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Schriften zur Psychoanalyse I

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UG_Band_IX:Kunz_UG 05.11.15 08:40 Seite 1

Hans Kunz Werkausgabe Übersicht ı

Hans

Kunz

die anthropologische bedeutung der phantasie Zwei Halbbände

2 die endlichkeit des menschen Sieben Abhandlungen zur philosophischen Anthropologie Zwei Halbbände und ein Supplementband Aus dem Nachlass 3 sinn und wesen des erfahrenden erkennens Schriften ı955– ı975 zu Grundfragen der Psychologie und Philosophie 4 aggressivität, zärtlichkeit und sexualität Phänomenologische und anthropologische Studien zur Psychologie und Psychopathologie 5 zur frage nach der natur des menschen 6 die eine welt und die weisen des in-der-welt-seins Bemerkungen zu den Voraussetzungen der daseinsanalytischanthropologischen Interpretationen psychopathologischer Phänomene 7 die wahnhaftigkeit des menschen

und die gewissheit des todes 8 daseinsanalytische und anthropologische

studien zur psychopathologie 9 schriften zur psychoanalyse i Aufsätze zu Sigmund Freud und zur Psychoanalyse (ı928–ı974)

Hans Kunz’ Schriften zur Psychoanalyse aus den frühen ı930er-Jahren greifen in hitzige zeitgenössische Debatten ein und kulminieren im Aufsatz Die Psychoanalyse als Symptom einer Wandlung im Selbstverständnis des Menschen. Darin wird deutlich, dass ihm einerseits alles auf das adäquate Verstehen und Deuten der reichen empirischen Befunde Freuds ankommt. Andererseits hält Kunz aber eine Kritik der anthropologischen Implikationen der Psychoanalyse für unumgänglich, um den von ihr entdeckten, nicht volitiv fundierten Sinn des faktischen Geschehens anthropologisch zu erhellen und zu würdigen. Kunz’ kritischer Blick auf die latente Anthropologie der Psychoanalyse öffnet sich in seinen späteren Schriften hin auf die Natur des Menschen und deren immanente Sinnhaftigkeit. Die psychoanalytische Auffassung des Todes und des Geistes unterwirft er einer luziden Kritik und enthüllt das in ihr enthaltene metaphysisch-weltanschauliche Menschenbild.

HansKunz Schriften zur Psychoanalyse I

Schriften zur Psychoanalyse I

Aufsätze zu Sigmund Freud und zur Psychoanalyse (ı928 – ı974) Herausgegeben von Jörg Singer

Der Herausgeber Dr. phil. Jörg Singer, geb. ı946, studierte zunächst Mathematik und Physik, dann Philosophie, Psychologie und Psychopathologie in Zürich und Basel, wo er Schüler von Hans Kunz war. Seit ı978 ist er um den wissenschaftlichen Nachlass von Hans Kunz besorgt. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu Hans Kunz.

ı0 schriften zur psychoanalyse ii Die philosophische Bedeutung der Psychoanalyse (aus dem Nachlass ı93ı – ı949) mit Beiträgen und Rezensionen zur psychoanalytischen Literatur ( ı928– ı974) ıı

Hans Kunz (ı904– ı982) war ein profunder Kenner der Phänomenologie und der Anthropologie des 20.Jahrhunderts ebenso wie der psychologischen und psychopathologischen Wissenschaften seiner Zeit. Als Professor für Philosophische Anthropologie und Theoretische Psychologie an der Universität Basel stand er im kontinuierlichen Dialog mit den bedeutenden Vertretern seines Faches. Kunz befasste sich intensiv mit Denkern wie Edmund Husserl, Ludwig Klages, Max Scheler, Nicolai Hartmann, Karl Jaspers, Martin Heidegger, Helmuth Plessner, Karl Löwith und Hans-Georg Gadamer. Bestimmend für sein Denken waren nicht zuletzt auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds sowie die daseinsanalytische Psychiatrie Ludwig Binswangers. Zur eigenständigen Diktion gelangte sein Œuvre vor allem im Versuch einer Neubegründung der philosophischen Anthropologie in seinem ı946 erschienenen Werk Die anthropologische Bedeutung der Phantasie und seiner Nachlassschrift Die Endlichkeit des Menschen. Darüber hinaus war Hans Kunz Autor von Studien zur vergleichenden Verhaltensphysiologie sowie von über zwanzig Abhandlungen zur Botanik.

zur phänomenologie des ausdrucks

ı2 zur philosophie des 20. jahrhunderts Aufsätze, Rezensionen, Vorträge und Nachlasstexte ı930 – ı977 ı3 philosophie, psychologie und kulturkritik Rezensionen ı4 botanische schriften ı5 zur botanik Aus dem Briefwechsel, mit Illustrationen

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

ı6 nachträge und verzeichnisse

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld Schwabe Verlag Basel

isbn 978-3-7965-34ı4-0

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld Schwabe Verlag Basel


Hans Kunz

Gesammelte Schriften in Einzelausgaben In Zusammenarbeit mit der Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld herausgegeben von Jรถrg Singer

Band 9


Hans Kunz

Schriften zur Psychoanalyse I

Aufsätze zu Sigmund Freud und zur Psychoanalyse (ı928– ı974)

Mit einem Vorwort von David Bürgi Herausgegeben von Jörg Singer Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld Schwabe Verlag Basel


Die Hans-Kunz-Gesellschaft und der Verlag danken der Dr. Margrit Egnér-Stiftung, Zürich, dem Regierungsrat des Kantons Solothurn und Solothurn-Kultur (Lotteriefonds), der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft (FAG), Basel und Madame Jacqueline Schindler, Présidente de la fondation Zeno Karl Schindler, Hergiswil für die finanzielle Unterstützung, die die Drucklegung dieses Bandes ermöglicht hat.

