Der Herausgeber René Roca ist promovierter Historiker und Gymnasiallehrer in Basel. Er gründete und leitet das Forschungs institut direkte Demo kratie. www.fidd.ch
Beiträge zur Erforschung der Demokratie 1
Die direkte Demokratie ist in der Schweiz wie in keinem anderen Land ein zentraler Bestandteil der politischen Kultur, aber geschichtswissenschaftlich noch wenig erforscht. Dieses Desiderats möchte sich die Reihe Beiträge zur Erforschung der Demokratie künftig annehmen. Band 1 befasst sich mit dem Katholizismus, der Wichtiges zur Entstehung der modernen Schweiz beigetragen hat. Gerade was die Entwicklung der direkten Demokratie sowie der Volksschule und der Höheren Schulen betrifft, darf sein Einfluss nicht unterschätzt werden. Worin dieser genau bestand, zeigen die Autoren des vorliegenden Bandes auf. Ihre Texte entstanden im Rahmen der ersten Konferenz des Forschungsinstituts direkte Demokratie.
Inhaltsverzeichnis René Roca, Einleitung: Katholizismus und moderne Schweiz Paul Oberholzer, Die katholische Kirche in Schwyz zwischen tridentinischem Reformkatholizismus und kommunaler Selbstverwaltung René Roca, Der Beitrag des Katholizismus und der Katholisch- Konservativen zur direkten Demokratie in der Schweiz – Die Kantone Schwyz und St. Gallen Heinrich Richard Schmidt, Bildungsvorsprung des Schweizer Katholizismus um 1800? Carlo Moos, Zur Bedeutung der Schulschwestern in der Innerschweiz
I S B N 978-3-7965-3498-0
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
Katholizismus und moderne Schweiz
Beiträge zur Erforschung der Demokratie 1
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783796 534980
René Roca (Hg.)
Katholizismus und moderne Schweiz
Beiträge zur Erforschung der Demokratie 1 Herausgegeben von RenÊ Roca Forschungsinstitut direkte Demokratie (FIdD)
RenĂŠ Roca (Hg.)
Katholizismus und moderne Schweiz
SCHWABE VERLAG BASEL
Der Herausgeber dankt allen Sponsoren, welche die Herausgabe des Bandes möglich gemacht haben.
Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. Joachim Hoefele, Dozent für Angewandte Linguistik, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, ZHAW Dr. phil. Beat Kissling, Dozent und Gymnasiallehrer für Philosophie, Pädagogik und Psychologie Prof. Dr. Tobias Straumann, Dozent für Wirtschaftsgeschichte an den Universitäten Basel und Zürich
Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Julia Grütter Binkert, Schwabe Umschlaggestaltung: Marc Siegenthaler, Bern Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3498-0 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhalt Grusswort des Nationalratspräsidenten Ruedi Lustenberger ...................
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Grusswort des Schwyzer Landammanns Walter Stählin ......................... 11 Vorwort ......................................................................................... 15 René Roca Einleitung: Katholizismus und moderne Schweiz . . ................................ 17 Paul Oberholzer Die katholische Kirche in Schwyz zwischen tridentinischem Reform katholizismus und kommunaler Selbstverwaltung ................................ 43 René Roca Der Beitrag des Katholizismus und der Katholisch-Konservativen zur di rekten Demokratie in der Schweiz – Die Kantone Schwyz und St. Gallen .... 57 Heinrich Richard Schmidt Bildungsvorsprung des Schweizer Katholizismus um 1800? . . .................. 81 Carlo Moos Zur Bedeutung der Schulschwestern in der Innerschweiz . . ..................... 95 Die Autoren .................................................................................... 121
