Das Idioticon Rauracum oder baselisches Wörterbuch ist ent standen zwischen 1740 und 1768. Von der Fachwelt als das bedeutendste Dialektwörterbuch des 18. Jahrhunderts bezeichnet, lag es dennoch fast 250 Jahre lang unveröffentlicht in der Universitätsbibliothek Basel. Die Erläuterungen der Ausdrücke geben uns heutigen Lesern nicht nur Einblick in einen äusserst lebendigen Dialekt, sondern lassen zugleich ein facettenreiches Bild des damaligen Alltags entstehen. Johann Jakob Spreng (1699 −1768 ) war Professor für deutsche Poesie und Eloquenz an der Universität Basel. Der vielseitige Gelehrte hat u. a. Gedichte, Kirchenlieder sowie eine Schweizergeschichte verfasst. Neben dem Idioticon blieb auch sein Hauptwerk, das Grosse Glossarium der deutschen Sprache, bis heute unpubliziert. Heinrich Löff ler war von 1975 bis 2004 Professor für Germanistik an der Universität Basel mit den Spezialgebieten Deutsche Sprachgeschichte in Vergangenheit und Gegenwart, Dialekte, Namenforschung und Soziolinguistik. 2005 erhielt er den Konrad Duden-Preis.
I S B N 978-3-7965-3352-5
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 533525
Idioticon Rauracum Baseldeutsches Wörterbuch
Das bedeutendste historische Wörterbuch des Baseldeutschen zum ersten Mal ediert
Johann Jakob Spreng
Johann Jakob Spreng Idioticon Rauracum Baseldeutsches Wörterbuch
Idioticon Rauracum Johann Jakob Spreng
Baseldeutsches Wörterbuch
Idioticon Rauracum oder Baseldeutsches Wörterbuch von 1768 Johann Jakob Spreng Her ausgegeben von Heinrich Löffler Edition der Handschrift A A I 3 der Universitätsbibliothek Basel
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung
© 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Umschlaggestaltung: Atelier Mühlberg, Basel Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3352-5 ISBN E-Book (PDF) 978-3-7965-3361-7 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inha ltsv er zeich nis
Einführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Quellenverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Wörterbuch A−Z . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Endnoten von A−Z . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
EI N F Ü HRU NG Joh a n n Ja kob Spreng (1699 −1768)
Johann Rudolf Huber, Bildnis Johann Jacob Spreng (um 1740/45).1
L ebensl au f Für die wissenschaftsgeschichtliche Einordnung des Idioticon Rauracum sind in Ermangelung anderer Belege die biographischen Daten des Autors von grosser Bedeutung. Sie können einigen Aufschluss geben zur Frage, warum Spreng neben allen anderen Verpflichtungen als Prediger und Pfarrer, WaisenhausGeistlicher, Universitätslehrer und Familienvater über viele Jahre hin Zeit und Mühe auf das Allgemeine Deutsche Glossarium und das Idioticon Rauracum verwendete, wobei er viele andere Arbeiten publiziert hat (s. Werkverzeichnis), während die beiden Wörterbücher bis heute als Manuskripte ungedruckt in der Universitätebibliothek Basel liegen.
Hist.-biograph Lexikon der Schweiz Bd. 6 1931 S. 482 (C. Roth) u. Wikipedia 2013, ohne Bildnachweis.
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Zehn Jahre nach dem Tod Sprengs war in den Athenae Rauricae. Catalogus professorum Academiae Basiliensis ein lateinischer Nachruf zu lesen, auf den sich alle späteren Lebensläufe, insbesondere auch der ausführliche von Adolf Socin im Basler Jahrbuch 1893, stützen.2 Weitere Informationen – aus dem Umfeld der Universität – über Leben und Beruf enthalten die damaligen Akten des Grossen Rates im Basler Staatsarchiv, die von Andreas Staehelin in seiner Geschichte der Universität von 1957 ausgewertet worden sind.3 Johann Jakob Spreng ist am 31.12.1699 in Basel geboren, als Sohn des Johann Jakob Spreng und der Ursula Pfannenschmid. Die Vorfahren der Familie sind 1639 aus Mainstockheim b. Würzburg eingewandert. Vorher war das Geschlecht der Spreng von 1524 bis 1601 in Augsburg bezeugt. Der Vater war «Schreibmeister» an der «deutschen Schule» in Basel und am Gymnasium, wo er schönes und richtiges Schreiben sowie das Verfassen von Schriftstücken in deutscher Sprache unterrichtete.4 Der Sohn durchlief die Schulen und studierte in Basel Theologie mit den dazu gehörenden philologischen (Sprach-)Fächern der artes. Mit 22 Jahren wurde er 1721 für den Kirchendienst als «Sancti Ministerii Candidatus» ordiniert. Der damaligen Tradition folgend war er zunächst für einige Monate Erzieher bei dem bernischen Landvogt von Mülinen in Fraubrunnen (Bern), dann Hauslehrer der Söhne des württembergischen Barons von Schütz, dem er nach Wien folgte, als dieser dort zum württembergischen Gesandten ernannt wurde. In Wien wurde ihm 1723 von König Karl VI. (König von Böhmen) für ein ihm überreichtes Sonnett der Titel eines poeta Caesareus (eines kaiserlichen Poeten) verliehen. 1726 trat Spreng in den Kirchendienst ein. Er war für kurze Zeit Prediger der französischen Gemeinde in Heilbronn, dann ab 1727 Pfarrer der ebenfalls französischen Waldensergemeinde Pérouse bei Stuttgart.5 1735 erlitt er einen Athenae Rauricae sive Catalogus professorum Academiae Basiliensis ab a. MCCCCLX ad a. MDCCLXXVIII (1760−1778) cum brevi singulorum biographia. adiecta est recensio omnium eiusdem Academiae rectorum Basileae Sumtibus Car. Aug. Serini, bibliopolae. 