Hans Kunz – Gesammelte Schriften in Einzelausgaben Band 9 : Schriften zur Psychoanalyse I Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Copyright © 20ı6 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gestaltung und Satz: icona Basel Gesamtherstellung : Schwabe AG, Muttenz/Basel Printed in Switzerland isbn 978-3-7965-34ı4-0 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


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Inhalt

Geleitwort und Dank ............................................................... vii Vorwort von David Bürgi ......................................................... ix

ı. Zu Sigmund Freud und zur Psychoanalyse ..................

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Psychologie der psychoanalytischen Weltanschauung (ı928) ............................................................

3

Die existentielle Bedeutung der Psychoanalyse in ihrer Konsequenz für deren Kritik ( ı930 ) ........................... 49

Die Psychoanalyse als Symptom einer Wandlung im Selbstverständnis des Menschen ( ı93ı ) ............................. 75

Zu Sigmund Freuds «Der Mann Moses und die monotheistische Religion» ( ı939) .............................. ı85

Nachruf für Sigmund Freud (ı939) .......................................... ı93

Kritik des Todestriebes ( aus dem Nachlass, ca. ı947/48) ....... 205

Das Problem der Sublimierung ( Notiz aus dem Nachlass, ca. ı947/48) ................................... 235

Zur wissenschaftstheoretischen Problematik der Psychoanalyse ( ı950) ......................................................... 245

Die latente Anthropologie der Psychoanalyse (ı956) ............. 267


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inhalt

Die Erweiterung des Menschenbildes in der Psychoanalyse Sigmund Freuds ( ı974) ......................... 293

2. Zur Psychoanalyse Harald Schultz-Henckes ............... 379

Der gehemmte Mensch. Bemerkungen zu dem gleichnamigen Buche von H. Schultz-Hencke ( ı94ı) ................................................. 38 ı

3. Zur psychoanalytischen Theorie des Geistes ............. 445

Das Problem des Geistes in der Tiefenpsychologie (ı95ı) ..... 447

Anhang

i.

Textgestaltung und Quellentexte .................................... 49ı

ii. Textkritische Revisionen ................................................. 497

iii. Anmerkungen und Textbeilagen ..................................... 5 ı ı

iv. Literaturverzeichnis ......................................................... 552

v. Berichtigungen .................................................................. 569

vi. Siglen und Sonderzeichen ................................................ 570


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Geleitwort und Dank

Der vorliegende Band umfasst Hans Kunz’ weit verstreut und über mehr als vier Jahrzehnte hinweg erschienene Studien zu Sigmund Freud und zur Psychoanalyse sowie einige bislang unveröffentlichte Arbeiten aus Kunz’ Nachlass. Die angestrebte geschlossene Darbietung vermag freilich nicht die Reichweite von Kunz’ Explikationen zur Psychoanalyse einzufangen. Wo immer das sachliche Gewicht der Auseinander­setzung mit der Psychoanalyse im Zusammenhang der Klärung bestimmter Phänomenkomplexe sich ausweist, wie etwa in Kunz’ phänomenologischen Studien zur Psychologie und Psychopathologie der Aggressivität, Zärtlichkeit und Sexualität, schien es uns aufgrund ihrer Selbstanzeige nicht gerechtfertigt, sie unter dem Leit­titel «Schrif­­ten zur Psychoanalyse» zu veröffentlichen. Im Mittelpunkt dieses Bandes stehen Kunz’ Schriften zu Sigmund Freud. Sie sind chronologisch angeordnet, um die kontinuierliche Entwicklung von Kunz’ vielfältiger Auseinandersetzung mit dem Begründer der Psychoanalyse nicht zu verdecken. Bereits in den Anfängen, im hier wiedergegebenen Aufsatz von ı928, zu dem er später nicht mehr vorbehaltslos stehen konnte, hat Kunz beiläufig differente Ausgangsfragen exponiert. Deren Klärung führt zu jenen disparaten Aufgaben, die es für eine umfassende und sachadäquate Interpretation der Psychoanalyse Freuds anzugehen gilt und in die Kunz sich in der Folge auch eingebunden hat. Seine Untersuchungen bewegen sich in diesem vorgezeichneten Themenspektrum, peilen keine eilfertigen Resultate an und sprechen unkritisch-undifferenzierte Nivellierungen der Freudrezeption ebenso an wie sie selbst­ kritisch früher Gesagtes erweitern, präzisieren und in neuem Licht


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geleitwort und dank

darlegen. Sie konkretisieren in sachlichen Aufweisen Kunz’ Einschät­ zung der Leistungen Freuds und das von ihm formulierte Desiderat für deren Rezeption, wie er sie zu dessen Tod im September ı939 in der Neuen Zürcher Zeitung fordert: «Eines bleibt: das Werk als Dokument eines Menschen, der ein Leben lang in den Grenzen seines Denkens mit einer unerschütterlichen Wahrhaftigkeit die Fackel vorantrug und einen Bereich erhellte, den zu betreten keinem leicht fällt. Es wird darauf ankommen, sie weder verlöschen noch sich von ihr verbrennen zu lassen». Bemerkenswert bleibt, dass Kunz bei aller kritischen Distanz gerade bei seinem Kernthema – der Klärung des spezifischen Gegenstands einer philosophischen Anthropologie – die Apologie Freuds zur Geltung bringt. Hielt er die Legitimation einer Anthropologie auf dem Boden der Psychoanalyse für grundsätzlich unmöglich, hielt er doch entschieden daran fest, dass sich eine umfassende philosophische Anthropologie, die sich an den faktisch geschehenden Vollzügen unseres menschlichen Daseins bewähren soll, den Entdeckungen Freuds nicht entziehen kann. Die bereits in den ı930er-Jahren auf den Weg gebrachte Aufgabe, die philosophische Herausforderung der Psychoanalyse Freuds anzunehmen, bezeugt sich in den vorliegenden, nach ı950 verfassten Schriften – ein Weg, der sich nicht in die gängigen historischen Rubriken der Freudliteratur einordnen lässt. Für die Unterstützung bei der Vorbereitung des vorliegenden Bandes danke ich Ruth Gisi, der Präsidentin der Hans-Kunz-Gesellschaft, und den Vorstandsmitgliedern, insbesondere Hansrudolf Frey und Rosmarie Niggli, für ihren engagierten Einsatz zugunsten der Hans Kunz Ausgabe. Ebenso danke ich der Lektorin beim Schwabe Verlag, Angela Zoller, für die erfreuliche Zusammenarbeit. Ganz besonderen Dank schulde ich meinem Freund David Bürgi, dem Verfasser des ausgezeichneten Vorworts zu diesem Band. Es freut mich sehr, dass wir einen praktizierenden Psychoanalytiker und Kenner des Werkes von Hans Kunz für diese Aufgabe gewinnen konnten.

