JĂźrgen Mischke
Familiennamen im mittelalterlichen Basel Kulturhistorische Studien zu ihrer Entstehung und zeitgenĂśssischen Bedeutung
JĂźrgen Mischke
Familiennamen im mittelalterlichen Basel Kulturhistorische Studien zu ihrer Entstehung und zeitgenĂśssischen Bedeutung
Schwabe Verlag Basel
Publiziert mit der Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, des Max Geldner-Fonds, des Werenfels-Fonds und des Dissertationenfonds der Universität Basel.
Die vorliegende Arbeit wurde von der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel im Frühjahrssemester 2014 auf Antrag von Prof. Dr. Annelies Häcki Buhofer und Prof. Dr. Achatz von Müller als Dissertation angenommen.
Copyright © 2015 Schwabe AG, Verlag, Basel Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: Thomas Lutz, Schwabe AG, Muttenz, unter Verwendung einer Abbildung des Stammbaums der Welfen in der Weingartner Welfenchronik, Hs. D 11, f. 13v der Hochschul- und Landesbibliothek Fulda. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3464-5 E-Book 978-3-7965-3473-7 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Meiner Familie
Inhalt Vorwort und Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Namen erforschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Forschungsperspektiven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Eine Kurzgeschichte der Namenforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Zu der Entstehung der Familiennamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Basler Familiennamenforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 Semiotik der Namen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Namenkategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Bedeutung als Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 Etymologische Namenbedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Unbehagen mit dem Denotaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Synthese zu einem Bedeutungsmodell der Namen . . . . . . . . . . . . . 80 Wege zu einer kulturhistorischen Namenforschung . . . . . . . . . . . . . . . . 82 Namen-Netzwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Mythologie der Sprache als Motor der Bedeutsamkeit . . . . . . . . . . 91 Autorschaft der Namen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Historische Namensemantik als Teil einer Kulturgeschichte . . . . . 101 Konsequenzen für eine kulturhistorische Familiennamenforschung . . 105 Wandel und Umbrüche in Basel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quellenkritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quellenlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Zeitraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Basel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bauliche Dynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sozial-politische Dynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rufnamen in Basel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Geschichte der Rufnamen: Germanen und Leitnamen . . . . . . Eine Geschichte der Rufnamen: Der Heilige und ich . . . . . . . . . . . . Zweitnamen in Basel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Von der Tätigkeit, der Funktion oder dem Beruf zum Familiennamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der Wohnstättenangabe zum Familiennamen . . . . . . . . . . . . . . Von der Herkunftsangabe zum Familiennamen . . . . . . . . . . . . . . . . Vom Übernamen zum Familiennamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom Vaternamen zum Familiennamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Chronologische Resultate zum anthroponymischen Wandel . . . . . . . .
180 188 198 201 206 209
Namenkontexte in Basel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Namen in Urkunden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Basler Urkunden bis 1200 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Basler Urkunden nach 1200 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Basler Urkunden nach 1300 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Namen und Siegel: von der Konstruktion der Institution . . . . . . . . . . . Namen in der Verwaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Namen und der Tod: Verwaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Namen und der Tod: Grabstätte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausblick: Diskursive Namenkontexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
213 215 217 254 272 287 311 324 345 357
Resümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368 Reflexion des Forschungsstands und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381 Literatur- und Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419
Vorwort und Dank Der Historiker denkt nicht nur über Menschen nach. Die Atmosphäre, in der sein Denken von Natur aus atmet, ist die Kategorie der Zeit.1
Die vorliegende Veröffentlichung bildet den Abschluss meiner Dissertation an der Universität Basel. Mit der Niederschrift dieser Zeilen geht auch ein wesentlicher Abschnitt meines Lebens zu Ende, das spüre ich in den Fingern. Dieser begann 2004, als ich nach einem Wechsel der Studienfächer Physik und Astronomie auf Geschichte und Germanistik das Deutsche Seminar am Nadelberg 4 in Basel zum ersten Mal betrat. Ich ahnte nicht, dass ich über zehn Jahre später immer noch an diesem idyllischen Ort der Basler Altstadt sein würde. Zum Dissertationsvorhaben kam ich nach Abschluss meines an mittelalterlichen und wissenschaftstheoretischen Themen orientierten Studiums denn auch eher aus Zufall. Dieser ergab sich 2010 über die Möglichkeit der Mitarbeit an einem toponomastischen Forschungsprojekt (Namenbuch BaselStadt) am Lehrstuhl für Linguistik von Prof. Dr. Annelies Häcki Buhofer an der Universität Basel. Mein Promotionsstudium fand in einer bewegten Zeit statt. Sein Auftakt 2011 war begleitet von der Geburt meiner Tochter Anouk. Neben der Arbeit an der Dissertation folgten 2012 nach dem Weggang von Markus Gasser die Übernahme der operativen Leitung des Forschungsprojektes Namenbuch Basel-Stadt zusammen mit Inga Siegfried und viele weitere Nebenprojekte. Abgeschlossen wurde die Dissertation schliesslich im Zuge der Geburt meines Sohnes Benjamin anfangs 2014. Der in der Arbeit behandelte Fragekomplex danach, wie Familiennamen entstanden sind und was für eine bedeutsame Rolle sie in der Geschichte spielten, steht also in direktem Zusammenhang mit der Entstehung meiner eigenen Familie und der persönlichen Reflexion dessen, was diese Verwandtschaftsgruppe konstituiert. Dass das eigene Denken während drei Jahren in der Atmosphäre der Zeit atmen durfte und man dabei die historischen Prämissen der eigenen Situation und die Relevanz eines Prozesses für die Gesellschaft als Ganzes erkennen konnte, ist nicht selbstverständlich, sondern ein Privileg. Ich bin an diesem Forschungsvorhaben intellektuell und als Persönlichkeit gewachsen und für diese Möglichkeit bin ich
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Bloch: Apologie der Geschichtswissenschaft, 32.
