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Vertrauen

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Josette Baer, Wolfgang Rother (Hg.)

Baer . Rother

Vertrauen

interdisziplinär

und Germanistik in Marburg, Tübingen und Zürich. Er ist Titularprofessor für Philosophie an der Universität Zürich, Autor verschiedener Bücher zur Ideengeschichte und Mitherausgeber des Grundrisses der Geschichte der Philosophie sowie mehrerer wissenschaftlicher Buchreihen.

Vertrauen

eV t e m u b r eV ta r e o i p i c n i r p nI s u e D t e m u e D d upa ta re m ub - n i r p n i t a r e c o h . m u b r eV t a r e re p a i n mo . m u e D d upa o ipi c o spi enis te tnus atcaf muspi m ut c a f d o uq l i h i n t s e m ut c a f u l ta r e a t i v t e ta r e a t i v o s p i n i sirbe net ni xul t e .munimo h - no c no n ma e e a rbe net t e t e c ul Josette Baer, Prof. Dr. phil., geb. 1966, studierte in Zürich Slawistik, Politische Wissenschaften und Geschichte Osteuropas. Sie ist Titularprofessorin s s i m füro m o h t i u f . t n u r e d n e h e r p Politische Theorie mit Schwerpunkt Osteuropa an der Universität Zürich und Autorin zahlreicher Arbeiten zur Politik und zum politischen e n nDenken a h oI ta r e n e m o n i u c o e D a Mittel- und Osteuropas. s et tu m ui no m it s et n i ti ne v c i h Wolfgang Rother, Prof. Dr. phil., geb. 1955, studierte Philosophie, Theologie Vertrauen ist gut. Denn es ist die Grundbedingung menschlichen Zusammenlebens – in persönlichen, sozialen, beruflichen und geschäftlichen Beziehungen. Freundschaft und Familie, Gesellschaft und Staat, Politik, Handel und Wirtschaft sind essentiell auf Vertrauen angewiesen. Dagegen glaubt die Spruchweisheit aus schlechter Erfahrung enttäuschten Vertrauens zu wissen, dass Kontrolle, also Misstrauen, besser sei. Ist es wirklich besser, anderen zunächst einmal zu misstrauen und selbst auf Schritt und Tritt kontrolliert zu werden? Der Staat, der die Bürger kontrolliert, ist despotisch; wo Vorgesetzte ihren Mitarbeitenden misstrauen, demotivieren sie sie; und wenn die Ehefrau ihren Mann kontrolliert, ist die Ehe längst zerbrochen. Vertrauen entlastet. Religiöse Menschen vertrauen ihrem Gott. Weil wir nicht alles wissen und nicht alles können, vertrauen wir dem Wissen und Können anderer: Wir vertrauen den Experten – Patienten vertrauen ihren Ärzten, Zugreisende dem Lokomotivführer, Bauherren den Architekten und Handwerkern. Wir vertrauen der Wissenschaft und Technik, wir vertrauen Maschinen und Computern.

interdisziplinär I S B N 978-3-7965-3451-5

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

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783796 534515


SCHWABE INTERDISZIPLINÄR 7 HERAUSGEGEBEN VON WOLFGANG ROTHER

SCHWABE VERLAG BASEL


JOSETTE BAER UND WOLFGANG ROTHER (HG.)

VERTRAUEN

SCHWABE VERLAG BASEL


Publiziert mit Unterstützung der Hochschulstiftung der Universität Zürich, des Zürcher Universitätsvereins und des Vereins der Privatdozierenden der Universität Zürich

Copyright © 2015 Schwabe AG, Verlag, Basel Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3451-5 www.schwabeverlag.ch


Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Wolfgang Rother Vertrauen als Existenzial. Einige vorläufige Notizen . . . . . . . . . . . . . 11 Matthias Neugebauer (Erschüttertes) Gottvertrauen? Von der Alltäglichkeit und Unalltäglichkeit eines religiösen Grundphänomens . . . . . . . . . . 25 Dominique Kuenzle Weiß er, wovon er spricht? Vertrauen in das Wissen anderer . . . . . . 43 Ulrike Zeuch «… aber die Dichter lügen zu viel.» Zum Vertrauen in die Wahrheit der Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Michael Andermatt Letales Glück. Vertrauen in den deutschen Idealismus Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich (1. Fassung 1854/55) . . . 81 Clemens H. Cap Kann man einem Computer vertrauen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Michael Hässig Kennen Tiere Vertrauen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Iris Ritzmann Vertrauen als Mittel zur Patientenbindung Historische Blicke auf eine ärztliche Strategie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131


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Inhalt

Kyrill Schwegler und Eli Alon Vertrauen in der Arzt-Patienten-Beziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Josette Baer Vertrauen ist nichts, Macht ist alles Gustáv Husák – Versuch eines politischen Psychogramms . . . . . . . . 161 Peter Seele und Chr. Lucas Zapf Berechnendes Vertrauen in den blinden Glauben an den Markt Eine Medienanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 André C. Wohlgemuth Vertrauensverlust in der Wirtschaft?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230


