Antal Szerb, 1901 in Budapest geboren, wuchs in einer zum Katholizismus konvertierten jüdischen Familie auf. Nachdem er an der Universität in Budapest zuerst ungarische und deutsche, danach auch englische Philologie studiert hatte (1924 Promotion, später Privatdozentur), hielt er sich zu Forschungszwecken längere Zeit in Frankreich, Italien und England auf. Neben mehreren literaturgeschichtlichen Werken schuf er ein umfangreiches episches und essayistisches Œuvre. Er gehört zu den meistgelesenen Autoren Ungarns. Trotz Taufe, einer christlichen Lebensweise und des Besuchs eines kirchlichen Gymnasiums musste er nach dem sogenannten Zweiten Ungarischen Judengesetz von 1939 den gelben Stern tragen. 1943 zog man ihn ein erstes, ein Jahr später ein zweites Mal zum Arbeitsdienst ein. Im Januar 1945, geschwächt und entkräftet von den Strapazen und von Pfeilkreuzlern misshandelt und geschlagen, starb er im ungarischen Konzentrationslager Balf (Sopron) an den Folgen seiner Verletzungen.
«Wenn wir strikt nur diejenigen Autoren und Werke in Betracht ziehen, die wirklich von weltliterarischer Bedeutung sind, schrumpft der unendlich scheinende Stoff in verblüffendem Maße zusammen. Die wirkliche Weltliteratur, könnte man sagen, findet Platz in einer sorgfältig ausgewählten Privatbibliothek, ihre Bände können entlang den Wänden eines größeren Studierzimmers aufgestellt werden. […] Es kann nicht die Aufgabe eines zusammenfassenden und für den Allgemeingebrauch bestimmten Werkes sein, neue Detailwahrheiten und Zusammenhänge zu entdecken; das muss Spezialstudien und Monographien vorbehalten bleiben. Ich wurde eher von einem praktischen als von einem theoretischen Ziel geleitet: jenen an die Hand zu gehen, die in Ungarn gerne lesen, ihnen behilflich zu sein bei der leichteren Orientierung im unendlichen und herrlichen Gedränge der Schriftsteller und Werke. Ich möchte, dass wer in meinem Buch herumblättert, Lust bekommt, möglichst viele wertvolle, wahrhaft weltliterarische Bücher zu lesen. Es gibt solche, die zum Zeitvertreib lesen, und solche, die mit ihrer Lektüre ihre Bildung erweitern wollen; ich denke jedoch an den dritten Leser, für den das Lesen lebensnotwendig und unwiderstehlicher Zwang ist – nur dieser ist der eigentliche Leser. Mein Wunsch ist es, die Leidenschaft des Lesens in jenen zu wecken und zu hegen, zu denen meine Zeilen ihren Weg finden.» Antal Szerb im Vorwort zu seiner Geschichte der Weltliteratur von 1941.
András Horn, 1934 in Budapest geboren, war Professor für Komparatistik und Literaturtheorie an der Universität Basel. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Literaturtheorie und -ästhetik sowie Übersetzer einer Auswahl von Essays aus Antal Szerbs Band Gedanken in der Bibliothek. György Poszler (1931–2015) war Literaturwissenschaftler und Ästhetiker, Professor an der Eötvös-LorándUniversität in Budapest und Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Er hat zahlreiche Publikationen zur Literaturtheorie, Ästhetik und über Antal Szerb verfasst und mehrere Auszeichnungen erhalten.
