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Der Traum der Traumdeutung

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Zßrcher Philosophische Vorträge 2

Peter Widmer Der Traum der Traumdeutung Der Nabel des Traums und das Reale des Psychischen

Schwabe


ZÜRCHER PHILOSOPHISCHE VORTRÄGE HERAUSGEGEBEN VON WOLFGANG ROTHER

SCHWABE VERLAG BASEL


ZÜRCHER PHILOSOPHISCHE VORTRÄGE 2

Peter Widmer Der Traum der Traumdeutung Der Nabel des Traums und das Reale des Psychischen


Copyright © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3411-9 www.schwabeverlag.ch


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Freuds Traumdeutung wurde im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert geschrieben und erschien just zu Beginn des 20. Jahrhunderts, also ziemlich am Anfang der psychoanalytischen Bewegung. Es sollte ein Schlüsselwerk bleiben, für die Psychoanalyse, für die Traumdeutung und für das Unbewusste. Der Begründer der Psychoanalyse sprach in diesem Zusammenhang von der «Via regia zur Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben».1 Philosophen haben sich von jeher für Träume interessiert, sei es, dass sie dort Wahrheiten zu entdecken, Voraussagen abzuleiten oder Aufschluss über das Funktionieren des Seelischen zu gewinnen erhofften. In besonderer Weise wurde der Traum für Descartes ein Thema: Auf dem Weg zur Entdeckung des cogito, da, wo er im Discours de la méthode alles in Zweifel zieht, auch die sinnliche Wahrnehmung, stellt er fest, dass er keine letzte Gewissheit habe, ob er nicht träume, da, wo er glaube, vor dem Kamin zu sitzen. Descartes radikalisiert dabei das Argument des Zweifels, das Menschen befällt, die in eine besondere Situation geraten sind, sei es, dass sie eine überwältigende Nachricht erfahren haben, die sie zunächst nicht glauben können, sei es, dass sie in eine nicht voraussehbare Konstellation geraten sind, von der sie sagen, sie wähnten sich im «falschen Film». Der Film hat ja auch etwas Traumartiges, und wer hätte beim Anblick bestimmter Szenen nicht schon erfahren, von Gefühlen übermannt worden zu sein, obwohl doch der Unterschied zwischen Figuren auf der Leinwand und solchen im täglichen Leben ganz klar zu sein scheint. Der Film zeigt uns, dass die Grenze zwischen Traum und Realität, zwischen Wirklichkeit und Fiktion keineswegs fest gezogen werden kann. Man könnte das Geschehen auf der Leinwand das Unwirkliche des Wirklichen oder auch das Wirkliche des Unwirklichen nennen. So oder so, es zieht uns in den Bann, und dies, weil es offenbar etwas in uns anspricht, das sich äußerlich darstellt, was sonst, unsichtbar, im Gedächtnis aufbewahrt wird.

1 S.

Freud: Die Traumdeutung (1900). Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey, II (Frankfurt am Main 1972) 577.


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Die Annahme des Unbewussten

Was hat das alles mit dem Unbewussten zu tun? Für das, was ich zu beschreiben versucht habe, braucht es doch keine Annahme des Unbewussten! Dieser Einwand hat eine lange Tradition in der Geschichte der Philosophie, bis zu Heidegger, der sich gegen die Einführung des Unbewussten gewehrt hat.2 Demgegenüber ist das Unbewusste ein Ausdruck, der in der Philosophie häufig vorkommt. So hat der belgische Philosoph Georges Dwelshauvers vor fast hundert Jahren acht oder neun Formen des Unbewussten festgestellt3 – aber sie haben nichts zu tun mit dem Freud’schen Unbewussten, sondern sie bezeichnen das Nicht-Bewusste, das mehr oder weniger Bewusste. Am ehesten ließe sich das Kant’sche Ding-an-sich mit dem Freud’schen Unbewussten in einen Bezug setzen, aber auch da bleibt die Differenz groß. Was ist also das Freud’sche Unbewusste, und bevor dieser Frage nach­ gegangen wird: wozu ist seine Annahme nötig, wie lässt sie sich rechtfertigen? Eben haben wir doch gesehen, dass der Traum keineswegs unbewusst ist, ebenso wenig wie ein Film, wozu also die Rede von der Via regia zum Unbewussten? An dieser Stelle sind die Erfahrungen von psychoanalytischen Kuren von Belang für die Philosophie. Zwar trifft es zu, dass das Traumgeschehen bewusst und oft gar nicht so verschieden ist von dem, was im Wachzustand geschieht, der einem manchmal auch traumartig vorkommen kann, aber der Weg zur Affirmation des Unbewussten führt über das Traumgeschehen hinaus, vielmehr: hinter es zurück. Wenn nämlich das Subjekt, das eben geträumt hat und nun erwacht, sich an den Traum erinnert, zu dessen Geschehen assoziiert und dabei so verfährt, dass auch unscheinbare Elemente berücksichtigt werden, dann beginnt sich allmählich ein Geflecht von Gedanken abzuzeichnen, das für das Traumgeschehen bestimmend war. Wir haben also einerseits ein Geflecht von Gedanken, die sich sprachlich formulieren und mitteilen lassen, andererseits den Traum selbst, der meist bildhaft abläuft, bisweilen unterbrochen von Stimmen oder von Aussagen. Das Unbewusste hat mit dieser Schrift, Vor-Schrift zu tun, die sich 2

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M. Heidegger: Zollikoner Seminare, hg. von Medard Boss (Frankfurt am Main 1987) 260. G. Dwelshauvers: L’Inconcient (Paris 1916).


