Abstrakte Werke sind seit bald hundert Jahren Teil der europäischen Kunst. Trotz dieser langen Geschichte hat sich kein Modell zu ihrer Interpretation entwickelt. Dies erstaunt umso mehr, als sich zahlreiche Philosophen mit Kunst, ihren Wirkungs weisen und den Bedingungen ihrer Rezeption beschäftigen. Die vorliegende Unter suchung wird von der durch diese Situation ausgelösten Frage geleitet, ob und wie sich philosophische Aussagen zur Kunst mit kunsthistorischen Sichtweisen verbin den und für die Rezeption abstrakter Kunst fruchtbar machen lassen. Sie basiert auf der Analyse von Positionen des kunsthistorischen Kanons sowie auf der Untersuchung fünf philosophisch-ästhetischer Theorien essentialistischer und antiessentialistischer Art. Aufgrund dieses hermeneutischen Prozesses wird eine Systematik der Bildbefragung entwickelt, die sich als Interpretationsansatz insbesondere für abstrakte Kunstwerke eignet.
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Dualismen des Bildes
ZÜRCHER ARBEITEN ZUR PHILOSOPHIE
Thaler
Alice Thaler-Battistini studierte in Zürich an der Musikhochschule (heute Zürcher Hochschule der Künste) Musik, an der Universität Kunstgeschichte, Islamwissen schaft und Philosophie. Mit der vorliegenden Arbeit promovierte sie 2012 an der Universität Zürich in Philosophie.
I S B N 978-3-7965-3387-7
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 533877
ZÜRCHER ARBEITEN ZUR PHILOSOPHIE
Alice Thaler
Von ontologischen Dualismen des Bildes Philosophische Ästhetik als Grundlage kunstwissenschaftlicher Hermeneutik
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ZÜRCHER ARBEITEN ZUR PHILOSOPHIE 4
HERAUSGEGEBEN VON WOLFGANG ROTHER, K ATIA SAPORITI, PETER SCHABER UND PETER SCHULTHESS
SCH WA BE V ER L AG BA SEL
ALICE THALER
VON ONTOLOGISCHEN DUA LISM EN DES BI LDES PHILOSOPHISCHE ÄSTHETIK ALS GRUNDLAGE K UNSTWISSENSCHAFTLICHER HERMENEUTIK
SCH WA BE V ER L AG BA SEL
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Die vorliegende Arbeit wurde von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich im Frühjahrssemester 2012 auf Antrag von Prof. Dr. Wolfgang Rother und Prof. Dr. Katia Saporiti als Dissertation angenommen.
Copyright © 2015 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3387-7 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-3424-9 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhalt EINLEITUNG ......................................................................................... 11 1 ZEIGEN UND SAGEN – BILD ODER SPRACHE? .......................... 29 1. Begriffsbestimmungen ................................................................... 37 2. Zeigen und Sagen? ......................................................................... 41 3. Verschränkung von Zeigen und Sagen ............................................ 46 3.1 Verbildlichung der Sprache ................................................... 46 3.1.1 Aufruf zum Kreuzzug ............................................... 48 3.1.2 Das Wort als Körper – Motiv der Fleischwerdung ........................................ 49 3.2 Versprachlichung des Bildes .................................................. 51 3.2.1 Theologische Funktionen des Ausdrucks .................. 51 3.2.2 Rhetorik von Gesten und Gebärden .......................... 52 3.2.3 Integration von Text ................................................. 53 4. Die Unverständlichkeit des Bildes ................................................. 57 5. Das ‘Lesen’ von Bildern .................................................................. 61 5.1 Ikonographie oder Ikonologie? .............................................. 67 5.2 Das Beispiel vom Bekannten, der den Hut zieht und grüßt ................................................. 74 5.3 Auch die Philosophie liest Bilder .......................................... 81 6. Widerstand gegen fremde Deutungshoheit .................................... 89 Zum Beispiel: Marcel Duchamp, Umwertung der Werte ............... 90 7. Exkurs: Entmündigung der Kunst? ................................................ 94 8. Emanzipation der Kunst: Schrift im Bild ....................................... 96 8.1 Zum Beispiel: René Magritte, Malerische Untersuchung von Begriffen ................................ 96 8.2 Zum Beispiel: Joseph Kosuth, Absage an die Philosophie ................................................... 101
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Inhalt
