KWA I 9
Robert Walser Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte
Robert Walser
Poetenleben
Band I 9 Poetenleben
Frankfurt/Basel ISBN 978-3-86600-191-6 Basel ISBN 978-3-7965-3357-0
Kritische Robert Walser-Ausgabe (KWA) Band I 9 · Poetenleben
Robert Walser Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte
herausgegeben von Wolfram Groddeck und Barbara von Reibnitz Band I 9
Robert Walser Poetenleben
herausgegeben von Matthias SprĂźnglin
Herausgegeben im Auftrag der Stiftung für eine Kritische Robert Walser-Ausgabe, Basel Delegierter des Stiftungsrats für die Herausgabe: Wolfram Groddeck Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und des Swisslos-Fonds Basel-Stadt Eine Gemeinschaftsproduktion von Stroemfeld Verlag, Basel und Frankfurt am Main und Schwabe Verlag, Basel Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 978-3-86600-191-6 (Stroemfeld) ISBN 978-3-7965-3357-0 (Schwabe) Copyright © 2014 Stiftung für eine Kritische Robert Walser-Ausgabe, Basel Copyright für die Texte von Robert Walser, mit freundlicher Genehmigung der Inhaberin der Rechte, der Robert Walser-Stiftung Bern © Suhrkamp Verlag, Zürich 1978 und 1986 Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved Stroemfeld Verlag CH-4054 Basel, Altkircherstrasse 17 D-60322 Frankfurt am Main, Holzhausenstraße 4 Schwabe Verlag CH-4010 Basel, Steinentorstrasse 13 Satz: Doris Kern, Frankfurt am Main Layout: Michel Leiner, Frankfurt am Main Druck und Verarbeitung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz / Basel Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier gemäß ISO 9706 www.stroemfeld.com www.schwabeverlag.ch www.kritische-walser-ausgabe.ch
Inhalt
Poetenleben
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Editorisches Nachwort
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Dokumentarischer Anhang
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Abbildungen
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Alphabetisches Verzeichnis der Texte mit ihren Textzeugen
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Verzeichnis der Einzeltexte
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Editorische Zeichen
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Poetenleben von
Robert Walser
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Wanderung
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Vor manchen Jahren, so kommt mir in Sinn, unternahm ich, es war im Sommer, die erste längere Wanderung, auf welcher ich, wie mir erinnerlich ist, allerlei Merkwürdiges und Schönes sah. Meine Ausstattung bestand in einem hellen, billigen Kleid am Leib, dunkelblauen Hut auf dem Kopf und Wanderpaket in der Hand. In die Westentasche eingenäht trug ich das ersparte Geld in Form einer säuberlichen Bankanweisung mit mir in die frische, helle, weite Welt hinaus. Von einigen kecken Burschen, denen ich auf der Straße begegnete, rief mir einer spöttisch nach: „Wo will der lange Mensch mit seinem kleinen Ranzen hin?“ Er spielte auf mein armseliges, törichtes Wanderpäckchen an, das dem Träger und Eigentümer selber ein wenig lächerlich vorkam. Ohne mich indessen um |die Spötteleien viel zu beküm-
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mern, die keine sonderliche Bedeutung haben konnten, ging ich munter weiter, und indem ich so marschierte, kam es mir vor, als bewege sich die ganze runde Welt leicht mit mir fort. Alles schien mit dem Wanderer zu wandern: Wiesen, Felder, Wälder, Aecker, Berge und schließlich noch die Landstraße selber. Mir wurde es himmlisch frei zu Mut und wohl ums Herz. Tapfer lief ich immer weiter, behaglich und zugleich eilig an allerlei Leuten vorbei, die mich jungen, fröhlichen Reisenden, vagabundierenden Vaganten hin und wieder freundlich grüßten, was mich verpflichtete, ebenfalls artig zu sein. Lockt nicht eine Freundlichkeit die andere hervor? An etwas Nasses, Nebliges, Kühles erinnere ich mich: das wird wohl der frühe Morgen gewesen sein, der mich mit Feuchtigkeit antastete; und an etwas bald darauf folgendes Heißes, Weißes und Grünes: das war die Mittagszeit mit dem Staub auf Vgl. Schweizerland [KWA II 5], Jg. 2, H. 5, Februar 1916, S. 277f. (unter dem Obertitel „Drei Wanderstücke“).