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
GESCHICHTE Antal DER Szerb WELT LITERATUR
GESCHICHTE Antal DER Szerb WELT LITERATUR
Als Antal Szerb 1941 die – hier zum ersten Mal in deutscher Übertragung vorliegende – Geschichte der Weltliteratur herausgab, hatte er bereits 1934 seine Ungarische Literaturgeschichte publiziert sowie zahlreiche Essays, doch im Westen ist er heute in erster Linie als Belletrist bekannt. Dabei lag seine größte Begabung in der Essayistik und in der Literaturgeschichtsschreibung; beides verband er im vorliegenden Werk auf schöpferische Weise zu einem Großessay. In seinem kleinen, 1936 auf Ungarisch erschienenen Essayband Alltag und Wunder schreibt Antal Szerb: «Ich schreibe lieber über wenige Autoren, aber vielleicht gelingt es mir, von diesen ein plastisches Bild zu geben, weil dies – obschon das nur wenige wissen – doch die Aufgabe einer Literaturgeschichte wäre.» Und doch soll Literatur darüber hinaus – so Szerbs Credo – in exemplarischer Weise die Ewigkeit repräsentieren, sie soll von menschlicher, überhistorischer Relevanz sein. Sein Begriff der Weltliteratur umfasst daher nur das, was er für das Beste hielt, das heißt: ausschließlich jene Autorinnen und Autoren und jene Werke, die über die Jahrhunderte und alle Landesgrenzen hinweg Bestand hatten. Besonders bedeutend waren ihm in seinem Zugang zur Literatur Dilthey, Spengler und Freud. Neben Hermeneutik, Kulturtheorie und Literaturpsychologie berücksichtigte er auch die Literatursoziologie in seiner Methode der Literaturbetrachtung. 1965 schrieb Antal Szerbs Witwe Klára Szerb: «Der Gedanke an die Geschichte der Weltliteratur quält mich. Ich denke, es ist Tónis [Antal Szerbs] bedeutendstes Buch und es sollte übersetzt und in eine andere europäische Sprache gerettet werden. Inzwischen sind bereits mehr als zwanzig Jahre vergangen, seitdem er es schrieb. […] Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, dass die Geschichte der Weltliteratur nur auf Ungarisch erhältlich ist.» Die Geschichte der Weltliteratur ist auch heute noch ein ausgezeichnetes Nachschlagewerk und Szerbs umfassende Belesenheit, sein originelles und kritisches Urteil, sein Humor sowie sein essayistischer Stil lassen die Lektüre zu einem bereichernden Leseerlebnis werden.
ISBN 978-3-7965-3370-9
RZ_Schwabe_GDW_Szerb.indd 1-5
11.01.16 10:56
Antal Szerb Geschichte der Weltliteratur Aus dem Ungarischen übertragen und mit Anmerkungen versehen von András Horn Mit einem Nachwort von György Poszler
Schwabe Verlag Basel
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel. An den Publikationskosten haben sich dankenswerterweise die Freiwillige Akademische Gesellschaft Basel und die Max Geldner-Stiftung in Basel beteiligt.
Titel der ungarischen Originalausgabe: A világirodalom története Die Übertragung ins Deutsche erfolgte anhand der Ausgabe von 1962: Szerb Antal: A világirodalom története, Budapest: Magvető könyvkiadó 1962. Für die Übertragungen im Anhang dienten folgende Werke als Vorlage: Szerb Antal: A világirodalom története, Budapest: Révai 1941. Szerb Antal: Hétköznapok és csodák, Budapest: Révai [1936].
Copyright © 1936–2016 Szerb Antal örököse Für die deutsche Ausgabe: Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Copyright © 2016 Abbildungen vgl. Bildlegenden Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Erika Regös, Schwabe Umschlaggestaltung: icona basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3370-9 ISBN E-Book (PDF) 978-3-7965-3529-1 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Antal Szerb um 1939. Foto Š Literaturmuseum Petőfi Budapest.
Antal Szerb (rechts) und Károly Kerényi in Italien, Sommer 1935. Foto © Literaturmuseum Petőfi Budapest.
Inhalt
Vorwort des Autors .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Griechen . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Epos .. . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Lyrik . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Drama . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Prosa . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die spätgriechische Literatur . Die römische Literatur . . . . Die Zeit der Republik . . Das Goldene Zeitalter . . Der Niedergang Roms . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
17 21 33 38 59 67
77 81 91 107
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Heilige Schrift und die christliche Antike . Die Heilige Schrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die altchristliche Literatur . . . . . . . . . . . . . . . Byzanz und der Islam .
