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Vorlesungsnachschriften

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Karl Leonhard Reinhold Gesammelte Schriften Kommentierte Ausgabe Band 12 Vorlesungsnachschriften Logik und Metaphysik Darstellung der Kritik der reinen Vernunft

Schwabe


K A R L L E ON H A R D R E I N HOL D

GE SA M M E LT E S C H R I F T E N KOM M E N T I E RT E AUS G A BE

H E R AUS G E G E BE N VON M A RT I N B ON DE L I

BA N D 12

W I S S E N S C H A F T L IC H E R BE I R AT K A R L A M E R I K S , N O T R E DA M E , I N DI A NA M A N F R E D BAU M , W U PPE RTA L M A N F R E D F R A N K , T Ü BI N G E N M A R ION H E I N Z , S I E G E N H E L M U T HOL Z H E Y, Z Ü R IC H S A BI N E ROE H R , N E W J E R S E Y C I T Y, N E W J E R S E Y WOL F G A N G RO T H E R , BA S E L / Z Ü R IC H A L E X A N DE R VON S C HÖN B OR N , C OLU M BI A , M I S S OU R I PI E R LU IG I VA L E N Z A , ROM J E A N- C L AU DE WOL F, F R I B OU RG

S C H WA BE V E R L AG BA SE L


K A R L L E ON H A R D R E I N HOL D

VOR L E SU NG S NAC H S C H R I F T E N L O GI K U N D M E TA PH YSI K DA R S T E L LU NG DE R ‹K R I T I K DE R R E I N E N VERNUNFT›

H E R AUS G E G E BE N VON FAUS T I NO FA BBI A N E L L I U N D E R IC H H . F UC H S

S C H WA BE V E R L AG BA SE L


Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, der UniBern Forschungsstiftung, der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften und des Hochschulrates der Universität Fribourg.

Copyright © 2015, Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3434-8 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


In h a lt Einleitung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII 1. Entstehung und Datierung der Vorlesungsnachschriften  . . . . . . . VII 2. Die Vorlesungsnachschriften und die gedruckten Texte  . . . . . . . . X 3. Reinholds Projekt einer neuen Logik und Metaphysik  . . . . . . . . . XVI 4. Reinholds Verständnis der Kritik der reinen Vernunft  . . . . . . . . . . XXVI 5. Reinholds Transformation der Transzendentalphilosophie  . . . . . XXX Hinweise zur Edition  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LI Siglen und Kurztitel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LIII Bibliographische Angaben  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LVII

Logik  Prolegomenen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Einleitung in die Logik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Von dem Grundsatze dieser Wissenschaft  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Von den drey logischen Operationen der Denkkraft  . . . . . . . . . . . . . 42 Von dem Begriff  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Von den Urtheilen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Von dem Vernunftschluß überhaupt  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Von der Erklärung und Eintheilung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Von der Überzeugung überhaupt  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Vom Glauben  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Von dem Wissen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Von den Beweisen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Vom Scepticismus  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115


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Inhalt

Metaphysik Einleitung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Metaphysik der sinnlichen Natur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132

Von den Dingen überhaupt und insbesondere von den erkennbaren Dingen 133. Quantität 141. Qualität 145. Relation 148. Modalität 161.

Übergang zur höheren Metaphysik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Auflösung des Problems der höheren Metaphysik  . . . . . . . . . . . . . . . 177 2ter Theil der höheren Metaphysik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199

Von der absoluten Ursache 199. Von der Freyheit des Willens 204. Grundlegung zur natürlichen Theologie 216.

Darstellung der Kritik der reinen Vernunft Einleitung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 Transscendentale Aesthetik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244

Vom Raum 245. Von der Zeit 257.

Transscendentelle Logik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265

Transscendentelle Analytik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269

Analytik der Begriffe 275. Analytik der Grundsätze 291.

Transscendentale Dialektik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332

Kritik der rationellen Psychologie 344. Kritik der rationellen Kosmologie 358. Von der rationalen Theologie 367.

Kommentar  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397 Namenregister  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409


Ein leitu ng 1. Entstehung und Datierung der Vorlesungsnachschriften Im vorliegenden Band werden zum ersten Mal die Nachschriften zweier Vorlesungen veröffentlicht, die Karl Leonhard Reinhold an der Universität Jena gehalten hat: die eine über Logik und Metaphysik, die andere über Kants Kritik der reinen Vernunft. Reinhold hat während seiner Jenaer Zeit beide Vorlesungen kontinuierlich, den Inhalt jedoch verändernd, wiederholt. Unterrichtet er über Logik und Metaphysik noch 1788 aufgrund der Philosophischen Aphoris­ men Ernst Platners,1 legt er der Veranstaltung ab dem Wintersemester 1788/89 seine eigene Vorstellungstheorie zugrunde.2 Ähnliche Veränderungen in der Darstellungsmethode sind auch bezüglich der Vorlesung über Kants erste ­Kritik festzustellen. Bietet Reinhold noch im Wintersemester 1788/89 seine Lehre all denjenigen Studierenden an, die an Kants Schrift interessiert sind,3 geht er ab 1789 von seinem eigenen Versuch einer neuen Theorie des mensch­ lichen Vorstellungsvermögens aus.4 In beiden Fällen bildet offensichtlich Reinholds inzwischen erreichter neuer philosophischer Ansatz den systematischen Ausgangspunkt.