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Vorwort und Dank
dankbar und möchte meine Erkenntnisse durch die vorliegende Publikation der Öffentlichkeit zugänglich machen. Der Erfolg und die Veröffentlichung der Arbeit ist aber nur durch viel Unterstützung möglich gewesen. Prof. Dr. Annelies Häcki Buhofer und Prof. Dr. Achatz von Müller danke ich für die fachliche Betreuung der Arbeit, die Bereitschaft ein interdisziplinäres Projekt zwischen Sprach- und Geschichtswissenschaft zu begleiten und zu begutachten und für meine wohlwollende Förderung zum Beispiel durch die Vermittlung von Lehraufträgen. Bei meinen Untersuchungen konnte ich glücklicherweise auf die Namen-Daten in der Datenbank FLUNA aufbauen, die vom Orts- und Flurnamenprojekt Namenbuch der Nordwestschweiz (Kantone Basel-Stadt, Baselland und Solothurn) an der Universität Basel unterhalten wird, und musste meine Datengrundlage nicht bei Null starten. Wesentlich für den Erfolg war zudem, dass ich die Büroinfrastruktur des Namenbuches Basel-Stadt an der Universität Basel am Totengässlein 3 für die Erarbeitung der Dissertation nutzen konnte und, dass ich während der gesamten Dauer eine vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Qualifikationsstelle hatte. Auch war mir meine intensive Transkriptionsarbeit für das Namenbuch Basel-Stadt im Staatsarchiv Basel-Stadt eine grosse Hilfe, da ich darüber eine breite Kenntnis der mittelalterlichen Handschriften erlangt hatte, auf die ich während der Dissertation zurückgreifen konnte. Stets freundliche Unterstützung erfuhr ich dabei von Krishna Das Steinhauser und Hermann Wichers vom Staatsarchiv Basel-Stadt. Meinen akademischen Kolleginnen und Kollegen Inga Siegfried, Jacqueline Reber, Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, Flavio Häner und Hans Bickel danke ich für den gelegentlichen Austausch über das Forschungsthema und die Anregungen, die ich von ihnen erhalten habe. Hilfreich war in diesem Zusammenhang auch die Teilnahme am von Philipp Dankel organisierten Basler Doktorandenkolloquium der Sprachwissenschaften (HPSL – Herman Paul School of Linguistics). Bei Übersetzungs- oder Transkriptionsunklarheiten standen mir freundlicherweise die Lateinexperten Aurelio Rizzi und Rebekka Thur zur Seite. Bei der schriftlichen Abfassung der Dissertation und der Überarbeitung für den Druck sind viele Vereinheitlichungs- und Überarbeitungsschritte angefallen, die ich schwer hätte alleine bewältigen können. Hier danke ich Timo Goepfert, Marlene Linsmayer und Myriam Müller für ihre Hilfe bei der Textredaktion. Meiner Frau Maja Mischke, die viel auf mich verzichten musste, und meinen Eltern und Schwiegereltern will ich dafür danken, dass sie stets an meinen Erfolg geglaubt haben, immer motivierend und unterstützend für
Vorwort und Dank
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mich da waren und mich auch in verzweifelten (oder verwirrten) Stunden aushielten. Meine gesamte bisherige Laufbahn wäre ohne meine Familie nicht möglich gewesen. Durch die Stellvertretung von Jacqueline Reber 2014 für die Drucklegung des Solothurner Namenbuchs Band 3 verzögerte sich die Veröffentlichung der vorliegenden Arbeit. Diese hatte ich bereits am 3. Februar 2014 zur Begutachtung eingereicht, das Rigorosum bestand ich schliesslich am 4. Juni 2014. Von der Abgabe der Dissertation bis zum Erscheinen des vorliegenden Buches vergingen also ca. 18 Monate. In dieser Zeit sind bereits neue Arbeiten zum Forschungsthema Familienname erschienen. Darunter ist zum Beispiel die Habilitationsschrift von Christof Rolker (Das Spiel der Namen) zu nennen. Hätte ich diese spannende Sammlung unterschiedlicher Ansätze mit den ausführlichen Literaturverweisen bereits während der Promotion lesen können, wäre meine Dissertation und vor allem die Einschätzung des aktuellen Forschungsstandes wohl anders verlaufen. In den vorliegenden Text habe ich aber die jüngsten Erscheinungen nur geringfügig einarbeiten können, weshalb der Text hauptsächlich die Publikationen bis ins Jahr 2013 berücksichtigt. Mit Schwabe hat sich ein traditionsreicher und renommierter Verlag für die Veröffentlichung der Dissertation finden können. Ich danke dem Verlagsleiter Prof. Dr. Wolfgang Rother für die freundliche Aufnahme in das