Vorwort Vertrauen ist gut. Denn es ist die Grundbedingung menschlichen Zusammenlebens – in persönlichen, sozialen, beruflichen und geschäftlichen Beziehungen. Freundschaft und Familie, Gesellschaft und Staat, Politik, Handel und Wirtschaft sind essentiell auf Vertrauen angewiesen. Dagegen glaubt die Spruchweisheit aus schlechter Erfahrung enttäuschten Vertrauens zu wissen, dass Kontrolle, also Misstrauen, besser sei. Ist es wirklich besser, anderen zunächst einmal zu misstrauen und selbst auf Schritt und Tritt kontrolliert zu werden? Der Staat, der die Bürger kontrolliert, ist despotisch; wo Vorgesetzte ihren Mitarbeitenden misstrauen, demotivieren sie sie; und wenn die Ehefrau ihren Mann kontrolliert, ist die Ehe längst zerbrochen. Vertrauen entlastet. Religiöse Menschen vertrauen ihrem Gott. Weil wir nicht alles wissen und nicht alles können, vertrauen wir dem Wissen und Können anderer: Wir vertrauen den Experten – Patienten vertrauen ihren Ärzten, Zugreisende dem Lokomotivführer, Bauherren den Architekten und Handwerkern. Wir vertrauen der Wissenschaft und Technik, wir vertrauen Maschinen und Computern. Am Anfang des vorliegenden Bandes, an dem Fachleute aus Philosophie und Theologie, Literaturwissenschaft, Nationalökonomie und Computerwissenschaft, Human- und Tiermedizin sowie Medizingeschichte mitgewirkt haben, stand eine Vorlesungsreihe an der Universität Zürich. Er knüpft damit – organisatorisch unabhängig – an das an der Universität Zürich zwischen 2009 und 2012 durchgeführte Forschungsprojekt «Vertrauen verstehen. Grundlagen, Formen und Grenzen des Vertrauen» an,1 das – unter theologischer Federführung – ebenfalls interdisziplinär ausgerichtet war. Im Ausgang von einer sprachpragmatisch und -historisch fundierten philosophischen Analyse versucht Wolfgang Rother zu zeigen, dass Vertrauen, verstanden als Wagnis und seinem Wesen nach grundlos und un1

Vgl. http://www.vertrauen-verstehen.uzh.ch/index.html (12.4.2015) und http://p3.snf.ch/project-124534 (12.4.2015)


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Vorwort

gesichert, die Grundbedingung menschlicher Existenz und jeder sozialen Beziehung ist. Dass selbst das Gottvertrauen des an Gott glaubenden Menschen fragil ist, Gottvertrauen also prinzipiell auch immer erschüttertes Vertrauen ist, das nur durch Jesus Christus als Inbegriff unbedingter Vertrauenswürdigkeit und unbedingten Vertrauens restituierbar sei, ist die These von Matthias Neugebauer. Aus einer erkenntnistheoretischen Perspektive fragt Dominique Kuenzle, ob, inwiefern und unter welchen Umständen es vernünftig und gerechtfertigt ist, dem Wissen anderer zu vertrauen, einem Wissen, das wir nicht selbst erworben, sondern «aus zweiter Hand» erhalten haben. Die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit von Narrationen anderer stellt sich insbesondere bei literarischen Darstellungen. Darf man der Dichtung trauen, wenn man sie an ihrem Wahrheitsanspruch misst? Eine Antwort auf diese Frage versucht Ulrike Zeuch in ihrer Lektüre von Herta Müllers Atem­ schaukel. Michael Andermatt liest Gottfried Kellers Grünen Heinrich als literarische Darstellung eines letztlich zum Scheitern verurteilten unerschütterlichen Vertrauenwollens in den Schein der idealistischen Ordnung des Seins. Ausgangspunkt des Beitrags von Clemens H. Cap ist die Frage, ob und in welcher Weise wir den Maschinen, insbesondere den Computern, denen wir viele Aufgaben übertragen, die früher von Menschen bewältigt wurden und die Privatleben, Kommunikation, Beruf und Wissenschaft in nie dagewesener Weise beherrschen, vertrauen können. Der Versuch einer Beantwortung mündet in die kritische Frage, welche Konsequenzen das von uns offenbar der Informationstechnologie entgegengebrachte Vertrauen hat. Im Kontext der sogenannten «anthropologischen Wende» der Geistesund Kulturwissenschaften stellt sich die Frage, ob Vertrauen ein exklusiv menschliches Phänomen ist oder ob andere Lebewesen ebenfalls Vertrauen kennen – eine Frage, der aus der Perspektive veterinärmedizini­scher Forschung und Praxis Michael Hässig nachgeht. Paradigmatisch für das Vertrauen in Expertenwissen ist das Vertrauen in die medizinische Kompetenz der Ärzteschaft. Dass die Arzt-PatientenBeziehung asymmetrisch ist, birgt die Gefahr einer Instrumentalisierung des Vertrauens als Mittel zur Patientenbindung – mit zuweilen fatalen Konsequenzen, wie Iris Ritzmanns Blick vor allem auch in die neuere und


