Die Herausgeberinnen Anja Blechschmidt, Sonderpädagogin, Diplompädagogin Sprachtherapie, Logopädin NDT, studierte an der Universität Dortmund und doktorierte an der Universität Basel in Allgemeiner Sprachwissenschaft. Sie arbeitete viele Jahre in der Schweiz als Logopädin und ist Leiterin der Professur für Logopädie am Institut Spezielle Pädagogik und Psychologie der Pädagogischen Hochschule FHNW. Ute Schräpler, Klinische Sprechwissenschaftlerin, studierte an der Martin-Luther-Universität Halle und doktorierte an der LudwigMaximilians-Universität München. Sie ist als Dozentin an der Professur für Logopädie der Pädagogischen Hochschule FHNW tätig.
I S B N 978-3-7965-3353-2
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 533532
Frühe sprachliche Bildung und Inklusion
In den letzten Jahren hat die frühe sprachliche Bildung zunehmend an Bedeutung gewonnen. Unterschiedliche Berufsgruppen wie Pädagoginnen/Pädagogen und Logopädinnen/Logopäden sind mit der Herausforderung konfrontiert, die Bildung aller Kinder von Anfang an aktiv zu gestalten und damit zur Chancengleichheit beizutragen. Der vorliegende Band vereint Beiträge zu zentralen Fragen der sprachlichen Förderung und Therapie sowie deren Umsetzung in einem inklusiven Rahmen. Vorgestellt werden unter anderem in der Schweiz und in Deutschland durchgeführte Projekte, zum Beispiel «MeKi – Frühe sprachliche Förderung von mehrsprachigen Kindern ab drei Jahren» oder «SPRIMA – Sprachförderung im Alltag von Spielgruppe, Kita und Kindergarten» sowie Aspekte der Therapie von Kindern in der Phase des Spracherwerbs, etwa Sprachanbahnung bei Autismus. Autorinnen und Autoren aus der Schweiz und aus Deutschland zeigen darüber hinaus konkrete Möglichkeiten auf, wie eine inklusive sprachliche Bildung im frühen Kindesalter erfolgen kann. Neben dem Bezug zur Praxis finden unterschiedliche Forschungsperspektiven und methodische Ansätze aus dem Bereich der frühkindlichen Bildung und Logopädie Berücksichtigung.
Anja Blechschmidt und Ute Schräpler (Hrsg.)
Frühe sprachliche Bildung und Inklusion
Anja Blechschmidt und Ute Schräpler (Hrsg.)
Frühe sprachliche Bildung und Inklusion
SCHWABE VERLAG BASEL
Publiziert mit Unterstützung der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (PH FHNW)
treffpunkt logopädie 1 Copyright © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Iris Becher, Schwabe Umschlaggestaltung: Reto Wahlen, Solothurn Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3353-2 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhalt
Vorwort .........................................................................................
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Anja Blechschmidt und Ute Schräpler Einleitung . . ....................................................................................
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1 Sprachliche Bildung in der Nordwestschweiz Christine Stöcklin Das selektive Obligatorium zur Deutschförderung vor dem Kindergarten im Kanton Basel-Stadt: Entstehung und Umsetzung 2008–2014 . . ............ 13 Simone Kannengieser und Katrin Tovote Zuerst die Praxis, dann die Theorie – Die MeKi-Teilstudie zu den Fachperson-Kind-Interaktionen bei alltagsintegrierter Sprachförderung.... 25 Silvana Kappeler Suter und Antonia Ursprung Was wissen pädagogische Fachpersonen über alltagsintegrierte Sprachförderung und wie setzen sie diese um? ..................................... 39 Dieter Isler Situative Sprachförderung in Spielgruppen und Kitas – Alltagsgespräche unter der Lupe ................................................................................ 51
2 Sprachliche Bildung aus Sicht pädagogischer Fachkräfte Mandy Schönfelder Sprachlernsettings mit Fragen anregend und sprachfördernd gestalten . . .. 65 Sabrina Geyer, Anja Müller und Katinka Smits Sprachförderung mit Kindern unter drei Jahren: Über welche Sprachförderkompetenzen verfügen U3-Fachkräfte? ............................. 81 Sarah Girlich und Christine Steinmetzer Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte im Bereich alltagsintegrierte frühe Sprachbildung ................................................ 93
