In zwei großen Themenfeldern setzt Philosophie sich mit der Herausforderung der Negativität auseinander: in der philoso phischen Grundlagentheorie und in der Besinnung auf die menschliche Existenz. In beiden Bereichen kennt die Auseinan dersetzung mit dem Negativen eine an den Ursprung zurück reichende und sich durch die Geschichte ziehende Tradition, in deren Horizont ein heutiges Denken sich verorten muss.
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Emil Angehrn
Emil Angehrn
Die Herausforderung des Negativen
PANTONE 703 U
I S B N 978-3-7965-3400-3
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 534003
Emil Angehrn
Die Herausforderung des Negativen Zwischen Sinnverlangen und Sinnentzug
Der Mensch lebt zwischen Glück und Leiden, zwischen Sinn und Sinnlosigkeit. Sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Gut und Böse auseinanderzusetzen, bildet eine grundlegende Her ausforderung für das Denken wie für das tätige Leben. Sie hat in Kulturen, Religionen und Philosophien vielfältigen Ausdruck gefunden. Emil Angehrn folgt Spuren dieser Herausforderung in zwei Bereichen. Zum einen betrifft sie die allgemeinsten Grundlagen des Den kens und Seins. Philosophie, die nach den Prinzipien aller Dinge fragt, artikuliert sich von ihren Ursprüngen her als Abwehr des Negativen: als Verteidigung des Wahren gegen das Falsche, als Suche nach dem sicheren Fundament gegen den zerstörenden Ab grund. Klassische Philosophie zielt auf das Vernünftige und Ganze, um von ihm her auch das Irrationale und Böse zu begreifen. Dem steht ein Denken gegenüber, für welches die affirmativen Fun damente brüchig geworden sind und das sich der Wahrheit nur ex negativo, in der Kritik am Falschen versichert. Zu fragen ist nach den Voraussetzungen solcher Kritik und den Grundlagen negati ven Philosophierens. Zum anderen stellt sich die Herausforderung des Negativen im menschlichen Leben, in der Begegnung mit Krankheit und Leiden, Unrecht und Gewalt, Entfremdung und Zerstörung. In Frage steht, ob solche Erfahrungen zur Wesensverfassung des Menschseins ge hören und wieweit sie durch historische und soziale Ursachen be dingt sind. Sieht die Existenzphilosophie den Menschen in Grenz erfahrungen mit Grundbedingungen seines Daseins konfrontiert, so beharrt kritische Sozialphilosophie auf der Negativität des Be stehenden und dem Widerstand gegen Zwang und Entfremdung. Zuletzt hat Philosophie erlebte Negativität im Verhältnis zu gegen läufigen Erfahrungen zu reflektieren, Erfahrungen des Vertrauens und des entgegenkommenden Sinns. Emil Angehrn, geb. 1946, studierte Philosophie, Soziologie und Volkswirtschaftslehre in Löwen und Heidelberg. Er lehrte in Hei delberg, Berlin und Frankfurt a.M. und war von 1991 bis 2013 Pro fessor für Philosophie an der Universität Basel.
Emil Angehrn
Die Herausforderung des Negativen Zwischen Sinnverlangen und Sinnentzug
Schwabe Verlag Basel
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Inhalt Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 I Negativismus und Kritik Probleme negativistischer Philosophie 1 Dispositive des Negativen Grundzüge negativistischen Denkens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 2 Kritik und Versöhnung Zur Konstellation Negativer Dialektik bei Adorno .. . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 3 Hermeneutik und Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 II Negative Anthropologie Leiden und Krankheit als Herausforderung der Philosophie 4 Grenzerfahrungen des Menschlichen Psychisches Leiden als Herausforderung der Philosophie . . . . . . . . 96 5 Leiden und Erkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 6 Vom Sinn des Sinnlosen Die Herausforderung der Psychoanalyse für die Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 III Entgegenkommender Sinn und Vertrauen 7 Der entgegenkommende Sinn Offenbarung und Wahrheitsgeschehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 8 Grundvertrauen zwischen Metaphysik und Hermeneutik Vom Seinsvertrauen zum Vertrauen in den Menschen . . . . . . . . . . . . 174 Nachweise .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 Ergänzende Texte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208