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selber nicht zeigt, sondern bildhaft dargestellt wird, wobei Freud in diesem Zusammenhang nicht nur von Rücksicht auf Darstellbarkeit spricht, sondern auch von Verdichtung und Verschiebung. Die Traumarbeit, also die Umsetzung der Gedanken in den Traum, steht dabei vor vergleichbaren Problemen wie etwa das Fernsehen: Wenn z.B. in der Tagesschau Reportagen über unanschauliche Sachverhalte thematisiert werden, die Darstellung aber durch das Medium visualisiert werden muss, so behelfen sich die Fernsehmacher damit, dass sie Gegenstände zeigen, die mit dem Thema assoziativ verbunden sind. Geht es z.B. um die Frage des monetären Wechselkurses, so sieht man als Fernsehzuschauer das Gebäude der Nationalbank oder einen beschädigten Euro oder eine Menge von Banknoten u.a.m. Diese Bilder dienen der Unterstützung der sprachlichen Mitteilung, aber sie allein wären nicht imstande, abstrakte Sachverhalte darzustellen. Der Traum behilft sich dabei noch anderer Mittel, wie Freud gezeigt hat: Übertreibungen, Verkehrungen ins Gegenteil, Wiederholungen, Auslassungen. Zu dieser Rücksicht auf Darstellbarkeit kommt noch hinzu, dass der Traum den Schlaf schützen, das Ich nicht wecken möchte, so dass die Umsetzung nächtlicher Gedanken zu Bildern auch listig vorgehen muss, um die Ruhe des Ichs nicht zu stören und seinen Interessen an Wohlanständigkeit, die sich im Zensurieren von verpönten Inhalten manifestiert, ein Schnippchen zu schlagen. In diesem Zusammenhang spricht Freud vom Traum als Rebus, bei dem man in die Irre gehen würde, wenn man beim Versuch, das Traumgeschehen zu verstehen, auf die Bilder und nicht auf die Zeichen, die sie tragen, abstellen würde. Genauso ist es übrigens bei Symptomen oder auch beim Witz: Wenn der Patient nach der Konsultation beim Arzt in gebeugter Haltung aus dessen Praxis kommt und auf die Frage nach dem Grund dafür antwortet, der Arzt habe ihm gesagt, vorbeugen sei besser als heilen, so sieht man daraus, dass das Bildhafte seinen Sinn nicht wiedergibt, sondern eben entstellt. Auch bei Symptomen, sogar körperlichen, hat man in der Psychoanalyse seit ihren Anfängen festgestellt, dass sie, indem sie etwas zeigen, zur Schau stellen, zugleich etwas verdecken. Bleiben wir bei der Behauptung des Unbewussten. Wir haben uns einem Zugang angenähert, indem wir nächtliche Gedanken als unbewusst auffassten. Sie lassen sich mit einer Schrift vergleichen, auch dem Gedächtnis zuordnen, aus dem sie entspringen. Freud hat das getan, indem er vom


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Wunderblock sprach und ihn mit dem Gedächtnis verglich. Der Wunderblock ist ein Gerät, das heute kaum mehr verwendet wird. Es besteht aus einer Wachstafel, über die ein Seidenpapier gespannt ist, auf dem wiederum ein Zellophanpapier liegt. Wenn man nun mit einem spitzen Gegenstand auf das Zellophan drückt, erscheint darauf ein Abdruck, weil sich das Seiden­papier unter dem Druck des spitzen Gegenstandes in das Wachs ritzt und dabei dessen Farbe annimmt. Wird das Seidenpapier mithilfe einer Vorrichtung wieder vom Wachs abgelöst, so verschwindet der Wachs­ abdruck, das Seidenpapier nimmt seine ursprüngliche Farbe an. Was bleibt, ist ein Engramm auf dem Wachs, das jedoch nicht sichtbar ist. Freud hat nun festgestellt, dass mit diesem Gerät das Gedächtnis gut veranschaulicht werde, mit einem bedeutsamen Vorbehalt: Das wirkliche Gedächtnis ist aktiv, die Wachstafel kann jedoch nicht aktiv werden; die Schrift schreibt sich immer wieder neu, überrascht dadurch selbst das Ich. Um beim Traum zu bleiben: Die aktive Rolle des Gedächtnisses, in dem alles Mögliche an Erfahrungen und Erlebnissen eingeschrieben ist, zeigt sich darin, dass von ihm Impulse ausgehen, die sich als Gedanken in sprachlichen Formen darstellen, die dann unter den Bedingungen des Traums zu Bildern transformiert werden und damit ins Bewusstsein kommen. Zwei Folgerungen drängen sich nun auf: Erstens, das Unbewusste ist aktiv, es ist auch dann tätig, wenn das Ich schläft, die Motorik weitgehend reduziert und kein Gesprächspartner anwesend ist. Es denkt dort, wo das Ich nicht ist, und es schickt seine Gedanken mittels Sprache, die sich wiederum in Bilder repräsentieren, in das Bewusstsein. Zweitens, der Gegensatz zwischen Bewusstem und Unbewusstem ist nicht so groß, wie es aufgrund der Wörter «unbewusst» und «bewusst» vermutet werden könnte. Der Träumer erlebt, erleidet ja das Traumgeschehen, gleichwohl muss man sagen, was er erlebt, ist der manifeste Traum; der latente Traum, also die Traumgedanken, auch das sich im Traum ausdrückende Begehren, bleiben dagegen unbewusst – aber eben nicht so, dass es zwei verschiedene Ebenen gibt, sondern dass sich die latenten Gedanken im manifesten Geschehen wie auch immer entstellt darstellen.