2 Bde. 1778−1780. Hier Bd. II S. 384−386 [der Autor Johann Wernhard Herzog ist im Titel nicht genannt]. 3 Der folgende Lebenslauf bezieht sich denn auch in der Hauptsache auf Athenae Rauricae (1778), Adolf Socin 1893 und Andreas Staehelin (1957). In anderen Kurzviten der neueren Nachschlagewerke finden sich keine zusätzlichen Angaben. C(onrad) Roth in: Hist.-biogr. Lex. der Schweiz B. 6, 1931, S. 482, mit Bildnis von Johann Rudolf Huber (um 1740/45); Herbert E. Brekle/Klaus Jürgen Höller in: Hist. biograph. Hand. d. Sprachwiss. d. 18. Jh. 2005, S. 115−117; Barbara Schmid im Histor. Lexikon der Schweiz Bd. 11 (2012), S. 733 oder: J. J. Spreng in Wikipedia (2013) mit Bildnis (s. o.) 4 Von ihm liegt in der Universitätsbibliothek Basel eine Schrift: Gründliche Verweisung der Anfaengen üblichster Schrift-Arte. Geschrieben und verlegt von M. Joh. Jacob Spreng als Schreibmeistern in Gymnasio Basiliensi. 1709. 5 Aus dieser Zeit stammen wohl die im Nachlass noch vorhandenen französischen Predigten. 2
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Schlaganfall und erholte sich erst nach einem Jahr davon. 1737 konnte er die Pfarrstelle in Ludweiler (Nassau-Saarbrücken) übernehmen. 1730 heiratete er Francisca Groß, Tochter des Peter Groß, Ältester der französischen Gemeinde in Offenbach/Main, diese aber verstarb früh im Jahre 1739. Auch die vier K inder ereilte das selbe Schicksal (idem fatum habuerunt). 1740 heiratete er Sophia Fechter aus Basel, die ihm zwei Söhne und drei Töchter gebar. Sie starb 1763. Auf den Pfarrstellen kam er sich zehn Jahre lang quasi in exilio (wie im Exil) vor, inter Musarum antipodas sordissimos (wie bei gehörlosen Gegenteilen der Musen). Vermutlich auf Grund der zweiten Heirat gelang es ihm, 1741 wieder nach Basel zurückzukkehren (in patriam revocatus).6 Er bot der Universität an, ohne feste Besoldung eine ausserordentliche Professur für deutsche Sprache und Poesie (professor eloquentiae atque poeseos teutonicae) zu übernehmen. Zwei Jahre später stimmten die Behörden (Grosser Rat und Regenz) dem Gesuch zu. So wurde Spreng 1743 erster Professor honorarius für (deutsche) Poesie und Eloquenz an der Universität Basel, wenn auch nur gegen Abgeltung im Lehrauftragsverhältnis (remuneratus). Mit dem damals noch unbekannten Fach war er an der lateinischen Universität wohl ein Aussenseiter. Dennoch kann er im Nachhinein als erster Professor der Germanistik in Basel bezeichnet werden. Dabei hatte er, was die Förderung der deutschen Sprache an der Universität betraf, den Basler Rat wohl auf seiner Seite. Um doch zu einem festen Lohn zu kommen, wurde ihm 1746 die Pfarrstelle am Waisenhaus übertragen. Trotz der beiden Posten reichte das Geld nicht zum Leben, was aus wiederholten Bettelbriefen an die Behörden hervorgeht.7 Bereits im Jahre 1747 hatte der Grosse Rat von der Universität verlangt, eine Vorlesung über Schweizer Geschichte in deutscher Sprache anzubieten. Die Dekane und der Rektor hatten aber auf die universitas nationum verwiesen, die als Wissenschafts- und Unterrichtssprache das Latein erfordere − und sie befürchteten darüberhinaus, dass eine Vorlesung auf deutsch zu viele Hörer aus der Stadt anzöge und den regulären Studiosis einen Platz wegnähme. Man wolle aber dennoch sehen, ob sich ein «taugliches subjectum» dafür fände.8 1754 war es dann soweit: Der Grosse Rat beauftragte J. J. Spreng, eine einstündige Vorlesung über Schweizer Geschichte in deutscher Sprache zu halten, und zwar für ein nicht universitäres Publikum (extraordinarie exhibito etiam salario, also mit einem Salär). Zu guter Letzt erhielt Spreng 1762 im Alter von 63 Jahren endlich eine ordentliche Professur, als ihm der frei gewordenen Lehrstuhl für Griechisch zufiel (denique etiam ipsi sortito obtigit Linguae Graecae professio),9 den 8 9 6 7
Die lateinischen Zitate sind alle aus Athenae Raurica 1778, S. 385. Staehelin 1957, S. 79 u. 576. Staehelin 1957, S. 224. Athenae Raurica 1778, S. 386. In allen Biographien wird ipsi sortito (lat. vom Glück ausersehen) so verstanden, dass ihm die Professur durch das Los zugefallen sei, dass er sie also nicht auf Grund seiner Verdienste bekommen habe. Vielleicht kann man ipsi sortito − nach dem nicht gerade einfachen Leben und den traurigen