Grusswort des Nationalratspräsidenten Ruedi Lustenberger Es ist der 17. Dezember 1891 nachmittags, am Rednerpult im Nationalrat steht ein grosser, stattlicher Mann mit Bart und erklärt: «Sie haben die Wahl getroffen aus den Vertretern der konservativ-katholischen Volkspartei. Damit haben Sie den Willen kundgetan, dass auch diese mitraten und mittaten soll bei der gemeinsamen Arbeit für das Land und das Volk gesamter Eidgenossenschaft.»1 Mit der Wahl des Luzerners Josef Zemp in den Bundesrat erlangen 43 Jahre nach der Gründung des Bundesstaates die Katholisch-Konservativen erstmals den Status einer Regierungspartei. Dass ich an dieser Stelle auf Josef Zemp zu sprechen komme, ist aus der Perspektive eines CVP-Politikers kein Zufall. Ein schöner Zufall hingegen ist der Umstand, dass ich nur wenige Kilometer von Josef Zemps Wohnort aufgewachsen bin und während meiner Schreinerlehre in Entlebuch regelmässig an seinem Denkmal vor der Dorfkirche vorbeiging. So war mir mein berühmter Vorgänger – Zemp hat den Nationalrat ebenfalls präsidiert – bereits in meinen Jugendjahren ein Begriff und seine Persönlichkeit hat mich tief beeindruckt. Katholisch-konservativ und moderne Schweiz: Darin liegt ein Widerspruch, würde man meinen. Das kann nicht zusammenpassen. Und man stellt sich die Frage, was Josef Zemp und seine Weggefährten zur Entwicklung des Landes beigetragen haben könnten. Schliesslich gehörten sie zu den Verlierern des Sonderbundkrieges, jenen konservativen Kräften, die an der alten Ordnung festhalten wollten. Und wie ‘hinterwäldlerisch’ der herrschende Freisinn die Katholiken zu Beginn der neuen Ära einschätzte, gab er ihnen auch ungeniert zu verstehen, indem er sie lediglich als ‘Eidgenossen zweiter Klasse’ duldete. Diese Zurückstufung schien die Katholiken zu beflügeln: Es entstand eine Emanzipationsbewegung – ähnlich den Basisbewegungen, die wir heute beobachten können. Die konservativen und katholischen Bürger nutzten die Mittel des modernen Verfassungsstaates und gründeten eine Vielzahl von Zeitungen (vergleichbar mit den heutigen Blogs) sowie Vereine und Parteien (heute social media und virtuelle Netzwerke), um das Ziel der politischen Gleichberechtigung im Bundesstaat zu erreichen. Oder wie es der Historiker Urs Altermatt ausdrückte: «Sie vertraten einen katholisch-konservativen Antimodernismus mit modernen Mitteln.»2 1 2
Josef Winiger, Bundesrat Dr. Zemp. Lebens- und zeitgeschichtliche Erinnerungen, Luzern 1910, S. 306. Urs Altermatt (Hg.), Die Schweizer Bundesräte. Ein biographisches Lexikon, Zürich 1991, S. 254–259, hier S. 258. 7
Ruedi Lustenberger
Im Gegensatz zu den Gleichgesinnten in anderen europäischen Staaten standen die hiesigen Katholiken jedoch hinter der Demokratie als Staatsform, lehnten aber das zentralistische Programm des Freisinns ab. Föderalistisch sollte der Staat aufgebaut sein. Das 1874 eingeführte Referendum bewies sich für die katholisch-konservative Seite als wichtiges Hilfsmittel auf dem Weg zu ihrem Ziel. Sie konnte damit die freisinnige Mehrheit im Parlament blockieren. Und die Radikal-Liberalen waren gezwungen, ihren Anspruch auf Alleinherrschaft aufzugeben und den neuen Akteur der nationalen Politik einzubeziehen. Den zentralen Durchbruch zur Mitwirkung auf dem eidgenössischen Parkett schafften die Konservativen mit der am 6. Juni 1884 überwiesenen Motion, die von der Presse damals als «Revisionsbombe»3 bezeichnet wurde. Ihr ‘Entwickler’ war Josef Zemp, der für seine Anliegen den einflussreichen St. Galler Ratskollegen Johann Josef Keel und den Tessiner Martino Pedrazzini gewinnen konnte. Die Motion forderte eine Revision wichtiger Verfassungsartikel: Eine Wahlreform in Bezug auf die Wahlkreiseinteilung und den Proporz sowie weitergehende Volksrechte. Gleichzeitig bedeutete der Vorstoss aber auch die Abkehr von der systematischen Opposition, die in den ‘Referendumsstürmen’ fast einem Dutzend Vorlagen zum Verhängnis geworden war. Diese Haltung strich denn auch ein paar Jahre später Josef Zemp in seiner Rede zur Wahl in den Bundesrat hervor: «Damit verbinde ich die Erklärung – und ich setze hierbei die Zustimmung meiner politischen Freunde voraus – dass die Meinung mir ferne liegt, dass ich im neuen Amte mich in den Dienst einer Partei