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Traumdeutung und ihre Grenzen

Beide Folgerungen, dass das Unbewusste aktiv sei, und dass der Gegensatz von bewusst und unbewusst nicht in dem Maße zutreffe, wie man dies gewöhnlich annimmt, führen zu Fragen, auf die ich zurückkommen werde.4 Für den Moment bleiben wir beim Traum, bei der eigenartigen Verknüpfung von Latentem und Manifestem. Sie erlaubt es offensichtlich, den Traum zu deuten, wobei Deuten einer Rückgängigmachung der Traum­ entstellung, der Verwandlung der latenten Gedanken in Bilder, gleichkommt. Es geht also darum, «hinter» oder vielmehr «in» den Traumbildern, durch sie hindurch das Geflecht von Gedanken zu erkennen, die sich sprachlich ausdrücken lassen. Verschiebungen und Verdichtungen werden auf ihr ursprüngliches Material zurückgeführt, das Dargestellte daraufhin befragt, inwiefern es abstrakte, unanschauliche Sachverhalte illustriert. Damit sind wir in den Gefilden der Hermeneutik. Aber wir müssen sogleich zur Kenntnis nehmen, dass Freud nicht nur ihre Grenzen aufgezeigt hat und eher den Akzent darauf legte, die Mechanismen der Traumarbeit aufzudecken, sondern dass er das Aufdecken der unbewussten Gedanken keineswegs gleichsetzte mit dem Finden von letzten Wahrheiten. Vielmehr erkannte er in ihnen Wunschhaftes: zum einen den Wunsch zu schlafen, der oft zu ausgedehnten Romanen führt, die vor allem den Sinn haben, nicht zu erwachen; zum anderen die narzisstischen Wünsche, solche, gut dazustehen, anderen die Schuld an Versäumnissen und Irrtümern anzulasten, unliebsame Entdeckungen oder Einsichten umzubiegen. Es ist also nicht so, dass die Traumdeutung gänzlich in Hermeneutik aufgeht. Freud schreibt dazu: In den bestgedeuteten Träumen muß man oft eine Stelle im Dunkel lassen, weil man bei der Deutung merkt, daß dort ein Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will, aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies ist dann der Nabel des Traums, die Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung gerät, müssen ja ganz allgemein ohne Abschluß bleiben und nach allen Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt auslaufen. Aus einer dichteren Stelle dieses Geflechts erhebt sich dann der Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium.5 4 5

S. unten S. 10–11. S. Freud: Die Traumdeutung, 503.


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Wir können dieses Geflecht, Mycelium mit dem Geflecht der Gedanken gleichsetzen, die in Sprache gefasst werden. Da es im Traum verborgen bleibt, können wir es als unbewusst bezeichnen. Aber dann stellt sich sogleich die Frage, ob das das Unbewusste ist, von dem Freud an anderen Orten spricht. Das Zitat, in dem der «Nabel des Traums» vorkommt, gibt nicht genügend Aufschluss, ebenso wenig wie die Stelle, wo Freud vom Unerkannten spricht. Nehmen wir deshalb die Arbeit, in der es sich explizit mit dem Unbewussten verfasst, mit dem Text also, den er mit Das Unbe­ wusste (1915) betitelt hat und der fünfzehn Jahre später als Die Traum­ deutung (1900) erschienen ist. Freud verwendet hier das Begriffspaar «Sachvorstellungen» und «Wortvorstellungen». Linguistisch ausgedrückt heißen die Termini Signifikant (Bezeichnendes) und Signifikat (Bezeichnetes). Das Unbewusste wird nun nicht mit den Wortvorstellungen gleichgesetzt, sondern mit den Sach­ vorstellungen. Das Unbewusste wird demzufolge nicht als sprachlich gedacht, sondern als bildhaft. Freud sagt weiter, in der Psychoanalyse gehe es darum, die Sachvorstellungen den Wortvorstellungen zuzuordnen, oder präziser: die den Sachvorstellungen abhanden gekommenen Wortvorstellungen wiederzufinden. Die Wortvorstellungen sind verloren gegangen, weil sie verdrängt, abgespalten worden sind, so dass die psychoanalytische Operation darin besteht, die Verdrängung oder Abspaltung wieder rückgängig zu machen. Nun kann man sich fragen, wie es denn möglich sein soll, Wortvorstellungen entsprechenden Sachvorstellungen zuzuordnen, wenn sie nicht vorgängig – vor der Verdrängung oder Abspaltung – schon zusammengehört hatten. Lacan folgert daraus, dass die Sachvorstellungen nicht so sprachlos sind, wie Freud dies behauptet hatte, dass somit der Gegensatz nicht so krass zu denken ist. Anders gesagt: Es erweist sich, dass das Freud’sche Unbewusste doch an sprachliches Material gebunden ist, an Signifikanten, um es in der auf de Saussure zurückgehenden lacanianischen Terminologie auszudrücken. Das zeigen auch alle Beispiele Freuds, etwa in der Psycho­ pathologie des Alltagslebens (1904), so dass man mit Fug und Recht behaupten kann, nicht nur habe Lacan Freud mit Freud gelesen, sondern er habe ihn überdies dort freudianisiert, wo er noch nicht ganz Freudianer war. Wir erkennen nun die Gemeinsamkeit von Traumdeutung und psychoanalytischem Verfahren, wenn man dem Text Das Unbewusste folgt: Beide