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der Straße und dem trocken-blendend-hellen Sonnenlicht auf den grünen Matten. Eine Zeitlang ging ich längs eines Flusses, dann ging es in ein Gebirge hinein. Berge mit Schloßruinen auf den hohen Rükken traten mir entgegen. Fröhlich wechselten Abwechslung und Einförmigkeit |mit einander ab, Städte, Burgen, Berge, Täler und einsame Dörfer. Tiefer ging es in die enge, dunkle, wilde, kalte Schlucht; brach aus der Felseneinsamkeit und -Enge unerwartet wieder hervor, lief als Ebene davon, schimmerte und lächelte als blauer, schmucker Fluß, stand als ernster, treuherziger, grüner Wald ehrenfest und wacker da und tauchte hierauf plötzlich wieder als trotziger Berg hoch hinauf. Seltsames und Abenteuerliches hielt mit Schönem, Traulichem Schritt, und die Mittagshelligkeit verwandelte sich gegen Abend in geheimnisvolles, angenehmes, höchst erwünschtes Dunkel, die Hitze in süße, liebe Kühle. Da und dort, wenn es Zeit war, einzukehren, übernachtete ich in alten Gasthäusern, so einmal in einer Stube, die vermöge ihrer prächtigen, ernsthaften und tiefsinnigen Geräumigkeit ganz leicht als feierliche Ratstube hätte gelten und dienen können. Eines Morgens stand ich, soviel ich weiß, auf zarter, halber Bergeshöhe unter Eichen und schaute auf ein unter mir im schönsten, wärmsten Sonnenlichte blitzendes, im gutmütigen Sommermorgenlichte badendes und leuchtendes, allerliebstes Wald- und Bergstädtchen hinunter. O was für eine gesunde, gute Freude ist das Wandern. Nur harmlose Freuden sind wahre Freuden.
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|Wilde,
sturmdurchbrauste Gegenden wechselten mit lieblichen und sanften ab, so auch arme, böse, wüste, vernachlässigte Häuser mit anständigen, ordentlichen und wohlhabenden, und immer unterhielt sich der fortfahrende Landfahrer und Sorte lustige, vergnügte Landstreicher, sorglos wie er sich fühlen durfte, mit aufmerksamem Betrachten all der mannigfachen Erscheinungen, die ihm vor die Augen traten, auf das beste.
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Bald stand ich am frühen Morgen in der Helligkeit, im heitern Tageslicht; bald aber auch wieder am späten Abend im blassen Geisterschein, im Dämmerlicht auf irgend einem seltsamen, fremdartigen Hügel und hatte unter mir entweder die morgenliche Gegend oder die abendliche. Ein bis zwei Stunden lang ging ich durch ein so einsames, sonderbares, weitabgelegenes Tal, daß ich mir im Wandern einbildete, es sei eine längstvergangene Geschichtsepoche in die Welt hereingebrochen und ich selber sei ein fahrender Geselle des Mittelalters. Heiß war’s, und weit und breit nicht die kleinste menschliche Ansiedelung, nicht der geringste Hauch von Fleiß, nicht eine Spur von Bildung oder Bemühung zu erblicken. Natureinöden haben einen wunderbaren, schreckhaften Zauber. |Gegen
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das Ende der Wanderung regnete es ununterbrochen, derart, daß ich willig oder unwillig, freudig oder betrübt, zufrieden oder unzufrieden, jedenfalls aber völlig durchweicht und durchnäßt am Ziel derselben anlangte.