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«SS 1788 […] Privatim hora III–IV Logicam et Metaphysicam ex Aphorismis cel. Platt­ ner» (vgl. E. Fuchs: Reinholds Vorlesungen, 293–294). Reinholds Verweis auf Platners Aphorismen in der Vorlesung über Metaphysik (Bl. 33v / S. 183) entnimmt man, dass er deren ersten Band in der Ausgabe 1784 benutzte. 2  Vgl. z. B.: «SS 1790 privatim III–IV Logicam et Metaphysicam iuxta propria dictata» (E. Fuchs: Reinholds Vorlesungen, 294). 3 So lautet Reinholds Ankündigung der Vorlesung über Kants KrV für das SS 1788: «Iis tandem, qui in Criticam purae rationis disciplinam penetrare gestunt, privatis­ sime operam suam offert». Im Catalogus Praelectionum für das WS 1788/89 liest man hingegen: «Privatissime Criticam purae rationis disciplinam penitius nosse cupientibus praeibit» (ebd.). 4 In der Ankündigung für das WS 1789/90 liest man z. B.: «Criticam purae rationis disciplinam manuducente libro suo: Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vor­ stellungsvermögens docebit» (ebd.).


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Einleitung

Die Reihenfolge der zwei Vorlesungen scheint nicht beliebig zu sein. Laut des Catalogus praelectionum liest Reinhold nämlich zuerst über Logik und ­Metaphysik und lässt dann seine Veranstaltung über Kants Schrift folgen. Hierzu ist daran zu erinnern, dass erstere in Jena eine Pflichtvor­lesung war, die alle Professoren, möglichst zu einer vorgeschriebenen Stunde, halten mussten. Ob dies auch einen organisatorischen Grund hatte, lässt sich nicht ermitteln. Sachlich ist die der Vorlesung über Logik und Metaphysik zugesprochene ­Priorität gut nachvollziehbar: Erst wenn die eigene Philosophie den Studierenden erklärt worden ist, können diese sich mit Kants System auseinandersetzen. So betrachtet stellen die logischen und metaphysischen Überlegungen die ­passende Einführung in die Kritik der reinen Vernunft dar, und nicht umgekehrt. Es gibt einen weiteren guten Grund, in unserer Edition der Vorlesung über Kants erste Kritik diejenige zur Logik und Metaphysik vorangehen zu l­ assen. Er betrifft die Zeit, in der die beiden Veranstaltungen nachgeschrieben wurden. Es ist anzunehmen, dass die im vorliegenden Band veröffentlichte Vorlesung über Logik und Metaphysik aus einem älteren akademischen Semes­ter stammt als die ebenso hier publizierte Vorlesung über Kants Kritik der r­ einen Vernunft. Man weiß diesbezüglich, dass die zwei Nachschreiber, Johann Smidt (1773– 1857)5 und Wilhelm Josef Kalmann (1759–1842), sich in unterschied­lichen Jahren immatrikuliert haben. Smidt, aus dessen Nachlass die Vorlesung über Logik und Metaphysik stammt, schreibt sich am 23. April 1792 in Jena ein, wo er drei Semester lang fast ununterbrochen bis September 1793 bleibt. Er hat somit die Möglichkeit, Reinholds Vorlesung dreimal zu hören, und zwar im Sommersemester 1792, im Wintersemester 1792/93 und im Sommersemester 1793. Berücksichtigt man, dass Smidt vom 19. Mai bis 17. Juni 1793 von Jena abwesend ist, um eine Reise nach Bad Schwalbach anzutreten,6 kann man davon ausgehen, dass der uns vorliegende Text nicht im Sommersemester 1793 nachgeschrieben wurde. Dessen kennzeichnende Ausführlichkeit spricht nämlich dafür, dass es sich eigentlich um eine Mitschrift handelt, die Smidt im Hörsaal verfasst hat. Dabei finden sich auch Spuren einer nachträglichen Lektüre mit wenigen Korrekturen und Ergänzungen, die meist zwischen die Zeilen geschrieben sind. Die mehrmals vorkommenden, für die Zwischentexte frei gelassenen Stellen deuten zudem darauf hin, dass Smidt an eine umfassendere nachträgliche Ergänzung seines Textes dachte.

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Zu J. Smidt vgl. E. Fuchs: Reinhold und Fichte. Vgl. dazu W. von Bippen: Aus Smidts Jugendzeit.


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Ob nun der uns vorliegende Text die Mitschrift der Vorlesung vom Sommersemester 1792 oder vielmehr, wie im Manuskript selber angegeben, vom Wintersemester 1792/93 darstellt, lässt sich mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit anhand der folgenden Überlegungen bestimmen. Der Vermerk «bei Professor Reinhold 1792/3» darf erstens nicht als eine unbedingt zuverlässige Angabe betrachtet werden; er wurde nämlich mit Bleistift von Smidt selbst erst nachträglich hinzugefügt, sodass die Möglichkeit besteht, dass er sich im Semester getäuscht hat. Es erweist sich zweitens für unseren Zusammenhang von großer Bedeutung, dass der Text von Smidts Nachschrift sich von demjenigen derselben Vorlesung, den Kalmann anfertigte,7 inhaltlich und formal unterscheidet. Die Zahl der Paragraphen z. B. reduziert sich von 346 (beide Teile, Logik und Metaphysik zusammen) auf 313. Da man davon ausgehen kann, dass Kalmanns Nachschrift der Vorlesung über Logik und Metaphysik im selben Semester wie dessen Vorlesungsnachschrift über Kants Kritik der reinen Vernunft angefertigt wurde, und da man außerdem annehmen kann – wie in der Folge erläutert wird –, dass letztere aus dem Wintersemester 1792/93 stammt, muss man aufgrund der erheblichen Unterschiede in den Diktaten der Nachschriften von Smidt und Kalmann den Schluss ziehen, dass Smidts Nachschrift zur Logik und Metaphysik bereits im Sommersemester 1792, also unmittelbar nach seiner Ankunft in Jena, verfasst wurde. Notiert Smidt bis zur Definition des deutlichen Bewusstseins (§ 33) nur die Diktate Reinholds, schreibt er ab der Erklärung des Erkenntnisbegriffs (§ 34) und bis zum Schluss der Vorlesung alle Erläuterungen bzw. Kommentare Reinholds mit. Was die Nachschrift über Kants Kritik der reinen Vernunft angeht, kommen nur zwei Semester in Frage: das Wintersemester 1792/93 und das Wintersemester 1793/94. Der Nachschreiber Kalmann schloss zuerst seine Studien in Wien ab, bevor er am 19. Oktober 1792 in Jena immatrikuliert wurde.8 Er konnte deshalb frühestens das Winterhalbjahr 1792 besuchen. Darüber hinaus liest Reinhold im Sommersemester 1793 nicht über Kant, sondern hält eine Veranstaltung über Ästhetik.9 Hilfreich für eine genauere Datierung unserer Nachschrift erweist sich der Vergleich mit einer anderen Nachschrift derselben Vorlesung, 7

