Comme problème quotidien, la faim a depuis longtemps disparu de la vie de la plupart des êtres humains d’Europe occidentale. Mais, comme phénomène médiatique, les grandes famines frappent les esprits à espaces réguliers et façonnent nos représentations de la faim dans le monde. Les médias de masse, les missions, les institutions d’assistance ou les organisations pour le développement s’emparent du thème de la faim avec des intentions variées. Certains veulent secouer l’opinion et générer des dons; d’autres font de la famine une intervention politique; d’autres encore utilisent les représentations de la famine pour une mise en scène de soi; d’autres enfin luttent en utilisant des images choquantes pour augmenter les tirages. Le volume aborde l’histoire de la famine au XXe siècle à partir d’une optique d’histoire culturelle. Les contributions examinent une large palette de représentations visuelles et écrites. Les représentations de la famine dans les caricatures, les photographies, les films mais aussi dans les textes journalistiques et littéraires sont d’une part analysées dans leur contexte de production. D’autre part, les articles se penchent sur les formes spécifiques de mise en scène des motifs de la famine et sur l’histoire de leurs effets. Géographiquement, l’attention se porte sur les famines en Asie et en Afrique. Mais le volume prend également en considération la crise de l’alimentation en Suisse durant la Première Guerre mondiale et la famine en Ukraine de 1920/21.
Itinera 37 2014
Als Alltagsproblem ist Hunger längst aus dem Leben der meisten Menschen Westeuropas verschwunden. Als mediales Phänomen aber heischen Hungerkatastrophen in regelmässigen Abständen nach Aufmerksamkeit und formen unsere Vorstellung von Hunger in der Welt. Massenmedien, Missionen, Hilfseinrichtungen und Entwicklungsorganisationen thematisieren Hunger mit unterschiedlichen Intentionen. Die einen wollen aufrütteln und Spenden generieren, andere machen Hunger zum politischen Statement, dritte nutzen Hungerdarstellungen zur Selbstinszenierung, und weitere kämpfen mit schockierenden Bildern um möglichst hohe Auflagenzahlen. Der Band nähert sich der Geschichte des Hungers im 20. Jahrhundert aus einer kulturhistorischen Per spektive an. Die Beiträge untersuchen eine breite Palette an visuellen und schriftlichen Repräsentationen. Hungerdarstellungen in Karikaturen, Fotografien, Filmen, aber auch in journalistischen und literarischen Texten werden einerseits auf ihre Entstehungs- und Gebrauchskontexte hin analysiert. Andererseits be schäftigen sich die Artikel mit spezifischen Inszenierungsformen von Hungermotiven und deren Wirkungsgeschichte. Geografisch liegt der Fokus auf Nahrungskrisen in Asien und Afrika. Der Band nimmt aber auch den Hunger in der Schweiz während des Ersten Weltkrieges und die ukrainische Hungerkatastrophe von 1920/21 in den Blick.
Wahrnehmung und mediale Inszenierung von Hunger Perceptions et mises en scène médiatiques de la famine
Itinera Beiheft zur Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte Supplément de la Revue Suisse d’Histoire Supplemento della Rivista Storica Svizzera
Inhaltsverzeichnis /Table des matières - Christian Gerlach, Bilder des Hungers. Überlegungen zu Fotografie und Literatur - Lukas Zürcher, «Das Brot des Lebens». Biblische Metaphorik und die Mediatisierung des Hungers in Afrika (1900–1970)
- Hines Mabika, La famine dans les Nouvelles de l’hôpital Albert Schweitzer: une archéologie de la médiatisation des crises alimentaires en Afrique au XXe siècle? - Valérie Gorin, «Millions of children in deadly peril»: utilisation des photographies d’enfants affamés par le Save the Children Fund pendant l’entre-deux-guerres - Heike Wieters, Hungerbekämpfung und Konsumgesellschaft. Das CARE-Paket im Kontext von Massenkonsum und New Charity-Konzepten der Nachkriegszeit - Angela Müller, «Indien braucht Brot». Werner Bischofs Fotografien aus Bihar (1951) zwischen Politik und Ikonisierung - Felix Rauh, Tierkadaver im Wüstensand. Zur Visualisierung des Hungers in der Sahelzone 1973/74
I S B N 978-3-7965-3354-9
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
9
783796 533549
Müller / Rauh (Ed.)
- Maria Meier, «Wo die Not am grössten …». Die Versorgungskrise in der Schweiz während des Ersten Weltkrieges im Spiegel zeitgenössischer Karikaturen
37
2014
Itinera Beiheft zur SZG Supplément de la RSH Supplemento della RSS
Wahrnehmung und mediale Inszenierung von Hunger im 20. Jahrhundert Perceptions et mises en scène médiatiques de la famine au XXe siècle Herausgegeben von / édité par Angela Müller / Felix Rauh
Wahrnehmung und mediale Inszenierung von Hunger im 20. Jahrhundert Perceptions et mises en scène médiatiques de la famine au XXe siècle
Herausgegeben von / édité par Angela Müller, Felix Rauh
Schwabe Verlag Basel
Itinera 37 / 2014 Beiheft zur Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte Supplément de la Revue Suisse d’Histoire Supplemento della Rivista Storica Svizzera Herausgeber / Editeur / Editore
www.sgg-ssh.ch Redaktion / Rédaction / Redazione Prof. Dr. Janick Marina Schaufelbuehl, Quartier UNIL-Mouline, Bâtiment Géopolis, CH-1015 Lausanne, janickmarina.schaufelbuehl@szg-rsh.ch Vorstand der SGG / Comité de la SSH / Comitato della SSS Dr. Sacha Zala, Bern, Präsident; Prof. Dr. Janick Marina Schaufelbuehl, Lausanne, vice-présidente; Prof. Dr. Bernard Andenmatten, Lausanne; Prof. Dr. Lucas Burkart, Basel; Dr. Monika Gisler, Zürich Generalsekretariat / Secrétariat général / Segreteria generale Villettemattstrasse 9, 3007 Bern, generalsekretariat@sgg-ssh.ch Generalsekretärin / Secrétaire générale / Segretaria generale: lic. phil. Peppina Beeli Publiziert mit Unterstützung von / Publié avec le soution de / Publicato con il sostegno di Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissen schaften / Académie suisse des sciences humaines et sociales Forschungskommission der Universität Luzern
Abbildung Umschlag / Photo de couverture: Walter Erb, Fotomontage / photomontage, Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich © 2014 Schwabe Verlag Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz / Basel ISBN 978-3-7965-3354-9 www.schwabeverlag.ch