11
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
Mittelalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heldendichtung .. . . . . . . . . . . . . . . . . Kirchliche Literatur . . . . . . . . . . . . . . Ritterliche Literatur . . . . . . . . . . . . . . Bürgerliche Literatur (1300–1500) .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
Die Renaissance . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die italienische Renaissance . . . . . . . . . . . . . . . . . Nördlicher Humanismus, Reformation .. . . . . . . Die französische Literatur im 16. Jahrhundert .. Das Zeitalter Shakespeares . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
8
Inhalt
Der Barock . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Manierismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die spanische Glanzzeit . . . . . . . . . . . . . . Das große Jahrhundert der Franzosen .. Nördlicher Barock . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
Die Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Englischer Klassizismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Ancien Régime . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die deutsche Literatur im 18. Jahrhundert .. Die Romantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Präromantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Goethe und seine Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . Die englische Romantik . . . . . . . . . . . . . . . . Die französische Romantik . . . . . . . . . . . . . Die kleineren romantischen Literaturen . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 386 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 470 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 490 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 509
Der Realismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Französischer Realismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Englischer Realismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die nordamerikanische Literatur im 19. Jahrhundert .. . . . . . . . . . . . . Deutscher Realismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spanische und italienische Literatur in der Mitte des Jahrhunderts . . Die große Zeit der russischen Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Skandinavier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Jahrhundertwende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Französische Jahrhundertwende . . . . . . . . . . . . . . . . Englische und amerikanische Jahrhundertwende . Deutsche Jahrhundertwende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spanische und italienische Jahrhundertwende . . . . Skandinavische Jahrhundertwende .. . . . . . . . . . . . . Polnische und russische Jahrhundertwende . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . 521 . . . . . . . . . . . . . 525 . . . . . . . . . . . . . 555 . . . . . . . . . . . . . 586 . . . . . . . . . . . . . 598 . . . . . . . . . . . . . 628 . . . . . . . . . . . . . 632 . . . . . . . . . . . . . 668
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 683 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 689 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 738 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 764 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 791 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 798 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 814
Die heutige Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heutige englische Schriftsteller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Deutsche Schriftsteller und Dichter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Französische Schriftsteller zwischen den beiden Kriegen . Heutige amerikanische Schriftsteller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heutige europäische Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 823 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 828 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 844 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 866 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 883 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 892
9
Inhalt
Anhang Heutige russische Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die kleineren europäischen Literaturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Drei Auszüge aus Antal Szerbs Essay Alltag und Wunder von 1936 .. Nachwort von György Poszler: Das Drama der Weltliteratur . . Anmerkungen von András Horn . . Nachwort von András Horn . . Personenregister ..
. . . . . . . . . . . . . . 905 . . . . . . . . . . . . . . 914 . . . . . . . . . . . . . . 925