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Diese Nachschrift wird innerhalb der Edition von Reinholds Gesammelten Schriften in elektronischer Form zugänglich sein. 8 E. Fuchs: Reinholds Vorlesungen, 292–293. 9 «à IV–V. vero Theoriam scientiarum et artium elegantiorum vulgo Aestheticam docebit» (ebd. 295).


X

Einleitung

die aus dem Nachlass von Karl Christian Friedrich Krause stammt.10 Krause (1781–1832) wurde am 23. Oktober 1797 in Jena immatrikuliert, er konnte deshalb bei Reinholds Vorlesungen nicht mehr anwesend sein. Er hat die Nachschrift über Kants erste Kritik spätestens 1800 erworben und aller Wahrscheinlichkeit nach abgeschrieben. Das seiner Abschrift zugrunde liegende Manuskript unterscheidet sich in verschiedener Hinsicht von demjenigen Kalmanns: Die Zahl der Paragraphen hat sich von 126 auf 114 reduziert, dem Buchstaben sowie dem Geist nach sind außerdem bedeutende Differenzen zu vermerken. Alles spricht dafür, dass es sich um die Texte zweier unterschiedlicher Vorlesungen Reinholds handelt. Geht man weiter davon aus, dass das im KrauseManuskript angegebene Datum der Veranstaltung stimmt – diesem zufolge haben wir es mit den «Vorlesungen über die Critik der reinen Vernunft von Carl Leonhard Reinhold im Winterhalben Jahr 1793» zu tun –, muss man den Schluss ziehen, dass der Kalmann-Text die Nachschrift der Vorlesung darstellt, die Reinhold im Wintersemester 1792/93 gehalten hat. Wie bereits im Fall der Mitschrift Smidts handelt es sich hier um eine sehr ausführliche Nachschrift, die nicht nur die Diktate Reinholds – die Kalmann nochmals schreibt und auf den Seiten 231–259 mit dem Titel Die Kritik der reinen Vernunft apho­ ristisch dargestellt an unseren Text anschließt –, sondern auch die Erklärungen bzw. Erläuterungen, die Reinhold selbst hinzugefügt hat, enthält.

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2. Die Vorlesungsnachschriften und die gedruckten Texte Die eben vorgeschlagenen Datierungen unserer Nachschriften (Smidt: Sommersemester 1792, Kalmann: Wintersemester 1792/93) passen insofern zu den von Reinhold selbst veröffentlichten Schriften, als die in beiden verwendete Begrifflichkeit übereinstimmt. Theoreme und Beweise, die Reinhold in seinen drei Hauptwerken über die Theorie des Vorstellungsvermögens bzw. die Elementarphilosophie (Versuch, Beiträge I und Fundament) aufstellt, sind auch Bestandteil seiner Vorlesungen.11 Es ist nicht eindeutig festzustellen, ob die publizierten Schriften die Quellen für Reinholds akademische Tätigkeit sind oder ob es sich 10

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Auch Krauses Nachschrift wird demnächst elektronisch zugänglich sein. Dies ist auch der Fall bei den §§ 112–120 der Vorlesung über die Kritik der reinen Vernunft. Reinhold fasst in ihnen sowie im an sie angeschlossenen Kommentar Teile seines Beytrags (1792) zusammen, der die Vorfassung des 6. Briefes «Versuch einer

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genau umgekehrt verhält. In den gedruckten Schriften völlig abwesende oder unterbelichtete Themen kommen jedoch in den Vorlesungen zu einer ausführlichen Darstellung, was sich für ihr Verständnis als sehr bedeutsam erweist. Dies ist beispielsweise bei der transzendentalen Deduktion der Verstandesbegriffe a priori der Fall. Reinhold hat diesem Lehrstück in den publizierten Texten, wohl aufgrund ­einer gewissen Verständnisschwierigkeit, zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Bekannt ist in dieser Hinsicht, wie die Deduktion der Kategorien für unseren Philosophen «unter allen der schwerste war».12 Man weiß außerdem, wie die metaphysische und transzendentale Deduktion der Verstandesbegriffe im Versuch zusammenfallen.13 Die Vorlesung über Kants Schrift bietet nun Reinhold die Möglichkeit, die Differenzen zwischen den beiden Arten der Deduktion ausführlicher darzustellen. Indem er dem Text Kants folgt und ihn kommentiert, ist er sozusagen gezwungen, die in der ersten Kritik voneinander getrennten Momente als Antworten auf unterschiedliche Fragestellungen zu behandeln. Der eben geschilderten größeren Ausführlichkeit unserer Nachschriften im Vergleich zu den publizierten Texten steht die Tatsache gegenüber, dass Schwankungen bzw. semantische Verschiebungen eher die gedruckten Schriften kennzeichnen, dass Veränderungen in diesen letzteren jedoch nicht un­ bedingt eine Entsprechung in den Vorlesungstexten haben. Die didaktische Tätigkeit Reinholds erweist sich also als widerstandsfähig in Bezug auf die ­Brüche, die sein Denken von 1789 bis zu seiner Abreise von Jena charakterisieren. Drei Begriffe seien hier als Beispiele genannt: die Mannigfaltigkeit als Merkmal des Vorstellungsstoffes, der Satz des Bewusstseins sowie der gesunde Menschenverstand. Dass der gegebene Stoff in der Vorstellung ein Mannigfaltiges und die hervorgebrachte Form Einheit ist, beweist Reinhold auf zwei unterschiedliche Weisen. Im Versuch (282) erklärt er, dass nur der Stoff ein Mannigfaltiges sein kann, weil nur er sich in der Vorstellung unterscheiden lässt. Dies bringt mit sich, dass