Inhaltsverzeichnis / Table des matières Felix Rauh und Angela Müller Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Christian Gerlach Bilder des Hungers. Überlegungen zu Fotografie und Literatur . . . . . . . . . 19 Lukas Zürcher «Das Brot des Lebens». Biblische Metaphorik und die Mediatisierung des Hungers in Afrika (1900–1970) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Maria Meier «Wo die Not am grössten …». Die Versorgungskrise in der Schweiz während des Ersten Weltkrieges im Spiegel zeitgenössischer Karikaturen . 53 Hines Mabika La famine dans les Nouvelles de l’hôpital Albert Schweitzer: une archéologie de la médiatisation des crises alimentaires en Afrique au XXe siècle? . . . . . 75 Valérie Gorin «Millions of children in deadly peril»: utilisation des photographies d’enfants affamés par le Save the Children Fund pendant l’entre-deux-guerres . . . . . . 95 Heike Wieters Hungerbekämpfung und Konsumgesellschaft. Das CARE-Paket im Kontext von Massenkonsum und New Charity-Konzepten der Nachkriegszeit . . . . . 113 Angela Müller «Indien braucht Brot». Werner Bischofs Fotografien aus Bihar (1951) zwischen Politik und Ikonisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Felix Rauh Tierkadaver im Wüstensand. Zur Visualisierung des Hungers in der Sahelzone 1973/74 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Summaries . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Die Autorinnen und Autoren / Les auteures et auteurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
Einleitung Felix Rauh und Angela Müller In den 1980er Jahren publizierte Walter Erb1 eine Reihe schwarzweisser Fotomontagen in Schweizer Gewerkschaftszeitungen wie Helvetische Typographia und Bau + Holz. Darin setzte er sich dezidiert kritisch mit dem Spannungsverhältnis von Armut auf der einen und Überfluss und Reichtum auf der anderen Seite auseinander. Die Fotomontage auf dem Titel des vorliegenden Bandes zeigt vor schwarzem Hintergrund aufgetürmte Nahrungsmittel – zwei Tomaten, eine Zwiebel, ein Knoblauch, Champignons, zwei Paar Würstchen und grosse rohe Fleischstücke, die den Bildraum dominieren. Die Darstellung der Esswaren erinnert an Schulkochbücher der Zeit. Im mittleren marmorierten Stück Fleisch steckt in einer metallenen Halterung eine Fotografie eines Kindes mit sorgenvoll zusammengezogenen Augenbrauen. Der Blick des Kindes ist direkt auf die Betrachtenden gerichtet. Im Bildausschnitt ist ein Teil seiner bis auf die Rippen abgemagerten Brust und der dünnen Schultern sichtbar. Das Bild konfrontiert westliche Essgewohnheiten mit Hunger. Weitergedacht, symbolisiert die Nadel im Bratenstück den Stachel der Armut in unserem Fleisch, in Gestalt des Hungerkind-Bildes, das uns daran erinnert, dass Hunger gegenwärtig ist und dass das Schweizer Publikum mit in der Verantwortung steht. Solche Nadeln halten normalerweise die Preisschilder in Metzgereiauslagen: den Preis für unseren Fleischkonsum bezahlen die Hungerkinder. Erb vermeidet eine eindimensionale Hungerdarstellung, indem er ein Bild menschlichen Hungers – die Aufnahme eines unterernährten Kindes – mit einem Bild menschlichen Konsums kombiniert. Um eine solche doppelte Optik und Kontextualisierung geht es auch im vorliegenden Band. Die Beiträge interessieren sich nicht allein für die Beschreibung verschiedener Wahrnehmungen des Hungers, vielmehr setzen sie sich mit der gesellschaftlichen und medialen Einbettung von Hunger-Repräsentationen kritisch auseinander. Erb beherrschte die Kunst der Montage, weil er nicht nur Themen zusammenbrachte, die erst auf den zweiten Blick zueinander passten, sondern weil er die einzelnen Elemente durch Form und Platzierung mit zusätzlicher Bedeutung auflud. Im Unterschied zu Fotografien 1
Walter Erbs Fotomontagen, über 200 an der Zahl, sind im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich erhalten. Sie wurden in Gewerkschaftszeitungen bis in die 1990er Jahre, aber auch in Büchern immer wieder publiziert, so z.B. in: Rudolf Strahm, Bildungsdossier Banken. Materialien zum Finanzplatz Schweiz und zur Bankeninitiative der SPS, Zürich 1978; Hans Helen, Die Freude gestört zu werden. Auf Geheiss der Behörde verfasster Semesterbericht, Zürich 1982; Gewerkschaft Bau und Holz, Arbeitsprogramm 1984/87, Zürich 1983. Titelseiten: Gewerkschaftliche Rundschau: Vierteljahresschrift des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes 84/1 (1992); 85/1 (1993).
6
Felix Rauh und Angela Müller
zeichnen sich Fotomontagen durch ihre offensichtliche mediale Inszenierung aus. Sie haben eine ähnliche Funktion wie Karikaturen: es geht nicht um Authenti fizierung, sondern um Zuspitzung, um Haltung, um Stellungnahme.2 Erbs Mon tagen wurden in den Gewerkschaftspublikationen zum Teil mehrfach publiziert.3 Ihrer expressiven, problemfokussierten Bildsprache wegen konnten sie immer dann eingesetzt werden, wenn die Redaktion Bildmaterial für ein bestimmtes gesellschafts- oder weltpolitisches Thema benötigte. Eine dem Titelbild dieses Bandes ähnelnde Arbeit Walter Erbs erschien 1984 in der Helvetischen Typographia anlässlich des Welternährungstags gemeinsam mit einem Artikel von Rudolf H. Strahm, dem damaligen Zentralsekretär der Sozialdemokratischen Partei Schweiz (Abb. 1).4 Die Fotomontage zeigt zwei auf einem in den Himmel schiessenden Sandwichberg sitzende, bis auf die Rippen abgemagerte Kinder. Darunter prangt die Bildunterschrift «Wohlstands kapitalismus». Im Artikel «Hunger ist kein Schicksal – Hunger wird gemacht» kritisiert Strahm die Ungerechtigkeit globaler Ungleichverteilung von Nahrungsmitteln. Hunger sei kein Problem des Mangels, sondern eines der Verteilung. Letztlich würden Europa und die USA den Export von Milchpulver und Weizen in die Empfängerländer dazu nutzen, eigene Überschüsse abzustossen. Mit dem Bild als ʻEyecatcher’ erhielt der Text zum einen mehr Aufmerksamkeit. Zum anderen wurde die Fotomontage durch Strahms Ungerechtigkeits-Argumentation emotional aufgeladen, und das Bild bekam mit dem Text eine kritische Interpretationshilfe. Geschichte des Hungers Was ist Hunger überhaupt? Sara Millman und Robert W. Kates bezeichnen Hunger als «inadequacy in individual dietary intake relative to the kind and quantity of food required for growth, for activity, and for the maintenance of good health».5 2
Zur Geschichte der politischen Fotomontage am Beispiel des ʻÜbervaters’ John Heartfield vgl. Andrés Mario Zervigón, Fotomontage – Avantgarde in Politik und Medien?, in: Rundbrief Fotografie 16/3 (2009), S. 27–30. 3 So erschien beispielsweise eine Fotomontage Erbs mehrfach, die ein Kleinkind mit einem kleinen Panzer in der Hand im Schussfeld eines anfahrenden Panzerfahrzeugs zeigt. Im Hintergrund ist die mit einem Maschinengewehr bewaffnete Freiheitsstatue zu sehen. Das Bild erschien 1981 mit der Bildunterschrift «Waffen statt Brot» in: Helvetische Typographia. Organ für die Interessen der Gewerkschaft Druck und Papier, 25. November 1981, Nr. 48, S. 3. Drei Jahre später publizierte die Zeitschrift sie erneut, vgl. Der Hunger – ein Produkt!, in: Helvetische Typographia, 24. Oktober 1984, Nr. 43, S. 3. 4 Rudolf H. Strahm, Hunger ist kein Schicksal – Hunger wird gemacht, in: Helvetische Typographia, 21. November 1984, Nr. 47, S. 2. Strahm hatte bereits 1982 in der Zeitung Bau + Holz einen Artikel zur Entwicklungshilfe platziert, die von der gleichen Illustration Erbs begleitet war. Rudolf H. Strahm, Wem nützt Entwicklungshilfe?, in: Bau + Holz, 8. April 1982, S. 2. 5 Sara Millman, Robert W. Kates, Toward Understanding Hunger, in: Lucile F. Newman (Hg.), Hunger in History. Food Shortage, Poverty, and Deprivation, Oxford 1995, S. 3–24, hier S. 3.
