Harald Seuberts Fragestellung ist grundsätzlich orientiert: Kann die
1998 über Heidegger und Nietzsche und habilitierte
Philosophie dem in ihrem Selbstverständnis angelegten hohen An-
sich 2003 mit einer Arbeit über Platons Rechtslehre. Von 1998 bis 2004 Assistent und von 2003 bis 2009
spruch heute noch gerecht werden? Was bedeutet Philosophie in einer
Privatdozent an der Martin-Luther-Universität Halle-
Zeit, in der sich ihre Subdisziplinen mitunter bis zur Gesprächslosigkeit
Wittenberg, war er von 2006 bis 2012 Gastprofessor
voneinander getrennt haben? Was kann Philosophie angesichts der
an der Adam-Mickiewicz-Universität Poznan. Seit
beeindruckenden Ergebnisse der Einzelwissenschaften und ange-
2012 ist er Professor für Philosophie und Religions-
sichts ihrer eigenen disziplinären Spezialisierung heute überhaupt
schen Hochschule Basel.
noch leisten? Es bleibt – so die These Harald Seuberts – ihre Aufgabe, hinter die Methoden einzelner Wissenschaften und die Fixierungen von Welterklärungen zurückzufragen. Dies kann sie nur, wo sie Systematik und ideengeschichtliche Orientierung zu verbinden und auf aktuelle Fragen wie ihr Verhältnis zur Kunst, zur Natur und Technik und zur Vielfalt der Kulturen zu antworten vermag. Harald Seubert wendet sich vehement gegen ein technokratisch-abstraktes Philosophieverständnis und plädiert für eine Philosophie, die vor den grossen Fragen nach Wahrheit, Freiheit und Sinn nicht zurückschreckt.
Der Anspruch der Ersten Philosophie, die auf einer Linie von Aristoteles bis Husserl als Grundwissenschaft verstanden wird, ist in Zeiten des Pluralismus von Wissensformen nicht leicht aufrechtzuerhalten.
Harald Seubert
Sie wird eher vermittelnd, begleitend, zwischen den Disziplinen wirksam werden. Unerlässlich wird es aber sein, dass sie sich selbst traut und der Geltung
Philosophie Was sie ist und sein kann
der eigenen Gedanken und der Kraft des stärkeren Argumentes folgt. Deshalb können Äusserungen wie: «Man kann heute nicht mehr …» nicht hin reichend sein, um eine Argumentationsweise obsolet zu machen. Dies hat exemplarisch Adornos Wort von der «Solidarität mit der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes» gezeigt. Adorno hat das Vermächtnis des grossen Gesprächs zwischen den Lebenden und den Toten sehr treffend in Worte gefasst: «Was einmal gedacht ward, kann unterdrückt, vergessen werden, verwehen. Aber es lässt sich nicht ausreden, dass etwas davon überlebt. Denn Denken hat das Moment des Allgemeinen an sich. Was triftig gedacht wurde, muss woanders, von anderen gedacht werden: dies Vertrauen begleitet noch den einsamsten und ohnmächtigsten Gedanken […]. Die
Harald Seubert
wissenschaft an der Staatsunabhängigen Theologi-
Philosophie – Was sie ist und sein kann
Harald Seubert, geb. 1967 in Nürnberg, promovierte
universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen. Glück ist er, noch wo er das Unglück bestimmt: indem er es ausspricht. Damit allein reicht Glück ins universale Unglück hinein. Wer es sich nicht verkümmern lässt, der hat nicht resigniert.» Man kann sich fragen, warum das ziemlich unfehlbar so ist, und warum darin wohl der Sog liegt, der heute wie je in die Philosophie zieht. Jean-Jacques Rousseau, einer der grossen Freiheitslehrer der Philosophie, hätte wohl zur Antwort gegeben: Es ist so, weil jeder Gedanke seinerseits wieder zu denken gibt.
