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«Ich bestreite den Hass im Menschenherzen»

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«Ich bestreite den Hass im Menschenherzen»

Pierfrancesco Fiorato und Peter A. Schmid (Hrsg.)

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Fiorato | Schmid

Wie soll mit dem allgegenwärtigen Phänomen des Hasses ­umgegangen werden? In dem vorliegenden Sammelband ­beschäftigen sich Philosophen, Psychoanalytiker, ­Theologen und Politikwissenschaftler mit verschiedenen Facetten ­dieses Gefühls. Ausgangspunkt ihrer Beiträge sind Hermann ­ Cohens Reflexionen über den talmudischen Begriff des grundlosen Hasses.

I S B N 978-3-7965-3373-0

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

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783796 533730

«Ich bestreite den Hass im Menschenherzen» Überlegungen zu Hermann Cohens Begriff des grundlosen Hasses


Das Thema Hass hat in den letzten Jahren Konjunktur: Vor ­allem in der politischen und psychoanalytischen Diskussion wird es von mehreren Disziplinen aufgegriffen und nach verschie­denen An­ sätzen behandelt. Diesem starken Interesse zum Trotz lässt sich aber der Eindruck kaum abweisen, dass «Hass» nach wie vor ein heikles Thema bildet und dass sogar sein Bestehen wie bei keinem anderen Affekt umstritten bleibt. Nur vor diesem H ­ intergrund lässt sich – um nur ein Beispiel zu nennen – die a­ bsichtlich provokante Geste verstehen, mit der André Glucksmann in seinem Le discours de la haine (2004) gegen die «Möchtegernspezialisten der Seele» auf­ treten zu müssen meint: «Die von mir vertretene These lautet: Es gibt Hass, wir haben ihn alle k ­ ennengelernt.» Nicht weniger provokant ist die These, die unter umgekehrten Vorzeichen von Hermann Cohen – und zwar trotz des J­ udenhasses, den er selbst hatte erleben müssen – im letzten Kapitel seines mit­ ten im Ersten Weltkrieg verfassten Nachlasswerks vertreten wird: «Ich bestreite den Hass im Menschenherzen. [...] Was ist der Hass? Ich bestreite seine Möglichkeit. Es ist ein ­eitles Wort, das einen sol­ chen Begriff bezeichnen will.» Von jeher haben Cohens Kommentare zum talmudischen ­Begriff des «grundlosen Hasses», in denen er die «Seelenkraft des Optimismus» erwecken und die «Zaubermacht des Friedens» be­ schwören will, Faszination und Irritation bei den Lesern ausge­ löst. Die Herausgeber Pierfrancesco Fiorato, geb. 1959, lehrt Moralphilosophie an der Uni­ versität Sassari. Veröffentlichte u.a. die Monographie Geschichtliche Ewigkeit. Ursprung und Zeitlichkeit in der Philosophie Hermann ­Cohens (Würzburg 1993). Peter A. Schmid, geb. 1961, lehrt praktische Philosophie an der Hoch­ schule Luzern – Soziale Arbeit und ist als freier Supervisor tätig. Veröffentlichte u.a. die Monographie Ethik als Hermeneutik. Systematische Untersuchungen zu Hermann Cohens Rechts- und Tugendlehre (Würz­ burg 1995).


Pierfrancesco Fiorato und Peter A. Schmid (Hrsg.)

«Ich bestreite den Hass im Menschenherzen» Überlegungen zu Hermann Cohens­ Begriff des grundlosen Hasses

Schwabe Verlag Basel


Schwabe reflexe 40 Copyright © 2015 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Barbara Handwerker Küchenhoff Umschlaggestaltung: Heike Ossenkop, h.o.pinxit // editorial design, Basel Schrift: Quadraat Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3373-0 ISBN eBook 978-3-7965-3376-1 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt Siglen für die Schriften Hermann Cohens  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Pierfrancesco Fiorato und Peter A. Schmid: Vorwort   .. . . . . . . . . . . . .

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Pierfrancesco Fiorato: Zur Einführung: Hermann Cohen über den grundlosen Hass  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Simon Lauer: Sin’at chinnam. «Grundloser Hass» in ­jüdischen Quellen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Feind(esliebe) Peter Fischer-Appelt: Feindesliebe in christologischer Perspektive. Ein Diskurs mit Hermann Cohen  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Urs Marti-Brander: Emanzipation vom Hass? Überlegungen zu Rousseaus Verständnis von Selbst- und Eigenliebe  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Ein Intermezzo Léon Wurmser: Grundloser Hass als Krieg gegen die Scham Betrachtungen zu Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Untergrund  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Hass zwischen Psychologie und ­Affektenlehre Daniel Strassberg: Grundloser Hass?  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Ursula Renz: Ein weiser Umgang mit dem eigenen Hass Emotionstheoretische Überlegungen zum Begriff des grundlosen Hasses   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115