Wigoltingen, im September 20ı5

Jörg Singer


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Vorwort von David Bürgi

Aus den in diesem Band vereinten Schriften, die Kunz’ langjährige und intensive Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse Freuds dokumentieren, geht deutlich hervor, wie hoch Kunz die Bedeutung von Freuds Errungenschaften einschätzte. In seinem letzten Aufsatz von ı  974 mit dem sprechenden Titel Die Erweiterung des Men­ schenbildes in der Psychoanalyse Sigmund Freuds bezieht Kunz unmissverständlich Position. Von Plessners Meinung, dass vor allem die Ergebnisse der Verhaltensforschung, Kulturanthropologie und frühgeschichtlichen Schädelfunde unser Wissen vom Menschen enorm verändert haben, grenzt sich Kunz entschieden ab  : «Wir würden weder der Verhaltensforschung noch den neuen Schädelfunden noch der Kulturanthropologie, sondern der Psychoanalyse – und das heisst dem Werke Sigmund Freuds – den ersten Rang in der Reihe der das anthropologische Wissen bereichernden wissenschaftlichen Bemühungen einräumen. Keine andere Disziplin hat sich in unserem Zeitalter dermassen intensiv und umfassend dem Menschen, seinem Erleben und Handeln zugewandt wie die Psychoanalyse» (  in diesem Band, 297  ).ı   Kunz hebt im eben zitierten Aufsatz fünf Bei­ träge heraus, mit denen Freud die Psychologie wesentlich bereichert hat  : So ist bei ihm das Alltagsleben zum ersten Mal überhaupt als Thema ins Blickfeld des psychologischen Forschens gerückt  ; er hat die das Menschsein mitkonstitutierende, unaufhebbare Konflikt­

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Im Weiteren wird auf Beiträge in diesem Band ausschliesslich mit Angabe der Seitenzahl verwiesen.


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vorwort

haftigkeit ebenso wie die Wirkmacht der sexuellen Regungen und Wünsche, auch im Blick auf deren eminente Rolle in der Phantasie und im kindlichen Leben, aufgezeigt  ; er bereicherte mit der Erkenntnis der Ubiquität aggressiver und destruktiver Regungen und Wünsche die moderne Psychologie und nicht zuletzt war seine Thematisierung des Todes ein befruchtender Beitrag zu einer um­fassenden Psychologie. Für Kunz stand ausser Frage, dass Freud ­wesentliche Bereiche der menschlichen Wirklichkeit entdeckt und methodisch erschlossen hat – das bleibt dessen singuläre und unvergleichliche Leistung. Trotz dieser deutlich geäusserten Hochschätzung bleibt die Aneignung der Psychoanalyse bei Kunz stets eine kritische. Das kommt in einem Satz zum Ausdruck, der als Maxime seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Psychoanalyse vorangestellt werden könnte, denn – so schreibt er – auf das «vortheoretische, vorbegriffliche ‘Sehen’, d. h. adäquate Verstehen und Deuten Freuds kommt alles für eine positive Kritik an» (    ı   0 ı  , Anm. 24  ). Aus dieser abwägend-be­ wahrenden Perspektive formuliert Kunz jedoch praktisch gegenüber allen zentralen Begriffen und Konzepten der Psychoanalyse grund­ legende Einwände. So kritisiert er psychoanalytische Begriffe wie Trieb, Lustprinzip, Unbewusstes, Sublimierung u.ä., die Libido-, die Aggressions- und die Todestriebtheorie oder die psychoanalytische Auffassung der Phantasie, des Geistes, der Angst und anderes mehr. Trotz dieser fundamentalen Einwände vollzieht sich Kunz’ Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse auch als Apologie, als ein Bemühen, die revolutionären Entdeckungen Freuds gegen tendenziöse Ablehnungen und verfälschende Aneignungen zu verteidigen. Kunz steht ein für den im Grund der Psychoanalyse wirksamen Impuls, unter dessen Wucht die Fragwürdigkeit des Menschen aufgebrochen ist. Denn bei aller Kritik an Freud hat man seinem Mut Respekt zu zollen, mit ruhigem und festem Blick in die Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz geschaut zu haben – das kann niemandem ohne Brüche gelingen. Dass der Erschütterung des Selbstverständnisses des Menschen durch die Psychoanalyse eine genuin philosophische Bedeutung ­zukommt, hat Kunz schon ı  93ı   als Herausforderung gespürt und betont (  es veranlasste ihn, Freud in eine Reihe mit Kierkegaard,