Verlagsprogramm. Stefan Holzer von der Druckerei Schwabe und der Lektorin Barbara Handwerker Küchenhoff sei für die angenehme Zusammenarbeit und ihr Engagement gedankt. Für den Druck mussten viele Digitalisate angefertigt und Bildrechte eingeholt werden. Hier danke ich Sabine Strebel vom Staatsarchiv Basel-Stadt für die schnelle und unkomplizierte Bearbeitung und das entgegenkommende Angebot bei den Bildrechten, ebenso Jakob Kuratli vom Stiftsarchiv St. Gallen, der Zentralbibliothek Zürich, der Universitätsbibliothek Heidelberg, der Staatsbibliothek zu Berlin und der Hochschul- und Landesbibliothek Fulda. Finanziell wurden der Druck und die Druckvorarbeiten durch den Schweizerischen Nationalfond, den Werenfels-Fond, den Max Geldner-Fonds und den Dissertationsfonds der Universität Basel gefördert. Ihnen ist zu vedanken, dass der nachfolgende Text als Buch vorliegt. Ich hoffe auf die wohlwollende Aufnahme der Arbeit, freue mich aber auch auf jede Diskussion, die durch sie angeregt wird. Basel, Ende April 2015
Einleitung Wer heute auf die Welt kommt, erhält nicht nur einen, sondern mehrere Namen. Meist ist dies ein Rufname,2 den sich die Eltern in langen Diskussionen für ihr Kind ausgedacht haben, und ein Familienname, den das Kind mit seinen Eltern teilen wird.3 Zusammen bilden sie den Gesamtnamen einer Person. Dass eine Gesellschaft ohne diese binominale Namenkonvention funktionieren könnte, scheint uns unwahrscheinlich, denn sie durchdringt das gesamte moderne Leben und ist Teil unserer Identität, was vielen beispielsweise bei der Eheschliessung und der damit verbundenen Familiennamendiskussion erstmals bewusst wird.4 Wir haben zu den Namen, die wir tragen, ein eigenartiges Verhältnis. Auf eine Art erscheinen sie selbstständig, auf eine andere untrennbar mit uns und unserem Wesen verbunden zu sein.5 Aufgrund dieser empfindlichen Bindung wollen wir nicht ohne Namen im Allgemeinen leben, denn sie sind äusserst nützlich. Wir brauchen sie, um beispielsweise Personen in Verträgen oder Reisepässen, Autoren auf Büchern, Figuren in Büchern, Avatare in Chatforen, Anschlüsse in Telefonbüchern oder Tote auf Grabsteinen zu benennen. Ebenfalls benötigen wir sie offenbar, um die erwähnte Einheit mit einem Namen zu versehen, die wir Familie nennen. Die vorliegende Studie befasst sich mit der Entstehungsgeschichte dieser allgegenwärtigen und heute selbstverständlichen Familiennamen, der damit
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Die vorliegende Studie verwendet den Terminus Rufname trotz seiner anachronistischen Züge als Bezeichnung des Inividualnamens einer Person. In zweinamigen Systemen ist dies der Vorname. Auch wird der Begriff Personenname als Synonym für Antroponym verwendet. Siehe dazu: Kohlheim et al.: Personenname, 671. Seit den 1980er-Jahren und insbesondere seit der Namenrechtsänderung vom Januar 2013 sind in der Schweiz wegen der freien Familiennamenwahl diese nicht mehr zwingend an die männliche Abstammungslinie gebunden und die Ehepartner müssen nicht mehr den gleichen Familiennamen führen: http://www.ejpd.admin.ch/content/ejpd/de/home/themen/gesellschaft/ ref_gesetzgebung/ref_abgeschlossene_projekte0/ref_namensrecht.html [Januar 2014]. Anlässlich der aktuellen Wandelerscheinungen im Namenrecht entstand auch in der Namenforschung eine Debatte, wie der Begriff Familienname in Zukunft eigentlich zu definieren sei, vgl. Debus: Die Entstehung der deutschen Familiennamen aus Beinamen, 86. Zur Zweinamigkeit als Grundlage der bürokratischen Identität siehe beispielsweise Scott et. al.: The Production of Legal Identities Proper to States, 6; Bodenhorn et al.: Entangled in Histories, 14. Gerne verzichte ich wie Nübling auf das obligate Schall und Rauch-Zitat und verweise wie sie auf eine andere treffende Stelle Goethes (Nübling, Namen, 12): «[D]er Eigenname eines Menschen ist nicht etwa wie ein Mantel, der bloss um ihn her hängt und an dem man allenfalls noch zupfen und zerren kann, sondern ein vollkommen passendes Kleid, ja wie eine Haut selbst ihm über und über angewachsen, an der man nicht schaben und schinden darf, ohne ihn selbst zu verletzen. Trotz dieser empfindlichen Bindung wollen wir nicht ohne Namen im Allgemeinen leben.» Zitiert nach Goethe: Dichtung und Wahrheit 2, Buch 10, 436.