Vorwort

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neuste Medizingeschichte zeigt. Kyrill Schwegler und Eli Alon sehen in einer Aufgabe des Leib-Seele-Dualismus in der medizinischen Praxis eine der grundlegenden Voraussetzungen dafür, dass in jener asymmetrischen Beziehung das Vertrauen entsteht, auf das der Erfolg ärztlicher Therapie angewiesen ist. Eine Illustration der These, dass Kontrolle und mangelndes Vertrauen die Signatur despotischer Herrschaft und eines macht- und kontrollfixierten Persönlichkeitsprofils ist, bietet Josette Baer in ihrem subtilen Psychogramm Gustáv Husáks, des ‘Vaters’ der sogenannten Normalisierung nach dem Prager Frühling, der zu den schillerndsten Politikern des Ostblocks gehört. Den Abschluss des Bandes bilden zwei Studien zur Bedeutung des Vertrauens für wirtschaftliche Prozesse. Peter Seele und Chr. Lucas Zapf zeigen, dass persönliches und institutionelles Vertrauen entscheidende Faktoren für das Funktionieren des Marktes sind, der auf diese Weise den Status eines Subjekts von metaphysischer Dignität erhält. André C. Wohlgemuth hingegen untersucht vor dem Hintergrund des nachweislichen Verlusts von Vertrauen in der Wirtschaft am Beispiel der klassischen Unternehmensberatung, wie sehr eine solche Dienstleistung und generell eine effiziente Wirtschaft auf gegenseitiges Vertrauen der beteiligten Akteure angewiesen sind. Die erwähnte Vorlesungsreihe, aus der der dieser Band hervorgegangen ist, hat Josette Baer im Auftrag der Privatdozierenden, Titularprofessorinnen und Titularprofessoren der Universität Zürich im Herbst 2014 durchgeführt. Der Band selbst, dessen editorische und redaktionelle Bearbeitung Wolfgang Rother besorgt hat, erscheint unabhängig von der Vorlesungsreihe – er enthält nicht alle Vorlesungen, dafür aber zwei Beiträge (Baer und Rother), die nicht Bestandteil der Vorlesung waren. Die Herausgeberin und der Herausgeber danken den Kolleginnen und Kollegen für die fristgerechte Einreichung ihrer Aufsätze und die angenehme Zusammenarbeit. Ihr Dank gilt ebenfalls der Hochschulstiftung der Universität Zürich, dem Zürcher Universitätsverein und dem Verein der Privatdozierenden der Universität Zürich für die Finanzierung des Druckkosten. Zürich, im Juni 2015

Wolfgang Rother und Josette Baer


Vertrauen als Existenzial. Einige vorläufige Notizen

WO L F G A N G R O T H E R

Im Titel ist eine These formuliert, die einen Gedanken Eberhard Jüngels aufgreift.1 Die Explikation der These würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen; entsprechend soll mit dem Untertitel jeglicher Anspruch auf Systematik geschweige denn Vollständigkeit möglicher Aspekte zurückgewiesen und der Projektcharakter der These zum Ausdruck gebracht werden. «Existenzial» wird hier im Sinne Heideggers gebraucht. Existenzialien sind – analog zu und in scharfer Abgrenzung von den Kategorien als «Seinsbestimmungen des nicht daseinsmäßigen Seienden» («Was») – «Seinscharaktere des Daseins» («Wer»),2 unter die das Dasein gefasst und mit deren Hilfe sich dessen Struktur beschreiben, erschließen und frei­legen lässt. In Heideggers Analytik des Daseins wird das Vertrauen allerdings nicht explizit thematisiert. Der Ort einer solchen Thematisierung wäre das in Sein und Zeit nicht in ganzer Tiefe analysierte Mitdasein der anderen.3 Vertrauen – so die erste Präzisierung der These – wäre damit als grund­ legender Begriff einer existentialen Sozialphilosophie zu erweisen, der der aristotelischen politischen Anthropologie des ζῷον πολιτικόν4 zugrundliegt. Das heißt, Mitsein als Dasein in den sozialen Gebilden wie Familie, Gesellschaft und Staat wird erst ermöglicht durch Vertrauen. In-der-Welt-Sein ist somit nicht bloß zu fassen als das Existenzial des singulären Daseins, das heißt eines einzelnen oder auch vereinzelten Daseienden, also nicht nur als das Existenzial, mit dem sich das Verhältnis 1

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Eberhard Jüngel: Gott als Geheimnis der Welt. Zur Begründung der Theologie des Gekreuzigten im Streit zwischen Theismus und Atheismus (Tübingen 82010) 266: «Vertrauen ist ein die Menschlichkeit des Menschen konstituierendes Existential.» Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927) (Tübingen 131976) 44–45. Ebd., 117–125. Aristoteles: Politik, 1253a2–3.