3 Logopädie im Frühbereich und unter besonderen Bedingungen Barbara Walker Erfassung und Förderung der Erzählfähigkeit bei Schulkindern mit einer geistigen Behinderung ........................................................ 105 Kristin Snippe Auf der richtigen Fährte – Frühe Sprachförderung bei Autismus . . ........... 123 Sandra Neumann Inklusion im Vorschulalter: Ein Projekt zur Grundlagenforschung bei Kindern mit unterschiedlicher Sprachstörungsgenese (LAPUKI) ....... 133 Ute Schräpler Kompetenzerwerb von Logopädiestudierenden im Hinblick auf Tätigkeiten im Bereich der frühen sprachlichen Bildung . . ...................... 143
4 Sprachliche Bildung und Inklusion Timm Albers Inklusion von Anfang an – Herausforderungen im Bereich der Bildung . . ... 153 Jan Weisser Zur sozialen Konstruktion von Defiziten ............................................. 163
Autorinnen und Autoren .................................................................. 175
Vorwort Die ersten beiden Jahrzehnte des zweiten Jahrtausends sind gesellschaftlich einerseits geprägt durch zunehmende Individualisierung, andererseits durch vermehrte Notwendigkeit zur Kooperation. Dieses Spannungsfeld spielt auch in der Sprach therapie und Sprachdidaktik eine bedeutende Rolle. Mit der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention – 2014 auch durch die Schweizer Eidgenossenschaft – kommt dem Recht aller auf gemeinsame Lernorte und -angebote mehr Geltung zu. Die Logopädie leistet in diesem Zusammenspiel sowohl in klinischen als auch in schulischen und ausserschulischen Settings einen Beitrag zum Abbau von Barrieren und zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe. Die neue Reihe treffpunkt logopädie widmet sich dem lebenslangen sprachlichen Handeln an formalen, nonformalen und informellen Lernorten. Die Bände sind jeweils einem Themenschwerpunkt gewidmet, der aus sprachtherapeutischer, medizinischer, erziehungswissenschaftlicher, linguistischer, soziologischer oder psychologischer Perspektive untersucht und dargestellt wird. Forschung und Praxis kommen in gleichem Masse zu Wort. Der Bereich der Logopädie versteht sich dabei als Treffpunkt, an dem mit sprachlichem Handeln befasste Berufsgruppen eine Plattform zur Darstellung der eigenen Ansätze und Arbeiten sowie Anregungen zum Austausch erhalten. Unser Dank gilt den Autorinnen und Autoren, die die Entstehung des nun vorliegenden ersten Bandes zum Thema Frühe sprachliche Bildung und Inklusion mit grossem Engagement begleitet haben. Ganz besonders danken möchten wir auch unserem Institutsleiter Prof. Dr. Jan Weisser. Die Publikation wurde finanziell unterstützt durch die Pädagogische Hochschule FHNW, wofür ebenfalls herzlich gedankt sei.
Basel, im August 2014 Anja Blechschmidt und Ute Schräpler
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Einleitung Anja Blechschmidt und Ute Schräpler Der erste Band der neuen Reihe treffpunkt logopädie widmet sich dem derzeit rege diskutierten Thema der frühen sprachlichen Bildung aus inklusiver Perspektive: Im Vordergrund steht der Abbau von Barrieren in sprachlichen Lernprozessen von Kindern. Auch wenn viel dazu geforscht wird, wie allen Kindern von Anfang an gleiche Bildungschancen eröffnet werden können, gibt es bislang aus der deutschsprachigen Schweiz vergleichsweise wenige Veröffentlichungen zu diesem Themenbereich. Dieses Buch stellt schweizerische Projekte und Aktivitäten in den Mittelpunkt, doch berichten darüber hinaus auch Autorinnen und Autoren aus Deutschland von ihren Arbeiten. Im ersten Teil werden Projekte zur sprachlichen Bildung in der Nordwestschweiz vorgestellt. Christine Stöcklin beschreibt das im Kanton Basel-Stadt initiierte, in der deutschsprachigen Schweiz einmalige Projekt der obligatorischen Sprachförderung für Kinder, die im Jahr vor dem Kindergarteneintritt über unzureichende Deutschkenntnisse verfügen, durch geschultes pädagogisches Fachpersonal. Zwei Teilprojekte des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekts «MeKi – Frühe sprachliche Förderung von mehrsprachigen Kindern ab