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verbundenen Idee und der zeitgenössischen Bedeutung dieses Vorganges: Wie, wann und warum entstand dieses heute so wichtige Sprachzeichen?6 Der Namenforschung ist längst bekannt, dass es diese Namen mit der Funktion von Familiennamen nicht immer gegeben hat. Sieht man von alternativen Namensystemen der Antike ab, sind die Familiennamen, wie sie in Zentraleuropa entstanden sind, eine Erfindung des Mittelalters.7 Um 1100 führten fast alle Menschen nur Rufnamen, um 1400 aber gab es kaum noch eine Person, die in Dokumenten ohne Zweitnamen8 notiert wurde. Deshalb folgert man, dass die Entstehung von erblichen Familiennamen in diesem Zeitraum geschah.9 Sprachwissenschaftlich ist mehrfach an historischen Namenkorpora von Beispielstädten und -regionen gezeigt worden, dass sich dieser Wandel anhand diachron ausgewerteter Namensammlungen nachvollziehen lässt.10 Wir haben es also mit einem Phänomen zu tun, dessen sprachliche Manifestations- und Übergangsformen in der Forschungsliteratur sehr gut beschrieben und typologisiert worden sind. Umso erstaunlicher ist es, dass die Prozesse, welche für diesen Wandel in der Sprachpraxis verantwortlich sein könnten, zwar schon lange hinterfragt werden, aber kaum wissenschaftlich untersucht worden sind und heute trotz vieler vorhandener Ansätze11 eine umfassende Erklärung für die Entstehung von Familiennamen als ein
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Die Arbeit greift damit eine Frage auf, die vor 150 Jahren schon einmal auch explizit für Basel gestellt wurde, aber damals nicht in der nötigen Ausführlichkeit erforscht werden konnte, vgl. Becker: Die deutschen Geschlechtsnamen, 4. Zum Beispiel: Mitterauer: Traditionen der Namengebung, 148. Ferner siehe auch: Mitterauer: Mittelalterliche Grundlagen aktueller Namensprobleme, 17–28; Bourin: Ein europäisches Projekt zur Erforschung der mittelalterlichen Ursprünge moderner Namengebung (10. bis 13. Jahrhundert), 362. Zur uneinheitlichen Entwicklung des europäischen Namensystems siehe: Rolker: Das Spiel der Namen, 346–353. Die vorliegende Studie verwendet den Terminus Zweitname als Bezeichnung für alle dem Rufnamen nachgestellten Elemente des Gesamtnamens einer Person, der unterschiedliche Funktionen erfüllen kann. So können Zweitnamen die Funktion von Familiennamen aber auch von Beinamen haben. Zur groben Datierung siehe: Debus: Die Entstehung der deutschen Familiennamen aus Beinamen, 98–99. Zum Beispiel: Socin: Mittelhochdeutsches Namenbuch; Scheffler-Erhard: Alt-Nürnberger Namen buch; Berger et al.: Die Familiennamen der Reichsstadt Esslingen im Mittelalter; Debus: Zur Entstehung der deutschen Familiennamen; Dziuba: Familiennamen nach Freiburger Quellen des 12.–15. Jahrhunderts; Neumann: Die Familiennamen der Stadtbewohner in den Kreisen Oschatz; Baumgartner: Namengebung im mittelalterlichen Zürich; Fähndrich: Zuger Familiennamen; Hägermann: Die Bildung von Doppelnamen in Bremen, Hamburg und Lübeck von 1150 bis 1250. Die gängigen Erklärungsmodelle finden sich beispielsweise im populären Einführungsband: Kunze: dtv-Atlas Namenkunde, 58; oder auch im wissenschaftlichen Sammelband: Kohlheim et al.: Entstehung und geschichtliche Entwicklung der Familiennamen in Deutschland, 1280–1284.