8.3 Zum Beispiel: Rosemarie Trockel, Leiblichkeit und Begrifflichkeit .......................................... 105 8.3.1 Die Materialität ...................................................... 107 8.3.2 Das Textzitat .......................................................... 108 8.3.3 Das Bildzitat .......................................................... 109 9. Der Bildtitel ............................................................................... 112 9.1 Herkunft des Titels ............................................................. 116 9.2 Autonome Titelsprache ....................................................... 117 9.3 Titelsuche ........................................................................... 118 9.4 Das Erhabene ist unsagbar .................................................. 120 10. Zusammenfassung ........................................................................ 122 2 IKONISCHE LOGIK ODER: SCHEINEN IST DAS SEIN DES BILDES ......................................... 127 1. Von der Schwierigkeit, dem Schweigen des Bildes einen Namen zu geben ................................................................. 132 1.1 Sichtbarkeit ........................................................................ 133 1.2 Ikonik ............................................................................... 135 1.3 Ikonische Differenz ............................................................. 139 2. Elemente ikonischer Präsenz ........................................................ 146 2.1 Inhalt oder Form, Gehalt oder Struktur .............................. 146 2.2 Stil ...................................................................................... 150 2.3 Disegno oder Colore, Colore oder Colorito – ein ‘Sprachenstreit’ .............................................................. 155 2.4 Textur ............................................................................... 163 2.5 Der Fleck als Signatur der Moderne .................................... 164 3. Elemente ikonischer Absenz: Leerstellen ...................................... 171 3.1 Mimetische Leerstellen: Des Kaisers (neue) Kleider .................................................. 173 3.2 Rhetorische Leerstellen: Ich seh’ etwas, was du nicht siehst ....................................... 177 3.2.1 Blicke im und aus dem Bild ................................... 179 3.2.2 Der Vorhang: überdeterminiert .............................. 182 3.3 Pikturale Leerstellen: Figur oder Grund? ............................ 191 3.4 Sigetische Leerstellen: ‘Ein zerrissener Strumpf besser als ein geflickter’ ................. 200
Inhalt 7
4. Zusammenfassung ........................................................................ 204 5. Exkurs: «Kunstwollen» und Kunst-wollen .................................. 206 3 DAS RÄTSEL ‘KUNST’...................................................................... 211 1. Was ist Kunst? ............................................................................ 211 1.1 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Kunst ist historische Mittlerin zwischen dem Absoluten und dem Subjektiven .... 217 1.1.1 Kunst im Rahmen des philosophischen Systems ..... 218 1.1.2 Kunst als spezifische und geschichtliche Gestaltungsform .............................. 220 1.1.3 Kunst – Kunstkennerschaft – Kunstgelehrsamkeit ............................................... 222 1.2 Morris Weitz: Kunst ist ein Konzept .................................. 225 1.3 Nelson Goodman: Kunst ist eine Weise der Welterzeugung ............................ 230 1.4 Martin Heidegger: Kunst ist Sinnstiftung ........................... 240 1.5 Hans-Georg Gadamer: Kunst ist Verwandlung ins Gebilde .................................... 248 2. Was ist ein Bild? .......................................................................... 255 2.1 Das Bild vor dem Betrachter: reflexiv .................................. 260 2.2 Manifestationen von Zeit und Zeitlichkeit .......................... 265 2.3 Wahrheit in der Malerei? .................................................... 274 2.4 Ein offenes Kunstwerk ........................................................ 282 3. Hermeneutische Konsequenzen .................................................... 286 3.1 Rolle und Perspektivität ..................................................... 289 3.2 Ut pictura poesis? Ut pictura descriptio! ............................. 295 4. Bedeutung als innerbildliches Geschehen ..................................... 299 4 PHILOSOPHISCHE FRAGEN ALS GRUNDLAGE DER INTERPRETATION ABSTRAKTER KUNSTWERKE .......... 303 1. Interpretieren bedeutet Übersetzen .............................................. 305 2. Abstrakte Kunst interpretieren? ................................................... 313 3. Philosophische Fragen als Grundlage einer Bildbefragung ............................................... 315 Spezifika dieser Bildbefragung ..................................................... 318
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Inhalt
