Briefe an August Stadler HERMANN COHEN
Hermann Cohen, geboren in Coswig (Anhalt), war gemeinsam mit Paul Natorp Begründer der Marburger Schule innerhalb der Philosophie und einer der wichtigsten jüdischen Religions philosophen des 20. Jahrhunderts. Er lehrte seit 1873 in Marburg und in seinen letzten Jahren an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Juden tums in Berlin. August Stadler, geboren in Zürich, wurde 1872 Cohens Schüler und 1892 Professor am Eidgenössischen Polytechnikum Zürich. Nach grundlegenden Studien zur Philosophie Kants erweiterte er sein Spektrum auf Themen der Psychologie, Pädagogik und Kulturphilosophie.
Der Herausgeber Hartwig Wiedebach betreut das Hermann Cohen-Archiv in Zürich und ist Mitherausgeber der Werke Cohens.
HERMANN Briefe
COHEN
an August Stadler
Herausgegeben
I S B N 978-3-7965-3348-8
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 533488
Schwabe
von Hartwig Wiedebach
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Der Philosoph und jüdische Denker Hermann Cohen (1842–1918) zeigt sich in seinen Briefen an seinen Schüler und späteren Professor am Zürcher Poly technikum, August Stadler (1850–1910), als mitteilsamer, Vertrauen schenkender und um Freundschaft werbender Philo soph. Die persönliche Nähe zwischen beiden war sofort groß und blieb trotz mancher Meinungsverschiedenheiten ungetrübt. Cohens zahlreiche Bemerkun gen zu systematischen Problemen, zur damaligen Wissenschaftsszene oder zur Politik sind darüber hinaus eine wichtige Quelle für das allgemeine geistige Profil jener Zeit. Der Schwerpunkt der Ausgabe liegt auf den in Zürich aufbewahrten Schrift stücken von 1872 bis 1881. Im letzten Brief dieser Reihe erscheint erstmals der Name des neuen Marburger Privat dozenten Paul Natorp. Damit beginnt die Geschichte der «Marburger Schule», einer einflussreichen, stilbildenden Denkrichtung im wilhelminischen Deutschland. Nicht weniger interessant sind die späteren Briefe aus den Jahren zwischen 1886 und 1905. In ihnen äußert sich Cohen zu seinen Begegnungen mit Gottfried Keller, zu dessen Tod und zuletzt auch noch zu seiner Sorge um Stadlers Gesundheit. Im Anhang findet sich eine Liste der Lehrveranstaltungen Cohens in Marburg und an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Ein detailliertes Namen- und Sachregis ter bildet den Abschluss.
Hermann Cohen Briefe an August Stadler Herausgegeben von Hartwig Wiedebach
Schwabe Verlag Basel
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
Copyright © 2015 Schwabe AG, Verlag, Basel Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Barbara Handwerker Küchenhoff Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3348-8 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhalt AbkĂźrzungen und Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quellenlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Editorische Gestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Editorische Zeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Briefe vom 8. Mai 1872 bis 30. Oktober 1881 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Briefe zwischen dem 8. Mai 1886 und dem 29. Dezember 1905 . . . . . 133
Anhang Akademische Lehrveranstaltungen Hermann Cohens von 1872 bis 1918 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Namen- und Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
Abkürzungen und Siglen Werke Hermann Cohen: Werke, hg. von Helmut Holzhey u.a. Hildesheim, Olms 1977ff. KS Cohen: Kleinere Schriften I-VI (= Werke 12-17; eigenständige Teiledition in textkritischer Bearbeitung, mit fortlaufendem Kommentar und umfangreichen Registern). Reflexionen und Hermann Cohen: Werke, Supplementa 1, hg. von Notizen Hartwig Wiedebach. Hildesheim, Olms 2003. HCB Hartwig Wiedebach: Die Hermann-Cohen-Bibliothek (= Hermann Cohen: Werke, Supplementa 2). Hildesheim, Olms 2000. Die Zahl hinter HCB bezeichnet die Nummer in der «Alphabetischen Aufstellung» von Büchern aus dem in Jerusalem erhaltenen Bestand aus Cohens persönlicher Bibliothek.