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neuen Darstellung der Grundbegriffe und Grundsätze der Moral und des Naturrechts» darstellt (vgl. Briefe II ). 12 Beiträge I, 209 (Or. 305). Gemäß der Nachschrift Kalmanns (Kants Kritik der reinen Vernunft), behauptet Reinhold ebenso, dass die transzendentale Deduktion der Kategorien «das Mühsamste, Schwerste und Dunkelste für denjenigen ist, der die Kritik der reinen Vernunft studiert» (Bl. 73 / S. 281). 13 Vgl. insbesondere § LXXII: RGS 1, 283–295.


XII

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die Einheit «das wesentliche Merkmal» der Form ist.14 In Beiträge I gesteht Reinhold, dass das so bewiesene Theorem ihm «gänzlich mißlungen» sei, weil es sich nämlich problemlos umkehren lasse, so «daß die Form der Vorstellung ein Mannigfaltiges und der Stoff Einheit sein» könnte.15 Er hätte aber zeigen müssen, dass das Subjekt die Rolle des Unterscheidenden und das Objekt diejenige des zu Unterscheidenden innehat, und deshalb das, was in der Vorstellung dem Subjekt angehört, etwas ist, das nicht unterschieden werden kann, d. h. Einheit; das hingegen, was dem Objekt eigentümlich ist, etwas Unterscheidbares, d. h. ein Mannigfaltiges sein muss. Diese Tätigkeit des Subjekts wird im Versuch nur insofern hervorgehoben, als gesagt wird, dass das «Gemüth […] die Vorstellung vom Gegenstande durch die Einheit» unterscheidet. Die flüchtige Erwähnung des aktiven Subjekts scheint offensichtlich unzureichend gewesen zu sein, um Missverständnisse sowie Einwände zu vermeiden.16 Die ganz neue, in Beiträge I zum ersten Mal aufgestellte Erläuterung desselben Theorems steht nun tatsächlich im Zusammenhang mit der Rolle, die in dieser Schrift dem Subjekt zugesprochen wird. Reinhold kann jetzt behaupten, dass sich im Bewusstsein «das Subjekt als das durch die Vorstellung Unterscheidende, das ­Objekt, als das durch die Vorstellung vom Subjekte zu Unterscheidende» verhält. Das innere Merkmal des Objekts im Bewusstsein besteht insofern in der Mannigfaltigkeit, denn dasjenige, «wodurch etwas als ein Zuunterscheidendes bestimmt ist, kann nur ein Mannigfaltiges sein».17 Die in diesem Zusammenhang offensichtliche Rolle des Subjekts wird nun durch die Bestimmung des Satzes des Bewusstseins aus den Beiträgen I bestätigt. Bezüglich des Begriffspaars «Mannigfaltigkeit/Einheit» scheinen sich nun die Vorlesungen Reinholds am Text des Versuchs zu orientieren. Der hier angeführte Grund ist wiederum die Tätigkeit des Gemüts, die im Verbinden des Mannigfaltigen enthalten ist und ein Unverbundenes verlangt, das nur im Stoff zu finden ist.18 RGS 1, 187. Beiträge I, 263 (Or. 388–389). 16 Viele zeitgenössische Rezensionen heben den ungenügenden Charakter von Reinholds Beweis des Theorems der Mannigfaltigkeit im Versuch hervor: GogZ, 102. St., 22. Dezember 1790, 945–947; ALZ, Nr. 26, Freitag, 28. Januar 1791, 210; OaL, XXI. St., Freitag, 18. Februar 1791, 326; GAgS, 71. St., 2. Mai 1791, 718–719; AThLK, 2. Jg., 1790, 7. Woche, 98. Vgl. dazu Die zeitgenössischen Rezensionen der Elementar­ philosophie, XXII. 17 Beiträge I, 137 (Or. 198). 18 Logik, Bl. 6r / S. 11.