4. Bildbefragung Nr. 1: Mark Bradford, Things fall apart, 2012 ...... 326 4.1 Rezeptionsbedingungen ...................................................... 326 4.2 Beschreibung des Gesamteindrucks .................................... 328 4.3 Herstellung: Regeln, Verfahren, Techniken ......................... 329 4.4 Bildfläche: Ästhetische Merkmale, innerbildliche Relationen, Bildraumkonstituierung ............ 330 4.5 Temporale Strukturen: ikonische Ausdrucksformen von Zeit und Bezüge zu Zeitlichkeit ................................... 332 4.6 Interpretation mit Begründung .......................................... 333 4.7 Validierung ......................................................................... 340 4.8 Reflexion ............................................................................ 341 5. Bildbefragung Nr. 2: Joan Mitchell, Untitled, 1958 .................... 343 5.1 Rezeptionsbedingungen ...................................................... 343 5.2 Beschreibung des Gesamteindrucks .................................... 344 5.3 Herstellung: Regeln, Verfahren, Techniken ......................... 345 5.4 Bildfläche: Ästhetische Merkmale, innerbildliche Relationen, Bildraumkonstituierung ............ 347 5.5 Temporale Strukturen: Ikonische Ausdrucksformen von Zeit und Bezüge zu Zeitlichkeit ................................... 348 5.6 Interpretation mit Begründung .......................................... 349 5.7 Validierung ......................................................................... 353 5.8 Reflexion ............................................................................ 355 6. Bildbefragung Nr. 3: Kurt Thaler, Abstract Painting Nr. 3, 2012 ..................................................... 357 6.1 Rezeptionsbedingungen ...................................................... 357 6.2 Beschreibung des Gesamteindrucks .................................... 358 6.3 Herstellung: Regeln, Verfahren, Techniken ......................... 359 6.4 Bildfläche: ästhetische Merkmale, innerbildliche Relationen, Bildraumkonstituierung ............ 361 6.5 Temporale Strukturen: Ikonische Ausdrucksformen von Zeit und Bezüge zu Zeitlichkeit ................................... 362 6.6 Interpretation mit Begründung .......................................... 364 6.7 Validierung ......................................................................... 366 6.8 Reflexion ............................................................................ 367 7. Zusammenfassung ........................................................................ 369
Inhalt 9
SCHLUSS ............................................................................................... 371 DANK ................................................................................................... 385 LITERATURVERZEICHNIS ................................................................ 387 ABBILDUNGSVERZEICHNIS ............................................................. 409 ABBILDUNGSNACHWEISE ............................................................... 413 PERSONENREGISTER ........................................................................ 415
EINLEITUNG
Wer sich mit dem Bild als Artefakt beschäftigt, findet sich einer Vielzahl von Dualismen gegenüber, die einem Kunstwerk wesentlich sind und es sowohl innerbildlich in seiner Darstellungsweise und seinen Darstellungsmitteln als auch extern in seinen intermedialen Bezügen bestimmen. Diese Dualismen wirken sich auf die Rezeption aus und schlagen sich insgesamt im Verhältnis von Ästhetik und Hermeneutik nieder. Für diese Arbeit sind sie Titel gebend, insofern sie sie gliedern und deren einzelne Teile thematisch strukturieren. Bedingt sind sie durch die Doppelnatur des Kunstwerks als materieller Gegenstand mit immaterieller Bedeutung. So ist das Bild alles, was die Kunstwissenschaften erforschen, das heißt in Motivik, Technik, Funktion und Gehalt historisch eingebunden und demzufolge entschlüsselbar. Darüber hinaus ist es auch alles, was die Ästhetik als Philosophie der Kunst über es aussagt, nämlich eine gegenüber der rationalen Logik ‘untere’ Erkenntnisstufe1 und eine sinnlich erfahrbare Weltsicht: Es zeigt eine (subjektive) Sicht auf die Welt, ist Ausdruck von Welt – des Zeitgeistes – und erzeugt selbst in sich eine Welt. Die Gegenüberstellung von (Bild-)Körper und Geist ist somit im Kunstwerk manifest, wird jedoch erst außerhalb des Bildes, in der Begrifflichkeit der Sprache, reflektiert. Daraus resultieren Schwierigkeiten ontologischer und phänomenologischer Art, die schon damit beginnen, die Abgrenzung von Materialität und immaterieller Darstellung präzise festzulegen. Beispielsweise gehört der Bildträger technisch-materiell zum Bild, doch das Bild als eine Anordnung von Farben lässt ihn in den Hintergrund treten oder ihn ganz vergessen, obwohl es ohne ihn nicht existieren kann – im Bild sind Materialität und Darstellung bzw. Opazität und Transparenz immer gleichzeitig präsent. Diese Gleichzeitigkeit lässt sich vom BetrachVgl. A. G. Baumgarten: Ästhetik, Prolegomena, 10–19.