vorwort

Nietzsche und Klages zu stellen  ).2 Die Herausforderung formuliert er ı  950 in Zur wissenschaftstheoretischen Problematik der Psychoanalyse folgendermassen  : «Die schon lange drängende, aber nach wie vor unbewältigte zentrale Aufgabe hinsichtlich der Psychoanalyse scheint uns darin zu bestehen, einerseits den von ihr bei­ gebrachten oder wenigstens behaupteten empirischen Gehalt an ­seelischen Wirklichkeiten aus den ihn durchsetzenden und überwuchernden theoretischen Konstruktionen herauszulösen und seine Gewinnung methodisch einwandfrei oder doch mit einem in den Wissenschaften üblichen relativen Gewissheitsgrad zu sichern  ; und andererseits die Stellung und das Gewicht jenes empirischen Gehal­ tes im Ganzen des Menschen zu bestimmen» (  250 f. ). Diese Aufgabe ist heute noch keineswegs gelöst und scheint sogar etwas aus den Augen verloren worden zu sein. Heute wird dort, wo Freud ernst genommen wird und wo nicht therapeutische Fragen im Vordergrund stehen, vorwiegend eine Art Freud-Exegese betrieben.3 In Kunz’ Dia­log mit der Psychoanalyse hingegen durchweben sich stets die beiden Dimensionen, verkürzt gesagt  : die empirische und die anthro­ pologische. Einerseits wird Kunz’ Blick auf die psychoanalytische Empirie begleitet von der Frage, was das über ein Wesen sagt, das so beschaffen ist, und andererseits stösst Kunz zur anthropologischen Dimension erst durch die zugänglich gemachten faktischen Wirklichkeitsbestände hindurch vor. Das entspricht der Stellung, die Kunz innerhalb der philosophischen Anthropologie der mensch-

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Es ist eigentlich erstaunlich, dass der vielseitig interessierte Scheler in ­einer seiner spätesten Schriften Die Stellung des Menschen im Kosmos, in der es heisst, «dass zu keiner Zeit der Geschichte der Mensch sich so pro­ blematisch geworden ist wie in der Gegenwart» (  Max Scheler  : Die Stellung des Menschen im Kosmos, Bonn ı  99ı  , S. ı  0  ), die Psychoanalyse nicht in ihrer die christliche Tradition destruierenden Kraft herausstellt und sie für diese unglückliche Lage nicht mitverantwortlich macht. Dabei ist das Lesen von Freuds Schriften schwierig, weil er die Sachverhalte, die er gesehen hat, fast durchweg begrifflich inadäquat fasst. Hinter oder durch die Begriffe hindurch wieder zu den vermeinten empirischen Befunden durchzudringen, bedarf einer grossen Arbeit. Deshalb geht, wer sich bei der Auseinandersetzung mit Freud bloss an dessen Begrifflichkeit orientiert, immer am Wesentlichen vorbei.

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vorwort

lichen Wirklichkeit zugewiesen hat, denn er war sich stets der eminenten, jede Anthropologie begleitenden Gefahr bewusst, die darin liegt, das Wesen und die Wirklichkeit des Menschen am Leitfaden ideeller, gedanklich-entworfener Möglichkeiten zu bestimmen. Deshalb müssen in der philosophischen Anthropologie – methodisch konsequent – die Wirklichkeiten den Möglichkeiten vorausgehen. Und dieser menschlichen Wirklichkeit hat sich Freud zugewandt und dabei ein überwältigendes empirisches Material zutage gefördert, das sowohl die Psychologie wie die Philosophie vor schwierige Aufgaben stellt. In beiden Bereichen hat Kunz einen Weg beschritten, der bis heute nichts an Aktualität eingebüsst hat. Verfolgt man, wie sich die Fragen, die Kunz bereits in seinen frühen Schriften bewegten und aus denen heraus er seine Position in Kritik und Apologie gegenüber der Psychoanalyse entwickelt hat, in seinem Spätwerk durchhalten, so gewinnt man den Eindruck, dass seine Stellung zur Psychoanalyse in den Grundfesten nie erschüttert worden ist. Gewiss sind im zeitlichen Verlauf nicht unerhebliche Akzentverschiebungen festzustellen, vor allem die letzten beiden Arbeiten von ı  956 und ı  974 stehen deutlich im Kontext der Frage nach der Natur des Menschen und werfen ein prägnanteres Licht auf die Sinnproblematik und den Geschehenscharakter der menschlichen Existenz. Aber damit wird in den Grundzügen nichts von dem früher Gesagten zurückgenommen oder fallengelassen. Zum Reiz dieser hier versammelten Schriften gehört es, dass nicht nur grosse Teile der Geschichte, wie Kunz die Ergebnisse der Psychoanalyse rezipiert und verarbeitet hat, enthalten sind, sondern dass auch der Werdegang von Kunz’ Denken und Forschen in diesen Texten eingezeichnet ist. Chronologisch den Veröffentlichungen seiner Schriften folgend, seien nun einige zentrale Positionen aufge­ griffen, die der Kunz’schen Positionierung hinsichtlich der Psychoanalyse ihre eigenständige Kontur verleihen.

i.

Hans Kunz, ı  904 geboren, war als junger, leidenschaftlicher Forscher, der sich erst um ı  928 vom Jurastudium ab- und der Philosophie und Psychologie zugewandt hatte, noch der Atmosphäre ausge-


vorwort

setzt, die die Analytiker der ersten Generation umgab. Seine frühen Schriften sind denn auch insofern eine Art Zeitdokument, als darin der hitzige Kampf um die Anerkennung der Psychoanalyse deutlich spürbar wird. Die in rascher Reihe in verschiedenen Zeitschriften abgedruckten Aufsätze, beginnend mit dem ı  928 erschienen Zur grundsätzlichen Kritik der Individualpsychologie Adlers 4 und endend mit der fast zu einem Buch angewachsenen, ı  93ı   in vier Folgen im Zentralblatt für Psychotherapie veröffentlichten Arbeit Die Psy­ choanalyse als Symptom einer Wandlung im Selbstverständnis des Menschen, greifen entschieden in die aktuellen Diskussionen ein.5 Der schon bald sich etablierende, ganz der Sache verpflichtete und diese im Gespräch mit anderen Forschern entfaltende Duktus von Kunz’ Arbeiten wird hier noch angetrieben von leidenschaftlichen und kämpferischen Zügen  : Kunz’ Hoffnung auf eine Entwicklung der Psychoanalyse in der Gemeinschaft von Forschenden spricht sich darin aus 6 – bereits zehn Jahren später ist dieser Glaube ausgenüchtert und trägt still resignative Züge. 4 5