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Der eben angesprochene Satz des Bewusstseins – und damit kommen wir zum zweiten Punkt – findet seine noch vorläufige Formulierung im Versuch (2. Buch, § VII). Dort ist noch nicht ausdrücklich von ihm die Rede und Reinhold verweist in allgemeiner Form auf das Bewusstsein, das es nötig macht, neben jeder Vorstellung ein vorstellendes Subjekt und ein vorgestelltes Objekt anzunehmen, die beide zur Vorstellung gehören, sich aber auch von ihr unterscheiden.19 In den Beiträgen I wird hingegen explizit vom Satz des Bewusstseins gesprochen. Und neben einer Bestimmung, die sich darauf beschränkt, die drei Momente des Bewusstseins (Vorstellung, Subjekt und Objekt) zu nennen, ohne auf den besonderen Primat eines der Momente hinzuweisen,20 wird die Tätigkeit des Subjekts hervorgehoben, die mit dem Unterscheiden des Subjekts bzw. Objekts von der Vorstellung sowie mit dem Beziehen derselben auf das Subjekt bzw. Objekt impliziert ist.21 Diese letzte Formulierung findet sich auch im Fun­ dament.22 Die explizite Rede vom Satz des Bewusstseins hängt in beiden Fällen damit zusammen, dass Reinhold inzwischen zur Ansicht gelangt ist, seine Theorie des Vorstellungsvermögens benötige wie jede Wissenschaft einen ersten Grundsatz. Wir haben es hier insofern mit einer revidierten Formulierung des Satzes des Bewusstseins zu tun, als sie die ‘Subjektivierung’ des philosophischen Denkens einleitet, welche die damit zusammenhängende Aufhebung einer selbstständigen Gegenständlichkeit sowie deren Transformation in ein Nicht-Ich ankündigt und innerhalb von Fichtes Wissenschaftslehre verwirklicht werden sollte.23 Von Bedeutung ist nun, dass Reinhold sich in seinen Vorlesungen über Logik und Metaphysik (Nachschrift Smidt) sowie über die Kritik der reinen Vernunft (Nachschrift Kalmann) für eine Formulierung des Satzes des

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«Man ist, durch das Bewußtseyn genöthiget, darüber einig, daß zu jeder Vorstellung ein vorstellendes Subjekt, und ein vorgestelltes Objekt gehöre, welche Beyde von der Vorstellung, zu der sie gehören, unterschieden werden müssen» (RGS 1, 128). 20 «Die Vorstellung wird im Bewußtsein vom Vorgestellten und Vorstellenden unterschie­ den und auf beide bezogen» (Beiträge I, 99; Or. 144). 21 «Im Bewußtsein wird die Vorstellung durch das Subjekt vom Subjekt und Objekt unterschieden und auf beide bezogen» (Beiträge I, 113; Or. 167). 22 Durch eine bloße Reflexion über die Tatsache des Bewusstseins wissen wir, «daß die Vorstellung im Bewußtseyn durch das Subjekt vom Objekt und Subjekt unterschieden und auf beyde bezogen werde» (RGS 4, 50). 23 Vgl. diesbezüglich R. Kroner: Von Kant bis Hegel, 1. Bd., 324; M. Bondeli, Das An­ fangsproblem, 58; M. Frank: «Unendliche Annäherung», 221, 287; F. Fabbianelli: Ein­ leitung, in: Beiträge I, XXV.


XIV

Einleitung

Bewusstseins entscheidet, die insofern als weniger verbindlich betrachtet werden kann, als sie die von der Betonung der aktiven Rolle des Subjekts implizierten Thesen nicht mobilisiert, sondern sich darauf beschränkt, die Dreiheit «Vorstellung, Subjekt, Objekt» im Sinne der Koordination – und nicht der Subordination unter das Subjekt – zu nennen.24 Was nun den Begriff des gesunden Menschenverstandes angeht, ist daran zu erinnern, dass Reinholds Denken spätestens ab dem Sommer 1792 eine wichtige Veränderung erfährt, die darauf hinausläuft, dass die Elementarphilosophie nicht mehr als eine Philosophie aus einem Prinzip angesehen werden kann, in der die Folgesätze aus dem ersten Grundsatz begründet und abgeleitet werden können. Wie Reinhold selbst in einem Brief an J. B. Erhard vom 18. Juni 1792 behauptet, kann man nämlich zeigen, dass die vom ersten Grundsatz der Philosophie verschiedenen Sätze des Bewusstseins entsprechend den «Aussprüchen» des sogenannten Sensus communis «lemmatisch in der Elementarphilosophie» angenommen werden können. Diese Sätze seien jedoch erst dann «als erweisliche Aussprüche der philosophierenden Vernunft» anzusehen, «wenn die übrigen Sätze des Bewußtseins aufgestellt und entwickelt sind».25 Zeugnis dieser neuen Elementarphilosophie ist der erste Aufsatz von Beiträge II, der den programmatischen Titel «Über den Unterschied zwischen dem gesunden Verstande und der philosophierenden Vernunft in Rücksicht auf die Fundamente des durch beide möglichen Wissens» trägt. Reinhold selbst erinnert in der Vorrede zur Schrift daran, dass der Artikel «wenigstens anderthalb Jahre» vor Fichtes Aenesidemus-Rezension verfasst wurde, die am 11. und 12. Februar 1794 in der ALZ (Nr. 47–49) erschien. In engem Zusammenhang mit diesem Aufsatz steht eine anonym veröffentlichte, von der neueren Forschung26 aber der Feder Reinholds zugesprochene Schrift, die im 12. Stück des NTM (Dezember 1791, S. 419–429) publiziert wurde und deren ­Titel «Ueber Popularität und gesunden Menschenverstand. Fragment eines Brief24

Logik, Bl. 2v / S. 2. I. C. Diez: Briefwechsel und Kantische Schriften, 913. Zu Reinholds Transformation der Elementarphilosophie vgl. u. a. D. Henrich: Konstellationen, 242–244; ders.: Grundlegung aus dem Ich, bes. I, 300–302; 330–335; II, 1410–1432; M. Bondeli: Das Anfangsproblem, 107–153; M. Frank: «Unendliche Annäherung», bes. 15. und 18. Vorlesung; M. Stamm: Das Programm des methodologischen Monismus; A. Berger: Sys­ temwandel zu einer «neuen Elementarphilosophie?». 26 Vgl. A. Lazzari: «Das Eine, was der Menschheit Noth ist», 241–249; F. Fabbianelli: Ein­ leitung, in Beiträge II, XVII–XIX. 25