zu stellen habe.»4 So markierte die Wahl des konzilianten Ausgleichspolitikers Zemp den sichtbaren ersten Schritt zu einem Konkordanzsystem, das ich nach wie vor als ‘modern’ und zeitgemäss betrachte und für das für unser Land am besten geeignete halte. Natürlich ist das nicht alleine der Verdienst der Katholisch-Konservativen, sondern auch ein Zeichen der Zeit. Josef Zemp und seine Mitstreiter vertraten einen neuen, pragmatischen Stil, die letzten alten Kämpfer des Sonderbundkrieges waren abgetreten. Der junge Bundesstaat war etabliert. Bis heute aber symbolisiert der Entlebucher für den politischen Katholizismus Integration und Gleichberechtigung in der eidgenössischen Politik. Mit dieser Einbindung in den Bundesstaat brachten die Katholisch-Konservativen jenes Element in die nationale Politik ein, das bis heute ein wichtiges Merkmal 3
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Urs Altermatt, Der historische Kompromiss bahnt sich an, in: Verein Buchprojekt Bundesrat Josef Zemp (Hg.), Josef Zemp. Ein Bundesrat schafft den Ausgleich, Schüpfheim 2008, S. 124–129, hier S. 127. Winiger, Bundesrat, S. 306.
Grusswort
der schweizerischen Politkultur darstellt: den Föderalismus. Dieser war natürlich nicht ganz neu. Schon in der Helvetik gehörte er zum Programm der Opposition. Er wurde sogar von Napoleon teilweise unterstützt, weil es in seiner korsischen Heimat schon etwas Ähnliches gegeben haben soll. Zu den ersten wirklichen Föderalisten des Bundesstaates sind die Genfer um James Fazy zu zählen und natürlich der Luzerner Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler, der bei seinem Tode eher als Konservativer denn als Liberaler betrachtet wurde. Die Schaffung des Ständerats war neben anderen sein Verdienst. Aber einen politisch wirksamen Föderalismus hätte es in der deutschen Schweiz ohne die Konservativen vermutlich nicht gegeben. Aus der Perspektive der Radikal-Liberalen war das damals natürlich alles andere als fortschrittlich. Doch der Föderalismus als «Einheit in der Vielfalt» ist meines Erachtens für ein Land wie das unsere mit seinen unterschiedlichen Ethnien, Sprachen, Kulturen, Grössen, Mentalitäten und Strukturen ideal. Er ermöglicht ein friedliches Nebeneinander, ohne dass dabei die eigenen Wurzeln und Identitäten preisgeben werden müssen. Die Eigenständigkeit der Kantone, die Rücksichtnahme auf Minderheiten und regionale Besonderheiten sowie das grosse Mitsprachrecht der Bürgerinnen und Bürger halten unser Land zusammen. Mit den föderalistischen Strukturen sind natürlich auch Nachteile verbunden: In dezentralen Strukturen sind Entscheidungsprozesse komplizierter, sie brauchen mehr Zeit. Es ist daher nicht einfach, Schritt zu halten mit dem Tempo der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. Wir müssen den Föderalismus deshalb revitalisieren, was bedeutet, Bestehendes so anzupassen oder neu zu gestalten, dass eine zeitgemässe Umsetzung erfolgen kann. Der Föderalismus ist kein Auslaufmodell. Das gleichnamige Institut an der Universität Freiburg beobachtet, dass Föderalismus und Dezentralisierung weltweit im Aufwind sind. Blicken Sie nur nach Schottland oder Katalonien. Etwa dreissig Länder auf der Welt sind seit Längerem oder aufgrund jüngerer Forderungen nach Autonomie und vermehrter Unabhängigkeit föderal aufgebaut. Viele weitere Staaten sind dabei, ihre politischen Strukturen neu zu organisieren, sich von der Vorstellung eines kulturell einheitlichen Staats zu verabschieden und kultureller Vielfalt mit föderalistischen Lösungsansätzen Rechnung zu tragen. Das heisst, einst konservative Ideen können sich durchaus zu modernen und neuen Trends entwickeln. Föderalismus und Konkordanz – das sind für mich zwei zentrale Beiträge, die der Katholizismus an die moderne Schweiz geleistet hat. Es gibt viele andere, die zu erfahren man gespannt sein darf. Ich wünsche Ihnen eine interessante und aufschlussreiche Lektüre.
