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Die Cappella Gregoriana

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B H R Istituto Svizzero di Roma | www.istitutosvizzero.it

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KASPAR ZOLLIKOFER

DIE CAPPELLA GREGORIANA DER ERSTE INNENRAUM VON NEU-SANKT-PETER IN ROM UND SEINE GENESE

Am 11. Juni 1580 liess Papst Gregor XIII. im Rahmen einer als Grossanlass durchgeführten Prozession die im Kloster Santa Maria in Campo Marzio in Rom aufbewahrten Reliquien Gregors von ­Nazianz

in die nordöstliche Eckkapelle von Neu-Sankt-Peter überführen. Sankt Peter präsentierte sich zu diesem Zeitpunkt – nach über siebzigjähriger Bauzeit – immer noch als unvollendeter Rohbau und ohne die grosse Kuppel. Mit der Deposition der Reliquien und der Einrichtung der nach ihrem Stif­Interieurs des damals grössten sakralen Bauwerks des Abendlandes in den Vordergrund. Prägend für die künstlerische Ausstattung der Kapelle sind sowohl die Inkrustationen aus bunten Marmoren als auch die monumentalen Mosaikbilder, die beim zeitgenössischen Publikum grosses Aufsehen erregten.

Die vorliegende Studie untersucht die bislang kaum erforschte Genese des ersten liturgisch und künstlerisch ausgestatteten Innenraumes von Neu-Sankt-Peter und interpretiert diesen in einem umfassenden kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext. Hierzu wurden neben bekannten Quellen auch

ZOLLIKOFER

etliche neu erschlossene historiographische und literarische Zeugnisse herangezogen.

DIE CAPPELLA GREGORIANA

ter benannten Cappella Gregoriana rückte erstmals die liturgische und künstlerische Gestaltung des

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

I S B N 978-3-7965-3350-1

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783796 533501


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Herausgegeben von Michele Luminati und Philippe Mudry Istituto Svizzero di Roma | Schweizerisches Institut in Rom | Institut Suisse de Rome


KASPAR ZOLLIKOFER

DIE CAPPELLA GREGORIANA DER ERSTE INNENRAUM VON NEU-SANKT-PETER IN ROM UND SEINE GENESE

SCHWA B E V ER LA G B A S EL


Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung

und des Istituto Svizzero di Roma

Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Copyright © 2016 Fotografien/Abbildungen vgl. Abbildungsnachweis Lektorat: Iris Becher, Schwabe Satz/Layout: Claudia Gerken, Rom; Kaspar Zollikofer, Zürich/Rom Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3350-1 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt Vorwort und Dank ...................................................................................................................    5 Einleitung . . .............................................................................................................................    7 1.

Vergessene Anfänge .. ......................................................................................................   11

1.1

Bemerkungen zur Forschung ...........................................................................................   11

1.2

Quellen .......................................................................................................................   15

2.

Die Cappella Gregoriana und ihre Genese ..........................................................................   25

2.1

Räumliche Gestalt, Architektur, Ausstattung . . .....................................................................   25

2.2

Veränderungen der liturgischen und künstlerischen Ausstattung .............................................   28

2.3

Ursprüngliche Gestalt ....................................................................................................   31

2.4

Prosopographica: Bemerkungen zu den am Bau beteiligten Personen .......................................   33

2.5

Entstehungsgeschichte . . ..................................................................................................   38

3.

Die Altäre der Kapelle und ihre Bilder ...............................................................................   49

3.1

Das Bild der Madonna del Soccorso im Hauptaltar ..............................................................   49

3.2

Die Nebenaltäre ............................................................................................................   60

4.

Die Bilderwelt der Cappella Gregoriana .............................................................................   67

4.1

Lünettenmosaike . . .........................................................................................................   67

4.2

Das Relief der Fusswaschung ...........................................................................................   83

4.3

Das Bildensemble der Altarwand: Visuelle Dogmatik ...........................................................   86

4.4

Exkurs: Die Cappella Gregoriana und ihre Funktion als Sakramentskapelle ..............................   89

4.5

Die Mosaike der Kirchenväter in den Pendentifs .. ................................................................   90

4.6

Die Orgel ....................................................................................................................  102


5.

«Venerabile Corpus sancti Gregorij Nazianzeni» .................................................................. 107

5.1

Geschichte der Reliquien und Hagiographie Gregors von Nazianz . . ................................ 107

5.2

Die Translation der Reliquien in die Cappella Gregoriana .. ............................................  114

5.3

Die spirituelle Vorbereitung der Translation: Die Predigt des Francesco Panigarola .. ..........................................................................  127

6.

Wundertätige Bilder, heilige Körper, griechische Christen . . ....................................................  139

6.1

Die Verbindung von wundertätigem Bild und Körperreliquie im Hauptaltar der Cappella Grego­riana .............................................................................  139

6.2

Das Interesse für die orientalischen Kirchen und die patristische Kultur an der Kurie Gregors XIII. ..............................................................................................  141

6.3

Die Neuinszenierung alter Marienbilder in Rom und die Disziplinierung ihres Kultes ................  149

7.

«La finezza delli marmori, […] l’eccellentia delli musaichi» ....................................................  161

7.1

Meraviglia der bunten Vielfalt . . ........................................................................................  161

7.2

Marmore und Buntgesteine in Antike und Früher Neuzeit ....................................................  162

7.3

Monumentalisierung des lavoro di commesso: Kabinettstücke als Vorbilder für die Marmorinkrustationen der Cappella Gregoriana? .......................................................  169

7.4

Die Beschaffung von Buntgesteinen, oder: Roms Bodenschätze ..............................................  173

7.5

Spolien in der Cappella Gregoriana . . .................................................................................  174

7.6

Marmorinkrustationen und Mosaike in der Kunstliteratur des 16. Jahrhunderts ......................................................................................................  178

7.7

St. Peter und die Cappella Gregoriana im Kontext des Wissens über Buntgesteine und Mosaike im 16. Jahrhundert . . ...........................................................  193

8.

Raum als Medium? Darstellung und Gestaltung von Raum ...................................................  207

8.1

Die Signifikanz der räumlichen Anordnung von Bildern – ein Gedankenspiel ...........................  207

8.2

Bemerkungen zur Geschichte des Raumbegriffs . . .................................................................  208

8.3

Raumdarstellungen im vatikanischen Palast Gregors XIII. .....................................................  210

9.