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Einleitung Der vorliegende Band enthält 64 Briefe und Postkarten, 63 davon aus der Feder des Philosophen Hermann Cohen. 62 Briefe richteten sich an seinen Schüler, späteren Freund und Kollegen August Stadler, ein Brief ging an den Verlag Ferdinand Dümmler, und ein weiterer enthält die von dort erfolgte Antwort. Die ersten 58 Briefe zwischen dem 8. Mai 1872 und dem 30. Oktober 1881 (einschließlich der beiden Verlagsbriefe) befinden sich als handschriftliche Originale im Stadtarchiv Zürich,1 6 Briefe aus der Zeit zwischen dem 8. Mai 1886 und dem 29. Dezember 1905 wurden aus der Briefausgabe Hermann Cohens wiederabgedruckt, die 1939 im Berliner Schocken-Verlag erschien.2 Während die Folge der ersten 58 Briefe allen Anzeichen nach lückenlos ist, bieten die 6 folgenden Briefe lediglich eine kleine Auswahl aus der Korrespondenz späterer Jahre. Weitere Briefe zwischen Cohen und Stadler waren jedoch nicht zu ermitteln. Damit enthält die vorliegende Ausgabe sämtliche bislang erreichbaren Stücke dieser Korrespondenz.3 Hermann Cohens Briefe an August Stadler bilden ein geschlossenes Corpus in mehrerlei Hinsicht. Der Schwerpunkt der Ausgabe liegt auf den in Zürich erhaltenen Briefen zwischen 1872 und 1881. Kurz vor Beginn der Korrespondenz hatte Cohen, in Berlin lebend und nahezu mittellos, einen Kreis von Studenten zur Lektüre von Kants Kritik der reinen Vernunft um sich versammelt, dem sich auch August Stadler anschloss. Neuneinhalb Jahre später, im letzten Brief dieser Reihe, erscheint erstmals der Name von Paul Natorp, soeben als Privatdozent in die Marburger Fakultät ein getreten und von nun an Cohens wichtigster Kollege. Damit nimmt das Kapitel «Cohen und Natorp», dem Helmut Holzhey eine umfassende Dokumentation gewidmet hat, seinen Anfang.4 Der vorliegende Band ist ein Prequel zur Geschichte der Marburger Schule.
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Stadtarchiv Zürich, Nachlass Familie Stadler in Zürich 1832-1922, Signatur: VII. 144, Schachtel 5, 5.2 [zwei Mappen]. 2003 erhielt das Hermann Cohen-Archiv Kopien der Briefe vom Bearbeiter des Nachlasses, Dr. Max Schultheiss, dem ich für die Zusammenarbeit und die Erlaubnis zum Abdruck freundlich danke. Hermann Cohen: Briefe, hg. von Bertha und Bruno Strauß. Berlin, Schocken 1939, S. 60f., 63-66, 69f., 73-76. Vgl. zur Quellenlage u. S. 16f. Helmut Holzhey: Cohen und Natorp. 2 Bände, Stuttgart/Basel, Schwabe 1986.
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Hermann Jecheskel Cohen, geboren am 4. Juli 1842 in Coswig (Anhalt), studierte seit Oktober 1857 am Jüdisch-theologischen Seminar Fraenkel’ scher Stiftung in Breslau, brach jedoch 1861 ab und wechselte an die dortige, später an die Berliner Universität, um Philosophie zu studieren. 1865 wurde er mit einer Arbeit über den Begriff der Zufälligkeit in der antiken Philosophie extern in Halle promoviert. Es begann eine Zeit finanzieller Unsicherheit, aber zugleich mit der festen Absicht, im akademischen Lehrbetrieb Fuß zu fassen. Neben Versuchen, teils als Hauslehrer, teils mit Zeitungsbeiträgen Geld zu verdienen, entwickelte Cohen eine außerordent liche Produktivität als Interpret Platons und Heines, auf dem Feld der Vergleichenden Mythologie- und Sprachforschung und – ein erstes Glanzstück seiner Fähigkeit zur konzentrischen Synthese – in einer Psychologie der «dichterischen Phantasie».5 Eine Kontroverse 1869/70 zwischen Kuno Fischer und Adolf Trendelenburg über Kants theoretische Philosophie wurde zum Anlaß, sich der kri tischen Transzendentalphilosophie eingehend zu widmen. Einem umfangreichen Aufsatz über die «Controverse» folgte 1871 Kants Theorie der Erfahrung, wodurch Cohen seine Autorität als Interpret Kants begründete. Zu denen, die die Bedeutung des Buches sofort erkannten, zählten sein Lehrer Chajim H. Steinthal in Berlin und Friedrich Albert Lange, damals noch Professor in Zürich. Beide zögerten nicht, Schüler an Cohen zu vermitteln. So kam aus Zürich im März 1872 auch August Stadler mit einem Empfehlungsschreiben «zu weiterer philosophischer Unterweisung».6 Cohen hatte vor «einigen Wochen» sein Kant-«Privatissimum» begonnen, und er versichert Lange umgehend, dass ihm sein Schüler «sehr willkommen sein wird, daß ich ihm mit Rath u. That in Allem, so weit ich kann, zur Seite stehen werde».7 Drei Monate später lobt er bereits den Eifer und den Ernst Stadlers,8 und dieser berichtet seinerseits an Lange: «Wir haben, ein Kreis von 6 Zuhörern, in seinem Hause 2 Doppelstunden wöchentlich aus der Critic gelesen, deren Interpretation er in höchst anregender Weise leitete. So schlossen sich mir diese Stunden hübsch an die philosophischen 5 6
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Die Texte dieser Zeit sind abgedruckt in Cohen: Werke 12, KS I, 2012. Hermann Cohen: «August Stadler, geb. am 24. August 1850; gest. am 16. Mai 1910. Ein Nachruf», in: Kant-Studien 15 (1910), H. 4, S. 403-420, zit. nach Cohen: Werke 15, KS IV 513-542, hier: 516 (zur Datierung auf den März vgl. ebd. Anm. 1). Vgl. Cohens Brief an Lange vom 21.3.1872 in Lange: Politik und Philosophie. Briefe und Leitartikel 1862 bis 1875, hg. von Georg Eckert. Duisburg, W. Braun 1968, S. 361. Cohens Brief vom 21.3.1872, in Lange: Politik und Philosophie, S. 362. Cohens Brief vom 27.6.1872, ebd. S. 363.