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er bis zu seinem Tode mit Erfolg (maximo auditorum emolumento) innehatte. Am 24. Mai 1768 starb er unerwartet nach einem Schlaganfall. Neben der Lehrverpflichtung in Schweizer Geschichte und Griechisch (Homer und Neues Testament) bot Spreng durchgehend immer auch privatim Vorlesungen über Deutsche Poesie und Eloquenz an, also über das Dichten und das richtige Reden in deutscher Sprache. Nach akademischem Usus musste er seine Lehrveranstaltungen auf lateinisch ankündigen, auch diejenigen zur deutschen Sprache: Praecepta orationis solutae (Montag und Dienstag) et ligatae (Freitag). Privatim: Eloquentia teutonica sacra et profana, litterae elegantiores. Praecepta quae ad illustrandas reconditas atque obscuriores veterum Germanorum locutiones pertinent, Juris publici studiosis et diplomatum scrutatoribus tradet.10 Die Hörerschaft Sprengs bestand im Fach Griechisch und Eloquenz hauptsächlich aus Studenten der Theologie, also künftigen Predigern. Er las aber auch für künftige Richter und Kanzlisten (s. oben), Studenten der Rechts wissenschaften und Urkundenforscher11 und hielt, wie schon erwähnt, für ein städtisches Publikum die einstündige öffentliche Vorlesung zur Schweizer Geschichte auf deutsch (publice: Majorum gesta, instituta, leges, foedera).12 Aus den Tagebüchern von zwei jungen ungarischen Grafen-Brüdern, die im Jahr 1760 mit einem Stipendium in Basel studierten, sind weitere Details über den Professoren Spreng − praktisch aus erster Hand − bekannt geworden, allerdings erst im Jahre 1936.13 Die beiden jungen Gaststudenten erlebten Spreng als einen äusserst gelehrten und sprachkundigen Professor, der nicht nur P oesie lehrte, sondern auch selbst dichtete. So habe er einmal für ein Konzert die Festkantate verfasst. In einem literarischen Zirkel, wo man gemeinsam mit verteilten Rollen deutsche Trauerspiele deklamierte, war auch «die Tochter des Professors Spreng, die von anziehender Schönheit, aber von sehr schlechtem Ruf ist».14 Dieser Herr Spreng bildet sich auf seine deutsche Sprache und seine Poesie viel ein. Ich halte ihn auch für einen guten Sprachkundigen und Poeten, aber doch für weniger bedeutend als er sich selber hält. Er hat die Psalmen in sehr schöne Verse gebracht. Jetzt arbeitet er an einem deutschen Dictionär oder Lexikon von entsetzlich großem Umfang, das wie es heißt, viele Folianten gibt. Im übrigen ist er ein Oeconomus, hat viele
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amilienverhältnissen – auch so lesen, dass ihm durch Schicksalsbestimmung F endlich diese (gerade) freigewordene Professur zuteil wurde. Staehelin 1957, S. 205. Zu deutsch: Deutsche Beredtsamkeit, kirchliche und welt liche, schöne Schriften. Die Regeln, die zur Verdeutlichung der verborgenen und dunkleren Redeweisen der Germanen gehörten, angeboten für Studierende des öffentlichen Rechts und den Erforschern alter Urkunden. Staehelin 1955, S. 205; Bonjour 1960, S. 292. Öffentlich: die Taten unserer Vorfahren, ihre Einrichtungen, Gesetze und Bündnisse. Spiess, Otto, Basel anno 1760. Nach den Tagebüchern der ungarischen Grafen Joseph und Samuel Teleki. Basel 1936. Spiess 1936, S. 62.
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Einführung S chulden und wie verlautet, sollen ihn die Ausgaben für Bücher, Karten und solche wissenschaftlichen Gegenstände ganz zu Grunde richten. Da er nicht Ordinarius ist, bezieht er ein kleineres Gehalt als die übrigen Professoren, vielleicht bloß 100 Taler, die 240 Gulden betragen.15
Das sind Bemerkungen eines jungen Gaststudenten (aus dem Ungarischen übersetzt). Der jüngere, 21-jährige Bruder des Grafen, der auch mit in Basel war, konnte anfänglich noch kein Deutsch. Er besuchte deshalb drei Monate lang die privatim gehaltene Vorlesung des Professors Spreng über Eloquenz und deutsche Poesie. Spreng gelte in der Sprache «omnium iudicio als ein Cicero», und sei ein sehr gelehrter Mann, er verlange «Hörer, die in Deutsch schon ganz durchgebildet sind, nicht einen, der die deutsche Sprache erst zu erlernen anfängt». Er nahm sich daraufhin einen anderen «Sprachmeister», so dass er nach vier Monaten einigermassen deutsch reden, lesen und schreiben konnte.16 Auch er weiss von einer Glossa in Deutsch und Latein in 6−7 Bänden, «die er aber schwerlich drucken lassen kann, weil er keine Mittel dazu besitzt. Freunde hat er noch weniger, da er ein Sonderling ist, der mit niemand mehreren Verkehr hat, besonders mit Gelehrten kommt er nicht aus, und mit anderen kann er sich auch nicht befreunden.»17 Man sieht, wie d amals ein ausländischer Student gehobenen Standes in kurzer Zeit engsten Kontakt zu verschiedenen Hochschullehrern knüpfen konnte, in deren privaten Zirkeln verkehrte und deshalb auch über Interna Bescheid wusste – auch darüber, in welchem Ruf ein Professor bei Studenten und Kollegen stand, ja sogar darüber, was er verdiente. Spreng hatte schon als junger Pfarrer Probleme mit der kirchlichen Behörde gehabt, wegen der Auslegung einer Katechismusfrage, die nach einer Diszi plinaruntersuchung beigelegt wurden.18 Auch sonst gab es mit den Behörden immer wieder Probleme. Er stand im Ruf, sich weitschweifig mehr mit Vergangenem (Sprachen und Bräuchen) als mit der Gegenwart zu befassen. Spreng machte sich mit seinem Anspruch, in alleinigem Besitz der richtigen deutschen Schriftsprache zu sein, und mit seinen sarkastischen Bemerkungen über die Verstösse der «Schriftlinge» in den Kanzleyen nicht besonders beliebt. Dies mag vielleicht der Grund gewesen sein, dass er es erst in hohem Alter zu einer festen Anstellung als Ordinarius gebracht hat.19