Patristisch inspirierte Ausstattungspläne für Neu-St.-Peter .....................................................  225

9.1

Die Reliquien des Johannes Chrysostomos .........................................................................  225

9.2

Orient und Okzident .....................................................................................................  228

9.3

Der mediale Charakter von Raum ....................................................................................  232

9.4

«Conforme alla Gregoriana»: Die Kapelle Gregors XIII. als Modell .........................................  234


Quellenanhang ........................................................................................................................  239

Dokumente A1–A17: Schriften des Tiberio Alfarano . . ..........................................................  240

Dokumente B1–B13: Diarien der päpstlichen Zeremonienmeister Francesco und Giovanni Paolo Mucanzio . . .......................................................................................  250

Dokumente C1–C2: Schrift des Sebastiano Torello über Gregor von Nazianz, dessen Reliquien sowie die Cappella Gregoriana ..................................................................  257

Dokumente D1–D8: Bericht des Fortunio Lelio über die Translation von 1580 .. .......................  262

Dokumente E1–E9: Schrift des Berardino Rastelli über die Translation von 1580 ......................  265

Dokument F1: Beschreibung der Cappella Gregoriana von Ascanio Valentino . . .........................  268

Dokument G1: Gedicht des Aquiles Estaço ........................................................................  277

Dokumente H1–H2: Vita Gregors von Nazianz von Cesare Baronio .......................................  279

Dokumente J1–J10: Zeugnisse verschiedener Autoren in Zusammenhang mit der Cappella Gregoriana .. ..........................................................................................  283

Dokumente K1–K24: Korrespondenz betreffend die Mosaike der Cappella Gregoriana ................................................................................................  289

Dokumente L1–L2: Beischriften auf den gestochenen Plänen der Cappella Gregoriana .. ..............................................................................................  295

Dokumente M1–M92: Dokumente zu Bau und Ausstattung der Cappella Gregoriana .................................................................................................  296

Anhang ..................................................................................................................................  313

Literaturverzeichnis ........................................................................................................................  314

Index ..............................................................................................................................................  332

Abbildungen ...................................................................................................................................  345

Abbildungsnachweis .......................................................................................................................  382


Vorwort und Dank Den Ausgangspunkt meiner Studie bildete die in der Forschung bisher nur marginal behandelte Frage nach den Anfängen der Innenausstattung von Neu-St.-Peter in Rom: Weshalb wurde von 1578 bis 1581 – zu einer Zeit, als der Neubau der Basilika sich insgesamt noch als architektonischer Torso präsentierte – ein Teil des riesigen Interieurs, nämlich die heutige Cappella Gregoriana, zu einem vollendeten und benutzbaren Kirchenraum ausgestaltet? Die Untersuchung dieser Frage sowie zahlreicher weiterer mit ihr verbundener Aspekte ist Gegenstand des vorliegenden Buches. Im Laufe der Entstehung der Arbeit haben mich viele Personen unterstützt. Nicht alle können hier namentlich genannt werden. Besonders verbunden bin ich meinen wichtigsten Gesprächspartnern Christoph Riedweg, Bram Kempers und Rudolf Preimesberger. Christoph Riedweg nahm es auf sich, das Manuskript als Erster zu lesen. Für seine konstruktive Kritik bin ich ihm sehr dankbar. Bram Kempers unterzog den Text einer weiteren kritischen Lektüre und gab mir manche Anregung. Rudolf Preimesberger verfasste ein ausführliches Gutachten im Hinblick auf die Publikation der Arbeit. Christoph Riedweg, Michele Luminati und Philippe Mudry, den Herausgebern der Bibliotheca Helvetica Romana, verdanke ich die Aufnahme in die Buchreihe des Istituto Svizzero di Roma. Ein grosser Dank geht an Iris Becher vom Schwabe Verlag für ihr souveränes und kritisches Lektorat sowie für die kompetente Begleitung der Buchherstellung. Claudia Gerken danke ich für den sorgfältigen Satz des Buches. Das Forschungsprojekt konnte nur aufgrund eines namhaften finanziellen Beitrags des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung durchgeführt werden. Der Schweizerische Nationalfonds und das Istituto Svizzero di Roma haben den Druck des Buches finanziert, wofür ebenfalls bestens gedankt sei. Rom, im Oktober 2015 Kaspar Zollikofer


Einleitung Am 11. Juni 1580 liess Papst Gregor XIII. im Rahmen einer als Massenveranstaltung durchgeführten Prozession die im Kloster S. Maria in Campo Marzio in Rom aufbewahrten Reliquien Gregors von Nazianz in die nordöstliche Eckkapelle von Neu-St.-Peter übertragen (Abb. 2 Nr. 4, 78). Mit der Deposition der Reliquien in der nach ihrem Stifter benannten Cappella Gregoriana wurde der erste vollständig ausgestattete und liturgisch funktionsfähige Innenraum der neuen Basilika offiziell eingeweiht (Abb. 18, 22). Die unter der Leitung des Architekten Giacomo Della Porta mit Inkrustationen und Mosaiken reich ausgestattete Kapelle erregte beim zeitgenössischen Publikum umso grösseres Aufsehen, als sich Neu-St.-Peter nach über siebzigjähriger Bauzeit immer noch als Rohbau und ohne die grosse Kuppel präsentierte (Abb. 5, 6). Da die im Grundriss L-förmige, aus drei ineinander übergehenden Räumen bestehende Cappella Gregoriana über einen eigenen Eingang und eine Orgel verfügte, bildete sie gleichsam eine Kirche in der Kirche, die für mehr als ein Jahrzehnt der erste und einzige benutzbare Sakralraum von Neu-St.-Peter bleiben sollte (Abb. 2, 4). Nachdem Papst Julius II. 1506 den Grundstein für den Bau von Neu-St.-Peter gelegt hatte, ging es während Jahrzehnten so gut wie ausschliesslich um die Architektur der neuen Basilika. Erst mit der Einrichtung der Cappella Gregoriana rückte die liturgische und künstlerische Gestaltung des riesigen Interieurs in den Vordergrund. Mit den Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen die Kapelle entstanden ist, hat sich die Forschung bisher kaum beschäftigt. In der vorliegenden Studie geht es darum, den Raum als Keimzelle der Ausstattung von Neu-St.-Peter zu untersuchen und ihn im kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext zu interpretieren. Zu diesem Zweck wurden erstmals die verstreut veröffentlichten sowie viele neu erschlossene Quellen aufbereitet und systematisch zusammengestellt. Der dadurch gewonnene Überblick bildete eine Grundlage, um Fragen zu formulieren und die Schwerpunkte der Untersuchung zu bestimmen. Ein zentrales, unter verschiedenen Gesichtspunkten behandeltes Thema stellt die liturgische Ausstattung der Kapelle dar. Deren Hauptaltar zeichnet sich dadurch aus, dass er sowohl mit dem als wundertätig geltenden Bild der Madonna del Soccorso als auch mit der Körperreliquie Gregors von Nazianz ausgestattet wurde, was in seinem Doppelpatrozinium zum Ausdruck kommt (Abb. 28, 29). Vor dem Hintergrund der tridentinischen Reformdekrete hat die zweifache Besetzung des ersten Altars von Neu-St.-Peter programmatischen Charakter, bekundet sie doch die devotionale Parität von wundertätigem Bild und Reliquien. Die Neuaufstellung des Bildes steht überdies in Zusammenhang mit der Wiederbelebung der Verehrung alter Marienbilder in Rom, die von Gregor XIII. gefördert wurde. Die Aufwertung dieser Bilder rückte die historische Dimension des marianischen Kultes in den Vordergrund und liess diesen umso mehr als traditionsreiche, spezifisch katholische Form der Frömmigkeit erscheinen. Was die Reliquien Gregors von Nazianz betrifft, lässt sich zeigen, dass nicht nur die Namensgleichheit des Heiligen mit dem Boncompagni-Papst eine Rolle spielte, sondern besonders auch das Faktum, dass es sich um die sterblichen Überreste eines griechischen Kirchenlehrers handelte. Eigentlich hätte deren Translation nach St. Peter bereits am 16. März 1578 vollzogen werden sollen, wurde aber wegen starker Regenfälle abgebrochen und fand schliesslich