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Einleitung
Forschungsdesiderat besteht.12 Es erscheint ganz so, als ob bereits viel, zweifelsfrei wichtige, Forschungsarbeit unternommen worden ist, um anhand sprachlicher Formen die Symptome eines Wandels zu beschreiben. Dabei sind selbstverständlich grosse deskriptive Fortschritte für das Verständnis von der typologischen Ausbildung von Familiennamen erzielt worden.13 Die Ursachen und Kräfte, welche die feststellbaren Symptome erklären könnten, wurden jedoch selten explizit in den Fokus genommen.14 Diese Forschungssituation mag darin begründet liegen, dass ein Wandel von Namenkonventionen weder als rein sprachliches Phänomen noch als rein historischer Vorgang mit deutlich erkennbaren Akteuren und Objekten beschrieben werden kann. Erklärungsmodelle müssen sich hier im Spannungsfeld zwischen Sprach-, Geschichts- und Kulturwissenschaft interdisziplinär bewegen und Veränderungen in der Namenkultur auch als sozialhistorischen Vorgang verstehen.15 Die vorliegende Arbeit ist deshalb kein Namenbuch im klassischen Sinn, in dem sich mittelalterliche Familiennamen nachschlagen liessen. Sie lässt sich nicht direkt in eine Reihe stellen mit den bisherigen Darstellungen zu bestimmten Namenarten in Basel, die eine gewisse Tradition haben und auf ein
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Geuenich: Zur Entstehung und Entwicklung der Familiennamen im hohen Mittelalter, 41; Bourin: Ein europäisches Projekt zur Erforschung der mittelalterlichen Ursprünge moderner Namengebung (10. bis 13. Jahrhundert), 361; Geuenich: Personennamen und Personen- und Sozialgeschichte des Mittelalters, 1721. Ausnahmen sind beispielsweise: Neumann: Zur Herausbildung des anthroponymischen Prinzips der Doppelnamigkeit, 192–202. Insbesondere bezüglich des Wandels der Rufnamenkonventionen siehe: Mitterauer: Ahnen und Heilige. Leider stand während der Dissertation die 2014 erschienene Habilitationsschrift von Christof Rolker noch nicht zur Verfügung, die viele interessante Ansätze enthält, vgl. Rolker: Das Spiel der Namen. Wir folgen hier dem theoretischen Verständnis von: Kocka: Historisch-anthropologische Fragestellungen – ein Defizit der Historischen Sozialwissenschaft?, 73: «Historische Sozialwissenschaft meint eine Geschichtswissenschaft, die nicht primär Ereignisse, Personen, Intentionen und Handlungen erforscht, sondern vor allem Strukturen und Prozesse als Bedingungen und Folgen von Ereignissen, Entscheidungen und Handlungen; Strukturen und Prozesse also, die den entscheidenden und handelnden Personen nicht voll bewusst waren, von ihnen nicht oder nur zum Teil oder verzerrt erfahren wurden; Strukturen und Prozesse, die die Ereignisse, Handlungen und Erfahrungen zwar bestimmen oder beeinflussen, aber nicht in diesen aufgehen. Historische Sozialwissenschaft zieht damit, und das ist ihre allgemeinste Bestimmung, die Konsequenz aus der vielfach begründbaren Einsicht, dass die Geschichte nicht in dem aufgeht, was die Menschen intendieren oder auch erfahren, dass die Umstände mindestens so sehr die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen, dass sich die Geschichte nicht zureichend als Zusammenhang von Ereignissen, Entscheidungen, Erfahrungen und Handlungen begreifen lässt.»
Einleitung
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populäres Interesse stossen.16 Die Studie widmet sich vielmehr den Ursachen der festgestellten Symptome und den theoretischen Bedingungen zu deren Erkenntnis und Beschreibung. Basel dient dabei als verallgemeinerbares Beispiel einer nordalpinen Stadt und Gesellschaft im Mittelalter, in der die Entstehung der Familiennamen anhand von historischen Quellen fassbar ist. Der für andere Städte bereits detailliert beschriebene Wandel zur Zweinamigkeit lässt sich auch für Basel einfach aufzeigen. Ein solcher symptomatischer Nachweis ist aber nicht das vordergründige Ziel der Studie, sondern es geht darum, relevante Mechanismen jener zeitgenössischen Namenkultur zu erfassen, die für diesen diagnostizierbaren Wandel verantwortlich sein könnten. Der onomastische Fokus verschiebt sich damit von den Zeichen an sich auf deren Konstitutionsmechanismen in einer bestimmten Zeit. Die Studie befasst sich deshalb mit dem sprachlichen Zeichen Name im Allgemeinen und mit dem Familiennamen im Besonderen, um diesen als Teil der Vergangenheit zum besseren Verständnis dieser Vergangenheit untersuchen zu können und nicht, um ein absolutes Wesen des Familiennamens an sich zu bestimmen.17 Die Ausgangsfrage nach den Gründen einer aufgekommenen Namenkonvention (wie die vererbbaren Familiennamen) klingt zwar einfach, doch für ihre Beantwortung müssen weitreichende Zusammenhänge offengelegt werden, da sie nicht durch das Ausfindigmachen eines kausalen Erfinderkreises beantwortet werden kann. Veränderungen in einer Namenkultur hängen nämlich zusammen mit allgemeinen gesellschaftlichen Umbrüchen und Wandelerscheinungen im Umgang und Gebrauch von Namen und Zeichen.18 Deshalb ist die Entstehung der Familiennamen im Spätmittelalter ein Ausdruck dafür, dass sich während dieser Zeit etwas im Bedeutungs- und Funktionsumfang von Namen als Gegenstand der Kultur verändert hat. Eine semasiologische Annäherung an dieses Etwas ist der ideelle Fluchtpunkt der Studie. Die vorliegende Arbeit muss daher als der Versuch einer historischen Studie verstanden werden, die als Untersuchungsgegenstand ein sprachliches 16
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Zum Beispiel: Siegfried: Basels Strassennamen; Roth: Die Strassennamen der Stadt Basel; Salvisberg: Die Basler Strassennamen; Meier: Verträumtes Basel; Bruckner: Allerlei von unsern Familiennamen; Jenny: Buurget, Saaresyy und Merian; Huck: Flur- und Ortsbezeichnungen vor den Toren; Socin: Mittelhochdeutsches Namenbuch; Vortisch: Alte Basler Berufs- und Spitznamen vom 14. bis zum 16. Jahrhundert, 89–173; Löffler: Pflanzen und Tiere in den Hausnamen der Stadt Basel, 1–9; Fischer: Engelgasse und Hölleweglein; Mischke et al.: Die Ortsnamen von Riehen und Bettingen. Hans-Werner Goetz hat es in seinem Überblick über die explizit historischen Fragestellungen zum Phänomen Name als das mittelalterliche Selbstverständnis von der sozialen Relevanz der Personennamen genannt, vgl. Goetz: Nomen: Zur Bedeutung von Personennamen in der frühmittelalterlichen Gesellschaft, 50. Vgl. dazu auch: Mitterauer: Ahnen und Heilige, 242.