Übungen der letzten 2 Semester [in Zürich] an.»9 Damit beginnt eine lebenslange Freundschaft, der Cohen durch seinen Nachruf auf Stadlers Tod in den Kant-Studien 1910 öffentlich Ausdruck verliehen hat.10 Das Privatissimum endete vermutlich gegen Ende Mai 1873.11 Am 10. Mai hatte Cohen durch Adolf Kirchhoff, Dekan der Berliner Philo sophischen Fakultät, erfahren, dass man seinen dortigen Habilitations antrag ablehnen würde. Daraufhin veranlasste Friedrich Albert Lange, seit Wintersemester 1872/73 Professor in Marburg, dass dort ein neuer Versuch möglich wurde. Nicht zuletzt durch den jungen Stadler mit seinem «guten praktischen Blick» bestärkt, zog Cohen das Berliner Gesuch vor der Ablehnung zurück12 und meldete sich am 17. Juni 1873 von Berlin aus in Marburg zur Habilitation. Er reichte eine neue Qualifikationsschrift: «Kant’s vor kritische Schriften in ihrem Verhältnis zum kritischen Idealismus» ein, flankiert durch Kants Theorie der Erfahrung.13 Letzteres Buch sandte er auch an den ersten Ordinarius für Philosophie, Georg Weißenborn, und kündigte Lange auf dessen Wunsch bereits eine «Interpretation von Kants Kritik» als Lehrveranstaltung für das Wintersemester 1873/74 an.14 Schon am 30. Juli wusste er offenbar durch Lange von der Annahme seiner Habilita tionsschrift. Ende August lernte er ihn endlich persönlich kennen und mietete in Marburg ein Zimmer.15 Am 16. Oktober folgte das Prüfungs kolloquium und am 6. November die Antrittsvorlesung.16 Cohens Erwartungen an den jüngeren Freund sind hoch: «Stadler entwickelt sich schnell und sicher. Man wird bald auf seine tüchtige Mitarbeit rechnen können.»17 Leider war es ihm nicht vergönnt, diese Mitarbeit in
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Stadler an Lange vom 19.7.1872, ebd. S. 365. Hermann Cohen: «August Stadler», s. oben. Vgl. Cohens letzte Erwähnung gegenüber Lange am 14.5.1873, in Lange: Politik und Philosophie, S. 372. Cohen an Lange vom 14.5.1873, ebd. S. 372. Vgl. Ulrich Sieg: Aufstieg und Niedergang des Marburger Neukantianismus. Würzburg, Königshausen und Neumann 1994, S. 114f.; ebd. auch den Hinweis auf die überarbeitete Fassung vom Oktober 1873 u.d.T. Die systematischen Begriffe in Kants vorkritischen Schriften nach ihrem Verhältniss zum kritischen Idealismus (anschließend publiziert bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1873; Cohen: Werke 13, KS II). Cohen an Lange vom 18.6.1873, in Lange: Politik und Philosophie, S. 373f. Cohen an Lange vom 30.7.1873, ebd. S. 374f.; sowie an Hermann Lewandowsky im August 1873, in Cohen: Briefe, S. 46f. Vgl. unten Cohens eingehenden Bericht in Brief Nr. 9 vom 7.11.1873. Cohen an Lange vom 18.6.1873, in Lange: Politik und Philosophie, S. 374.
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Form gemeinsamen Wirkens am selben Ort zu genießen. – August Stadlers Weg führte von Zürich über Berlin und eine Zwischenstation in London zurück nach Zürich. Er kam am 24. August 1850 als Sohn des Architekten August Conrad Stadler und dessen Frau Maria Magdalena, geb. Hirzel, zur Welt. Nach einer humanistischen Grundbildung, die auch eine Reise mit dem Vater zur Pariser Weltausstellung im April/Mai 1867 einschloss, begann er ein Studium der Architektur u.a. bei Gottfried Semper, das er jedoch wegen Farbschwäche abbrach. So kam er zu Friedrich Albert Lange und in die Philosophie.18 Bald wurden ihm Anerkennung und Förderung zuteil, so durch die Entsendung nach Berlin, wo er neben Cohens Priva tissimum zahlreiche universitäre, v.a. naturwissenschaftliche Lehrveran staltungen belegte.19 Von Cohen, wie er schreibt, «bestärkt», will er bereits im ersten Winter mit einer Promotionsarbeit über die «Apodicticität der Mathematik» beginnen. Als klassische Referenzautoren wählt er Descartes, Locke und Kant, unter den Neueren neben Lange selbst John Stuart Mill, William Whewell, Friedrich Ueberweg, Hermann von Helmholtz und Julius Baumann.20 Offensichtlich rührt aus dieser Zeit Stadlers Hang zur eng lischen Philosophie, der ihn später für einige Zeit nach London und in persönlichen Kontakt u.a. zu