Befriedung Hans Martin Dober: Die kathartische Funktion des Gebets  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Peter A. Schmid: Friede und geistige Übung Zur ­Überwindung des Hasses bei Cohen   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Quellen Hermann Cohen: Textstellen über den grundlosen Hass  . . . . . . . . 161

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Siglen für die Schriften Hermann Cohens ErW Ethik des reinen Willens, (Berlin 21907), Nachdruck in: Werke, Bd. 7 (Hildesheim, Zürich, New York 1981; 22002) KS Kleinere Schriften, 6 Bde., bearbeitet und eingeleitet von Hartwig Wiedebach, Werke, Bde. 12-17 (Hildesheim, Zürich, New York 1997 ff.; bisher erschienen: Bde. 1, 4, 5, 6) JS

Jüdische Schriften, hg. von Bruno Strauß, 3 Bde. (Berlin 1924)

LrE Logik der reinen Erkenntnis, (Berlin 21914), Nachdruck in: Werke, Bd. 6 (Hildesheim, Zürich, New York 1977) RV Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums [²1929]. Nach dem Manuskript des Verfassers neu durch­ gearbeitet und mit einem Nachwort versehen von Bruno Strauß (Wiesbaden 1978 [Nachdruck der 1966 in Darm­ stadt erschienenen Ausgabe])

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Vorwort Pierfrancesco Fiorato und Peter A. Schmid Der Hass ist uns allen bekannt und mit Recht bemerkt André Glucksmann in seiner Studie zum Hass lapidar: «Es gibt Hass, wir haben ihn alle kennen gelernt.»1 Wir lernten und lernen ihn gerade jetzt wieder in vermehrtem Maß in den kriegerischen Auseinander­ setzungen in einigen Nationen kennen. Wir lernen ihn aber auch ganz persönlich kennen, vielleicht nicht als Hassende, zumindest aber als Gehasste. Sobald sich der Blick auf das Phänomen selber richtet, wird zusehends unklar, als was der Hass zu verstehen ist. Handelt es sich um ein Gefühl unter anderen? Allenfalls um ein Gefühl, das ähnlich wie die Liebe einen ganz zentralen Ort einnimmt? Oder handelt es sich um eine «elementare Gewalt», die mehr umfasst als nur ein Gefühl? In diese Richtung argumentiert Glucksmann, wenn er dem Hass eine geradezu existentiale Dimension zuweist: «Ich hasse, also bin ich».2 Weniger weit gehen die Theoretiker, die den Hass als Gegenteil der Liebe bzw. als Reaktion auf alles, was uns Unlust bereitet, verstanden wissen wollen. Als Beleg möge hier ein Stelle von Arno Plack dienen, der deutlich formu­ liert: «Der Grund allen Hasses ist eine Enttäuschung über verwei­ gerte Liebe. [….] In dieser Enttäuschung liegt durchaus etwas ­Metaphysisches, sofern darunter die Erfahrung einer uns vorge­ gebenen Grenze gemeint ist.»3 Die Verbindung von Enttäuschung und Hass wird auch in der gegenwärtigen Debatte über die Erklä­ rung des manifesten politischen Hasses immer wieder herge­ stellt. In eine ganz ähnliche Richtung argumentiert Erich Fromm mit seiner Unterscheidung des reaktiven und des charakterbe­ dingten Hasses. Der reaktive Hass lässt sich situativ aus einer ­Enttäuschung, ja noch mehr aus einer Bedrohung der Integrität 1 André Glucksmann: Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt (Mün­ chen 2005) 9. 2 Glucksmann, 10. 3 Arno Plack: Die Gesellschaft und das Böse. Eine Moral der herrschenden Moral (München 111974) 52-53.