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Es ist vorgesehen, diesen Aufsatz in Band ı  0 der Hans-Kunz-Edition aufzunehmen. Die erste Periode der Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse kulminiert in dem, vermutlich als Dissertation konzipierten und als umfangreiches Fragment im Nachlass zurückgebliebenen Buch Die philosophische Bedeutung der Psychoanalyse, das zwischen ı  93ı und ı  940 verfasst worden ist und das mit einer neuen Folge psychoanalytischer Schriften ebenfalls im angekündigten Band ı  0 erstmals veröffentlicht werden soll. Mit Blick auf die Klages’sche Lehre von der Dualität von Seele und Geist, der Kunz attestiert, dass sie die unausweichliche Fragwürdigkeit und Brüchigkeit des Menschen adäquater fasst als es die Psychoanalyse mit ihrer Triebreduktion des Geistes und Todes vermag, gibt er seiner Überzeugung Ausdruck, dass «sich eine Krisis der Psychoanalyse nicht aufhalten lässt  ; sie ist keine Erfindung und Wunschphantasie Prinzhorns, vielmehr liegt sie im Zuge der Sache – wenn auch freilich nicht in ihrer schulmässigen, dogmatischen Vertretung. Die Krisis wird sich einerseits in der Erhellung des bislang verborgenen metaphysischen Fundamentes der Psychoanalyse und in der Durchbrechung des dadurch verdeckt vorgezeichneten Deutungshorizontes auswirken  ; ineins damit wird der psychoanalytische Grundimpuls erneut zum Ausschwingen-können frei gegeben, so dass nicht nur – wie bisher – der christlich-idealistische, sondern auch der eigene haltgewährende Boden zerschlagen wird» (  ı  83  ).

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vorwort

In den um ı 930 entstandenen Arbeiten kreuzt Kunz nicht bloss mit Adler, Kronfeld und Bernfeld die Klinge, er nimmt auch dezidiert Stellung zu den Freud-Schülern. Diese stünden, schreibt er ı  93ı  , «einer sachlichen Prüfung der Freudschen Erkenntnisse» heute «mehr im Wege» als manche Gegner (  87 ). Auch Freud, den Kunz zeitlebens nicht bloss der Singularität seiner Entdeckungen wegen, sondern auch aufgrund seiner Menschlichkeit und seiner Wahrhaftigkeit hoch schätzte, wird in diesen frühen Arbeiten auf eine Weise angegriffen, wie Kunz es in seinen späteren Schriften vermeiden wird. Sogar einige Sätze zu einer «Psychologie» Freuds sind in diese frühen Arbeiten eingestreut. So wird Freud ein «ungeheurer Beherrschungs- und Machtwille» (  92 ) attestiert oder es wird ihm Treulosig­ keit gegenüber dem eigenen Ansatz – Kunz sieht in der Psychoanalyse eine existenzielle Psychologie am Werk – vorgeworfen.7 In diesen Schriften der frühen ı  930 er-Jahre versucht Kunz dafür zu sensibilisieren, dass in der Psychoanalyse faktisch etwas geschieht, das – aus unterschiedlichen Gründen – weder von Freud selbst noch von seinen Schülern zureichend verstanden wurde. Mit der Psychoanalyse ist die Fragwürdigkeit und Brüchigkeit des Menschen aufgebrochen, aber zugleich auch wieder verdeckt worden. Aus diesem Grund hat Kunz in der Psychoanalyse auch nur ein Sym­ ptom der Wandlung im Selbstverständnis des Menschen erkennen können.8 Das Bodenloswerden der menschlichen Existenz wird sowohl in der psychoanalytischen Methode als auch in der psychoanalytischen Therapie greifbar. Um das Gemeinte zu verdeutlichen, sei zuerst auf das Widerstandsargument verwiesen. Es war für Freud eine erstaunliche Entdeckung, dass der Patient, der von der Behandlung doch eigentlich Hilfe erwartet, einen Wider7

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Vgl. dazu  : «Wem Freuds Entdeckungen zum ausdrücklich ergriffenen Schick­sal wurden – wie kann der sich beruhigen, ohne sie in ihrem eigentlichen Gehalt zu fliehen ? Weshalb aber das Ernstnehmen der Psychoanalyse eine Schulbildung wesenhaft ausschliesst, warum Freud dem eigentlichen Impetus seiner Sache mit ihrer Dogmatisierung treulos wurde, das lässt sich erst den weiteren Darlegungen entnehmen» (  95 f. ). Vgl. die beiden Aufsätze Die existentielle Bedeutung der Psychoanalyse in ihrer Konsequenz für deren Kritik (  49–72  ) und Die Psychoanalyse als Sym­ ptom einer Wandlung im Selbstverständnis des Menschen (  75– ı  84  ).


vorwort

stand gegen die analytische Arbeit richtet, und zwar immer und immer wieder auf unterschiedliche Weise. Das Erkennen dieser Macht war wohl ein zentraler Impuls, der Freud die Idee eines dynamischen Unbewussten aufdrängte und ihn nötigte, das Verfahren zu entwickeln, das wir heute als Psychoanalyse kennen. Gemäss der Auffassung Freuds muss sich die analytische Arbeit um den Widerstand herum organisieren. «Ja, wir verstehen endlich, dass die Überwindung dieser Widerstände die wesentliche Leistung der Analyse und jenes Stück der Arbeit ist, welches uns allein zusichert, dass wir etwas beim Kranken zustande gebracht haben».9 «Was immer die