Einleitung
Abbildung 1: Helvetische Typographia, 21. November 1984, Nr. 47, S. 2.
7
8
Felix Rauh und Angela Müller
Diese offene Definition verweist auf ein weites Forschungsfeld, auf dem sich Forschende aus verschiedensten Disziplinen bewegen. Für die Geschichtswissenschaft ergeben sich mehrere Zugänge. Als beispielhaft für eine sozialhistorische Fragestellung muss James Vernon genannt werden. Er hat untersucht, wie sich die gesellschaftliche Deutung von Hunger in Grossbritannien zwischen dem 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts wandelte.6 Zunächst als göttliche Vorsehung verstanden, wurde der Hunger mehr und mehr zu einer internationalen Angelegenheit, zu deren Lösung sich die Weltgemeinschaft verpflichtet sah. Weitere global vergleichende Arbeiten zur Geschichte des Hungers befassen sich nicht mit der konstanten Mangelernährung, sondern konzentrieren sich auf Hungerkatastrophen mit vielen Todesopfern und langem Nachhall.7 Allerdings sind Opferzahlen von historischen Hungerereignissen schwierig zu eruieren. Die in Untersuchungen zusammengetragenen Schätzungen zu Hungertoten weisen zum Teil grosse Diskrepanzen auf. Dies liegt einerseits daran, dass oft die statistischen Grundlagen fehlen, und andererseits an der nur schwer zu beantwortenden Frage, wie viele Menschen direkt an der Folge des Hungers gestorben sind. Einen Ausweg kann die Messung der Excess Mortality bieten, die Sterberaten in Nicht- Krisenjahren mit solchen in Hungerjahren vergleicht.8 Einige Zahlen konnten nach diesem Ansatz markant nach unten, andere nach oben korrigiert werden. Stephen Devereux9 fasste die Excess Mortality von über dreissig Hungerkatastrophen des 20. Jahrhunderts zusammen und kam auf die unglaubliche Zahl von siebzig Millio nen Hungertoten. Neben dem Ausmass von Hungerkatastrophen und der Zahl menschlicher Opfer interessiert sich die Forschung auch für die geografische Lokalisierung von Hunger. Die bemessen an den Opferzahlen grössten Hungerereignisse des 20. Jahrhunderts geschahen in der Sowjetunion und in China.10 Im Laufe des Jahrhunderts verschoben sich die grossen Hungergebiete indessen ins subsaharische Afrika.11 6 Vgl. James Vernon, Hunger. A Modern History, Cambridge 2007. 7 Vgl. Brian Murton, Famine, Part 2, in: Kenneth F. Kiple (Hg.), The Cambridge World History of Food, Cambridge 2000, S. 1411–1427, hier S. 1414. Weitere Übersichten bieten: Cormac Ó Gráda, Famine: A short History, Princeton, NJ 2009; und die Beiträge im Sammelband: Lucile F. Newman, Hunger in History. Food Shortage, Poverty, and Deprivation, Cambridge, Mass. 1990. Speziell für das 20. Jahrhundert vgl. Stephen Devereux, Famine in the Twentieth Century, Brighton 2000 (IDS Working Paper 105). 8 Vgl. Murton, Famine, S. 1414. Listen geschätzter Opferzahlen verschiedener Hungerkatastrophen finden sich auch in Ó Gráda, Famine, S. 23f. Vgl. ferner Josef Nussbaumer, Hungernde, Unwetter und Kannibalen. Gewalt. Macht. Hunger – Teil II: Chroniken, Innsbruck, Wien, München, Bozen 2004. 9 Vgl. Devereux, Famine, S. 7. 10 Vgl. Matthias Middell, Felix Wemheuer (Hg.), Hunger, Ernährung und Rationierungssysteme unter dem Staatssozialismus (1917–2006), Frankfurt a.M. 2011. 11 Vgl. Devereux, Famine, S. 8.
Einleitung
9
Wie Hunger selbst sind auch seine Ursachen vielfältig, was in Forscherkreisen zu kontroversen, sich teilweise gar widersprechenden Analysen führte. Brian M urton unterscheidet zwei Typen des Zugangs zur Problematik.12 Die lange Zeit dominierende Richtung sieht Hunger als unglückliche Verkettung von permanentem Mangel in der Subsistenz, von Bevölkerungswachstum und Ereignissen wie Dürren. Die andere – eng mit dem Namen des indischen Ökonomen Amartya Sen ver bunden – beschreibt Hunger als Verteilungsproblem. Sen hatte mit seiner Unter suchung der bengalischen Hungersnot von 1943 den wirkungsmächtigen Begriff Entitlement geprägt.13 Er bezeichnete damit das unterschiedliche Anrecht auf Güter, Dienstleistungen oder Rechte innerhalb einer Gesellschaft, das den Zugriff auf Nahrung und damit das Hungerrisiko bestimmt. Mit der Erweiterung des Blicks auf politische, wirtschaftliche und gesellschaft liche Zusammenhänge kamen auch (neo-)koloniale Machtasymmetrien als Ursachen für Hunger in die Diskussion. Der amerikanische Historiker und Soziologe Mike Davis untersuchte die Dürre- und Hungerkatastrophen zwischen 1876 und 1902, die von kolonialer Seite gemäss Davis gezielt zur Machterweiterung genutzt wurden und die durch die Einführung neuer Bewirtschaftungs- und Wirtschafts systeme lokale Subsistenzökonomien zerstörten. Aus Davis’ globalisierungskritischer Sicht ist Hunger gar konstitutiv für die «Geburt der Dritten Welt» als ein Resultat globaler Ungleichheiten, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden sind.14 Schliesslich lässt sich der globalisierungskritische und antikapitalistische Diskurs bis zu Jean Ziegler, Mitglied des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats, nachzeichnen. Wiederholt äusserte er seine Empörung über das Fortbestehen des Hungers in der Welt, so 2012 in einem Interview: «Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.»15 Im vorliegenden Band stehen nicht Ursachen und Auswirkungen von Hungersnöten im Zentrum, sondern die Wahrnehmung und Beschreibung derselben. Wie Heike Wieters treffend bemerkt hat, können sich Narrative des Hungers als ä usserst dauerhaft erweisen: «Zeiten existenzieller Not – die Angst vor Hunger ebenso wie die Erinnerung daran – prägen das kollektive Bewusstsein und schaffen ganz eigene historische Narrative, die bis in die Gegenwart hineinwirken.»16 12 Vgl. Murton, Famine, S. 1414. 13 Amartya Kumar Sen, Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation, Oxford 1981. Sen erhielt 1998 den Nobelpreis für Ökonomie. 14 Mike Davis, Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter, Berlin 2004. 15 TagesWoche, 6. Januar 2012, S. 28–31, hier S. 29. 16 Vgl. Heike Wieters, Die Debatten über das ʻWelternährungsproblem’ in der Bundesrepublik Deutschland, 1950–1975, in: Dominik Collet, Thore Lassen, Ansgar Schanbacher (Hg.), Handeln in Hungerkrisen. Neue Perspektiven auf soziale und klimatische Vulnerabilität, Göttingen 2012, S. 215–238, hier S. 215.