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Kleines Landstraßenerlebnis
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Zu anderer Zeit und bei anderer Gelegenheit wanderte ich einmal im Winter, nämlich natürlich bloß zu Fuß, zu meinem Bruder, der sich dazumal in einer kleinen Landstadt aufhielt, wo er die Aufgabe hatte, einen Tanzsaal mit Wandmalereien zu verzieren. Trotz der kalten Jahreszeit trug ich nur einen ganz dünnen, leichten Anzug; dicke und schwere Stoffe kümmerlich und mühsam mit mir herumzuschleppen würde ich als grobe Belästigung, als überflüssiges Uebel empfunden haben. Hemd und Hut vermochten vielleicht einigen leisen und zarten Zweifel zu erregen; beides besaß etwas Leichtes, Luftiges und Lumpiges, und was die Miene betrifft, die ich mit mir trug, so gestehe ich gerne, daß ich noch auf keiner Fußwanderung ein anderes als keckes und sorgloses Gesicht zur Schau getragen habe. Die Straße war nicht sonderlich sauber. Dieser Umstand oder Uebelstand hinderte mich jedoch in |keiner Weise, sie zu preisen, nämlich die Landstraße und den Fußgänger glücklich zu schätzen, der wohlgemut auf ihr marschierte, nämlich mich selber. Einem scharfsichtigen, vorsichtigen Landjäger, der mir in einer Ortschaft begegnete, gefiel ich jedoch bedauernswerterweise weniger gut und machte ich unglücklichermaßen, d. h. leider Gottes keinen so vorzüglichen Eindruck wie mir selber. Die überraschende Wanderburschenerscheinung schien ihn zu verblüffen und nötigte oder veranlaßte ihn, mich anzuhalten und mich zu bitten, ihm gütig zu folgen. In eine Art löbliches, obrigkeitliches Gemach oder Zimmer brachte er mich, wo ich seinem Vorgesetzten, einem anscheinend eher grimmigen als gütigen und doch auch scheinbar wieder eher freundlichen als gefähr-
Vgl. Schweizerland [KWA II 5], Jg. 2, H. 5, Februar 1916, S. 278 (unter dem Obertitel „Drei Wanderstücke“).
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lichen und weit eher gutmütigen als entsetzlichen Menschen, als mutmaßlicher anmutlicher Tunichtgut vorgestellt wurde. Mit finsterer Stimme forderte man mich auf, mich gefälligst zu setzen, worauf man begann, mich zu fragen, was ich zu Fuß im offenen Land herumzulaufen habe. „Ich scheine bei Ihnen in keinem günstigen Licht zu stehen“, sagte ich; und man fand den Mut, mir zu entgegnen: „Nicht im mindesten.“ „Sie befinden sich aber sehr wahrscheinlich in |einem Irrtum“,
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wagte ich hinzuwerfen, „wenn Sie glauben, daß Sie es in mir mit einem alltäglichen Vagabunden zu tun haben könnten. Ich möchte mir erlauben, Ihnen zu raten, mich mit etwas größerer Genauigkeit anschauen zu wollen. Sie gelangen dann vielleicht zu der für uns beide sicherlich überaus angenehmen Empfindung, daß ich ebenso leicht, wenn nicht leichter, ein honetter und ehrlicher Mensch als verwegen und ein Gauner sein kann. Ich bin überzeugt, daß ich entschieden nicht bin, wofür Sie vielleicht sich verpflichtet fühlen möchten mich zu halten. Ganz ebenso gut wie irgend ein anderer hätte ich mit der Eisenbahn reisen können. Da ich aber ein lebhafter Freund tagelangen, meilenweiten Herumschlenderns und Marschierens bin, so habe ich vorgezogen, zu Fuß zu gehen, was doch wohl nicht gut als Sünde betrachtet und mithin wohl auch nicht ohne weiteres verdächtig gemacht werden kann. Erscheinen Freude am Wandern und was damit aufs schönste verknüpft ist: Liebe zur Natur Ihnen etwa verdächtig? Bitte erklären Sie sich freundlich.“ „Sie kommen uns etwa verdächtig genug vor, mein Herr“, hieß es unverfroren; aber nach Verlauf einer halben Stunde, die mit emsigem Forschen in allerhand Akten und Papieren und fleißigem Ein|ziehen von Erkundigungen redlich ausgefüllt wurde, ließ
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man mich ziehen, indem man mir sagte: „Sie können gehen.“ Das war hochwillkommener, niedlicher, artiger Bescheid. Ich machte von gnädiger Erlaubnis ohne Zögern Gebrauch und zog 13
fort, und so konnte ich denn eine gewagte, schwierige, deswegen aber nicht minder hübsche, schöne, günstige, heitere Wanderung fortsetzen und beendigen und langte noch frühzeitig genug in der kleinen Landstadt an, damit alles bestens klappe und passe, und in der Tat saßen die Brüder zu guter Stunde fröhlich dann am Nachteßtisch beisammen.