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des Daseins zur Welt beschreiben lässt, sondern auch und zwar fundamental als komplexes Netz von Beziehungen einer Pluralität von Daseien­den, die immer schon interagieren und so die Welt, in der sie sind und damit das In-der-Welt-Sein konstituieren und konstruieren. Die Sorge ist daher nicht nur Selbstsorge, sondern immer schon – unter diesem Begriff bei Heidegger thematisiert – Fürsorge mit ihren defizienten oder indifferenten Seinsmodi, die Heidegger als «Wider-» oder «Ohne-einander-Sein», als «Aneinandervorbeigehen» und als «Einander-nichts-Angehen» bestimmt.5 In diesem Sinne erweist sich das Vertrauen als die Möglichkeitsbedingung von Fürsorge; die genannten defizienten Modi der Fürsorge gründen in fehlendem Vertrauen. Thematisch wird das Vertrauen aber nicht nur in der sozialen Interaktion, sondern – so die zweite Präzisierung der These – im alltäglichen, vortheoretisch-praktischen Umgang mit den Dingen, die uns als Zuhandenes eben nicht als Fremdes und Anderes begegnen, sondern den «Charakter der Nähe» haben, das heißt den «Charakter der unauffälligen Ver­traut­heit».6 Diese Vertrautheit fällt dem besorgenden Dasein deshalb nicht auf, weil ihm das Besorgen noch nicht als solches bewusst ist. Diese ursprüngliche, unmittelbare und unbewusste Vertrautheit mit dem Zuhandenen, die zugleich ein ursprüngliches Vertrauen in die Welt und die Dinge ist, wird erst durch eine akzidentelle praktische Dysfunktionalität des Zuhandenen enttäuscht: Wenn der Hammer sich als unhandlich erweist, weil er dem Hämmernden zum Beispiel «zu schwer» in der Hand liegt, dann wechselt der Hammer als ursprünglich, unmittelbar und unbewusst Zuhandenes in den Modus der Vorhandenheit,7 das heißt, er begegnet in seiner Dysfunktionalität als etwas, dem die ursprüngliche Nähe und Vertrautheit abhandengekommen ist. In den folgenden Notizen – im Sinne einer vorläufigen Sammlung von Gedanken und Aspekten zur Explikation der These – sollen Annäherungen an das Phänomen des Vertrauens versucht werden: Annäherungen aus ganz unterschiedlichen Richtungen, unter unterschiedlichen Perspektiven und auch mit unterschiedlichen Methoden: sprachanalytisch und sprachhisto5 6 7

M. Heidegger: Sein und Zeit, 121. Ebd., 102 u. 104. Ebd., 157–158.


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risch, philosophie- und ideengeschichtlich, aus der Sicht der praktischen und der theoretischen Philosophie, der Psychologie, der Religion und der Spruchweisheit. Zur Bedeutung und Geschichte des Wortes «Vertrauen» Das Verb «vertrauen» wird im Sinne einer Verstärkung des Verbs «trauen» verwendet: «Man traut einem Menschen, wenn man ihm nichts Böses zutraut – man vertraut ihm, wenn man mit Sicherheit Gutes von ihm erwartet».8 Diese Erwartung des Guten ist – als Erwartung – ein Vorgriff in die Zukunft. Sie kann zwar enttäuscht werden, aber wenn wir «mit Sicherheit» Gutes von dem anderen erwarten, überwiegt das Vertrauen in großem Maß die Skepsis und die Furcht, dass unser Vertrauen enttäuscht wird. Solches Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass wir jemandem etwas anvertrauen: ein Geheimnis im Vertrauen auf seine Diskretion, eine Aufgabe oder einen Auftrag – den wir jemandem anvertrauen oder mit dem wir jemanden betrauen – im Vertrauen auf seine Kompetenz, ein Darlehen in der Erwartung, es zu gegebener Zeit zurückzuerhalten. Das Dargeliehene ist das creditum, der Kredit das auf Treu und Glauben Anvertraute. Und wenn wir uns selbst – nicht bloß etwas von uns, sondern uns selbst – jemandem anvertrauen, einem Freund, einem Seelsorger oder Psychiater, tun wir das in der Hoffnung, Erwartung und Zuversicht auf Hilfe. Das Vertrauen, obwohl in der Gegenwart wirksam, geht auf die Zukunft, ist ein Vorlaufen in die Zukunft und mithin vorläufig. Diese Vorläufigkeit des Vertrauens kommt in der Rede vom «Vertrauensvorschuss» zum Ausdruck. Der Vorschuss wird im Wirtschaftsleben für noch nicht Geleistetes entrichtet – im Vertrauen darauf, dass es tatsächlich geleistet wird und damit denjenigen, der den Vorschuss bezieht, in die Pflicht nehmend. In der Vorläufigkeit des Vertrauens liegt zugleich seine Fragilität. Vertrauen kann enttäuscht werden und wird in der Tat enttäuscht. Dies geschieht zum Beispiel, wenn das, was wir jemandem anvertraut haben in der Erwartung, dass er es vertraulich behandelt, verraten wird, wenn er das, was wir ihm zutrauten, nicht zu bewältigen vermag, wenn er das Anvertraute oder Dargeliehene veruntreut. 8

Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch (Leipzig 1854–1960) XXV 1946.