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und Freiheit des Menschen erklären. Der charakterbedingte Hass, den Fromm auch als den irrationalen Hass bezeichnet, geht wei­ ter. Beim charakterbedingten Hass handelt es sich um eine per­ manente Destruktivität: «Er ist ein Charakterzug und bedeutet eine ständige Bereitschaft zu hassen. Er gehört zu einem Men­ schen, dessen Einstellung eher von vornherein feindselig ist, als dass er auf einen äußeren Anlass mit Hass reagiert.»4 Fromms Unterscheidung orientiert sich selbstverständlich an Freuds ­Unterscheidung von Lebenstrieb und Todestrieb.5 Der irrationale Hass, der eben keinen situativen Grund hat, verweist dabei auf die allen Menschen eigentümliche Destruktivität, die Freud heraus­ gestellt hat. Diesen freudschen Gedanken finden wir auch in ­einer neueren Publikation, die nicht primär dem Hass, sondern dem Bösen gewidmet ist. Terry Eagleton bringt hier das Böse und den Hass zusammen und zeigt, dass der Todestrieb, der sich nach außen wendet, «seinen unversöhnlichen Hass an einem Mitmen­ schen auslässt. Doch dieser wütenden Gewalttätigkeit wohnt ein Mangel inne – das unerträgliche Gefühl des Nichtseins, das an dem anderen gewissermassen abreagiert werden muss.»6 Wie aber soll mit dem allgegenwärtigen Phänomen des Hasses umgegangen werden? In dem vorliegenden Sammelband beschäf­ tigen sich Philosophen und Philosophinnen, Psychoanalytiker, Theologen und Politikwissenschaftler mit verschiedenen Facetten dieses Phänomens. Der Band geht in seinem Hauptbestandteil ­zurück auf eine Tagung der Hermann Cohen Gesellschaft, an ­deren Konzeption die Herausgeber zusammen mit Helmut Holzhey und Hartwig Wiedebach gearbeitet haben und die vom 6. bis 8. Juni

4 Erich Fromm: Psychoanalyse und Ethik. Bausteine zu einer humanistischen Charakterologie (München 1985) 166-167. 5 Die Unterscheidung dieser beiden Formen des Hasses findet sich auch in den Studien zum autoritären Charakter, wo zwischen dem vorurteilsfreien, ­gewissermaßen reaktiv konventionellen und dem vorurteilsvollen konven­ tionellen Typus des Menschen unterschieden wird. Letzterer ist sozusagen aus Charaktergründen voll von Ressentiment und Hass (bei diesen Studien vor allem Judenhass). Vgl. dazu Theodor W. Adorno et al.: Studien zum auto­ ritären Charakter (Frankfurt a. Main 1995). 6 Terry Eagleton: Das Böse (Berlin 2011) 157-158.

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2013 unter dem Titel «Grundloser Hass. Die Entmächtigung einer elementaren Gewalt» in Zürich stattgefunden hat. Ausgangspunkt der Tagung waren Hermann Cohens Reflexi­ onen über den talmudischen Begriff des grundlosen Hasses.7 Mit diesem Begriff – dessen Bedeutung in jüdischen Quellen Simon Lauer in seinem Beitrag feinfühlig nachspürt – verweist Cohen wie Fromm auf eine nichtreaktive und durchaus irrationale Dimension des Hasses, die jenseits der reinen Gefühle und Triebe anzusiedeln ist. Durchaus provokant lautet die These, die unter umgekehrten Vorzeichen zur These von Glucksmann von Hermann Cohen – und zwar trotz des Judenhasses, den er selbst hatte erleben müssen – im letzten Kapitel seines mitten im Ersten Weltkrieg verfassten Nachlasswerks vertreten wird: «Ich bestreite den Hass im Men­ schenherzen. [...] Was ist der Hass? Ich bestreite seine Möglich­ keit. Es ist ein eitles Wort, das einen solchen Begriff bezeichnen will.» (RV, 522). Cohens Ausführungen zum Hass und seinen Kommentaren zum talmudischen Begriff folgend wollte die Tagung in Zürich dem Phänomen des Hasses grundsätzlich nachspüren und den Anre­ gungen Cohens zur Entmächtigung des Hasses neue Aktualität ver­ leihen. Zusätzlich eingeworben wurde der Beitrag Léon Wurmsers, der in seinen Betrachtungen zu Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Untergrund die Fruchtbarkeit des talmudischen Begriffs des «grund­ losen Hasses» für eine weitergefasste Psychoanalyse der schweren Neurose zeigt. Wie bereits erwähnt hat das Phänomen des Hasses in den letz­ ten Jahren vor allem in der französischsprachigen Diskussion Kon­ junktur.8 In diesen durchaus heterogenen Diskussionen zeigen sich verschiedenen Tendenzen, die in den Beiträgen des vorliegen­ den Buchs abgebildet werden. Erstens zeigt sich ein großes Inter­ esse an den psychoanalytischen Aspekten des Phänomens Hass, zweitens das Interesse an einer politischen und historischen ­Einbettung des Phänomens und schließlich die Frage, wie mit dem Hass als elementare Gewalt umgegangen werden kann, wie also 7 Eine Zusammenstellung der Textstellen von Hermann Cohen zum Hass fin­ den sich am Ende dieses Bandes. 8 Vgl. dazu die Einführung von Pierfrancesco Fiorato.