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tenden jedoch nur theoretisch feststellen und nicht in seiner Sehweise realisieren, so dass kontinuierliche Entscheidungen zur Blickfokussierung auf die eine oder die andere Erscheinungsweise des Bildes verlangt werden. Damit ist ein weiterer Dualismus skizziert, der sich sowohl als Gegenüberstellung von Beschreibung und Deutung als auch in diesen beiden Modi der Beschäftigung mit einem Bild äußert. Die duale Struktur von Was und Wie, die der simultanen Performativität des Bildes wesentlich ist, muss sowohl in der Deskription als auch in der Interpretation in die Sukzessivität der Sprache übersetzt werden. Auch hierin, nicht nur in Bezug auf die Sehweise, werden Entscheidungen verlangt: Wird beschrieben, dass eine Linie zwei Farbfelder trennt oder wie diese Linie gemalt ist und die Felder zueinander in Beziehung setzt? Ein ganz anders gearteter Dualismus drückt sich in den Aussagen Platons zur Malerei aus, wenn er Sokrates zu Glaukon sagen lässt: Am schnellsten wirst du wohl, wenn du nur einen Spiegel nehmen und den überall herumtragen willst, bald die Sonne machen und was am Himmel ist, bald die Erde, bald auch dich selbst und die übrigen lebendigen Wesen und Gerät und Gewächse, und alles, wovon soeben die Rede war – Ja, scheinbar, sagte er [Glaukon, AT], jedoch nicht in Wahrheit seiend.2
Daraufhin folgert Sokrates, dass auch der Maler einer von diesen Meistern sei, der nicht wahrhaft macht, was er macht, sondern nur Scheinbares herstelle.3 Sokrates verstärkt das Argument noch, indem er der Malerei attestiert, dass sie, gemessen am wahren Sein der Idee, doppelt von der Wahrheit entfernt sei: Sie bilde nur einen Gegenstand nach, der selbst schon Abbild der Idee und somit nicht die Wahrheit selbst sei.4 Dieses Urteil, das auf der Unterscheidung von Wesensbildung durch Gott, der Werkbildung durch den Handwerker und der Nachbildung durch die Malerei beruht und dem der Dualismus vom wirklichen Sein der Idee und dem Scheincharakter der MaPlaton: Politeia, 596e. Vgl. ebd. 4 Vgl. ebd., 597a–598d. In dieser Passage werden die Unterscheidung zwischen Wesensbildner (Gott), Werkbildner (Tischler) und Nachbildner (Dichter und Maler) und ebd., 602c–604a die Vernunftferne der Nachbildnerei formuliert. 2 3
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lerei zugrunde liegt, war in der Geschichte der europäischen Kunst von tiefgreifender Bedeutung. In der Renaissance, mit der Orientierung an der Antike und der griechischen Philosophie, wurden die Ausrichtung der Kunst an der Idee sowie die Suche nach der idealen Erscheinung zu zentralen Topoi der Kunsttheorie, die sich sowohl in der Malerei als auch im sozialen Status der Künstler auswirkten und dazu führten, dass die Maler nicht mehr Handwerkern, sondern Gelehrten gleichgestellt wurden.5 Sofonisba Anguissolas ‘Selbstporträt’ (Abb. 1) dokumentiert einige Aspekte dieses Statuswandels, der mit einem veränderten Selbstverständnis einherging.
Abb. 1: Sofonisba Anguissola, Selbstporträt, 1556, 66 × 57 cm, Öl auf Leinwand, Łańcut, Muzeum Zamek w Łańcucie.
Die Malerin stellt sich, den Blick direkt aus dem Bild und auf die Betrachtenden gerichtet, mit Pinsel und Malstock vor der Staffelei dar. Als Mensch und als Künstlerin mit kreativ-geistiger Potenz kann sie in Anspruch nehmen, sich mit der Sphäre des Geistigen verbinden zu können, was sich darin äußert, dass sie fähig ist, Göttlichkeit darzustellen – das Bild im Bild zeigt eine Frau mit Kind in einer für die Ikonographie von Maria mit dem Jesus-
Vgl. O. Bätschmann: Leon Battista Alberti, in: St. Majetschak (Hg.): Klassiker der Kunstphilosophie, 57–75.
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kind gleichzeitig typischen und atypischen Weise.6 Als Künstlerin ist sie imstande, den Menschen Gott nahe zu bringen, in ihr findet somit die Dualität der Malerei zu einer Synthese zusammen: Mit der Hand ist sie Handwerkerin, mit dem Denken jedoch hat sie Teil an den Ideen.7 Somit sind auch im einzelnen Kunstwerk, insbesondere in einem, das nicht primär der mimetischen Nachbildung verpflichtet ist, Idee und Erscheinung unauflösbar miteinander verknüpft. In Bezug auf das Schöne sprach Georg Wilhelm Friedrich Hegel denn auch vom ‘sinnlichen Scheinen der Idee’,8 damit auf die Bedeutung der Kunst insgesamt referierend. Somit treffen in der Betrachtung des Bildes Ästhetik (in ihrer dreifachen Bedeutung als Theorie der Wahrnehmung, des Schönen und der Kunst) und Hermeneutik direkt aufeinander. Mehr noch: Sie bedingen einander, denn ohne