10
Felix Rauh und Angela Müller
Hunger als Medienereignis «ʻKeine Hungersnot in Afrika’ hat keinen besonderen Nachrichtenwert» betitelte Dirke Köpp ihre Untersuchung über das Afrikabild in populären Zeitschriften.17 Sie analysiert darin den Zusammenhang zwischen dem Medieninteresse an Kata strophen und den Imaginationen des ʻSüdens’. Jedoch entscheiden nicht nur die Medien über Aufmerksamkeiten, eine bedeutende Rolle spielen auch politische Entscheidungsträger oder Kriegsparteien, die ein Eigeninteresse haben, ein Kata strophenereignis bekannt zu machen und propagandistisch zu nutzen oder dieses im Gegenteil bewusst von medialer Aufmerksamkeit fernzuhalten.18 Neben den Medien und politischen Akteuren nimmt die neuere Forschung zur Mediatisierung von Hunger auch humanitäre Organisationen und ihre medialen Verflechtungen in den Blick. Konrad Kuhn setzt sich in seiner Untersuchung über die entwicklungspolitische Solidarität auch mit der Wahrnehmung der Hunger thematik in der Schweiz auseinander und beleuchtet die von Hilfswerken und weiteren Akteuren verwendeten Bilder und die um sie rankenden öffentlichen Debatten zwischen 1970 und 1992.19 Für die Bereitstellung von Hilfe bei Hungersnöten spielt die Katastrophen berichterstattung eine eminent wichtige Rolle. Häufig kommt es dabei zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Hilfsorganisationen und Medien: Erstere schleusen Journalisten und Journalistinnen in ein Krisengebiet, und Letztere vergessen bei ihren Berichten nicht, den Namen der jeweiligen Organisation zu erwähnen.20 Jonathan Benthall spricht vom Schliessen eines Feedback Loop: die Mit arbeitenden internationaler Organisationen versorgen die Medien mit Informa tionen, die via Presse und Fernsehen ein Publikum finden, dessen Spenden das Weiterleben der Hilfsaktion (und der Helfenden) ermöglichen.21 Als Meisterin im Umgang mit den Medien wird die Organisation Médecins sans frontières beschrieben.22 Rony Brauman, einer ihrer früheren Präsidenten, hat in einem Buch vier Grundbedingungen verraten, die für die erfolgreiche Mediatisierung einer Kata 17 Dirke Köpp, «Keine Hungersnot in Afrika» hat keinen besonderen Nachrichtenwert. Afrika in populären deutschen Zeitschriften, Frankfurt a.M. u.a. 2005. 18 Beispielsweise in der Ukraine zu Beginn der 1920er Jahre, als Maxim Gorki für die Sowjetunion propagandistisch tätig war, vgl. Valérie Gorin, La photographie de presse au service de l’humanitaire. Rhétorique compassionnelle et iconographie de la pitié, in: Gianni Haver (Hg.) Photo de presse. Usages et pratiques, Lausanne 2009, S. 141–152, hier S. 144. 19 Konrad J. Kuhn, Entwicklungspolitische Solidarität. Die Dritte-Welt-Bewegung der Schweiz zwischen Kritik und Politik (1975–1992), Zürich 2011, hier insbesondere S. 191–281. Zu den Hungerkampagnen der 1960er Jahre in der Schweiz vgl. Caroline Bühler, Die Mobilisierung der Öffentlichkeit. Die nationalen Kampagnen der Schweizerischen Auslandhilfe (SAH) 1956–1964, in: Peter Hug, Beatrix Mesmer (Hg.), Von der Entwicklungshilfe zur Entwicklungspolitik, Bern 1993, S. 510–524. 20 Vgl. Jonathan Benthall, Disasters, Relief and the Media, London 1995, S. 210. 21 Ebd., S. 288. 22 Ebd., S. 202.
Einleitung
11
strophe gegeben sein müssen: der permanente Bilderfluss («robinet d’images»), keine Konkurrenz durch andere Katastrophen, eine Mediationsperson in Gestalt eines Helfers oder einer Helferin, welche Aussicht auf Linderung verspricht, und die Unschuld der Opfer.23 In der bisherigen Forschung stand der Gebrauch von Bildern zu Ereignissen, deren mediale Präsenz neue Massstäbe in der Darstellung von Hungeropfern gesetzt haben, besonders im Fokus: der Biafra-Krieg Ende der 1960er Jahre,24 der Live Aid-Medienhype von 1985 für Hungernde in Äthiopien25 und die Hungerkrise in Malawi 2002.26 Hier offenbaren sich auch die unmittelbaren Konsequenzen, die der Medienwandel und die veränderten medienökonomischen Voraussetzungen für die Häufigkeit, die Übertragungsgeschwindigkeit und die Darstellungsart hatten. Der Aufstieg des Fernsehens wirkte sich auf den Fotojournalismus und den Umgang mit Hungerbildern aus. Die schnellere Konkurrenz überliess der Presse noch die Möglichkeit des Erstberichts und des Schocks des stehenden Bildes.27 Die visuelle Konzentration auf wenige zentrale Hungerereignisse zeigt sich auch in global angelegten Fotobüchern, die zentrale Bildmomente des 20. Jahrhunderts meist aus einer westlichen Sicht präsentieren.28 Andere Krisen, die weniger nachhaltigen Einfluss auf die Wahrnehmung einer Region oder eines Ereignisses hatten, sind bisher von der Forschung vernachlässigt worden.29 Der vorliegende Band möchte zumindest einige dieser Lücken schliessen. Doch welche ikonografischen Muster und Traditionen stecken hinter Hungerbildern, und wie wirken diese? David Campbell spricht von der ʻIconography of 23 Rony Brauman, René Backmann, Les médias et l’humanitaire. Ethique de l’information ou charitéspectacle, Paris 1996, S. 48–50. 24 Gorin bezeichnet Biafra als «moment charnière» für die «représentation humanitaire». Vgl. Gorin, Photo de presse, S. 147. Sie hat sich auch in ihrer Dissertation intensiv mit Biafra-Berichten und den Folgen auseinandergesetzt, vgl. Valérie Gorin, La mémoire symbolique de la souffrance: représenter l’humanitaire dans la presse magazine américaine et française (1967–1994), Genf 2013. 25 Vgl. David James Clark, Representing the MAJORITY WORLD famine, photojournalism and the Changing Visual Economy, Durham 2009; vgl. auch Peter Gill, Famine and Foreigners. Ethiopia since Live Aid, Oxford 2010. 26 David Campbell, The Iconography of Famine, in: Geoffrey Batchen, Mick Gidley, Nancy K. Miller, Jay Prosser (Hg.), Picturing Atrocity. Photography in Crisis, London 2012, S. 79–91. 27 Gorin führt den Leitspruch von Paris Match an: «Le poids des mots, le choc des photos». Vgl. Gorin, Photo de presse, S. 147. Benthall weist auf die Veränderungen hin, die sich mit der Einrichtung von Newsrooms ergeben haben. Vgl. Benthall, Disasters, S. 206. 28 Vgl. u.a. Bruce Bernard (Hg.), Century. A History in Photographs, London 1999; Dieter Bachmann, Daniel Schwartz. Der geduldige Planet. Eine Weltgeschichte. 255 Fotografien aus der Zeitschrift «du», Zürich 1996; Hendrik Neubauer (Hg.), 60 Years of Photojournalism, Köln 1997. In Gerhard Pauls umfangreichem Jahrhundert der Bilder spielen Hungerbilder erstaunlicherweise kaum eine Rolle, vgl. Gerhard Paul (Hg.), Das Jahrhundert der Bilder, Göttingen 2008/09, 2 Bde. 29 Gorin weist darauf hin, dass der visuelle Code der Biafra-Bilder auf frühere Hungerkrisen verweist, die hauptsächlich von Amateuren fotografiert worden seien und die sich in den Archiven des IKRK, von Save the Children und der American Relief Administration finden würden. Gorin, Mémoire symbolique, S. 174f.