I S B N 978-3-7965-3435-5
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
9
783796 534355
Harald Seubert
HARALD SEUBERT
PHILOSOPHIE WAS SIE IST UND SEIN KANN
SCHWABE VERLAG BASEL
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung im Rahmen des Pilotprojekts OAPEN-CH
Copyright © 2015 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Angela Zoller, Schwabe Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3435-5 ISBN E-Book (PDF) 978-3-7965-3436-2 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Meinem lieben Sohn Mathias, damit er sieht, wie die Philosophiker denken; was sie denken, erzähle ich ein anderes Mal.
Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Erster Teil Stasis – Architekturen und Strukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 I. Präludium – Rechne mit deinen Beständen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 1. Rückblick auf den philosophischen Diskurs der Moderne .. . . . 22 2. S trömungen der Philosophie im 20. Jahrhundert und warum man sie heute so wenig sieht . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 3. Fehlorientierungen und ob man sie korrigieren kann . . . . . . . . 31 4. Exkurs ins Zentrum: Analytische oder Systematische Philosophie . . . . . . . . . . . . . . 37 5. R evisionen. Einige Vorschläge zur Güte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 6. I nterkulturalität. Eine Voranzeige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 7. P hilosophie: Eine Zwischenexistenz wie Eros . . . . . . . . . . . . . . 48 II. Philosophische Fragen – Kinderfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 III. Grundbegriffe I Wahrheit, oder das Feld der theoretischen Vernunft . . . . . . . . . . . 67 1. Wahrheitstheorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 2. W ahrheit und Wirklichkeit: Engführungen der Wahrheitstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 3. I n die Weite? Klassische Wahrheitskonzeptionen . . . . . . . . . . . 77 IV. Philosophische Disziplinen der theoretischen Vernunft .. . . . . . . . 85 1. L ogik und Semantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 2. Erkenntnistheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
8
Inhalt
3. Philosophie des Geistes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 4. Metaphysik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 V. Grundbegriffe II Freiheit und die Bauform der Praktischen Philosophie . . . . . . . . 125 1. P ositionen der Freiheit .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 2. E thische Strukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 3. D er Zusammenhang von Wahrheit und Freiheit . . . . . . . . . . . 139 4. Das Unbegreifliche begreifen. Theoretische Perspektiven auf die unlösbare Freiheitsproblematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 5. Die Architektur der Praktischen Philosophie, oder: Der Zusammenhang von Politischer Philosophie und Ethik . . . 157 6. D as Problem der Angewandten Ethiken . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 VI. Philosophische Nebendisziplinen – ʻMarges de la philosophieʼ oder Stellvertreter? . . . . . . . . . . . . . 177 1. K unstphilosophie – Ästhetik .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 2. R eligionsphilosophie: Die Frage nach dem Absoluten . . . . . . 187 3. N ach der Krise der Metaphysik: Sprachphilosophie und Anthropologie .. . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 4. Naturphilosophie .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 5. Geschichtsphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
Zweiter Teil Kinesis – Denkformen und -stile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 I. Denkformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 1. Common Sense . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 2. M ethodika I: Dialektik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 3. Skrupel: Die Systemform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238 4. Methodika II: Transzendentale Begründungen, Dekonstruktion, Destruktion und die Malaise philosophischer Beispiele .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 5. Hermeneutik, Phänomenologie, Dekonstruktion . . . . . . . . . . . 248