drei Jahren» werden von Silvana Kappeler und Antonia Ursprung sowie von Simone Kannengieser und Katrin Tovote vorgestellt. Dieter Isler präsentiert erste Ergebnisse des Forschungsprojekts «Frühe Sprachbildung entwickeln – Fachpersonal koordiniert qualifizieren FSQ» zur Frage, wie pädagogische Fachpersonen in Alltagssituationen zur bildungssprachlichen Entwicklung von Kindern beitragen können. Der zweite Teil widmet sich Fragen der sprachlichen Bildung aus Sicht der päda gogischen Fachkräfte. Das im Bundesland Hessen angesiedelte, von Sabrina Geyer, Anja Müller und Katinka Smits betreute Teilprojekt von «PROfessio – Wissen und Handeln in der Sprachförderung zwischen Kita und Grundschule» untersucht die Kompetenzen von Fachpersonen, die mit Kindern unter drei Jahren arbeiten. Christine Steinmetzer und Sarah Girlich dokumentieren, wie eine langfristige fachliche Unterstützung und Beratung von pädagogischen Fachkräften in Kindertagesstätten über einzelne Sprachförderprojekte hinaus erfolgen kann. Mandy Schönfelder stellt anhand konkreter Beispiele dar, wie der Einsatz von Fragetechniken durch das päda gogische Fachpersonal die sprachliche Entwicklung von Kindern unterstützen kann. Die spezifische logopädische Tätigkeit im Frühbereich und unter besonderen Bedingungen wird im dritten Teil des Buches thematisiert. Barbara Walker belegt in ihrer Studie, wie Kinder mit geistiger Behinderung von einer bislang nur an Kindern 9
im Regelschulbereich erprobten kommunikativ-pragmatischen Therapie – dem «Dortmunder Förderansatz zur Interaktions- und Narrationsentwicklung» – profitieren können. Im Beitrag von Kristin Snippe werden konkrete Möglichkeiten der logopädischen Therapie und interdisziplinären Kooperation in der Arbeit mit Kindern mit Autismus präsentiert. Sandra Neumann stellt das Kölner Projekt LAPUKI vor, in dessen Rahmen die gesundheitsbezogene Lebensqualität, die sprachliche Aktivität und Partizipation und die beeinflussenden Umweltfaktoren bei Kindern mit eingeschränkten kommunikativen Fähigkeiten im Vorschulalter untersucht werden. Wie Logopädiestudierende sich auf eine spätere Tätigkeit im Frühbereich vorbereiten können, zeigt Ute Schräpler am Beispiel der Berufspraktischen Studien im Studiengang Logopädie der Pädagogischen Hochschule / Fachhochschule Nordwestschweiz auf. Der vierte und letzte Teil widmet sich dem Zusammenhang von früher sprachlicher Bildung und Inklusion. Timm Albers hebt in seinem Beitrag die Notwendigkeit von flexiblen Rahmenbedingungen und Kooperationen im Rahmen inklusiver Settings hervor und Jan Weisser dekonstruiert den Begriff des Defizits im Bereich der frühen sprachlichen Bildung.
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1  Sprachliche Bildung
in der Nordwestschweiz
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Das selektive Obligatorium zur Deutschförderung vor dem Kindergarten im Kanton Basel-Stadt: Entstehung und Umsetzung 2008–2014
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Christine Stöcklin 1. Hintergrund
In seiner Sitzung vom 21. Oktober 2009 genehmigte der Grosse Rat des Kantons Basel-Stadt den Ratschlag «Sprachförderung für Dreijährige». Dieser sieht vor, dass Kindern, die 18 Monate vor Kindergarteneintritt kaum oder gar keine Deutschkenntnisse haben, der Zugang zur deutschen Sprache gesetzlich garantiert werden soll.1 Zu diesem Zweck sollen Eltern verpflichtet werden können, ihr Kind im Jahr vor dem Kindergarteneintritt an mindestens zwei halben Tagen pro Woche in eine auf Deutsch geführte familienexterne Einrichtung zu schicken. Hierfür wurden entsprechende Änderungen im Schulgesetz vorgenommen: § 56a. Sprachliche Förderung in Deutsch vor der Einschulung 1 Verfügt ein Vorschulkind im Hinblick auf den Eintritt in den Kindergarten über un zureichende Deutschkenntnisse, so haben dessen Erziehungsberechtigte ihr Kind während einem Jahr an zwei halben Tagen pro Woche eine Einrichtung mit integrierter Sprachförderung besuchen zu lassen. ² Die Volksschulleitung bzw. die zuständige Stelle der Gemeinden sorgt in Zusammen arbeit mit allen Beteiligten für die Ermittlung der Kinder mit Förderbedarf; sie informiert und unterstützt die Erziehungsberechtigten und sichert die Qualität des Förderangebots. ³ Nötigenfalls verfügt die Volksschulleitung bzw. die zuständige Stelle der Gemeinden den Besuch einer Einrichtung durch das Kind. § 91. Erziehungsberechtigte [...] 