirrt, denn mit Fug sag’ ich: Irren ist menschlich. Doch seh’ ich ein, es sei schön, sich edler Auffassung anzupassen und sich die Lebenslust um Erfüllung von Aufgaben zu schmälern, glücklich sein auch in anderer Form zu begreifen, als guter Laune zu sein, sich nicht von letzterer abhängig zu machen, stündlich um sie fürchtend, um ihre Erhaltung besorgt, nein, sie vielmehr bloßlegend, eigenes Glück hingeben und es vielleicht darum zurückgewinnen.“ Man sieht, daß er zugab, es fehle ihm noch an Einsicht, er traute sich aber den Geist der Ausführung zu.
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Manuel Manuel stand in der Menschenmenge; auf dem Platze vor dem Palast wurde ein Konzert gegeben. Die Leute standen teils still, teils gingen sie im Gedränge so unstörend wie möglich hin und her. Ihn belustigte etwas; das bescheidene Dastehen behagte ihm. Unauffälligkeit kann sehr genußreich sein. Er rauchte mit langsamster Vergnüglichkeit einen landesüblichen Stumpen, wodurch er sich vor |niemand hervorhob. Wir wissen nicht genau, womit er den Nachmittag ausfüllte. Hier im stillen Abend, unter seinesgleichen stehend, hatte er mit zwei Mädchen zu tun, übrigens nicht sehr anstrengend. Die eine stand zufällig dicht neben ihm, ließ ihn die seidenweiche Kühle und Wärme ihres Körpers spüren. Er wollte das Gegebene nicht, es gab sich ihm. Oben am offenen Fenster zeigten sich bekannte und unbekannte Gestalten, unter diesen ein Mädchen, dem er gleichsam Treue versprochen hatte, dem er auch bisher noch nicht untreu war, auch in diesem etwas fraglichen Augenblick nicht, wo ihn die Nähe einer andern nicht unangenehm berührte. „Schmeicheln denn die Töne dieses Konzertes nicht auch? Soll mir nichts Sonstiges gefallen, weil mir eines so sehr gefiel?“ Sprach er das vor sich hin? Es mag sein! Er schaute sie ruhig an, die oben ein paarmal sichtbar wurde, im Gesicht den ihm so wohlbekannten Zug von Sorglichkeit, leisen Unmutes, feinen Mißtrauens trug. „Sie fürchtet immer etwas. Sie ist zart. Unrecht, sich wohlgemut zu fühlen, sie von unten her anzulachen; sie ahnungslos; ich hier im Publikum voll schelmischer Sicherheit und Überlegenheit. Das Schöne so hochverehrt, emporgehoben. Der Verehrer nah und |nicht zitternder?“ Manuel glich in seiner Gleichmütigkeit einem Baum mit festumhäuteten, ruhig-schweren Früchten behangen. Er war gefaßt, traute sich etwas zu, hatte es mit Erklärungen nicht eilig, daran er sich zunächst selbst satt aß im genügsamen Herzen.
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Das Konzert war aus, die Leute gingen auseinander. Er glaubte, er habe sich in der Hand. Bevor er sich gibt, wagt er Umstände zu machen. Er prüft sich, denn er böte nicht gern wenig dar.