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wechsels» lautet. In beiden Schriften vertritt Reinhold die innere Verschränkung von philosophierender Vernunft und gesundem Menschenverstand. Letzterer ist nichts anderes als der gemeine Menschenverstand, sofern dieser an den «Tatsachen des Bewusstseins» hängt und nie über sie hinausgeht. Die in dieser neuen Bestimmung des Sensus communis enthaltene Wahrheit deckt sich nach Reinhold insofern mit der philosophischen Wahrheit, als der beiden zugrunde liegende Verstand sich als gesund erweist. Das Begriffspaar Gesundheit und Krankheit des menschlichen Verstandes spielt als neue begriffliche Opposition eine wesentliche Rolle innerhalb der neuen Elementarphilosophie. Von all dem findet man in Reinholds Vorlesungen nur kleine Spuren. Im dem Begriff des Glaubens gewidmeten Teil der Vorlesung über Logik und ­Metaphysik ist z. B. vom «Ausspruch» des gesunden Menschenverstandes die Rede, der als eine Art des subjektiven Glaubens definiert wird, der «sich auf kein Zeugniß, sondern bloß auf die subjektive Beschaffenheit des Überzeugten gründet».27 Er lässt sich als solcher auf keine deutlich gedachten Gründe zurückführen, da er aber von den «ursprünglichen, nothwendigen und allgemeinen Anlagen des menschlichen Geistes» abhängt, kann er als ein Vernunftglaube angesehen werden.28 Auf die Gegenüberstellung von gemeinem, gesundem Verstand einerseits, und philosophierender Vernunft andererseits kommt Reinhold ebenfalls in dem Teil seiner Vorlesung zurück, der von der Metaphysik handelt. Innerhalb der neuen Konzeption erhält auch der Begriff des Gefühls größere Bedeutung, insbesondere der Begriff des sittlichen Gefühls, das den Menschen in seinen freien Handlungen leitet. Während nun der gemeine Verstand im Vermögen besteht, nach Gründen zu urteilen, «die durch Gefühle vorgehalten werden», sucht die philosophierende Vernunft nach Begriffen, die ihre Urteile selbst rechtfertigen können. Der gemeine Verstand erweist sich als gesund, wenn seine Gefühle sittlich sind und seine Urteile «durch guten Willen[,] Recht, Sittlichkeit geleitet» werden.29 Diese Begrifflichkeit, die für das Formulieren einer Grundsatzphilosophie innerhalb der neuen Elementarphilosophie zentral ist, spielt in Reinholds Vorlesung keine große Rolle.

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Logik, Bl 59v. / S. 103 Logik, Bl. 60r / S. 103. 29 Metaphysik, Bl. 47v / S. 205. 28


XVI

Einleitung

3. Reinholds Projekt einer neuen Logik und Metaphysik Reinholds Anliegen, einen neuen spekulativen Ansatz anzubieten, durch den alle philosophischen Missverständnisse behoben werden können, wird von der Überzeugung getragen, dass das Fehlen eines allgemeingültigen Einverständnisses darüber, was Philosophieren heißen soll, den Hauptgrund für alle bisherigen Streitigkeiten darstellt. Der neue Begriff der Philosophie soll es ermöglichen, das Alte mit dem Neuen zu verbinden; nur dadurch kann man auf Frieden unter den Philosophen hoffen. Fänden letztere in der neuen Definition der Philosophie nicht dasjenige, was sie bisher gedacht haben, könne man nicht erwarten, dass sie bereit sind, die neue Definition anzunehmen. Programmatisch äußert Reinhold deshalb sein Anliegen einer philosophischen Eintracht nach dem Prinzip, dass zwischen dem Neuen und dem Alten ein bestätigendes und ergänzendes Verhältnis bestehen soll. Reinhold ist in diesem Sinn der Meinung, dass jede bisherige Erklärung über Philosophie nur insofern falsch ist, als sie das eigentümliche Merkmal noch nicht genügend bestimmt hat, «wodurch sich die Philosophie von allem, was nicht Philosophie ist, unterscheidet», dass sie aber auch «etwas unstreitig Wahres» in sich enthält.30 Und in der Tat erhebt die Elementarphilosophie, zumindest der Form nach, den Anspruch, sich als eine versöhnliche Antwort auf die Frage nach dem Einverständnis aller «Selbstdenker» zu präsentieren. Betrachtet man die Philosophie als die «Wissenschaft desjenigen, was durch das bloße Vorstellungs-Vermö­ gen bestimmt ist»,31 kann man nach Reinhold zeigen, dass die alten Erklärungen, nach denen die Philosophie Wissenschaft des a priori Erkennbaren oder des Notwendigen und Allgemeinen oder auch der zureichenden Gründe sei, nicht als völlig unrichtig angesehen werden müssen, sondern dass sie vielmehr durch die neue Definition in das neue System der Philosophie aufgehoben werden können. Soll die neue Wissenschaft des im bloßen Vorstellungsvermögen Bestimmten die bisherigen Ansätze zur Philosophie ergänzen und bestätigen, müssen die Logik und die Metaphysik diesem methodologischen Prinzip ebenfalls entsprechen. Reinhold konzipiert nun seine Vorlesung als die Darstellung eines philosophischen Systems, das über Kant hinausgehen will, um die Fehden zwischen Kantianern und Antikantianern zu beenden, ohne jedoch die von Kant

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Beiträge I, 46–47 (Or. 59–60). Ebd., 46 (Or. 59).