Einleitung Der Mensch lebt zwischen Mangel und Fülle, zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Zerrissenheit und Einheit. Das menschliche Leben ist ausgespannt zwischen Erfahrungen der Fremdheit und des Zuhauseseins, der Sicherheit und des Bedrohtseins. Es bewegt sich zwischen Gelingen und Scheitern, zwischen Sichfinden und Verfehlen. In allem Wollen und Tun setzt sich der Mensch mit dem Negativen auseinander, das sich ihm entgegenstellt und das in ihm selbst liegt. Von alters her beklagen Menschheitserzählungen die Ohnmacht und Sterblichkeit des Menschen – und preisen zugleich seine Kraft und Größe. Das Spannungsverhältnis von Glück und Elend, Gut und Böse kennzeichnet das menschliche Sein in seinem Innersten und im Ganzen. Es bestimmt das kulturelle Schaffen und das philosophische Denken, in denen der Mensch sich über die Welt und über sich selbst Rechenschaft ablegt. In zwei großen Themenfeldern setzt Philosophie sich mit der Herausforderung der Negativität auseinander: in der philosophischen Grundlagen theorie und in der Besinnung auf die menschliche Existenz. In bei den Bereichen kennt die Auseinandersetzung mit dem Negativen eine an den Ursprung zurückreichende und sich durch die Ge schichte ziehende Tradition, in deren Horizont ein heutiges Den ken sich verorten muss. 1. Von Anfang an behauptet philosophisches Denken sich als Ab wehr des Negativen – des Wandelbaren, Bestimmungslosen, Zer störerischen. Dabei geht es nicht allein um ein strukturell oder the oretisch Negatives – ein Abwesendes oder Andersseiendes –, sondern um ein wertmäßig-praktisch Negatives, das uns bedroht und zu dem wir Nein sagen: nicht um ein bloß Nichtseiendes, son dern ein Nichtseinsollendes. Die Grundlagenentscheidung der Phi losophie für das Sein und gegen das Nichts, die uns im Lehrgedicht des Parmenides in pointiertester Form entgegentritt, ist keine rein begriffliche Option. Es geht ihr nicht nur darum, dass wir negative Begriffe aus ihrem positiven Gegenpart, dass wir das Partielle vom Ganzen, das Falsche vom Wahren her begreifen. Vielmehr wird in ihr das Bestreben des Denkens fassbar, auf einem affirmativen 7
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undament aufzubauen, an festen Bestimmungen Halt zu finden F und sich gegen unklare Mischungen und diffuse Kräfte zur Wehr zu setzen. Beginnende Philosophie will sich in einem wahrhaft Seienden begründen, das klare Unterscheidungen setzt und sichere Erkenntnis ermöglicht. Metaphysik sucht nach voraussetzungs losen ersten Prinzipien, die für alles Andere die Basis bilden und die nicht selbst auf Weiteres rückführbar sind oder der Begründung durch Anderes bedürfen. Von ihnen her soll auch das Negative rational erklärt, in einem größeren Ganzen integriert und in seiner Geltung begründet werden. Theodizee und Geschichtsphilosophie setzen sich mit dem Bösen und Irrationalen in der Welt auseinan der, um die Güte der Schöpfung, die Ordnung des Kosmos und die Vernunft in der Geschichte zu erweisen. Zuletzt und im Tiefsten soll Wirklichkeit in ihrer Wohlbegründetheit erkannt, in sich ge rechtfertigt sein. Durch solche Erkenntnis den Menschen mit der Welt zu versöhnen, bildet nach Hegel die höchste Aufgabe der Philosophie. Gegen ein solches Ansinnen verwahrt sich negativistisches Den ken. Es versagt sich den Ausgriff aufs Ganze und Absolute und ver sichert sich des Wahren in der Kritik am Falschen. Es ist ein Denken, das nicht von Wesensbestimmungen und letzten Wahrheiten aus geht, sondern sich ex negativo über Zielvorstellungen und Kriterien des Richtigen verständigt. Nachmetaphysisches Philosophieren ver abschiedet sich, zum Teil polemisch, von den Einheits- und Ord nungsvorstellungen der großen Tradition, um dagegen das Plädoyer der Vielheit, der Offenheit und der Kontingenz zu formulieren. Als Kritik setzt es an der Defizienz und inneren Widersprüchlichkeit der Verhältnisse an, ohne sich auf ein Ideal der gerechten Gesellschaft oder eine positive Utopie zu berufen. Jenseits des Rekurses auf erste Prinzipien sucht es Orientierung im Netz der Differenzen und offe nen Verweisungen; es fordert den Verzicht auf erste Gründe und pos tuliert die Fähigkeit, sich im Haltlosen zurechtfinden und bewegen zu können. Als Kritik verlangt es, der Negativität des Bestehenden ins Auge zu schauen, die Brüche und Dissonanzen ernst zu nehmen und zum Nichtseinsollenden Nein zu sagen. Allerdings ist das Di lemma der radikalen Kritik offenkundig. Wie soll eine reine Theorie des Negativen, wie soll eine radikale Kritik konzeptuell ausformu lierbar sein, ohne sich auf einen Vorbegriff des Positiven und Rich 8