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 929
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 957
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 971
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 973
Vorwort Wenn hiermit mein Buch vor die Öffentlichkeit tritt, kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass auch ich mich wie frühere Autoren für meinen Wagemut entschuldigen muss. Für den Wagemut, die Geschichte der ganzen Weltliteratur allein zu Papier zu bringen. Ich bekenne, mein Unterfangen erfüllte auch mich selbst mit nicht geringer Bangnis; hauptsächlich am Anfang meiner Arbeit. Doch wie ich vorankam, bemächtigte sich meiner allmählich eine Art Beruhigung. Während des Schreibens machte ich nämlich die merkwürdige Entdeckung, dass die Weltliteratur eigentlich nicht einmal so groß ist. Wenn wir strikt nur diejenigen Autoren und Werke in Betracht ziehen, die wirklich von weltliterarischer Bedeutung sind, schrumpft der unendlich scheinende Stoff in verblüffendem Maße zusammen. Die wirkliche Weltliteratur, könnte man sagen, findet Platz in einer sorgfältig ausgewählten Privatbibliothek, ihre Bände können entlang den Wänden eines größeren Studierzimmers aufgestellt werden. Wenn jemand von seiner frühesten Jugend an regelmäßig und als Hauptbeschäftigung liest, dann hat er, nel mezzo,1 in der Hälfte des menschlichen Lebensweges angelangt, einen großen Teil der Weltliteratur bereits gelesen, ohne es gemerkt zu haben. Alles hängt freilich davon ab, was man unter Weltliteratur versteht. Weltliteratur wird von vielen als das Gesamt der Nationalliteraturen verstanden, daher verwenden ungarische Gelehrte statt «Weltliteratur» lieber die Bezeichnung «Universalliteratur». Ich habe mir nicht die Aufgabe gestellt, die Geschichte der Universalliteratur zu schreiben; ich gebrauche das Wort «Weltliteratur» in seiner ursprünglichen Bedeutung. Das Wort wurde von Goethe ins Allgemeinbewusstsein eingeführt. Goethe sagte zu Eckermann Folgendes: «National-Literatur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Welt-Literatur ist an der Zeit und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.»2 Aus dem Zitat erhellt, dass Goethe unter Weltliteratur eine Literatur verstand, die nicht nur für eine Nation, sondern für die ganze Welt etwas bedeutet. Weltliteratur verstand er also nicht im aktiven Sinn, als die Literatur, welche die ganze Welt schreibt, sondern im passiven Sinn, als die Literatur, die für die ganze Welt geschrieben wird. Die Weltliteratur ist das Gesamt jener Werke, die dank ihrem Wert oder ihrer Wirkung, zumindest virtualiter, jeder gebildeten Nation etwas gesagt haben und ihren Weg zu jeder gebildeten Nation auch tatsächlich gefunden haben. Die Geschichte der Weltliteratur ist jener Vorgang, in dem übernatio nal bedeutungsvolle Schriftsteller und Werke sich über Landesgrenzen und Jahrhunderte heraushebend einander befruchten und lenken. Die Geschichte der Weltliteratur ist lebendiger Zusammenhang. Aus der Definition ergibt sich, dass aus der Geschichte der Weltliteratur die mittelmäßigen Schriftsteller ausscheiden, selbst wenn sie in der Geschichte ihrer Nationalliteratur eine wichtige Rolle gespielt haben. «Man kann von der Menschheit nicht erwarten» – sagt der Autor der besten amerikanischen Literaturgeschichte –, «dass sie alle Zeiten hindurch die stets zunehmende Last mittelmäßiger Bücher mit sich schleppe, aufgrund des belustigenden Arguments, wonach die Zeitgenossen der Verfasser dieser Bücher noch schlechtere
12
Vorwort
Bücher geschrieben hätten.»3 Die Weltliteratur soll nur die wahrhaft großen Schriftsteller umfassen und außer ihnen nur jene, die im Allgemeinen als groß angesehen werden. Aus der Definition folgt auch eine gewisse unvermeidliche Ungerechtigkeit. Die Weltliteratur ist in erster Linie die Literatur der großen Nationen – beziehungsweise, da von Literatur die Rede ist – die Literatur der großen Sprachen. Nicht weil diese unbedingt wertvoller wären als die Literatur der kleineren Sprachen, sondern aus dem praktischen Grund, dass die Sprecher der großen Sprachen höchstens andere große Sprachen lernen; während die Sprecher der kleineren Sprachen ihrerseits außer der eigenen nur die großen Sprachen. Auf diese Weise kann in das gemeinsame literarische Bewusstsein, ins «welt literarische Bewusstsein» nur die Literatur der großen Sprachen treten, aus den kleineren Sprachen aber nur jene privilegierten Wenigen, die in die großen Sprachen übersetzt werden. Der gebildete Ungar mag außer der ungarischen die deutsche, französische, englische, italienische, eventuell die spanische Literatur aufmerksam verfolgen, doch was die schwedische und finnische