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Grusswort des Schwyzer Landammanns Walter Stählin Die katholische Kirche spielte in der Geschichte des Kantons Schwyz stets eine prägende Rolle. Bereits vor der Reformation hatte der katholische Glaube einen grossen Einfluss auf alle Lebensbereiche des Menschen. Die geistliche sowie die weltliche Gesellschaft waren ineinander verschränkt – und das eine ohne das andere nicht denkbar. Nach der Glaubensspaltung avancierte der Stand Schwyz zu einem eigentlichen Bollwerk des katholischen Glaubens. Die Auswirkungen der Glaubensspaltung prägten die Geschichte der Eidgenossenschaft über Jahrhunderte. Konfessionell beeinflusste Konflikte, ja eigentliche Bürgerkriege bestimmten die eidgenössische Geschichte bis ins 19. Jahrhundert mit – und Schwyz war bei religiösen Auseinandersetzungen immer an vorderster Front dabei. Sowohl im Sonderbundskrieg anno 1847, der schliesslich zur Gründung des modernen Bundesstaates im Jahr 1848 führte, als auch im sogenannten Kulturkampf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bei dem es um die Entflechtung von Staat und Kirche ging, hatte die konfessionelle Komponente eine grosse Bedeutung. Dies war damals auch in Schwyz so, als noch zu Beginn des Jahres 1890 der Bote der Urschweiz, die lokale Zeitung, beispielsweise darauf hinwies, dass die Katholiken mancherorts in diesem Land nach wie vor Bürger zweiter Klasse seien. Die Religionsfrage stellte den Zusammenhalt der Eidgenossenschaft seit dem 16. Jahrhundert immer wieder vor harte Bewährungsproben. Und gerade im Stand Schwyz wurde die katholische Konfession ein prägendes Element im politischen Leben wie auch im Alltag. Der Katholizismus war allgegenwärtig. Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen: –– Nach dem verheerenden Dorfbrand in Schwyz im Jahre 1642 wurden als erstes die Kirche und das Rathaus wieder aufgebaut. –– Allein im 17. und 18. Jahrhundert entstanden auf dem Schwyzer Kantonsgebiet über sechzig neue Kapellen. Sie und weitere zahlreiche Gotteshäuser sind bis heute steingewordene Zeugen der Sakrallandschaft von Schwyz. Diese Beispiele zeigen, wie stark der katholische Glaube die Lebensbereiche der Menschen durchdrang und demzufolge die hiesige Kultur prägte. Man denke dabei auch an die vielen kirchlichen Feiertage, die noch heute im Kanton Schwyz begangen werden. Nebst dem Kanton Tessin gibt es nirgends sonst so viele katholische Feiertage wie im Kanton Schwyz. Aber auch Brauchtümer wie die Fasnacht oder ‘Kilbinen’ (Kirchweihfeste) haben ihren Ursprung im katholischen Kirchenkalender und bestimmen bis heute das Jahr und den Alltag der Menschen mit. Die Kirchweihfeste
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Walter Stählin
boten in der Alten Eidgenossenschaft geradezu die optimale Möglichkeit des inner eidgenössischen Austauschs. Dass sich die Reformation im Lande Schwyz nicht wie in den übrigen Orten der Urschweiz durchsetzen konnte, war weniger das Verdienst der einheimischen Geistlichkeit oder des damals zuständigen Bistums Konstanz, sondern vielmehr das Werk der weltlichen Instanzen, der Landsgemeinde und des Rates. Sie waren sich bereits im Spätmittelalter durchaus gewohnt, in kirchlichen Angelegenheiten mitzubestimmen, beispielsweise in ihrer Funktion als Schirmherren über Klöster. Der Katholizismus prägte den Kanton Schwyz bis ins 20. Jahrhundert tief. Der erste weltliche Schulinspektor wurde denn auch erst 1964 eingesetzt, und noch bis in die 1960er Jahre basierte der religiöse Unterricht auf einem Katechismus – notabene im Widerspruch zur Bundesverfassung von 1874, welche die konfessionelle Neutralität der Volksschule vorschrieb.