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tigen abzustützen? Wie kann das Beschädigte ohne Idee des Integren, das Fehlen ohne Unterstellung des Ganzen begrifflich gefasst und zum Gegenstand der Kritik gemacht werden? Wie kann ein Denken der Differenz und Vielfalt in sich selbst Halt und Bestimmtheit fin den? Und wieweit ist der Ansatz vom Negativen her primär metho disch definiert – wie in einer negativen Theologie, welche über Gott nur in negativen Aussagen spricht – und inwiefern versteht er sich inhaltlich, gründet er in einer Negativität der Sache, gegen welche das Denken sich kritisch wendet? Solche Fragen umreißen den Themenkreis einer negativistischen Philosophie in ihrer Denk form, ihren Voraussetzungen und ihren Problemen. 2. Ein zweites, zentrales Themenfeld der Auseinandersetzung mit Negativität bildet die menschliche Existenz. In vielfacher Weise be gegnet der Mensch in seinem Leben Erfahrungen des Negativen – Erfahrungen der Ohnmacht, der Bedrohtheit und des Leidens. Wenn der Mensch nach Pascal in der Mitte zwischen dem Unend lichen und dem Nichts wohnt, wenn er sein Leben zwischen Glück und Unglück, zwischen Sinn und Sinnlosigkeit zu führen hat, so scheint doch die Erfahrung des Negativen in der Menschheits geschichte weithin die unstrittigere, aufdringlichere. Zahllos sind ihre Zeugnisse in der Kulturgeschichte, von der Klage der Tragödie über das unschuldige Leiden bis zu Freuds Feststellung, dass das Glück des Menschen im Schöpfungsplan nicht enthalten sei. Auf fallend ist das epistemische Privileg der Negativaffekte in der moder nen Existenzphilosophie, der zufolge es gerade Befindlichkeiten der Angst, der Verzweiflung, der Langeweile sind, in welchen der Mensch mit den Grundbedingungen seines Seins konfrontiert ist und in radikalster Weise erfährt, wie es um ihn im Ganzen bestellt ist. Er ist nicht nur mit den äußeren Grenzen seines Seins und Kön nens, mit seiner Sterblichkeit und Schwäche konfrontiert, sondern in seinem höchsten Freisein der Haltlosigkeit und Nichtigkeit aus gesetzt. Er strebt nach Glück und Sinn und ist in beidem vom Schei tern bedroht. Die Begegnung mit dem Negativen kennzeichnet die Lebensform des Menschen. Wenn solches seit je zum Kern anthropologisch-ethischer Be trachtungen gehört, so gibt es Lebensbereiche, in denen der Man gel und das Verfehlen in besonderer Weise hervortreten und zur 9
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Herausforderung für das Denken werden. Es sind Bereiche, wo das Defizitäre, Nichtgelingende nicht nur als konstitutive Bestimmung der conditio humana, sondern gewissermaßen als kontingentes Fak tum und Widerfahrnis erlebt werden. Dies ist in zugespitzter Weise in den Katastrophen der Geschichte, in Ereignissen von Unrecht und Gewalt der Fall, und soziale Bewegungen und Ansätze der Kulturkritik haben einen zentralen Impuls im Protest gegen Unter drückung und Destruktion. Daneben aber sind hier Erfahrungen virulent, die unmittelbar mit der leiblichen Natur des Menschen verbunden sind und gleichwohl als ein Übel erfahren werden, das nicht sein sollte und von dem das Leben sich zu befreien strebt. Im Blick sind Formen des Krankseins, in denen die körperliche und seelische Verfassung des Menschen sich gleichsam mit sich selbst im Zwiespalt befindet und die nicht nur als Dysfunktionen und objektive Störung, sondern als subjektives Leiden erlebt werden. Der Mensch ist ein Lebewesen, das krank sein kann und das in ge wisser Weise wesentlich dem Kranksein ausgesetzt, von der Krank heit betroffen ist. Dabei kommt der seelischen Krankheit insofern ein besonderer Stellenwert zu, als sie in spezifischer Weise durch lässig für existentielle Probleme des Menschseins ist