8 Die Erziehungsberechtigten haben die folgenden Pflichten: [...] e) sie lassen ihr Vorschulkind, sofern es im Hinblick auf den Kindergarteneintritt über unzureichende Deutschkenntnisse verfügt, eine Einrichtung mit integrierter Sprachförderung besuchen. 9 Erziehungsberechtigte, die ihre Pflichten gemäss Abs. 8 wiederholt verletzen, können auf Antrag der Schulleitung mit einer Ordnungsbusse bis CHF 1’000 belegt werden. In den vom Kanton geführten Schulen entscheidet die Departementsvorsteherin bzw. der
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Zum Download verfügbar via http://www.grosserrat.bs.ch/dokumente/100310/000000310058.pdf. Weitere Informationen zum Obligatorium sind auf der Website der Fachstelle frühe Deutsch förderung einsehbar: http://www.volksschulen.bs.ch/sprachfoerderung. 13
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Departementsvorsteher, in den von den Gemeinden geführten Schulen die zuständige Stelle der Gemeinden.
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Die Wirksamkeit dieser Regelungen wurde vom Regierungsrat in seiner Sitzung vom 4. Dezember 2012 ab dem Jahr 2013 beschlossen. Die Massnahme ist als «selektives Obligatorium» bekannt: «selektiv», weil gezielt Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen erkannt und gefördert werden. Die dahinterliegende Absicht ist, die Bildungschancen von fremdsprachigen Kindern (beziehungsweise Kindern mit Deutsch als Zweit- oder Drittsprache) jenen ihrer deutschsprechenden Altersgenossinnen und -genossen anzugleichen. Zur Umsetzung der Massnahme wird mit bestehenden privatrechtlich orga nisierten Anbietern zusammengearbeitet. Dazu gehören Tagesheime/Kitas, Tages familien und insbesondere Spielgruppen.2 Letztere nehmen den Grossteil der Kinder auf, die durch das Obligatorium zur frühen Deutschförderung verpflichtet werden (siehe Abschnitte 5 und 6). Die Nutzung bereits vorhandener Strukturen bildete die Voraussetzung für eine möglichst schnelle Umsetzung. Als das Projekt «Mit ausreichenden Deutschkenntnissen in den Kindergarten» im Jahr 2008 auf Initiative von Regierungsrat Dr. Christoph Eymann lanciert wurde, hatte es Pioniercharakter. Diesen hat es bis heute behalten. Einen wichtigen Anstoss zum Projekt stellte gemäss dem Ratschlag der «PISA-Schock» des Jahres 2000 dar.3 Die Ergebnisse der Studie hatten offenbart, dass schlechte Startbedingungen von Kindern bei Schuleintritt durch bestehende Massnahmen in der Volksschule nicht ausreichend ausgeglichen werden können: Kann ein Kind beim Schuleintritt nur mangelhaft Deutsch, ist der Rückstand auf die deutschsprechenden Altersgenossen und -genossinnen kaum aufzuholen. Kenntnisse der deutschen Sprache sind Voraussetzung für das Bestehen im hiesigen Bildungssystem. Um die Bildungschancen von Kindern mit mangelhaften Deutschkenntnissen zu verbessern, fokussierten die Entscheidungsträger im Kanton Basel-Stadt auf die Vorschulzeit. Je früher sich Kinder Kenntnisse in der Unterrichtssprache aneignen können, desto besser gewappnet sind sie für ihren Schuleintritt und desto eher kann ein Ausbau kostenintensiver späterer Massnahmen vermieden werden. Die Förderung von Kindern im Alter von null bis fünf Jahren («Frühbereich») war 2009 bis 2013 ein Schwerpunkt im Legislaturplan des Regierungsrats des Kantons Basel-Stadt. Die frühe Deutschförderung war damit eingebettet in ein departementsübergreifendes Massnahmenpaket.4 2 3 4
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Im Kanton Basel-Stadt werden Kindertagesstätten (Kitas) in der Regel als Tagesheime bezeichnet. Vergleiche auch den nationalen Bericht zur Erhebung PISA 2000, zum Download verfügbar via http://www.pisa.admin.ch/bfs/pisa/de/index/hidden_folder/publications.html?publicationID=324. Zum Download verfügbar via http://www.regierungsrat.bs.ch/legislaturplan-2009-2013.pdf.