Spiess 1936, S. 71. Nach Schwarz 1922, S. 28, war der Lehrauftrag zur Schweizer Geschichte von 1754 mit einem ‘Gratiale’ von 300 Pfund (= Gulden) entschädigt. Der ungarische Student hat also nicht so schlecht geschätzt. 16 Spiess 1936, S. 120. 17 Spiess 1936, S. 120. 18 Socin 1893, S. 230. 19 Dass sein grosses Deutsches Glossar nicht in Basel, sondern bei einem Verleger in Freiburg i.Br. gedruckt werden sollte, könnte mit dem gespannten Verhältnis zu den Basler Autoritäten zu tun haben. 15
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Seine zynisch scharfzüngige Haltung gegenüber volksfrommen Legenden war im Jahre 1760 der Auslöser für einen gesamt-eidgenössischen Konflikt, der nur mit Mühe und dank der Besonnenheit der Basler Behörden, die im Grunde auf Sprengs Seite standen, beigelegt werden konnte. Spreng hatte mit seiner Schrift über den Ursprung Basels − es war die Druckfassung seiner Vorlesung zur Schweizergeschichte − in den katholischen Kantonen grossen Unmut hervorgerufen, was 1760, vier Jahre nach Erscheinen des Buches, auf der Tagsatzung in Frauenfeld zu einem Eklat führte.20 Nach einer Untersuchung des Falles durch den Basler Geheimen Rath und durch Vermittlung des Stadtschreibers Isaak Iselin wurde der Streit beigelegt. Der Autor erhielt trotz Widerlegung der Vorwürfe einen amtlichen Verweis und wurde mit einem generellen Schreibund Publikationsverbot belegt. Die weitere Verbreitung der Schrift wurde untersagt. «Der gute Spreng büsset indessen meisterlich für seine Unbesonnenheit. Er ist immer noch in dem Autorbanne», schreibt der Stadtschreiber Isaak Iselin an seinen Luzerner Kollegen und bedauert, «dass ich ihn allzu hart abgefasset habe. Sein Fehler ist so gross nicht als die Strafe.»21 Dieser schweizweit bekannte Autorbann könnte mit ein Grund dafür gewesen sein, dass es nach Sprengs Tod niemand wagte, Schriften aus seinem Nachlass zum Druck zu bringen. Spreng war Mitglied der Deutschen Sprachgesellschaften in Leipzig, Göttingen und Bern und gründete 1742 zusammen mit seinem (Dichter-) Freund Carl Friedrich Drollinger, dessen Gedichte er 1743 nach dessen frühem Tode herausgab, in Basel eine Basler Deutsche Gesellschaft. Ihr gehörten einige Professoren der Universität an, die sich noch bis ins Jahr 1760 alle vierzehn Tage in der Wohnung eines der Mitglieder trafen. Ihr Zweck war derselbe wie bei den anderen Sprachgesellschaften: die «Ausbreitung des guten Geschmacks» und die «Ausübung der deutschen Sprache nach den Gesetzen einer vernünftigen und richtigen Sprachlehre».22 Spreng wollte der neuen deutschen Hochsprache zusammen mit den Weg genossen auch in der Schweiz zum Durchbruch verhelfen. Er stand in Kontakt zu den gleichaltrigen Kollegen und Konkurrenten: mit dem gebürtigen «Preussen» Johann Christoph Gottsched (1700−1766) in Leipzig und dem Schweizer Johann Jakob Bodmer (1698−1783) in Zürich, der sich im Bestreben, der süddeutschen Variante bei der Standardisierung des neuen Deutschen mehr Gewicht zu geben, mit Gottsched angelegt hatte.
Seine Schilderung der nicht tugendsamen Geistlichkeit im Mittelalter und die nicht sehr frommen Beschreibungen der «Thebaischen Legion» mit den hl. Ursus und Verena, den Kirchenpatronen von Solothurn, oder der Lebensumstände des heiligen Fridolin haben u.a. bei den katholischen Ständen grosses Ärgernis hervorgerufen. Der heutige Leser hat Mühe, die incriminierten Stellen zu finden. Dazu: Schwarz, Ferdinand, Das Sprengische Geschäft. In: Basler Jahrbuch 1922, S. 25−51. 21 Schwarz 192, S. 50f. 22 Staehelin 1957, S. 499. 20
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Spreng konnte sich zu dem erlauchten Kreis der Sprachpfleger zählen, da er nicht nur eine ansehnliche Reihe eigener poetischer Werke vorzuweisen hatte, sondern auch über Kenntnis der früheren sprachlichen und dichte rischen Verhältnisse verfügte, ferner Erfahrung hatte im Verfassen von Wörterbüchern, im Übersetzen der Psalmen und anderen Büchern aus dem Lateinischen, E nglischen und weiteren Sprachen. Zur Sprachpflege gehörte damals auch der intensive Austausch mit einem grossen Korrespondentenkreis über Sprachrichtigkeit und nicht zuletzt auch die Vermittlung all dieser Fähigkeiten an ein akademisches Publikum. Spreng hielt korrektes Deutsch und deutsche Poesie für lehrbar und hatte genaue Vorstellungen über die einzuhaltenden Regeln.23 Seine puristische Auffassung vom richtigen Deutsch orientierte sich im Zweifel an dem nördlichen «Hochdeutschen». Dem richtigen Deutsch zum Durchbruch zu verhelfen, ist dann auch eine der Absichten, die er mit dem baseldeutschen oder baselischen Wörterbuch verfolgte. Es sind vor allem die hochdeutschen Entsprechungen zu einem Basler Wort, auf die er viel Mühe verwendet. Manchmal ist er hochdeutscher als nötig (Kran statt Hahnen), andererseits ordnet er dem Schriftdeutschen Wörter zu, die man heute als regionalsprachlich bezeichnen würde (urch, flennen, Rülpe, Racken). brieken, das Maul henken und flennen. (38r). − *urig, urch, lauter, ächt, fein, ganz, ungemischt; purus putus. Das Wort ist unübersetzlich und unentbärlich, und sollte von den Hochdeutschen in grösserer Ehre gehalten werden. (200v). − Sooz, (der,) grober Rülpe, Flegel. − Hahnen, (der,) Faßkran; epistomium. Es ist Racken (mucor) am Hahnen. das Reiberlein am Hahnen. Der Hahnen ist zugefroren. (175r).