Inhalt
9
II. Philosophie und ihre Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 1. Geschichtsverläufe und die situationsinvariante Wahrheit .. . . 251 2. Interpretation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 III. Und wer ist der Philosoph? Überlegungen zu einer alteuropäischen Lebensform und ihrer fraglichen Gegenwärtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 IV. Gedanken dichten? Über Philosophie und Literatur . . . . . . . . . . 273 1. Von der Bedeutung des Darstellens für das Denken . . . . . . . . 273 2. I nversionen: Warum Literatur die Reflexion braucht . . . . . . . 283 3. O szillationen: Zwischen Denken und Darstellen .. . . . . . . . . . 286 V. Philosophie und Öffentlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291 VI. Interkulturalität. Eine Revolution der Philosophia perennis . . . . 295 1. P arameter interkultureller Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 2. K risis des Kulturbegriffs und der Interkulturalität . . . . . . . . . 302 3. Ähnlichkeit als Methodik von Interkulturalität . . . . . . . . . . . . 313 VII. Zukunft der Philosophie .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 Personenregister .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335
Vorwort Ich liebe sie – doch ist die Philosophie gegenwärtig in keiner guten Verfassung. Deshalb geht auch meine Liebeserklärung auf krummen Wegen. Ich möchte darauf hinweisen, wie lohnend es ist, das Augenmerk auf sie zu richten. Doch gleichzeitig ist einiges an Schutt wegzuräumen: Ismen, dogmatische Rechthaberei, Identifikation von Personen und Schulen mit der Sache der Philosophie selbst. Selbstdenken und Autonomie sollte schon für den Adepten und Anfänger die Sache der Philosophie ausmachen. Sonst ist die Mühe vergebens. Die meisten marktgängigen Einleitungen in die Philosophie begnügen sich damit, in ein bestimmtes Verständnis des Faches einzuleiten. Dieses Buch positioniert sich bewusst im Sinne eines Plädoyers für die Vielstimmigkeit des Denkens. Ausgangsdiagnose dieses Buches ist es, dass eine Philosophie, die mit den Fragen der philosophia perennis und ihren Autoren in lebendigem Austausch steht, heute, zumal im deutschsprachigen Raum, in eine Außenseiterposition gerückt zu werden droht. Andernorts, etwa in den USA, besteht dieses Verständnis von Philosophie in Zwischenräumen weiter: oft an kleineren, etwas weniger renommierten Hochschulen. In Frankreich bleibt das Gespräch auch mit Traditionen jenseits des Mainstreams eine Folie, zu der neben den Entwicklungen der Phänomenologie auch der Dekonstruktivismus beigetragen hat, als ein Lesen und Verstehen gegen den Strom. Diese Loslösung von den großen Traditionsströmen des Denkens, ist keineswegs nur als Transformation zu verstehen. Er ist eine regelrechte captatio mentis, die als solche im institutionalisierten akademischen Betrieb zumeist übergangen und übersehen wird. Vor diesem Hintergrund konfrontiere ich gewesene, vor dem Vergessen zu bewahrende Denkformen mit der gegenwärtigen Tektonik und den fast unhinterfragten Selbstverständlichkeiten des Faches, ohne freilich die großen Verdienste der sogenannten Analytischen Philosophie hinsichtlich Klarheit und Sauberkeit der Argumentation zu verkennen. Auf den ersten Blick mag dieses Anliegen konservativ erscheinen. Ich würde lieber von einem erinnernden, anamnestischen Gedanken sprechen.
12
Vorwort
Denn ich bin überzeugt, dass die Erinnerung auch entscheidende Voraussetzung dafür ist, dass auf dem Weg philosophischen Denkens in einer hochkomplexen, technomorphen und nur interkulturell überhaupt zu verstehenden Welt Einsichten ins Offene und Neue gewonnen werden können. Nur wenn sie das gesamte Spektrum ihrer Melodien wiedergewinnt, wird Philosophie auch künftig interessieren. Und nur so wird sie auch ihr kritisches Potenzial entfalten können. Philosophie wie eine Laborwissenschaft im Rahmen von Einzelwissenschaften oder unter der Ägide einer Einzelwissenschaft zu behandeln, ohne dass ihr Eigenständigkeits- und Begründungsanspruch