Einleitung

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erst statt, als die künstlerische Ausstattung der Cappella Gregoriana weitgehend vollendet war. Die mit grossem Aufwand inszenierte Übertragung der Reliquien sowie eine den Anlass vorbereitende, von dem berühmten Kanzelredner Francesco Panigarola gehaltene Predigt hatten den Sinn, den im Westen wenig bekannten Heiligen einer breiten Öffentlichkeit in performativen Medien vorzustellen (Abb. 78). Folgerichtig fanden sich im Festapparat epigraphische Elemente in Latein wie in Griechisch und fehlten auch griechische Gesänge und Sprechchöre nicht. Den theologischen und ideologischen Hintergrund für die Aufwertung des östlichen Heiligen bildeten die kirchenpolitischen Bemühungen Gregors XIII., die griechische und andere orientalische Kirchen enger an Rom zu binden und sie der Obhut des römischen Bischofs zu unterstellen. An der Kurie des Boncompagni-Papstes gab es zudem einen noch kaum erforschten Kreis von Personen, die sich auf verschiedene Weise mit der griechischen Kirche und ihrer Tradition beschäftigten. Dazu gehörten Prälaten, die kraft ihrer Ämter mit orthodoxen und orientalischen Christen zu tun hatten, sowie Philologen, die Texte griechischer Kirchenväter edierten und ins Lateinische übersetzten. Seit der Glaubensspaltung hatten die Schriften der westlichen wie der östlichen Väter als Zeugnisse der exegetischen und dogmatischen Tradition für die katholische Kirche an Bedeutung gewonnen. In diesem grösseren Zusammenhang wird das von der ausgewogenen Präsenz lateinischer und griechischer Kirchenväter geprägte Ausstattungsprogramm der Cappella Gregoriana verständlich (Abb. 17, 18). Die vier kolossalen Mosaikbildnisse in den Pendentifs zeigen nämlich Gregor den Grossen und Hieronymus sowie Gregor von Nazianz und Basileios von Caesarea, während einer der beiden Nebenaltäre Hieronymus, der andere Basileios geweiht ist. Die Ausstattung der Gregoriana führte somit vor Augen, dass sowohl die lateinischen als auch die griechischen Kirchenväter Zeugen der Tradition der katholischen Kirche sind. Den Quellen ist zu entnehmen, dass es nicht nur die materielle Pracht der Ausstattung, sondern auch die künstlerische Gestaltung und die handwerkliche Fertigung der Marmorinkrustationen und der Mosaike waren, welche bei den Zeitgenossen Erstaunen und Bewunderung, meraviglia und stupore, hervorriefen und zu Vergleichen mit der Antike anregten (Abb. 22, 30–33). Tatsächlich ist die Cappella Gregoriana der erste neuzeitliche Sakralraum Roms, in dem das in der Antike entwickelte künstlerische Medium der bunten Marmorinkrustation in einem bis dahin unbekannten Ausmass zur Anwendung kam. Aus diesem Grund werden in der vorliegenden Studie die historischen, ideologischen und ästhetischen Voraussetzungen seiner Wiederaufnahme in Neu-St.Peter auf breiter Basis untersucht. Für die Kenntnis antiker Marmordekorationen waren nebst den Resten der antiken Bauwerke Roms die Ausführungen in der Naturgeschichte Plinius’ des Älteren von Bedeutung. Giorgio Vasari schrieb in seinen Künstlerviten nicht nur über Mosaike und Arbeiten aus Buntgesteinen, sondern war auch als Entwerfer von Einlegearbeiten tätig. Möglicherweise hat sein nicht realisiertes Projekt, die Cappella dei Principi der Kirche S. Lorenzo in Florenz mit Buntgesteinen zu dekorieren, die Ausstattung der Cappella Gregoriana mitbestimmt. Evozierten die Marmorinkrustationen kaiserzeitliche Bauwerke, so wurde mit den Mosaiken ein Medium wieder aufgenommen, das nach dem Wissen des 16. Jahrhunderts die christliche Kunst der Spätantike und des Mittelalters geprägt hatte. Zeugen dafür waren um 1580 unter anderem die noch bestehenden Reste der Ausstattung von Alt-St.-Peter. Die Analyse der in der Kapelle vorhandenen Bilder macht deutlich, dass diese formal wie inhaltlich miteinander in Verbindung stehen, sich auf die Architektur des Inneren beziehen und in ihrer Gesamtheit eine zusammenhängende Bilderwelt konstituieren, die den ganzen Raum umfasst und grundlegende dogmatische Inhalte reflektiert. Die ausgeprägte architektonische und räumliche Gliederung der Kapelle wurde als Ordnungssystem für das Konzept dieser Bilderwelt fruchtbar gemacht (Abb. 22). Dass man sich am Hof Gregors XIII. in wissenschaftlicher wie in künstlerischer Hinsicht mit der Dimension des Räumlichen beschäftigte, bringen die Dekorationen mehrerer Räume im vatikanischen Palast zum Ausdruck. Sie entstanden unter Mitwirkung des päpstlichen Kosmographen und Mathematikers Egnazio Danti und zeigen verschiedene Arten der projektiven Darstellung sowie der künstlerischen Vortäuschung von Raum (Abb. 76, 79, 80). In ihnen dürften Ansätze eines