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selbst nur ungenügend gewürdigten und als dogmatisch gebrandmarkten Denkansätze der Schulphilosophie zu vernachlässigen. In diesem Zusammenhang kann man auf zwei Momente verweisen, die sowohl in Reinholds Vorlesung als auch in seinen publizierten Schriften vorkommen. Sie ermöglichen es, die Kontinuitätslinie zu ziehen, die nach dem Prinzip der Elementarphilosophie das Alte und das Neue verbinden soll. Es sind dies 1. die Möglichkeit einer Definition innerhalb der Philosophie und 2. der spekulative Unterschied zwischen Logik und Metaphysik. 1. Kant zufolge kann die Philosophie nicht den Anspruch erheben, die Mathematik nachahmend, von Definitionen auszugehen. Definieren bedeute nämlich nichts anderes als «den ausführlichen Begriff eines Dinges innerhalb seiner Grenzen ursprünglich darstellen».32 Die verlangte Ausführlichkeit der Merkmale, die einen Begriff kennzeichnen, kann aber, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, weder bei empirischen Begriffen noch bei Begriffen a priori erreicht werden. Das philosophische Denken ist, anders gesagt, gezwungen, von diesen Begriffen bloß eine anhand ihrer Zergliederung ermöglichte Exposition anzubieten, wobei ungewiss bleibt, ob alle Merkmale vollständig aufgezählt worden sind. Unvollständigkeit geht in der Exposition der Begriffe immer der angeblichen Vollständigkeit voran. Gehört die Definition in der Mathematik insofern «ad esse», weil in dieser der Begriff konstruiert wird, gehört sie hingegen in der Philosophie «ad melius esse». Aus diesem Grund muss die philosophische Definition – so die Konklusion Kants – «das Werk eher schließen als anfangen».33 Reinhold ist nun mit Kant einverstanden, dass eine Definition im strengsten Sinne nur die «Erklärung eines mathematischen Begriffes» sein kann; zu dieser Art des Definierens zählt er aber in seiner Vorlesung über Logik und Metaphysik auch eine weitere Bedeutung der Definition, und zwar die logische Erklärung, «welche den Begriff so erklärt, daß man ihn von allen anderen unterscheidet, und die Merkmale des Objects vollständig und allgemein angibt».34 Vollständig wird nun aber ein Begriff angegeben, «wenn in der durchgängigen Entwickelung» desselben «weder etwas überflüßiges noch fehlerhaftes enthalten ist, wenn er durchgängig bestimmt ist».35 Reinhold ist der Meinung, dass 32

KrV, B 755: AA, III, 477. KrV, B 759: AA, III, 479. 34 Logik, Bl. 54v–55r / S. 93–94. 35 Ebd., Bl. 27v–28r / S. 54. 33


XVIII

Einleitung

von dieser durchgängigen Bestimmtheit die Richtigkeit der philosophischen Definitionen abhängt. Dies gilt insbesondere für den höchsten Begriff der Philosophie: den Begriff der Vorstellung. Wie er selbst im Fundament erläutert – in dichter Auseinandersetzung mit A. W. Rehberg, der in seiner Rezension der Beiträge I36 den Satz des Bewusstseins als eine Definition betrachtet hatte –, kann der Begriff der Vorstellung, der dem ersten Grundsatz der P ­ hilosophie zugrunde liegt, nicht definiert, sondern nur erörtert werden. In seiner Einfachheit ist er nämlich «unmittelbar aus dem Bewußtseyn geschöpft» und kann insofern nicht zergliedert werden. «Seine Quelle ist eine Thatsache, die als s­olche keine Erklärung zuläßt, durch sich selbst einleuchtet, und eben in dieser Eigenschaft geschickt ist, das letzte angebliche Fundament alles Erklärens abzugeben».37 Dies schließt nun aber nicht aus, dass man aufgrund des Satzes des Bewusstseins eine Definition der Vorstellung angeben kann, die insofern kein willkürliches Merkmal in sich enthält, als sie vom durch sich selbst bestimmten, im Fundament des Bewusstseins gegründeten Satz des Bewusstseins abgeleitet wird.38 Die absolut durchgängige Bestimmtheit des Begriffs der Vorstellung hängt vom durchgängigen Bestimmtsein des Satzes des Bewusstseins selbst ab. Darin gründet sich für Reinhold die Möglichkeit, neben der Definition der mathematischen Begriffe auch philosophische Definitionen anzugeben. Besteht die Möglichkeitsbedingung jener in der Anschauung des Objekts selbst, finden die anderen die ihre in der Richtigkeit der einzelnen Partialzusammenfassungen der Merkmale des Begriffs, die der Gesamtzusammenfassung derselben vorangehen. Geht es nun um den höchsten Begriff der Vorstellung, kann man insofern von der Richtigkeit seiner Definition sprechen, als sie Merkmale enthält, die «keine andere Definition mehr zulassen, sondern durch einen durch sich selbst bestimmten Satz erschöpfend bestimmt seyn müssen».39 Reinhold kann sich nun als mit Kant einverstanden erklären, weil auch er die These vertreten wissen will, nach der philosophische Definitionen eher am Schluss als am Anfang gegeben werden müssen. Die These der Legitimität des Definierens innerhalb der Philosophie, sofern die durchgängige Bestimmtheit des Begriffes erreicht werden kann, verweist in der Tat auf eine Auffassung ALZ, Nr. 26–27, 28. Januar 1791, 201–208, 209–214: Die zeitgenössischen Rezensio­ nen der Elementarphilosophie, 152–166. 37 Fundament, 78: RGS 4, 50. 38 Fundament, 81–82: RGS 4, 51–52. 39 Fundament, 93–94: RGS 4, 57.