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Die Wörter «Vertrauen», «vertrauen» und «trauen» sind eng verwandt mit «Treue».9 Wer das Vertrauen nicht enttäuscht, ist treu. So erscheint Treue als die angemessene Antwort auf geschenktes Vertrauen. Das deutsche Wort treu lautet im Englischen true, das auch wahr bedeutet. Vertrauen ist trust, Treue ist truth, Wahrheit. Der Gedanke, dass der epistemologische Begriff der Wahrheit existential als Treue übersetzt werden kann, ist bereits dem alttestamentlichen Denken vertraut: ‫ ֱאמֶת‬wird in der Septuaginta sowohl mit πίστις als auch mit ἀλήθεια übersetzt.10 Die – allerdings seltene – Übersetzung von ‫ ֱאמֶת‬mit δικαιοσύνη11 verweist auf den Gedanken, dass der Treue sich gegenüber demjenigen, der ihm Vertrauen geschenkt hat, gerecht verhält. Wer dem Vertrauen, das ihm geschenkt wurde, nicht entspricht, wer einen Vertrauensbruch begeht, ist untreu und ungerecht. Freunde pflegen ein Vertrauensverhältnis zueinander. Vertraulicher Umgang ist Ausdruck von Nähe und Intimität – bis hin zu jenem innigen körperlich-seelischen Verhältnis zwischen Geliebten, deren Liebe auf Verstetigung angelegt ist. Die Geliebten geloben sich Treue. Luther übersetzt μνηστευθείση und ἐμνηστευμένη, die Verlobte, mit «Vertraute» – Maria als die Vertraute Josefs.12 Die Verlobten, i promessi sposi, haben ein gegenseitiges Versprechen abgelegt, im Vertrauen darauf, dass es gehalten wird. Das Versprechen weist die gleiche Struktur des Vorlaufens in die Zukunft auf wie das Vertrauen. Wenn das Versprechen der Verlobten eingelöst wird, verwirklicht oder bewahrheitet sich das Vertrauen – in diesem Sinn bedeutet «vertraut» bei Luther auch «verheiratet».13 Das heute gebräuchliche Wort für «trauen», «sich trauen» bedeutet «heiraten, copulieren» im Sinne des juristischen und religiös-sakramentalen Aspektes – ­ copulare als sacro ritu conjugium inaugurare,14 wobei «kopulieren» zugleich im Sinne des Vollzugs geschlechtlicher Vereinigung der Liebenden gebraucht wird  9

Vgl. ebd., XXI 1326 u. XXII 283. Vgl. Werner Urbanz: Art. «Treue (AT)», in: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet. Alttestamentlicher Teil, hg. von Michaela Bauks, Klaus Koenen, http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/36166/ (10.1.2015). Ebd. Mt 1,18; Lk 1,27 u. 2,5. Vgl. auch J. u. W. Grimm: Deutsches Wörterbuch, XXV 1951 u. 1954–1955. Vgl. ebd., XXV 1955. Vgl. ebd., XXI 1326–1327 u. 1349–1353; II 636.

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und dabei nicht zwingend an den formellen Ehekontrakt gekoppelt, sondern Ausdruck von Intimität und innigstem Vertrauen ist. Der fundamentale und konstruktiv-konstituierende Charakter des Trauens und Vertrauens kommt in der besonders im 16. Jahrhundert gebräuchlichen rhetorischen-metaphorischen Formel «trauen und bauen» zum Ausdruck.15 Wenn wir auf jemanden bauen können, dann haben wir festes Vertrauen zu ihm, wir vertrauen ihm, weil er uns als verlässlich erscheint. Auf jemandes Freundschaft, auf jemandes Liebe können wir bauen. Aber das Vertrauen als Bauen-auf ist nicht nur konstitutiv für das Mitsein, sondern überhaupt das In-der-Welt-Sein: So bauen wir auf die Gültigkeit der Naturgesetze oder auf das Wissen und die Erfahrungen der Menschheit. Eine von der existentialen Vertrautheit abkünftige Bedeutung ist die Vertrautheit mit der Welt, mit Dingen oder Gegebenheiten.16 Solche Vertrautheit ereignet sich zunächst im Modus unmittelbarer Zuhandenheit, und erst, wenn uns das Zuhandene abhandenkommt, wenn wir die vertrauten Dinge, die wir liebgewonnen haben, zurücklassen müssen, wenn die Orte, an denen wir uns heimisch fühlten, verlassen müssen, wird uns die verlorene Vertrautheit als solche bewusst. Zwischen Urvertrauen und systematischem Misstrauen «Es kommt schon gut.» Diese Rede, mit der wir anderen oder auch uns selbst Ermutigung und Trost zusprechen, ist Ausdruck eines arglosen Urvertrauens, das nicht wie das Vertrauen in den anderen im Mitsein fundiert ist, sondern ein grundlegendes – man könnte auch sagen blindes ­– Vertrauen in das Sein und in die Geschichte, das Schicksal oder Gott. Die Arglosigkeit dieser Rede weiß noch nicht von der Spruchweisheit, dass Vertrauen gut, Misstrauen aber besser ist.17 Das Paradigma dieses unmittelbaren und präreflexiven Vertrauens ist das Gottvertrauen, wie es der Psalmist zum Ausdruck bringt: «Befiehl 15 16 17

Vgl. ebd., XXI 1330. Vgl. ebd., XXV1953. Karl Friedrich Wilhelm Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon, IV (Leipzig 1876) 1616.