Einleitung

mathematisch und physikalisch geprägten Raumverständnisses sichtbar werden, das sich erst im 17. Jahrhundert voll ausbilden sollte. Die Cappella Gregoriana als ersten Teil von Neu-St.-Peter auszustatten, bedeutete, die Gestaltung dieses grössten sakralen Innenraumes des Abendlandes wenigstens teilweise festzulegen. Genau das dürfte Gregor XIII. angestrebt haben, wie seine bisher unbekannten Ideen für die Ausstattung der übrigen Eckkapellen bezeugen. Er hatte nämlich beschlossen, die der Gregoriana gegenüberliegende Eckkapelle, die heutige Cappella Clementina, dem Johannes Chrysostomos zu weihen und dessen in Alt-St.-Peter aufbewahrte Reliquien hierhin übertragen zu lassen (Abb. 2 Nr. 15). Damit wären die beiden östlichen Eckkapellen griechischen Heiligen gewidmet ge­ wesen. Mehrere Indizien weisen darauf hin, dass die beiden westlichen Kapellen die sterblichen Reste lateinischer Kirchenväter aufnehmen sollten, so dass die Reliquien entsprechend der geographischen Herkunft der Heiligen angeordnet gewesen wären und das unter der grossen Kuppel gelegene Grab des Apostels Petrus umgeben hätten. Neu-St.-Peter hätte das architektonisch-räumliche Idealbild einer unter der Obhut des ersten römischen Bischofs stehenden christlichen Ökumene abgegeben. Die Cappella Gregoriana war demzufolge Teil eines alle vier Eckkapellen umfassenden patristisch inspirierten Ausstattungskonzeptes, bei dem das für den Umgang mit geographischem Raum gebräuchliche Ordnungssystem auf architektonisch gebildeten Raum übertragen werden sollte. Der architektonische Raum der Basilika hätte somit geographischen Raum repräsentiert und mediale Qualität erhalten. Für die Analogisierung von architektonischem und geographisch-natürlichem Raum dürften die riesigen, geläufige Massstäbe ausser Kraft setzenden Dimensionen des Neubaus sowie der damit verbundene Anspruch, das wichtigste und grösste Bauwerk der christlichen Welt zu sein, eine Rolle gespielt haben. Auch wenn Gregors XIII. Pläne für die Disposition der Reliquien nicht zur Ausführung gelangten, ist es augenscheinlich, dass die Cappella Gregoriana das verbindliche Modell für die in den folgenden Jahrzehnten geschaffenen Ausstattungen der übrigen drei Eckkapellen bildete (Abb. 46–51).

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1. Vergessene Anfänge

1.1

Bemerkungen zur Forschung

Obwohl die Zeitgenossen den Beginn der Ausstattung des Inneren von Neu-St.-Peter deutlich wahrgenommen und besprochen hatten, blieb er in der späteren kunstgeschichtlichen Forschung so gut wie unbeachtet. Nach den Umständen und Bedingungen, unter denen die Cappella Gregoriana als erster Innenraum der neuen Basilika ausgestaltet wurde, hat man kaum gefragt (Abb. 2, 22). Das mag unter anderem daran liegen, dass die Kapelle Gregors XIII. relativ bald in der Ausstattung des gesamten Neubaus aufgegangen ist. Bevor jedoch die fortuna critica des ersten Interieurs zur Sprache kommt, sind ein paar Bemerkungen zur Forschung über Neu-St.-Peter im Allgemeinen anzubringen. Nachdem Heinrich von Geymüller 1875 die frühen Entwürfe für den Neubau erstmals kommentiert veröffentlicht hatte,1 beschäftigte sich die Forschung hauptsächlich mit der wechselvollen Planungs- und Baugeschichte, die mit den Namen der wichtigsten Künstler der Renaissance wie Bramante, Raffael, Antonio da Sangallo der Jüngere und Michelangelo, verbunden ist. Die Zahl der entsprechenden Publikationen ist heute nicht mehr überschaubar.2 Eine verlässliche Zusammenfassung der Planungs- und Baugeschichte bietet Georg Satzinger im Ausstellungskatalog zum fünfhundertjährigen Jubiläum der Grundsteinlegung von Neu-St.-Peter.3 Da sich das Interesse der päpstlichen Auftraggeber und der Architekten oftmals mehr auf die Planung des riesenhaft konzipierten Neubaus als auf dessen Realisierung konzentrierte, waren Planänderungen häufig und kam der Bau nur langsam voran. Diese Sachlage hat die Forschung beeinflusst: Sie beschäftigte sich ausführlich mit den oft utopisch anmutenden Projekten und bemühte sich darum, auf der Grundlage von erhaltenen visuellen Zeugnissen wie Plänen, Zeichnungen und wenigen Modellen die wechselnde Gestalt des geplanten, aber immer nur zu Teilen ausgeführten Bauwerkes zu rekonstruieren. Ausserdem versuchte man, visuelle und schriftliche Dokumente mit dem im Entstehen begriffenen Bau zusammenzubringen. Da dieser nur langsam vorankam, stellen die ersten sieben Jahrzehnte der Planungs- und Bauzeit von Neu-St.-Peter ein rein architekturgeschichtliches Forschungsobjekt dar. Die Voraussetzungen ändern sich erst für Untersuchungen der Zeit nach 1578, als mit der Dekoration der Cappella Gregoriana die Ausstattung des Inneren der neuen Basilika begann. Da die Hauptkuppel erst 1590 fertiggestellt war und weitere fünfzehn Jahre vergehen sollten, bis der noch bestehende Teil des alten Langhauses durch Carlo Madernos Neubau ersetzt wurde, ist auch diese Phase der Entwicklung vornehmlich Gegenstand architekturgeschichtlicher Studien. Zum Objekt der Forschung wird die Dekoration des Inneren erst im Zu-

1 2 3

Vgl. Geymüller 1875. Vgl. Thoenes 1997, S. 26. Vgl. Satzinger 2005a.