Landammann Walter Stählin (links) und Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger (rechts). Foto: Urs Knoblauch, 2014.
Doch der Katholizismus bedeutete für Schwyz, das sich anfänglich nur widerwillig in den neuen Bundesstaat integrierte, nicht nur eine Modernisierungsbarriere. Es war der aufgeklärte Klerus, der im konfliktreichen 19. Jahrhundert den Aufbau des Volksschulwesens vorantrieb. Die Naturwissenschaften fanden bereits Mitte des 12
Grusswort
18. Jahrhunderts eine Verankerung im Lehrplan der Stiftsschule Einsiedeln, und Patres des Klosters hatten dabei die Lektüre der kirchenkritischen und protestantischen Autoren empfohlen, um die Argumentation der Widerstreiter kennenzulernen. Überhaupt war der ganze Bereich der Volksschule wie auch der Gymnasien bis in die 1950er und 1960er Jahre stark von Lehrpersonen mit klerikalem Hintergrund geprägt. Ja, der Katholizismus hat in Schwyz und in der Schweiz sehr prägend in die Geschichte eingegriffen. Mögen die im Rahmen dieses Bandes versammelten Beiträge einige der historisch noch offenen Fragen zum Katholizismus beantworten und so zur Erhellung des Themas beitragen.
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Vorwort Die direkte Demokratie ist in der Schweiz wie in keinem anderen Land ein zentraler Bestandteil der politischen Kultur, aber geschichtlich noch wenig erforscht. Aus diesem Grund wurde das Forschungsinstitut direkte Demokratie (www.fidd.ch) gegründet, das mit wissenschaftlichen Konferenzen, Publikationen und Vorträgen die Forschungslücken schliessen will. Am 17. Oktober 2014 fand in Schwyz unter dem Titel «Beiträge des Katholizismus zur modernen Schweiz» die erste wissenschaftliche Konferenz des Forschungsinstituts statt. Die Tagung widmete sich in zwei Themenblöcken den neuesten Erkenntnissen der Demokratie- und Bildungsforschung. Anhand der Panels «Katholizismus und direkte Demokratie» sowie «Katholizismus und Bildung» legten die Referenten aus den Fachrichtungen Geschichte, Kirchengeschichte (Theologie) und Erziehungswissenschaften ihre Forschungsresultate dar. Neue Aspekte der Forschung wurden interdisziplinär zur Sprache gebracht. Die Referenten konnten in diesem Sinne aufzeigen, dass der Katholizismus Wichtiges und Grundlegendes zur Entwicklung der modernen Schweiz beigetragen hat, auch und gerade was die direkte Demokratie sowie die Volksschule und die Höheren Schulen betrifft.
Podium der Tagung vom 17. Oktober 2014 in Schwyz. Foto: Urs Knoblauch, 2014.
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Vorwort
Die Vorträge sind im vorliegenden Band versammelt. Mit diesem Band 1 wird zugleich eine neue wissenschaftliche Reihe begründet, die Beiträge zur Erforschung der Demokratie veröffentlichen will; Band 2 wird sich mit dem Thema «Liberalismus und moderne Schweiz» befassen und Band 3 sich den Frühsozialisten widmen. Diese ‘Trilogie’, die aus verschiedenen politischen Perspektiven die Entstehung und Entwicklung der direkten Demokratie in der Schweiz beleuchtet, wird die Grundlage für weitere Forschungsfragen und -projekte bilden, so etwa die Frage nach dem theoretischen Fundament der direkten Demokratie. Konferenzen und Tagungsbände sind arbeitsintensive Projekte, die ohne eine umfassende Unterstützung nicht zu bewältigen sind. Ein grosser Dank gilt meiner Frau Elfy, die das Forschungsinstitut und seine Projekte in allen seinen Belangen mitträgt. Auch der wissenschaftliche Beirat, der die Herausgabe des Tagungsbandes fachlich begleitet hat und mit dem ein fruchtbarer wissenschaftlicher Austausch stattfindet, sowie der Schwabe Verlag mit seiner Lektorin Julia Grütter Binkert haben zur erfolgreichen Drucklegung des Bandes entscheidend beigetragen. René Roca, im Februar 2016
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Einleitung: Katholizismus und moderne Schweiz René Roca Historiographische Forschungsarbeiten haben die Bedeutung des Katholizismus für die Herausbildung der demokratischen Strukturen der Schweiz bereits festgestellt.1 Die direkte Demokratie besitzt auf der Gemeindeebene mit dem Genossenschaftsprinzip ein wichtiges Fundament. Die früheste organisierte Gemeindeform waren die Kirchgemeinden, die in der Schweiz genossenschaftlich und dezentral aufgebaut waren (Kirchgenossen). Die durch das Genossenschaftsprinzip geförderte ‘Gemeindefreiheit’, kurz die gemeindlich-genossenschaftliche Selbstbestimmung in Kirchgemeinden, Korporationen und politischen Gemeinden ist eine oft unterschätzte Tradition. Sie beruht auf einer naturrechtlichen Grundlage und trug viel zur späteren Konkretisierung der Volkssouveränität und Herausbildung der direkten Demokratie auf Kantons- und Bundesebene bei. In diesem Prozess, der im frühen 19. Jahrhundert begann, spielten der Katholizismus und später die katholische Soziallehre eine zentrale Rolle.