12
Felix Rauh und Angela Müller
Famine’, Valérie Gorin von der ʻiconographie de la pitié’. Beide meinen damit eine Bildpraxis, die über das simple Sujet hinausweist. Bilder werden zu Symbolen für Hunger oder Mitleid oder gar Leid an sich. Sie strukturieren die Wahrnehmung der Realität.30 In diesem Zusammenhang sind auch Verbindungen zwischen zentralen Ikonen menschlichen Leids untersucht worden. Lasse Heerten etwa analysiert ikonografische und erinnerungskulturelle Bezüge zwischen Hungerfotografien aus Biafra und Bildern des Holocausts.31 Obwohl in der Forschung der Blick auf die Hungeropfer im Vordergrund steht, kommen in der Berichterstattung auch Bilder von Hilfspersonal, Hilfsgütern und technischer Infrastruktur vor. Sie fungieren meist als Repräsentationen einer westlichen Hilfsindustrie, deren Habitus nicht selten neokoloniale Züge trägt.32 Bevorzugtes Analyseobjekt zur Hungerikonografie sind stereotype Repräsen tationen von Kindern und Müttern als Hungeropfer.33 Ihre Inszenierung als unschuldige und hilfsbedürftige Opfer, die ihrem eigenen Lebenskontext entrissen sind, macht sie zu universalen Ikonen des Leidens.34 Was aber macht gerade diese Bilder so erfolgreich? Campbell zitiert sozialpsychologische Studien, die zeigen, dass individuelles Leid wesentlich heftigere Reaktionen hervorruft als Berichte über das Leidens- oder Sterberisiko einer Gruppe. Eine andere Lesart interpretiert die Permanenz von Opferbildern als Fortschreiben von Machtasymmetrien.35 Ethische Bedenken über die Art der Hungerdarstellung haben Ende 1980er Jahren bei grossen humanitären Organisationen zu einem Umdenken geführt. Oxfam führte einen Code of Conduct ein, der auf die schädliche Wirkung von Hungerbildern hinweist.36 Auch die Bildproduzenten selbst sehen sich mit ethischen Implikationen ihres Schaffens konfrontiert. Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado nimmt für sich in Anspruch, neue Wege der Hungerdarstellung gefunden zu haben, indem er die Würde von Menschen in Not respektiere. Seine Aufnahmen
30 Vgl. Gorin, Photographie de presse, S. 141f. 31 Vgl. Lasse Heerten, A wie Auschwitz, B wie Biafra. Der Bürgerkrieg in Nigeria (1967–1970) und die Universalisierung des Holocaust, in: Zeithistorische Forschungen, Online-Ausgabe, 8/3 (2011), http:// www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Heerten-3-2011 (24.6.2014). 32 Vgl. Benthall, Disasters, S. 188f. 33 Vgl. Gorin, Mémoire symbolique. Die in der Dissertation zusammengefassten Aufsätze behandeln die Darstellungen von Kindern privilegiert. Neben Gorin befasste sich auch David Campbell mit der Rolle der Kinder, vgl. Campbell, Iconography. 34 Vgl. Campbell, Iconography, S. 84. 35 Vgl. Clark, Majority World, der sich mit der Fortschreibung der äthiopischen Hungerberichte nach 1985 beschäftigt. 36 Hungerbilder würden generalisieren, vereinfachen und entstellen. Der gesamte Wortlaut ist abgedruckt in: Benthall, Disasters, S. 181.