Vergessene Anfänge

12

sammenhang mit der um 1615 einsetzenden liturgischen und künstlerischen Ausstattung des Langhauses.4 Das Schwergewicht liegt dabei auf der Periode, in der St. Peter unter der Ägide des Gian Lorenzo Bernini und unter Beteiligung der bedeutendsten Künstler der Zeit mit jenen gestalterischen und liturgischen Elementen (Pilaster des Langhauses, Nischen der Kuppelpfeiler, Baldachin, Cathedra-Altar) ausgestattet wurde, welche die heutige Erscheinung des immensen Kirchenraumes prägen. Einen Überblick über die komplexe Geschichte der Ausstattung bietet Sebastian Schütze in der bereits erwähnten Publikation zum fünfhundertjährigen Jubiläum der Grundsteinlegung von Neu-St.-Peter.5 Die chronologisch weitgespannteste Übersicht stammt von Christof Thoenes, umfasst sie doch die Geschichte von Bau und Ausstattung sowohl der alten wie der neuen Basilika.6 Im Folgenden werden die wichtigsten, sich mit der Cappella Gregoriana beschäftigenden Forschungsarbeiten kurz vorgestellt und charakterisiert, damit später in verschiedenen Zusammenhängen auf sie zurückgegriffen werden kann. Mit der Ausstattung des Inneren von Neu-St.-Peter hat sich erstmals Herbert Siebenhüner eingehender beschäftigt. In einer 1962 erschienenen Arbeit behandelt er den Zeitraum von 1547 bis 1606, das heisst vom Pontifikat Pauls III. bis zum Abbruch des Langhauses der alten Basilika unter Paul V.7 Den Beginn der Ausstattung setzt Siebenhüner mit den Arbeiten für das Grabmal Pauls III. an. Dabei geht es vornehmlich um dessen von Guglielmo Della Porta geschaffene statuarische Figuren und die nicht mehr erhaltene Nischenarchitektur, die einen ersten, aber kaum ins Gewicht fallenden Beitrag zur Dekoration des Neubaus von St. Peter darstellen. Die von Siebenhüner auf der Grundlage veröffentlichter Quellen sowie der Sekundärliteratur, jedoch ohne Konsultation von Primärquellen rekonstruierte Genese der Cappella Gregoriana ist heute überholt, ebenso seine These, die Gregoriana sei insofern eine partielle Lösung, als «[…] keine Verbindung mit anderen Raumabschnitten des Zentralbaues, weder mit den anderen Nebenkuppeln noch mit dem Raum unter der Hauptkuppel gesucht wurde».8 Verstreute Angaben zur Entstehung der Gregoriana enthält darüber hinaus Ennio Francias zweiteilige Storia della costruzione del Nuovo San Pietro. Da die Arbeit an Zuverlässigkeit einiges zu wünschen übrig lässt, ist ein Teil der dort gemachten Angaben nicht verwertbar, der restliche Teil nur mit Vorbehalten zu übernehmen.9 Ein grundlegendes Werk zur Ausstattung von Neu-St.-Peter hat Louise Rice verfasst.10 Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf den Altären aus der Zeit nach der Errichtung des Langhauses durch Carlo Maderno, doch beschäftigt sich die Autorin in einleitenden Kapiteln auch mit der Ausstattung in den vorangegangenen Jahren. Den Anfang der Dekoration der neuen Basilika lässt Rice mit der Cappella Gregoriana beginnen, da in dieser der erste Altar errichtet wurde. Die Resultate der älteren Forschung sind kritisch aufgearbeitet, so dass das Werk die Basis auch für die Beschäftigung mit der frühen Phase der Ausstattung der Basilika bildet. Einen gerafften Überblick über die Entstehung und Ausstattung der Cappella Gregoriana vermitteln die katalogartigen Beiträge («schede») in dem grossen, zum Jubiläumsjahr 2000 erschienenen Photoatlas der vatikanischen Basilika. Steven S. Ostrow resümiert hier die Entstehungsgeschichte der Gregoriana und gibt eine knappe Würdigung der Kapelle.11 Die einzelnen Altäre und Bilder werden in kurzen monographischen Beiträgen vorgestellt, wobei ikonographische Aspekte im Vordergrund stehen. Federico Bellini hat die Baugeschichte der Cappella Gregoriana mithilfe von Quellen in grossen Zügen rekonstruiert und geht kurz auf die Entstehung und Bedeutung der Ausstattung ein.12 Er sieht das Bildprogramm

4  5  6  7  8  9 10 11 12

Grundlegend dazu ist Rice 1997. Vgl. Schütze 2005. Vgl. Thoenes 2011. Vgl. Siebenhüner 1962. Vgl. idem, S. 274–275. Vgl. Francia 1977, 1989. Die Zuverlässigkeit von Francias Angaben wird auch von Bellini 2002, S. 343, Anm. 1, in Frage gestellt. Vgl. Rice 1997. Vgl. Ostrow 2000, S. 666–667, sowie die Beiträge verschiedener Autoren in Basilica 2000, Schede, S. 667–681. Vgl. Bellini 2002. Die in Bellini 2011 enthaltenen Ausführungen über die Cappella Gregoriana beruhen auf der 2002 erschienenen Arbeit des Autors. Leider unterlässt es Bellini, bei den in seinem Buch edierten Quellen auf frühere Veröffentlichungen der Dokumente hinzuweisen.


Bemerkungen zur Forschung

als Reflex der auf die Rückgewinnung der schismatischen griechischen Christen ausgerichteten Kirchenpolitik Gregors XIII., allerdings ohne das Argument zu vertiefen. Aufschlussreich sind Bellinis Ausführungen über die Differenzen zwischen der Ausstattung Della Portas und der Architektur Michelangelos, wobei die Auswirkungen der Marmorinkrustationen auf die Architektur kritisch beurteilt werden. Die Cappella Gregoriana ist unter anderem auch Gegenstand von Alessandro Brodinis Studie über die Nebenkuppeln von Neu-St.-Peter. Dabei geht es nicht um die Architektur und das Innere der Kapelle, sondern um Sinn und Bedeutung der pavillonartigen äusseren Kuppel (Abb. 10).13 Ob Michelangelo auf den Eckkapellen Kuppeln zu errichten gedachte oder ob erst seine Nachfolger diese padiglioni konzipiert haben, lässt sich nicht feststellen. Die Kuppel auf der Gregoriana spielt insofern eine besondere Rolle, als sie gemäss Brodini in Abhängigkeit von den Planungen der Hauptkuppel errichtet und nachträglich an ihr Pendant über der Cappella Clementina angepasst wurde. Brodini weist die von Bellini vertretene Auffassung, mit der Fundierung der Gregoriana sei erst im Sommer 1571 unter Jacopo Barozzi da Vignola begonnen worden, zurück und spricht sich auf der Grundlage von Quellen für die zuvor schon von Henry Millon und Craig H. Smyth geäusserte Ansicht aus, Michelangelo habe die Fundamente noch zu Lebzeiten ausheben lassen, um wenigstens den Perimeter des Neubaus von St. Peter materiell zu fixieren.14 Der Vollständigkeit halber ist hier auch die von Anna Maria Orazi vertretene These, Vignola habe die Cappella Gregoriana inklusive ihrer äusseren Kuppel im Rohbau fertiggestellt, zu erwähnen.15 Sie hat sich als unhaltbar erwiesen und hätte 1997 eigentlich gar nicht mehr formuliert werden dürfen, denn bereits neun Jahre zuvor hatten Millon und Smyth nachgewiesen, dass bei Vignolas Tod im Sommer 1573 erst der untere Teil der Aussenmauern errichtet war.16 In Form eines kleinen Exkurses sind die hier verwendeten und auch in der Literatur gebräuchlichen Begriffe ‹Alt-St.-Peter› und ‹Neu-St.-Peter› kurz zu erläutern. Mit ‹Alt-St.-Peter› werden die auf Konstantin den Grossen zurückgehende Basilika respektive ihre Ende des 16. Jahrhunderts noch erhaltenen Teile bezeichnet. Bei diesen handelte es sich im Wesentlichen um das der Basilika vorgelagerte Atrium mit Quadriportikus und den stehengebliebenen Teil des alten Langhauses, der durch eine 1538 von Antonio da Sangallo dem Jüngeren errich­ tete Trennmauer, den sogenannten muro divisorio, gegen den Neubau abgeschlossen war (Abb. 2 Nr. 5, 7).17 Demgegenüber meint ‹Neu-St.-Peter› den unter Julius II. begonnenen Neubau des westlichen Teils der Anlage, dem seit 1506 die alte Basilika schrittweise zu weichen hatte. Von Anfang an standen die Planungen für den Neubau im Spannungsfeld zwischen Tradition und Erneuerung. So begann Nikolaus V. (1447–1455) einerseits damit, durch Bernardo Rossellino einen neuen, grösseren Chor erbauen zu lassen (Abb. 2 Nr. 1, 5) und plante, auch die Querschiffe zu vergrössern, während er andererseits das konstantinische Langhaus umfassend konsolidieren und mit neuen Fenstern und Malereien ausstatten liess. Auch Julius II. (1503–1513), unter dem Bramante den in grösseren Dimensionen entworfenen und weiter ausgreifenden Neubau begonnen hatte, scheint nicht den voll-