Katholizismus und direkte Demokratie Definition und geschichtliche Aspekte
Was ist unter ‘Katholizismus’ zu verstehen? Katholizismus ist die Gesamtheit der wahrnehmbaren, historisch-kontingenten Erscheinungsformen des katholischen Christentums. Der Begriff entstand im 16. Jahrhundert im Kontext der Konfessionalisierung, will heissen im Gegensatz zum Protestantismus. Heutzutage existieren verschiedenartig geprägte Katholizismen, die sich in den einzelnen Ländern im jeweiligen historischen Kontext herausgebildet haben.2 Ab 1523 schaffte die Reformation in den Schweizer Städten den Durchbruch. Doch bereits 1531 setzte der Zweite Kappeler Krieg dieser Entwicklung ein vorläufiges Ende. Danach begann in der Eidgenossenschaft ein langwieriger Prozess der ‘Konfessionalisierung’, was zur Herausbildung von zwei Konfessionskirchen
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René Roca, Wenn die Volkssouveränität wirklich eine Wahrheit werden soll … Die schweizerische direkte Demokratie in Theorie und Praxis – Das Beispiel des Kantons Luzern, Zürich 2012, S. 222f. Franz Xaver Bischof, Art. Katholizismus, in: Historisches Lexikon der Schweiz, Band 7, Basel 2008, S. 132–135, hier S. 132. 17
René Roca
und zwei relativ streng voneinander geschiedenen Gesellschaften und Kulturen führte.3 Bis 1712 war die Schweiz durch eine politische Vorherrschaft der katholischen Orte geprägt. Die Beschlüsse des Konzils von Trient (1545–1563) leiteten eine katholische Reform ein, was unter anderem den Aufbau eines katholischen Bildungswesens mit sich brachte, gefördert vor allem durch die neuen Orden der Jesuiten und Kapuziner. Nach dem Zweiten Villmerger Krieg 1712 ergab sich ein wirtschaftliches und politisches Übergewicht der reformierten Orte, der Konfessionalismus flaute etwas ab. Gleichzeitig nahm die Aufklärung auf katholischer Seite lediglich Einfluss auf die politische und teilweise kirchliche Elite. Dies hatte einerseits staatskirchliche Tendenzen zur Folge und löste andererseits eine vielseitige, an der katholischen Aufklärung orientierte kirchliche Reformtätigkeit aus.4 Nach den Umbrüchen der Helvetik führte die kirchliche Neuordnung ab 1821 zur Bildung von neuen Bistümern in der Schweiz. Im 19. Jahrhundert wurden etwa 50 klösterliche Niederlassungen säkularisiert. Dieser Prozess konnte teilweise durch die ab 1830 zahlreich gegründeten Kongregationen für Männer und Frauen aufgefangen werden (u.a. Schwesterngemeinschaften von Ingenbohl und Menzingen, siehe den Beitrag von Carlo Moos in diesem Tagungsband).5 Die Jahre nach 1830 waren durch die politische Regeneration der Liberalen geprägt. Damals begann im Grunde bereits der ‘Kulturkampf ’ in der Schweiz, der bis zirka 1880 dauerte. In diesem Zusammenhang entwickelten sich im Rahmen des Schweizer Katholizismus zwei Richtungen: Die liberalen Katholiken bildeten eine heterogene Minderheit, während die Mehrheit katholisch-konservativer Gesinnung blieb.6 Geschichtsschreibung und Forschungsansätze
Franz Xaver Bischof schrieb im kürzlich abgeschlossenen Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) zu den Katholisch-Konservativen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Folgendes:
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Ebd., S. 132f. René Roca, Genossenschaftsprinzip und Naturrecht als Grundlage. Schweizerische und luzernische Demokratiegeschichte bis zur Helvetischen Revolution, in: Historische Gesellschaft Luzern (Hg.): Jahrbuch 31, Luzern 2013, S. 45–62, hier S. 54–56. 5 Franz Xaver Bischof, Art. Katholische Kirche, in: Historisches Lexikon der Schweiz, Band 7, Basel 2008, S. 126–128, hier S. 127; Patrick Braun, Einleitung. Die religiösen Kongregationen im 19. und 20. Jahrhundert, in: Helvetia Sacra, Abteilung VIII, Band 2, Basel 1998, S. 19–71. 6 Peter Stadler, Der Kulturkampf in der Schweiz. Eidgenossenschaft und katholische Kirche im europäischen Umkreis, erweiterte und durchgesehene Neuauflage, Zürich 1996, S. 65–81. 4
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Einleitung: Katholizismus und moderne Schweiz
Eine Mehrheit konservativer Katholiken, die aus Angst insbesondere vor dem Verlust kultureller Identität an den überkommenen Traditionen festhalten wollte, lehnte unter Hinwendung nach Rom die Moderne mehr oder weniger stark ab. [Dies bewirkte eine] Abschottung gegenüber dem Zeitgeist […]. Diese Ultramontanisierung ging in den katholisch-konservativen, überwiegend ländlich-agrarisch geprägten Gebieten tendenziell einher mit Rückständigkeit in Wirtschaft, Bildung und Kultur.7
Eine solche, durchaus gängige Zuordnung der Katholisch-Konservativen kann aufgrund neuester historiographischer Erkenntnisse nicht aufrechterhalten werden (siehe den Beitrag von Heinrich R. Schmidt zum «Bildungsvorsprung des Schweizer Katholizismus» sowie den Beitrag von René Roca zu den Kantonen Schwyz und St. Gallen in diesem Tagungsband). Was sind die Gründe für die eindimensionale Sichtweise auf die Bedeutung der Katholisch-Konservativen? Die schweizerische Geschichtswissenschaft favorisierte in den letzten 40 Jahren auch bezüglich der Kirchen- und Religionsgeschichte zu einseitig die Sozial-, Kulturund Mentalitätsgeschichte. Methodische und theoretische Ansätze der Institutionensowie der Politik- und Ideengeschichte wurden vernachlässigt und nicht gefördert. Urs Altermatt hielt dazu fest: «Wenn man die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Literatur zum Thema ‘Schweizer Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert’ überblickt, stellt man um 1970 einen Paradigmenwechsel fest.»8 Gründe für den historiographischen Bruch sah Altermatt unter anderem in den Folgen des II. Vatikanischen Konzils von 1962–1965 und im Generationenwechsel unter den führenden Historikern, an dem er selbst beteiligt war. Bis um 1970 verfassten die meisten Geschichtswerke zum schweizerischen Bundesstaat Schweizer Historiker der liberalkonservativen Richtung. Der Grund dafür war, dass die nationale Kultur in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts protestantischliberal dominiert war. Laut Altermatt wirkte bis in die fünfziger und frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts «das katholische Ghetto im Kulturbereich nach».9 Seit Beginn des Bundesstaates sahen sich die Historiker katholischer Observanz an den Rand gedrängt. Erst um 1970 erhielten sie einen festen Platz in der Geschichtswissenschaft der Schweiz, allerdings nur, weil sie den Paradigmenwechsel mittrugen. Namhafte katholische Historiker wie Oskar Vasella, Professor für Schweizer Geschichte an der Universität Freiburg von 1931 bis 1966, gerieten in Vergessenheit oder wurden aktiv ins Abseits gestellt. Gerade Vasella hatte in einem seiner Forschungsgebiete, der Reformationsgeschichte, Bahnbrechendes geleistet: «Mit seiner 7 8 9