Einleitung
13
s tossen aber auch auf Kritik; Salgado wird vorgeworfen, er betreibe eine Ästhetisierung des Leides, die auf Kosten der Porträtierten gehe.37 Die Frage nach der Wirkung von Opferbildern erweist sich nicht erst hier als zentral. Jay Prosser spricht davon, dass Darstellungen von Grausamkeiten im Betrachter und in der Betrachterin eine körperliche Reaktion hervorriefen und sich im Gedächtnis festsetzen könnten. Die Erinnerung an das Ereignis erfolge dann über seine Repräsentation.38 Damit argumentiert er ähnlich wie Horst Bredekamp, der vom Bildakt spricht, von Bildern, die selber als Akteure in Erscheinung treten und Reaktionen hervorrufen.39 Dass Hungerbilder die Kraft haben können, politische Entscheidungen zu beeinflussen, zeigen der Sturz des äthiopischen Kaisers Haile Selassie 197440 oder die US-Intervention in Somalia 1992.41 Uneinigkeit besteht in der Frage, ob Katastrophenbilder auch zu einer Übersättigung führen können, wie Susan D. Moeller behauptete und dafür den viel zitierten Begriff ʻCompassion Fatigue’ prägte.42 Einige Forscherinnen und Forscher, die sich kritisch mit Hungerrepräsentationen auseinandersetzen, schlagen alternative Vorgehensweisen vor. Campbell weist darauf hin, dass die Forderung nach positiven Gegenbildern zu Katastrophen berichten koloniale Stereotypen ebenfalls weiter zementieren können, wenn sie zufriedene Gesichter mit empfangener Hilfe gleichsetzen.43 Er plädiert für eine visuelle Strategie, die das Ziel verfolgt, dominante Stereotypen zu durchbrechen. Die 37 Zur Kontroverse um Salgado vgl. David Campbell, Salgado and the Sahel. Documentary Photography and the Imaging of Famine, in: François Debrix, Cindy Weber (Hg.), Rituals of Mediation. International Politics and Social Meaning, Minneapolis 2003, S. 69–96. Campbell bricht eine Lanze für Salgado, indem er ihm zugesteht, dass er den normalerweise anonymen Hungeropfern die Würde im Leiden zurückgibt. 38 Jay Prosser, Introduction, in: Geoffrey Batchen, Mick Gidley, Nancy K. Miller, Jay Prosser (Hg.), Picturing Atrocity. Photography in Crisis, London 2012, S. 7–14, hier S. 10. 39 Vgl. Horst Bredekamp, Theorie des Bildakts, Frankfurt a.M. 2010; ders., Bildakte als Zeugnis und Urteil, in: Monika Flacke (Hg.), Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, Bd. 1, Mainz 2004, S. 29–66; ders., Bild – Akt – Geschichte, in: Clemens Wischermann u.a. (Hg.), GeschichtsBilder, Konstanz 2007, S. 289–309. 40 Der Dokumentarfilm The Unknown Famine von Jonathan Dimbleby lief im Oktober 1973 auf BBC. Er zeigte Bilder von sterbenden, alleine gelassenen Menschen. Der Film wurde von den Gegnern Haile Selassies gezielt als Propagandamittel eingesetzt, um den Sturz des Kaisers vorzubereiten. Vgl. Peter Gill, Famine and Foreigners. Ethiopia since Live Aid, Oxford 2010. Siehe ausserdem: Human Rights Watch: Indivisible Human Rights. The Relationship of Political and Civil Rights to Survival, Subsistence and Poverty, September 1992, S. 15f.; und: Alexander de Waal, Famine Crises. Politics and the Disaster Relief Industry in Africa, Oxford 1997, S. 107. 41 Gorin, Photo de presse, S. 148. 42 Vgl. Susan D. Moeller, Compassion Fatigue. How the Media sell Disease, Famine, War, and Death, New York 1999. David Campbell widerspricht Moeller. Es gebe keine Evidenz, dass die Bildwirkung nachlassen würde. Vgl. David Campbell, The Myth of Compassion Fatigue, http://www.david-campbell.org/wp-content/documents/DC_Myth_of_Compassion_Fatigue_Feb_2012.pdf, S. 5 (15.4.2014). 43 Die im Nachgang zu Live Aid durchgeführte Untersuchung Live Aid Legacy habe ergeben, dass achtzig Prozent der Briten Entwicklungsländer mit Hunger, Katastrophen und westlicher Hilfe assoziierten. Vgl. Campell, Iconography, S. 89.
14
Felix Rauh und Angela Müller
Kontexte der Krisen müssten aufgezeigt werden, um von einer kolonialen zu einer postkolonialen Perspektive zu gelangen. Konkreter sind die Vorschläge von ValérieGorin. Sie fordert eine lokale Vision, die Widerstandskraft über Gewalt und Abhängigkeit stellt und lokalen Journalisten und Fotografen die Möglichkeit gibt, in Kenntnis der komplexen sozialen Verhältnisse vor Ort vertiefte Berichte zu verfassen. Der vorliegende Band nimmt einige der geschilderten Fragestellungen auf. Und er weitet das Spektrum aus auf andere, bisher wenig auf ihre Mediatisierung hin untersuchte Ereignisse. Die fotografische Darstellung der Opfer steht bei einigen Aufsätzen im Zentrum, andere Beiträge aber zeigen, dass Hunger auf viel fältige Weise repräsentiert und problematisiert werden kann. Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes war ein Workshop zu «Mediatisierungen von Hunger im 20. Jahrhundert» im August 2013 an der Universität Luzern.44 Forschende, die sich in ihrer aktuellen Arbeit mit der Wahrnehmung von Hunger und deren gesellschaftlichen und politischen Folgen aus verschiedenen Blickwinkeln befassen, kamen zum interdisziplinären Austausch zusammen. Eine Erkenntnis des Workshops war, dass im kollektiven Gedächtnis westlicher Bevölkerungen fest verankerte stereotype Darstellungen Hungernder, wie etwa jene des Kindes mit auf geblähtem Bauch, zentral und wirksam sind, dass es im 20. Jahrhundert aber auch andere Formen bisher kaum erforschter Hungerdarstellungen gab. Sie finden sich beispielsweise in der Werbung für das populäre CARE-Paket, das der hunger leidenden Bevölkerung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg Linderung verschaffen sollte, oder in Hilfswerkspublikationen, deren Illustrationen eine biblische Metaphorik des Hungers nach dem Wort Gottes in einen Hunger nach Nahrung durch Missionsgesellschaften umdeuteten. Die Beiträge Der Band geht von einem breiten Medienbegriff aus und beleuchtet eine Vielfalt kultureller Repräsentationen von Hunger. Literarische und dokumentarische Texte, Karikaturen, Fotografien oder Filme dienen als Ausgangslage zur Analyse der Funktionsweisen von Repräsentationen. Aus einer kulturhistorischen Perspektive interessieren sich die Aufsätze für die Entstehungs-, Gebrauchs- und Wirkungskontexte von Bedeutungen und Metaphern in Texten und Bildern von Hunger. 44 Dass es sich bei kulturhistorischen Untersuchungen von Hunger um ein wichtiges Forschungsfeld handelt, zeigt sich auch in kürzlich durchgeführten und geplanten Tagungen, z.B. Face à la famine: mobilisations, opérations et pratiques humanitaires. Perspectives historiques, Département d’histoire générale Université de Geneve, Internationales Kolloquium Frühling 2013; Amsterdam Symposium on the History of Food, University of Amsterdam (16./17. Januar 2015).