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Brief eines Malers an einen Dichter
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Vernimm, lieber Dichter, daß ich letzten Sonntag in der Wohnung eines Menschen war, der den unglücklichen, unstatthaften Einfall hatte, nicht zu Hause zu sein. Ich saß eine Stunde lang in deinem Zimmer, las einige Seiten in dem Buch, das auf dem Tisch lag, und plauderte statt mit dem Einwohner des Zimmers mit dessen leeren Wänden. Die Unterhaltung war reizend. Nachdem ich vergeblich gewartet hatte, daß du doch noch kommen würdest, ging ich davon, indem ich hundert und mehr herzliche Grüße zurückließ, wobei ich unendlich bedauerte, dich nicht getroffen zu haben, wo doch wir zwei uns sicher unaussprechlich viel zu sagen, zu erzählen und mitzuteilen gehabt hätten. Wie hatte ich mich voreilig darauf gefreut, gemeinsam mit dir auf Birnenraub zu gehen, was ein Unternehmen ist, das, wenn es ein |Einzelner
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ausführt, gar keinen Reiz besitzt, dagegen zu zweien ein Hauptspaß sein kann. Wo um Gotteswillen stecktest du? Ich würde dir lang und breit die kühne, verwegene Alpenwanderung beschrieben haben, die ich vergangene Woche unternahm, die mich über Pässe von unerhörter Höhe führte, wie es einst bei Suwarow ungefähr der Fall war, an den ich dachte, als ich, rings von Schnee- und Eisfeldern umgeben, vor Hunger und Erschöpfung beinahe umkam. Solches und Aehnliches würdest du mündlich vernommen haben, wenn du fein und artig hättest zu Hause sitzen wollen; so mußt du nun mit der schriftlichen Erwähnung vorlieb nehmen, die ja manchmal ein wenig mager ausfällt. Wie geht es dir? Wenn du einige neue Gedichte geschrieben hast, so weißt du, wer es ist, der dich bittet, sie ihm zu schicken, damit er sie lesen und sich an ihrem Inhalt erfrischen kann. Vgl. Sonntagsblatt des „Bund“ [KWA III 2], Nr. 26, 4.7.1915, S. 413f. Zum Titel vgl. Editorisches Nachwort, S. 139.
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Gegenwärtig, mein Allerbester, wohne und stationiere ich in einem ebenso altertümlichen wie freundlichen Städtchen, das noch fast alle seine alten Stadtmauern und Türme aufrechtstehen hat und das in der schönsten, anmutigsten Gegend liegt, die eine gesunde, lebhafte Einbildungskraft sich vorzustellen vermag. Das Land ringsherum ist so schön, so grün, so |einladend und einneh-
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mend, so lieblich und in seiner weichen Lieblichkeit so bezaubernd, daß man sagen zu können scheint, es eigne sich wie für den Empfang einer Prinzessin. Ich versichere dir, daß ich entzückt bin und daß ich wünschen würde, ich könnte dir dieses tiefe natürliche Entzücken, diese ebenso große wie aufrichtige Freude in Sätzen und Worten einigermaßen richtig schildern. Was den Zweck betrifft, der mich hierher führte, so laß dir sagen, daß ich vor der Aufgabe stehe, einen Saal auszumalen, einem Auftrag, den ich, wie ich hoffe, mit