und die Un fähigkeit der sinnhaften Bewältigung als genuines, eigenes Leiden erlebt. Nicht zufällig gehört der Gegensatz von Gesundheit und Krankheit zu den leitenden Metaphern der Verständigung über das Leben und die ärztliche Kunst zu den paradigmatischen Künsten des Menschen. So bildet Krankheit auch einen wesentlichen Ge genstand für die theoretische Reflexion und wissenschaftliche Beschreibung und zugleich eine Herausforderung besonderer Art für die Philosophie. Dem ist so, weil sie die Philosophie nötigt, ihr Verständnis des Menschen nicht in Ausrichtung an Normen und Idealbildern, sondern in Antwort auf die fundamentale Hinfällig keit des Menschen, in der Auseinandersetzung mit Grenzerfahrun gen und Leidensprozessen zu gewinnen. Leiden beredt werden zu lassen, ist nach Adorno Bedingung der Wahrheit für ein Denken, das sich der Wirklichkeit ohne Verblendung stellen will. Für die Philosophie, die diese Aufforderung aufnimmt, bildet das G espräch mit Medizin, Psychiatrie und Psychoanalyse die Grundlage für eine sachhaltige, nicht-reduzierte Wahrnehmung und Reflexion über den Menschen. 10
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3. Nun kann der Negativismus nicht seinerseits verfestigt, in sich abgeschlossen werden. Ein nichtreduktives Denken hat das Nega tive ernst zu nehmen, ohne es in sich zu verabsolutieren, und die Suche nach Sinn zu bejahen, ohne seine Lücken und Brüche zu ver schleiern. Ernst zu nehmen sind Formen einer nicht-vergegen ständlichenden Affirmativität, Ansätze einer ursprünglichen Be jahung jenseits metaphysischer Absicherung. Solche Denkformen sind in den vergangenen Jahrzehnten namentlich im Horizont der Phänomenologie und Hermeneutik entwickelt worden, doch reichen auch sie an den Anfang der Denkgeschichte zurück. Sie artikulieren sich im Modus des Trotzdem, des Festhaltens am Streben nach Sinn und Vernunft ungeachtet seiner Fragilität und seiner Desavouierung durch den Lauf der Zeiten und das Unvermögen, ja, den Unwillen der Menschen. Prägende Gestalt gewinnt diese Haltung in Kon stellationen des Vertrauens, vom sokratischen Aufruf zum ‘Glau ben an die Logoi’ bis zu Jaspers’ Bekenntnis zum ‘schönen Wag nis’ der grenzenlosen Kommunikation und Adornos ‘wie immer fragwürdigem Vertrauen’ der Philosophie, an das Begrifflose he ranzureichen. Es ist kein Zufall, dass die Vertrauensproblematik in jüngster Zeit auch über die Philosophie hinaus, gleichsam einher gehend mit dem zunehmenden Verlust der Sicherheiten, ins Zent rum der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufmerksam keit gerückt ist. Wie Vertrauen dem Lebensvollzug unhintergehbar ist, bleibt der Wille zur Wahrheit, der ungesicherte Weg ins Offene der Philosophie unabdingbar. Gleichzeitig legt sie den Akzent darauf, dass solche Unabge sichertheit keine abstrakt-totale, keine Diffusion ins Unbestimmte ist. Gewissermaßen komplementär zur Haltung des Vertrauens ist von vielen Autoren das Entgegenkommen des Sinns, das Korres pondieren mit der Welt beschrieben worden. Menschliches Erleben und Handeln kommt dabei als ein grundlegend ‘responsives’ Ver halten in den Blick, als ein Antworten auf das Befragt- und Ange sprochenwerden durch andere Menschen und durch die Welt, in der wir leben. Die Sprache der Dinge, das Sichzeigen der Natur werden als ein Sichöffnen und Sichmanifestieren wahrgenommen, dem gegenüber der Mensch sich rezeptiv, antwortend, partizipie rend verhält. In vielfältigen Weisen wird solches Aufnehmen und Entsprechen vollzogen, im Appell des fremden Blicks, im Offen 11
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sein für die Gabe und die Offenbarung des Anderen, in der Be gegnung mit schönen Dingen, die nach Kant anzeigen, dass der Mensch in die Welt passe. Dabei ist es wichtig daran festzuhalten, dass all diese Rückbindungen und Einfügungen in einen größeren Zusammenhang nicht jene metaphysischen Fundamente und Erst prinzipien retablieren, von denen negatives Denken sich losgesagt hatte. Vertrauen und Responsivität kommen im Horizont eines of fenen und ungesicherten, doch nicht im Unbestimmt-Beliebigen sich verlierenden Denkens zum Tragen. 