hinreichend zur Geltung gebracht wird, mag eine Reaktion auf unser szientistisches Zeitalter sein. Mit dem Proprium der Philosophie hat es aber wenig zu tun. Ihre Denkstile, deren jeweilige Rationalität und blinde Flecken, sollte jeder kennen, der in ihr mitsprechen möchte. Nicht die größtmögliche Selbstbegrenzung, die man als Präzision verstehen mag, sondern Erfahrungs- und Kenntnisweite sowie Begriffsschärfe zeichnen den Philosophen aus, jedenfalls den idealtypischen, dem ich hier das Wort reden möchte. Nicht von weißen Kaninchen und anderen Possierlichkeiten für Gedankenexperimente soll daher hier die Rede sein, sondern von den Labyrinthen, in die sich die weitreichende Frage nach dem Einen und Ganzen seit Sokrates und Platon verstrickt hat. Wer in sie eindringt, wird belohnt werden. Er wird zu höherer Sinnklarheit gelangen. Zu versprechen, Fragen und Aporien würden verschwinden, wenn die Analyse einen hinreichenden Grad an Feinheit und Differenziertheit erreicht hat, ist Scharlatanerie. Mein Buch ist Positionsbestimmung, Protreptik und zugleich Polemik: eine nicht unproblematische Gattungsmischung. Was Philosophie sein kann und sollte: darauf möchte ich die Leserinnen und Leser hinweisen, die jenseits der Zeitgeist-Heerstraßen nach Orientierung im Dschungel der Ansätze und Denkformen suchen. Ich mache es ihnen dabei nicht wesentlich leichter, als es der Sache nach sein kann. Hegel hat zu Recht in seiner Vorrede zur Phänomenologie des Geistes, bis heute neben den Platonischen Dialogen einer der eminentesten Texte zur Einführung in die Philosophie, darauf hingewiesen, dass erst das Ganze auch das Wahre sei. Hegel meint damit, man müsse die Wege, Begründungen und vor allem Irrtümer der Philosophie durchlaufen haben, um zu einer klaren
Vorwort
13
und übersichtlichen Darstellung über ihr Wesen zu kommen.1 Eine Hinführung kann es dann im Hegelʼschen Sinne eigentlich nicht geben. Man muss ins Wasser springen, um schwimmen zu lernen. Ein philosophisches System entwickle ich in diesem Buch nicht – und ich setze auch keines voraus, ebenso wenig eine Schulmeinung. Meine Positionen werden aber sichtbar und ebenso meine Leidenschaften und Vorbehalte. Doch versuche ich nicht, in ʻmeineʼ Philosophie, sondern in die Vielschichtigkeit von Philosophie und Philosophieren einzuführen. Ich verzichte darauf, die von mir getroffene Auswahl von Autoren und Themen vorab zu begründen und erhoffe mir, dass sich dieser Kanon als plausibel erweist. Die hier getroffene Auswahl versteht sich indes nicht als ausschließlich. Dass es ohne Selbstpositionierung nicht geht, ist Teil des Selbstverständnisses, dem ich folge. Daraus ergibt sich in vorsichtigen Einkreisungen auch die Anzeige eines eigenen philosophischen Ortes. Dieser Ansatz zielt nicht zuletzt auf einen Philosophiebegriff, der sich ständig erneuert, aber gleichwohl in einer Kontinuität zur Philo sophiegeschichte der letzten zweitausend Jahre steht. Ich teile keineswegs die Auffassung, dass die Philosophie an ihrem Ende sei, dass alles schon gedacht sei oder, dass die drängenden Fragen der Gegenwart sich der Philosophie und dem Philosophieren entziehen würden. Natürlich kann eine offensichtliche Marginalisierung der Philosophie heute nicht bestritten werden. Philosophen sind heute nicht mehr wie Leibniz oder in seiner Weise noch Hegel dazu in der Lage, das Wissen ihrer Zeit enzyklopädisch zu umfassen. Sie müssen in die Schule von Einzel- und Humanwissenschaften gehen. Doch sie sollten sich ihnen nicht angleichen. Sie sollten exterritorial bleiben, von Grund auf fragend und der Selbstaufklärung verpflichtet. Mir geht es auch um die Faszination und zugleich das Abschreckende philosophischen Denkens. Wenn man sich darauf einlässt – dies sei in allem «Pathos der Distanz» gesagt –, dann findet man zur Möglichkeit, sich selbst denkend zu überschreiten. Die Philosophie ist, auch wo sie Trost geben und Sinndimensionen erschließen mag, ernüchternd. Sie erfordert immer neue Versuche, ein neues Misstrauen gegen gefundene 1
Vgl. G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III, Theorie- Werkausgabe Band 20. Frankfurt/Main 1970, S. 468ff.