Literatur anbelangt, daraus wird er nur kennenlernen, was auf Ungarisch oder in einer der obigen Sprachen veröffentlicht wird. Die Weltliteratur ist demnach die Literatur der beiden klassischen Sprachen, der griechischen und der lateinischen, des Weiteren die Heilige Schrift – das sind die gemeinsamen Grundlagen unserer Kultur –, sodann die Literatur der drei großen lateinischen Tochtersprachen, der französischen, italienischen und spanischen, sowie der beiden großen germanischen Sprachen, der deutschen und der englischen. Zu diesen gesellten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts, durch das Zusammenwirken der Durchschlagskraft außergewöhnlicher Genies und eigenartiger geschichtlicher Konstellationen, die polnische, russische und skandinavische Literatur; nur diese wirken auf die Universalliteratur, nur diese sind Glieder in dem lebendigen Zusammenhang, von dem wir sprachen. In Zukunft mögen die Literaturen weiterer Sprachen in die Weltliteratur eintreten; doch im gegenwärtigen geschichtlichen Augenblick erstrecken sich die Grenzen der Weltliteratur nur so weit und nicht weiter. Das ist ungerecht, und wir, Söhne kleiner Nationen, empfinden das am stärksten; doch es gehört dies eben zu jenen grundlegenden Ungerechtigkeiten, gegen die anzukämpfen kindisch und Donquijotterie wäre. Es bedarf keiner weiteren Erklärung, warum in meinem Buch auch die Literatur der alten und neuen östlichen Völker ausgespart wird. Mögen sie für die wenigen, die in der Lage sind, sie kennenzulernen, noch so wundervolle Schätze in sich bergen, sie haben auf die Literatur des westlichen Kulturkreises keine Wirkung ausgeübt, sie traten nicht in die Weltliteratur ein, ihre großen Schöpfungen gehören nicht zum gemeinsamen Besitz der Menschheit. Eine Ausnahme bildet die Literatur der Araber und der Perser, deren hervorstechendsten Werke in zuverlässigen Übersetzungen jedem zur Verfügung stehen und mit ihrer Auswirkung zur Herausbildung der westlichen Literaturen das Ihrige beigetragen haben. In meinem Buch kommt die ungarische Literatur nur in Form von Hinweisen und Vergleichen zur Sprache. Es wäre ungebührlich gewesen, sie so zu behandeln wie die Literatur der übrigen kleineren Sprachen, denn dass die ungarische Literatur einen viel höheren Wert besitzt, als die Größe ihres Platzes im weltliterarischen Bewusstsein anzeigt, darüber
Vorwort
13
sind wir uns4 alle im Klaren. Andererseits habe ich all das, was ich über die ungarische Literatur zu sagen hatte, in meiner Ungarischen Literaturgeschichte5 bereits gesagt, und für einen Schriftsteller gibt es keine schwierigere und unergiebigere Aufgabe als die Neuformulierung dessen, was er schon einmal Wort werden ließ. Ähnlich muss ich mich auf meine Ungarische Literaturgeschichte vor denjenigen berufen, die über die Methode des vorliegenden Buches Näheres erfahren möchten. Auch in diesem Buch habe ich die Prinzipien befolgt, die ich in der Einleitung zu jenem Buch dargelegt habe. Ich war also auch hier bemüht, den geistesgeschichtlichen, stilgeschichtlichen und literatursoziologischen Gesichtspunkt bis zum Schluss durchzuhalten, insbesondere den Letzteren: Ich bin den äußeren Erscheinungsformen der Literatur dicht auf der Spur gefolgt, dem Weg vom mündlichen Vortrag über die von Hand geschriebenen Papyrusrollen und Pergamentkodizes bis zu den mit der Schnellpresse hergestellten Druckerzeugnissen sowie der Einwirkung all dieser Erscheinungsformen auf die literarische Produktion; ich habe versucht, in Betracht zu ziehen, dass in gewissen Epochen auch die Literatur einen Teil des Wirtschaftslebens bildet, dass das geschriebene Werk Ware ist und dass auch dies die Wandlungen der Literatur beeinflusst; ich machte den Versuch, die Geschichte des schriftstellerischen Selbstbewusstseins und die Geschichte des Standes der Schriftsteller als Gesellschaftsklasse darzustellen; aus der Definition der Weltliteratur folgt, dass ich die Aufmerksamkeit auch auf die «Nachwelt» der Schriftsteller lenken musste, auf ihre Ausstrahlung und ihr Weiterleben im literarischen Bewusstsein. Vor allem anderen war es aber mein Wunsch, den Zusammenhang zwischen Schriftsteller und Gesellschaft deutlich zu machen, davon zu reden, inwiefern der jeweilige Schriftsteller Träger der Ideen seiner Klasse ist, dessen also, was sie zu sagen hat. Doch diesen wohl wichtigsten Gesichtspunkt habe ich nicht forciert; ich achtete darauf, den Verlockungen meiner eigenen Theorien nicht allzu sehr nachzugeben. Ich habe das Gefühl, in meinem Buch sind diese literatursoziologischen Passagen auch mit dieser Einschränkung die diskutabelsten; denn während ich mich sonst anhand der großen Standardwerke der Literaturgeschichte