Einleitung
15
Dabei bewegen sie sich in den Feldern wissenschaftlicher, medialer, medizinischer, literarischer und religiöser Deutungen von Hunger. Der Band fragt auch nach der Wirkungsmächtigkeit und den performativen Qualitäten von Hunger bildern und -vorstellungen. Die acht Beiträge spannen einen Bogen vom 18. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre und verbinden die Ebenen von Schlüsselereignissen, Akteuren und Bildgestaltung. Die meisten Texte beschäftigen sich mit Blicken Nicht-Hungernder auf Hungernde. Sie analysieren dieses asymmetrische Verhältnis und reflektieren, wie mit den teilweise grausamen und entwürdigenden Hungerbildern wissenschaftlich umgegangen werden kann. In seinem Beitrag «Bilder des Hungers» liefert Christian Gerlach einen Überblick über Kontinuitäten und Veränderungen prägender fotografischer Darstellungen von Hungernden vom 19. bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa, Südasien und Afrika. Kritisch beleuchtet er dabei das ungleiche Verhältnis zwischen Fotografierten und Fotografierenden und die Auswirkungen dieser Asymmetrie auf die Repräsentation Hungernder in kolonialen und christlich- karitativen Bildtraditionen. In der Folge diskutiert er, inwiefern in Fotografien Hungernder die Würde der Betroffenen geachtet oder verletzt wird, und untersucht die Herausbildung ikonischer Hunger-Stereotypen und deren Verwendung in Spendenkampagnen verschiedener Hilfswerke, in denen sie vor allem zur Evokation von Mitleid eingesetzt werden. Indem er fotografische und filmische Hungerrepräsentationen mit literarischen Auseinandersetzungen mit Hunger vergleicht, offenbart er Unzulänglichkeiten des Bildes im engeren Sinn, das der ganzen Komplexität von Hunger nicht gerecht werden könne. Lukas Zürcher schliesst an den Beitrag Christian Gerlachs an, indem er die biblische Metaphorik und Mediatisierung von Hunger in Afrika zwischen 1900 und 1970 untersucht. Er zeichnet nach, wie sich die Deutung von Hilfsbedürftigkeit der Afrikanerinnen und Afrikaner aus Sicht der katholischen Mission von einem Hunger nach dem Wort Gottes in den 1960er Jahren hin zu einem Bedürfnis nach physischer Nahrung wandelte. In der Bibel wird bereits eine enge Verbindung von Hunger und Gottesferne hergestellt, und diese war aus europäischer Sicht bei Afrikanerinnen und Afrikanern besonders gross. Anhand des Schriftguts der Missionsgesellschaft der Missionare Afrikas (der Weissen Väter) zeigt Zürcher auf, wie die christliche Metaphorik die Umdeutung der europäischen Vorstellung von Afrika als einem Ort religiöser Bedürftigkeit hin zu einem Kontinent des Hungers erleichterte. In ihrem Beitrag «Wo die Not am grössten …» analysiert Maria Meier die Versorgungskrise in der Schweiz während des Ersten Weltkriegs im Spiegel zeitgenössischer Karikaturen. Auf der Grundlage dreier Satirezeitschriften der deutschen und französischen Schweiz geht sie zentralen Motiven zum Thema Ernährung und
16
Felix Rauh und Angela Müller
Nahrungsmittelversorgung nach. Wie wurde in einem Land, das vom eigentlichen Kriegsgeschehen verschont blieb, Mangel imaginiert? Maria Meier zeichnet die Konjunkturen und Veränderungen in der Wahrnehmung und Darstellung von Hunger in der Schweiz während des Ersten Weltkriegs nach. In den spielerisch- humorvoll, aber auch bissig gestalteten Karikaturen spiegeln sich sowohl die Beeinträchtigungen des alltäglichen Lebens als auch grössere gesellschaftliche und politische Konfliktfelder. Hines Mabika untersucht am Beispiel des vom Elsässer Theologen und Arzt Albert Schweitzer gegründeten Spitals in Lambarene, wie die Hungersnot im nördlichen und zentralen Gabun 1924 wahrgenommen und für ein europäisches Publikum aufgearbeitet und dargestellt wurde. Zu einem Zeitpunkt, als die Hungersnöte auf dem afrikanischen Kontinent in Europa noch kaum mediale Aufmerksamkeit erhielten. Die hauseigene Zeitschrift des Spitals berichtete mehrfach über die Hungersnot und zielte auf Spendengelder aus Europa für die philanthropische Institution ab. Mabika stellt die These auf, dass der Umgang mit dieser Hungersnot als präfigurativ für den späteren medialen Umgang mit Hungersnöten in Afrika im Zuge der Dekolonisation betrachtet werden kann, auch wenn noch weitgehend auf Fotografien und Statistiken verzichtet wurde, die später für die Repräsentation des Hungers zentral wurden. Es folgen zwei Beiträge, die Spendenaktionen zweier Hilfswerke des englischsprachigen Raums genauer betrachten. Valérie Gorin untersucht die visuellen Narrative des Leids, mit denen der Save the Children Fund seit 1919 in Zentraleuropa agierte. Sie zeichnet die Entwicklung und Etablierung einer spezifischen Ästhetik des Leids und des Kindes in Gefahr nach, die ihre Ursprünge in wissenschaft lichen, medizinischen, sozialdokumentarischen und kolonialen Darstellungsweisen des 18. und 19. Jahrhunderts haben. Anhand einer Zeitschrift von Save the Children zeigt Gorin, wie diese Ästhetik menschlichen Leids durch die Modernisierung der Kommunikationsmittel in den 1920er Jahren innerhalb humanitärer Organisationen an Einfluss gewann. Schliesslich problematisiert sie die ethischen Implika tionen extremer Formen von Hungerdarstellungen in der Fotografie und weist ihnen Nähe zu Obszönität und Pornografie nach, womit sie die Überlegungen Christian Gerlachs weiterführt. Heike Wieters richtet in ihrem Artikel «Hungerbekämpfung und Konsum gesellschaft» den Blick auf die Gründung, Etablierung und Weiterentwicklung der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation CARE (Cooperative for American Remittances to Europe). Anhand des CARE-Pakets, das zugleich materiell ein Behältnis für Naturalienspenden und symbolisch ein äusserst erfolgreicher und sichtbarer Werbeträger war, thematisiert sie eine spezialisierte Form der Spendentätigkeit. Das CARE-Paket war zunächst eine personalisierte Hilfeleistung von
Einleitung
17
US-Bürgerinnen und -bürgern an bestimmte Empfängerinnen und Empfänger im kriegsversehrten Europa. Somit stand es im Zeichen der Festigung zwischenstaat licher Beziehungen, repräsentierte aber zugleich die US-amerikanische Konsumkultur und ging mit einer alternativen Darstellungsweise des Hungers in Europa einher: Die Bilder, mit denen CARE das Paket bewirbt, setzen nicht auf Elend, sondern auf attraktive Konsumprodukte. Als sich die Ernährungskrise in Europa Ende der 1940er Jahre legte, mussten die Macher die Konzeption des CARE- Pakets überdenken, und das Paket entwickelte sich zu einer entpersonalisierten Spende an Gebiete des ‘globalen Südens’. Im Zentrum von Angela Müllers Aufsatz steht ein Fotobericht des Schweizer Magnum-Fotografen Werner Bischof über Hunger im indischen Bihar 1951. Obwohl es sich nicht um eine der legendären indischen Hungerkrisen handelte, erlangten einige von Bischofs Bildern ikonischen Status. Müller analysiert deren Eigenleben, nachdem sie von Bischof in die USA geschickt worden waren. In der Zeitschrift Life, in der sie zuerst veröffentlicht wurden, standen sie in krassem Gegensatz zur visuellen Kultur der US-amerikanischen Überflussgesellschaft der 1950er Jahre. Durch den Kontext, in den sie Life rückte, erhielten die Bilder aber auch eine politische Dimension, ging es in der Zeitschrift doch um eine Anfrage aus Indien, ob die USA Getreide liefern könnten. Das ambivalente Verhältnis der USA zu Indien im Kalten Krieg führte zu einer Auseinandersetzung zwischen Regierung und Kongress über die Zulässigkeit der Hilfslieferung. Noch in den 1970er Jahren wurde eine Fotografie aus der Bihar-Serie, die eine eher fordernde, denn bittende hungernde Frau zeigt, von europäischen Hilfsorganisationen verwendet. Felix Rauh verfolgt in seinem Beitrag den Wandel europäischer Repräsentationen der Sahara; von einem Sehnsuchtsort, der für westliche Zivilisationskritiker Freiheit und Wüstenromantik symbolisierte, wurde sie während der Hungerkata strophe der 1970er Jahre in der Sahelzone zu einem Ort der Dürre und des Hungers. Drei Motive waren dabei wesentlich: die Darstellung der Hungeropfer, die Visualisierung von Hilfsmassnahmen gegen die Notlage und als häufigstes die Repräsentationen der Dürre an sich. Die Verwendung des Bildmotivs ʻTierkadaver in der Wüste’ durch Hilfsorganisationen steht im Zentrum des Beitrags. Hilfswerke setzten auch dann noch auf dieses Motiv, als Dürre zur Erklärung von Hunger durch komplexere Deutungsansätzen abgelöst wurde. Die Bilder toter Tiere auf ausgetrocknetem Boden erwiesen sich als geeignet, in Kombination mit Bildern von Opfern und von Hilfsmassnahmen die Handlungsfähigkeit der Hilfswerke zu zeigen und ihr Wirken zu rechtfertigen.