13 Vgl. Brodini 2009. 14 Vgl. idem, S. 82 und S. 102, Anm. 187; Bellini 2002, S. 334; Millon/Smyth 1988, S. 227–228. 15 Vgl. Orazi 1997, S. 206–208. 16 Vgl. Millon/Smyth 1988, S. 234, 259 (Anm. 130), 267. Diese Erkenntnis ist durch Bellini 2002 bestätigt worden. 17 Zum muro divisorio vgl. Thoenes 1992, besonders S. 53. Aus den Angaben des Tiberio Alfarano lässt sich erschliessen, dass die Trennmauer

– von der Ostwand des alten Langhauses aus gesehen – an der Westseite der elften Säulen des Mittelschiffes und der Seitenschiffe lag, d.h. im Bereich der ehemaligen zwölften Interkolumnien. Wie Alfaranos Lokalisierungen einzelner Objekte verdeutlichen, zählt der Autor die Säulen jedoch nicht von Osten nach Westen, sondern in entgegengesetzter Richtung, beginnend bei der Wand des ehemaligen Querschiffs; er nimmt somit die liturgische Perspektive ein. So befand sich beispielsweise die an der nördlichen Kolonnade des Mittelschiffs gelegene Orgel gemäss Alfarano (Plan Nr. 42) «[…] inter 13um et 14um columnarum ordinem a sinistro Basilicae […]» (Alfarano ed. 1914, S. 62), der auf der Südseite gelegene Simon-und-Judas-Altar (Plan Nr. 44) «[…] inter 17am et 18am columnam […]» (idem, S. 63). Nach Alfaranos Zählung erhob sich der muro divisorio im Bereich des elften Interkolumniums, wobei die nach dieser Zählung elften Säulen (von Osten her gesehen zwölften) vom Bau der Mauer nicht berührt worden waren: «[…] reliqua vero parte [des alten Langhauses] usque ad janua [d.h. die Ostwand mit den Portalen] undecimo etiam ordine columnarum sustentata illibata permanente, Paulus tertius Pont. Max. […] maximos parietes veterem et novam [basilicam] intersecantes in undecimo columnarum ordine extruxit» (idem, S. 62). Entsprechende Angabe an anderer Stelle: «[…] in pariete noviter a Paulo tertio extructo, qui per transversum intersecat hanc anteriorem sinistram navem, qui est inter 11um et 12um columnarum ordinem […]» (vgl. Dokument A6).

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ständigen Abbruch der alten Basilika angestrebt zu haben. Ebenso wenig beabsichtigten das seine Nachfolger.18 Der Beschluss Pauls V. von 1605, die Reste der alten Basilika wegen drohenden Einsturzes abzubrechen, wurde vom Kapitel von St. Peter nicht gut aufgenommen. In einem Schreiben baten die Kanoniker den Papst eindringlich darum, von den alten Bauten so viel als möglich zu bewahren. Als Argumente dafür nannten sie die vielen sich dort befindenden memoriae wie Altäre, Gräber und Inschriften sowie die mit den Bauten verbundene liturgische Tradition.19 In unserem Zusammenhang ist festzuhalten, dass für den Zeitraum zwischen 1570 und 1585 keine Planungen für einen Neubau des alten Ostteils der Basilika bezeugt sind. Im Gegenteil, mehrere unter Gregor XIII. getroffene bauliche und liturgische Massnahmen im Bereich des alten Langhauses sprechen dafür, dass man auf längere Sicht von der Koexistenz von Alt- und Neu-St.-Peter ausging.20 Wer sich mit der Geschichte von Neu-St.-Peter beschäftigt, ist mit nicht wenigen Problemen konfrontiert. Christof Thoenes hat festgestellt, dass heute die Menge des veröffentlichten Materials sowie die daraus gewonnenen Erkenntnisse das Erinnerungsvermögen einer einzelnen Person übersteigen. Aus diesem Grund zeigten sich in wissenschaftlichen Arbeiten Tendenzen des Vergessens, die sich darin äussern, dass einerseits längst bekannte Tatsachen übergangen, andererseits alte Argumente als neu vorgestellt werden.21 Thoenes nennt mehrere fehlende Arbeitsinstrumente wie eine kritische Bibliographie, Repertorien schriftlicher und bildlicher Quellen, eine Sammlung der Zeichnungen in vereinheitlichtem Massstab, eine Reihe von Rekonstruktionszeichnungen und anderes mehr.22 Für die Forschung zu St. Peter sei der Moment gekommen, sich über neue Organisationsformen und neue Kommunikationsmittel Gedanken zu machen, die dem Gegenstand angemessener seien und der Art der Recherchen, die als work in progress zu verstehen seien, besser entsprächen. Diese Feststellungen münden in die Frage, ob es früher oder später eine Datenbank für St. Peter geben werde.23 Trotz der Entwicklung der Informationstechnologie gibt es bis heute kein derartiges Instrument. Die Schwierigkeiten bei der Erforschung der frühen Ausstattung von Neu-St.-Peter ergeben sich indessen auch aus der Quellenlage. Die Menge des allein im Archivio della Fabbrica di San Pietro aufbewahrten Materials ist enorm und nur teilweise bearbeitet. Da das Archiv im 20. Jahrhundert mehr als einmal neu geordnet wurde,24 ist seine im Laufe der Jahrhunderte gewachsene Struktur nicht mehr erhalten. Die Kriterien, nach denen es neu zusammengestellt wurde, sind heute – wenn überhaupt – nur noch schwer zu erkennen. Hinsichtlich der Cap­ pella Gregoriana ist zu beachten, dass die Quellen nicht nur im Archiv der Fabbrica liegen, sondern auch in jenem der Tesoreria Segreta der Apostolischen Kammer, das heute im Archivio di Stato di Roma aufbewahrt wird. Dieser Bestand ist für den hier interessierenden Zeitraum kaum erforscht und benützt worden. In Anbetracht dieser Sachlage war es nicht möglich, sämtliche Bestände systematisch nach Angaben über die Gregoriana zu durchsuchen, denn Proben haben gezeigt, dass Aufwand und Ertrag in keinem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Daher wurden die Suche und Auswertung archivalischer Akten auf das Archiv der Fabbrica und auf den Zeitraum zwischen etwa 1570 und 1583 beschränkt. Ein Teil der hier im Quellenanhang unter dem Buchstaben