und Literaturkritik selbst zu kontrollieren vermochte, ist auf dem Gebiet der Literatursoziologie die Vorarbeit noch so spärlich,6 dass ich mich meistens nur auf meine eigenen Vorstellungen stützen konnte. Da die Geschichte der Weltliteratur mehrere Jahrtausende im Leben der Menschheit umfasst, ist es nicht möglich, sich in dieser riesigen Zeitspanne ohne eine gewisse geschichtsphilosophische Informiertheit zu orientieren. Die Literaturgeschichten des 19. Jahrhunderts haben als stillschweigende Grundlage die Entwicklungslehre: Sie stellen folglich dar, wie die Literatur immer vollkommener wurde, bis sie ihre heutige Form erreicht hat. Doch im Laufe des 20. Jahrhunderts mussten wir leider alle von der Idee der Entwicklung enttäuscht werden. Wohin wir auch blicken, müssen wir erleben, dass sich die Menschheit nicht vervollkommnet, sich ihren großen Idealen nicht annähert, weswegen auch das Mittel ihres Selbstausdrucks, die Literatur, nicht vollkommener werden kann. Die Denker kehrten zu jener alten romantischen Geschichtsphilosophie zurück, welche die Nationen und Kulturen als lebendige Organismen auffasste, und meinte, auch diese würden geboren, reiften aus, würden alt und stürben mit der Zeit, und dann finge alles
14
Vorwort
wieder von vorne an. Die Menschheit schreite nicht voran, sondern bewege sich im Kreis. Die kunstvollste und zugleich systematischste Entfaltung dieses heute allgemeinen Weltgefühls ist Oswald Spenglers Buch Der Untergang des Abendlandes.7 Größtenteils bin ich ihm gefolgt, wenn sich die geschichtsphilosophische Einordnung der Erscheinungen aufdrängte. Aber ich war bestrebt, sowohl die Literatursoziologie als auch die Spengler’sche «Kulturmorphologie» ohne jeglichen Zwang anzuwenden. Ich bin mir darüber vollauf im Klaren, dass der unendliche Reichtum der Phänomene im Rahmen von keinerlei System Platz finden kann. Eine der schwierigsten Fragen der Literaturgeschichte ist jene der Wertung. In früheren Zeiten standen die Literaturhistoriker, ob bewusst oder unbewusst, noch unter dem Einfluss der klassischen, normativen Ästhetik, sie meinten also, die literarischen Werke könnten gegen den Maßstab gewisser ewig geltender Normen und Regeln gehalten und auf diese Weise könnte ihr Wert genau festgestellt werden; daher bestanden die älteren Literaturgeschichten auch aus nichts anderem als der Biographie der Schriftsteller und der «Würdigung» ihrer Werke. Aber heute, in unserer relativistischen Zeit, glauben wir nicht mehr an ewig gültige Regeln; wir meinen zu wissen, dass jede literarische Wertung relativ und persönlich sei. Daher ist die moderne Literaturwissenschaft auch bestrebt gewesen, die Wertung aus ihrer Arbeit auszuschließen; statt ihrer hat sie die psychischen, geistigen und sozialen Ursachen der Entstehung der Werke untersucht, des Weiteren die Beziehung der Werke untereinander. Der Wertgesichtspunkt kann gleichwohl nicht vollständig vernachlässigt werden. Denn der Literaturhistoriker wertet schon dadurch, dass er entscheidet, wen er behandeln soll, wen nicht, über wen er mehr sagen soll und über wen weniger. Und wenn er nicht wertet, dann hat er seine Leserschaft im Stich gelassen, welche ja trotz allem in erster Linie von ihm erfahren will, was sie unbedingt lesen «muss» und was sie allenfalls lesen kann, und warum gerade dies und nicht jenes. Ich bin also der Wertung nicht ausgewichen; aber wie kann ich dann vermeiden, dass meine Urteile bloß den Ausdruck meiner persönlichen Neigungen darstellen? Auf die Weise, dass ich mich bemühte, meine Meinung mit dem Urteil der Sachkundigen in Einklang zu bringen, mich dem herausgebildeten literarischen Einverständnis anzupassen. Das fiel mir auch nicht schwer, denn die innere Reifung des Menschen im Hinblick auf seinen literarischen Geschmack besteht ohnehin darin, dass er allmählich herausfindet, jene Schriftsteller seien tatsächlich groß, welche die Tradition dafür hält. Ich habe kaum eine Meinung niedergeschrieben, die diesem allgemeinen Einverständnis widerspricht – aber damit mein Buch gleichwohl nicht kritiklos literaturwissenschaftliche Gemeinplätze wiederhole, hielt ich besagtes Einverständnis gegen das, was ich selbst bei meiner Lektüre erlebt hatte, und war bemüht, jenes mit diesem zu ergänzen. Bei der Diskussion über den Wert einzelner Werke zog ich sehr oft in Betracht, wie sehr das fragliche Werk noch lebendig ist, welchen Eindruck es auf den «heutigen Leser» macht. Dieser Gesichtspunkt ist im Grunde keine Wertung; der heutige Leser ist nicht klüger als der frühere, und wenn ein Werk den heutigen Leser nicht ergreift, so ist daran häufig nicht das Werk schuld, sondern der heutige Mensch. Es ist dies auch kein nachhaltiger Gesichtspunkt, denn was heute gefällt, wird morgen vielleicht nicht mehr gefallen,