Bischof, Katholizismus, S. 133. Urs Altermatt, Katholiken und Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Band 41, Heft 4, Zürich 1991, S. 493–511, hier S. 493. Ebd., S. 494. 19
René Roca
Neubeurteilung der Reformation öffnete Oskar Vasella den Dialog über die konfessionellen Gräben hinweg und nahm den ökumenischen Aufbruch des Vaticanums II vorweg.»10 Vasella thematisierte auch immer wieder die Gründungsphase des Bundesstaates und die diesbezügliche Rolle der Katholisch-Konservativen. Er konstatierte, dass gerade in der Beurteilung des katholischen Konservatismus «eine grössere Freiheit im geschichtlichen Denken»11 nötig sei, um die Vorgeschichte der Bundesstaatsgründung wahrheitsgetreuer darzustellen. Das ist bis heute nicht geschehen. Die Universität Freiburg blieb zwar ein Zentrum der Geschichtsschreibung über den Schweizer Katholizismus, aber mit einem veränderten Fundament. Altermatt selbst prägte den Paradigmenwechsel in der Geschichtsschreibung des Katholizismus ab 1970 massgeblich mit seiner Studie «Der Weg der Schweizer Katholiken ins Ghetto»12, die 1970 an der Universität Bern als Dissertation angenommen wurde. Die Studie behandelt die besonders nach 1848 feststellbare Tendenz, dass die Katholisch-Konservativen teils freiwillig, teils unfreiwillig auf nationaler Ebene in eine gesellschaftlich-kulturelle Isolation, eben in ein eigentliches ‘Ghetto’, gerieten. Seit dem Ende der 1970er Jahre gehören von Altermatt geprägte Begriffe wie ‘katholisches Ghetto’, ‘Subkultur’ oder ‘Sondergesellschaft’ zum Gemeingut der katholischen Sprachregelung. Die nationale Geschichtsforschung ordnete fortan den Schweizer Katholizismus allzu einseitig nach diesen soziologischen Kriterien und daraus abgeleiteten Fragestellungen.13 Die Schweiz ist religionsgeschichtlich wie auch im kirchenpolitischen Bereich ein Sonderfall. Seit der Gründung des Bundesstaates besitzen die Kantone die Kirchenhoheit. Die Katholische Kirche weist eine duale Struktur aus demokratischen staatskirchenrechtlichen Institutionen (z.B. Pfarrwahl) und der hierarchischen Struktur nach kirchlichem Recht auf.14 Die diesbezügliche Förderung des Föderalismus und des demokratischen Bewusstseins von katholischer Seite wurde bisher in der historischen Forschung bloss am Rande erwähnt und zu wenig gewürdigt. Die Katholisch-Konservativen entwickelten zwar nach 1815 einen Widerstand gegen die 10 11 12 13
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Marco Jorio, Oskar Vasella (1904–1966) – ein bedeutender Reformationshistoriker, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte, 90. Jahrgang, Freiburg 1996, S. 83–99, hier S. 90. Oskar Vasella, Zur historischen Würdigung des Sonderbundes, in: Schweizer Rundschau 47/48, Heft 4 und 5, Einsiedeln 1947, S. 259–282, hier S. 260. Urs Altermatt, Der Weg der Schweizer Katholiken ins Ghetto. Die Entstehungsgeschichte der nationalen Volksorganisationen im Schweizer Katholizismus 1848–1919, 2., erweiterte Auflage, Zürich 1991. Urs Altermatt, Katholizismus und Moderne. Zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Schweizer Katholiken im 19. und 20. Jahrhundert, Zürich 1989; Markus Ries, Schweizer Katholizismus im 18. und 19. Jahrhundert. Forschungsstand und Perspektiven, in: Ulrich Gäbler et al. (Hg.), Schweizer Kirchengeschichte – neu reflektiert. Festschrift für Rudolf Dellsperger zum 65. Geburtstag, Bern 2011, S. 243– 254. Hans Berner, Art. Kirchgemeinde, in: Historisches Lexikon der Schweiz, Band 7, Basel 2008, S. 240f.