Manchmal nennt er hochdeutsche Wörter, als habe er sie gerade erfunden oder ausgedacht: glaichig, gelenksam, leicht zu wenden und zu liegen. (87r). − lämpelen, lummelicht herunterhangen. (132r). − Laüwe, (die,) Laulichkeit; tepor. (124r). - ring, leicht, un mühlich; facilis. (157v). − usgefitzt, geschwindlistig; astatus. Von dem Altfr. und AS: fus, füs, promptus, expeditus: daher auch der Fuchs den Namen hat (210v) − Usschutz, Ausschuß, Auswurf, Verwürfling. (202r).
Hin und wieder liegt er dabei auch offensichtlich falsch:24 Ratte; sorex, mus domesticus major. Ein Hochdeutscher sagt Ratze. (155r). − Härte, (die,) Härtigkeit. (97r).
Facillima praesertim atque perspicua maxime usus methodo: Sein Lehrerfolg bestand darin, dass er eine leicht verständliche und vor allem klare und deutliche Methode anwandte (Athenae Rauricae, S. 386). 24 Darauf hat auch Socin (1888) im Vorwort seiner Teiledition hingewiesen.
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Manchmal ist das Dialektwort heute gutes Hochdeutsch: *entsprechen, übereintreffen, zutreffen, begegnen. Der Ausgang hat meiner Hoffnung nicht entsprochen. (Einschub quer: Ich kann seinem Begehren nicht entsprechen). Die Sachsen wollen uns dis Wort nicht gelten lassen. Wissen aber kein anderes eben so schickliches und ausdrücksames dargegen anzugeben. (58v) − schmollen, lächeln, seine heimliche Freude und Hoffnung in seiner Gebärdung merken lassen. (167r).
Mit den ebenso zahlreichen Entsprechungen aus dem «deutschen Latein», das heisst aus der lateinischen Alltagssprache der Akademiker, wollte er wohl zeigen, dass diese deutschtümelden Wörterbücher durchaus auch den An sprüchen der damaligen universitas litterarum genügten.
Spr engs Wer k e Spreng hatte allen Grund, sich mit Gottsched, Bodmer oder auch dem von ihm nie erwähnten, von Bodmer hochverehrten jungen Dichtergenie Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) in einer Reihe zu sehen. Nicht zufällig wohl hat Spreng auch eine Ode mit dem Titel Messias in 16 Strophen gedichtet,25 höchstwahrscheinlich in Kenntnis von Klopstocks berühmter gleichnamiger Ode in 20 hexametrischen Gesängen. Die ersten drei Gesänge Klopstocks waren 1749 erschienen und ermöglichten dem 26-jährigen Dichter im Jahre 1750 auf Einladung Bodmers einen Jahresaufenthalt in Zürich. Eine Schulrede26 von 1818 reiht Spreng unter die Dichtergrössen wie Haller und Opitz ein und zitiert zum Beweis Sprengs Messias in voller Länge. Über die Qualität des poetischen und kirchenmusikalischen Œuvres äussert sich 1822 Peter Ochs: «Es befinden sich aber unter seinen hinterlassenen Handschriften mehrere Gedichte von hohem Werth. Sein Vater, Lehrer am Gymnasium, hat sich um die Schreibkunst so verdient gemacht, daß heute noch die ‘Sprengsche Schreibart’ allen anderen vorgezogen wird.»27 Die späteren, eher abschätzigen Urteile stammen von nicht fachkundigen Laien: «Seine dichterische Produktion ist kaum der Rede wert: auf diesem Gebiete zeigt sich Basel den Städten Zürich und Bern weit unterlegen»,28 oder von solchen, die entweder gar nichts für Lobreden und Kirchenlieder übrig oder diese nicht gelesen hatten: «Herzliche Empfindung, poetischen Ausdruck
Bei Schuler 1818 S. 7−12 abgedruckt. Die «Schulrede» ist die Rede eines Maturanden – in der Regel des Klassenbesten – anlässlich der feierlichen Diplom- und Abschlussfeier an der Schule, wie es heute noch vielerorts üblich ist. 27 Peter Ochs, Geschichte der Stadt und Landschaft Basel. Bd. 8, 1822 S. 11/12, Anm. 4. 28 Staehelin 1957, S. 468. 25 26
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sucht man vergebens in diesen Erzeugnissen.»29 Ferdinand Schwarz nennt ihn einen «kaiserlich gekrönten Dichter, der auf seinem Pegasus fortwährend im Reich der Fabel herumreitet».30 Dazu passt ein weiteres Urteil aus dem 20. Jh.: «Im Jahr 1759 gab er ein satirisches Wochenblatt heraus, ‘Der Sintemal’, heute ungeniessbar.»31 In den Bibliothekskatalogen von Basel und Bern (Landesbibliothek) finden sich ein gutes Dutzend Titel, zum Teil in mehreren Fassungen, deren Autor, Herausgeber oder Übersetzer Spreng gewesen ist. Spreng als Autor: Neben einigen Lobgedichten und anderen Reden zu besonderen Anlässen (z. B. die Antrittvorlesung zur Griechisch-Professur im Jahre 1762) und ein zelnen Beiträgen im Eidgenoß (1749) sind es (chronologisch): – Über die Beschaffenheit und Säuberung der schweizerischen Schreibart. Basel 1724.32 – Neue Kirchengesänge auf die Geburt des Herrn und Auf das Neue Jahr. Basel 1741. – Auserlesene, geistreiche Kirchen- und Haus-Gesänge. Teils verbessert, teils neu verfertigt von J. J. Spreng. Basel 1741. – Neue Übersetzung der Psalmen Davids auf die gewöhnlichen Singweisen gerichtet und mit besonderer Gutheissung eines Hochlöbl. Churpfälzischen reformierten Kirchenrathes, wie auch Ministerii von Zürich und Basel. Basel 1741 (mit mehreren Neuauflagen bis 1796). – Geistliche und weltliche Gedichte. Basel 1748. – Abhandlungen von dem Ursprunge und Altertum der mehrern und mindern Stadt Basel, wie auch der raurachischen und baselischen Kirche. Basel 1756. – Der Sintemal. Eine eidgenössische Wochenschrift auf das Jahr 1759. Basel 1759. – Vorschlag und Probe eines allgemeinen deutschen Glossars. gedruckt in Freiburg i.Br. 1759 («im Verlage des Herausgebers»). [6 Druck-Seiten. Ein Vorwort mit Einladung zur Subskription und vier Probeseiten; im 1. Bd. des handschriftlichen Glossariums in der UB Basel, Nachlass J. J. Spreng]. Spreng als Herausgeber: – Drollinger, Carl Friedrich: Herrn Carl Friedrich Drollingers Gedichte. Samt andern dazu gehörigen Stücken wie auch einer Gedächtnisrede auf denselben. ausgefertigt von J. J. Sprengen. Basel 1743. Socin 1893 Basl. Jb., S. 234. Schwarz 1922, S. 30. 31 Spiess 1936, S. 176. Der heutige Leser empfindet ein solches Urteil geradezu als bösartig. 32 Nach Socin 1893 in: Allg. dt. Biogr. 35, S. 291, verschollen. 29 30