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Male geht es darum, das Bild bzw. die Sachvorstellung nicht zum Bilderwert zu nehmen, sondern zum Zeichenwert, d.h., es gilt, im Bild etwas Witziges zu erkennen, eine Entstellung, eine Täuschung, genau wie in Bilderrätseln, wo die Buchstabenfolge eine andere Bedeutung ergibt als das Manifeste des Bildes. Selbst bei Krankheiten oder anderen körper­lichen Zuständen lassen sich Analogien entdecken: Eine auftretende Erkältung kann die Folge einer Verschnupfung sein, eine Appetitlosigkeit kann auf eine Störung im Libidohaushalt hinweisen, selbst eine Sehstörung muss nicht gleichbedeutend sein mit einem Defekt im Auge, sondern kann auch ein Zeichen sein für die Schwierigkeit, etwas zu sehen, was man lieber nicht sähe usw. Was wird denn abgewehrt, ins Unbewusste verschoben? Es ist offenbar etwas Unerträgliches, das zu vergessen oder zu ignorieren nicht richtig gelingt. Es wird abgewehrt, wobei Freud unterschiedliche Arten von Abwehr bezeichnet hat: Verdrängung, Verleugnung, Verwerfung – die erste als Merkmal von Neurosen, die zweite von Perversionen und die dritte von Psychosen. Wobei ich präzisieren muss, dass es Verdrängungen gibt, die gelingen und die den Eindruck erwecken, der verdrängte Sachverhalt sei vergessen, nicht mehr erinnerbar. Die missglückten Verdrängungen sind es, die die Psychoanalyse beschäftigen, und nicht nur sie, ein jeder und eine jede kennt wohl das Auftreten von zunächst rätselhaften Sym­ ptomen, die sich hartnäckig behaupten und nur manchmal durch Medikamente verschwinden. An erster Stelle sind wohl Angstzustände zu nennen, Phobien größerer oder kleinerer Art, Ess-Störungen, und natürlich die Verstimmungen, Depressionen, die bisweilen melancholische Züge annehmen und nicht immer zu Kreativität führen. Was abgewehrt wird, aus der Verfügung des Bewussten herausgefallen ist, hat offenbar mit einer Wahrheit zu tun, die das Subjekt flieht. Damit ist ein großes Wort gefallen. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht auf eine Diskussion über den Wahrheitsbegriff einlassen, sondern ihn über sein Gegenteil angehen, über die Lüge. Jeder Lügner weiß, was Wahrheit ist, denn genau diese ist es ja, die er zu umgehen sucht, die ihn bis in die Lüge hinein verfolgt. Darum ist Lügen so anstrengend! Es verlangt dauernd, eine Differenz zu behaupten, nicht zu erkennen zu geben, was tatsächlich der Fall ist, sei es, dass es um eine offensichtliche Entstellung von Tatsachen geht, sei es, dass ich nicht zu erkennen gebe, was ich


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wirklich denke und empfinde; vielleicht kann man in diesem Fall eher von fehlender Wahrhaftigkeit sprechen. Nun hat ja nicht erst Freud gezeigt, dass die Wahrheit durchaus narzisstische Dimensionen hat, vom Wunschhaften besetzt wird. «Das habe ich gethan», sagt mein Gedächtnis. «Das kann ich nicht gethan haben – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – giebt das Gedächtnis nach.»

In diesem Zitat von Friedrich Nietzsche6 ist diese narzisstische Dimension in Form des Stolzes greifbar. Nun brauchen sich Narzissmus und Wahrheit nicht auszuschließen – warum soll nicht von einer Wahrheit des Stolzes gesprochen werden, warum soll der Wunsch, das Wunschhafte nicht auch Wahrheit beanspruchen? Gewiss lässt sich so argumentieren. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass Wahrheit auch andere Dimensionen hat, die mit Verborgenheit, auch mit Leiden, sogar mit Unliebsamkeit und Schmerz zu tun haben. Das Ödipus-Drama von Sophokles erinnert daran: Die Pest verschwindet dann, wenn das Unwahre im Staat aufgedeckt ist, wenn offenkundig wird, dass der König seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet hat. Diese Idee der schmerzhaften, aber reinigenden Wahrheit ist Gedankengut der Aufklärung und der Psychoanalyse, wobei sie auch überspannt werden kann, wie etwa Ibsens Drama Die Wild­ ente (1884) zeigt, wo das Aufdecken und Öffentlichmachen der biologischen Vaterschaft den Tod der Tochter auslöst. Die Grundregel der Psychoanalyse, die besagt, möglichst kritiklos mitzuteilen, was einem durch den Kopf geht, hat einen engen Bezug zur Wahrheit. Alle Erfahrungen zeigen nämlich, dass es nicht möglich ist, bloßen Unsinn von sich zu geben, wenn man den Einfällen freien Lauf lässt. Stets umkreisen sie etwas, was man eigentlich gewusst hat und doch nicht sagen konnte; es beginnt mit sogenannten Tagesresten, aus denen ersichtlich wird, dass es eine unbewusste Arbeit gibt, die diese Eindrücke aus der jüngsten Vergangenheit anders ordnet, als es das bewusste Ich tut. Unscheinbare Eindrücke bekommen plötzlich einen Stellenwert, andere, von denen man glaubte, dass sie wichtig wären, tauchen nicht mehr auf. Bald zeigt sich, dass die Traumgedanken und -wünsche weit über die Tagesreste 6

F. Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 68, in: Kritische Studienausgabe, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, V (München, Berlin, New York 21988) 86.