Vorwort
15
der Geschmack schwankt in unseren Tagen besonders stark; der heutige Leser ist nicht identisch mit der «Nachwelt», er ist nur ein Augenblick der Nachwelt. Ich habe es aber trotzdem als sehr wichtig erachtet, diesem Gesichtspunkt Nachdruck zu verleihen. Einesteils, weil auch dieses Buch vom heutigen Leser gelesen wird und er von ihm in Bezug dar auf Orientierung erwartet, welches Buch wohl seinem Herzen lieb werden könnte. Anderenteils, weil die Literaturgeschichte, wie alles Geschriebene, ein Gemeinschaftswerk ist und es zu ihren Zielen gehört, der Gemeinschaft, der sie entspross, Ausdruck zu verleihen; die Literaturgeschichte soll nicht nur über die literarische Vergangenheit Zeugnis ablegen, sondern auch über die Gegenwart, deren Produkt sie ist. Dies erreicht sie, indem sie von Zeit zu Zeit über die Literatur als Stoff eine Bestandsaufnahme macht und feststellt, was von ihr im gegebenen geschichtlichen Augenblick lebendig und wirksam ist. In fünfzig Jahren8 wird den Sachverständigen in meinem Buch nicht das interessieren, was ich darin über alte und neue Schriftsteller sage, denn das wird er ohnehin wissen, sondern daran, was ich über den heutigen Leser sage; denn bis zu jenem Zeitpunkt wird bereits Teil der Literaturgeschichte sein, was heute gefallen hat und was nicht. In meinem Buch wird in fünfzig Jahren gerade das von Interesse sein, was bis dahin überholt sein wird, das, was die heutige Auffassung kennzeichnet. Es kann nicht die Aufgabe eines zusammenfassenden und für den Allgemeingebrauch bestimmten Werkes sein, neue Detailwahrheiten und Zusammenhänge zu entdecken; das muss Spezialstudien und Monographien vorbehalten bleiben. Ich wurde eher von einem praktischen als von einem theoretischen Ziel geleitet: jenen an die Hand zu gehen, die in Ungarn gerne lesen, ihnen behilflich zu sein bei der leichteren Orientierung im unend lichen und herrlichen Gedränge der Schriftsteller und Werke. Ich möchte, dass wer in meinem Buch herumblättert, Lust bekommt, möglichst viele wertvolle, wahrhaft weltlitera rische Bücher zu lesen. Es gibt solche, die zum Zeitvertreib lesen, und solche, die mit ihrer Lektüre ihre Bildung vergrößern wollen; ich denke jedoch an den dritten Leser, für den das Lesen lebensnotwendig und unwiderstehlicher Zwang ist – nur dieser ist der eigent liche Leser. Mein Wunsch ist es, die Leidenschaft des Lesens in jenen zu wecken und zu hegen, zu denen meine Zeilen ihren Weg finden. Denn auch ich glaube an das, was John Cowper Powys sagt: Ein Mensch kann ohne Bücher «Erfolg haben», er kann reich werden ohne Bücher, seine Mitmenschen kann er ohne Bücher tyrannisieren, doch er kann «Gott nicht sehen», kann nicht in unserer Gegenwart leben, die von der Vergangenheit schwanger ist und in ihrem Schoß die Zukunft trägt, wenn er keine Kenntnis von den wundervollen Tagebüchern der Menschheit hat.9
Ich wäre froh, wenn ich etwas vermitteln könnte von der Entzückung, der Erschütterung, der Besessenheit, die ich bei der Lektüre bestimmter Werke empfand, und davon, was mir die Tatsache bedeutet, dass es auf der Welt Literatur gibt. Daher bestand ich nicht auf der kühl wissenschaftlichen, mitteilenden Vortragsweise, machte ich kein Geheimnis aus meiner Erschütterung, war auch dem Pathos nicht abgeneigt; es gibt Dinge, über die es sich nicht ziemt, ohne Ergriffenheit zu reden. Wenn nur mein Buch dazu beitrüge, dass die
16
Vorwort
winzige Konfraternität der wirklichen Leser sich vergrößerte und erstarkte, in unseren Tagen,da die Musen schweigen und diejenigen beieinander Geborgenheit suchen, welche die Musen verehren. Denn die Welt braucht brennend ein bisschen Güte – und wer die Bücher liebt, kann kein schlechter Mensch sein.10 Ich bedanke mich bei meinen gelehrten Meistern beziehungsweise Freunden, die mir mit der Durchsicht einzelner Details und ihren fachgerechten Ratschlägen unschätzbare Hilfe leisteten, so in erster Linie bei den Herren Endre Angyal, Albert Gyergyai, Endre Illés, Tibor Kardos, Károly Kerényi, Elek Máthé, György Rónay, Sándor Sík, József Túróczi- Trostler und Béla Zolnai.11
Erster Teil
Die Griechen
19