14
Vorwort
ösungen. In ihr dokumentieren sich, auch in den größten ihrer Vertreter L – und vielleicht gerade in ihnen –, die Verzweiflung und das Scheitern. Vollendete Form und gelungene Werke wird man in der Philosophie viel weniger finden als in der Kunst. Stattdessen bleibt sie oftmals Stück- und Flickwerk. Ihr Trost ist offen und er lässt frei. Dies unterscheidet ihn von dem der Religionen. Immer wieder haben mich Studentinnen und Studenten herausgefordert, diese weitere Sicht der Philosophie zu thematisieren. Ich wollte eigentlich mein Verständnis von Philosophie und Philosophieren in meinen Lehrveranstaltungen und Schriften demonstrieren und daraus nicht selbst eine Philosophie machen. Die Jüngeren sind schuld daran, dass es doch geschah. Pars pro toto, aber sehr spezifisch, nenne ich Jasmin Siebert, M.A. Sie hat den wesentlichen Impuls gegeben, der am Ende nötig war, um dieses Buch zu schreiben. Ich danke ihr. Einige Freunde haben die Arbeit an dem Manuskript bestärkt und durch ihr Interesse unterstützt. Ich hebe besonders PD Dr. Hamid Reza Yousefi und Dr. Werner Neuer hervor. Dem Schwabe Verlag Basel, insbesondere Andrea Elmer und Prof. Dr. Wolfgang Rother danke ich sehr für die Aufgeschlossenheit gegenüber dem Buchprojekt, Angela Zoller für das Lektorat. Es ist mir eine Ehre, in diesem traditionsreichen und zugleich sich immer wieder erneuernden Verlagshaus zu erscheinen. Ein Letztes: Dieses Buch richtet sich an Denkende, ja an Selbstdenker und an solche, die eine Ahnung davon haben, dass das Selbstdenken so einfach nicht ist und unter bestimmten Voraussetzungen steht. Es richtet sich an mündige Leserinnern und Leser, die eine gewisse Anstrengung auf sich zu nehmen bereit sind. Daher verzichte ich, auch gegen das Übliche, weitgehend auf didaktische Korsette und bewege mich auch auf unwegsamem Denkgelände. Basel, München, im April 2015
Erster Teil
Stasis – Architekturen und Strukturen Zunächst sollen die verschiedenen tektonischen Platten der Philosophie in ihrem Ruhezustand überblickt werden. Dabei wird ein Kanon von Fragen und Autoren, an denen man nicht vorbeikommt, in den Fokus rücken, und es wird deutlich werden, dass die alten Texte nicht nur ideengeschichtlich von Interesse sind, sondern auch das eigene Nachdenken schärfen, befeuern und korrigieren. ʻStasisʼ bedeutet freilich im Griechischen auch ʻAufstandʼ. Auch diese Begriffsbedeutung spielt hier eine Rolle: Die verschiedenen Autoritäten liegen in einem Streit, der wohl nur zu lösen ist, wenn das Denken neu in Bewegung gebracht wird. Nach einem Präludium, das die gegenwärtige Lage der Philosophie resümiert, wenden wir uns zunächst zwei Topoi zu, die als zentrale Säulen des Philosophierens begriffen werden können: dem Wahrheitsund dem Freiheitsbegriff. Ersterer ist für die Theoretische Philosophie, die Erkenntnis um der Erkenntnis willen, letzterer für die Praktische Philosophie unverzichtbar. Klassische Knotenpunkte und systematische Strukturen der Frage nach Wahrheit und Freiheit werden dabei konfrontiert, um den – keineswegs selbstverständlichen – Zuschnitt der philosophischen Disziplinen klarer fassen zu können. Der erste Teil schließt daher mit einem Blick auf philosophische ʻNebendisziplinenʼ: Kunst-, Religions- und Naturphilosophie erwecken zumindest aus heutiger Sicht den Anschein, nur Nebenschauplätze zu sein. Was aber, wenn g erade diese ʻMarginalienʼ ins Zentrum philosophischen Denkens führten? Die jüngere Philosophiegeschichte zeigt, dass gerade solche Disziplinen besonderes Gewicht erlangen und als Kandidaten einer künftigen Ersten Philosophie gehandelt werden können. Dies ist etwa bei der Anthropologie und der Sprachphilosophie geschehen. Ihre Aufgabe ist es, die black boxes der Philosophie sichtbar zu machen, indem sie beispielsweise – wie in der Sprachphilosophie – die Medialität reflektieren, in der sich Philosophie immer schon bewegt; oder – im Fall der Anthropologie – indem sie mit in Rechnung stellen, dass auch auf Ob-
16
Erster Teil: Stasis – Architekturen und Strukturen
jektivität und Transzendenz gegründete Gedanken von endlichen und leibhaften Menschen ausgehen. Im Fall der Naturphilosophie werden die allgemeinen ontologischen Strukturen konkretisiert und es wird das Verhältnis von Lebendigkeit und Natur reflektiert. Die philosophische Reflexion über Religion macht schließlich deutlich, wie konkrete kultische Praxis und die Transzendenz, beziehungsweise das Göttliche, sich zu einander verhalten.
I. Präludium – R echne mit deinen Beständen Irritiert reagierte seinerzeit der Philosoph Hans Jonas, Heidegger- und Bultmannschüler, promoviert mit einer epochalen Studie über die Gnosis, als er im amerikanischen Exil hörte, um ihn anzustellen, würde man eine neuartige Disziplin brauchen, die sich mit Möglichkeiten und Grenzen von Wissenschaft befasse, mit Kunst und Religion, mit Sein, Welt und Gott. Philosophie im Verständnis seiner Kollegen sei das nicht. Darunter verstand man logisch semantische Detailarbeit, die solche Fragen gar nicht als wissenschaftliche Fragen gelten ließ.1 Times are changing: Heute wäre ein Philosoph aus Deutschland über diese Situation wohl nicht weiter verwundert. Er fände sie auch nicht, wie einst Jonas, skandalös, sondern in Ordnung. Eine vergleichbare Szene: Die renommierte Philosophin und Ideen historikerin Susan Neiman, der wir ein funkelndes Buch über das Böse verdanken, hat dezidiert darauf hingewiesen, es gelte, in der Philosophie wieder die großen, existenziellen Fragen zum Leuchten zu bringen.2 Selbstverständlich ist dieses Ansinnen heute nicht. Solche Fragestellungen ziehen eher den Verdacht auf sich, nicht mehr in die Philosophie zu gehören, sofern diese Wissenschaft ist und zu Präzision und kleinschrittigen Begründungen verpflichtet. Die veränderte Selbstauffassung hat Folgen für die Außen- und Selbstwahrnehmung der Philosophie. Es ergeben sich daraus Defizite: etwa in Fragen von allgemeinem Interesse, die dem Weltbegriff der Philosophie zugehören, dem Bereich also, der nach Kant notwendig jedermann interessiert3 − hier bleibt die akademische Philosophie der Gegenwart oft sprachlos. Geht es doch dabei nicht mehr um Probleme 1 2 3
H. Jonas, Erinnerungen. Nach Gesprächen mit Rachel Salamander. Frankfurt/Main und Leipzig 2003, S. 243ff. S. Neiman, Das Böse denken. Eine andere Geschichte der Philosophie. Frankfurt/Main 2004, S. 11ff. I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 633.