Das selektive Obligatorium zur Deutschförderung vor dem Kindergarten
2. Elternfragebogen zur Erfassung der Deutschkenntnisse
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Im Zuge des Projekts wurde zusammen mit Wissenschaftlern und Wissenschaft lerinnen der Abteilung Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Psychologischen Fakultät der Universität Basel ein Elternfragebogen entwickelt. Ein Screen ing der Kinder wurde aus pädagogischen, logistischen, personellen und finanziellen Gründen ausgeschlossen. Der Elternfragebogen ist in den zehn meistgesprochenen Sprachen des Kantons Basel-Stadt vorhanden: Albanisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Spanisch, Tamilisch und Türkisch.5 Von 2009 bis 2012 wurde der Fragebogen auf freiwilliger Basis erprobt und schrittweise weiterentwickelt.6 Zu Beginn wurden alle in Basel-Stadt wohnhaften Kinder mit ausländischer Nationalität beziehungsweise deren Eltern mit einer ersten Version des Fragebogens bedient (dies entspricht 55 Prozent der Stichprobe). Dazu kam eine Zufallsauswahl von Kindern schweizerischer Nationalität. Diese erste Version umfasste über 20 Fragen. Im Jahr 2012 konnten dann erstmals die definitive Version sowie das damit zusammenhängende Verfahren erprobt werden: Es wurden 1740 Fragebogen an alle Eltern im Kanton Basel-Stadt verschickt, deren Kinder eineinhalb Jahre vor dem Kindergarteneintritt standen. Rund 64 Prozent der Fragebogen wurden – noch auf freiwilliger Basis – von den Eltern ausgefüllt und zurückgesandt. Bereits in der Erprobungsphase waren somit sehr viele Eltern involviert. Die Entwicklung des Instruments wurde mit folgendem Resultat abgeschlossen: Anhand des Fragebogens können Eltern die Deutschkenntnisse ihrer Kinder präzise einschätzen, unabhängig vom Bildungs- und Sprachhintergrund. Es liegt somit der erste verlässliche und wissenschaftlich validierte Elternfragebogen zur Erfassung der Deutschkennnisse von Vorschulkindern im Alter von 33 bis 48 Monaten vor. Der Fragebogen eignet sich jedoch nicht für eine differenzierte Erfassung der Sprachkenntnisse von ausschliesslich deutschsprachigen Kindern. Er ist primär für Kinder mit Deutsch als Zweit- oder Drittsprache konzipiert. Eine Herausforderung war es, den Begriff «ausreichende Deutschkenntnisse» zu definieren. Als vernünftiger Massstab einigte man sich auf den Sprachstand Deutsch von Kindern, die ein halbes Jahr jünger sind als die Zielgruppe, also 24 Monate vor
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Es ist geplant, ab 2015 weitere Sprachen, beispielsweise Arabisch, aufzunehmen. Die Entwicklung des Fragebogens war im Herbst 2011 abgeschlossen. Laut dem unveröffentlichten Fragebogenmanual waren insgesamt 1479 Eltern, deren Kinder jeweils 18 Monate vor Kindergarteneintritt standen, an der Entwicklung beteiligt. Es waren dies jene 51 Prozent, die zwischen 2009 und 2011 die Testbogen zurückgesendet hatten. Zur Reliabilität und Validität vergleiche auch Grob/ Keller 2014. 15
Christine Stöcklin
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dem Kindergarteneintritt stehen. Erreicht ein fremdsprachiges Kind diesen Sprachstand nicht, zeigt dies einen Förderbedarf an.