4. Die im Folgenden versammelten Texte fügen sich in diesen Spannungsbogen negativen Denkens von der Absage an das Eine und Ganze über die Reflexion erlebter Negativität bis zur Veranke rung im entgegenkommenden Sinn ein. Sie entstammen Aufsätzen und Vorträgen, die zu verschiedenen Anlässen entstanden sind, und setzen ausgewählte Akzente, die teils Grundsatzfragen nega tivistischen Denkens und Probleme der Kritik, teils Auseinander setzungen mit Leiden und Krankheit und das Gespräch zwischen Philosophie und Psychotherapie, teils Spuren des Affirmativen im Vertrauen und responsiven Verhalten thematisieren. Die Texte sind in ihrer ursprünglichen Fassung, mit wenigen punktuellen Über schneidungen, übernommen. Ich danke den Verlagen für die Genehmigung des Abdrucks. Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Wolfgang Rother für die Aufnahme des Bandes in die Reihe reflexe des Schwabe Verlags und Frau Odine Oßwald, M.A. für die sorgfältige Betreuung der Veröffentlichung. Basel, im Juni 2015
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I Negativismus und Kritik Probleme negativistischer Philosophie
1 Dispositive des Negativen Grundzüge negativistischen Denkens 1.1 Die Fundamentalität des Negativen 1.1.1 Das zweifache Neinsagen Negativistisches Denken geht von der Fundamentalität des Nega tiven im menschlichen Sein und Verstehen aus. Im Erleben und Erkennen sind wir mit Nichtseiendem, Fehlendem und Anders seiendem konfrontiert; unser Verhalten schließt Akte des Vernei nens, der Distanznahme und der Verwerfung ein. Wir beziehen uns in unserem Selbst- und Weltverhältnis nicht einfach auf bestimm tes Seiendes und Gegenwärtiges, sondern auf etwas vor dem Hin tergrund seines Nichtseins oder Andersseins, auf einen Gegen stand in Unterscheidung zu einem anderen. Immer bewegt sich menschliche Existenz im Spannungsverhältnis zwischen Sein und Nichtsein, Positivem und Negativem, Affirmation und Verneinung. Negativität ist ein konstitutives Moment unserer Lebenswelt und unseres Wirklichkeitsverständnisses. Nun ist mit dem Verweis auf Negativität ein komplexer, viel schichtiger Sachverhalt angezeigt, der ganz verschiedene Formen und Aspekte umfasst. Im Besonderen übergreift er eine basale Di vergenz zweier Typen des Negativen, denen unterschiedliche Modi der Verneinung korrespondieren.1 Wir können sie als Dichotomie von theoretischer und praktischer Negativität kennzeichnen und mit Bezug auf den Gegenstand wie den Akt des Negierens beschrei ben. Aufseiten des Negierens ist es die Differenz zwischen dem Verneinen einer Aussage – dem Bestreiten, dass etwas (so) ist, bzw. dem Behaupten, dass etwas nicht (so) ist – und dem Neinsagen zu einer Forderung, der Verurteilung einer Handlung oder Zurück 1 Vgl. Michael Theunissen, Negativität bei Adorno, in: Ludwig von Friedeburg/ Jürgen Habermas (Hg.), Adorno-Konferenz 1983, Frankfurt am Main: Suhr kamp 1983, S. 41–65, hier S. 41f.; Emil Angehrn, Die Überwindung des Chaos. Zur Philosophie des Mythos, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996, S. 105ff.
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1 Dispositive des Negativen
weisung eines Wunsches. Es sind zwei distinkte Arten des Nein sagens, denen entsprechende Modi der Affirmation gegenüber stehen: das Bejahen und Bestätigen, dass etwas (so) ist, und das Bekräftigen oder Begründen, dass etwas (so) sein soll. Vonseiten des Gegenstandes operiert die eine Haltung im Raum der Differenz von Sein und Nicht-Sein, die andere in der Polarität von Sollen und Nicht-Sollen: Das erste Negative lässt sich als das Nichtseiende, das zweite als das Nichtseinsollende umschreiben. Es ist der Ge gensatz zwischen einer logisch-ontologischen und einer lebens weltlich-praktischen Negativität. Mit ihnen verbindet sich eine zweifache Weise, wie Negativität als Strukturmoment dem Wirk lichen innewohnt, wie wir uns zu Negativem verhalten und der Be zug auf Negativität in die Grundlagen unseres Verstehens und Sprechens eingeht. Profilierte Konzepte des «Negativismus» setzen in erster Linie auf die Seite der praktischen Negativität. Nach Michael Theunissen ist nachmetaphysisches Denken ein Denken im Ausgang vom Nichtseinsollenden; nach Theodor W. Adorno hat