9 S. Freud  : Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Gesammelte Werke xi (  Londoner Ausgabe  ) , S.30ı  . Vergleiche zum Problem des Widerstan­ des die überaus lehrreichen Ausführungen von H. Thomä und H. Kächele in Lehrbuch der psychoanalytischen Therapie, Bd. ı    : Grundlagen, Berlin ı  986, S. ı  0 ı ff. Es muss hier unterschieden werden zwischen der Funktion, in der der Widerstand in der psychoanalytischen Therapie konzeptualisiert worden ist, und dem anthropologischen Faktum, dass der Mensch sich selber immer teilweise verborgen ist, dass in ihm etwas waltet, das ihn sich über sich selbst immer auch täuschen lässt. Es ist von eminenter Wichtigkeit, wie dieses Faktum menschlichen Seins interpretiert wird, ob ihm eine verborgene Tendenz, quasi eine ‘Absicht’ unterstellt wird oder ob man darin ein metaphysisches Geschehen am Werke sieht. Die Psychoanalyse hat mit der Postulierung des Unbewussten und der prekären Stellung des Ichs innerhalb der Person eine eigene Deutung dieses konstitutiven Zuges des Menschen gegeben und ist der faszinierenden, zu grossen Spekulationen verführenden Macht – erzeugt durch die Leere und Dunkelheit des Begriffes vom Unbewussten selbst – in unterschiedlichem Grade erlegen. Es ist hier nicht der Ort, diesem Problem nachzugehen. Aber es soll doch der Hinweis ge­ geben werden, dass die Konzeption des Begriffes Widerstand im Rahmen der Therapie durchaus eine problematische ist  : Einerseits weil er implizit verschiedene Voraussetzungen macht (  u. a. muss der analytische Prozess selbst als von einem ihm inhärenten Ziel getragen gedacht werden, von einem Ziel, das aus sich heraus dem Prozess, in einer Art Unabhängigkeit von den beiden beteiligten Subjekten, eine Richtung verleiht oder auf das zumindest ein [unbewusster] Wunsch gerichtet sein muss – wobei auch hier unklar bleibt, wie das wünschende Subjekt gedacht werden müsste, das solches wünschen kann  ), anderseits weil die Konzeption des Widerstandes für die Therapie methodisch und menschlich gefährlich ist. Wer weiss denn, was wann ein Widerstand ist und wogegen er sich richtet ? Woher nimmt der

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vorwort

Fortsetzung der Arbeit stört, ist ein Widerstand».ı  0 Dieses Stören der analytischen Arbeit ist dem Patienten zumeist kaum bewusst, er sieht und versteht seine Widerstände nicht, er vollzieht sie. Die therapeutische Arbeit am Widerstand entwickelt einen Prozess, der den Patienten an das Unbewusste heranführt, wodurch das Selbstverständnis des Patienten, eben weil es sich um dem Bewusstsein nicht zugängliche Motive, Haltungen, Wünsche, Ängste u.a. handelt, zum Teil tiefgreifend erschüttert wird. Kunz verweist mit Recht darauf, dass in der Psychoanalyse «an der Wahrheit und Evidenz der Selbstbesinnung» grundsätzlich gezweifelt wird und an ihre Stelle das gerückt ist, «was man die ‘existentielle Bewährung’ nennen könnte  : es geht nicht um das, was einer von sich weiss und aussagt und wie er sich selbst ‘deutet’ – zumal das ungewollte Sich-selbst-täuschen wesenhaft zum Menschen gehört – sondern um das, was er ‘ist’. Und das ‘Menschsein’ ist durchaus nichts Eindeutiges, Durchsichtiges, Klares, vielmehr etwas von Grund aus Fragwürdiges, Vieldeutiges, Dunkles. Die adäquate, wahrheitsgemässe Erkennung dessen, was im Menschen ‘verdeckt’ geschieht, und was er faktisch ist, muss ihm ‘aufgezwungen’, den in ihm wirkenden Tendenzen zur Verschleierung und Selbsttäuschung entrissen werden  : darin liegt der eigentliche Sinn der ‘Überwindung’ des ‘Widerstandes’» (  57 f. ).ı  ı   Oft genug sieht sich der Patient in der Therapie mit mächtigem Unbekanntem konfrontiert, das sein Selbstverständnis und seine Haltun-

Therapeut die Kriterien, um diese Fragen zu beantworten ? Nicht bloss der Patient sieht sich mit Ungreifbarem und Unbewusstem konfrontiert, sondern auch der Analytiker wird durch den analytischen Prozess in die Fragwürdigkeit mit hineingezogen  ; er selber ist ihm ausgeliefert, um es pointiert zu sagen  : auch er ist teilweise blind. Wenn der Analytiker aber weiss, was als Widerstand zu deuten ist, und sich nicht inne bleibt, dass sich faktisch erst im Nachhinein enthüllen kann, was Widerstand war (  allenfalls auch bei wem  ) und wogegen er sich richtete, dann behält der Analytiker mit der Deutungsmacht, die er usurpiert, die Situation in der Hand. ı  0 S. Freud  : Die Traumdeutung und über den Traum, Gesammelte Werke ii/ iii, S.52ı  . ı  ı   Es wird hier nicht darauf eingegangen, wie es sich verhalten mag mit der in diesem Zitat greifbar werdenden aufklärerischen Überzeugung Freuds, nach der Wahrheit heilsam sein soll.