18 Zu den Plänen Nikolaus’ V. vgl. Satzinger 2005a, S. 46–48, zu jenen Julius’ II. idem, S. 49–55, und Thoenes 2011, S. 41–43. Bram Kempers macht plausibel, dass es unter Julius II. wohl Ideen, aber keine konkreten Planungen für eine Erneuerung des östlichen Teils der konstantinischen Basilika gab; vgl. Kempers 2013, passim; Kempers 1996, S. 212–236. Den unter Nikolaus V. begonnenen Chor liess Julius II. von Donato Bramante im Rohbau vollenden, in der Absicht, darin sein Grabmonument zu errichten. Vgl. Satzinger 2005a, S. 53–55. 19 Vgl. Richardson/Story 2013, mit Edition des Textes; Kempers 1996, S. 239. 20 Vgl. unten S. 229, Anm. 31 (Grimaldi ed. 1972, S. 78–79): Entfernen von Schranken beim Altar Gregors des Grossen; Dokument A4: Errichten des Altars der Madonna della Colonna; Dokument A8: Erneuern der Wandmalereien im Portikus; Dokument A14: Privilegierung des Altars Gregors des Grossen und eines anderen Altars als Totenaltäre. 21 Vgl. Thoenes 1997, S. 26. Diese Problematik zeigt sich beispielhaft in der im vorhergehenden Abschnitt genannten Arbeit über Vignolas Tätigkeit in St. Peter; vgl. Orazi 1997, passim, besonders S. 206–208. 22 Vgl. Thoenes 1997, S. 30. 23 Vgl. idem, S. 26. 24 Vgl. Bellini 2002, S. 344, Anm. 3.


Quellen

M zusammengestellten Originalquellen wurde mit Hilfe neuerer Bestandsverzeichnisse der Fabbrica gefunden. Da die Angaben in diesen Verzeichnissen sehr summarisch sind, war das Auffinden auch von Glück und Zufall bestimmt. Das bedeutet, dass unsere Kenntnisse über die Entstehung der Cappella Gregoriana lückenhaft sind und die weiter unten versuchte Rekonstruktion ihrer Errichtung bisweilen auf Interpolationen beruht. Auf die Lücken wird an den entsprechenden Stellen hingewiesen und den Konjekturen durch Formulierungen im Konjunktiv Rechnung getragen. Anzumerken ist, dass die hier skizzierte Genese ausführlicher als die von Federico Bellini unabhängig erarbeitete Entstehungsgeschichte ist, mit dieser aber in den wesentlichen Punkten übereinstimmt.25 Um verschiedene Aspekte der Anfänge der Ausstattung von Neu-St.-Peter hat sich die Forschung wenig oder gar nicht gekümmert. So wurde die historiographische und literarische Rezeption der Cappella Gregoriana weitgehend ausser Acht gelassen, obwohl besonders auch das Fest ihrer Einweihung unter den Zeitgenossen einen bemerkenswerten schriftlichen Niederschlag gefunden hatte. Etwas mehr Aufmerksamkeit erhielt die künstlerische Aufnahme des neuen Sakralraumes. Stefan Kummer und Steven S. Ostrow erwähnen in ihren Untersuchungen dessen Ausstattung mit Buntgesteinen als Vorläufer der Dekorationen in den Kapellen Sixtus’ V. und Pauls V. in S. Maria Maggiore, auch wenn sie auf das Verhältnis zwischen dem Vorbild und seinen nicht viel jüngeren Neubearbeitungen nicht näher eingehen (Abb. 62, 63).26 So gut wie keine Beachtung fanden die Mosaike, die wie die Buntgesteine von den Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts als neuartig empfunden und besonders gelobt wurden.27 Die Frage nach den künstlerischen und historisch-theoretischen Vorgaben der Verwendung dieser beiden Medien im 16. Jahrhundert ist nur ansatzweise untersucht worden. Dem kunstgeschichtlich bedeutungsvollen Umstand, dass die Cappella Gregoriana der erste monumentale Sakralraum des 16. Jahrhunderts ist, in dem Marmorinkrus­ tationen und Mosaike in einem bis dahin nicht bekannten Ausmass zur Anwendung gelangten, hat man kaum Rechnung getragen. Auch die Tatsache, dass die Gregoriana Ausgangspunkt der sich über ein Jahrhundert hinziehenden Ausstattung von Neu-St.-Peter war, sowie die damit verbundene Frage, inwieweit sie diese kondi­tionierte, blieb weitgehend unberücksichtigt. Diese Fragestellungen bilden daher Schwerpunkte der vorliegenden Arbeit. 1.2 Quellen Visuelle Quellen und Darstellungen Da bis heute keine Zeichnungen, Pläne oder Baumodelle aufgetaucht sind, die Anhaltspunkte über den Prozess der Planung und Errichtung der Cappella Gregoriana geben könnten, lässt sich deren formale und künstlerische Genese nicht rekonstruieren. Diese ungünstige Ausgangslage dürfte eine der Ursachen dafür gewesen sein, dass die Kapelle das Interesse der Forschung nur ansatzweise auf sich gezogen hat. Es existieren jedoch einige nach der Vollendung des Bauwerkes entstandene visuelle Darstellungen, die im Folgenden besprochen werden. Die frühesten bildlichen Zeugnisse sind zwei Stiche, nämlich ein in der Ost-West-Achse verlaufender Schnitt durch den Hauptraum sowie ein Grundriss desselben (Abb. 8, 9). Die Beischriften beider Blätter nennen Cesare Domenichi als Stecher und sind 1580 datiert,28 so dass anzunehmen ist, dass sie im Zusammenhang mit der Einweihung der Kapelle entstanden sind. Nachdem Federico Bellini die von Claudia Conforti entdeckten Drucke veröffentlicht hatte,29 fand Patrizia Tosini im Istituto Nazionale per la Grafica in Rom ein gut erhalte-

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Vgl. Bellini 2002; Bellini 2011. Vgl. Kummer 1996; Ostrow 1990 und 1996. Auch DiFederico 1983 geht auf diese Frage nur am Rand ein. Vgl. Dokumente L1, L2. Zu dem wenig bekannten Stecher vgl. Künstlerlexikon, Bd. 28 (2001), S. 382, «Domenichi, Cesare». Vgl. Bellini 2002, S. 336, fig. 4 und Bellini 2011, Bd. 1, S. 196, fig. 162 (Schnitt und Ansicht); Bellini 2011, Bd. 1, S. 199, fig. 167 (Grundriss). Ich bin Federico Bellini für die Überlassung von Photographien zu Dank verpflichtet. Der Aufbewahrungsort und die Signaturen der Dokumente sind Bellini nicht bekannt, ebenso wenig die technischen Daten der beiden Blätter.