Abbildung 1: Ausschnitt aus dem Fragebogen (englische Version), Abfrage von Verben zur Sprachproduktion
Der Fragebogen umfasst Fragen zum Sprachgebrauch in der Familie, den Kontakten zu deutschsprechenden Personen ausserhalb der Familie und den bereits erworbenen Deutschkenntnissen. Er orientiert sich an den Erkenntnissen zur frühen Erstsprachentwicklung und fokussiert auf die semantische Sprachkomponente, also die Bedeutung von sprachlichen Äusserungen. Der Wortschatz spielt eine grössere Rolle als die Grammatik, da sich Ersterer als für die elterliche Beurteilung geeigneter erweist. Aufgebaut ist der Fragebogen zum einen aus Fragen zur Sprachproduktion; so werden beispielsweise Verben aus dem Grundwortschatz abgefragt. Zum anderen wird das Sprachverständnis erfasst, indem spezifische Fragen gestellt werden (zum Beispiel: «Wo ist das Fenster?»). Auch der Sprachgebrauch wird geprüft, indem zum Beispiel erfragt wird, wie oft ein Kind auf Deutsch ein Gespräch beginnt. Seit 2013 werden alle Eltern, die im Kanton Basel-Stadt wohnhaft sind und ein Kind haben, das 18 Monate vor dem Kindergarteneintritt steht, mit einem solchen Fragebogen bedient. Das Ausfüllen und Rücksenden ist für alle Familien obligatorisch. Deutschsprachige Familien können mittels einer Sprungfrage den Grossteil der Fragen auslassen, da sie von der Massnahme nicht tangiert sind. Familien, die 16
Das selektive Obligatorium zur Deutschförderung vor dem Kindergarten
bis jeweils im Dezember des laufenden Jahres neu in den Kanton ziehen, werden ebenfalls mit einem Fragebogen bedient. Januar
Versand der Elternfragebogen
Februar
Infoveranstaltungen für Eltern
März
Einsendeschluss Fragebogen und Auswertung
April
Versand Entscheid
Mai
Bei Verpflichtung: Eltern suchen einen Platz in einer Einrichtung und senden der Fachstelle frühe Deutschförderung einen Nachweis zu
Ab August
Kinder besuchen für ein Jahr regelmässig die Einrichtung an je zwei halben Tagen pro Woche
Tabelle 1: Schema zur Umsetzung des Obligatoriums im Jahresverlauf, 2014 (neuzuziehende Familien durchlaufen das Verfahren zeitversetzt)
3. Selektionsverfahren
Die Auswertung der Fragebogen wurde für die ersten beiden Umsetzungen durch die Universität Basel vorgenommen.7 Zur Deutschförderung verpflichtet werden Kinder –– die ungenügende Deutschkenntnisse haben (Indikation auf Basis des Frage bogens) Nicht verpflichtet werden Kinder –– die in einer deutschsprechenden Familie aufwachsen –– die gemäss Fragebogen über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen –– mit Entwicklungs- und Spracherwerbsschwierigkeiten beziehungsweise Behinderungen (sie werden durch spezialisierte Institutionen therapeutisch begleitet) –– deren Eltern einen Wegzug aus dem Kanton Basel-Stadt melden Im ersten Jahr der Umsetzung 2013/14 wurden ausserdem Kinder nicht verpflichtet, wenn sie zum Zeitpunkt der Sprachstanderhebung bereits eine Einrichtung besuchten. Dies führte dazu, dass etwa 200 Kinder trotz mangelhafter Deutschkenntnisse nicht verpflichtet wurden, was von Eltern und Betreuungspersonen scharf kritisiert wurde. Dieses Kriterium war nicht praxistauglich und wurde mit der zweiten Umsetzung 2014/15 gestrichen.