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dem Herrn deine Wege / und vertraue auf ihn, er wird’s wohlmachen»18 – dieser Vers lieferte die Anfangswörter jenes bekannten Kirchenliedes, das zum Inbegriff evangelischer Vertrauensfrömmigkeit geworden ist.19 Doch der Psalmist besingt nicht nur jenes präreflexive religiöse Urvertrauen, sondern er weiß zugleich auch um die Fragilität und Unberechenbarkeit sozialer und politischer Beziehungen, denen geradezu trotzig das Vertrauen auf Gott gegenübergestellt wird: «Es ist gut, auf den Herrn vertrauen / und nicht auf Menschen. Es ist gut, auf den Herrn vertrauen / und nicht sich verlassen auf Fürsten.»20 So bleibt das Phänomen des Gottvertrauens ambivalent: Zum einen birgt es kritisches Potential gegenüber sozialen Beziehungen und politischen Machtverhältnissen, zum anderen droht es, dieses kritische Potential religiös zu sedieren und zu narkotisieren. Schließlich kennt der Psalmist aber auch das Gottvertrauen als Möglichkeits­bedingung existentieller Freiheit und politischer Befreiung, das heißt Befreiung von den schädlichen Dingen und Mächten, die unsere Selbstwerdung und die Selbstwerdung anderer unterlaufen: «Siehe, das ist der Mann, / der nicht auf Gott sein Vertrauen setzte, sondern verließ sich auf seinen großen Reichtum / und war mächtig, Schaden zu tun.»21 In säkularisierter Gestalt erscheint das Gottvertrauen als Seinsvertrauen. Die Genese dieses Begriffs – geprägt von Otto Friedrich Bollnow in seiner antiexistentialistischen Polemik22 und in universalhermeneutischer Absicht aufgegriffen von Emil Angehrn als erstes Moment des Grundvertrauens und Basis von «Sinnvertrauen» und «Vertrauen in den Menschen»23 – verdankt sich dem Verlust religiöser Heilsgewissheiten und ontologischer Sicherheiten, den die existentialistische Philosophie thematisiert. Wo das Vertrauen in die Ordnung des Kosmos und in die Weltvernunft erschüttert 18 19 20 21 22 23

Ps 37,5, zit. nach der revidierten Luther-Übersetzung, wo ‫ ּוב ְַט֥ת ֜עָלָֹיו‬allerdings mit «hoffe auf ihn» wiedergegeben ist. Paul Gerhardt: Befiehl du deine Wege (1653), in: Gesangbuch der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz (Zürich 1998) Nr. 680. Ps 118,8–9. Ps 52,9. Otto Friedrich Bollnow: Neue Geborgenheit. Das Problem einer Überwindung des Existentialismus (1955) (Stuttgart 21960) 19–20. Emil Angehrn: Grundvertrauen zwischen Metaphysik und Hermeneutik: vom Seinsvertrauen zum Vertrauen in den Menschen, in: Ingolf U. Dalferth, Simon Peng-Keller (Hg.): Grundvertrauen. Hermeneutik eines Grenzphänomens (Leipzig 2013) 181–183.