Bilder des Hungers. Überlegungen zu Fotografie und Literatur Christian Gerlach Mein Beitrag beschäftigt sich vor allem mit Arten der bildlichen Darstellung Hungernder. Ausgehend von ihren Entstehungszusammenhängen versuche ich zu erklären, warum es für solche Bilder – wie verschiedentlich angemerkt und kritisiert – einen engen Rahmen weitgehend standardisierter Darstellungspraktiken gibt.1 Ich versuche, sowohl Kontinuitäten als auch sekundäre Wandlungen in den Bildern Hungernder zu skizzieren. Um zu zeigen, welche Aspekte solche Fotos auslassen oder auch nicht darstellen können, greife ich auf einen kontrastierenden Vergleich mit Romanen und ähnlichen literarischen Darstellungen zurück. Letztlich geht es dabei auch darum, Limitationen des Mediums Fotografie an sich aufzuzeigen. Die meisten in diesem Aufsatz verwendeten Bilder stammen aus Hungers nöten, während vom individuellen oder auch schleichenden, chronischen Hunger wenig die Rede sein wird. Ich konzentriere mich auf stehende Bilder, also Foto grafien; einige, aber nicht alle meine Erkenntnisse lassen sich auf Filme übertragen. Die Fotos stammen aus verschiedenen Kontexten: aus Indien im späten 19. Jahrhundert, vom erzwungenen Massentod von Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16, aus Südrussland 1921/22, von NS-Opfern, aus der Leningrader Blockade, aus der bengalischen Hungersnot von 1943/44, aus Hungersnöten der 1970er Jahre in Äthiopien und Ostpakistan/Bangladesch bzw. Indien und aus Somalia in jüngerer Zeit. Im Gegensatz zu anderen Beiträgen in diesem Heft werden hier die Vermarktung sowie Aufmerksamkeitsökonomien nicht untersucht, ebenso wenig Zensur und Fotografierverbote oder das öffentliche Gedächtnis. Dieser Aufsatz konzentriert sich auf Sujets, nicht aber auf die Ästhetik der Bilder. Dieses Heft verwendet einen weiten Begriff des Bildes; es bedarf wohl keiner ausführlichen Begründung, dass auch fiktionale Literatur – wie hier herangezogen – Bilder beim Leser erzeugt. Nicht umsonst spricht man von sprachlichen Bildern, metaphorischer Sprache und ähnlichem. Im Folgenden wird zunächst der Forschungsstand zur Ikonografie des Hungers skizziert. In weiteren Schritten versuche ich, wichtige Merkmale in der fotografi1
David Campbell, Salgado and the Sahel. Documentary Photography and the Imaging of Famine, in: François Debrix, Cindy Weber (Hg.), Rituals of Mediation. International Politics and Social Meaning, Minneapolis 2003, S. 69–96, verfügbar unter http://www.imaging-famine.org/papers/campbell_03.htm (27.2.2014); Campbell greift eine Formulierung Liisa Malkkis auf und spricht von einem «global visual field of often quite standardized representational practices» (S. 69f.).
20
Christian Gerlach
schen Darstellung des Hungers sowie Veränderungen über längere Zeiträume zu identifizieren, wende mich dann der Romanliteratur zu und schliesse mit einigen allgemeinen Schlussfolgerungen. Zum Forschungsstand Die Spezialforschung zur Fotografie von Katastrophen und Hungersnöten hat vor allem in den letzten zwanzig Jahren zu einer Reihe von Erkenntnissen geführt, die hier kurz zusammengefasst werden. Danach entstehen Bilder des Hungers und zumal von Hungersnöten in der Regel nicht zum Zwecke der Dokumentation. Die Generierung von Bildern war meist eng verbunden mit Rettungs- und Spendenkampagnen. Sie sollten schockieren und Mitleid erregen. Sie wurden oft von Aktivisten aufgenommen oder von Journalisten, die ihnen mit kommerziellen Zielen zuarbeiteten. Die Presse- oder Fernsehberichterstattung über Hunger ist vielfach eng mit jenen Kampagnen verbunden; entsprechende Nachrichtenmeldungen enden oft mit der Angabe einer Kontonummer.2 Hungernde gehören meist den Unterschichten an und stammen vom Land, und sie werden fotografiert von Menschen aus städtischen Mittel- oder Oberschichten; zwischen Fotografen und Fotografierten bestehen auch starke Bildungsunterschiede, und häufig kommen sie aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichem Lebensstandard. Wie bei allen Geschichtsquellen ist es also wichtig, Entstehung, Urheber und Zwecke zu berücksichtigen. Für diese Kampagnen entstanden bestimmte ikonische Stereotype, die auf die Ästhetik christlicher karitativer Tradition zurückgeführt werden können.3 Bis in die 1970er Jahre hinein waren christliche Missionsorganisationen auch führend in den Anti-Hunger-Kampagnen tätig.4 Zu den Ikonen des Hungers gehörten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Konzentration auf hungernde Frauen und besonders Kinder und die Spuren des Hungers auf ihren Körpern. Kennzeichnend sind Bilder mit extrem abgemagerten Gliedmassen, grossen Köpfen und grossen, der Kamera zugewandten Augen, manchmal weinend, gelegentlich mit nach Hilfe ausgestreckten Händen.5 2
3 4 5
Siehe etwa Paul Harrison, Robin Palmer, News out of Africa, London 1986, S. 45–59, 97–133; Imaging Famine, Ausstellungskatalog, 2005, S. 18, verfügbar unter http://www.imaging-famine.org/catalogues. htm (27.2.2014); D.J. Clark, The Production of a Contemporary Famine Image. The Image Economy, Indigenous Photographers and the Case of Mekanic Philipos, http://www.imaging-famine.org/papers/ clark04.htm (26.8.2013); Susan Moeller, Compassion Fatigue. How the Media Sell Disease, Famine, War and Death, New York, London 1999, S. 97–155. Hierzu siehe etwa Clark, Production, S. 16. Dieser Eindruck drängt sich nach Durchsicht zahlreicher Akten aus den 1970er Jahren im Archiv von Oxfam in Bichester (Grossbritannien) auf. Campbell, Salgado, hier S. 69f.; Imaging Famine, besonders S. 13, 15.