vorwort

gen zu verwandeln beginnt, oft wird er in der Therapie von der Fragwürdigkeit und Bodenlosigkeit des eigenen Seins berührt. Dieser Fragwürdigkeit und Bodenlosigkeit sind beide Beteiligten eines analytischen Prozesses ausgesetzt  : der Analytiker genauso wie der Pa­ tient (  aber auch derjenige, der sich der psychoanalytischen Aussagen kritisch zu stellen versucht  ). Darin liegt die existenzielle Bedeutung der Psychoanalyse – auch für deren Kritik – beschlossen. Wie bereits gesagt, zeigt sich die Fragwürdigkeit des Menschen auch in der Psychoanalyse erst aufgrund der nach der triebhaft-sinnlichen Herkunft der unterschiedlichsten Phänomene fragenden Methode. Dieser genetischen Perspektive unterwirft die Psychoanalyse – wenigstens der Tendenz nach – alles menschliche Erleben und Verhalten und sie hat aufgrund des lebensgeschicht­lichen Kontinuums auch prinzipiell ein Recht dazu. Auf diese Weise vermag sie die Determiniertheit, oder zutreffender und bescheidener formuliert  : die unausweichliche Bedingtheit allen menschlichen Erlebens und Ver­ haltens von bis in die frühe Kindheit zurückreichenden Lebenserfah­ rungen aufzuweisen  ; alles menschliche Erleben und Gebaren zeigt, so gesehen, dass es vom primitiv-triebhaften, vital-emotionalen, leiblich-sinnlichen Grund und dessen, durch den Zusammenstoss mit den bedeutsamen Andern sich ausbildenden, konflikthaften Schicksal mitgetragen wird. Die genetische Perspektive stösst in die Tiefe der Existenz und bringt sie in ein Suchen und Schweben. Dieser Impuls kann seinem Wesen nach nirgends Halt machen und scheitert schliesslich immer an den komplexen lebensgeschicht­ lichen Bedingtheiten und Abhängigkeiten. Nie kann er sich ganz ­sicher sein, wonach er suchen muss, nie weiss er mit beruhigender Gewissheit, was er finden soll. Am Ende führt die Bewegung der genetischen Fragerichtung auch zu einer besonders ausgelegten Historisierung des menschlichen Lebens.ı  2 Der menschlichen Bodenlosig-

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Die Vergangenheit mit ihrem Lastcharakter scheint in dieser Perspektive die Bedeutung, die der Gegenwart und der Zukunft zukommt, fast gänzlich zu verschlingen. Ebenso muss in diesem Kontext die Eigentümlichkeit der Psychoanalyse gesehen werden, dass sie «Züge, die zum Wesen des Menschen gehören, in Entwicklungsprodukte» umdeutet (  ı  ı  5  ). Kunz zeigt in Bezug auf das Gewissen, was er damit meint  : Es lässt sich aus der genetisch-

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vorwort

keit und Brüchigkeit selbst verdankt sie ihren primären Impuls, sie macht sie spürbar und verschleiert sie in den psychoanalytischen Auslegungen aber zugleich auch wieder. Denn das Wonach des Fragens steht für Freud und die orthodoxe Psychoanalyse fest  : es ist die ödipale Situation.ı  3 Dabei gehört gerade das Aushalten des NichtVerstehens kernhaft zur psychoanalytischen Haltung ebenso wie das stete Eingeständnis, dass man als Analytiker über Ziele und Wege nie sicher verfügen kann.ı  4 Die Frage, wie nun die Psychoanalyse

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lebensgeschichtlichen Herangehensweise «niemals so etwas wie das Ge­ wissen-, Reue- oder Schuldgefühl-haben-können erhellen, sondern immer bloss dessen faktische Inhaltsgestaltung» (  ı  ı  7  ). In der Überzeugung, dass die Erhellung der Genese eines Phänomens der beste Weg zu dessen Wesens­ erfassung sei, meint die Psychoanalyse mit den ersten Angst- oder Schuldanlässen den Ursprung dieser Wesenseigentümlichkeit des Menschen aufgedeckt zu haben. Damit sei nun aber keineswegs geleugnet, dass der Erfahrung, die beim erstmaligen Auftreten eines Phänomens gemacht wird, ein enorm prägendes Gewicht für die Zukunft zukommen kann. Aber mit den Begriffen wie Übertragung, Regression, Wiederholungszwang, Fixierung, konservative Natur der Triebe u. a. hat Freud Probleme der Geschichtlichkeit des Menschen lediglich angedeutet und aufgeworfen, aber keinesfalls gelöst, was sich «hinreichend aus Naivität und Unausdrücklichkeit verstehen» lässt, «mit welcher die Psychoanalyse an die geschichtliche Problematik des Menschen herantrat und verharrt» (  ı  08 ). Dass in der Nachfolge Freuds mehr die prägenitalen, d. h. die oralen und analen, teilweise sogar die präverbalen, ganz im Leiblichen zentrierten Konfliktkonstellationen und Erlebnisweisen ins Zentrum des Verstehens und Deutens gerückt worden sind, hängt einerseits zweifellos mit der zu den Ursprüngen drängenden Fragerichtung selbst zusammen, ist also gleichsam ein Artefakt. Andererseits ist dies aber auch der Zuwendung der Analytiker zu den frühen Störungen (  Persönlichkeitsstörungen, Psychosen und posttraumatischen Belastungsstörung  ) geschuldet. Allerdings muss es zu denken geben, dass viele Fälle, über die Freud geschrieben hat, heute zweifellos nicht unter die sogenannten neurotischen Störungen subsumiert werden können. Von daher drängt sich die Frage auf, ob mit diesem Rückgang auf Früheres auch faktisch wirkmächtigere Motive und Gestaltungskräfte erschlossen werden oder ob dieser Rückgang nicht der persönlichen Gleichung des Analytikers geschuldet ist oder seiner Art, mit dem Patienten besser in Kontakt zu kommen. Diese Haltung spricht auf eindrückliche Weise aus dem Lacan verpflich­ teten Buch von C. Kläui  : Psychoanalytisches Arbeiten, Bern 2008. «Beim