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ist, wird die Angst zu einer fundamentalen existentiellen Erfahrung und seit Kierkegaard24 nicht nur zum Gegenstand philosophischer Reflexion, sondern auch zu einem Schlüsselbegriff der Psychoanalyse. Wo die Welt und die Menschen sich als unberechenbar erweisen haben, wo das In-derWelt-Sein und das Mitsein – in allen Bedeutungsfacetten des Wortes – unheimlich geworden ist, wird die Angst zu einer «Grundbefindlichkeit» des Daseins.25 Unter den unterschiedlichsten Weisen des Umgangs mit dieser Angst lassen sich drei grundlegende Strategien ausmachen: die Strategie des Seinsvertrauens, die der Negativität als absoluten Misstrauens und die des ungesicherten Vertrauens als Wagnis, für die ich im Schlussabschnitt dieses Aufsatzes plädiere. Wenn Seinsvertrauen als Strategie der Daseinsbewältigung bezeichnet wird, ist damit nicht jenes unmittelbare kindliche Vertrauen gemeint, das psychogenetisch die Signatur des menschlichen Daseins vor jeder Angst­ erfahrung und anthropogenetisch die des prälapsarischen Standes der Unschuld ist. Sondern es ist ein Seinsvertrauen, mit dem die Erfahrung der Angst – und damit auch der Existentialismus – überwunden und eine «neue Geborgenheit», ein «Gefühl dankbarer Seinsgeborgenheit», ein neues Gefühl der Seinsbejahung»26 hergestellt werden soll. Bollnow spricht daher auch von «neuem Seinsvertrauen».27 Während jenes kindliche Vertrauen, das noch nicht enttäuscht worden ist, keine Strategie sein kann, weil es noch gar kein Vertrauensbewusstsein hat, stellt die Strategie des neuen Seinsvertrauens den Versuch der Rückgewinnung des Verlorenen dar. Wenn Versuche, zumal solche in regressiver Absicht, die Gefahr des möglichen Scheiterns ausblenden – ja geradezu ausblenden müssen, da das Scheitern ein grundlegender Gedanke des existenzphilosophischen Gegners ist und da das Seinsvertrauen eben gar nicht damit rechnet, enttäuscht zu werden und zu scheitern –, erweisen sie sich als untauglich für die Daseins- und Lebensbewältigung, da sie der Analytik des Seins und seinen existentiellen Erfahrungen von enttäuschtem Vertrauen ein unbegründetes Seinsvertrauen entgegensetzen. So erscheint die zugleich prä- wie postreligiös ver24 25 26 27

Søren Kierkegaard: Der Begriff Angst (1844), übers. von Gisela Perlet (Stuttgart 1992). Vgl. M. Heidegger: Sein und Zeit, 184–191. O. F. Bollnow: Neue Geborgenheit, 18 u. 26–27. Ebd., 19.


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standene «Seinsgläubigkeit»28 nicht als ein Remedium gegen die existentielle Angst und Verzweiflung, die Kierkegaard als «Krankheit zum Tode» bezeichnet hat,29 sondern als ein Narkotikum, das die Selbstwerdung und damit auch das ungesicherte Wagnis des Vertrauens vereitelt. Auch wenn man Vorbehalte gegenüber dem existentialistischen Versuch haben mag, nach dem «Fortbrechen jedes äußeren Halts» und zurückgeworfen auf sich selbst den letzten Halt im eigenen Selbst zu finden:30 Der Versuch, dem Dasein durch die Heraufbeschwörung eines neuen Seinsvertrauens Halt zu geben, erweist sich als haltlos. Das Alltagsvertrauen darauf, dass die Welt und die Dinge so sind, wie sie sich uns zeigen, wird durch eine Alltagsskepsis in Frage gestellt, die etwa in Redewendungen wie «seinen Augen nicht trauen»31 zum Ausdruck kommt. Seit der hellenistischen Antike begegnet die Philosophie dem Vertrauen auf die menschlichen Erkenntniskräfte mit mehr oder weniger starken Vorbehalten. Die Skepsis, insofern sie die Grundlagen des Erkennens in Frage stellt, kann daher als das eigentliche Geschäft der Philosophie gelten, die auf Suche nach Wahrheit und Gewissheit möglicherweise erfährt, dass jede Gewissheit nur vorläufig ist. Paradigmatisch für das neuzeitliche Streben nach Gewissheit sind die cartesischen Meditatio­ nen, in denen der methodische Zweifel eingesetzt wird, um zu einer Gewissheit zu gelangen, die jedem Zweifel standhält (quod certum sit et in­ concussum), einer Gewissheit, auf die wir – selbst unter Voraussetzung eines betrügerischen Gottes, der uns ständig täuscht – trauen dürfen, ein Fundament, auf das wir bauen können, und das Descartes in der Existenz des denkenden Ich findet.32 Auch Kants Programm einer Kritik der reinen Vernunft ist vom Willen nach Gewissheit und vom Motiv des Vertrauens in die menschliche Vernunft inspiriert. Und Hegels Phänomenologie des Geistes lässt sich ausgehend von den ersten Abschnitten über die sinnliche Gewissheit, die Wahrnehmung und die Täuschung33 als permanente Selbst28 29 30 31 32 33

Ebd., 19–20. S. Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode (1849), übers. von Gisela Perlet (Stuttgart 1997) 13. O. F. Bollnow: Neue Geborgenheit, 16. Vgl. J. u. W. Grimm: Deutsches Wörterbuch, XXI 1340. René Descartes: Meditationen (1641), lat.-dt., hg. von Artur Buchenau, Lüder Gäbe, Hans Günter Zekl (Hamburg 21977) 42–45 (Med. II 1–4). G. W. F. Hegel: Phänomenologie des Geistes (1807), in: Theorie Werkausgabe, III (Frankfurt am Main 1974) 82–107.