einer gewissen Leichtigkeit erledigen werde, wobei ich mir mit Vergnügen einbilden will, daß die Bezahlung eher schwer als leicht wiegen soll. Ich bewohne ein dunkelgetäfeltes, nettes Zimmer in der Vorstadt, dessen Fenster eine Aussicht gewährt, die so reizend ist, daß ich mir nicht habe nehmen lassen, sie zu zeichnen. Komm doch recht bald einmal zu Fuß zu mir, und dann wirst du zu sehen bekommen, wie ich hier eingerichtet bin. Mit dem denkbar artigsten Empfang darfst du rechnen, und auf eine Fülle oder Ueberfülle von landschaftlichen Schönheiten darfst du dich, weil es hier von solchen wimmelt, im voraus gefaßt machen. Neben dem eigentlichen Malgeschäft male ich, ähnlich wie es bei dir mit dem Dichten ist oder sein mag, |nach der Natur. Ich gehe an die freie Luft hinaus, schaue mich am göttlichen Antlitz der Natur recht satt, trage irgendeinen tiefen Eindruck, ein vorgenommenes Bild oder Gewebe nach Hause, um den Gedanken in der Stube auszufertigen, derart, daß mein Malen fast mehr ein Malen hinter als vor der Natur zu sein scheint. Die Natur, Bruder, ist auf so geheimnisvolle unerschöpfliche Weise groß, daß 16
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man, wo man sie genießt, auch bereits schon unter ihr leidet; aber es fällt mir ein, mich glauben zu machen, daß es ja auf der Welt vielleicht überhaupt kein Glück ohne Beimischungen von Schmerz gibt, womit ich dir und mir selber recht eigentlich ganz einfach nur sagen will, daß ich stark kämpfe. In die Farben, die in all der umherverbreiteten Natur sind, mischen sich Melodien. Nun treten auch unsere Gedanken noch hinzu. Ferner bitte ich dich, bedenken zu wollen, daß sich alles immer ändert, die Tageszeiten, Morgen, Mittag und Abend, daß die Luft an und für sich schon etwas sehr Eigentümliches, Seltsames, Schwimmendes ist, das alle Erscheinungen umschwimmt, allem Gegenständlichen vielerlei befremdende Gesichter gibt, die Formen verwandelt, verzaubert. Stelle dir nun Pinsel und Palette, die ganze Langsamkeit des Handwerkzeuges, des handwerklichen Betriebes lebhaft |vor,
womit der ungeduldig drängende Maler die tausend merkwürdigen, vagen, hin und her verstreuten Schönheiten, die dem Auge vielfach nur fluchtartig begegnen, einfangen, in ein Festes, Bleibendes bannen, zu blitzenden, aus der Bildseele mächtig aufleuchtenden, lebendigen Bildern umschaffen soll: dann wirst du den Kampf verstehen, dann begreifst du ein Zittern! Ach, daß es doch nur schon auch mit der Liebe, die wir fühlen, mit der Freude, mit dem zufriedenen, bezaubernden Gedanken, mit dem Sehnen, dem heißen gutherzigen Wunsch oder mit dem bloßen reinen, glücklichen Schauen getan wäre. Laß dich umarmen und lebe wohl. Eines ist sicher: wir beide, du Dichter wohl nicht weniger wie ich Maler, brauchen Geduld, Mut, Kraft und Ausdauer. Lebe etliche zwanzig- bis dreißigmal wohl, habe kein Zahnweh, sei stets bei einigem Geld und schreibe mir einen so langen Brief, daß ich eine ganze Nacht lang daran zu lesen habe.