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der Hass überwunden werden kann. Die Schwerpunkte des ­vorliegenden Bandes orientieren sich an diesen drei Aspekten. Die Darlegungen von Pierfrancesco Fiorato leisten eine allge­ meine Übersicht über das Thema und über die Auseinanderset­ zung von Hermann Cohen mit dem Thema Hass. Dabei positio­ niert F ­ iorato nicht nur die Überlegungen Cohens zum Hass in seinem Gesamtwerk, sondern liefert auch eine umfassende Posi­ tionierung der aktuellen Debatte über den Hass in einer Welt, die seit einiger Zeit in Unordnung geraten ist. Fiorato leistet in ­seinem Beitrag eine terminologische Klärung insbesondere des talmudischen Begriffs des grundlosen Hasses und grenzt diesen deutlich vom Hass als A ­ ffekt, Leidenschaft oder Trieb ab. Damit liefert er eine Klärung des durchaus ambivalenten Gebrauchs des Begriffs «Hass». Entscheidend ist dabei auch der Hinweis, dass Cohen bei der Frage des Hasses vor allem normativ und weniger deskriptiv vorgeht. Die Verneinung des Hasses im Menschenherz ist insofern nicht deskriptiv zu verstehen, sondern eben norma­ tiv. Dies wiederum ist bei Cohen nur auf der Folie einer messia­ nischen Idee zu verstehen. Auf die Problematik zwischen normativer und deskriptiver ­Bezugnahme auf das Phänomen Hass machen die beiden folgen­ den Beiträge auf sehr unterschiedliche Art aufmerksam. Während Peter Fischer-Appelt aus christologischer Sicht die Problematik der Überwindung des realen Hasses durch normative und vernunftorientierte Überlegungen problematisiert, geht Urs ­ Marti-Brander mit Rousseau einen Schritt weiter und bezweifelt, dass eine solche vernunftorientierte Abwehr des Hasses über­ haupt möglich und, wenn ja, auch klug ist. Beide Autoren stellen das Gebot der Feindesliebe als grundlegendes Gebot der Über­ windung des Hasses in das Zentrum ihrer Überlegungen. FischerAppelt stellt sich mit Cohen der Frage, wie ein Subjekt zu konsti­ tuieren ist, das gegen den eigenen Trieb den Feind liebt und im Extremfall das eigene Selbst aufzugeben bereit ist. Seine Überle­ gungen zu Cohen sind dabei durchaus kritisch zu lesen. Marti wendet sich ähnlichen Fragen zu und überlegt sich mit Rousseau, wie das Böse bzw. der Hass zum Menschen kommt. Die philoso­ phisch-politische Antwort ist dabei, dass der Hass mit der Gesel­ ligkeit entsteht bzw. mit der Eigenliebe, die auf das Prinzip der 12


Selbsterhaltung verweist. Von diesem Gedanken her ist Marti ­kritisch gegenüber der idealen Forderung der Überwindung des Hasses durch Vernunft. Der Mensch, der gesellig lebt, kann zwar die Einsicht gewinnen, dass der Hass grundlos ist, er kann jedoch aus pragmatischer Sicht nicht auf die Eigenliebe und damit ­zumindest auf den reaktiven Hass verzichten. Die Frage nach der Feindesliebe und Nächstenliebe steht auch bei Ursula Renz zur Debatte. Sie vertieft in ihrem Beitrag ­Cohens Psychologie des Hasses und nähert sich damit einer ­emotionstheoretischen Bestimmung des grundlosen Hasses. Sie ist skeptisch gegenüber Cohens normativer Abwehr des Hasses, die sie in den Zusammenhang des generellen Antipsychologis­ mus von Cohen stellt. Mit Verweis auf Spinoza macht sie auf ein anderes Instrument der Abwehr des Hasses aufmerksam. Auf ein Instrument, das durchaus auch mit dem reaktiven Hass zu Rande kommt. Konkret verweist sie auf Spinozas Überlegungen zum «conatus», zur Großzügigkeit und zum Humor. Insbesondere der Humor erweist sich ihr als seelische Grundkraft der Überwin­ dung des Hasses. Daniel Strassbergs Beitrag ist geprägt durch die psychoanalytische Zugangsweise. Für ihn steht das Gebot der Feindesliebe in einem ernsthaften Konflikt zur psychologischen Neigung des Menschen als gehässiges und rachsüchtiges Wesen, das seine niederen Triebe nicht einfach durch Vernunft begren­ zen kann. Insofern zweifelt Strassberg an der Kraft der Rede der Grundlosigkeit im Angesicht der realen Triebe und des realen Hasses. Strassberg spitzt diesen Gedanken in Hinblick auf die psychoanalytische Praxis weiter zu. Durch Überlegungen zu ­Winnicott und zur Entwicklungspsychologie macht er deutlich, dass der Hass die transzendentale Voraussetzung der Subjektivie­ rung ist und in einem dialektischen Verhältnis zur Liebe gedacht werden muss. Insofern kann das Ziel für den Psychoanalytiker Strassberg auch nicht die Überwindung des Hasses, sondern nur das vertiefte Verstehen des Hasses sein. Der Frage schließlich, wie der Hass überwunden werden kann, gehen die Beiträge von Hans-Martin Dober und Peter A. Schmid nach. Damit rücken die normativen Dimensionen der Überlegungen von Cohen mehr in den Mittelpunkt. Als Mög­ lichkeit der Bekämpfung des Hasses wird von Dober das Gebet 13