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Das Auswertungsverfahren ist in einem internen, unveröffentlichten Fragebogenmanual beschrieben (Grob/Keller 2012), Die Auswertungskriterien werden nicht öffentlich gemacht, um die Integrität des Fragebogens für die Anwendung in der Praxis zu wahren. 17
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Christine Stöcklin
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Bei einer Verpflichtung wählen die Eltern eigenständig einen Platz für ihr Kind in einer geeigneten Einrichtung. Zur Bestätigung der Anmeldung senden sie einen sogenannten Nachweis an die Fachstelle zurück. Besucht ein Kind zum Zeitpunkt der Fragebogenerhebung bereits eine auf Deutsch geführte Einrichtung, muss kein zusätzlicher Platz gefunden werden. Durchführende Stellen im Rahmen des Obligatoriums sind Spielgruppen, Tagesheime, Tagesfamilien sowie Deutsch- und Integrationskurse für Migrantinnen und Migranten mit Kinderbetreuung. Die Spielgruppen nahmen im Jahr 2013/14 über 80 Prozent der verpflichteten Kinder auf. Das Erziehungsdepartement bezahlt in diesen Fällen kostendeckende Elternbeiträge für die geforderten Stunden direkt an die Spielgruppen. Tagesheime werden bereits durch die Fachstelle Tagesbetreuung subventioniert oder mitfinanziert, und die Eltern leisten auch bei einer Verpflichtung einen einkommensabhängigen Beitrag. Die Institutionen müssen mit dem Erziehungsdepartement bestehende Vereinbarungen oder Abmachungen haben (Tagesheime, Tagesfamilien) oder eine Zusammenarbeitsvereinbarung abgeschlossen haben (Spielgruppen, Kinderbetreuung im Rahmen eines Deutschkurses der Eltern), um Kinder im Obligatorium aufnehmen zu dürfen. In dieser Zusammenarbeitsvereinbarung sind unter anderem Qualitätsfragen geregelt.
4. Lehrgang «Frühe sprachliche Förderung – Schwerpunkt Deutsch» und Praxisbuch «Nashorner haben ein Horn»
Der Lehrgang «Frühe sprachliche Förderung – Schwerpunkt Deutsch» ist eine von der Berufsfachschule Basel (BFS) angebotene zweijährige, berufsbegleitende Weiter bildung für Fachpersonen aus Spielgruppen, Tagesheimen und ähnlichen Institu tionen. Er befähigt Absolventinnen und Absolventen, Kinder bis zum Alter von vier Jahren in der deutschen Sprache altersgerecht und alltagsintegriert zu fördern. Alltagsintegrierte Sprachförderung heisst, dass alltägliche Geschehnisse in Spielgruppen oder Tagesheimen zum Anlass genommen werden, Sprachfördermöglichkeiten zu erkennen und aktiv zu gestalten. Sie steht im Gegensatz zur expliziten Sprachförderung mit spezifischen Lerneinheiten. Der Lehrgang entstand auf Initiative des Projekts «Mit ausreichenden Deutschkenntnissen in den Kindergarten» und wird seit 2009 angeboten; 2014 begann die achte Durchführung. Für Absolventinnen und Absolventen, die im Kanton Basel-Stadt arbeiten, werden die Kosten übernommen. Abgeschlossen wird mit dem kantonalen Zertifikat «Fachmann/Fachfrau frühe Sprachförderung Deutsch».
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Das selektive Obligatorium zur Deutschförderung vor dem Kindergarten
Inhalte des Lehrgangs sind der Erst- und Zweitspracherwerb und die Bedeutung der Sprache im Kontext der Bildungs- und Entwicklungsprozesse im Alter zwischen zwei und vier Jahren.8 Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen setzen sich darüber hinaus intensiv mit dem eigenen Sprachverhalten in der Spielgruppe beziehungsweise im Tagesheim auseinander. Auf einer übergeordneten Ebene werden Bedeutung und Gestaltung des fachlichen Austauschs (Intervision) erkundet. Weitere wichtige Inhalte sind die Planung eines sprachförderlichen Alltags sowie die Zusammenarbeit im Team und mit den Eltern, ebenso die Bedeutung und der Umgang mit interkultureller Kommunikation. Im Aufbau zeichnet sich der Lehrgang durch einen starken Praxisbezug aus, welcher jedoch eng verknüpft ist mit den theoretischen Grundlagen, die an je einem Unterrichtstag pro Monat über zwei Jahre hinweg vermittelt werden. Diese Struktur wurde gewählt, damit die Fachpersonen im Alltag die Möglichkeit eines Transfers haben. Sie werden in den Unterrichtseinheiten seriös auf die praktische Anwendung des vermittelten Wissens vorbereitet; zum Teil werden konkrete Aufgaben für die Umsetzung im Berufsalltag gestellt. Zusätzlich zu den Unterrichtstagen arbeiten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen ab dem zweiten Semester auch in Supervisions- beziehungsweise Intervisionsgruppen. Am Schluss des Lehrgangs erstellen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Lerndokumentation. Das Erziehungsdepartement Basel-Stadt sieht vor, künftig ausschliesslich mit Spielgruppen zusammenzuarbeiten, in denen mindestens eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter den Lehrgang absolviert hat oder gerade absolviert. Gemäss der kantonalen Spielgruppenumfrage von 2013/14 arbeitet derzeit in 51,1 Prozent der Spielgruppen zumindest eine Fachperson, die den Lehrgang absolviert oder bereits abgeschlossen hat (Amsler/Akgünlü 2014). Für Tagesheime und Tagesfamilien ist die qualifizierte Deutschförderung bereits in den Vereinbarungen mit der Fachstelle Tagesbetreuung geregelt. Im Herbst 2013 ist das Praxisbuch zur frühen Deutschförderung «Nashorner haben ein Horn» erschienen, welches im Auftrag des Bildungsraums Nordwestschweiz (Kantone Aargau, Basel-Stadt, Basel-Land und Solothurn) von der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz erarbeitet worden ist (Kannengieser et al. 2013). Einführungsmodule für Fachpersonen sind in allen vier Kantonen des Bildungsraums durchgeführt worden.