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hinausführen und in imaginäre Räume und Zeiten führen, seien dies Er­ innerungen, Phantasien, oder Entwürfe, die etwas mit Zukunft zu tun haben. Bin ich nun nicht in einen Widerspruch geraten, wenn ich eingangs sagte, das Unbewusste könne auch lügen und dann doch den Bezug zur Wahrheit aufrechterhalte? Wahrheit und Lüge stehen in einem dialektischen Zusammenhang, analog zu den Traumgedanken und ihre entstellten Erscheinungsformen – auch die Lüge lässt sich als eine entstellte Form von Wahrheit auffassen, diese verbirgt sich mehr oder weniger in jener. Das Reale und die Wahrheit

Fragen wir zuerst, was die Psychoanalyse unter dem Realen versteht. Ist es dasselbe wie Realität, oder müssen diese beiden Ausdrücke auseinandergehalten werden? Freud hat das Reale nicht als Konzept ausgearbeitet. Das Reale erscheint bei ihm, etwa in den Vorlesungen, als etwas, das er mit dem Unbewussten in einen engen Zusammenhang bringt und das der traditionellen Wissenschaft große Probleme bereitet, denn es gehört nicht zum Seienden, lässt sich nicht messen. In seinen Vorlesungen, wo er von Zwangshandlungen spricht, die durchaus bewusst sind, aber einen unbewussten Sinn haben, der aufgedeckt werden kann, schreibt er: […] wir müssen es mit resigniertem Achselzucken als unbegreiflich abweisen, wenn uns jemand einwenden will, das Unbewußte sei hier nichts im Sinne der Wissenschaft Reales, ein Notbehelf, une façon de parler. Etwas nicht Reales, von dem so real greifbare Wirkungen ausgehen wie eine Zwangshandlung!7

Freud spielt hier mit der Differenz zwischen der traditionellen Auffassung des Realen, die im Unbewussten nichts Reales erkennen kann und dessen Wirkung auf das Psychische, das dadurch, dass es z.B. Zwangshandlungen auslösen kann, gewiss beanspruchen kann, etwas Reales zu sein. Im Sinne der Psychoanalyse Freuds gibt es wie gesagt einen engen Zusammenhang mit dem Unbewussten und damit zur ausstehenden und 7

S. Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 18. Vorlesung (1917). Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey, I (Frankfurt am Main 1969) 277.


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zu entdeckenden Wahrheit, die hinter dem oder im Manifesten steckt oder auch in ihm auf halbverborgene Weise anwesend ist, wie der verschwundene Brief in Edgar Poes Geschichte The Purloined Letter (1844), der vor aller Augen liegt, jedoch mit seiner Kehrseite, und eben darum von polizeilicher Suchmannschaften nicht gesehen wird. Nun ist es ja allgemein bekannt, dass die Sexualität in der Psychoanalyse eine bedeutsame Rolle spielt bzw. dass diese behauptet, die Sexualität spiele eine entscheidende Rolle im Psychischen. Wie steht es um den Zusammenhang mit dem Realen? Ließe sich sagen, dass das Sexuelle das Reale des Psychischen sei? Das ist eine schwierige Frage, auch eine, die erforderlich macht, über die Freud’sche Psychoanalyse hinauszudenken. Lacan hat in seiner Relektüre Freuds Kategorien verwendet – er selber spricht von Registern –, die er Freud «wie eine Bananenschale unter die Füße» legte.8 Die drei Register sind das Symbolische, das Imaginäre und das Reale. Lacan verknüpft sie in einer topologischen Figur derart, dass sie sich wie im Borromäischen Knoten verbinden, d.h., wenn man eine Verknüpfung löst, werden alle drei Register frei. Das lässt sich sogar an einer Kettenbildung zeigen: Wenn nur ein Glied der Kette gelöst wird, werden alle anderen frei. Lacan hat damit auf die Heraldik der Familie der Borromäer zurück­gegriffen, die einerseits die besondere Verbundenheit der Familienmitglieder darstellen wollte, andererseits der göttlichen Trinität ihre Reverenz erwies. Tatsächlich ist der Borromäische Knoten keine Erfindung der Borromäer, sondern geht in der Geschichte weit zurück; so hat z.B. der Mystiker Heinrich Seuse (1295/97– 1366) mit seiner Hilfe die christliche Trinität von Gott, Sohn und Heiligem Geist dargestellt. Eines der Register wird von Lacan als das Reale bezeichnet. Seine Definition ist deshalb schwierig, weil es ja mit den anderen verbunden ist, so dass es nicht nur das Reale als Gegensatz zum Imaginären und Symbolischen gibt, sondern auch das Reale des Symbolischen, das Reale des Imaginären und schließlich das Reale, das auch Imaginäres und Symbolisches umfasst. Zudem muss immer wieder daran erinnert werden, dass es hier nicht um eine allgemeine Epistemologie geht, sondern um den Versuch, 8