stark gemacht. Das Gebet hat eine kathartische Funktion und ist als Sprachhandlung eine konkrete Form des Umgangs mit ­negativen Affekten, mithin also auch mit dem Hass. Für Dober wird damit das Gebet zu einer Form des Widerstandes gegen den grundlosen und irrationalen Hass und gegen das Ressenti­ ment. Es dient der wiederkehrenden Stärkung des sittlichen Ichs und damit der ­B efriedung des grundlosen Hasses. Schmids Überlegungen zielen in die gleiche Richtung. Ausganspunkt ist dabei eine Einsicht, die auch bei Eagleton zu finden ist, nämlich der Einsicht, dass es jenen, die grundlos hassen, an der Kunst zu leben fehlt. 9 Die Befriedung und Überwindung des Hasses bedarf der geistigen Übung, die Dober im Gebet stark macht, bei Cohen aber in verschiedenen Zusammenhängen zu finden ist. Geistige Übung und philosophische Reflexion sind für ­C ohen notwendig, um jene Kraft zu stärken, die den Hass ­b efrieden kann. Mit dem Begriff der geistigen Übung weist Schmid auf eine Parallele zu einer a­ nderen aktuellen philosophi­ schen Debatte in Frankreich hin, und zwar auf die Debatte um die Philosophie als Lebenskunst, wie sie bei Pierre Hadot 10 zu finden ist. Genau diesen Aspekt finden wir auch am Schluss des Essays von André Glucksmann, wo er darauf hinweist, dass die «anständigen Menschen, die aufrichtigen Geistlichen und illu­ sionslosen Realisten»11 sich dem Hass und dem Ressentiment widersetzen können, weil sie sich selbst und ihre Grenzen ­kennen. Dieses Wissen um sich selbst ermöglicht es ihnen «über die Lächerlichkeit des Hasses lachen [zu] können.»12

9 Vgl. Eagleton, 158. 10 Pierre Hadot: Philosophie als Lebensform. Antike und moderne Exerzitien der Weisheit (Frankfurt a.M. 2002). 11 Glucksmann, 267. 12 Ebd.


Zur Einführung: Hermann Cohen über den grundlosen Hass Pierfrancesco Fiorato

Vorbemerkung: Ein umstrittenes Gefühl «Sie hassen nichts?» «Doch», antwortete Zeno. «Etwas schon.» «Und was?» «Das Hassen.» «Sonst nichts?» «Doch. Noch etwas.» «Und was?» «Dass ich trotzdem verpflichtet bin, zu hassen.»

Mit diesen Worten beginnt der Beitrag Günther Anders’ zum 1985 erschienenen Sammelband Hass: Die Macht eines unerwünschten ­Gefühls.1 Ausgangspunkt des Buches war für die Herausgeber die Feststellung gewesen, dass in einer Gesellschaft, wo «alle [...] auf irgendeine Weise in Zerstörungszusammenhänge einbezogen sind», «die Mehrheit kaum Hassregungen an sich wahrhaben [will]: Sie lehnt den Hass ab».2 «Im Gegensatz zur Liebe, deren Propagierung einen inflationären Charakter erreicht hat[te]», ­bildete der Hass in diesem Sinn eine «Leerstelle». Von der Be­ fürchtung geleitet, dass nach der herrschenden Liebes-Hausse eine des Hasses auf den Literaturmarkt hätte zukommen können, wollten die Herausgeber deshalb Erfahrungen aufarbeiten und theoretische Erkenntnisse gewinnen, bevor das Thema «Hass» von einem Mode-Trend eingefangen würde.3 Wirft man einen Blick auf den heutigen Literaturmarkt, so scheint jene Prognose und Befürchtung zuzutreffen: Das Thema 1 G. Anders: Die Antiquiertheit des Hassens, in: Renate Kahle; Heiner Menz­ ner; Gerhard Vinnai (Hrsg.): Hass. Die Macht eines unerwünschten Gefühls (Reinbek bei Hamburg 1985) 11–32. 2 R. Kahle; H. Menzner; G. Vinnai: Vorwort, in: Hass. Die Macht eines uner­ wünschten Gefühls, 8. 3 a.a.O., 7.