Jeder Epoche der Geschichte ist etliches vorausgegangen, nichts ist wahrhafter Anfang. Die orientalischen Kulturen haben den griechischen Geist vorbereitet. Doch die Kontinui tät der europäischen Literatur, der Weltliteratur, der für die ganze Welt bestimmten Literatur fängt gleichwohl erst bei den Griechen an, mit der Neuigkeit, welche sie ins menschliche Bewusstsein brachten: Sie haben den Menschen entdeckt. In den Religionen der östlichen Völker vermischen sich Götter und Tiere miteinander in erschreckendem Durcheinander und in unmenschlich gigantischen Proportionen. Die Griechen stellten ihre Götter in menschlicher Gestalt dar – und wie ihre Götter ist ihre ganze Kultur dem Menschen angemessen. Sie haben die richtigen Proportionen des menschlichen Körpers entdeckt, auch ihre Bauten und Statuen sind von einer Größe, welche an den Menschen angepasste Bauten und Statuen besitzen müssen; auch ihre Gefühle, Sehnsüchte und ihre diesen Ausdruck verleihenden dichterischen Bilder gehen nicht in unmenschlicher Monumentalität über die menschlichen Proportionen hinaus. Die Sphinx und die Pyramide wurden nicht von ihnen gebaut, und die hundertarmige Gottheit spielt in ihrer Mythologie nur als barbarisches urweltliches Ungeheuer eine Rolle. Sie haben als Erste den Ausspruch getan, der Mensch sei das Maß aller Dinge, und sie maßen als Erste die menschlichen Dinge aus. Die Primitiven und die Orientalen erlebten die Welt als das gefährliche Chaos von Göttern und Tieren, ihr Grundgefühl ist das Grauen. Die Griechen sahen auch den Kosmos, das «geschmückte» Weltall,1 als etwas dem Menschen Angemessenes an und sie fühlten sich wohl in ihm, dermaßen wohl, dass die Nachwelt fast bis in unsere Tage hinein dem Zauber dieser Euphorie erlegen ist und auch nicht gewillt war, in den großen Schöpfungen des Griechentums etwas anderes wahrzunehmen als die klassische Harmonie und die Heiterkeit. Edle Einfalt und stille Größe, so wurde die griechische Seele vom Neuhumanisten Winckelmann Mitte des 18. Jahrhunderts bestimmt, als das tiefere Verständnis der griechischen Hinterlassenschaft seinen Anfang nimmt. Und erst hundert Jahre später erkennen Nietzsche, Rohde und ihre Anhänger, dass die «edle Einfalt und stille Größe» nur die eine, die sonnige, apollinische Seite des Griechentums ist – doch ihr gegenüber steht die andere, die dionysische, die erst aus dunklen archaischen Schichten ekstatisch aufbricht und deren echter Ausdruck die griechische Tragödie ist. Winckelmann und seine Zeit sahen damals in den Griechen noch nicht mehr als das Künstlervolk, durch das jede Manifestation des Lebens zur Schönheit, zum Kunstwerk verzaubert worden war. Seit Nietzsche meint man jedoch, auch die griechische Kunst sei nur der Ausdruck von etwas anderem, wie ja alle Kunst überhaupt. Die griechischen Götter waren zunächst immerhin Götter und sie wurden erst nachher zu homerischen Gestalten, wie viel auch Homer an ihnen umgeformt haben mag. Im Mittelpunkt der neueren Altertumswissenschaft steht die religionsgeschichtliche Forschung, und die durch diese ins Spiel gebrachten neuen Gesichtspunkte haben auch unsere Anschauung der Literatur in mancher Hinsicht verändert. Die Nachwelt hat von den Griechen unendlich viel gelernt; teils direkt von ihnen selbst, indirekt aber sogar noch viel mehr durch die römische, die urchristliche und in geringerem Ausmaß auch durch die byzantinische und die arabische Kultur. Die Nachwelt lernte
20
Die Griechen
von ihnen viel mehr, als man gemeinhin denken würde, ja wahrscheinlich sogar viel mehr als das, wovon uns die Wissenschaftler bis heute Rechenschaft ablegen können. Alles, was Formulierung ist, alles, was Form ist, stammt in seinen letzten Wurzeln von den Griechen. Wenn wir schreiben, wenn wir reden, selbst wenn wir empfinden und unsere Empfindung aus dem Chaos hervortretend in uns Form annimmt – erinnern wir uns stets, ohne darum zu wissen, der Griechen. Der Wert der griechischen Schöpfungen wird folglich außer durch deren formale Vollkommenheit auch dadurch gesteigert, dass diese Quellen sind: Die griechischen Tragödien sind nicht nur vollendete Tragödien, sondern auch die ersten Tragödien überhaupt, Ahnen und zugleich Urbilder jeder späteren Tragödie. Und als eine dritte Art von Wert gesellt sich zu den vorigen beiden der Enthusiasmus der Nachwelt, den die griechische Literatur in sich aufgesogen hat. Sollte heute jemand ein Werk verfassen, das den Epen Homers in jeder Hinsicht das Wasser reichen könnte, würde es trotzdem hinter Homer zurückbleiben: denn es würden ihm die Jahrtausende abgehen, welche Homer mit Erschütterung zuhörten und ihn lasen. Dieses «Aufgesogen-Sein» gilt in noch gesteigertem Maße für die römische als selbst für die griechische Literatur. Die stärkste Anziehungskraft der großen Schöpfungen der antiken Welt für uns Spätgeborene geht vielleicht davon aus, dass diese die ununterbrochene Bewunderung der Jahrhunderte aufgesogen haben, wobei auch etwas von dieser Begeisterung sie selbst überzogen hat, ihr Funkeln noch weiter steigernd, so dass sie nunmehr nicht nur die Denkmäler eines Zeitalters und eines Volkes sind, sondern die der gesamten menschlichen Vergangenheit.