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aufklärung des Geistes über seine Täuschungen und Enttäuschungen und damit als Geschichte zunehmenden Vertrauens des Geistes in sich selbst lesen. Aber selbst wenn Descartes dem Cogito, Kant der kriti­schen Vernunft und Hegel dem sich selbst wissenden Geist vertraut, bleibt stets eine grundlegende Unberechenbarkeit des Ich, das – wie Freud angesichts des Trieblebens und der weitgehenden Unbewusstheit seelischer Vorgänge bemerkt – «nicht Herr […] in seinem eigenen Haus» ist.34 Dass Vertrauen sich gewissermaßen äquidistant zwischen der Naivität des blinden Vertrauens in alle und alles und der systematischen Skepsis des Misstrauens verorten muss, hat Niederschlag in der Spruchweisheit gefunden: So töricht und leichtfertig es ist, jedermann zu vertrauen, so «tyrannisch» ist es, niemandem zu vertrauen; die Tyrannen sind «voll argwones und mißglaubens».35 Misstrauen geht einher mit fehlender Vertrauenswürdigkeit des Misstrauischen: «Wer nicht vertraut, dem ist nicht zu trauen».36 Vertrauen erscheint so als Fundament jeglichen sozialen Umgangs und als Bedingung einer republikanischen Staatsverfassung. Aber das Sprichwort weiß zugleich um die Möglichkeit des Scheiterns und mahnt daher zu Skepsis und Vorsicht – «Wer leicht vertraut, wird leicht betrogen» und «Wer nicht vertraut, wird nicht betrogen».37 Die Spruchweisheit kennt auch die Skepsis gegenüber dem sozialen Vertrauen und plädiert für die Exklusivität des Vertrauens, das möglichst wenigen entgegengebracht werden sollte: «Einem trauen, ist genug; / Keinem trauen, ist nicht klug; / Doch ists besser, keinem trauen, / Als auf gar zu viele bauen.»38 Und schließlich mahnt die Spruchweisheit zur Vorsicht: Trau schau wem.39

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Sigmund Freud: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse (1917), in: Gesammelte Werke, XII (Frankfurt am Main 31968) 10. [Sebastian Franck:] Sprichwörter / Schöne / Weise Klugreden (Franckfurt 1548) 78a. K. F. W. Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon, IV 1616. Ebd. Friedrich von Logau: Sinngedichte, hg. von Carl Wilhelm Ramler und Gottlob Ephraim Lessing (Leipzig 1759) 10. Vgl. z.B. [S. Franck:] Sprichwörter, 166b.


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Wolfgang Rother

Vertrauen als Wagnis Vertrauen setzt nicht zwingend das faktische Mitdasein eines anderen vor­ aus, sondern nur die Struktur dieser Beziehung. Fundamental für die Konstitution des Selbstbewusstseins ist das Selbstvertrauen, das eine furchtlose, auf Selbsterkenntnis zielenden Analyse seiner selbst voraussetzt, in der das Ich sich selbst durchsichtig wird,40 und das gewonnen wird durch die Überwindung der Skepsis gegenüber sich selbst, der Selbstzweifel und der Verzweiflung. Das Selbstvertrauen befähigt uns, uns selbst etwas zuzutrauen, auf unsere Kräfte zu vertrauen und uns zu getrauen, über uns hinaus zu gehen. Und Selbstvertrauen schenkt uns schließlich den Mut, uns auf das Wagnis einzulassen, anderen Vertrauen zu schenken, und es gibt uns die Kraft, die Enttäuschung und den Schmerz auszuhalten, wenn unser Vertrauen missbraucht wurde. Darauf, dass dem Vertrauen «ein Moment des Wagnisses» eigen ist, hat Rudolf Schottlaender in seiner Unterscheidung von «sich verlassen auf» und «vertrauen auf» hingewiesen.41 Der Horizont des Verlasses ist das Naturgesetz, die Kausalität, der Automatismus. Ich vertraue nicht darauf, dass diese Ursache, jene Wirkung zeitigt, sondern ich kann mich darauf verlassen. In Kontexten freier Subjektivität und Spontaneität kann ich mich nicht auf einen anderen Menschen, ja nicht einmal auf mich selbst verlassen. Ich muss mir und den anderen vertrauen, und selbst wenn mein Vertrauen absolut ist, bleibt ein Rest von Unsicherheit, der jedes Vertrauen zu einem Wagnis macht. Dass Vertrauen ein Wagnis ist, der ontologische Zusammenhang von Vertrauen und Wagnis, kommt sprachlich in der Synonymität der Verben «sich trauen» oder «sich getrauen, etwas zu tun» und «etwas wagen» zum Ausdruck.42 Emil Angehrn greift in seiner Analyse sowohl das Moment des Seinsvertrauens (Bollnow) auf, das für ihn den Ausgangspunkt zum Vertrauen in den anderen bildet, als auch das Moment des Wagnisses (Schottlaen­der): Vertrauen ist einerseits «grundlegend für unser Leben» und anderer­seits 40 41 42

Vgl. S. Kierkegaard: Entweder – Oder (1843), übers. von Heinrich Fauteck (München 7 2003) 819 u. 825. Rudolf Schottlaender: Zur ethischen Theorie des Vertrauens, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 9 (1955) 352. Vgl. J. u. W. Grimm: Deutsches Wörterbuch, V 4442–4443; XXI 1327 u. 1342–1346.


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