18
Erster Teil: Stasis – Architekturen und Strukturen
eines feinmaschigen szientifischen Zuschnitts, sondern um Fragen nach Gott und der Welt. Der Bedarf an Philosophie im Sinn jenes Weltbegriffs ist offensichtlich. Zu den Grundproblemen der Bioethik werden in Tages- und Wochen zeitungen genuin philosophische Argumente ausgetauscht. Das alte Pro blem, ob wir frei sind oder nicht, hat die Neurowissenschaft neu in den Wissenschaftsdiskurs gebracht. Sie hat es weniger gelöst als aufzulösen versucht, was ihr gutes Recht ist. Freiheit ist tatsächlich eine existenzielle Herausforderung. Dies zeigt sich im täglichen Leben; und das «Handwerk der Freiheit» ist eine Frage der Lebenskunst.4 Bedeutet philosophische Professionalität, über die existenziellen Lebensfragen zu schweigen? Und Philosophie und Öffentlichkeit? Gibt es heute eine Popularphilosophie, wie sie das Aufklärungszeitalter kannte?5 Bräuchte es sie nicht? Akademisch arrivierte Philosophen klagen stattdessen, dass ihre Relevanz von einer breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen würde. Dieses Lamento wird am Rand von Kongressen mehr oder minder unisono angestimmt. Selten wird von Philosophen die Rolle des öffentlichen Intellektuellen angenommen. Zumal in Deutschland hat dies weder Tradition noch sichert es gemeinhin Renommee. Karl Jaspers und Jürgen Habermas sind bemerkenswerte Ausnahmen. Offensichtlich klafft zwischen öffentlicher und akademischer Philosophie ein Widerspruch. Dies mag nicht ganz vermeidbar sein; wenn der Hiatus aber zu breit wird, ergibt sich eine unbefriedigende Situation. Auf der einen Seite findet man die immer enger fokussierten Argumentationsanalysen und systematisch oder historisch eingegrenzten Subtilitäten, auf der anderen Seite multimediale Inszenierungen von Autoren wie Richard David Precht oder Slavoj Žižek. Wenn Rationalität auf einen immer engeren Fragenkreis eingegrenzt wird und wenn man einen Schulbegriff der Philosophie verabsolutiert, so überlässt man einen immer größeren Bereich der Lebenswelt der Irratio4
5
P. Bieri, Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens. München 2003. Hier ist auch daran zu erinnern, dass Bieri unter dem Pseudonym Pascal Mercier ein vielgelesenes und prominent gewordenes literarisches Werk vorgelegt hat. Dass sich Grundthemen der Anthropologie in Literatur und Film unter Umständen prägnanter darstellen lassen als in der philosophischen Begrifflichkeit, zeigt sich auch hier. Vgl. dazu die Monographie Chr. Böhr, Philosophie für die Welt. Die Popularphilosophie der deutschen Spätaufklärung im Zeitalter Kants. Stuttgart, Bad Cannstatt 2003.
Präludium – Rechne mit deinen Beständen
19
nalität. Ich erinnere an Goyas Bild: «Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor.»6 Muss diese Misere verwundern? Der Tod der Philosophie wurde im ausgehenden 20. Jahrhundert zu oft erklärt – von unterschiedlichen In stanzen: von Marxisten, die den Übergang von erklärenden Theorien in die unmittelbar verändernde Praxis im Sinn der XI. Feuerbachthese forderten. Man habe die Welt lange genug erklärt, nun komme es darauf an, sie zu verändern. Oder von Postmodernen, die die philosophischen Begründungs- und Ernüchterungsansprüche nicht länger erdulden wollten. Hinzu kam die eschatologische Variante von Nietzsche und Heidegger: Die Metaphysik sei in einen Nihilismus der planetarischen Technik und in das große «Gestell» ausgelaufen. Die Möglichkeiten der Philosophie seien daher ans Ende gekommen.7 Nietzsche lehrte ebenso, dass bei Göttern der Tod immer ein Vorurteil sei.8 Gilt also auch für die Philosophie, dass Totgesagte länger leben? Die Gründe, die für das vermeintliche Ende bzw. den Tod der Philosophie angeführt werden, sind