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Hass hat in den letzten Jahren Konjunktur. Ihr Anlass ist jedoch eine im Jahr 1985 kaum voraussehbare Entwicklung der politischen und ökonomischen Verhältnisse gewesen, die zum hohen Konflikt­ potential der sogenannten neuen ‘Weltunordnung’ geführt hat. Vor allem in der politischen und in der psychoanalytischen Diskussion wird darauf hingewiesen, dass heute Hass von mehreren Diszipli­ nen angesprochen und nach verschiedenen Ansätzen behandelt wird.4 Diesem starken Interesse zum Trotz lässt sich aber der Ein­ druck kaum abweisen, dass «Hass» nach wie vor ein heikles, sich einer eindeutigen Definition entziehendes Thema bildet. Sogar sein Bestehen ist wie bei keinem anderen Affekt umstritten. Nur so lässt sich die absichtlich provokante Geste verstehen, mit der An­ dré Glucksmann in seinem Le discours de la haine (2004) gegen die «Möchtegernspezialisten der Seele» auftreten zu müssen meint: «Die von mir vertretene These lautet: Es gibt Hass, wir haben ihn alle kennengelernt».5 Nicht weniger provokant lautet die These, die unter umge­ kehrten Vorzeichen von Hermann Cohen in der Form eines Kom­ mentars zum talmudischen Begriff des «grundlosen Hasses» (TB Joma 9b: sin’at chinnam) vertreten wird. An verschiedenen Stellen seines Werkes, besonders eindringlich aber im letzten Kapitel seines mitten im Ersten Weltkrieg verfassten Nachlasswerks Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, bestreitet Cohen die Möglichkeit des Hasses: Ich bestreite den Hass im Menschenherzen. – schreibt er hier – Daher be­ streite ich, dass ich einen Feind habe, dass ein Mensch mich hassen könnte. Ich bestreite dies mit derselben Klarheit des Bewusstseins, mit dem ich es 4 Vgl. etwa: Olivier Le Cour Grandmaison: Haine(s). Philosophie et politique (Paris 2002); André Glucksmann: Le discourse de la haine (Paris 2004) [dt.: Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt (München, Wien 2005)]; ­Massimo Recalcati: Sull’odio (Milano 2004); Frédéric Chauvaud, Ludovic Gaussot (éds.): La haine: Histoire et actualité (Rennes 2008); Jean Ziegler: La Haine de l’Occident (Paris 2008) [dt.: Der Hass auf den Westen (München 2009)]; Marc Deleplace (éd.): Les discours de la haine. Récits et figures de la passion dans la Cité (Vileneuve d’Ascq 2009); Gideon Botsch; Christoph Kopke; Lars Rensmann; Julius H. Schoeps (Hrsg.): Politik des Hasses. Anti­ semitismus und radikale Rechte in Europa (Hildesheim 2010). 5 A. Glucksmann, a.a.O., 11; dt. 9.

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von mir bestreite, dass ich einen Feind habe, dass ich einen Menschen ­hassen könnte. Was ist der Hass? Ich bestreite seine Möglichkeit. Es ist ein ­eitles Wort, das einen solchen Begriff bezeichnen will. (RV, 522)

Man darf sich nicht täuschen lassen und vermuten, Cohen habe die Dramatik der zeitgeschichtlichen Umstände, in denen sein letztes Werk entstanden ist, oder die Mächtigkeit des Judenhas­ ses, den er in erster Person hatte erleben und bekämpfen müssen, unterschätzt. An einer anderen Stelle desselben Werks liest man bezeichnenderweise: «Unter dem Leiden am Menschen steht obenan dieser eitle Menschenhass, der tragische Grundzug aller bisherigen Weltgeschichte» (RV, 267). Von jeher haben trotzdem die Gedanken Cohens, mit denen er durch das Bestreiten des ­Hasses die «Seelenkraft des Optimismus» erwecken und die «Zau­ bermacht des Friedens» beschwören will, Faszination und Irrita­ tion zugleich in den Lesern ausgelöst. Die besondere Aufmerksamkeit, die Cohens Texte zum grundlosen Hass in der Wirkungsgeschichte seines Denkens er­ fahren haben, erhellt bereits aus ihren vielfachen Nachdrucken außerhalb der kanonischen Ausgaben seiner Schriften. Das 1935 als Band 20 der Schocken-Bücherei mit einem Vorwort von ­Martin Buber erschienene Büchlein Der Nächste endet gerade mit den Sei­ ten des Aufsatzes Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch (1900), wo Cohen sich zum ersten Mal ausführlich zu ­diesem Thema geäußert hatte.6 In neuerer Zeit wurden dann die bereits erwähnten Seiten aus dem letzten Kapitel von Religion der Vernunft von Hans Küng und Walter Homolka im Band Weltethos aus den Quellen des Judentums neu veröffentlicht, in dem sie «Kern­ texte aus drei Jahrtausenden jüdischer Weisheit» versammelt ha­ ben.7 Bernd Ulbrich und Albrecht Lindemann haben schließlich diese Seiten in das von ihnen herausgegebene jüngst erschienene Hermann Cohen-Lesebuch aufgenommen.8 6 H. Cohen: Der Nächste, mit einer Vorbemerkung von M. Buber (Berlin 1935) 71–81. 7 H. Küng; W. Homolka (Hrsg.): Weltethos aus den Quellen des Judentums (Freiburg 2008) 107–112. 8 Bernd G. Ulbrich, Albrecht Lindemann (Hrsg.): Hermann Cohen. Ein Lese­ buch, Evangelische Landeskirche Anhalts, Dessau o.D. [aber: 2012] 158–160.