Negative Dialektik ihren Grund und Rückhalt im Widerstand gegen Falschheit, Leiden und Unrecht. Negativismus ist danach ein Den ken, dessen Impuls und Horizont die Auseinandersetzung mit dem Nichtseinsollenden bildet. Nun möchte ich für die folgenden Überlegungen nicht dieser Engführung zum praktischen Negativismus folgen, sondern ge rade die Dualität der Perspektiven als Leitfaden nehmen. Ich gehe von deren Unterscheidung aus und frage danach, in welcher Weise beide Formen der Negativität als Kennzeichen einer negativisti schen Anthropologie bzw. eines negativistischen Philosophiekon zepts zu gelten haben. Gegenüber der Dominanz des ‘praktischen’ Negativismus bedeutet dies, zunächst die Eigenständigeit und sys tematische Bedeutung der ‘theoretischen’ Negativität aufzuzeigen. Gleichzeitig ist das Verhältnis beider zu verdeutlichen. Zu fragen ist, wieweit die beiden Orientierungen logisch unabhängig vonein ander sind, gleichsam berührungslos nebeneinander stehen, und inwiefern sie systematisch aufeinander Bezug nehmen und sich im Konkreten verschränken. Antworten auf diese Fragen verstehen sich nicht von selbst. Mit Bezug auf das Ganze dieser Konstellation ist schließlich die Frage nach der prinzipiellen Bedeutung der Ne gativität im menschlichen Sein und Verstehen zu reformulieren. 15
I Negativismus und Kritik
1.1.2 Dialektik von theoretischer und praktischer Negativität Die logische Distinktion zwischen theoretischem und praktischem Neinsagen legt es nahe, die beiden Formen von Negativität und des Umgangs mit ihr als getrennte zu setzen. Ihre Verknüpfung ist dann als äußerliche definiert, zum Beispiel als Kritik an einem negativen Sachverhalt (Missbilligung eines Fehlens). Für sich ge nommen kann der negative Sachverhalt ‘neutral’, ohne Wertung be schrieben, behauptet oder bestritten werden; er ist als gegenständ liches Faktum in dieser Optik prioritär, die praktische Billigung oder Verwerfung ihm gegenüber sekundär, als eine höherstufige Stellungnahme, welche die deskriptive Feststellung voraussetzt. Beide Haltungen sind nicht konstitutiv miteinander verbunden, die praktische (affirmative oder kritische) Wertung setzt den objektiven (positiven oder negativen) Sachverhalt voraus. Die beiden Negativi täten stehen gewissermaßen heterogen nebeneinander. Zwischen Bestreitung und Verurteilung, zwischen Nichtsein und Übel besteht kein innerer Konnex, sondern allenfalls eine kontingente, durch subjektive Präferenzen oder objektive Effekte (Schädigung, Dys funktion) bedingte Beziehung. Nun fällt auf, dass negativistische Konzepte diese – für den Common Sense selbstverständliche – Sichtweise nicht teilen, son dern ihr gewissermaßen in zweifacher Hinsicht widersprechen. Zum einen gehen sie in typischen Fällen von einem Primat der praktischen Verneinung aus. Zum anderen setzen sie, zumal in pointierten Konzepten, gegen die Getrenntheit den inneren Bezug beider Typen von Negativität. Auf der einen Seite bildet für sie nicht die einfache, feststellende Negation den Fokus negativen Denkens, sondern das (urteilende, affektive, volitive) Zurückweisen des Nicht seinsollenden, nicht die symmetrische Ja-Nein-Stellungnahme, sondern die asymmetrische Abwehr und Verwerfung. Auf der an deren Seite verbinden gewisse Konzepte damit die stärkere These, dass die theoretische Verneinung ihrerseits in gewisser Weise in der praktischen Zurückweisung gründet. Diese begrifflich paradox anmutende These bildet einen Angelpunkt, mit dem sich eine Ver ständigung über Logik und Gehalt negativistischen Denkens aus einanderzusetzen hat. Sie lässt sich anhand zweier exemplarischer Konzepte zur Diskussion stellen. 16
1 Dispositive des Negativen