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Widmann
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Wie mir in Erinnerung geblieben ist, lief ich eines Morgens, im Monat März, von Thun weg, wo ich in Stellung war, nach Bern, um zu Widmann zu gehen. Mit zwanzig Jahren pflegt man noch ziemlich überspannt zu sein. Demgemäß trug ich einen liederlichen hellgelben Hochsommeranzug, leichte Tanzschuhe, absichtlich wüsten, kühnen, dummen Hut, und von ordentlichem Kragen war ganz gewiß keine Spur an mir. Der Tag war wild und kalt; düstere Wolken bedeckten den Himmel; aber die Landstraße wenigstens war sehr sauber. Von Dorf zu Dorf ging es mit eiligen, elastischen Schritten. Weil es Sonntag früh war, so gab es fast keinen Verkehr auf der Straße. In kalten stechenden Tropfen fing es an zu regnen, da man jedoch mit zwanzig Jahren noch in keinerlei Weise empfindlich ist, so gab ich auf die Unfreundlichkeit des Wetters herzlich wenig acht. Die Welt sah |dunkel, bös und hart aus, doch ich bin nie der Meinung gewesen, daß etwas Rauhes ganz und gar keine besondere Schönheit besitze. In einem stillen Tannenwald glaubte ich mit hartem, strengem Laufen ein wenig innehalten zu dürfen. Hoch oben in den Aesten brauste der Wind. Das war für den jugendlichen Wanderer und anlaufenden Literaten Musik. Ich zog Bleistift und Notizbuch aus der Tasche und schrieb stehend und auf das Theater der Natur horchend einige gute oder schlechte, glückliche und gelungene oder verunglückte und verfehlte Verse. Alsdann lief ich keck und fröhlich weiter. Das Land war gelb, braun und grau; hie und da wies es Stellen von feierlicher, ernsthafter, dunkelgrüner Pracht auf. Einiger alter
Vgl. Schweizerland [KWA II 5], Jg. 2, H. 5, Februar 1916, S. 277 (unter dem Obertitel „Drei Wanderstücke“).
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Landhäuser oder Schlösser vornehme, imposante Schönheit wurde gern bewundert. Gegen Mittag stand ich vor Widmanns Haus und klingelte am Gartentor zart an, worauf ein Mädchen herab- und herbeigesprungen kam, um dem Ankömmling und Anfängling zu öffnen. Wer ich sei? „Wer anders kann ich sein als derselbe, der vor einiger Zeit Herrn Widmann seine poetischen Erstlinge einsandte, von denen er sieben oder acht Stücke |in seinem wohlbekannten Sonntags-
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blatt abzudrucken die große und hohe Güte hatte!“ So oder ähnlich hatte ich den Mut oder Uebermut, zu sprechen. Das hübsche, muntere Mädchen entfernte sich, um mich anzumelden. Bald darauf stand ich vor Widmann, der mich mit freundlicher Stimme und mit den Worten: „Ah, das ist ja der junge Poet!“ willkommen hieß. Ich versuchte etwas wie eine Verbeugung zu machen. Im Verbeugungenmachen und ähnlichen artigen Dingen war ich damals noch überaus ungeübt und außerordentlich unerfahren; jeder Art Höflichkeit gegenüber war ich noch ein ahnungsloses Kind. Wie mußte außerdem den kleinen und geringen Menschen der Anblick des großen und bedeutenden einschüchtern. Indessen flößte mir seine edle Lebhaftigkeit sogleich das größte Vertrauen ein. Von Menschen, die zu bezaubern imstande sind, gehen Ermunterung und Ermutigung aus. Ich faßte mich, und in der Beruhigung, die ich fühlte, fand ich allerlei Worte, deren Keckheit und Jugendlichkeit freundlich anzuhören und zu billigen er Güte und Großherzigkeit genug besaß. Was ich vorbrachte, schien ihn sogar zu interessieren. Von Zeit zu Zeit musterte er begreiflicherweise |ein wenig
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mein sehr eigentümliches, dreistes, wohl fast schon etwas zu originelles Aeußeres, den Auf- und Anzug, das kecke, freche Kostüm, die rebellische, Modevorschriften in jeder Hinsicht verletzende töricht-eigensinnige Gewandung. Er tat das jedoch in al19
ler Gelassenheit und Freundlichkeit, ganz wie ein Fürst, der sich durch Kleinigkeiten in seiner Ruhe und Größe keinen Augenblick beeinträchtigen und stören läßt. Auf dem Teppich kauerte ein Hund; das Zimmer sah wie die vornehme Behaglichkeit selber aus. Nach Verlauf ungefähr einer halben Stunde fiel mir zum Glück ein, daß der Herr vielleicht noch anderes zu tun haben könnte, als mit jugendlichen Anfängern zu reden; ich fand es daher gescheiterweise für passend, aufzustehen und mich zu verabschieden.
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