Wahrgenommenes oder Vorgestelltes wird keine Deutung generierbar und das dualistische Verhältnis, das sich im Kunstwerk konstituiert, ist gleichzeitig in seiner Wechselwirkung unauflösbar. Diese duale Konstellation wirkt sich auf die Rezeption aus, denn sie hat auf Seiten der Rezipierenden ein stetes Oszillieren zwischen Sehen und Deuten zur Folge. Dazwischen jedoch, zwischen ästhetischer Empfindung und Interpretation, findet eine Übersetzung statt, muss doch das im Bild Wahrgenommene in Begriffe übersetzt sein, um auf diese vermittelte Weise als einer Idee oder einer Bedeutung zugehörig bezeichnet werden zu können. Oder anders ausgedrückt: das Zeigen und Sich-Zeigen des Bildes wird in ein Sagen, in ein Sprechen-über und in ein Deuten von Seiten der Betrachtenden verwandelt. Das Bild befindet sich demzufolge immer auf dem Weg von der Bildhaftigkeit in die Sprache, es ist sprachlos, insofern es Bild ist, muss jedoch versprachlicht werden, um außerhalb seiner Bild zu sein. Im Laufe der Jahrhunderte veränderten sich die Bezugssysteme der Malerei immer wieder. Sie verlagerten sich von außerkünstlerischen Grundlagen wie beispielsweise von biblischen Texten oder der Natur hin zur Subjektivität der
Typisch sind die Farbgebung der Kleidung der Frau sowie ihr Zwiegespräch mit einem nackten kleinen Kind. Atypisch sind das selbständige Stehen des Kindes und die Art und Weise der menschlich-mütterlichen Zuwendung Marias. 7 Zur Entwicklung und den Implikationen des Selbstporträts, die direkt mit dem zweifachen Status der Malerei zusammenhängen, vgl. O. Calabrese: Die Geschichte des Selbstporträts. 8 G. W. F. Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik, 179. 6
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Wahrnehmung, sei sie äußerlicher Art wie im Impressionismus oder innerlich wie im Expressionismus. Mit dem Eintreten der abstrakten Malerei – ‘Kunst der Sprachlosigkeit’ nennt sie Arnold Gehlen9 – verschoben sie sich ein weiteres Mal, diesmal in Richtung Selbstreflexivität und Prozesshaftigkeit. Mit diesen Veränderungen ging nicht nur der Verlust des Bildgegenstandes einher, sondern die Tradition der Bildbeschreibung und bestehende Interpretationsmodelle verloren ihre Gültigkeit. Dadurch entstand eine paradoxe Situation: Die Kunstwerke wurden zwar erklärungsbedürftiger, doch gerade ihrer Erscheinungsweise wegen standen keine Erklärungsmodelle mehr zur Verfügung. Dieser Sachverhalt hat sich trotz einzelner Versuche, die Interpretation ab strakter Kunst,10 insbesondere von Werken des Informel,11 durch systematisierte formale Analysen zu erschließen, nicht verändert. Noch immer ist auch in der Kunstwissenschaft eine Scheu oder gar eine ‘Flucht vor der Interpretation’12 abstrakter Werke auszumachen, da für innerbildliche Konstellationen inhaltsleerer Formen – und darum handelt es sich bei ungegenständlichen Bildern – keine Regeln des Auslegens entwickelt worden sind. Sowohl die Beurteilung eines solchen Bildes als Reduktion mimetischer Darstellungen von Objekten der sichtbaren Welt als auch subjektivistische Interpretationen referieren auf außerbildliche Gegebenheiten und lassen bildimmanente Gegebenheiten außer Acht. Auf diesem Hintergrund gilt die vorliegende Arbeit der Untersuchung, inwiefern sich Ansätze philosophischer Ästhetik mit kunstwissenschaftlicher Hermeneutik verbinden bzw. Theorien zur Kunst in die Praxis der Kunst interpretation, insbesondere der Interpretation nicht mimetischer Werke, überführen lassen. Ihr Ziel besteht darin, auf der Grundlage ausgewählter philosophischer Positionen zur Kunst eine Systematik des Fragens zu ent wickeln, die – zusammen mit der Analyse bildimmanenter Strukturen – der A. Gehlen: Zeitbilder, 185. Abstrakte Werke bilden keine Gegenstände ab, die eine Entsprechung in der Alltagswelt haben. Die Kompositionen bestehen aus Farben, Formen, geometrischen Konstruktionen, Malgebärden und Kontrasten. Vgl. Lexikon der Kunst, Bd. 1, 18. 11 Das Informel ist eine abstrakte, materialobsessive Kunstform. Vgl. H. Althöfer (Hg.): Informel, 14. Der Begriff enthält programmatisch die Abgrenzung zu geometrischen Abstraktionen. Zur Interpretation informeller Werke vgl. Ch. Baus: Das For melle in der informellen Malerei. 12 Vgl. P. Tepe: Kognitive Hermeneutik, 341–347. 9