Das eine findet sich in Sigmund Freuds klassischem Aufsatz über die Verneinung.2 Dessen Stoßrichtung ist eine genetische, welche den psychologischen Ursprung des logischen (bejahenden oder verneinenden) Urteils untersucht und zum markanten Schluss kommt, die Verneinung sei «der intellektuelle Ersatz der Ver drängung»3. Freuds Argument geht dahin, in der Verneinung einen Weg zu sehen, um einen verdrängten Inhalt im Bewusstsein zuzu lassen, gleichsam seine Verdrängung aufzuheben ohne das Ver drängte selbst anzunehmen. Es liegt auf der Hand, dass die starke These, die Freud analog für die Verneinung wie die Bejahung gel tend macht,4 auf massiven Voraussetzungen beruht. Die generali sierende Rückführung der intellektuellen Urteilsfunktion auf die psychisch-affektive Dynamik von Begehren und Abwehr, Ein schluss und Ausschluss verknüpft heterogene Funktionen, zwi schen denen eine logische Relation ebenso schwer konzipierbar ist wie eine fundierende Herkunft. Ihre Plausibilität im konkreten Fall liegt in der neutralisierenden Funktion der Übersetzung eines be drohlichen Sachverhalts in eine konstatierende Negativaussage («Die Mutter ist es nicht»), wodurch Verneinung zum Teil einer psy chologischen Technik, gleichsam im Modus einer List, wird. Zu fragen ist, wieweit sich damit eine allgemeine These über die Tren nung des Kognitiven vom Affektiven und die Genese des Denkens formulieren lässt. Eine erhellende Perspektive auf dieses Motiv aus anderem Blickwinkel entfaltet die Parmenides-Interpretation von Klaus Heinrich.5 Die Problemdimension ist auch hier im weiten Sinne eine genetische, wobei nicht die psychische Dynamik, sondern die 2 Sigmund Freud, Die Verneinung, in: Gesammelte Werke, Bd. XIV, Frankfurt am Main: Fischer 1948, S. 11–15. Vgl. Jacques Lacan, Zur ‘Verneinung’ bei Freud, in: Schriften III, Olten: Walter 1980, S. 173–220; Jean Hyppolite, Ge sprochener Kommentar über die ‘Verneinung’ von Freud, ebd. S. 191–200. 3 S. Freud, Die Verneinung, S. 12. 4 Ebd. S. 15: «Die Bejahung – als Ersatz der Vereinigung – gehört dem Eros an, die Verneinung – Nachfolge der Ausstoßung – dem Destruktionstrieb.» 5 Klaus Heinrich, tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik (Dahlemer Vorlesungen 1), Basel/Frankfurt am Main 1981; Parme nides und Jona. Vier Studien über das Verhältnis von Philosophie und Mytho logie, Basel/Frankfurt am Main 1982.
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I Negativismus und Kritik
kulturgeschichtliche Herkunft des Denkens aus dem Mythos den Horizont bildet. Die im parmenideischen Lehrgedicht dekretierte rigorose Festschreibung des Seins auf das in sich vollendete, mit sich identische, unveränderliche Seiende schließt jede Art von Negativität: alles Partielle, Wandelbare und Schwankende, jede Mischung zwischen Seiendem und Nichtseiendem aus der Idee des wahrhaft Wirklichen aus. Heinrich beleuchtet die Gründe für die redundante Beschwörung des mit sich identischen Seins, indem er diese im Lichte der hyperbolischen Verurteilung derer liest, welche die strenge Trennung zwischen Sein und Nichtsein nicht teilen. Parmenides nennt sie die «nichtswissenden Sterblichen, die Dop pelköpfigen, [...] gleichermaßen taub wie blind, verblödet, unent schiedene Haufen, denen Sein und Nichtsein als dasselbe gilt und auch wieder nicht als dasselbe.»6 Die eigenartige Schärfe der Kritik entlarvt, so Heinrichs Lesart, die Zurückweisung des falschen Seinsverständnisses als äußere Verkleidung einer tieferliegenden, praktischen Abwehr. Diese gilt nicht der begrifflichen Konfusion, sondern dem realen Phänomen der Diffundierung der Grenzen, des Schwankend- und Brüchigwerdens der Fundamente, der Halt losigkeit der Welt. Zugrunde liegt die ursprüngliche Angst, wie sie der Mythos mit der Evokation des Chaos verbindet und wie sie durch den Übergang vom unbestimmt-formlosen Abgrund zum ge ordneten Kosmos überwunden wird. Zurückgewiesen wird das In einander-Übergehen der Gestalten und Sichverlieren der Grenzen, letztlich die Kontamination des Seienden durch Zonen und Mächte des Nichtseins. Die insistierende Beschreibung des unerschütter lich-identischen Seins ist Kehrseite einer Urangst vor Seinsverlust und vor den Mächten der Auflösung. Als Tiefenschicht der onto logischen Kategorien zeigt sich ein lebensweltlich-praktisches Fundament, dessen innersten Antrieb die Abwehr einer Bedrohung bildet. Man kann darin eine Ausprägung der allgemeineren These Heideggers sehen, wonach die deskriptiven Kategorien, unter denen wir den Bezug zu den Dingen beschreiben, Derivate eines ur sprünglicheren existentiellen Weltverhältnisses, der positiven und negativen ‘Bewandtnis’ der Dinge für unser Tun und Wollen sind.