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– Kronica von der loblichen Eidgenossenschaft. Jr harkomen vnd sust seltzam stritten vnd geschichten. colligiert vnd in geschrift veruasst von Peterman Etterlin. Nunmehr wegen ihrer Seltenheit zum zweyten Mal herausgegeben, von unzähligen Fehlern gereiniget, und vermittelst kurzer Randglossen durchgehends verbessert und erläutert, wie auch mit einem neuen Register versehen von Johann Jakob Sprengen. Basel 1752. Spreng als Übersetzer: – Einleitung zu den Helvetischen Geschichten. Zu academischem Gebrauche abgefasset von Jacob Christoff Beck. Aus dem Lateinischen übersetzt von Johann Jacob Spreng. 3. Ausgabe. Neue bis auf gegenwärtige Zeit fort geführte Ausgabe. Basel 1788 [Original: Jac. Christophori Beckii: Introductio in historiam patriam Helvetiorum, ad annum 1743 usque progressa, & in usum academicum concinnata. Basel 1744]. – Die Zeugnisse der alten Heiden und Jüden. Von der Wahrheit der Geschichte und Lehren unsers Heilandes untersucht von Josef Addisson und aus dem Englischen übersetzt wie auch mit seinen eigenen Gedanken begleitet von J. J. Sprengen. Zürich 1745. Als Manuskripte liegen in der Handschriftenabteilung der UB Basel: – Idioticon Rauracum oder Baseldeutsches Wörterbuch. [orig.: (ba)sel. Wörterbuch; o. Dat. vor 1743 bis 1768]. Mskr. UB Basel AA I 3. – Allgemeines Deutsches Glossarium 20 Bde. [o. Datum, vor 1743 bis 1768] Mskr. UB Basel Nachlass J. J. Spreng NL 71.33 Im übrigen Nachlass, der in der Universitätsbibliothek Basel liegt, befinden sich gemäss Findbuch keine weiteren Werke. Neben einem Kasten mit Zetteln und Notizen zum Glossarium sind Briefe, einzelne Blätter oder Korrekturabzüge zu Liedern und Gedichten sowie französische und deutsche Predigten erhalten. Es würde sich lohnen, sich eingehender mit dem poetischen Œuvre Sprengs zu befassen, das in zeitgenössischen Drucken vorhanden ist.
Eine Beschreibung der Handschrift: Stephan Günther, Bericht über die Untersuchung des «Allgemeinen Deutschen Glossarii» von J. J. Spreng in der UB Basel vom 10.7.−12.7.1989 (Msch.schr. UB Basel HssS Cv 280).
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Da s M a n usk r ip t de s I d i o t i c o n R au r ac u m Be schr eibu ng Die Handschrift mit dem Titel Idioticon Rauracum oder Baseldeutsches Wörterbuch befindet sich gemäss einer Notiz auf der Einbandinnenseite seit 1812 u nter der Signatur AA I 3 in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel. Der in den Katalogen genannte Titel ist jedoch von einer späteren Hand geschrieben. Auf dem Rücken des zuletzt im Jahre 1992 restaurierten Einbandes klebt ein Rest des Originaltitels in derselben Schrift, in der das Werk abgefasst ist: Idioticon Rauracum oder (ba)sel. Wörterbuch. Aufgelöst müsste es also «baselisches Wörterbuch» heissen. Der Band besteht aus insgesamt 232 Papierblättern in Folio-Format, in 29 Bogen zu je 8 Blättern. Die einzelnen Bogen sind (vielleicht vom Autor selbst?) mit zerschittenen Papierstreifen versteift und zusammengeheftet worden. A llem Anschein nach stammen die Papierstreifen aus hauseigener Makulatur. Es sind von der gleichen Hand geschriebene und mehrfach korrigierte Textfragmente oder Teile handkorrigierter Druckfahnen. Dieses beschriebene B indematerial hat nichts mit dem Inhalt des Idioticons zu tun, wurde aber beim Kopieren und bei der Digitalisierung der Vollständigkeit halber mitgescannt bzw. kopiert. Die Blätter sind beidseitig und zweispaltig mit kleinen Papierstreifen beklebt. Jeder Zettel enthält einen kürzeren oder längeren Wortartikel. Die Zettel sind so eingeklebt, dass man in die Zwischenräume jederzeit zusätzliche W örter nach und nach einfügen konnte, ohne die alphabetische Reihenfolge zu durchbrechen. Dass dies vermutlich über Jahre hinweg so gehandhabt wurde, zeigen die unterschiedlichen Qualitäten und Farbtöne der eingeklebten weiss-gelb lichen Papierstreifen wie auch verschiedene Tinten und Federdicken – die Handschrift bleibt immer dieselbe. War der vorgesehene Zwischenraum aufgebraucht, wurden Zettel über den Blattrand hinaus eingelegt und gefaltet oder auf den eingehefteten Mittelstreifen geklebt. Ein ähnliches Verfahren mit losen Papierstreifen wurde bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch bei Bibliothekskatalogen angewandt. Bei manchen Zetteln gewinnt man den Eindruck, dass sie aus einer Wortliste stammen, die in Streifen geschnitten wurde. An wenigen Stellen kann man vermuten, dass aus einer Vorlage abgeschrieben und bei einem Korrekturgang Verschreibungen verbessert und weggelassene Passagen nachgetragen wurden: Borte, Perlenborte, (die,) heißt ehmals ein vierschrötiger, mit Perlen und Edelsteinen versetzter Kopfschmuck, mit welchem [eingefügte Zeile]: {die Jungfrauen beÿ Kindstaufen und} beÿ ihrem hochzeitlichen Kirchgange und Gastmahle prangten (36v).