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Das Konzept zum Lehrgang ist zum Download verfügbar via http://www.bfsbs.ch/downloads/ Konzept%20lehrgang.pdf. 19
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5. Umsetzung 2013/14 – Jahr 1
Im Rahmen der ersten Umsetzung des Obligatoriums im Schuljahr 2013/14 wurden im Kanton Basel-Stadt insgesamt 1807 Elternfragebogen versendet, 1632 davon in der Stadt Basel. Es wurden insgesamt 380 Familien verpflichtet, ihre Kinder an der frühen Deutschförderung teilhaben zu lassen. Dies sind 21 Prozent aller Kinder mit Geburtsdatum 16. Juni 2009 bis 30. Juni 2010 (Kindergarteneintritt August 2014). Diese Zahl ist jedoch zu relativieren, da bei der ersten Umsetzung das Kriterium galt, dass Kinder, die zum Zeitpunkt der Erhebung bereits eine Einrichtung im geforderten Ausmass besuchen, nicht verpflichtet werden (siehe Abschnitt 3). Zudem wurden jene Kinder nicht mitgezählt, die im Laufe des Jahres 2013/14 aus dem Obligatorium entlassen wurden (zum Beispiel aufgrund eines Umzugs). Rund 82,5 Prozent der Familien wählten bei einer Verpflichtung eine Spielgruppe, um das Obligatorium zu erfüllen. Weitere circa 13 Prozent der Kinder erhielten ihre obligatorische Deutschförderung in einem Tagesheim. 1,5 Prozent besuchten eine andere Einrichtung, zum Beispiel die Kinderbetreuung im Rahmen eines Deutsch- und Integrationskurses der Eltern. Zwölf Kinder wurden nicht platziert, beispielsweise, weil es Ablöseprobleme beim Spielgruppenbesuch gab. Im ersten Jahr der Umsetzung wurde aus praktischen und rechtlichen Gründen darauf verzichtet, das Mahnwesen vollständig durchzusetzen. Eine Verordnung zum § 56a Schulgesetz wird im Spätjahr 2014 erarbeitet (siehe Abschnitt 7). 5.1 Rücklauf Fragebogen
Von den im Kanton Basel-Stadt im Jahr 1 versendeten Fragebogen wurden insgesamt 99,8 Prozent zurückgesandt. Nur drei Fragebogen wurden nicht retourniert. Etwa 75 Prozent der Fragebogen wurden fristgerecht zurückgesandt. Aufgrund der besonderen Umstände der erstmaligen Umsetzung des Obligatoriums liegen zwar die wichtigsten Kennzahlen vor, detaillierte Aufschlüsselungen (beispielsweise zum Mahnwesen) sind jedoch derzeit nicht verfügbar. Optimierungen in der elektro nischen Erfassung der Daten sollen solche Rückschlüsse ab dem Jahr 2 der Umsetzung (= 2014/15) ermöglichen. 5.2 Fragen, Rückmeldungen und Reaktionen der Eltern
Insgesamt 152 Anfragen von Eltern, welche nicht beim Erstkontakt beantwortet werden konnten, wurden 2013/14 mittels sogenannter Elterndossiers bearbeitet, die den Sachverhalt und die Arbeitsschritte dokumentieren. Von diesen 152 Dossiers waren 64 Prozent administrativer Natur. Es handelte sich um Themen wie Adressänderung, interne Erfassung in Datenbanken, Nachsendung von Fragebogen und ähnliches. Die restlichen 36 Prozent hatten einen inhaltlichen Charakter. Der Gross20