J. Lacan: Le Séminaire XXII, R.S.I., Sitzung vom 14. Januar 1975, zit. nach einer Ausgabe des Lacan-Archivs Bregenz, 20.


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die Strukturen des Psychischen zu beschreiben. Gewiss ist die Mauer, an der ich mich mit dem Kopf stoße, etwas Reales, aber darum geht es nicht, sondern der Fokus liegt auf dem Psychischen, das sich Lacan zufolge aus diesen drei Registern – je nachdem, worum es geht, kann man auch das Symptom als viertes Register dazu nehmen – zusammensetzt. Wenn sich die drei Register auf eine handliche und damit vereinfachte Darstellung bringen lassen, die in Kauf zu nehmen ist, so kann man sagen: Das Symbolische ist das, was trennt, vom Unmittelbaren trennt, repräsentiert, das Unmittelbare mittelbar macht; das Imaginäre ist das, was verbindet, dem Symbolischen entgegenwirkt, die Trennungen aufhebt; und das Reale ist das, was beharrt, was ist, was sich Veränderungen widersetzt. Ausgehend vom Zusammenspiel von Symbolischem und Imaginärem, wie es jede sprachliche Erzählung kennzeichnet, ist das Reale das, was weder symbolisch noch imaginär ist, was davon ausgeschlossen ist. In diesem Zusammenhang sei an Derridas Kritik an Hegel erinnert, dem er Panlogismus vorgeworfen hat, was in diesem Kontext bedeutet, dass das Reale ohne Rest symbolisierbar wäre. Derrida besteht dagegen auf einem Rest, der sich der Logifizierung widersetzt.9 Dass die Kritik auch auf Lacan zielte, hat möglicherweise dazu geführt, dass dieser in seinem Spätwerk das Reale akzentuiert hat, was der Psychoanalyse den Status einer docta ignorantia gab, jedenfalls nicht einer Totaltheorie, nicht einer Welt­ anschauung. Entsprechend verstand Lacan, der stets an Philosophie interessiert war, zweifellos mehr als Freud, die Psychoanalyse als Anti-Philosophie, die in der Tradition der Sophisten und Skeptiker sich wehrt gegen die Eins, das Ganze, gegen die Theorie als absolutes Wissen. Wie zeigt sich das Reale in der psychoanalytischen Erfahrung? Es manifestiert sich als Angst. Wenn an festverwurzelten Überzeugungen oder Glaubensinhalten gerührt wird, entsteht Angst. Denken wir an eine Phobie, die das betroffene Subjekt daran hindert, einen Marktplatz zu besuchen, eine Brücke zu überqueren. Die Gefahr erscheint ihm durchaus real, was sich darin zeigt, dass alle Überredungsversuche, die Gefahr sei eingebildet, nichts nützen. Aber die Angst zeigt doch etwas an, weist auf etwas hin, dass das Reale doch nur ein Pseudo-Reales ist, was wiederum bedeutet, 9

J. Derrida: Die Postkarte von Sokrates bis an Freud und jenseits, übers. von Hans-­ Joachim Metzger, 2. Lieferung (Berlin 1987) 259–265.


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dass seine Symbolisierung im günstigen Fall möglich ist und dazu führt, die Phobie zum Verschwinden zu bringen. Die Angst des betroffenen Subjekts gilt dabei nicht nur der Gefahr, dass etwas passieren könnte, dass z.B. die Eltern sterben könnten, wenn es sich plötzlich etwas Unerhörtes getraut, sondern auch dem, was nachher kommt, wenn das Problem gelöst sein wird. Die Phobie bindet das Subjekt nämlich an gewisse Konstellationen; fallen sie weg, stellt sich die Frage «Was nun?». Anders gesagt, das Reale verschiebt sich von der vermeintlichen Gefahr auf etwas Unbekanntes, Unfassbares, das sich dann manifestieren wird, über das jedoch die Kontrolle und zunächst die Antizipation fehlen. Im Falle eines Wagnisses, entgegen früheren Gewohnheiten auf den Marktplatz zu gehen, kann durchaus etwas Neues entstehen, eine Begegnung mit dem anderen Geschlecht, die bisher nicht sein durfte. Womit wir bei der Sexualität sind und sogleich daran erinnern müssen, dass sie in der Psychoanalyse viel weiter gedacht wird als die geschlechtliche Liebe. Auch Orales, Anales, Blickhaftes, sogar Stimmliches gehört dazu, wobei Partial­ triebe im Spiel sind, die sich mit der Geschlechtlichkeit verknüpfen. Je mehr die betroffenen Subjekte miteinander sprechen, desto mehr wird das Reale symbolisiert. Aber es gelingt nicht, alles zur Sprache zu bringen, und gerade das gehört ebenso zum Reiz von Beziehungen wie auch zu ihren Gefahren, denn die Triebe entziehen sich teilweise der Mitteilbarkeit. Was sind das, die Triebe? Freud grenzt sie von Instinkten ab, indem er vier Merkmale unterscheidet: die Quelle des Triebs, die im Körper liegt, die Richtung, die sich im Drang manifestiert, das Objekt, das variabel ist, und das Ziel, das in der Befriedigung liegt. Die Abgrenzung zu Instinkten ergibt sich vor allem aus der Variabilität der Triebobjekte, d.h., ein Trieb ist nicht an ein bestimmtes Objekt gebunden. Man denke dabei an die Nahrungsmittel, die die Muttermilch substituieren. Die Palette von möglichen Triebobjekten, die sich nicht nur im oralen Bereich aufzeigen lassen, führt dazu, dass der Trieb – und auch hier liegt ein Unterschied zum Instinkt – kein rein biologisches Konzept ist, sondern ohne kulturelle Vermittlung nicht besteht. Das wird ja auch an der Sexualität im engeren Sinne deutlich, die eine Vielzahl von möglichen Objekten kennt, die Befriedigung verschaffen. A propos Befriedigung: Es trifft zweifellos zu, dass Triebhandlungen Befriedigungen erreichen wollen, Freud spricht dabei von Triebabfuhr,