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über die philosophische Definition, die innerhalb der Schulphilosophie sehr verbreitet war. Reinhold selbst verweist darauf im bereits erwähnten Aufsatz «Über den Begriff der Philosophie», mit dem Beiträge I anfangen: Eine Sache, «worin sie auch immer bestehen möge», kann «nur durch den bestimm­ ten Begriff von ihr zum Eigentume der Philosophie werden». Ein Gegenstand kann philosophisch nur insofern und erst dann existieren, wenn man einen bestimmten Begriff von ihr hat. Jeder unbestimmte Begriff ist innerhalb der Philosophie «ein Fremdling, der dem Fundamental Gesetze zufolge auf diesem Gebiete nicht geduldet werden darf, an der Grenze so lange angehalten werden muß, bis er den Charakter der Bestimmtheit annimmt, und wenn er für denselben durchaus nicht empfänglich sein sollte, zu den Antipoden der Philosophie zu verweisen ist».40 Reinhold übernimmt hier eine Begrifflichkeit, die von den bedeutenderen Vertretern der Schulphilosophie verwendet wurde. Man denke z. B. an Christian Wolff, für den die philosophischen Begriffe nicht nur wie nach Leibniz klar, deutlich und adäquat,41 sondern auch ausführlich sein müssen. In seiner Logica kann man diesbezüglich lesen, wann eine Begriffsanalyse philosophisch vertretbar ist: «Notio completa est, quae notas sufficientes exibet ad rem in statu quolibet agnoscendam & ab aliis distinguendam».42 Und auch Reimarus’ Vernunftlehre hebt das Merkmal der Ausführlichkeit eines Begriffs hervor: «Ein ausführlicher, d. i. ausführlich-deutlicher Begriff, (Notio completa, i. e. complete distincta) ist, wenn man alle Merkmaale anzugeben weiß, welche zusammengenommen zureichen, ein Ding allezeit zu kennen und von allen andern zu unterscheiden».43 Reinholds gespanntes Verhältnis zu Kant hinsichtlich der Möglichkeit einer Definition in der Philosophie zeigt sich auch in der Bewertung dessen, was ein Axiom ist, sowie der Verwendungsmöglichkeiten von Axiomen in der Philosophie. Es geht hier nochmals um die Grenze, die das Gebiet der Philosophie bestimmt und es von demjenigen der Mathematik trennt. Kant ist der Meinung – auch in diesem Fall gegen Wolff und seine Schule –, dass zwischen der philosophischen und der mathematischen Erkenntnis eine Differenz besteht, die nicht von deren Inhalt, sondern vielmehr von den Vermögen abhängt, die in den zwei Erkenntnisarten tätig sind. Hatte Wolff behauptet, dass das mathe40

Beiträge I, 15 (Or. 7). Vgl. insbesondere Meditationes, 422. 42 Philosophia rationalis sive logica, § 92: WoGW II/1.2, 160. 43 H. S. Reimarus: Die Vernunftlehre, § 71, [63]. 41


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matische Erkennen in der Erkenntnis der Quantität der Dinge besteht,44 vertritt Kant die entgegengesetzte These, wonach sie eine Konstruktion der Begriffe darstellt, in der mit den letzteren korrespondierende Anschauungen unmittelbar gegeben werden.45 Er kann deshalb gegen Wolff und seine Anhänger behaupten, dass diejenigen, «welche Philosophie von Mathematik dadurch zu unterscheiden vermeinten, daß sie von jener sagten, sie habe bloß die Qua­ lität, diese aber nur die Quantität zum Objekt, […] die Wirkung für die Ursache genommen» hätten.46 Die Form der mathematischen Erkenntnis, d. h. das konstruierende Definieren der Begriffe, das sie kennzeichnet, ist anders gesagt «die Ursache, daß diese lediglich auf Quanta gehen kann».47 Darüber hinaus hat Philosophie selbst einen quantitativen Inhalt, wenn sie z. B. Begriffe wie Totalität oder Unendlichkeit behandelt. Dass nur Mathematik eine konstruierende Erkenntnis ausweisen kann und Philosophie hingegen in der Vernunft­ erkenntnis aus Begriffen besteht, darin findet nun Kant den Grund, warum ausschließlich in der Mathematik Axiome, d. h. synthetische Grundsätze a priori, die unmittelbar gewiss sind, zu finden sind. Im Gegensatz dazu ist die philosophische Erkenntnis auf Begriffe angewiesen, die nie unmittelbar gewiss sein können, weil sie eben nicht konstruiert werden. Dies erklärt auch die Notwendigkeit einer transzendentalen Deduktion der Verstandesbegriffe, die nicht von selbst allgemeingültig sind, sodass die Rechtmäßigkeit ihrer Anwendung erst gezeigt werden muss. Von Bedeutung ist nun, dass Kant in diesem Zusammenhang auf die Axiome der Anschauung verweist, von denen in der «Transzendentalen Analytik» die Rede ist, um vor einem möglichen Missverständnis zu warnen, das darin be­ stehen könnte, jene Axiome im Sinne der mathematischen Axiome zu interpretieren. Das angeführte Prinzip, nach dem alle Anschauungen extensive Größen sind, ist in der Tat nur ein Grundsatz aus Begriffen, der allein dazu dient, «das Principium der Möglichkeit der Axiomen überhaupt anzugeben».48 Der Grundsatz erklärt die Möglichkeit von Axiomen innerhalb der Transzendentalphilosophie, selbst ist er aber kein Axiom. Hatte Wolff in der Deutschen Logik durch den Ausdruck «Grundsatz» das lateinische «Axioma» übersetzt, mit dem er eiDiscursus praeliminaris, § 14: WoGW, II/1.1, 6. KrV B 741: AA, III, 469. 46 KrV B 742: AA, III, 469–470. 47 KrV B 742: AA, III, 470. 48 KrV B 761: AA, III, 481.

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44 Vgl. 45

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