6 Parmenides, Fragment B6.4–8 (Diels-Kranz).
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1 Dispositive des Negativen
In alledem ist eine Linie skizziert, die eine bestimmte Verflech tung des theoretischen und praktischen Negativismus, genauer: eine Fundierung der theoretischen Verneinung in einer praktischen Ab wehr skizziert. Es ist eine ideengeschichtlich interessante, für eine kritische Selbstreflexion des begrifflichen Denkens herausfordernde Zusammenführung. Doch auch wenn ihr im Konkreten unleugbare Plausibilität zukommen kann, stellt sich die Frage, wieweit die darin umrissene Verflechtung für das Ganze stehen kann. Klarerweise geht dieses in jener nicht auf. Das theoretische Neinsagen ist nicht schlechthin aus dem Zusammenhang der Aversion vor dem Nicht seinsollenden zu begreifen, weder in seiner Logik noch seinem Potential aus ihm zu explizieren. Dennoch weist die mit Freud und Heinrich angedeutete Genealogie auf einen Konnex in der Sache. Es ist deshalb nötig, beide Sphären des Negativen für sich zu erkunden, um vor diesem Hintergrund sowohl ihre Differenz wie das Verwei sungsverhältnis zwischen ihnen zu verdeutlichen.
1.2 Theoretischer Negativismus 1.2.1 Negation als konstitutives Moment von Sprache und Erkenntnis Nein sagen zu können zeichnet den Menschen aus. Dabei geht es nicht einfach um eine Kraft des Widerstands oder eine Fähigkeit des Abweisens und Sichwidersetzens, sondern um ein Neinsagen, das sich als Gegenpol des Jasagens, als Option im Raum des Be jahens und Verneines bestimmt. Die Ja/Nein-Stellungnahme geht mit der anthropologischen Differenz einher, welche die charakteris tische Verhaltensweise und Fähigkeit des Menschen im Gegensatz zu anderen Lebewesen definiert. Sie ist unablösbar vom Sprachver mögen, das den Menschen gemäß der Formel des zoon logon echon auszeichnet, wobei der logos die propositionale, genuin mensch liche Sprache meint, mittels deren Menschen sich nach Aristoteles über Recht und Unrecht verständigen (im Gegensatz zur phone, der bloßen Stimme, mittels welcher auch Tiere ihre B efindlichkeit aus drücken und anderen Signale geben können).7 Die prädikative 7 Aristoteles, Politik 1253a10–18.
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I Negativismus und Kritik
Sprache befähigt einerseits dazu, sich auf bestimmte Sachverhalte in unterschiedlichen Modalitäten zu beziehen – zu behaupten, ver langen, bestreiten, bezweifeln, dass etwas der Fall sei –, anderer seits dazu, sich auf einen Sachverhalt verneinend oder bejahend zu beziehen beziehungsweise zu Aussagen anderer mit Ja oder Nein Stellung zu beziehen. Dieses Potential ist im theoretischen wie praktischen Diskurs impliziert, indem sowohl die Wahrheit einer Behauptung wie die Richtigkeit einer Norm oder Akzeptierbarkeit eines Befehls bejaht und verneint werden kann. Dabei ist diese Stel lungnahme nicht erst für den Rechtfertigungsdiskurs, sondern schon für das Verstehen – zumal eines assertorischen oder impera tivischen Satzes – wesentlich. Wir verwenden und rezipieren solche Sätze so, dass wir den darin affirmierten bzw. postulierten proposi tionalen Gehalt im Horizont seiner möglichen Verneinung auffas sen und den Sprechakt im projektiven Vorgriff auf seine mögliche Ausweisung verstehen. Die Verortung der Proposition im Raum der möglichen Verneinung und das Spiel der Ja/Nein-Stellungnahme bilden gewissermaßen transzendentale Voraussetzungen im Ge brauch der Sprache. Ernst Tugendhat, der diesen Zusammenhang nachdrücklich herausgestellt hat, stimmt Wittgensteins Ansicht zu, «dass der Schlüssel zum Verständnis des Wesens des Satzes im ‘Geheimnis der Negation’ liegt», und er formuliert sogar die wei tergehende Vermutung, dass der «Ursprung der Negation» in die sem vorausgreifenden, «projektiven Wesen unserer Sprache liegt».8 Hier haben wir also mit einer direktesten Gegenthese zu der im Vorigen diskutierten Herkunft der Verneinung aus der praktischen Abwehr zu tun. Es bleibt zu sehen, wie sich diese Perspektive im umfassenderen Horizont des negativen Verhaltens situiert. Nun ist die konstitutive Negationsverwiesenheit nicht erst auf der Ebene der prädikativen Sprache, sondern basaler im Medium des intentionalen Gegenstandsbezugs geltend zu machen. Sich auf etwas beziehen, heißt sich auf dieses und nicht jenes beziehen. Was ist, ist dieses Bestimmte in Abhebung von anderem; die Dia 8 Ernst Tugendhat, Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Phi losophie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976, S. 518; Ludwig Wittgenstein, Tagebuchnotiz vom 15.11.1914, in: Schriften Bd. 1, Frankfurt am Main: Suhr kamp 1960, S. 119.
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