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Einleitung
Zeichen und seine kulturellen Verflechtungen in einer bestimmten Zeit des Wandels an einem bestimmten Ort gewählt hat. Damit wird ein Untersuchungsvorhaben gewagt, für das eine strenge Trennung der Disziplinen künstlich wäre, weshalb sowohl sprach- als auch geschichtswissenschaftliche Herangehensweisen nötig werden.19 Der Fokus der Studie liegt zwar auf der Untersuchung eines historischen Wandels, aber dazu müssen vorausgehend die grundlegenden methodologischen Bedingungen für eine solche Untersuchung erarbeitet und der Untersuchungsgegenstand Name als Bedeutungsträger theoretisch genau bestimmt werden, da zur Theorie einer kulturhistorischen Namenforschung, insbesondere zu einer historischen Namensemantik, noch kaum geforscht wurde.20 Die Fragen nach den Entstehungsbedingungen und Entstehungsursachen der Familiennamen in Basel werden von verschiedenen Thesen geleitet. Erstens wird davon ausgegangen, dass eine rein linguistische Untersuchungsmethode deren Entstehung nur ansatzweise erklären kann. Zweitens meint der Verfasser zeigen zu können, dass in Basel zwischen 1200 und 1400 nicht nur Zweitnamen als schriftliche Form, sondern auch Zweitnamen mit der Bedeutung und Funktionsweise von Familiennamen entstanden waren. Drittens wird dieser Wandel im Zusammenhang mit rechtshistorischen Entwicklungen gesehen wie der privaten Etablierung des abstrakten Konzeptes des zweiten Körpers (analog zum zweiten Körper des Königs)21 oder mit ebenfalls damit verbundenen Veränderungen in anderen Repräsentationsformen wie Siegeln und Wappen und mit einer Erneuerung des Umgangs mit Zeichen, Identität und Selbstbewusstsein im Allgemeinen. Die Erhärtung dieser Thesen wird über drei Teilziele unternommen. (Kap. Namen erforschen) Das erste Ziel ist theoretisch-methodischer Natur und widmet sich den erwähnten theoretischen Grundlagen einer kulturhistorischen Namenforschung, die in der Forschungsliteratur noch nicht hinreichend etabliert worden sind, deren Potential aber als zukunftsweisend erachtet wird.22 Namen sind erkenntnistheoretisch ein komplexer Gegenstand und der Wissenschaftsdiskurs, insbesondere die Namenforschung, untersuchte und
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Zur unnötig künstlichen disziplinären Abgrenzung von Forschungsthemen siehe: Groebner: Welches Thema? 12. Einführend zur Namensemantik siehe Lötscher: Der Name als lexikalische Einheit. Zu den anthropologischen Zugängen zu Namen siehe überblickend: Bodenhorn et al.: Entangled in Histories, 1–30. Zur Theorie grundlegend Kantorowicz: Die zwei Körper des Königs. Hoffmann: Onomastik zwischen Erkenntnis- und Verwendungsinteresse, 89.
Einleitung
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untersucht diese auf unterschiedlichste Weise.23 Das erzeugt eine etwas diffuse epistemologische Forschungssituation, so dass die genaue Bestimmung des Gegenstands des Faches Namenforschung als offenes Forschungsproblem erkannt worden ist.24 Welcher Fachrichtung obliegt die Erforschung der Namen? Welcher Disziplin «gehören» sie? Was hofft man eigentlich in Namen entdecken zu können? Traditionell ist ihre Erforschung zwar der Sprachwissenschaft zugeordnet, doch Namen durchdringen und durchdrangen das Leben der Menschen als allgegenwärtige Zeichen in fundamentaler und facettenreicher Weise. Deshalb soll in diesem ersten Schritt einerseits die Namenforschung selbst als Forschungsdisziplin reflektiert werden und andererseits ein theoretisches Verständnis von Namen erarbeitet werden, das deren kulturhistorische Untersuchung als bedeutsame Zeichen ermöglicht. Ausgehend von sprachwissenschaftlich-semiotischen Überlegungen soll es darum gehen, die Brücken zwischen strengeren linguistischen Erkenntnisversuchen des Wesens von Namen und offeneren kulturwissenschaftlichen Deutungsmodellen zu schlagen. Zu den Bedeutungsdimensionen von Namen gehören ihre Rolle in der zwischenmenschlichen Kommunikation (Sprache), aber auch ihre Rolle in der Funktion zivilisatorischer Gebilde, in der sinnstiftenden mythologischen25 Selbstverortung des Menschen in seiner Lebenswelt oder in der Deutung und Konstruktion dieser Lebenswelt selbst. Die «Bedeutung» der Namen erscheint aus dieser Perspektive mehr zu sein als die blosse Funktion des monoreferenziellen Bezeichnens.26 Sie ist jenseits sprachlicher Funktionalität das Resultat sozialer Praktiken und symbolischer Interaktionen27 zeitgenössischer Akteure vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Traditionen und Entwicklungen. Die Namen in einer Gesellschaft werden so zum Ausdruck ihrer Lebensweise, Vorstellungswelt, Wahrnehmung, Sinngebung, Repräsentation und Identifikation zugleich. Sie werden zu einem Phänomen 23 24 25 26 27