Herbert Spencer bringen wird.21 Zu dieser Dissertation kommt es allerdings nicht. Stattdessen konzentriert sich Stadler auf die Philosophie Kants. Am 14. März 1874 wird er mit Kant’s Teleologie und ihre erkenntnisstheoretische Bedeutung in Zürich promoviert.22 Die Arbeit verschafft ihm sogleich allgemeine Anerkennung. Zwei Jahre später folgt die prinzipienlogische Studie Die Grundsätze der reinen Erkenntnisstheorie in der Kantischen Philosophie (Leipzig, Hirzel 1876) und, als letzte von ihm selbst publizierte Monographie, Kants Theorie der Materie (Leipzig, Hirzel 1883). Den Büchern schließen sich seit Ende 18
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Zur Schul- und Universitätszeit vgl. Rudolf Flaigg: «Prof. Dr. August Stadler, gest. 16. Mai 1910. Eine persönliche Erinnerung», in: Zürcher Wochen-Chronik vom 18.6.1910, S. 225; zur Kindheit die Erinnerungen seiner Schwester Maria Wilhelmine, verh. Pestalozzi (Stadtarchiv Zürich, Nachlass Familie Stadler, Schachtel 5, 6.3); zur Parisreise 1867 das Tagebuch des Vaters (Schachtel 4, 3.6). Vgl. Stadlers ausführlichen Brief an Lange nach dem Ende des ersten Berliner Semesters vom 19.7.1872, in Lange: Politik und Philosophie, S. 364-369. Ebd. S. 367f. Rudolf Flaigg: «Prof. Dr. August Stadler», S. 225. Vgl. das Doktordiplom der Univ. Zürich vom 14. März 1874 unter dem Rektorat Georg von Wyss und dem Dekanat Arnold Hug (Nachlass Familie Stadler, Schachtel 6, 7.1). Kants Teleologie erschien auf Vermittlung Cohens bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1874.
der 70er Jahre Aufsätze an, nicht nur zur Philosophie im engeren Sinn, sondern zu einem erweiterten Themenkreis aus Pädagogik, Psychologie, Alpinistik.23 Er hegt Pläne, in Deutschland oder an der Universität Zürich ein akademisches Lehramt zu erlangen. 1877, soeben von einem Studienaufenthalt in England zurück und durch die Berufung von Richard Avenarius an die Zürcher Universität überrascht, habilitiert er sich am Eidgenössischen Polytechnikum, wo er 1892 als Nachfolger von Ludwig Stein zum Professor der Philosophie und Pädagogik ernannt wird. 1901 heiratet er Maria Elise Marti aus Thunstetten (geb. 1874), mit der er zwei Töchter hat: Johanna Maria (geb. 1903) und Martha Verena (geb. 1904). Nichtsdestotrotz zeigt sich Stadler seit Ende der 80er Jahre anhaltend krank oder doch seelisch angegriffen: Hätte ihn, so Cohen im Nachruf 1910, «eine deutsche Universität auf den philosophischen Lehrstuhl berufen […], so würde sich auch seine literarische Wirksamkeit siegreicher gestaltet haben; und er wäre alsdann von der Verbitterung befreit geblieben, die schon manchem Gelehrten die Gesundheit geschädigt und getrübt hat».24 Er stirbt am 16. Mai 1910. Offensichtlich hatte er «Pläne zu größeren Arbeiten», aber sie kamen nicht zur Publikationsreife.25 Aus zahlreichen teils umfangreichen Manuskripten, meist zu Vorlesungen, hat der Nationalökonom Julius Platter, Stadlers Kollege am Polytechnikum, einige posthum publiziert.26
*** Die vorliegenden Briefe zeigen Hermann Cohen als impulsiven, mitteil samen, Vertrauen schenkenden und um Freundschaft werbenden Philo sophen. Die Nähe zu dem acht Jahre Jüngeren ist von Anfang an groß. Ein kurzer Dissens im August 1875, weil Cohen für einen Moment wähnt, Stad23
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Vgl. die eingehende Würdigung einzelner Arbeiten durch Hermann Cohen: «August Stadler», Werke 15, KS IV 527f. und 534-541. Einige weitere Schriften nennt Marco Giovanelli: August Stadler. Interprete di Kant [Diplomarbeit, Univ. Turin]. Neapel, Giuda 2002, S. 197f. Cohen: «August Stadler», S. 533. Ebd. S. 532. Z.B.: Philosophische Pädagogik (Leipzig, Voigtländer 1911); Logik (ebd. 1912); Kant. Akademische Vorlesungen (Leipzig, J. A. Barth 1912); Die Grundbegriffe der Erkenntnis (Voigtländer 1913); Herbert Spencer. Spencers Ethik. Schopenhauer (ebd. 1913); Einleitung in die Psychologie (ebd. 1914). – Die Vorlesungsmanuskripte befinden sich im wissenschaftlichen «Nachlass August Stadler» in der Zentralbibliothek Zürich (Handschriftenabteilung).