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was auf eine Reduktion von Spannungen hinweist. Darin steckt ein Pro­ blem: Es ist vorstellbar, dass sich die Spannung stets weiter reduzieren lässt. Die Limite wäre mit dem Tod erreicht, und es ist gewiss kein Zufall, dass der Orgasmus oft «kleiner Tod», «la petite mort» genannt wird. Aber eben nur der kleine Tod. Begnügt sich die Suche nach Befriedigung nicht mit ihm, so überschreiten die Handlungen eine Grenze, die mit dem Nervensystem verknüpft ist, das für die Einhaltung des homöostatischen Prinzips sorgt. Es wird auch Lust-Unlust-Prinzip genannt; es wird gewöhnlich so definiert, dass man sagt, der Körper trachte danach, ein Minimum an Unlust zu erreichen. Da dieses homöostatische Prinzip mit dem Nervensystem verknüpft ist, lässt es sich auch durchbrechen. Jede Sucht zeugt davon, jeder Exzess, jeder Durchbruch von Gewalt, auch gegen sich selbst. Es geht dabei gerade nicht um animalisches Verhalten, denn dieses ist ja weit mehr instinktgebunden als das menschliche, es geht um Formen des Begehrens, die sich der Sprache verdanken: Dadurch, dass das menschliche Subjekt von Sprache strukturiert wird, die es repräsentiert, wird es mit dem Nicht-Sein konfrontiert. Das zeigt sich darin, dass es phantasieren, sich erinnern kann, dass es nicht gänzlich in der Gegenwart verhaftet ist. Zeittheoretisch lässt sich dies als Unterscheidung von Tempus und physikalischer Zeit festmachen, d.h., das menschliche Subjekt, das Lacan zufolge eben darum Subjekt ist, weil es von der Sprache, von ihren Zeichen und Gesetzen repräsentiert wird, kann sich in ganz anderen Zeiten aufhalten, die zwar in Erzählungen wieder ver­ gegenwärtigt werden, jedoch inhaltlich die Gegenwart bei weitem übersteigen. Immer wieder ist von Übersteigen, Transgression die Rede. Dabei müssen zwei Formen auseinandergehalten werden: Die Sprache kann die Gegenwart übersteigen, durch Phantasien, durch Erinnerungen, aber bei all dem ist sie keine Ganzheit, sie hat ihrerseits Grenzen, die zu einem anderen Überstieg einladen: zu dem, was sich nicht sagen lässt, was vielleicht bildhaft dargestellt werden kann, wobei Bild und Sprache nur schwer gänzlich trennbar sind, denn auch Bilder können sprechen, einem etwas sagen, so dass es gar nicht so einfach ist, mit dem Bildhaften Sprache zu transgredieren. Das haben wir ja an Traumbeispielen gesehen: Die Bilder haben durchaus einen sprachlichen Hintergrund, lassen sich in sprachliche Gedanken übersetzen.


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Die eine Transgression setzt sich also über alle Zeiten hinweg, die andere versucht, die Repräsentation der sprachlichen Zeichen zu subvertieren. Oft werden Gesten als nicht-sprachlich aufgefasst, aber schon die Taubstummensprache oder auch die Handzeichen der Musik, sogar die Pantomimik gibt es nicht ohne Sprache, kann ohne sie nicht auskommen. Es gibt in diesem Zusammenhang einen schönen Dialog von Augustinus, De magistro, in dem diese Fragen in einem fiktiven Dialog zwischen Augustinus und seinem Sohn Adeodatus thematisiert werden. Der Trieb ist vor allem darin unersättlich, wo es darum geht, Trennungen zu überwinden, eine Eins, Einheit herzustellen. Auslöser sind zwar Partialtriebe, aber die Phallizität begnügt sich nicht mit etwas Partiellem, will das Ganze. Das drückt sich in Hingabe oder im Verlangen nach Hingabe aus. Inwiefern beide Transgressionen im Spiel sind, bleibt eine offene Frage, es wäre sicher so, wenn es einen Wissenstrieb gäbe, aber ob dem so ist, bleibt mehr als fraglich. Aber eines ist gewiss: Der Trieb hat mit dem Sein zu tun. Gerade dadurch, dass die Sprache das Subjekt mit dem Nicht-Sein konfrontiert, mit einem Stück Freiheit, wendet sich der Trieb an die andere Seite, an das, was mit Fug und Recht das Sein genannt werden kann. Nun kann man ermessen, welche Spannweite sich auftut zwischen der Heidegger’schen und der psychoanalytischen Frage nach dem Sein. Indessen gibt es, wenn ich so sagen darf, einen gemeinsamen Nenner, nämlich die Zeit. Hat Heidegger die Frage nach dem Sein untrennbar mit der Zeitlichkeit des Daseins verknüpft, so wohnt auch dem Trieb eine Zeitlichkeit inne, eine eigenartige zudem, weil sie sich in drei Dimensionen aufteilt: Erstens ist der Drang des Triebes perennierend, ist stets mehr oder weniger da, «eine konstante Kraft» schreibt Freud,10 zweitens ist er natürlich an die Lebenszeit gebunden, die wiederum mit der Uhrzeit gemessen werden kann, und drittens pulsiert er auf der Grundlage der konstanten Kraft, was sich in der französischen Übersetzung für Trieb, pulsion, ausdrückt. «Doch alle Lust will Ewigkeit»11 – dieses Wort Nietzsches kann auch die Psychoanalyse unterschreiben. Wobei das «will» darauf hinweist, dass sie 10 11

S. Freud: Triebe und Triebschicksale (1915). Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey, III (Frankfurt am Main 1975) 82. F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra, in: Kritische Studienausgabe, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, IV (München, Berlin, New York 21988) 286.