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Interpretation ungegenständlicher13 Werke dient. Dabei stützt sie sich auf drei programmatische Voraussetzungen. Die eine besagt, dass Kunst nicht nur Objekt philosophischer Analyse ist, sondern dass zwischen Kunst und Philosophie Gemeinsamkeiten bestehen, die auf Verschränkungen der sie begründenden Modalitäten von Zeigen und Sagen zurückzuführen sind. Im Falle abstrakter Kunst wird diese Annahme durch Äußerungen bestätigt, die einerseits von Künstlern und Künstlergruppen oder andererseits von Philo sophen mit Blick auf die künstlerische Abstraktion formuliert wurden. Die expliziten Bezüge zur Philosophie betreffen dabei die Stellung des Künstlers als Teil der Natur14 ebenso wie die Inhalte der Kunstwerke.15 Die zweite programmatische Voraussetzung besteht darin, dass ein Bild grundsätzlich als bedeutungstragend betrachtet wird. Wobei Bedeutung weder als Funktion noch als Narration des Kunstwerks verstanden wird, sondern, kunsthistorisch gesprochen, als der Gehalt des Artefakts. Dieser erscheint in der Gestalt eines Werks, in seiner Kompositionsstruktur und seinen innerbildlichen Relationen, das heißt, in seinen formalen und strukturellen Aspekten, denn Form ist dem Kunstwerk nicht äußerlich, sondern dessen Sinnträgerin. Dass dies in der ungegenständlichen Malerei ebenso der Fall ist wie in der traditionell gegenständlichen, hat Max Imdahl mit Bildanalysen überzeugend nachgewiesen.16
‘Ungegenständlich’ als adjektivische Bezeichnung eines Kunstwerks ist hier und im Folgenden als Synonym zu ‘abstrakt’ und keinesfalls als ‘anästhetisch’ zu verstehen. Vgl. oben, Anmerkung 10. Max Imdahl verwendet die Bezeichnung ‘Non-relationalArt’ für Werke mit labyrinthischen, amorphen oder stereotypen Strukturen, vgl. M. Imdahl: Bildautonomie und Wirklichkeit, 75. Wolfgang Welsch braucht den Begriff ‘Anästhetik’ für das sich der sinnlichen Wahrnehmung Entziehende und bringt ihn dadurch in eine direkte Verbindung zur Ästhetik, vgl. W. Welsch: Ästhetisches Denken, 12. In Ergänzung dazu argumentiert Neil Roughley, dass Kunstwerke mit anästhetischem Charakter, zu denen er Konzeptkunst in strengem Sinne oder monochrome Werke zählt, die Verschiebung der Rezeption von der ästhetischen Erfahrung zur ästhetischen Einstellung auslösen und deshalb trotzdem essentiell ästhetisch zu verstehen sind. Vgl. N. Roughley: Kann Kunst anästhetisch werden?, 237. 14 Vgl. P. Joswig: Abstrakter Expressionismus: Nature into Action. 15 Vgl. Ch. Harrison, P. Wood (Hg.): Kunsttheorie, Bd. I, 374–477, Bd. II, 680–832. 16 Vgl. M. Imdahl: Arenafresken; sowie ders.: Bildautonomie und Wirklichkeit. Die Ikonik, die Imdahl als Analyseinstrument entwickelt hat, wird im zweiten Kapitel näher vorgestellt. Vgl. ‘Ikonik’, unten, 135–138 sowie 146–149. 13
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Die dritte Vorannahme geht davon aus, dass der Blick auf ein Bild nie un vermittelt ist, da nicht nur die Kunst, sondern auch der Blick auf sie historischem und kulturellem Wandel unterworfen ist. Die jüngsten Beispiele dazu finden sich im Rahmen der Genderforschung bzw. der feministischen Kunstgeschichte oder der postcolonial studies, die belegen, wie theoretische Konstruktionen oder Theoreme das Sehen und den Blick lenken und die Deutung von Kunstwerken maßgeblich bestimmen.17 Dass es auch einen Weg zur Bildbetrachtung und -bedeutung geben kann, der von philosophischen Aussagen zur Kunst angeleitet wird, wird mit dieser Arbeit aufzuzeigen sein. Um dieses Ziel zu erreichen, muss es gelingen, von der Empirie der historischen Kunstbetrachtung zur philosophischen Kunsttheorie und mit deren Einsichten und Fragen ausgestattet wieder zurück in die Praxis der Bild beschreibung und Bildinterpretation zu gelangen. Die Schwerpunkte der einzelnen Kapitel bilden diesen Weg ab und akzentuieren die Interdependenz von Bild und Sprache in unterschiedlicher Weise. Unter dem Titel ‘Zeigen und Sagen – Bild oder Sprache?’ setzt das erste Kapitel mit einer punktuellen Untersuchung des historischen Kontextes dieser Verbindungen ein. Ein grober historischer Längsschnitt durch Bild gebrauch, Bildgestaltung und Bildtheorien bringt dabei zu Tage, dass das, was Arthur C. Danto einen ‘Krieg’ zwischen den Disziplinen (gemeint sind Philosophie und Kunst) nennt,18 auch anders interpretiert werden kann. Die Veränderungen in der Beziehung von Bild und Sprache lassen sich, wie darzustellen sein wird, vielmehr wie eine über die Jahrhunderte hinweg wirkende Pendelbewegung lesen, die sich von der Dominanz der Sprache weg und hin zur Dominanz des Bildes bewegt. In der Bildkunst selbst findet dies seinen Ausdruck in der Selbstermächtigung der Künstler und Künstlerinnen, Theorien zu ihren Werken selbst zu formulieren sowie Texte in ihre Werke zu integrieren und sie damit auch zu kommentieren.