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Genf Von Bern bis Freiburg sind es zu Fuß sechs Stunden. In letzterer Stadt kaufte ich für alle Fälle Strümpfe und strich mit dem Paketchen über Kinderköpfchen. Samstag abends sind Mädchen glücklich, weil alle Leute mit Einkaufsabsichten in den Straßen gehen und stehen, sich gleichsam Türen öffnen in die Ruhe und Freude des Sonntags. Einen Burschen fragte ich nach dem Weg nach Ro|mont; er schaute mir auf die Schuhe, wie wenn er hätte prüfen wollen, ob sie marschtüchtig seien. „Es ist weit bis dorthin“, sagte er. „Tut nichts“, erwiderte ich und gewann den Platz in vier Stunden, aß Käse, trank etwas Wein und legte mich schlafen. Bevor ich die Augen zudrückte, dachte ich an die Geliebte, woran ich Spaß hatte. Die Strecke bis Lausanne nahm acht Stunden in Anspruch. Es begegnet einem da vielleicht ein Priester, vor dem man den Hut lüftet, im Bewußtsein, es schicke sich, geistlichen Stand freundlich zu achten. Ein hochgelegenes Städtchen nennt sich Rue. Vor Lausanne trat mir spazierendes Sonntagspublikum entgegen. Weiter geht’s, und in zwei Stunden bin ich in Morges, dessen Kirche mir angenehm auffällt, dessen Wirtschaften mir reizend scheinen. Zwei weitere Stunden brauch’ ich bis Rolle; hier dreh’ ich mir unter einer Wölbung, bei einem Kastanienhändler und einer Knabenschaar, eine Zigarette, trete in den Tête noir, ein aus dem Jahr 1628 stammendes Gasthaus, finde es reinlich und ehrbar. Acht Uhr früh rückte ich fort. Nyon nebst verschiedenen Landschlössern streifend, gelangte ich um elf nach Coppet, wo ich mir Salat und Fleisch gönnte. |Der Wirt, ein Südamerikaner, richtete allerlei Fragen an mich.
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Eine Elegante stand am Büfett; ich fand innert drei Minuten genügend Augenschmaus an ihr, sie fühlte es, rieb sich den Rücken. Drei Uhr nachmittags zog ich in Genf ein, verfügte mich in ein Café und stoße dann auf einen Alten, der hier bei seinen Kindern wohnt und nicht glücklich dabei ist. „Unstimmigkeiten kommen vor“ such’ ich ihn zu beruhigen. Ein Plakat läßt in weithin sichtbarer Schrift lesen: Borgia s’amuse. Dies weist auf eine Kinovorstellung hin. Was kann man in Genf tun? Allerlei! zum Beispiel in eine Konditorei gehen und fragen, ob’s erlaubt sei, sogleich sich an süßen Stücken zu erquicken. Hierauf die Altstadt aufsuchen, an Kirchen emporstaunen und an Calvin denken. Eine Marmortafel mahnt an den hier einst predigenden Schotten John Knox. Man kann eine Tafel Schokolade einem Schulkind schenken, das eben in eine Türe treten will, hierauf eine Kunsthandlung besichtigen, etlichen Wirtschäftchen die Ehre antun, eine Appenzellerin antreffen und sie fragen, wo das Theater liege. |Unter Denkmälern ragen hervor die Statuen von General Dufour und dem Herzog von Braunschweig. Ein Monument lautet auf den Eintritt Genfs in die Schweizerische Eidgenossenschaft. Man merkt sich Museen, vornehme Privathäuser, findet daneben manches Mädchen hübsch, kommt vor das Hôtel de ville, geht in dessen Vorhof, findet denselben auffallend schön. Einer jurassischen Kellnerin Artigkeiten zu sagen schien mir am Platz, und einen jungen Aargauer anzutreffen nahm ich als ein Spiel des Zufalls. Wir gehen durch ein riesiges Warenhaus, setzen uns in frischer Abendluft großstädtisch vor ein Café. Genfs Einwohner scheinen weltgewandt und freundlich. Ich kaufe Mandeln, gebe sie Knaben, entzieh’ mich meiner Begleitung, da ich mich jedesmal in neuer Umgebung schnell einlebe,
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saß dann im Petit Casino, wo Komödie gespielt wurde, stöbere eine Bar auf, worin getanzt wird. Beim nächtlichen Herumpromenieren kam ich auf die kleine Rhône-Insel, die das Denkmal Rousseaus schmückt, zog den Hut vor dem Unbeweglichen, der viel Bewegung hervorrief. Ihre Lage am See gibt der Stadt etwas Sanftes, |Stilles. Vornehme Hotels stehen an den Quais. Die Brücken, über die du schreitest, erheitern dich. Einer Schlanken schaut’ ich lange nach, sie glich jemand. Im Schweizerhof fand ich spät noch zu mäßigem Preis erwünschte Unterkunft. Die Rückreise geschah per Eisenbahn, die den Weg, für den ich zwei Tage brauchte, in viereinhalb Stunden zurücklegte.
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