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ler habe im Manuskript seiner Grundsätze der reinen Erkenntnisstheorie ein zentrales Ergebnis aus Kants Theorie der Erfahrung für sich beansprucht, wird rasch beigelegt. Überhaupt bilden, wie nicht anders zu erwarten, die jeweils aktuellen Arbeiten ein zentrales Thema. Bei Stadler sind dies vor allem die durch Cohens Kantbuch angeregte Dissertation, dann seine Grundsätze und schließlich der Aufsatz über «Das Gesetz der Stetigkeit bei Kant». Bei Cohen geht es um die Marburger Habilitationsschrift, um Kants Begründung der Ethik, um den Aufsatz über «Die platonische Ideenlehre und die Mathematik» und sein «Bekenntnis in der Judenfrage», sodann um Pläne zur zweiten Auflage von Kants Theorie der Erfahrung und zu Kants Begründung der Ästhetik, und schließlich um seine Aktivitäten bei der Sichtung, Bearbeitung und Herausgabe von Schriften Friedrich Albert Langes. Den textbezogenen Erörterungen schließen sich mannigfache Berichte und Mitteilungen an: über das Marburger Habilitationsverfahren, über beiderseitige Versuche, besoldete Lehranstellungen bzw. Berufungen zu er halten, über Vorträge und Lehrveranstaltungen, über philosophische Neuerscheinungen, über das akademische Leben Marburgs, über die kulturelle und politische Lage Deutschlands, so auch über den seit Ende der 70er Jahre zunehmenden Antisemitismus. Eindrucksvoll sind die intimen Mit teilungen über Langes Krankheit und Tod. Im engeren Sinn private Details betreffen Cohens auffallende Neigung zu Kopfschmerz und Unwohlsein, die Besuche in Coswig beim Vater, dessen Umzug nach Marburg und seinen Tod, schließlich mehrere Reisen in wechselnder Gesellschaft, die Heirat mit Martha Lewandowsky usw. Auch von Stadlers Geschick erfährt der Leser manches: von seiner Arbeit an den Grundsätzen, von der allgemeinen Reaktion auf seine Bücher, von den ersten Lehrveranstaltungen in Zürich, von den Aufenthalten in Berlin und London. In den späteren, nicht dem Zürcher Corpus angehörigen Briefen ab 1886 sind Cohens Begegnungen mit Gottfried Keller in Zürich, dessen Tod, zuletzt die Sorge um Stadlers Gesundheit wesentliche Inhalte. Im Hintergrund zeichnet sich die philosophische Entwicklung der beiden Briefpartner ab. Von Cohens Lehrern und Vorbildern früherer Jahre, auch von Steinthal, ist kaum und wenn, dann distanziert die Rede. Er rückt allmählich von dem 1871 in Kants Theorie der Erfahrung noch spürbaren Paradigma der philosophischen Psychologie ab – ohne indes das psychologische Interesse aufzugeben. Der Einfluss seines Schülers und Freundes ist unübersehbar. Im Nachruf von 1910 betont Cohen, wie stark ihn Stadlers Kritik an der damaligen Psychophysik – die in den Briefen nicht erwähnt wird – «zur ferneren grundsätzlichen Bestreitung dieses Problems ange12
regt» habe.27 Die Anknüpfung an Kants «Grundsätze des reinen Verstandes», vor allem an die «Antizipationen der Wahrnehmung» nimmt langsam den Charakter einer Erkenntniskritik (später Erkenntnislogik) der mathematischen Naturwissenschaft an. Das wichtigste Dokument ist die 1883 erschienene Monographie Das Princip der Infinitesimal-Methode und seine Geschichte.28 Leider reicht das Zürcher Briefcorpus nicht weit genug, um uns einen unmittelbaren Eindruck von der Entstehungsgeschichte dieses Buches zu geben. Gleichwohl wird in den Briefen ein zweiter Aufsatz Stadlers angesprochen, der ebenfalls in diese Geschichte gehört. In den Grundsätzen der reinen Erkenntnisstheorie, nach Cohen der «Höhepunkt» in Stadlers Rekonstruktion Kants,29 geht es nicht zuletzt um ein präzises Verständnis von Kants Anwendung der kritischen Transzendentalphilosophie auf die mathematische Naturwissenschaft. Damit rücken die Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft von 1786 ins Blickfeld. Stadlers weiterführender Aufsatz «Das Gesetz der Stetigkeit bei Kant» widmet sich einem logischen Grundproblem dieser Schrift in der Deutung mechanischer Bewegung.30 Hier kommen, weil die Frage unendlich kleiner Bewegungsmomente aufgeworfen werden muss, auch die der Empfindungsintensität gewidmeten «Antizipationen der Wahrnehmung» zur Sprache. Damit stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen Differential und Empfindung. Auf einer Postkarte vom 24. Februar 1881 bestärkt Cohen diesen Ansatz, tut aber zugleich einen eigenen Schritt: «Mit Ihrer ‘Stetigkeit’ kann ich nunmehr sagen, durchaus einverstanden zu sein. Ich habe eine Formulirung der Anticipation entworfen, in welcher Ihre Bedenken von früher in jetzigem Sinne gewürdigt u. gehoben scheinen, allerdings nicht ohne beträchtliche Abweichung vom classischen Autor.» Die hier angesprochene, uns im Original unbekannte «Formulirung der Anticipation» führt, so darf man vermuten, schließlich zu einer bleibenden Differenz zwischen den Freunden. Sie wird vollends deutlich in ihren beiden fast zeitgleich 1883 erscheinenden Büchern: Cohens Princip der Infinitesimal-Methode einerseits, Stadlers Kants Theorie der Materie anderseits. Letzterer erhielt, wie Cohen später berichtet, die Korrekturfahnen wäh-
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Cohen: «August Stadler», S. 528. Stadler: «Über die Ableitung des psychophy sischen Gesetzes», in: Philosophische Monatshefte 14 (1878), S. 215-223. Cohen: Werke 5/I. «August Stadler», S. 525. Stadler: «Das Gesetz der Stetigkeit bei Kant», in: Philosophische Monatshefte 16 (1880), S. 577-596.