Zum Überblick empfiehlt sich der Sammelband: Eichler: Namenforschung. Hoffmann: Onomastik zwischen Erkenntnis- und Verwendungsinteresse, 88. Unter dem Begriff Mythos versteht diese Arbeit im Wesentlichen die Überlegungen von Barthes: Das Rauschen der Sprache, 73; oder Barthes: Mythen des Alltags. Zur Mono- oder Direktreferenz siehe: Nübling et al: Namen, 17. Hier wird an die soziologischen Überlegungen eines Symbolischen Interaktionismus und der Interpretativen Soziologie im Sinne einer Hermeneutischen Wissenssoziologie angeknüpft. Vgl. dazu beispielsweise Blumer: Der methodische Standort des symbolischen Interaktionismus; Cappai et al.: Interpretative Sozialforschung und Kulturanalyse; Schröer: Interpretative Sozialforschung; Berger et al.: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit; und natürlich Schütz: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Aus der Namenforschung ferner auch: Werlen: Namenprestige, Nameneinschätzung, 1739. Aus der Anthropologie: Bodenhorn et al.: Entangled in Histories, 3.
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der zeitgenössischen Kultur.28 Dieser Beitrag zur Theoriebildung zum Gegenstand Name soll die Möglichkeit eröffnen, eine solche Namenkultur als Forschungsgegenstand einer Kulturgeschichte zu erschliessen und auf Familiennamen und deren Entstehungsgeschichte anzuwenden. (Kap. Wandel und Umbrüche in Basel) Zweites Ziel ist es, die historischen Wandelphänomene und Umbrüche in Basel und im lokalen anthroponymen System nachzuweisen und chronologisch einzugrenzen. Als Quellengrundlage dient dafür ein Namenkorpus, das im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt Namenbuch Basel-Stadt29 an der Universität Basel erstellt wurde. Ziel ist es aber nicht, das gesamte Datenmaterial darzustellen oder quantitativ auszuwerten, da die Repräsentativität des Korpus hinsichtlich seiner Zusammensetzung fraglich ist, sondern es soll anhand der Namenbelege der Wandel qualitativ veranschaulicht und in ein diachrones Vergleichsverhältnis gebracht werden. Dabei wird es auch darum gehen, mittels exemplarischer Familiennamengeschichten die Übergänge von deskriptiven Zweitnamen zu symbolischen Familiennamen, also von Appellativen zu Eigennamen, zu veranschaulichen. Dadurch wird es gelingen, den Entstehungsprozess der Familiennamen besser chronologisch und gesellschaftlich zu verorten und weitere Aspekte der damaligen Namenkultur hinsichtlich der Bedeutung und Funktion von Familiennamen offen zu legen. (Kap. Namenkontexte in Basel) Das dritte Ziel wird es sein, den im ersten Teil methodisch bestimmten Untersuchungsgegenstand anhand zeitgenössischer Quellen auf seine Position und Funktion in dieser Kultur zu untersuchen und ihn historisch innerhalb eines bestimmten Untersuchungsraumes (Basel) zu kontextualisieren. Es geht darum, unterschiedliche Manifestationsformen von Namen im Mittelalter, die in Verbindung mit der Entstehung von Familiennamen stehen könnten, auf ihre gesellschaftlichen Bedeutungszusammenhänge 28
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Der hier verwendete Kulturbegriff wird an der entsprechenden Stelle ausführlich diskutiert werden müssen. Grundlegend folgt die Studie einem symbol-, text-; resp. diskurslastigen Kulturverständnis (Kultur als Zeichensystem) nach Umberto Eco, Pierre Bourdieu, Clifford Geertz, Roland Barthes oder Michel Foucault. Siehe dazu zusammenfassend: Müller-Funk: Kulturtheorie, 154, 184, 213 u. 234; Krois: Kultur als Zeichensystem, 106. Ende 2008 startete das SNF Forschungsprojekt Namenbuch Basel-Stadt unter dem Dachprojekt Namenbuch Nordwestschweiz am Deutschen Seminar der Universität Basel. Seit 2010 war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt, seit 2012 Teilprojektleiter der Forschungsstelle BaselStadt. Ziel des Projektes ist es ein wissenschaftliches lexikographisches Grundlagenwerk für die lebenden und historischen Toponyme des Kantons mitsamt Belegreihen und sprachwissenschaftlich-kulturhistorischer Besprechung zu erstellen. 2013 erschien der erste Band: Namenbuch BaselStadt 1: Die Ortsnamen von Riehen und Bettingen. Zum Projekt siehe: Siegfried et al.: Eine Stadt und ihre Namen, 435–448.