Die Handschrift wurde mehrfach restauriert, zuletzt im Jahre 1992, als sie auch mit einem festen Leineneinband versehen wurde.
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Die 464 Seiten enthalten 3740 Einträge von derselben Hand. Das sind im Durchschnitt acht Lemmata pro Seite. Nur an wenigen Stellen hat eine spätere Hand in kleinerer Schrift und anderer Orthographie zu einzelnen Wortdeutungen eine Bemerkung hinzugefügt.34 Die Schrift ist die damals übliche altdeutsche Schreibschrift, sehr exakt geschrieben mit einer von der heutigen etwas abweichenden Orthographie und Zeichensetzung, die genau eingehalten worden sind. Man darf wohl annehmen, dass es die sogenannte «Sprengsche Schreibart» oder «Basler Hand» war, eine Schönschreibschrift, die J. J. Sprengs Vater als Sprach- und Schreibmeister an der deutschen Schule zu Basel und am Gymnasium entwickelt hatte und die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts an Basler Schulen in Gebrauch war.35 Die Vergleichswörter aus historischen Vorstufen (Keltisch, Altdeutsch, Altsächsisch, A rmorisch, Altisländisch etc.) sind ebenfalls in dieser deutschen Schreibschrift geschrieben. Für lateinische Wortentsprechungen und Parallelen aus modernen Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Holländisch, Schwedisch) wird die lateinische Schreibschrift verwendet. Wörter aus dem Altgriechischen stehen in griechischer Schrift. Einmal findet sich ein Wort auch in hebräischer Schrift (164v). Schreibfehler, auch nur flüchtige Verschreibungen, gibt es so gut wie keine.36 Das Manuskript ist vollständig von A bis Z ausgearbeitet und für den Druck bereit gewesen. Als Auszeichnungen wurden verwendet: Doppelte Unter streichung für das Lemma, einfach unterstrichen sind weitere Formen und Verwendungen dieses Wortes. Im Druck hätte das wohl fett und kursiv werden sollen, wie aus den Probeseiten für den Druck des Glossariums ersichtlich ist. Manche Wörter sind mit einem schwarzen Sternchen (Asterix) versehen, von derselben Feder und Tinte wie der Eintrag. Bei einigen Artikeln ist links ein Sternchen mit rotem Farbstift gesetzt. Das könnte eine spätere Hand gewesen sein. Trotz mehrfacher genauer Lektüre bei der Abschrift und mehreren Korrekturgängen konnte für diese Sternchen keine plausible Erklärung gefunden werden. Hinweise für den Setzer können es wohl nicht sein. Die Markierungen haben auch nichts mit der Teil-Publikation Adolf Socins aus dem Jahre 1888 zu Die Schrift könnte mit dem Eintrag auf der Einband-Innenseite übereinstimmen: Übernommen u. mit meinen Miterben verrechnet. 1812. Mart. 16. DH. (im Katalogeintrag aufgelöst als Daniel Huber). D. H. 1768–1829, Mathematiker und Astronom, seit 1792 Prof. f. Mathematik an der Univ. Basel, daneben seit 1802 zweiter ordentlicher Bibliothekar an der Universitätsbibliothek. (Staehelin 1957, S. 570; Fellmann, Emil A., «Huber, Daniel», in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 689f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd117030260.html). 35 Gründliche Verweisung der Anfaengen üblichster Schrift-Arten. geschrieben und verlegt von M. Joh. Jacob Spreng, als Schreibmeister in Gymnasio Basiliensi. 1709. Dazu: Ochs 1922, S. 11/12, Anm. 4; − Socin, Basl. Jb. 1893, S. 228. 36 Eine einzig offensichtliche Verschreibung eines Buchstabens ist aufgefallen: 54v heisst es: «Ehpredig, Ehabrede, Ehschrift. Ist so vil als Chberedung.» Letzteres muss wohl Ehberedung heissen. 34
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tun.37 Vielleicht hatten sie eine Bedeutung in den Vorlagen oder Wortlisten, bevor diese in Streifen zerschnitten wurden. Vielleicht waren es auch Markierungen betreffend der Aufteilung der Stichwörter und Belege auf die beiden gleichzeitig entstehenden Lexika. Auf jeden Fall scheinen die schwarzen Sternchen von der Hand des Autors zu stammen. An wenigen Stellen ist ein fehlendes Wort eingefügt (überschrieben), manchmal steht quer am Rand eine zusätzliche Bemerkung. Zusammen mit den zahlreichen übergeklebten und zusätzlichen Zetteln deutet das auf eine mehrfache redaktionelle Überarbeitung hin. Eine Schlussredaktion scheint indessen ausgeblieben zu sein, vermutlich weil der Autor im Jahre 1768 unerwartet starb. So sind ein paar Zettel mit fast identischen Einträgen stehen geblieben (z.B. zu Klack, Lade, Lumpenzundel, Mutzig, Rämpfete, diese wurden in der Transkription so belassen). Bei einer Schlussredaktion wäre wohl jeweils einer der beiden Einträge herausgenommen