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rend eines Besuchs in Marburg zu eben der Zeit, als Cohens Buch in die letzte Druckphase ging.31 Die Differenz liegt in der Art, das Verhältnis zwischen Empfindung und Realität zu deuten. Stadler beharrt für die Geltung der wissenschaftlichen Naturerkenntnis auf der Beziehung zur Psychologie der Empfindung, obwohl er die Versuche zur mathematischen Objektivierung der Psycho physik ablehnt. Cohens Ansatz beruht dagegen genau auf der Negation dieser Verbindung. In seiner Linie liegt die Theorie eines sich vom psy chischen Vollzug ablösenden Erkennens naturwissenschaftlicher Gegenstände. Damit verleugnet er zwar nicht das Empfindungsproblem, aber er will den in der Empfindung liegenden Anspruch auf Realität vollständig durch die mathematische Infinitesimalmethode beantworten. Wissenschaft «bezeuge» sich darin, dass sie «der Empfindung zu der ihr fehlenden Objectivirung anderweit» verhilft.32 Von hier aus gesehen bleibt Stadler an denjenigen Formulierungen Kants hängen, die die intensive Größe, verstanden als Empfindung, «als einen notwendigen Bestandtheil des Erkenntnissprocesses» annehmen.33 Dementsprechend sieht Stadler in Kants Bemühung, die Intensität mittels der Differentialmethode begründen zu wollen, eine, wie es in Kants Theorie der Materie heißt, «Verwechslung der Continuität der intensiven Größe mit der Continuität des Bewusstwerdens, ihrer Erzeugung».34 Die aus der bei Kant vorhandenen Zweideutigkeit ebenfalls ableitbare andere Entscheidung, aus der Differential-Methode, und damit konsequenter als Kant selbst, objektive Realität begründen zu wollen, vermeidet er. Dies aber ist Cohens Ansatz, und er sieht daher in Stadlers Satz: «Uebrigens verwechselt, wer die intensive Größe als solche dem Differenzial entsprechen lässt, die Form mit dem Inhalt», die «Differenz in ihrer ganzen Schärfe» ausgesprochen.35 Stadler habe den Weg der strengen Transzendentalphilosophie verlassen. Vor allem verfehle er die «ganz veränderte Situation in der modernen Physik. Er hätte Kants Theorie der Materie als ein Werk lediglich der Interpretation betrachten und hinter sich liegen lassen müssen, um für die eigene Arbeit einen neuen Anfang zu suchen, oder aber,
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Cohen: «August Stadler», S. 530. Cohens Infinitesimal-Methode erschien wieder bei Ferdinand Dümmler (Berlin), Stadlers Buch erneut bei Salomon Hirzel (Leipzig). Cohen: Infinitesimal-Methode, Werke 5/I, S. 153, Hervorhebung H.W. Stadler: Kants Theorie der Materie, S. 198. Ebd. S. 196. Cohen: «August Stadler», S. 530; zit. aus Stadler: Kants Theorie der Materie, S. 40.
wie es unsere wissenschaftliche Verbindung und Arbeitsgemeinschaft erfordert hätte, in meinen eigenen neuen Anfang auch seinerseits einzu treten, sei es ihn zu bestätigen und fortzubilden, sei es ihn zu beurteilen, selbst als fehlerhaft nachzuweisen.»36 – Leider ist uns Stadlers Reaktion nicht überliefert. Es mag mit seiner in den späten 80er Jahren einsetzenden persönlichen Krise zusammenhängen, dass er den eigenen Ansatz nicht mehr durch ergänzende Publikationen ausgebaut hat. Betrachten wir abschließend die Religionsphilosophie. Dieses Thema kommt, von gelegentlichen Andeutungen abgesehen, erst im letzten Brief des Zürcher Corpus vom 30. Oktober 1881 zur Sprache. Anlass ist Cohens Vorwort zur vierten Auflage von Langes Geschichte des Materialismus. Auf Stadlers Veranlassung hatte er bereits der dritten Auflage inkognito eine biographische Skizze vorangestellt,37 die er nun – mit Namensnennung – um einige systematische Bestimmungen erweitert. Stadler hatte offenbar Kenntnis davon und erhob Einwände. Sie gelangten aber erst nach Einsendung des Manuskripts an den Verlag zu Cohen, der sie nun seinerseits beantwortet. Am wichtigsten scheint ihm offenbar ein «Dissens im Punkte der Religion». Er will ihn aber nicht als «Widerspruch» werten. Religion «qua Culturerscheinung», d.h., mit Langes Ausdruck gesagt, «als Begriffsdichtung», sei zwar «eine Art, eine Weise des Erkennens», – und darin sieht er Übereinstimmung mit Stadler.38 Der Ort dieses Erkennens aber ist die Ethik. Daraus folgt eine gegenüber der theoretischen Philosophie neue Situation, denn, so heißt es im «Vorwort» selbst: «Wissenschaften, nach deren sie bedingenden Grundlagen geforscht werden könnte, sind bekanntlich für die ethischen Probleme nicht als Facta gegeben». Folglich müsse man «analoge Culturerscheinungen» ansprechen. «Ein solches Cultur- Factum, in welchem alle sittlichen Dinge sich zusammenfassen lassen, ist uns die Religion.» Und so laute im «praktischen» Bereich mangels Wissenschaftsfaktum «die Metapher der transscendentalen Frage»: «Wie ist Religion nach Art der Wissenschaft möglich?»39 Ob auch hierin noch mit Stadler Einigkeit bestand, bleibt eine ungeklärte Frage. Dazu wären es möglicherweise von Belang, dessen Beziehung zu dem Schleiermacher-Schüler
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Cohen, ebd. S. 532. Vgl. Brief Nr. 38 vom 26.7.1876. Vgl. Brief Nr. 58 vom 30.11.1881. Cohen: [Biographisches Vorwort] zu Lange: Geschichte des Materialismus. 4. Aufl., Iserlohn, Baedeker 1882 [unverändert im 2. Tausend 1887], S. XIf.