Durch Gender bedingte Sichtweisen werden von Hanna Gagel anhand einer Untersuchung von zweihundert Bildern aufgedeckt, in: dies.: Den eigenen Augen trauen. Viktoria Schmidt-Linsenhoff weist Erscheinungsweisen und Auswirkungen kolonialer und postkolonialer Attitüden nach in: dies.: Ästhetik der Differenz. Die Narrative der Kunstgeschichte und die ihnen zugrunde liegenden Strategien werden diskutiert in: K. Imesch, J. John u.a.: Kunstgeschichte und Gender Studies. 18 Siehe ‘Exkurs: Entmündigung der Kunst?’, unten, 94–95. 17
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Unter der Überschrift ‘Ikonische Logik oder: Scheinen ist das Sein des Bildes’ erfolgt im zweiten Kapitel die Hinwendung zum Bild und seinen Mitteln des Zeigens. Anhand bildhafter Gestaltungs- und Präsentationsmittel wird nachgewiesen, dass es nichtnarrative Bildelemente sind, die das Bild kontextualisieren und dass Leerstellen mit ihren Appellen an die Assoziationsfähigkeit der Betrachtenden Bildbedeutung generieren. Insbesondere Elemente ikonischer Präsenz sowie ikonischer Absenz werden in ihren dualistischen Relationen problematisiert und anhand von Bildern exemplifiziert. Dazu wird es notwendig sein, für bis anhin nicht systematisierte bildimmanente Leerstellen Bezeichnungen vorzuschlagen, um sie sprachlich fassbar und kontextualisierbar machen zu können. Außerdem wird untersucht, wie in den strukturellen Elementen des Zeigens das Wie und das Was des Bildes in eins fallen, sie demzufolge Teil haben am Sein des Bildes und zugleich sein Scheinen und seine Erscheinung sind. Die bisherigen Schwerpunkte werden im dritten Kapitel in philosophischem Kontext weiterentwickelt. Dessen Titel – Das Rätsel ‘Kunst’ – spielt darauf an, dass die Frage nach dem Wesen bzw. der Definierbarkeit von Kunst nie abschließend beantwortet werden kann, deshalb immer wieder von neuem gestellt und kontrovers beantwortet wird. Die Schwierigkeit, den Begriff Kunst zu fassen, führte, vor allem in der Folge der Avantgardekunst des 20. Jahrhunderts, zu kunstphilosophischen Kontroversen, die noch immer nicht beigelegt sind. Ihr Hintergrund sind die definitorischen Schwierigkeiten, die sich bereits aus der generellen Gattungsvielfalt der Kunst ergeben, sich jedoch durch die Aufhebung von Gattungsgrenzen und durch den Wegfall eines konsistenten Werkbegriffs multipliziert haben. So stehen sich inzwischen nicht nur (Neo-)Essentialisten, die eine Wesensdefinition von Kunst als Grundlage ästhetischer Theorie betrachten und Antiessentialisten, denen eine solche Aufgabe unnötig und in Anbetracht der multiplen Verwendung des Begriffs Kunst obsolet erscheint, gegenüber,19 sondern es haben sich außerdem ausgehend von einzelnen Aspekten der Kunstproduktion oder -rezeption weitere spezifische Definitionsansätze entwickelt, so dass die Anzahl definitorischer Vorschläge kaum mehr zu überblicken ist.20 Vgl. R. Bluhm, R. Schmücker (Hg.): Kunst und Kunstbegriff. Der Band versammelt wichtige Texte zu diesem Theoriediskurs. 20 So zählt, um nur zwei Beispiele zu nennen, M.-E. Reicher sechs Definitionsansätze auf, die mit den sieben von A. Piecha erwähnten nur in einem Fall übereinstim19
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In der vorliegenden Arbeit werden fünf unterschiedlich akzentuierte philosophisch-dispositionelle Erklärungen zur Kunst analysiert. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die folgenden Philosophen bzw. Werke: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik, Morris Weitz: The Role of Theory in Aesthetics,21 Nelson Goodman: Weisen der Welterzeugung, Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerks und Hans-Georg Gadamer: Die Ontolo gie des Kunstwerks und ihre hermeneutische Bedeutung.22 Die Suche nach interpretationsrelevanten Ansätzen beginnt bei Hegel – muss mit Hegel einsetzen, denn er hat Kunst dreifach in sein System eingebunden und damit ein Koordinatennetz erstellt, das bis heute diskutiert wird.23 So bildet Kunst bei Hegel