worden. Dies betrifft nicht jene Fälle, wo ein Wort mit mehr als einer Bedeutung oder Verwendung auf mehrere Lemmata aufgeteilt ist. Für eine fehlende Schlussredaktion spricht auch der Hinweis auf einen grammatischen Anhang, der fehlt.38 Ebenso gibt es für die nur stichwortartig genannte Literatur mit Autornamen oder einem vorläufigen Kurztitel kein Verzeichnis. Sie musste mit viel Aufwand für die Edition aufgelöst werden (s. Quellenverzeichnis). Vermutlich hatte Spreng diese Arbeitsgänge noch vorgehabt.39 Es fehlt ein Vorwort, bei anderen Publikationen hatte Spreng ein solches geschrieben. Hinweise und Bemerkungen oder Korrespondenzen des Verfassers zum Manuskript, zur Entstehung und zur Herkunft der Daten, zur verfolgten Absicht oder der zu erwartenden Leserschaft finden sich nirgends, auch nicht im übrigen Nachlass.40
In der Vorrede von 1758 zu den beiden Probeblättern für das grosse deutsche Glossarium hatte Spreng zwei Markierungen mit Sternchen und einem Sternkreiszeichen vorgesehen für Wörter, die nicht allgemein bekannt, aber doch irgendwo in Gebrauch seien; ebenso für Wörter, die veraltet und nicht mehr zum Gebrauch empfohlen sind. Beide Merkmale treffen auf die schwarzen und roten Sternchen im Idioticon nicht zu. Vielleicht ergibt sich eine Lösung, wenn man dank Suchfunktion einmal alle diese Wörter miteinander vergleichen kann. (Spreng, Vorschlag eines allgemeinen deutschen Glossars. gedruckt Freiburg i.Br. 1759. [Ein Vorwort mit Einladung zur Subskription und zwei Probeseiten, im 1. Bd. des handschr. Glossarium in der UB Basel, Nachlass J. J. Spreng]). 38 212r: wäschen, für waschen, lavare. s. *die Verba anomala in dem Anh. In M. Richeys Idioticon Hamburgense von 1743 gab es einen solchen grammatischen Anhang mit Hinweisen zum Vokalismus, Konsonantismus und der Flexion u.a. 39 Im Manuskript zum 20-bändigen grossen Wörterbuch hat Spreng dasselbe Ver fahren der Papierstreifen und der abgekürzt zitierten Literatur verwendet. 40 Gemäss Findbuch zum Nachlass Johann Jakob Spreng. Signatur NL 71. 37
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Am Ende des Bandes, auf der letzten Einband-Innenseite angeklebt, befindet sich ein gedrucktes Subscriptions-Formular in der Grösse eines heutigen A-6 Zettels: No. Vorweiser bezahlt Vorschuß auf deutschen GLOSSARII den
Exempl. von dem ersten Teile des allgemeinen Gulden. Bescheinigt 175
Diese Vorbestellung betrifft nicht das Idioticon, sondern das 20-bändige Deutsche Glossarium, das ebenfalls aus der Feder von J. J. Spreng unpubliziert in der UB Basel lagert.41
E n t st eh u ngsz ei t Aus den Lebensdaten des Autors, den zitierten Werken und anderen Ver gleichen wurde bisher die Entstehungszeit oder das Ende derselben um das Jahr 1760 festgesetzt. Auf dem Subscriptionszettel für das grosse Glossarium, der auf der hinteren Umschlaginnenseite des Idioticons eingeklebt ist, war die Jahreszahl 175… vorgedruckt. Socin vermutet, dass das Idioticon entstanden sein könnte, nachdem sich 1758 für das Glossarium nicht genug Subscribenten fanden. Er zitiert eine Bemerkung Sprengs aus dem Jahre 1743, wo er von der «Notwendigkeit eines kritischen deutschen Wörterbuches sowohl für die Deutschen überhaupt, als auch insbesondere für die Schweizer, Schwaben, Franken u. dgl.» spricht.42 Spreng behandelt im Eidgenoß von 1749 einige solcher Idiotismen. In einem Beitrag in der Wochenschrift Sintemal aus dem Jahre 1759 schreibt er davon, dass man «eine ziemliche Mänge solcher Alter tümer und den darzu erforderlichen entscheidenden Geschmack durch eine vieljährige Prüfung erworben» haben müsse.43 Das würde heissen, dass er sich damals bereits viele Jahre mit der Materie beschäftigt hatte. Der Zeitpunkt für den Beginn des Sammelns könnte also schon in den vierziger Jahren liegen.44 Die Rückseite eines solchen Vorbestell-Formulars wurde zerschnitten und nach Seite 18 als Einlegezettel benutzt. 42 Socin 1888, S. 2. Ein «kritisches» Wörterbuch war im damaligen Sprachgebrauch eines mit klaren Bedeutungs- und bei historisch-kritischen Wörterbüchern auch mit historischen Herkunfts-Angaben. 43 Spreng, Johann Jakob, Der Sintemal. Eine eidgenössische Wochenschrift auf das Jahr 1759. Basel 1759, S. 66. Vgl. auch Haas, Walter (Hrsg.) Provinzialwörter. Deutsche Idiotismensammlungen des 18. Jahrhunderts. Berlin 1994, S. 566. 44 Socin, Adolf, Johann Jacob Sprengs Idioticon Rauracum. Bearb. von A. Socin (Mit einem Vorwort zu J. J. Spreng). In: Alemannia Bd. 15. Bonn 1888, S. 3f. 41