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nes Exemplar des Aufrisses.30 Der Grundriss ist eine Strichzeichnung, die zwischen der Darstellung massiver, im Schnitt erscheinender Bauglieder und der Ansicht des marmornen Fussbodens keine Unterschiede macht (Abb. 8). Die einzelnen Elemente des eingelegten Bodens sind dafür umso detaillierter eingetragen: Nebst dem zentralen Medaillon mit dem Wappen Gregors XIII. und der umlaufenden Inschrift sind auch die feinen, sich um einzelne Felder ziehenden Rahmenleisten genau wiedergegeben. Der graphisch differenzierter ausgearbeitete Aufriss der Kapelle ist mit einer schattierten Ansicht der nördlichen Hälfte des Hauptraumes kombiniert (Abb. 9). Im oberen Bereich sind ausserdem die an der Kapelle anliegenden Umgänge, auf die sich die Fenster von Tambour und Kuppel öffnen, eingezeichnet. Da der Abschluss des oberen Umgangsraumes offen gelassen ist (die den Hohlraum andeutende Schattierung hört unvermittelt auf ), scheint der obere Teil der Kuppel frei zu stehen. Die Plastizität der architektonischen und der skulpturalen Elemente wie der Pilaster, der Engelsköpfe an den Verkröpfungen des Gebälks oder der Puttenstatuen auf dem Hauptaltar ist durch Schattierungen hervorgehoben, während die Muster der Marmorinkrustationen auf den Schäften der Pilaster und den Wandflächen durch feine Linien sorgfältig wiedergegeben sind. Wie der Plan des Fussbodens gibt sich auch der Aufriss durch eine am unteren Rand eingezeichnete Skala als massgetreue Darstellung zu erkennen. Der Umstand, dass im Aufriss die Mosaikdekorationen in Kuppel, Lünetten und Pendentifs nicht eingezeichnet und im Grundriss die horizontal geschnittenen, massiven Bauglieder nicht wie üblich dunkel schraffiert oder schwarz wiedergegeben sind, könnte darauf hindeuten, dass Cesare Domenichi seine Darstellungen nach heute verschollenen Werkplänen Giacomo Della Portas gestochen hat. Ob der Aufriss nach einem Baumodell angefertigt wurde, wie Federico Bellini vermutet, ist nicht nachweisbar.31 Die exakte Wiedergabe der Schatten und Mauerstärken sowie die gerade Beschneidung der Darstellung an den Rändern bilden keine eindeutigen Indizien für diese These, liessen sich doch die genauen Mauerstärken, die eher schematisch angelegten Schattierungen und die geraden Beschneidungen auch allein auf der Grundlage von Plänen, ohne die Vorlage eines Modells konstruieren. Da die auf der Tafel im Sprenggiebel des Altarretabels erscheinende Inschrift nicht das Doppelpatrozinium, sondern nur die Dedikation an Maria anzeigt, ist es denkbar, dass der Stich, wenn nicht vor 1578, so doch nach Plänen angefertigt worden ist, die vor diesem Jahr, in dem Gregor XIII. beschlossen hatte, die Reliquien Gregors von Nazianz in die neue Kapelle zu übertragen, entstanden sind.32 Für diese Möglichkeit spricht ausserdem die fehlende Wiedergabe der Mosaikbilder, mit deren Ausführung man erst 1578 begonnen hat.33 Ob man auch die lange, unterhalb des Aufrisses stehende Beischrift, welche die für Planung und Bau der Kapelle massgeblichen Personen nennt, erst im Hinblick auf die 1580 erfolgte Einweihung angebracht hat, lässt sich nicht feststellen. Auf den Inhalt des lateinischen Textes wird weiter unten eingegangen.34 In der Staatlichen Münzsammlung München existiert eine durch Gregor XIII. geprägte Medaille, deren Umschrift «GREGORIANA· D(IVO)· NAZIANZENO DICATA» sich allein auf die Dedikation der Kapelle an Gregor von Nazianz bezieht und in keiner Weise auf das Marienpatrozinium verweist (Abb. 12).35 Es ist anzunehmen, dass diese nicht datierte Medaille zu der mit der Translation der Reliquien des griechischen Heiligen verbundenen Einweihung der Kapelle im Juni 1580 entstanden ist. Das von Lorenzo Fragni, genannt Parmense, gestochene Münzbild ist eine Kombination aus einem vertikalen Schnitt durch den Kuppelraum der Gregoriana 30 Rom, Istituto Nazionale per la Grafica, Inventar-Nr. FN 12062, 320 x 700 mm. Vgl. Tosini 2008, S. 220, fig. 204, S. 417, Kat. Nr. 41b. 31 Vgl. idem, S. 336. 32 Die heutige, das Doppelpatrozinium nennende Inschrift kam spätestens 1583 auf den Altar, denn Ascanio Valentino zitiert ihren Wortlaut in

seiner 1583 gedruckten Descrizione; vgl. Dokument F1, Zeilen 582–586. 33 Vgl. unten S. 28–30, 41, 45. 34 Vgl. Dokument L1, und unten S. 33–38. 35 Zur Medaille vgl. AK München 1973, S. 217, Nr. 346. München, Staatliche Münzsammlung. Silber, Durchmesser 3,8 cm. Auf der Vorderseite Brustbild Gregors XIII. mit Bart. Signatur «L(orenzo) PARM(ense)». Umschrift: «GREGORIVS XIII. PONT. OPT. MAXIMVS». Vgl. auch Bellini 2002, S. 336, fig. 3. Die in AK München 1973, S. 217, als Nr. 347 aufgeführte Medaille, die dieselbe Vorderseite wie Nr. 346 aufweist, zeigt auf der Rückseite nicht eine «Aussenansicht der Cappella Gregoriana», wie behauptet wird, sondern eine andere Kirche, wahrscheinlich die Madonna dei Monti in Rom.


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