vorwort

das in Therapie und Methode aufgestossene Offene wieder schliesst, kann nur auf dem Hintergrund der Klärung der anthropologischen und metaphysischen Voraussetzungen der Psychoanalyse erörtert werden. Welche metaphysischen Voraussetzungen liegen den psychoanalytischen Deutungen zu Grunde? Wie nimmt die Psychoanalyse den Menschen in den Blick? Woraufhin versucht sie ihn auszulegen? Und wo kommen die psychoanalytischen Erkenntnisbemühungen zur Ruhe? Aus der geschichtlichen, vor allem der christlich geprägten Situation, in die hinein die Psychoanalyse gestellt war, lässt sich auch verstehen, an welcher Stelle die Fragwürdigkeit des Menschen aufbrechen musste, nämlich an der Sinnlichkeit. Kunz schreibt  : «… und so bildet denn zumal die sexuelle Triebhaftigkeit den ausschliesslichen Horizont der psychoanalytischen Interpreta­ tionen des menschlichen Seins. Sie allein macht aber das letztere nicht fragwürdig, so wenig wie die andere ‘Macht’ im Menschen …| die ‘Geistigkeit’. Erst das konkrete ‘Zusammen’ der beiden Mächte oder vielmehr ihre ursprüngliche Geeintheit, nicht ‘Einheitlichkeit’, begründet die menschliche Existenz in ihrer ständigen Bedrohtheit und Gebrochenheit. Und wenn nun Freud den ‘Geist’ als Triebderivat auslegt – wie vor ihm schon Schopenhauer u.a. – so vollzieht er damit jene Fluchtbewegung lediglich in umgekehrter Richtung, die im Christentum die Sinnlichkeit als ‘Abfall’ und ‘Sünde’ interpretieren liess» (  63 f. ). Damit steht die Psychoanalyse auf dem gleichen Boden des metaphysischen Deutungshorizontes wie die christliche Tradition. Aufgrund weiterer herausgearbeiteter Wesenszügen dieser psychoanalytischen Anthropologie ı  5 stellt Kunz folgende Fragen  :

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psychoanalytischen Arbeiten geht es … nicht um ein Verständnis, das immer schon da ist, sondern um die Möglichkeit zu verstehen und um das Wahrnehmen des Nicht-Verstehens. Für den Analytiker geht es einerseits darum, nicht durch Unverständnis Bereiche unseres Fühlens, Erlebens und Denkens aus dem Gespräch auszuschliessen, und andrerseits darum, nicht durch voreiliges Verständnis das Befragen unseres Fühlens und Erlebens zu verschliessen. So gilt es, zunächst einmal nicht zu verstehen» (  ebd., S. 59  ). Später wird Kunz von einer latenten Anthropologie reden, weil sie eben von Freud nicht ausdrücklich gesehen und gefasst worden ist. Sie kann nur aus den die Psychoanalyse weltanschaulich tragenden, aus den wertenden und den ihre Empirie leitenden Zügen erschlossen werden.

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«Was bedeutet es, dass Freud die Eigenart und Ursprünglichkeit des Geistes negierte?, das Faktum des Todes als Resultat eines Todes­ triebes interpretierte?, das wesentliche Gewicht des menschlichen Seins in die frühkindliche Vergangenheit verlegte und Gegenwärtigkeit und Zukünftigkeit relativ wenig beachtete?» (  ı  70 f.  ) «Ist es …| nur Zufall, dass Freud – geleitet von den Phantasien seiner Patienten – den Tod mit der Geburt identifiziert, indem Todeswünsche sich als Wiedergeburts- und Mutterleibsphantasien erweisen?» (  ı  77  ). «Warum hat er gerade sie [die Mutterleibsphantasien] nicht in ihrem Flucht- und Selbsttäuschungscharakter erkannt?» (  ı  78  ). In der Schrift von ı  93ı   gibt Kunz eine Antwort  : «Wenn wir behaupten, Freud sei faktisch mit der Schaffung seiner Psychoanalyse vor dem Tode zurückgewichen, und darin den letzten metaphysischen Sinn der Psychoanalyse überhaupt erblicken, so stossen wir damit freilich in eine Problemdimension, die sich Freud wahrscheinlich nicht mehr erschlossen hat. Im Hinblick darauf ist das Verharren in der psychologischen Sphäre als solches bereits Ausdruck einer metaphysischen Flucht – insofern alle Psychologie den Tod nicht als existenzielles, metaphysisches, geschehendes Faktum versteht, vielmehr als blosses ‘Erlebnis’, wenn nicht gar nur als ‘Vorstellungsinhalt’. Daher ist denn auch Freud (  und mit ihm die ganze Psychoanalyse  ) nicht an den Tod als hereinbrechendes Ereignis herangekommen. Was er aufzuhellen versuchte, muss als onto- und phylogenetische Geschichte der Todesvorstellungen bezeichnet werden – eine psychologisch zweifellos bedeutsame Fragestellung – die jedoch notwendig die Wirklichkeit des Todes negiert  : denn das Nichts lässt sich in der Tat nicht ‘vorstellen’» (  ı  74  ).

ii. Der Nachruf für Sigmund Freud zeigt eindrucksvoll die zwischen Zustimmung und Kritik gespannte Haltung Kunz’ zur Psychoana­ lyse und markiert zugleich das Ende einer ersten Periode seiner Veröffentlichungen zu Freud. In der Folge tritt das Thema der existenziellen Bedeutung der Psychoanalyse in den Hintergrund. Blieb die sachliche Auseinandersetzung in Kunz’ frühen Arbeiten auch deutlich eingebunden in die kämpferische Diskussion um den wissen-


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