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hin zu untersuchen, um dadurch eine Annäherung an den zeitgenössischen «Sitz im Leben»30 dieses Sprachzeichens und seiner Funktion als Familienname zu erreichen. Entgegen den meisten Namenbüchern liegt der Fokus hier nicht auf den Namenbelegen selbst, sondern auf den Namenkontexten, aus denen gemeinhin die Belege für Namen-Lexika gesammelt werden. Zur Untersuchung der Funktion und Position von Namen dienen Schriftdokumente, deren Produktion ab dem 12. Jahrhundert in Basel zunahm. Bis heute sind sie im Staatsarchiv Basel-Stadt erhalten geblieben. Als bedeutsamste Quellengattung werden dabei eine Auswahl von Urkunden in chronologischer Reihenfolge besprochen und die strukuturell-funktionalen und rechtshistorischen Entwicklungen bezüglich Namen darin nachgezeichnet. Darauf folgt eine Darstellung der mit den Urkunden eng verbundenen Siegel, die in einer Interpretation der Entstehung von Familiennamen nicht vernachlässigt werden dürfen, da sie in einem repräsentativen Spannungsverhältnis zwischen den Konzepten von Person und Familie, zwischen Individuum und Kollektiv standen. Siegel, Wappen und Familiennamen entstanden nämlich im selben Zeitraum. Anschliessend werden Verwaltungsdokumente wie Zinsbücher betrachtet, in denen Namen in grosser Zahl vorkommen und eine tragende Rolle für deren Funktionieren hatten. Auch in Verwaltungsbüchern, die dem Totengedenken dienten, hatten Namen eine zentrale Aufgabe. An ihnen und der Gestaltung damaliger Gräber wird gezeigt werden, wie sich rechtliche und religiöse Namenbedeutsamkeiten im Untersuchungszeitraum zunehmend vermischten und die Funktionsentwicklung von Zweitnamen zu Familiennamen begünstigt hatten. Diese Teilziele sollen es ermöglichen, eine abschliessende Synthese (Kap. Resümee) verfassen zu können, in der die unterschiedlichen Resultate der Studie zu einer Entstehungsgeschichte der Familiennamen zusammengezogen und mit den gängigen Erklärungsansätzen verglichen werden sollen.
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Zum literaturwissenschaftlichen Fachbegriff «Sitz im Leben» als Beschreibung der Funktion von Texten innerhalb von Gesellschaften und Umständen siehe beispielsweise: Wagner: Gattung und «Sitz im Leben», 123.
Namen erforschen Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Namen und die Absicht sie als Quellen zu verwenden, um sie einerseits in ihrer zeitgenössichen Bedeutung besser verstehen zu können und andererseits an ihnen eine historische Entwicklung sichtbar zu machen, bedingt es, diesen Gegenstand in seiner theoretischen Dimension gründlich zu durchleuchten. Hinsichtlich eines kulturhistorischen Verständnisses von Namen existiert dazu keine ausreichende Theoriedebatte, so dass nicht einfach auf diese verwiesen werden könnte. Deshalb sind die Ausführungen im folgenden Kapitel keine akademische Geistesübung mit Selbstzweck, sondern sie stellen gleichsam ein Resultat theoretischer Forschung zu Namen dar, die eine Disziplinen übergreifende Methodologie zum Ziel hat und den Forschungsgegenstand Name für kulturhistorische Fragestellungen fruchtbar machen soll, indem deren Erkenntnisbedingungen geklärt werden. Teil 1 der Studie befasst sich demnach nicht mit genuin mediävistischen Fragestellungen, welche erst im weiteren Verlauf der Arbeit folgen werden. Den Namen als wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand zu erfassen und zu beschreiben, ist nämlich ein komplexes Vorhaben, ein Abenteuer, das sich durch unterschiedliche Disziplinen und Forschungstraditionen zieht. Überblickt man die theorieorientierte Literatur zu Namen, wird deutlich, dass in der Theoretisierung des Namens gemeinhin auch gleichzeitig der Versuch enthalten ist, das Wesen desselben schlechthin zu erfassen.31 Eine Beschreibung von Namen als Forschungsgegenstand ist also immer auch Namentheorie, weshalb unser Vorhaben als Beitrag zur Theorie der Namen verstanden werden kann. Ziel dieses ersten Studienteils ist es, ein epistemologisch und theoretischmethodisch solides Gerüst beim Umgang mit Namen als Forschungsgegenstand zu erlangen und im Hinblick auf eine historische Untersuchung den aktuellen Forschungsdiskurs einerseits zu erfassen, aber auch hinsichtlich einer kulturhistorischen Untersuchung zu erweitern. Unsere Darstellung des Gegenstandes beginnt in klassisch linguistisch-onomastischen Bereichen, orientiert sich aber stark an einer semiotischen Betrachtungsweise nach Umberto Eco,32 womit die weissen Flecken zwischen sprachwissenschaftlichen und im weiteren Sinne kulturwissenschaftlichen Namenuntersuchungen 31 32
Ein aktuelleres Beispiel dafür: Hansack: Das Wesen des Namens, 51–68. Eco: Einführung in die Semiotik.