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Zu den Interpreten, die diesem Thema besondere Aufmerk­ samkeit geschenkt haben, gehört Karl Löwith, der in seiner Ge­ denkrede zum 50. Todestag Cohens bezeichnenderweise fast alle einschlägige Stellen aus dem Nachlasswerk ausführlich zitierte.9 Die Untersuchung, der es am besten gelingen sollte, der von ­Cohens Worten herrührenden Faszination gerecht zu werden, war aber die im selben Jahr in Heidelberg vorgelegte Dissertation D ­ ieter Adelmanns.10 Adelmann kommt erst in den abschließenden Seiten seiner Arbeit auf den «grundlosen Hass» zu sprechen. Unter dem Titel Cohens Bekenntnis der Vernunft beschreibt er hier, wie das «Motiv der Menschheit», dessen Bedeutung als «systematisches Grund­ problem» der Philosophie Cohens er vorher unterstrichen hatte,11 im letzten Kapitel der Religion der Vernunft «in eine unvermittelte Identität mit seinem Korrelat, der Individualität übergeht».12 Die­ ser Übergang soll für Adelmann seine deutlichste Repräsentation im Stil gefunden haben und zeigt sich dort, wo der Text, den C ­ ohen schreibt, «in ein Bekenntnis übergeht»: Das Bewusstsein des Individuums Cohen hat [...] das «System der Philoso­ phie» zustande gebracht, d.h. es hat die zusammenhängenden Prinzipien 19 K. Löwith: Philosophie der Vernunft und Religion der Offenbarung in Her­ mann Cohens Religionsphilosophie (1968); Nachdr. in: Hans-Ludwig Ollig (Hg.): Materialien zur Neukantianismus-Diskussion (Darmstadt 1987) 352 [Zitate aus RV, 522, 267, 530–531]. 10 D. Adelmann: Einheit des Bewusstseins als Grundproblem der Philosophie Hermann Cohens (1968), aus dem Nachlass herausgegeben, ergänzt und mit einem einleitenden Vorwort versehen von Görge K. Hasselhoff und Beate ­Ulrike La Sala (Potsdam 2012). 11 Vgl. vor allem den dritten Abschnitt von Adelmanns Untersuchung, der eben den Titel ‘Das Motiv der Menschheit als systematisches Grundproblem’ trägt (ebd., 143–172). Die zentrale Rolle, die in diesem Zusammenhang dem Prin­ zip und der Idee der Menschheit zuerkannt wird, hängt engstens mit dem zu­ sammen, was Adelmann hier unter Bezugnahme auf die Einleitung und das erste Kapitel der Ethik des reinen Willens das «Sokrates-Motiv» nennt (ebd., 168). Dem «geschichtliche[n] Faktum, dass Sokrates den Begriff und also die Logik im Begriffe des Menschen, also in der Ethik entdeckt hat», wird näm­ lich dort von Cohen die Bedeutung eines «Leitstern[s]» für sein ganzes phi­ losophisches Schaffen zuerkannt (ErW, 83): «Die Ethik, als die Lehre vom Menschen, wird das Zentrum der Philosophie» (ErW, 1). 12 Ebd., 260.