heterogen: Für Hegel war die Philosophie abgeschlossen, weil er meinte, mit seinem System einen unüberbietbaren Höhepunkt erreicht zu haben. Nietzsche oder Heidegger meinten eher, dass die Philosophie an ihr Ende gekommen sei, weil sie die Ressourcen des anfänglichen Denkens aufgebraucht habe. Arnold Gehlen sprach von den «kulturellen Kristallisationen», in denen alles schon dagewesen sei und nur noch die Kombinatorik von Gedanken bleibe; eine offenkundig weitreichende Behauptung.9 Dabei hatte die inflationäre Rede vom ʻTod der Philosophieʼ fast komische Seiten: Fachvertreter, zumeist Ordinarien, lebten Jahrzehnte lang gut davon, dass sie philosophierend dieses Ende beschworen und sich selbst zu bescheidenen Nachlassverwaltern oder zu Kapitänen für den Umbau des Schiffs stilisierten. 6 7 8 9
Vgl. dazu Helmut C. Jacobs, Der Schlaf der Vernunft. Goyas Capricho 43 in Bildkunst, Literatur und Musik. Basel 2006. M. Heidegger, Zur Sache des Denkens. Tübingen 1969, S. 91ff. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Vierter Teil, Kritische Studienausgabe Band 4. München 1980, S. 321ff. («Außer Dienst»), vgl. auch ibid., S. 390ff. («Das Eselsfest»). A. Gehlen, Über kulturelle Kristallisation, in: W. Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Weinheim 1988, S. 133ff.
20
Erster Teil: Stasis – Architekturen und Strukturen
Dennoch ist dieser Befund nicht grundlos formuliert worden. Die Dominanz von einzelnen Leitwissenschaften, der Biologie und Evolutionstheorie seit dem späten 19. Jahrhundert, der modernen Physik und den Biowissenschaften heute, haben das philosophische Wissensgebäude tiefgreifend verändert. Der Anspruch, eine Einheitsdisziplin zu bilden, wie es die großen philosophischen Systeme wollten, schien unter diesen Voraussetzungen obsolet. In akademischen Milieus ist mittlerweile das Spiel beliebt, von Denkansätzen und Konzeptionen der philosophischen Überlieferung zu sagen, sie seien keine Philosophie mehr. Dies unterscheidet sich nicht wesentlich vom Procedere in der Kunstkritik. Da sagt der als Kenner verkleidete Spießer auch, das sei doch wohl keine Kunst mehr. Doch kann man sich, anders als in der Kunst, in der Philosophie nicht auf das Geschmacksurteil zurückziehen: Was Philosophie ist und was nicht, liegt nicht im Auge des Betrachters. Dies würde die Begründungspflichten, die man mit dieser Disziplin exemplarisch verbindet, doch allzu sehr unterbieten. Wenn man Denkansätzen abspricht, Philosophie zu sein, dann entlastet man den Kanon und erfreut manche Studenten. Man sollte dafür aber, meine ich, sehr gute Gründe haben. In jedem Fall müsste man seinen eigenen Philosophiebegriff offenlegen. Dieser darf nicht allein dem Kriterium der Theorieschlankheit oder gar der pragmatischen Minimalannahmen folgen. Er muss sich vielmehr danach richten, wie ein Denken komplexe Problemlagen erfassen und auf sie antworten kann. Bei der gängigen Geste des Ausschlusses gibt es nun härtere und weichere Optionen, die zeigen, dass man sich im Meinungs-Agon schon durchgesetzt hat. Herbert Marcuse sprach nicht zu Unrecht im ideologiekritischen Zusammenhang von «repressiver Toleranz».10 Die universitäre Philosophie lässt das, was ʻtraditionelleʼ oder ʻkontinentale Philosophieʼ heißt, zu; delegiert diese Strömungen aber entweder an die Abteilungen «Art and Literature», bzw. «History of Ideas» oder institutionell an Lehrbeauftragte und Tutoren. Das Ausschlussverdikt bleibt prinzipiell in Geltung, auch wenn man es durch kleine Nischenversprechen freundlich verbrämt. Vermutlich wirkt diese repressive Toleranz nachhaltiger zerstörend als der offensive Ausschluss. Sie hat den Charakter der Aussage: 10
H. Marcuse, Repressive Toleranz. Frankfurt/Main 1970.