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Alexander Schweizer, Professor an der Universität Zürich und Pfarrer am Großmünster, soweit als möglich zu klären.40 Bemerkenswert ist nun, dass Cohen speziell an diesen Grundbestimmungen in der folgenden fünften Auflage von Langes Geschichte (1896), als deren Anhang auch seine Einleitung mit kritischem Nachtrag erstmals erscheint, erhebliche Änderungen vornimmt. Er benennt für die Ethik ein neues Analogon zum fehlenden Faktum der Wissenschaften, nämlich «diejenigen theoretischen und praktischen Richtungen der Cultur […], welche als Geisteswissenschaften, als sciences morales, und als das Gebiet der religiös-sittlichen, wie der civil-sittlichen Einrichtungen sich bestimmen. Denn auch das Recht, mit der einen seiner Wurzeln, der Freiheit des moralischen Wesens, nährt sich aus dieser Quelle.» Und die «Metapher der transscendentalen Frage» lautet jetzt: «Wie ist all jenes Sittliche nach Art der Wissenschaft möglich?»41 Daran knüpft sich eine Feststellung, die für die spätere Ethik des reinen Willens (1904) geradezu Programm wird: «Eine systema tische Rechtsphilosophie aus dem Gesichtspunkt des ökonomischen Socialismus ist noch nicht geschrieben.»42 Es muss im Augenblick offen bleiben, ob auch auf diesem Gebiet die Auseinandersetzung mit Stadler auf Cohens systematisches Profil eingewirkt hat.
Quellenlage Die beiden Freunde standen, soviel scheint sicher, bis gegen Ende von Stadlers Leben in brieflichem Kontakt. Zwar endet die Serie der uns vorliegenden frühen Briefe mit dem 30. Oktober 1881, aber es ist weder erkennbar, warum es zu dieser Zeit eine Unterbrechung gegeben haben soll, noch enthalten die späteren Briefe, die Bruno Strauß aus Cohens Nachlass herausgegeben hat, Anzeichen für einen Stimmungswechsel. Stil, Intensität der Zuwendung und Anteilnahme gleichen den frühen «Expektorationen», um Cohens Lieblingsausdruck zu verwenden. Das lässt nach einer Erklärung für die inkohärente Quellenlage suchen. Zunächst fällt auf, dass Stadlers Briefe sämtlich fehlen. Das ist indes in dem Verlust von Cohens persönlicher Hinterlassenschaft begründet, die 40 41
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Die Beziehung zu Alexander Schweizer erwähnt Rudolf Flaigg: «Prof. Dr. August Stadler», S. 225. In Lange: Geschichte des Materialismus. 5. Aufl., Leipzig, Baedeker 1896, S. XIf., Hervorhebung H.W. Ebd. S. XIII.