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der Vernunft erschlossen, auf denen die Entwicklung der Menschen zur Menschheit der Vernunft, die, indem sie diese vollzieht, aus sich den Hass entfernt, beruht: für diese Arbeit selbst muss doch im Individualbewusst­ sein dieses Ich, Cohen, die Menschheit sich vollenden, und das heißt: die­ sem Individualbewusstsein muss der Hass entfallen. Stilistisch bedeutet das Herausfallen des Hasses aus dem Bewusstsein des an seinem Schreib­ tisch sitzenden geschichtlichen Individuums Hermann Cohen, dass der Text, den er jetzt schreibt, in ein Bekenntnis übergeht.13

In diesem Bekenntnis wird für Adelmann «die Korrelation zwi­ schen der antizipierten Menschheit, deren Bedingungen für ihre Entwicklung im Lebenswerk entfaltet werden, und dem Indivi­ duum Cohen vollzogen: hier spricht ein Mensch in der Gestalt seiner Vollendung».14 Durch dieses Buch und seine späteren Beiträge15 hat Dieter Adelmann entscheidende Akzente für die Interpretation des ­Cohenschen Werks gesetzt. Auch das Projekt, aus dem der vorlie­ gende Band hervorgegangen ist, wäre ohne seine Inspiration kaum denkbar gewesen. Sein Name sei deshalb an dieser Stelle dankbar erwähnt.

1. Terminologische Vorklärungen: offene Fragen, ontologische Zweideutigkeit Cohens Äußerungen zum Thema «grundloser Hass» haben einen hybriden Status. Meistens kommen sie in der Form eines aus­ drücklichen Kommentars zum talmudischen Begriff in denjeni­ gen Schriften vor, die man mit einem Ausdruck von Levinas als écrits confessionnels bezeichnen möchte. Andererseits lassen sich aber auch im systematischen Werk, und vor allem in der Ethik des reinen Willens, Stellen auffinden, wo ein solcher Begriff eine 13 Ebd., 263. 14 Ebd., 264. 15 Vgl. vor allem die posthume Sammlung von nur z.T. zu Lebzeiten des Verfas­ sers veröffentlichten Aufsätzen: D. Adelmann: «Reinige dein Denken». Über den jüdischen Hintergrund der Philosophie von Hermann Cohen. Aus dem Nachlass herausgegeben, ergänzt und mit einem einleitenden Vorwort verse­ hen von G. K. Hasselhoff (Würzburg 2010).

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­ eträchtliche Rolle spielt. An der Schnittstelle zwischen systema­ b tischer Philosophie und intellektuellem Engagement für das ­Judentum erweist sich so der Begriff des grundlosen Hasses als ein privilegierter Beobachtungspunkt, um die Legitimität einer Aufteilung des Cohenschen Lebenswerks auf eine jüdische und eine nichtjüdische Seite kritisch zu überprüfen,16 bzw. um die Spannungen zu untersuchen, die sich an der Grenze dieser bei­ den Momente seines einheitlichen Schaffens ergeben. Auch in einem anderen Sinn erweist sich aber Cohens Rede von einem «grundlosen» Hass als hybrid. Cohens Ausführungen schweben nämlich ständig zwischen einer deskriptiven Theorie der Leidenschaften und Affekte, die zur Bestätigung einer effek­ tiven «Grundlosigkeit» des Hasses führen sollte, und der ethischreligiösen Forderung einer Überwindung desselben. Die ethische Forderung scheint dabei oft die Objektivität der Deskription zu beeinträchtigen, was beim Leser Irritationen auslöst. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die verschiedenen Be­ deutungen, die der Ausdruck «grundlos» in Cohens Texten an­ nimmt. Ohne ihn je direkt und ausführlich zu erklären, bedient sich Cohen jedoch in RV oft anderer Ausdrücke, mit denen er ihn zu umschreiben versucht. Durch einen raschen Blick lässt sich ­sofort feststellen, dass es das Wort «eitel» ist, welches von Cohen am meisten zu diesem Zweck verwendet wird. Das gilt vor allem für die Stellen, wo er sich über die Bedeutung des hebräischen Ausdrucks chinnam äußert: «Die Eitelkeit, die Kohelet von Allem aussagt, wird hier auf den Hass bezogen. Und das Eitle wird hier durch das Wort ausgedrückt, welches das Vergebliche und das, was umsonst ist, bedeutet. Aller Hass ist umsonst» (RV, 522). An­ dere Ausdrücke, die mit «eitel» und «umsonst» eng verbunden sind, wie etwa «leer», «inhaltlos», bzw. «zweck-» und «sinnlos» 16 Erst in der neuen von Hartwig Wiedebach bearbeiteten Ausgabe der Kleine­ ren Schriften, 6 Bde. (Hildesheim, Zürich, New York 1997 ff.) wird die künst­ liche Trennung zwischen den Texten des Begründers der Marburger Schule und denjenigen des jüdischen Religionsphilosophen und Publizisten rück­ gängig gemacht – eine Trennung, die in den zwanziger Jahren zur gesonder­ ten Veröffentlichung der Jüdischen Schriften, 3 Bde. (Berlin 1924) und der Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte, 2 Bde. (Berlin 1928) geführt hatte.

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«Ich bestreite den Hass im Menschenherzen» by Schwabe Verlag - Issuu