Der Traum der Traumdeutung

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die Ewigkeit nicht hat, aber dorthin gelangen möchte, hin zur Zeitlosigkeit, zur Zeitlosigkeit im erlebnismäßigen Sinn, nicht im uhrzeitlichen. Fausts «Verweile doch! du bist so schön!»12 gibt diese Gedoppeltheit wieder: das Wissen um die Vergänglichkeit und zugleich das Streben nach der Überwindung zeitlicher Begrenztheit. Die Schranke wird durch die Sprache gesetzt, durch die subjekt-konstituierende und subjekt-repräsentierende Macht, die von außen auf das Menschenkind zukommt, es formt, ihm seine ersten Gesetze gibt und es damit zugleich einen Verlust erleiden lässt, der dem Ich einen traumatischen Status gibt und das Reale des Psychischen für immer ins Diesseits des Sagbaren verstößt, immer schon verstoßen hat. Nun haben wir eine ganze Reihe von Ausdrücken, die miteinander verbunden sind und ähnliche semantische Felder besetzen: das Sein, das Geni­eßen, das Reale, das Sexuelle und das Urverdrängte, das von Freud so definiert worden ist, dass das damit gemeint ist, was nie von Sprache erfasst worden ist, im Unterschied zum Verdrängten, das schon Sprache geworden ist, aber dann in einem weiteren Schritt wieder die sofortige Verfügbarkeit durch das Bewusstsein, die spontane Erinnerbarkeit verloren hat. Wie lassen sich alle diese Ausdrücke voneinander abgrenzen? Zweifellos muss man sich, wenn man so fragt, hüten, in positivistisches Fahrwasser zu geraten und bündige Definitionen anzustreben. Gleichwohl halte ich es für angebracht und sinnvoll, nicht den Anschein erwecken zu wollen, dass diese Ausdrücke in einen unterschiedslosen Brei kaum aus­ einanderzuhalten sind. Es gibt Überschneidungen, zudem sind die entstehenden Differenzen auch eine Folge von unterschiedlichen Perspektiven. So kümmert sich der Lustsuchende nicht um die explizite Frage nach dem Sein, und umgekehrt übersieht der Philosoph möglicherweise die Dimension der Lust, die hinter seiner theoretischen Einstellung steckt. Setzen wir bei einem Konzept an, das klar ein philosophisches ist: bei der Substanz. Die Versprachlichung öffnet dem Subjekt nicht nur die Welt im instrumentellen und kommunikativen Sinn, sondern führt auch zu einer Entsubstantialisierung, die ja in gewissem Sinne ein Synonym für Freiheit, zumindest für Nicht-Festgelegtsein in der Natur ist. In der Lacan’schen Terminologie wird das als Mangel bezeichnet, wobei man mit 12

J. W. von Goethe: Faust, V. 1700.


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Peter Widmer

diesem Wort vorsichtig sein muss: Der Mangel ist etwas, das strukturell bedingt ist, und wenn es am Mangel mangelt, ist die Welt ohne Öffnung, ohne Ge-lucke. Trotzdem verbringen wir einen großen Teil der Lebenszeit damit, den Mangel füllen zu wollen, mit Konsum und anderen Erfüllungen. Dass wir dennoch an der Aufrechterhaltung des Mangels interessiert sind, merken wir dann, wenn jemand für uns entscheiden, uns unsere Freiheit, Offenheit, unseren Platz wegnehmen, darüber verfügen will. Es geht also um ein Spiel zwischen Mangel und Erfüllung, in dem Sinne, dass wir eigentlich nicht die Aufhebung, Überwindung des Mangels intendieren, sondern nur seine Annäherung. Und umgekehrt soll der Mangel auch nicht so groß sein, dass wir uns als Eremiten zurückziehen oder in völliger Armut leben, obwohl solche Lebensformen mehr Würde und Achtung haben als überschießendes Besitzstreben. Haben wir dieses Spiel im Griff, können wir darüber verfügen? Hier müssen wir uns eingestehen, dass das ein Ideal bleibt. Es gibt Mächte, Impulse, die wir als unvernünftig empfinden und die gleichwohl über uns kommen, nicht nur im Schlaf. Sie haben die Eigenschaft, repetitiv zu sein, so dass die Gefahr besteht, zu ihrem Knecht zu werden, womit die Freiheit höchstens noch eine gegen außen vorgetäuschte wäre. Was sich solcherart meldet, hat gewiss mit dem Urverdrängten zu tun, das sich an diese oder jene Objekte heftet, sich aber mit keinem Objekt zufriedengibt und eben deshalb weiterbesteht. Da es ja nicht sagbar ist, nicht in die symbolische Ordnung gehört, müssen wir es dem Realen zuordnen, das sich auch durch eine lange psychoanalytische Kur nicht ausquartieren lässt. Das mag zunächst als Unglück erscheinen, aber wenn man sich umgekehrt vorstellt, wie es wäre, wenn wir uns vollständig begreifen würden, wenn es keine Rätsel, Fragen mehr gäbe, so erkennen wir, dass das wahrscheinlich ein Zerrbild eines aufgeklärten Zustandes wäre, ein Panoptikum à la Bentham. Das Reale ist hier eingeschränkt auf das Außersprachliche, es gibt jedoch auch Reales, das durchaus benennbar ist, das mir z.B. physischen Widerstand entgegensetzt; auch ein Buch ist etwas Reales, es lässt sich anfassen, lesen, behauptet sich gegen den zeitlichen Zerfall, und doch lässt es sich gut vom psychisch Realen unterscheiden. Sehr schwierig wird die Zuordnung zum Realen, wenn wir es mit psychotischen Menschen zu tun haben, die halluzinieren, Dinge sehen und hören, die andere nicht sehen und hören – gerade so, wie wir im Traum auch Dinge wahrnehmen, von denen


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Der Traum der Traumdeutung by Schwabe Verlag - Issuu