seine Frau Martha vermutlich der jüdischen Gemeinde Berlin überließ, und deren Spuren sich bisher unauffindbar verloren haben. Eher ist erstaunlich, dass zu dieser eigenen Hinterlassenschaft Cohens auch Briefe gehörten, die er selbst verfasst und an andere Personen geschickt hatte, so dass Bruno Strauß aus ihnen seine Briefausgabe 1939 zusammenstellen konnte. Denn die Stadler-Briefe ab 1886 waren offensichtlich nicht mehr im Besitz der Stadlerschen Familie. Die Erklärung gibt ein Brief des später in die USA emigrierten Bruno Strauß vom 20. März 1964: «Einige sehr wesentliche Briefwechsel [waren] nach dem Tode der Adressaten an Cohen zurueckgegeben worden, darunter z.B. seine an Prof. August Stadler in Zuerich gerichteten sehr interessanten Briefe. Auch Briefwechsel mit ihm nahestehenden und an seinen Arbeiten interessierten Familienmitgliedern und anderen nicht der Fachwelt zugehoerigen Freunden waren fast voll staendig vorhanden. Alle diese Briefe muessen als verloren betrachtet werden – ein ungeheurer Verlust, hatte er doch mehr als ein halbes Jahrhundert deutscher (und auch juedischer) Entwicklung als Lehrer u. Mahner und als ein hellaeugiger Zeuge miterlebt, und seine Briefe gaben davon reiche Kunde.»43 Vor diesem Hintergrund verändert sich unsere Ausgangsfrage: Erklärungsbedürftig ist nicht der Abbruch der bis 1881 erhaltenen Korrespondenz, sondern ihre Existenz im Zürcher Familiennachlass. Cohen hat nach Stadlers Tod offenbar nur die Briefe nach dem 30. Oktober 1881 zurück bekommen. Dementsprechend liegt auch keiner der von Strauß veröffent lichen Briefe an Stadler vor diesem Datum. Dazu kommt, dass sich das Zürcher Corpus, das seinem Charakter nach der wissenschaftlichen Bio graphie Stadlers zuzurechnen ist, nicht dort befindet, wo man es erwarten würde. Es existiert nämlich, wie schon angedeutet, ein eigener wissenschaftlicher Nachlass von August Stadler in der Zürcher Zentralbibliothek, der vereinzelt auch wissenschaftliche Briefe anderer Personen enthält.44 Man hat offensichtlich diesen Nachlass zusammengestellt, indem man nicht wissenschaftliche Dokumente aus Stadlers persönlichen Papieren aussonderte. Sie verblieben in Familienbesitz und gelangten schließlich ins Stadtarchiv. Die Trennung erfolgte allerdings, wie außer den dort liegenden Briefen auch andere Stücke zeigen, nicht durchgängig genau. So finden sich im Stadtarchiv Vorlesungsmanuskripte, die von der Sache her in die umfang-
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Brief an Helmut Holzhey, Hermann Cohen-Archiv Zürich. Z.B. von Karl Fröbel aus Unterstrass btr. Kants Theorie der Materie, Zentral bibliothek Zürich, Nachlass «August Stadler», Karton 2 (unkatalogisiert).
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reiche Sammlung der Zentralbibliothek gehörten.45 Da uns Cohens Briefe bis zum Oktober 1881 in zwei Mappen vorliegen, könnten ebenso die weiteren Briefe in Mappen vorgelegen haben, bei deren Aussonderung die beiden ersten übersehen wurden. Und so verblieb, dies die plausibelste Vermutung, aus einer gewissen Inkonsequenz im Ordnen des Nachlasses heraus der frühe Teil der Cohen-Briefe in Familienbesitz, während alles Spätere dem wissenschaftlichen Nachlass zugeschlagen bzw. auf Cohens Wunsch an diesen zurückgegeben wurde.
Editorische Gestaltung Die handschriftlichen Briefe wurden, abgesehen von Postkarten und wenigen einseitigen Mitteilungen, meist auf einfachen, in der Mitte gefalteten und dadurch (etwa im Format DIN A5) vierseitigen Briefbögen geschrieben. Sie sind, von dem Antwortbrief des Dümmler-Verlages (Nr. 8) abge sehen, sämtlich von Cohen eigenhändig in kleiner Schrift geschrieben, weit überwiegend mit schwarzer, seit dem 22. Oktober 1880 in blauer Tinte. In der Transkription wurden Zeichensetzung und Abkürzungen beibe halten, Unterstreichungen kursiv wiedergegeben, einzelne Abkürzungen in eckigen Klammern ergänzt. Auf Unklarheiten oder gramma tische Ver sehen wurde in den Anmerkungen hingewiesen. Die aus der Briefausgabe von 1939 entnommenen Briefe (Nr. 59-64) sind der Vorlage folgend abgedruckt. Durch … gekennzeichnete Auslassungen finden sich bereits dort. Ich möchte nicht versäumen, an dieser Stelle Helmut Holzhey, dem Gründer des Hermann Cohen-Archivs für seine Beratung bei der Entzifferung schwer lesbarer Passagen sowie in der Kommentierung herzlich zu danken.
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Stadtarchiv Zürich, Nachlass Familie Stadler, Schachtel 5, 5.4 (ausführlich aus gearbeitete Vorlesungshefte zu Berkeley, Descartes, La Mettrie, Leibniz, Lessing, Locke, Spinoza). – Der Nachlass «August Stadler» in der Zentralbibliothek gibt keinen Hinweis auf den Familiennachlass des Stadtarchivs.
Editorische Zeichen | Seitenwechsel im Original { } Offensichtlich nachträgliche Ergänzung Cohens, meist darüber geschrieben oder durch Korrekturzeichen zugewiesen. [sic] Die voranstehende Schreibweise ist auffällig, aber nicht zweifelhaft. [?] Das voranstehende Wort ist fraglich. [ ?] Die Lesart in Klammer vor dem Fragezeichen ist auch möglich. [–] Das voranstehende Wort war nicht zu entziffern. [ ] Zusatz des Herausgebers ¹ ² ³ Anmerkungen des Herausgebers
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