eine Überbrückung zwischen einem sinnlich erfahrbaren Diesseits und einem geistigen Jenseits.24 In dieser Funktion ist sie jedoch abhängig von Entwicklungsstufen des Geistes, die zu Ausdrucksformen führen, deren Angemessenheit und Übereinstimmung von Form und Inhalt historisierbar sind.25 Die Historizität der Kunst hat zur Konsequenz, dass sie erklärungsbedürftig wird, was zu konkreten Forderungen an eine Kunstkennerschaft führt, deren Aufgabe es wird, empirische Grundlagen für weiterführende Kunststudien zu sammeln.26 Dem metaphysischen System Hegels folgen die antiessentialistischen Positionen von Morris Weitz und Nelson Goodman. Mit Morris Weitz wird ein Vertreter nordamerikanischer Kunst- und Sprachphilosophie zitiert, der in seinem Schlüsseltext zur Ästhetik die Definierbarkeit von Kunst gänzlich verneint.27 Er begründet seine Aussagen damit, dass jede ästhetische Theorie nur Teilaspekte des umfassenden Phänomens Kunst berücksichtige, es somit weder notwendige noch hinreichende Eigenschaften gibt, die das Insgesamt men. Siehe M.-E. Reicher: Einführung, 128–169 und A. Piecha: Was ist Kunst?, 2–7. 21 M. Weitz: The Role of Theory bzw. ders.: Die Rolle der Theorie in der Ästhetik, in: R. Bluhm, R. Schmücker (Hg.): Kunst und Kunstbegriff, 39–52. 22 H.-G. Gadamer: Die Ontologie des Kunstwerks, in: ders.: Wahrheit und Methode I, 107–174. 23 Vgl. A. Gethmann-Siefert, B. Collenberg-Plotnikov (Hg.): Zwischen Philosophie und Kunstgeschichte. 24 G. W. F. Hegel: Ästhetik, 45. 25 G. W. F. Hegel: Enzyklopädie III, § 561. 26 G. W. F. Hegel: Ästhetik, 63. 27 M. Weitz: The Role of Theory.
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Einleitung
der Kunst definieren. Deshalb schlägt er vor, nicht danach zu fragen, was Kunst ist, sondern welche Art von Konzept Kunst darstellt.28 Sein Schluss, der die Kunsttheorie nachhaltig beeinflusst, basiert auf der Grundlage, dass das gemeinsame aller Kunstwerke darin besteht, von offenen Konzepten geprägt zu sein, Kontingenz demzufolge als definitorischer Faktor betrachtet wird. Weitz leitet daraus ab, dass, gerade weil eine Definition von Kunst unmöglich sei, es die Aufgabe ästhetischer Theorien sein müsse, Kriterien der Beurteilung und Wertung von Kunstwerken zu untersuchen.29 Auch Nelson Goodman lehnt die Frage nach dem Wesen der Kunst ab. Er ersetzt sie durch die Frage nach den Bedingungen des Zustandekommens von Kunstwerken, insbesondere nach der Transformation von Alltagsgegenständen in Objekte der Kunst, macht somit Funktionsweisen und Kontextualisierung zur leitenden Frage seiner Untersuchungen. Er parallelisiert, sich nun implizit an Hegel anlehnend, Kunst mit anderen Erzeugnissen des Geistes wie Wissenschaft oder Philosophie. Sie alle erzeugen, so Goodman, eigene Weltweisen, die nach je eigenen Regeln funktionieren und je eigene Systeme darstellen.30 Kunst wird in diesem Kontext zu einem Symbolsystem, dessen Teile – die einzelnen Kunstwerke, deren performative Potenz sich in ihrem Modus der Exemplifikation und deren «Symptomen des Ästhetischen»31 begründet – ebenfalls symbolisch zu verstehen sind. Als System ist Kunst jedoch gleichzeitig Teil von anderen Symbolsystemen, zu denen die Welt der Betrachtenden ebenso gehört wie die Geschichte der Kunst. Anschließend an diese zwei antiessentialistischen Kunsttheorien, die die Rolle der Betrachtenden stärken und Kunstproduktionen sowie Interpretationen als offene Prozesse behandeln, führt die weitere Untersuchung wieder zurück zu metaphysisch grundierten Aussagen zur Kunst. Bei Martin Heidegger findet sich die Unterscheidung von Kunst als Gegenstand sowie Kunst als Werk und nur als solches ist Kunst Ursache für die Entstehung von Welt und die Konstituierung von Erde. Damit wird aus der nachgeordneten Funktion der Überbrückung, die Hegel der Kunst zusprach, eine vorgeordnete der Sinnbildung. Kunst ist nun ursächliches und als solches unabgeschlossenes, Ebd., 30. Ebd., 35. 30 N. Goodman: Sprachen der Kunst, 9. 31 Ebd., 232–235. 28 29